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Full text of "Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur"

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ZEITSCHRIFT 



FÜR 



DEUTSCHES ALTERTHUM 



UND 



DEUTSCHE LITTERATÜR 



UNTER MITWIRKUNG 



KARL MÜLLEiNHOFF und WILHELM SCHERER 



HERAUSGEGEBEN 



ELIAS STEINMEYER 



ZWANZIGSTER BAND 

DER NEUEN FOLGE ACHTER BAND 

5q 




BERLIN 
WEIDMANNSCHE BÜCHHANDLUNG 

1876 



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.3003 

Z 






20 



INHALT. 



Seite 

Ein spiel von David und Goliatli aus Ditmarsclien, von Müllenhoff . 1 

Sciiwerttanzspiel aus Lübek nebst andern nachtragen über den schwert- 
tanz, von demselben 10 

Segen und gebete, von demselben 20 

Donau. Dunavü. Dunaj, von demselben 26 

Englisches aus Prudentiushandschriften, von Zupitza 36 

Die Carmina Burana und die anfange des deutschen minnesangs, von 

Martin 46 

Über die musikalische bildung der meistersinger, von Jacobsthal . . 69 
Zum Mönch von Heilsbronn, die Münchner hs. der Sechs namen des 

fronleichnam, von Wagner 92 

Glossen zu Walahfrids gedichten, von Dümmler 114 

Altdeutsche namen, von demselben 115 

Notiz, von Schönbach 117 

Harlekins hochzeit und Goethes Hanswursts hochzeit, von Köhler . . 119 

Zum Marner, von Strauch 127 

Zum Melker Marieniiede, von Steinmeyer 127 

Zu Anzeiger 1, 139. 140, von Henning 128 

Berichtigungen, von Crecelius 128 

Nachtrag zu s. 65, von Martin 128 

Über einige breviarien von Sanct Lambiecht, von Schönbach ... 129 
Litteratur des zwölften Jahrhunderts. 1. Hohenburger Hoheslied, A'on 

Scherer 198 

Allerlei polemik. iv Die nhd. und ahd. tenuis-media, von demselben 205 

Zur tierfabel, von Dümmler 213 

Zum Parzival, von Sievers 215 

Predigtbruchstücke ii, von Schönbach 217 

Einige Sprüche Reinmars von Zweter und das Tragemundslied, von 

Wilmanns 250 

Die Millstätter sündenklage, von Rödiger 255 



IMIALT 

Seite 

Über Johann Georg Jacobi, von Martin und Scherer 324 

Lilteratur des zwölften jhs., von Sclierer 341 

2. Geistlicher rat 341 

3. Trost in Verzweiflung 346 

Wieland und iMeyer von Knonau, von Meyer von Knonau und Scherer 355 

Zu Schillers Fiesko, von Franck 366 

Die briefbücher Susos, von Preger 373 

Zwei fragmente aus der Weltchronik des Rudolf von Ems, von Werner 416 



EIN SPIEL VON DAVID UND GOLIATH 
AUS DITMARSCHEN. 

Die mitteihmg dieses Spiels verdanke ich meinem alten lehrer 
und freunde dr Heinrich Kolster, bisher gymnasialdirector in Mel- 
dorf, es gelang ihm im vergangenen winter dort einige alte knaben 
ansfündig zu machen, die es in früheren jähren aufgeführt hatten, 
und ans ihrem munde es aufzuzeichnen, er erwürkte ihnen zum 
danke sogar die erlaubnis das spiel noch einmal am Silvesterabend 
1874 öffentlich zu iciederholen, was bei den heutigen, ohne zwei fei 
liberalen oder doch vollkommeneren staatlichen einrichtungen natürlich 
seine Schwierigkeit hatte, die aufführung fand zweimal an dem- 
selben tage unter grofsem Zulauf statt. Saul und sein diener, 
schreibt mir Kolster, hatten sich in preufsische uniformen gesteckt; 
nur eine kröne von goldpapier hatte jener für sich ausbedungen. 
David erschien in einem weifsen schäferkleide , einem hemde, ein 
käppchen mit einem D auf dem köpfe, einen schäferstab in der 
hand und an der brüst etwas, wa$ eine Schleuder bedeuten sollte, 
eine ledertasche an der seite. Goliath aber trug eine riesige mutze 
mit einem G, einen furchtbaren Schnurrbart und hatte seinen rock 
durch aufgenähte feile zu einer art panzer umgestaltet; in der 
hand trug er eine art helleharte, am arm einen schild mit einem 
G. alle diese stücke werden jetzt im ditmarscher museum in Mel- 
dorf aufbewahrt, den arg zerrütteten text versuchte Kolster den 
leuten vor der aufführung in eine etwas bessere Verfassung zu 
bringen, ohne erfolg: sie spielten ihn am ende herunter so une er 
sich einmal in ihrem gedächtnisse festgesetzt hatte, und so ist er 
selbstverständlich auch hier abgedruckt, auf grund der ernsten auf- 
zeichnung und ersten reinsclmft von Kolsters hand. — der zustand 
Z. F. D. A. neue fol^e VIII. 1 



2 EIN SPIEL VON DAVID UND GOLIATH 

der Überlieferung ist von der arl dass kaum eine oder die andere 
Vermutung seihst von den unter dem text angegebenen darauf an- 
spruch machen kann das ursprüngliche wieder herzustellen. 

Auch in meiner kindheit, vor fünfzig oder mehr jähren habe 
ich das spiel in Marne aufführen sehen, um Weihnachten und 
neujahr, nur viel weniger regelmdfsig als die sterndreher und 
heiligen drei könige, erschienen leute, die von hof zu hof, von haus 
zu haus ziehend und mit einander zugleich — wie auch noch in 
Meldorf — eintretend es zur aufführung brachten, auf den bauerhöfen 
auf der 'grofsen diele', der dreschtenne des hauses, in den bürger- 
häusern auf den hausfluren, also ganz wie hei den fastnacht- 
spielen, denen das spiel sich auch sonst vergleicht, unvergessen ist 
mir noch das entsetzen, das uns befiel, als Goliath, von David be- 
rührt, der länge nach auf die harten ßiesen unsers Vorplatzes 
hinschlug, ich würde daher, ivenn mir später in der litteratur ein 
ähnliches spiel begegnet wäre, dasselbe nicht übersehen haben, das 
ditmarsche spiel scheint einzig dazustehen, herr dr Reinhold 
Kuhler, von mir befragt, macht mich auf ein Sarnthaler passions- 
spiel aufmerksam, dessen viertes Vorspiel allerdings Goliaths und 
Davids Zweikampf behandelt, das aber im übrigen nach den mit- 
teilungen darüber in Reinsberg-Düringsfelds Culturhistorischen 
Studien aus Meran (Leipzig 1874) s. 67/" nichts mit dem dit- 
marschen gemein hat. ebenso wetiig kommt das rohe, ja gemeine 
märkische lied von Goliath und David in Büschings und von der 
Hagens Sammlung deutscher Volkslieder nr 27 (bei Erk und Inner 
1,2 nr 37, auch in Firmenichs Völkerstimmen 1, 123) loeiter in 
hetracht. 

Einer mündlichen nachricht zu folge hat sich herausgestellt dass 
unser stück im erstell oder zweiten zehnt dieses Jahrhunderts in 
Brunsbüttel, dem südlichsten ditmarschen kirchort an der Elbe, 
von leuten vom SMichaelisdonn aus dem kirchspiel Marne gespielt 
wurde, mit denen die Meldorfer spieler verwandtschaftlich nahe zu- 
sammenhangen, es scheint also durch familientradition sich von 
früher her erhalten zu haben, dass es jedoch einmal noch viel 
mehr plattdeutsch enthalten habe, glaube ich nicht, die reime dich: 
sieg 80, geschehu : stelm 82, streit : bereit 98, sagen : jagen 
100, schlagen : haben 108, allein : sei 129, gespielt : gezielt 135. 
143, seit : scheid 139. 147, Phihster : verwüstet 155 sprechen jedes- 
falls nicht für eine ursprünglich überwiegend plattdeutsche abfassung. 



AUS DITMARSCHExN 3 

es ka7in darum immer in Ditmarschen entstanden sein, auf grnnd 
der Lutherschen bibelühersetz-uny, die es offenbar zur Voraussetzung 
hat, etwa im siebzehnten Jahrhundert, ehe noch der alexandriner 
allgemein herschend geworden war, nach dem vorbilde älterer fast- 
nachts- oder anderer festspiele. welchem, geistlichen Hede die Strophe 
155 — 162 (und zeile 177?) entnommen oder nachgebildet sind, 
habe ich nicht gleich ermitteln können. 

Nach dem Brunsbütteler berichterstatter erschienen zu seiner 
zeit die spieler in der damals üblichen landestracht : blatte jacke, 
kurze hosen, blaue strumpfe und schuhe, auf dem köpf ein runder 
hut. nur Goliath trug einen braunroten rock, eine hohe kegel- 
förmige m,ütze, einen langen speer in der hand, ein hölzernes 
Schwert an der seile, und der könig Saul auf seinem hüte eine 
kröne von buchsbaum, vielleicht mit etwas gold verziert. Davids 
Schleuder bestand aus einem an einem bände hängenden ball. 

Sauls diener. 

Hoch geehrte und grolsgeneigte, ihr herreii Zuschauer und 
hochbegabte zuschauerinaen, allezeit günner! 

Wenn ich mich umsehe, denn bestürze ich mich selb, 
denn mein sinn will verrücken und meine zunge will verlähmen, 
also dass ich keine geschickliche worte kann reden und führen. 5 
also möcht ich wünschen dass mir der gnädige himmel wohl 
feine und liebliche worte möge eingiefsen und mich an gescbick- 
keit begleiten in die Wahrheit und bei abend in die klarheit 
Piiato. 

Alles dieses ist weiter von mir entfernt als der himmel von lo 
der erden, also will ich mich umwenden zum ersten buch 
Samuelis 17, 3: 'Und die Philister stehen auf einem berge jen- 
seits und die Israeliten auf einem berge diesseits, und da ist ein 
tal zwischen ihnen, da trat hervor aus dem lager ein Philister, 
ein riese mit namen Goliath von Gath, sechs eilen und eine hand 15 
breit hoch, und hatte einen ehernen heim auf und hatte einen 
schuppichten panzer; und das gewicht seines panzers war 500 
seckel eisen, und trägt sein schild sein Schildträger in frieden. 

12 Z,;////e;' .• stunden 13 disseits dass ein thal — war 14 den 

lagern der Philister 15 und einer 16 auf seinem haupt und einen 

seh. panzer an 17. 18 fünf tausend sekel erzes, und und das 

eisen seines spiefses hatte sechs hundert sekel eisens, und sein Schildträger 
gieng vor ihm her 

1* 



4 EIN SPIEL VON DAVID UND GOLIATH 

und stand und rief und sprach zu dem zeuge Israel: 'was seid 
20 ihr ausgezogen euch zu rüsten in einen streit? hin ich nicht 
ein Piiilister, und ihr Sauls knechte? erwälilet einen unter euch, 
dass er zu mir herab komme.' 

Seht an, der riese kommt, seht anl 
seht an sein spiefs, seht au sein stangl 
25 seht wie er trotzt und pochen kann! 

vor ihm sich scheuet ross und mann. 

Saui. 
weh, weh uns armen leutenl 
es wird nun nimmer nichts guts bedeuten, 
wenn der riese Gohath kommt, 
30 jagt er uns von weih und kind. 

Sauls diener. 
Mein allergnädigster könig und herr! wenn Sie liefsen ein 
gebot ausbreiten unter allem volke, ob da nicht ein mann 
vorhanden sei , welcher sich untersteht mit dem riesen Go- 
liath in den streit zu gehen? welcher ihm das leben nimmt 
35 und sein haupt zum zeugnis der Wahrheit vor Sie, den konig 
bringt? 

Saul. 
du getreuer diener mein, 
geh hin in das lager hinein: 
tu meine worte ausbreiten 
40 unter allem volke, 

ob da nicht ein mann vorhanden sei, welcher sich untersteht 
mit dem riesen zum streite zu gehen. der ihm das leben 
nimmt, sein haupt zum zeugnis der Wahrheit vor mich den 

könig bringt, der soll meine tochter Eda haben, 
45 dazu das halbe königreich; 

er soll herr im lande werden, 
seines gleichen soll nicht gefunden werden. 
Sauls diener. 
Mein allergnädigster könig und herr liefs ein gebot ausgehen 
unter allem volke, ob da nicht ein mann vorhanden sei, der 

19 und er stund und rief z. d. z. Israels und sprach zu ihnen: 
21.22 euch, der zu 29 kümt? gewinnt? 32 allen leuten? 44—47 
aao. V. 25 wer ihn schlägt, den will der könig sehr reich machen und 
ihm seine tochter geben und will seines vaters haus frei machen in Israel 



AUS DITMARSCHEN 5 

sich untersteht mit dem rissen Gohath in streit zu gehen, 5& 

der ihm sein leben nimmt, sein haupt zum zeugnis der 
Wahrheit vor ihn den könig bringt. 

David. 
Geh hin und sag deinem könig an, 
du habest gefunden einen mann, 

welcher sich untersteht 55 

mit dem riesen G. in den streit zu gehen, 
welcher ihm sein leben nimmt, 

sein haupt zum zeugnis der Wahrheit vor ihn den konig 

bringt. 
Sauls dienen 
Mein allergnädigster könig und herr, 
da ist ein Jüngling vorhanden, 60 

welcher ist mit uamen David genannt, 
der sich untersteht 

mit dem riesen G. in streit zu gehen, 
der ihm sein leben nimmt, 

sein haupt zum zeugnis der Wahrheit vor Sie, den könig 65 

bringt. 
Saul. 
Denn lass ihn zu mir kommen, 
dass ich die worte selbst mit ihm überlege. 

Sauls diener. 
David, David, du sollst kommen zu meinem herrn. 

David. 
Das werd ich ja sehr bald und gern. — 
Mein allergnädigster könig und herr! 70 

Saul. 
David, David, unterstehe dich nicht 
mit dem riesen G. in streit zu gehen ! 
geh viel lieber hin 
und hüte deines vaters schafe. 



55 will unterstehn ? aao. v. 32 David sprach zu Saul ' — dein knecht 
soll hingehen und mit dem Philister streiten' 71. 72 aao. v. 33 Saul 

aber sprach zu David 'Du kannst nicht hingehen wider diesen Philister, 
mit ihm zu streiten; denn du bist ein knabe, dieser aber ist ein kriegs- 
«nann von Jugend auf 73. 74 s. zu 89 — 91 



6 EIN SPIEL VON DAVID UND GOLIATH 

David. 
75 Mein allergnädigsler konig und lierr, 

als ich einstmals die schafe tat hüten, 
wollte mich ein grimmiger här töten, 
ein löwe, der mir ein schaf wegnahm, 
welches ich ihm bald wieder nahm. 
Saul. 
80 David, David, nimm hin das scliwert und gürte dich, 

nimm hin den spiefs und kämpf und sieg. 

David. 
Auf solche weise kann es nicht geschehn, 
spiefs und degen will ich hie gern lassen stehn. 
mein stab und Schleuder ist mir viel besser bekannt. 
85 denn ich habe noch fünf steine in meiner tasche, 

die ich am bach Kidron auf gehoben hal)e, 
da gedacht ich den riesen mit zu erlegen 
und sein haupt zum zeugnis der Wahrheit vor Sie, den 

könig zu bringen. 
Goliaths Schildträger. 
David, David, wo kommst du her? 
90 ^vas machst du hier für ein gefähr? 

sag an, was hast du hier verloren? 

75 — 79 aao. v. 34. 35 David aber sprach zu Saul 'Dein kneclit hütete 
der schafe seines vaters, und es kam ein löwe und ein bär und trug ein 
schaf weg von der herde. und ich lief ihm nach und schlug ihn und er- 
rettets aus seinem maul, und da er sich über mich machte, ergriff ich ihn 
bei seinem hart und schlug ihn und tötete ihn 80 — 87 aao. v. 38 — 40 

und Saul sprach zu David 'Gehe hin, der herr sei mit dir!' und Saul zog 
David seine kleider an und satzte ihm einen ehernen heim auf sein haupt 
und legte ihm einen panzer an. und David gürtete sein schwert über seine 
kleider und fieng an zu gehen, denn er hatte es nie versucht, da sprach 
David zu Saul 'Ich kann nicht also gehen, denn ich bins nicht geMohnt', 
und legts von sich, und nahm seinen stab in seine band und erwählete fünf 
glatte steine aus dem bach und that sie in die hirtentasche, die er hatte, 
und in den sack, und nahm die Schleuder in seine band und machte sich 
zu dem Philister 85 meiner band? 86 hab aufgelesen? tat auf- 

heben? 89 — 91. aao. v. 28 und Eliab, sein gröster bruder hörete ihn 

reden mit den männern, und ergrimmete mit zorn wider David und sprach 
'Warum bist du herab kommen? und Marum hast du die wenige schafe 
dort in der wüste verlassen? ich kenne deine vermessenheit wohl und deines 
herzens bosheit, denn du bist herab kommen dass du den streit sehest' 



AUS DITMARSCIIEN 7 

David. 
Das wirst du schon erfahren. 

beide fechten mit einander. 

Goliath 
tritt aus dem hintergrunde hervor mit vorgehaltener hellebarde zwischen 

die fechtenden. 
Friede, friede sei mit euch! — 
hier komm ich als ein kriegesheld, 

das muss gestehn die ganze weit: 95 

könnt ihr mir einen mann erwählen 
der mir nehmen wird mein leben, 
so wollen wir in diesen streit; 
dazu macht euch bald bereit. 

Hallo, hallo, was hör ich hier sagen? 100 

will mich der kleine David verjagen? 
ich bin ein Philister grofs und stark, 
aufgezogen in streit: 
, ist da ein mann, 

der einen gang mit mir gehen kann? 105 

kann er mich überwinden und schlagen, 

so muss ich es leiden; 

kann ich ihn überwinden und schlagen, 

so sollt ihr alle das leben haben 

und alle meine knechte sein. HO 

David. 
Ja, das ist wahr, 

du kommst zu mir mit schild und spar: 
ich komme zu dir im namen gottes des herrn 
und merke deine wort und red. 

Goliath. 
Hier, du kleiner schäferjung, 115 



101 aao. V. 42. 43 da nun der Philister sähe und schauete David an, 
verachtete er ihn. — und der Philister sprach zu David 'Bin ich denn ein 
hund, dass du mit stecken zu mir kommst?' 102 und breit? 

103 in krieg und? vgl. Sauls worte zu 71. 72 104 ist das (David)? 

107 und tragen? 109 alle verloren haben? aao. v. 9 vermag er 

wider mich zu streiten und schlägt mich, so wollen wir eure knechte sein; 
vermag ich aber wider ihn und schlage ihn, so sollt ihr unsre knechte sein, 
dass ihr uns dienet 112. 113 aao. v. 45 114 meine wort? 



8 EIN SPIEL VON DAVID UND GOLIATH 

ich will dir gleich zu dieser stund 

dir den köpf abnehmen. 

David. 

Du meenst, ik bün jo gar to kleen, 

dat ik di nich dörf ansehn, 
120 du groter riese! 

Goliath. 

Hallo, hallo, was hör ich hier 

für eine schimpfliche rede von mir? 

junger lecker von einem schäferjung, 

welcher sich unterstund 
125 mit solchem kriegeshekl, 

wie ich bin, in streit zu gehn! 

ich will dir nehmen dein junges leben, 

dein fleisch den tieren und den vögeln (auf dem felde) 
unter dem himmel zu fressen geben. 

dann sollst du erkennen allein 
130 dass ich allein dein herr sei. * 

David. 

Töv, töv, ick will bald di 

enen slapdrunk bringen bi 

haben dine näse! — 

Sauls diener. 

Mein allergnädigster könig und herr! 
135 nun hat das glück so gespielt 

dass der kleine David hat gezielt. 

er schlug ihn wohl vor seine stirn, 

er fiel plötzlich zu der erden. 

er lief geschwind nach seiner seit, 

117 'und nehme dein haupt von dir und gebe den leichnam des heers 
der Philister heute den vögeln unter dem himmel und dem wild auf erden' 
sind aae. v. 46 worte des David \1\ f vgl. \00 f mit anm. 126 

zu streiten im feld? 128 aao. v. 44 und sprach zu David 'Komm her 

zu mir, ich will dein fleisch geben den vögeln unter dem himmel und den 
tieren auf dem felde' 131 'wart, wart' 136. 144 gut gezielt? 

137 steern : eern. — aao. v. 49 schleuderte und traf den Philister an seine 
Stirn, dass der stein in seine stirn fuhr, und er zur erde fiel auf sein an- 
gesicht 139 — 141 aao. v. 50 und da David kein schwert in seiner band 

hatte, lief er und trat zu dem Philister und nahm sein schwert, und zogs 
aus der scheide und tötete ihn und hieb ihm den köpf damit ab 



AUS DITMARSCHEN 9 

zog sein schwert wohl aus der scheid, 140 

hieb ihm sein haupt wohl damit ab. 
David 
mit Goliaths mutze auf dem schwert. 
Mein allergnädigster könig und herrl 
nun hat das glück so gespielt 
dass ich hab gezielt. 

ich schlug ihn wohl vor die stirn, 145 

er fiel plötzlich zur erden, 
ich lief geschwind nach seiner seit, 
zog ihm das schwert wohl aus der scheid, 
hieb ihm damit das haupt ab, 
und bring des ungeheuren riesen sein haupt zum zeugnis. i50 

Saul. 
Nun sollst du meine tochter Eda haben, 
dazu das halbe königreich; 
du sollst herr im lande werden, 
deines gleichen soll nicht gefunden werden. 

Lied. 
Hie lieget der Philister, 155 

den David hat erlegt, 
ihm sein reich so verwüstet, 
es gänzlich ausgefegt, 
er schwimmt in seinem blute, 

der riese Goliath, 160 

und uns ist wohl zu mute 
weil er verspielet hat. 

Seht da liggt de grote ris 

mit sin lange dicke näs 

up de platte eer ! 165 

150 aao. v. 54 David aber nahm des Philisters haupt und brachts gen 
Jerusalem, seine waffen aber legte er in seine hütte. - v. 57 da nuri 
David wieder kam von der Schlacht des Philisters, nahm ihn Abner und 
brachte ihn vor Saul, und er hatte des Philisters haupt in semer band 
151/" s. zu 43—47 155— 1S4 'das lied wurde von alleri Spielern 

gesungen, nach einer so naturalistischen melodie, dass unser musiklehrer 
nicht wagte sie in noten zu setzen: Kolster. in Brunsbüttel sangen es 
nur Saul und seine leule 163 rese : nese 165 erde 



10 EIN SPIEL VON DAVID UND GOLIATH 

ho hclt sin spiefs wol in «Ic fust, 
dal nnan sik vervvunnern niuss 
üvcr sine gröte. 
dick un vull! dat lell so dull, 
170 as de ris, de grote knuU, 

sik so sehr berömt. 

IIo poch un prahl nu iinimer fort, 
ch he keeni an diissen ort, 
wer will sik mit mi fechten? 
175 Saul de weer in grote not, 

he meen, he slog se alle dot; 
es war kein rat auf erden. 

Do keem en lütten scheperjung 
lo em her in vullen sprung, 
180 David wer sin nam : 

'töv, töv, töv, ik will di 
eoen slapdrunk bringen bi, 
haben dine nese!' 

Finis. 

170 as = ./e mehr? 171 berömde 180 wer he heten? 

8. 1. 76. K. M. 



SCHWERTTANZSPIEL AUS LÜBEK 

NEBST ANDERN NACHTRÄGEN ÜBER DEN SCHWERTTANZ. 

Kaiser Karl. 
De Romesche keiser bim ik genant: 
min is dat ganfse düdesche land; 
un wol dat fechten wil proberen, 
den wil ik lik mi sülven eren. — 

Kläs Rugebarl, 

wol up de farti 

3 wol toelc/ter, wer 



SCHWERTTANZSPIEL AUS LÜBEK 11 

Klas R. 
Erst miitt ik supen, 6rst rnütt ik freien: 
süst ward mi alle ding vergeten. 
dal is den deuster sin b«?defartl 
mi schürt de rügg, mi friist de hart. 10 

Kaiser Karl. 
Lät mal den künig Josua kam'. 

Klas. 
Wol sal dat sin? wo is sin nam'? 

Kaiser Karl. 
Olle Slüküt, olle Fretup, rür de b6n! 
ik wil den kOnig Josua s6n. 

Klas. 
Wokön, wokßn ? noch en sluck un en Stuten I 15 

her könig Josua, is he dar buten? 

Josua. 
Coden dag, her keiser! wat wil he mi? 

Kaiser Karl. 
Schön dank! du säst mal fechten mit mi. 

Josua. 
Got let vor mi de sünne stän, 

dre un dortig forsten ik overwann. 20 

nu is van fechten de band mi lam': 
Klas, lat den könig Hector kam'. 

Klas, 
Wokßn, wokcn? noch en sluck un en stutenl 
her könig Heckdör, is he dar buten? 

Hector. 
Go'n dag, her keiser! wat sal't mit mi? 25 

Kaiser Karl. 
Schön dank! ik much mal fechten mit di. 



9 deuster euphemistisch für teufel, vgl. Gloss. zum Quickborn unter 
Deusen, Bi'em. wb. 1, 276 Duus; in Holstein auch Denker, Deut- 
scher 10 schürt schauert, schaudert, Br. tvb. 4, 719 12 wo 
7oie 13 slüken schlucken, ndd. ein starkes verbum, vgl. unten v. 58, 
5/'. ■«>&. 4, 844 /■ 15 Avoken = welk en, welcher, quis. stuten weifsbi-ot, 
Gl. zum Quickb.udw. 20 7o5?/a 12, 9— 24 ^das sind ein und dreifsig 
könige' 



12 SCHWERTTANZSPIEL AUS LÜBEK 

Hector. 
Ik hebbe fochten al mennigen strid: 
Achilles slög mi, un dat Avas nid. 
nu mag ik nilmmermt r striden un lopen. 
30 Kläs kan den konig David ropcn. 

Klas. 
Woken, wok<^n? noch en sluck un en Stuten! 
her könig David, is he dar buten? 

David. 
Coden dag, her keiserl wat sal ik hi? 

Kaiser Karl. 
Schön dank! kum her im fecht mit mi. 
David. 
35 Ik slög den risen Goliath d6t: 

du avers büst mi vel to gröt. 
olle Fretup, olle SlükiU, ga vor de dör, 
un röp mal künig Alexander her! 

Klas. 
Wat is't vor en? — noch en sluck un en stuten! 
40 her könig Lexanner, is he dar buten? 

Alexander. 
Go'n dag, wat het he mi to seggen? 

Kaiser Karl. 
Schön dank ! ik niuch mal mit di fechten. 

Alexander. 
De ganfse werlt al ümme lang 
mit minen fsepler ik bedwang: 
45 nu is de frede min beger. 

olle Süpüt, hal' den könig Judas her! 

Klas. 
Man noch en sluck un en stuten ! 
her könig Judas, is he dar buten ? 

Judas Maccabaeus. 
Go'n dag, her keiser! wat wil he mi? 
Kaiser Karl. 
50 Schön dank! null fechten säst du hi. 

47 man nur, Gl. z, Quickb. udw. 



SCHWERTTANZSPIEL AUS LÜBEK 13 

Judas M. 
Ik was to stride gans unvorfsagt: 
mi hei noch nüms ütn feld vorjagt. 
min sw6rt tobrak de keiser van Rom: 
wil he nu fechten, so mag he't dön. 

Kaiser Karl. 
Olle Fretup, olle Sliikütl nu is't nög. 55 

haV mal den Sterkader rin, du drög! 

Klas. 
Wo h6t de kerl? dat is as'n knakenl 
hev ik mi bina den hals verslaken! 
Sterkader kümt: se fechten mit em, endlich kümt he in de mirr to stän, 
un all' steken up em in. 

Sterkader. 
Hellige W^ode, nu len mi din perdi 
lät mi hen riden! ik bün't wol v^^erd. 60 

he verswimelt. 

Klas. 
Het em de düvel halt? ül is dat spil: 
nu lät uns danfsen, wat't tilg hellen wil. 

52 nüms kein mensch, Jiiemand 56 diog schalk, Br, wb. 1, 254 
58 verslaken starkes parUcip von verslüken verschlucken, Brem. wb. 4, 845 
60'' verswimelt si?iki ohrimachtig hin, oder = verschtvindet? verduftet? 

Der verstorbene professor Ernst Deecke in Lübek, der summier 
der Lübischen geschickten und sagen (Lübek 1852), hat einmal zum 
*8 juni 1858' für freunde 'Hundert lübsche volksreime' auf einem 
kleinen octavbogeti zusammen drucken lassen und darunter auf 
s. 4 — 6 das vorstehende, merkwürdige spiel, dasselbe ist dann 
zwar von hm Heinrich Handelmann in dem büchlein 'Weihnachten 
in Schleswig-Holstein, Kiel 1866' s. 30 — 34 wiederholt, mit ände- 
rung der Orthographie, des dialects und sogar des merkwürdigsten, 
darin vorkommenden namens, aber schwerlich damit den Lesern dieser 
Zeitschrift gleich zur hand. ich wiederhole es hier nach Deeckes 
druck, den ich durch die gute des hm professors Wilhelm Mantels 
in Lübek als ein andenken an einen werten alten freund, den maier 
CJ Milde, seit kurzem besitze, nur mit einiger eimchränkung der 
Idngenzeichen und in einigen fällen veränderter lautbezeicJmung, 
um folgende bemerkunge7i daran zu knüpfen. 



14 SCIIVVEKTTANZSIMEL AUS LÜBEK 

Über die herkunft des Stückes hat Deecke leider keinerlei an- 
deutung gegeben, er soll es nach einer unverbürgten nachricht mis 
einer Imndiverkerlade genommen haben. ' hr dr Wehrmann, dem so 
ziemlich alles loas sich auf die lübischen zi'mfte bezieht durch die 
hände gegangen ist, hat nichts dergleichen gefunden, ihm und 
Mantels, den gründlichsten kennern lübischer Vergangenheit, ist über- 
haupt nichts ähnliches bekannt geworden, 'nichts was auch nur im 
fernesten anklänge' , wie mir Mantels schreibt, bis jetzt hat man 
auch in Lübek noch keine spur vom schwerttanz entdeckt, der doch 
zu ende des ma. und später in fast allen gewerhtätigen gröfsern 
Städten Süd- und Norddeutschlands, wie es scheint, verbreitet war. 
ich möchte glauben dass bei fortgesetzter aufmerksamkeit auch dort 
noch einmal eine notiz darüber ans licht kommt, und genauere um- 
frage bei alten leuten könnte vielleicht selbst noch auf die quelle 
führen aus der Deecke schöpfte, oder doch darüber auskunft ver- 
schaffen ob das spiel nicht ehedem dort um Weihnachten von um- 
herziehenden aufgeführt tonrde. eine alte schriftliche auf Zeichnung 
hat Deecke gewis nicht vor sich gehabt, in diesem falle könnte er 
freilich seine Orthographie und auffassnng der mundart ebenso gut 
auf das spiel wie auf die übrigen 99 volksreime übertragen haben ; 
er könnte sich auch einem verwilderten texte gegenüber um des 
lieben reimes und verses willen änderungen erlaubt haben, wie er 
es ohne zwei fei getan hat: v. 8 süst ward mi alle ding ver- 
geten, 17. 49 wat wil he mi? 25 wat sal't mit mi? 33 wat 
sal ik hi (: mi)? 50 mal fechten säst du (statt du säst mal fechten) 
hi (: mi) sind zum teil sogar undeutsche, zum teil wenigstens der 
mundart fremde ausdrucksweisen und worte, auf die nur ein klü- 
gelnder 'kritiker' des neunzehnten Jahrhunderts verfallen konnte, 
ihm oder seinem zeitgenössischen gewährsmanne gehört auch ein 
wort wie endlich (zu 58) st. toletz, upletz odgl. und niemals 
loürde er in einer altern auf Zeichnung, wäre sie auch nur aus dem 
vorigen jahrhtindert, die spielanweisung he verswimelt zu v. 60, 
noch auch die zu 58 gefunden haben, dass er aus mündlicher 
tradition schöpfte, lässt wol am wenigsten hier das praeteritum 
un all' steken up em in zweifelhaft, das verrät wie der 
gewährsmann dem Sammler von dem spiel nur als von einem 
früheren vorgange und einer fast schon vergessenen sache berichtete. 

' durch herrn dr JFDeecke in Strafsbvrg erfahre ich nachträglich 
(4. 4. 76) dass sein seliger vater es bei den bäckern in Liibek gefunden halle. 



SCHWERTTANZSPIEL AUS LIBEK 15 

Beide, herausgeher und geicährsmann haben kerne Vorstellung 
mehr von dem eigentlichen zweck und der wahren bedeutung des 
Spiels, diese war schon gänzlich verkümmert in der aufßhrung, 
die der berichterstatter entweder mehr als einmal mit angesehen 
oder selbst mitgemacht haben muss. aber ein blick in meine ab- 
handlung über den schwerttanz in den Festgaben für Gustav Homeyer 
s. 141 /f lehrt in dem dort aus Pröhles Volksliedern und volks- 
schauspielen ausgezogenen Clausthaler 'schwert fechterspiel' ein völliges 
Seitenstück kennen , dem sich weiter die shetländische (s. 1 32 ff) 
und die englische (s. 138 /f) aufführung des schwerttanzes ver- 
gleicht, das Verhältnis des Harzer und des Lübeker spiels ist von 
der art dass man das erste fast nur für eine Variation und ent- 
stellung des andern halten kann, der charakter und die rolle des 
Hans dort ist von an fang an, von der klage über den gefrorenen 
bart bis zuletzt punkt für pnnkt dieselbe wie hier die des Klas 
Rugebart, der natürlich kein anderer ist als der in der Weihnachts- 
zeit als SNicolaus (Mijth. 472. 482), in Holstein als rüge Kläs, 
Pulterkläs auftretende knecht Ruppert. den fünf königen von 
Engeland, Sachsen, Polen, Dänemark und Morenland, die dort ihre 
benennungen und reden zum teil einem dreikönigsspiele entlehnen, 
stehen hier sechs von den bekannten neuf Preiix gegenüber, wie 
herr Beinhold Köhler bemerkt, dessen freundlichem entgegenkommen 
ich überhaupt den ersten hinweis auf das Lübeker spiel und seine 
Übereinstimmung mit dem Harzer verdanke, die stelle des lieder- 
lichen cassierers Schnortison im Harzer spiel, dann der oder des 
Bessy im yorkshirischen , des narren im ulmischen schwerttanz 
(s. 143 f) oder des Mamurius im altrömischen märzspiel — während 
der tänzer in der spanischen degolhda (zs. 18, 11) sich mehr dem 
knaben im yorkshirischen riesentanz (Festg. s. 144) vergleicht — , 
nimmt endlich der repraesentant des altnordischen oder specieller 
des dänischen helden- und heidentums Sterkader ein, den der nicht 
ungelehrte, wie man v. 59. 60 sieht, selbst mit dem nordischen, 
wie mit dem deutschen Volksglauben (Myth. 132. 141 f) vertraute 
Verfasser ^ gewis rtns Saxo Grammaticus kennen gelernt hatte. 

^ seifie Vertrautheit geht soweit dass gegen die volle echtheit der 
verse 59. 60 ein zwei fei rege werden kann, im Harzer spiel bei Pröhle 
s. 251 fragt Schnortison , als die könige ih7H die gekreuzten Schwerter 
vorhalten, 'Drauf schreiten oder drauf reiten?' die gefragten antworten 
'•Draxif schreiten;^ dann spricht Schnortison 'Ich komme hier drauf- 



16 seil WERTTANZSPIEL AUS LIBEK 

Albert Kranz schreibt Starcuterus in der Dania und auch wol 
sonst, wo er den Saxo auszieht, Saxo selbst Starcallierus; Handel- 
manns Starkoddcr ist eine verbaUhornnng , die die herkunft des 
namens verdunkelt und jedesfalls irreleitet, den nordischen helden 
aber dem kaiser Karl, dem die gewaltigsten der erde sich beugen, 
entgegen zu stellen und Um zum ziele ihrer schwertklingen zu 
machen konnte am ersten und fast allein einem Lübeke7\ einem 
a\is der heiligen reichsstadt, im sechszehnten Jahrhundert einfallen i, 
im übrigen Nordeibingen nicht einmal einem Ditmarschen, kaum 
einem Meklenburger oder Pommer, auch wenn er zu den Hansen 
gehörte oder ihrem znge damals folgte, die combination war ganz 
eine iciederholung der alten von Siegfried und Starkad (Nordalbing. 
stud. 1, 200 ff), worauf von dünischer seite in gleiche?' weise das 
lied von Dietrich und Holger Danske (Grundtvig wr 17) antwortet. 



Aufser dem Lübeker spiele sind mir in folge des aufsatzes 
in dieser zs. iS,d ff voti verschiedenen Seiten noch mehrere notizen 
über den schwerttanz zugegangen, ich weifs den freundlichen gebern 
nicht besser zu danken, als indem ich dieselben hier abdrucken lasse. 
1. von herrn dr CHFWalther in Hamburg, dem ich als meinem 
Zuhörer schon das alle zeugnis aus Braunschweig (Festg. s. 1 18) 
und die stelle aus dem Don Quijote (s. 145) verdanke: 'Bei 
Kilianus Dufflaeus finde ich 

sweerddaus. Pyrrhice: armata saltalio, qua pugoae 

simulacriim imitantur iuvenes summa agilitale: Chorea 

gladialioria : chorea inier et super gladios strictos. 

sweerd-dansser. Pyrrhicarius, pyrrbicista: saltator 

gladio et armis munitus: ludius, ludio. 

danach möchte ich glauben dass er noch niederländische schwert- 

tänze gekannt hat, zumal da mir mein freund herr dr KKoppmann 

aus J Nanninga Uitterdijk, De kameraars- en rentmeesters- rekeningen 

der stad Kampen van 1515—1540. Kampen 1875 s. 10 folgende 

stelle vom j. 1516 nachweist: 

geschritten: hält ieh ein pferd. so kam ich drauf geritten. weil 

ich nicht kann reiten, so miiss ich nnn drauf schreiten.' setzt dies 

etwas ähnliches voraus wie die vv. 59. 60? oder umgekehrt diese eiivas 
ähnliches wie die worte Schnortisons? 

* dass die Lübeker an der schlacht bei Ilemmingstedt sich in fast- 
nachtspielen ergetzten, zur tinsäglichen kränku?ig des königs von Däne- 
mark, erzählt Dahlmann, Gesch. von Dännemark 3, 300. 



SCHWERTTANZSPIEL AUS LÜBEK 17 

item den sweertdanser s van den smeden geschenct 
1 heren €i^ den Coniuck van Sanct Nicolaes kerck 
1 heren //, Theophilus volck 4 st.' 
auch in Braunschweig (Festg. s. 118), Nürnberg (s. 119), Hildes- 
heim (zs. 18 s. 10) und nach dem folgenden Zeugnis in Köln 
führten schmiede den tanz aus. ^ 

2. voti Herrn gymnasiallehrer dr Joseph Kampen in Köln: 
'in den Annalen des historischen Vereins für den Niederrhein xxi. 
XXII s. 114 ist aus einem hiesigen zunftbuche folgende notiz vom 
j. 1590 abgedruckt: 

vsgaiff des jairsz 90, vve her naicher zu vinden. 

De gesellen vam schmidtampt haben angevangen den schwer- 
derdantz, we vur 19 jairen bruichlich war. allhe up dem 
gaffelhuse gedantzt vnd den gesellen mit gelde geschenck gedain 
13 mark, dem narren 12 alb., an vvin verscheucth 7 mark; 
de sum ist 5 gl. 12 alb.' 

Das älteste Kölner zeugnis ist vom j. 1487 (zs. 18, 9); 
dies jüngere von 1590 aber spricht dafür dass der tanz ähnlich 
wie in Nürnberg (Festg. s. 119j im laufe des Jahrhunderts von 
zeit zu zeit loiederholt war. es ist nächst dem Ulmer (s. 120) 
das Zweitälteste für die teilnähme des narren. 

3. von herrn bibliothekar dr Reinhold Köhler in Weimar: 
'im Zweiten Jahresbericht des k. k. real- und obergymjiasiums in 
Ried am schluss des Schuljahres 1872/73 (verlag des k. k. gym- 
nasiums, druck von JKränzl) ist ein ''Erster beitrag zur künde 
der sagen, mylhen und brauche im Innviertel von Konrad Pasch' 
enthalten und daselbst auf s. 12 folgende nachricht: 

Im november wurden früher, vor ungefähr zehn jähren, noch 
schwerttänze abgehalten und zwar meist zur zeit des pferde- 

' dr fVallher verweist aufserdem auf Delmar 1, 237 Graut., wo- 
nach im j. 1334 vor der schlackt bei Fiborg in Jütland 'en vormeten 
rote Holsten van eren rossen treden. de nenien sik bi den henden unde 
reden (reygeden) tuschen den heren beide; dar na weren se balde up eren 
rossen unvorzaghet.' aber ich vei'mag darin ebenso toenig einen schwert- 
tanz zu erkennen, als i?i der scherzrede des grafen Claus von Holstein 
vor dem treffen bei Tipperslo, Scldesivigholsteiriische sage7i nr 25. es ver- 
dient aber allerdiJigs angemerkt zu xoerden wegen zs. 18, 10 dass Aventin 
in der Chronik s. 45 der Frankfurter ausgäbe von 1622 und der Hesse 
Happel in seinen Relationes curiosae 4*. ISO ebenso wenig vom schwert- 
tanz in Baiern und Hessen wissen, als Neocorus in Ditmarschen. 
Z. F. D. A. neue lolsre VIII. 2 



18 SCHWEHTTANZSPIEL AUS LIBEK 

rennens io Ried, etwa zwölf männer, rot und weifs gekleidet, 
stellten sich mit blanken Schwertern einander gegenillier auf. 
der Schwertkönig, der eine spitze mutze und eine schärpe 
um die mitte trug, wand sich zwischen den männern durch und 
wurde schliefslich von ihnen, indem sie ihre Schwerter um 
seinen hals legten, unter absingung eines kurzen Spruches 
emporgehoben, die schwerltänzer kamen aus der gegend von 
StLambrechten (nördlich von Ried nnd Anrolzmünster). vor etwa 
40 — 50 Jahren soll dieser schwerttanz viel grofsartiger betrieben 
worden sein, damals zogen die tänzer ungefähr zwanzig an 
der zahl von ort zu ort, von hof zu hof, und führten, sich in 
zwei reihen einander gegenüber aufstellend und die blanken 
Schwerter kreuzend, wobei einige über die Schwerter 
tanzten und sprangen, ihren wilden reigen aus, und schliefs- 
lich wurde der schwertkönig in der weise wie eben be- 
schrieben von ihnen emporgehoben, da wurde nun indem 
hause, in dem die schwerttänzer einkehrten, gesotten und ge- 
braten, und es gab einen lustigen abend; gewöhnlich wurde auch 
getanzt, diese schwerttänzer sollen aus Frankenburg (südlich 
von Ried jenseit des Hansrucks im Hausruckkreise) gekommen 
sein, der hiebei gesungenen Sprüche konnte ich nicht habhaft 
werden, doch hoffe ich dass mir dies durch besuch jener gegen- 
den, aus denen die schwerttänzer kamen, noch gelingen wird.' 
Der bericht ist noch mangelhaft und es ist den ferneren nach- 
forschungen der beste erfolg zu wünschen, über die tracht und 
zahl der tänzer s. Festg. s. 126/'. dass sie sich im. an fang der 
aufführung einander gegenüber aufstellten, kommt sonst nirgend 
vor; der könig (mit dem hut und der schärpe als vortänzer) 
in Ditmarschen, Schweden und England (s. 129 vgl. 131 /V, seine 
erhebung auf den zusammengelegten Schwertern in Nürnberg und Ulm 
(s. 120 f), wahrscheinlich ehemals auch in Hessen nach den worten 
des führers 'meine gesellen lassen mich frisch und frölich zu der 
erden springen (s. 126), dann in Ditmarschen (s. 130 vgl. 131) 
und spurweise noch im Harzer spiel (s. 142); aber weil dem Inn- 
vierteler spiel der narr fehlt, so werden die Schwerter um den hals 
des königs zusammengelegt, statt wie in Ulm (und in Yorkshire? 
s. 138) auf der achsel des narren, und es fehlt natürlich auch die 
iöiung desselben (s. vorher s. 16). das kreuzen und springen 
über die Schwerter wird mehrmals erwähnt, in Ditmarschen (s. 130), 



SCHWERTTANZSPIEL AUS LÜBEK 19 

auf (Ich Shetlandsinseln (s. 134', in England (s. 139 /"j. im Inn- 
viertel aber hat sich der schwerttanz jedesfalls wol am längsten in 
Deutschland erhalten, länger oder doch hesser als in Siebenbürgen 
(s. 147). ans dem Innviertel, das bis zum Teschener frieden im 
j. 1779 zu Baiern gehörte, kamen auch im vorigen Jahrhundert 
die Braunauer nach München und führten dort den tanz auf. der 
in den Festg. s. 121 noch gesuchten nachricht darüber bin ich in- 
zwischen durch Simrock Myth." s. 275 § 87 auf die spir gekom- 
men und füge sie hier um so lieber an, weil sie auch noch ein- 
mal die schon von Olaus Magnus (Festg, s. 123) bemerkte, nahe 
vericantschaft des schxcert- und des noch heute in der kinderweit 
bekannten reifentanzes bestätigt. Westenrieder in der 'Beschreibung 
der haupt- und residenzstadt München im gegenwärtigen zustande', 
München 1782, belichtet s. 287: 

Alle drei jähre wird im monal februar der schäflertanz 
erneuert, welcher darinn besteht dass zween und zween einen 
mit laubwerk und bändern gezierten bogen in der band halten 
und bey der melodie einer trommel und eines einfachen pfeifen- 
stücks mit einem hüpfenden tanz verschiedne Wendungen und 
vermög ihrer bogenreiffe verschiedne figuren beschreiben, etwas 
ähnliches wiederholen alle acht jähre die Braunauer, welche nach 
München ziehen und vor den ansehnlichsten häusern auf der 
gasse mit entblöfsten Schwertern einen figurlichen, einfachen 
tanz, welcher der schwerttanz genannt wird, zu halten pflegen. 

4. herr gymnasialdirector dr Schottmüller verweist mich auf 
Jablonski Ällgemeities lexicon der künste und Wissenschaften, Königs- 
berg und Leipzig 1748 s. v. 

Schwerdttan tz, pfleget von den messerschmiedeu zu 
Nürnberg mit besondern ceremonien gehalten zu werden, unter 
welchen vor andern merkwürdig derjenige, welchen sie an 1496 
dem durchreisenden herlzog von Pommern Bogislao und an 1570 
dem Romischen kayser Maximiliano ii zu ehren aufgeführet. 

Woher diese nachrichten entnommen, weifs ich nicht. Sieben- 
kees führt nur 1497. 1570 nnter den jähren, wo der tanz in 
Nürnberg zur aufführnng kam, an (Festg. s. 119), ohne weitere 
bemerkung; sonst ist er fürstlichen personen freilich oft zum besten 
gegeben (s. 121,2. 3. 126. 147). icas Jablonski ferner berichtet, 
ist nur eine Übersetzung aus Olaus Magnus (s. 122). herr dr 
Schottmüller fügt dann hinzu: 

2* 



20 SCHWERTTANZSPIEL AUS LÜBEK 

'Um niartini des j. 1867, als ich in Rastenburg ol)erlehrer 
war, wechselten dort die tischler ihre herberge, und es wurde 
in folge dessen die lade in einem feierlichen aufzuge aus der 
alten in die neue ilbergefuhrl. dem zuge voran schritten die 
stadlmusicanten und bliesen einen marsch; ihnen folgten zwei 
vermummte gesellen, die das haupt mit Sturmhauben bedeckt 
hatten und mit alten rostigen Schwertern bewalfnet waren, sie 
sprangen oder tanzten nach dem tacte der musik vor der lade, 
die mit einem tuche bedeckt war, her, führten bald nach aul'sen, 
nach den zuschauenden leuteu hin, streiche in die luft. bald 
wandten sie sich einander zu und schlugen dreimal die Schwerter 
an einander, führten auch hiebe auf die Sturmhauben, der lade 
folgten parweise die übrigen gesellen, auf meine erkundigung 
teilte man mir mit dass in früheren Zeiten sechs oder acht Springer 
gewesen seien; doch wäre die zahl, da allmählich die waffen 
weggekommen seien, immer mehr vermindert worden; früher 
hätten sie auch brustharnische und arm- und beinschienen gehabt.' 

Aber' dies ist eher eine nachahnmng von Davids tanz vor der 
bundeslade als ein schwerttanz , der niemals von vollständig ge- 
rüsteten ausgeführt wird, deshalb bedarf auch der von Simrock aao. 
erwähnte Attendorner waffentanz, 'der mit den von den Schweden 
erbeuteten waffen am fronleichnamstage aufgeführt wird und weil 
sich alles durcheinander schlingt, grofses geschieh erfordert', noch 
einer bessern beglaubigung , als in Kuhns Westfälischen sagen 
nr 167 s. 161. 

22. 1. 76. K. M. 



SEGEN UND GEBETE. 

Eine hs. des xv jhs. in kleinem quart- oder Sedezformat aus 
der fürstlich Lobkowitzischen bibliolhek in Prag, durch herrn prof. 
Johann Kelle gütigst mitgeteilt, enthält auf 25 blättern pergament 
(zwischen bl. 15 und 16 ist ein blatt, das letzte der zweiten läge 
ausgeschnitten) eine Sammlung deutscher gebete in pivsa mit einem 
erzählenden eingang, bl. 1": Daz geschach einer fraweu in ainem 



SEGEN UND GEBETE 21 

closter. der starb ir prüder do pat si vnsern hren. daz er ir 
augent. wo mit si im möcht gehelfen, wann er waz ein sunder 
usw. bl. 25, von dem die untere ecke nebst dem rande wegge- 
schnitten ist, schliefst mit roter schrift — js ist ain end amen. 
angehängt ist datin eine läge von 10 blättern papier. anf dem 
ersten dieser blätter steht von einer etwas jungem hand zunächst 
dieser segen. 

(hl. 26") (H)err Jesu Christe, du hast gemachet himel vnd 
erd vnd hast gesegent das wasser des Jordans vnd woldest dar 
in getawft werden, nu gerfich diesew wolckchen, die ich siech, 
heiligen vnd gesegen, das sy regen vnd werden zw einem hei- 
ligen vnd zw einem gesegenten wazzer, vnd hilf mir das ditz 
vngewiter chom auf ein wüst, das es chainem Christen icht ge- 
schaden müg noch chainem tier noch chainer yrdischen frucht 
noch disem lant, pei der tugent des heiligen gaistes vnd pei dem 
gepet vnser frawen vnd pei dem gepet Symeonis vnd pey dem 
gepet Sand Preiden vnd sand Barbare, der heyligeu junkchfrawen, 
vnd bei dem gepet aller heiligen, ich weswer ewch, vbeltätigen 
gaist, pey dem Schepfer himels vnd erd vnd pei der heilichait, 
das Jesus Christus zw vnser frawen cham vnd mensch ward, 
vnd pei der gepürd vnsers herren Jesu Christi vnd pei seiner 
besneidung vnd pei seiner erscheinung vnd bei seiner tawff vnd 
pei seiner vaslen vnd pey seiner heiligen marter vnd pey seinem 
chrawcz vnd pei seinem heiligen tod und pei der starkchen 
kraft seines höchsten plötes, das er vergozzen hat vmb vnser 
hail. (hl. 26'') Ich weswer ewch pey dem aller wirdigesten opfer 
des heiligen chrawczes. Ich weswer ewch, vnmilten gaist, pei 
der erwerigen erstantnuss vnsers herren Jesu Christi vnd pei 
seiner wunderleichen aufvart vnd pei der genad des heiligen 
gaistes vnd pei der hochgelobten muter vnd magt, vnser frawen 
vnd pey den heiligen engelen vnd pey den gefürsten engelen, 
pei den propheten, pei den zweilif poten, pei den ewangelisten, 
pei den marträren, pei den peichtigären, pei den heiligen magten 
vnd pei allen gotes heiligen, das ir ewern zorn in disem lant 
noch in diser stat nicht erzaiget. Ich gepewt ewch pei den 
heiligen wortten , die ich gelesen han, das ir ewern zorn vnd 
ewer vngestum da hin pringet da es aller christenhait vnsched- 
leich sey, vnd habt an dem vrtalleichem (tag fehlt?) chain vr- 
lawp ze reden, vns hat es nieman geweret, nu wer ewch es 



22 SEGEN UND GEBETE 

(levv götleich magenchraft vnd dcw heilig vnd dew gesegent 
driiiallicliait vnd der war got. amen zc. zc. •'. — — 

bl. 27' von derselben hand 

Der mensch der vnsers herren marter gedenket, der enpfächt 
dauon vier nucz usw. 

bl. 27" gleichfalls 

Herr, Ich siech das durchgrahen insigel das dw aus dir 
selber gemachel hast, in dem mein sei wider pracht sol werden, 
das pild der heiligen driualtichait. herr, ich sich den schilt, den 
du aus dir seihen gemachet hast, an dem heiligen chrawcz, vnder 
dem ich chreftichleich streiten sol wider alles das mich an get. 
Herr, ich siech den edelen vann, den du aus dir selben ge- 
machet hast , vnder dem ich chreftichleich progen sol an dem 
Jüngsten tag mit allen christenmenschen. Her Jesu Christe, ich 
pirig mich hewt vnder den vann deines rosenvarben pludes von 
deinem zorn. herr Jesu Christe, ich fleuch hewt vnder den 
schilt deiner gruntlosen parmherczichait vor deinem gericht. 
Herr Jesu Christe, ich senkch mich hewt in di tieff deiner heiligen 
wunden vor allen meinen veinden. Herr, in dy plutvarben 
seilten, do da inn lag dein reines trewes hertz, pitt ich dich das 
(bl. 28^) du mich dar ein verpergest, pis vber mich erge dein 
dein oberistevv rechtichait nach deiner jnneresten parmherczichait. 
Amen zc. zc. •! — — 

hierauf folgt von einer andern hand 

t Sanctus Cyrillus jn AUexandria positus Sugitas (so steht 
ganz deutlich da) fugiant tonitrua ab interitu generis humani. 
diuidet f te pater f diuidet te filius f diuider te f spiritus 
sanctus f Increatus pater f Increatus filius f Increatus f et 
Spiritus sanctus. Inmensus pater f Inmensus filius f Inmensus 
t et Spiritus sanctus f Eternus pater f eternus filius j eter- 
nus et Spiritus sanctus f Amen f. 

Das ist der wasser segen •'. — ^ 

Das wasser müss als wol gesegent sein, als der heilig Jordan 
was, da Got selber jnne gelawlYt ward, das was vnser lieber 

* Derselbe segen aus einer Nikolsburger hs. des xv/xvi j'lis. im An- 
zeiger des germanischen museums 1873 s. 227 Das ist wasser segen. f 
Caro t crux f Emanuel f fortis. In dem namen des vaters vnd des suns 
vnd des heiligen geysts amen, f das wasser vnd die wunden muessn usw. 
vgl. aufserdem Mones Anz. 1834 s. 235 nr 27. 



SEGEN UND GEBETE 23 

herre Jesus Kristus, das ist war, in gotes nomen, Amen. Ich 
gesegen dich hewt (rasurläcke) 2 mit den rechten karackteren 
vnsers lieben herren Jesu Cliristi, das du dein swern vnd dein 
swelhn (?) vnd dein fawien vnd dein smelzü (? wie es scheint, 
corn'giert aus smelhn) vnd dein sewrn lassest sein vnd alle vn- 
tugend vnd vngelück hin legest 3. es sein flewgen würm oder 
spinne oder welherlay vntugend oder vngelück das sei*, das 
disem wasser oder diser wunden schad sei : das müss mit disen 
wortten alles tod sein , die ich hie gesegent mit dem warn got 
(bl. 28'') ; das ist war &, jn gotes namen, Amen. Du gesegenter 6 
herre Jesu Criste, dein heilig fünf wunden die erfawlten noch 
ersmackten nie, noch ersawrten noch erswurn nie, noch er- 
stuncken nie, noch ermotten nie, noch erswullen noch gedort- 
ten nie, noch ez schlug nie chain vngelück dartziV: also müss 
zu disem wasser vnd zu diser wunden auch chain vngelück 
nicht chomen, es sei gesegent oder vngesegent, vhel ^ oder wel- 
herlay vntugent das sei, das disem wasser oder diser wunden 
schad sei: das müss mit disen wortten alles tod sein, die ich hie 
gesegent han mit dem warn got, das ist war, ju gotes nomen, 
Amen. Vnsers lieben hVn Jesu Cristi heilig zartt wunden, die 
haillten all schon vnd vast auf von grund: an die heiligen fünf 
wunden, die stend noch vngebundeu vntz auf* den hewtigen tag 
vnd da geschlug auch nie chain vngelück zu, also müss zu disem 
wasser vnd zu diser wunden auch tun hewt vnd ymmer ewik- 
leichen, jn gotes namen, Amen ^". Das wasser müss als wol 
gesegent sein vnd als hailsam als daz heilig wasser was, da got 
in des schatzer haws jnne gepadet ward, da manick verchwunden 
dauon genas: das ist war, jn gotes namen, Amen. Ward ie 
chain (bl. 29') wasser bas gesegent wann das wasser, so chom 

- hewtt du vermayltew wunden mit den warn ^ das du dein 

fawien, dein swern vnd sinckchen (l. stinken) vnd all vntugend lassest 
'' Es sey peyn fliegen oder spynn oder welherlay vntugent dis sey 
^ gesegent han, das ist war ® Du verwunter '^ die enfaulten nye, 

ersawrten nye, noch ersmekchten, noch e r roten nye, noch geswullen, 
noch kayn vnglükch chom darzue vgl. aufserdem zs. 15 s. 453 v. dO f, 
*. 454 und die andern fassimgen des *e^e«* Tres boni fratres, Z?;7i.-.v. 467 /" 

8 vngenant, fawl oder '^ Jesu Christi heiligen fünff wunden, die 

hallten vil vest vnd Stent vncz auf " ewikchlich, daz ich hie gesegnet 

han mit dem waren got, daz ist war, i. g. n. amen, das folgende bis zum 
nächsten amen fehlt 



24 SEGEN UND GEBETE 

dassell) vvasser zu disem wassor vnd ditz wasser in das \vasser: 
das si dann baydew 'i als wol gesegend sein als daz heilig wasser 
was, das got aus seiner heiligen seilten flos, In Gotes Namen, 
Amen, f ni^x nax pax Imax j Crux f Enianuel f fortis •'. 12 

Man sol das wasser dreistund nach einander gesegen vnd 
als offt einen pater noster vnd ain Aue maria sprechen, ist es 
ein stich, so sol man einen waissel machen vnd in das wasser 
duncken vnd in den stich trucken. ist es ein bruch geswer 
schlag oder ein posten , so sol man ein phlasster aus ainem 
weissen tuch machen vnd in dem wasser netzen vnd dar vber 
pinden ^3. ist der presst jnwenndig, so sol man das wasser 
trincken •'. ^^ zc. •.' — 

mit dem zewcht man den pheil. 

Longinus der Jud ein Ritter was 1, daz ist war, der vnsern 
herren in sein seitten 2 stach, das ist war; dar aus ran wasser 
vnd blüt, das ist war, das blut ym vber sein hent ran ^, das ist 
war, das blut er vnder seinew äugen straich 4, das ist war, er 
was plint vnd wart gesehent, das ist war. Als war (bl. 29') 
das alssambt ist, als war zcMch ich disen pheil ^ jn dem Namen 
des vater vnd vnd dez suns vnd des heyligen Geistes*', Amen. 
t t t '— '- 

'^ zu disem wasser, das sy paitew '^ seilten ran vnd flozz. die 

wunden wurden nye rot, noch vngestalt, noch chain vngelukch chom darzu: 
also muefs zu disem wasser vnd zu diser wunden vm(?) die hie gesegnet 
hab mit dem waren got, daz ist war, in g. n. amen. 

*3 ain pruch oder ain slag oder ein geswer oder ain drues, so schol 
man ain warm tuch nemen vnd mach dar aus ain phlaster vnd mach daz 
mit dem wasser vnd leg das auff die wunden, es heilt dir schir. vnd jst 
es ain pruch ains pherdts, so sol man jm das Masser darin sprengen alle 
tag dreystund oder vierstund ** Ist das ain mensch ain drüs jnwendig 

hat, der sol das wasser trinkchen: so wirt er gesunt, das ist war. Amen. 

* dieselbe iSikolsburger hs. im Anz. s. 22S. Longinus ain Jud was 

2 durch sein rechten seytten ^ ran wasser vnd plut auss seinem 

herczen ran "* damit er vnder sein äugen graifT ^ pheyl aus 

^ geysts. damit segne vber die wunden, als du pheyl aus gezeuchest: 
Drey nagel wurden vnserm herren geslagen durch sein hendt vnd durch 
sein fueCs , das was noch gefuvllid , noch stuend chain vngelukch darzu : 
also muefs die wunden sein in dem n. f des v. f v. d. s. t v. d. h. g. 
amen f. ei?i üOen-esi der echte Ji fassiing des pfeilsegens im Am. 
1854 s. 166 Nicodemus ain Juden ryter, der unserm heren Jesu Crist (die 
nage]) usz henden und usz füefzen zoch. dafür ist, mit einer anlehnung 



SEGEN UiND GEBETE 25 

die übrige seile ist leer. bl. 30' — 34" Das ist die tagtzeit 
von vnser frawn, gereimte gebete an die Jungfrau Maria für alle 
horae canonicae, von derselben hand wie vorher, von derselben 
ist bl. 34* auch noch das gebet des pabstes Innocenz hinzugefügt: 

Swer das gebet spricht daz hernach geschriben stet, der 
hat newn hundert iar antlos von dem pabst Innocencio , der 
macht ditz gebet in vnser frawen eren. 

H r, ich man dich dez Gebetes, das du tetest auf dem perg 
vnd der vnder der angest vnd der not, die du hast geliten durch 
vnsern willen vnd alles dez (bl. 34'') andächtigen Gebetes willen, 
daz zu dir ye geschach, das du mein Gebet erhörest. Ich bitt 
dich, herre, durch aller der zäher willen, die du ye gevvainest, 
vnd durch all die andächtigen zäher, die durch deinen willen ye 
gewaint wurden, das du mein gebet erhörst. Ich bitt dich, hr, 
durch des spiegellichen lebens willen vnd durch alles des tugent- 
haften lebens willen, daz durch dich ye gelebt ward, das du mir 
verleichest ein volkomens heiliges leben. Ich bitt dich, hV, durch 
alles dez plutes willen, das durch deinen willen ye vergossen 
ward, das du mich entzündest mit deiner götlichen minne. Ich 
bitt dich, hr, durch deines todes willen vnd durch aller der tod 
willen, die durch deinen willen ye geliten wurden, das du mir 
verleichest ein heiliges end vnd das ewig leben mit dir. Amen. 
bl. 35 ist unbeschrieben. 

im ausdruck an den letzten teil des segens Tres boni fratres (s. vorfiel' 
anm. 7), in unsei'er crnfzeichnung der Longinusb Ititsegen (Dm.^ *. 462 
zu XLvii, 1, Mones Anz. 1834 ä. 284 nr '22) eingesetzt, der auch bei Mone 
1834 s. 287 7ir 31 imd 1837 s. 475 /'/• 38 ebenso tüidersinnig in einen 
pferd- und einen wurmsegen verwandelt ist; und zwar setzt der pferd- 
segen Longinus was ein jud, das ist war, er stach unsern hern in sein 
syten, das ist war, offenbar schon dieselbe fassung mit unsern aufzeich- 
nungen voraus. 

24. 11. 75. K. M. 



26 DONAU. DUNAV'I.. DUNAJ 



DONAU. DUNAVb. DUNAJ. 

AN HERR> ACADEMIKER KÜMK IN SPETERSBURG. 

Danuvws, das stellt sich immer mehr heraus, ist die einzige 
echte, durch ioschriften und handschriften so sehr hezeugle alte 
form des ihissnamens, dass es Baumstark (Ausführliche erläute- 
rung der Germania s. 26) und seinem gevvährsmanne im Philo- 
logischen anzeiger von 1871 s. 267 schwer fallen möchte auch 
nur einen und den andern alten beleg für die von ihnen ver- 
teidigte form D^JSuBiis aufzutreiben, auf gr. Javovßiog durfte 
er sich schon gar nicht berufen, weil die Griechen gar nicht 
anders schreiben konnten, wenn ihnen Javoviog den ihnen von 
den Römern überlieferten namen nur ungenau wiederzugeben 
schien, und ebenso wenig helfen ihm die gallischen Maniuhii, 
Emhii udgl., nachdem die bessere Überlieferung gelehrt hat dass 
Danuvius ein einfach vocalisches derivatum von einem alten ad- 
jectiv dann fortis (Glück Kelt. nam. s. 91 f) und nicht, wie noch 
Zeufs 1853 (Gr. celt. 752) meinte, weiter durch B abgeleitet ist 
(vgl. Zeufs-Ebel s. 784). ganz entscheidend spricht dafür auch 
die Verdeutschung ahd. Tuononua (GraiT 5, 433). hätten die 
alten Sueben, die zuerst durch den hercynischen urwald in das 
gebiet der Donau vordrangen , den fluss von den anwohnenden 
Kelten Ddnubios, Ddnnbias nennen hören, so würden sie daraus, 
mit der unserer spräche für den flussnamen gemäfsen Veränderung 
des masculinums in ein femininum, entweder Dömipa oder, wie 
die Franken am Niederrhein aus Gelduba Geldapa (Lacomblet 
Urk. nr 83 a. 903) j. Gellep, Dönapa, dann ihre nachkommen 
mit der hochdeutschen, um 500 nach Chr. zuerst nachweis- 
baren, zweiten Verschiebung der mutae endlich Tuonuffa oder 
Tnonaffa gemacht haben und wir jetzt den fluss nicht Donau, 
sondern Douufl", Donofl", wie die Horlof in der Wetterau (ahd. 
Hnrnuffa und Hurnaffa), oder Donatf, wie die Aschaff (ahd. 
Ascaffa), nennen, die Verdeutschung ahd. Tuonouua ergibt 1. dass 
die alten Sueben vor der letzten lautverschiebuug den conso- 
nantanlaut des keltischen namens unverändert beibehielten, 2. das 



DONAU. DUNAV'L. DÜNAJ 27 

lange d ganz sprachgemäfs (vgl. altkeit, mdlar brdtar, altgerm. 
modar hröpar) in der hochbetouten silbe durch lang 6 wieder- 
gaben, ganz wie in kelt. hrdca durch altgerm. hrok ahd. hrmh, 
dann aber 3. die ahleitung durch ein selbständiges noinen avia 
ersetzten, aus dem derivalum also ein compositum machten, 
wie die Niederfranken aus der im vierten jh. und später bei den 
Römern für die insula Batavorum üblichen benennung Batavia i 
Batauna, Batnna, Betüwe und die Baiern aus Batava (sc. castra) 
Pazouua machten -. die älteste gestalt, die der name in deut- 
schem munde gewann, war Donavia, da ahd. ouua — ebenso wie 
ags. ig, kg (statt yg, ycg), altn. ey — das in Scadinavia, Aiister- 
avia, Actavia, Aviones und noch im mittellat. ania, augia erhaltene 
avia nicht anders voraussetzt als ahd. frouud ein älteres fravid 
== altn. freyja und einem aus dem masc. frauja movierten got. 
fraujö (Myth. 276). dass man avia, ursprünglich ahvia, also 
lat. gleichsam aquia und nach der im gebrauch fixierten bedeu- 
tung eigentlich nur 'wasserland, von wasser befeuchtetes oder 
von wasser umgebenes laud', in dem compositum als 'wasser- 
lauf, Strom' nahm, — wie sich auch im mhd. enouioe stromab- 
wärts findet und in Holstein in der Volkssprache alle nebenflüsschen 
'auen' heifsen, — kann bei der Umformung eines fremdworts 
nicht auffallen, aufserdem darf man mit Zeufs (Die Deutschen 
s. 12, vgl. Miklosich Fremdwörter s. 13) aus Tönahgeuui, Tuo- 

1 Weltkarte des Augustus s. 10. 

2 hier ein lierlicher beleg für die keniitnis und gewissenhaftigkeit des 
lierrn Förstemann. im Altd. namenbucli 2- s. 216 heifst es wörtlich 'von 
der neunten halavischen cohorte, welche nach der not. imp. an der niün- 
dung des Inn lag, stammt der folgende name: Paiavhim.l. (dh. zuerst be- 
zeugt aus dem 2 jh.ü) Passau, pg. Rotahg., nicht immer leicht von Padua 
zu' unterscheiden', und nun, statt diese warnung zuerst selbst zu beherzigen, 
lässt der herr oberbibliothekar Tacitus, den PatavinerLivius, JVlela, Plinius, 
Slrabo, Ptolemaeus (warum nicht auch Virgil?) sämmtlich als zeugen aus 
dem 2 jh. dafür auftreten dass sie mit Patavium Passau und nicht Padua 
gemeint hätten! die Notit. dign. hat er gar nicht einmal eingesehen, sonst 
würde er vielleicht von Böcking s. 783 f. 750 f (vgl. CILat. 3, 690) gelernt 
haben dass es wol eine neue, aber keine neunte cohorte der Bataver ge- 
geben iiat und dass Passau erst im iv/v jh. von Boiodurum, der jetzigen 
Innstadt,. unterschieden wird und den dem Alld. namenbucli gänzlich un- 
bekannten namen Balava (gewöhnlich im abl. plur. Batavis) führte; wo- 
gegen die belege für Patavium nebst der obligaten warnung füglich hätten 
gespart werden können. 



28 DOrSAU. DUNAVT». DÜNAJ 

nahgomu zwar noch nicht auf Tonaha, Tnonnha als ein nclion 
Tuonouua gebräuchliches synonymum schliefsen, da auch Rhiah- 
Moinah- Sarah- Anglah- Ambrnh- Isanakgeuni ua. keineswegs 
eine Rinaha (lür Rhenus) Moinaha Saraha usw. zur seile haben; 
aber man sieht doch aus dem gaunamen dass Tuonouua für ein 
compositum und der zweite teil als synonym mit aha fgot. ahva) 
Wasser, lluss genommen wurde. 

Jene alte suebische bildung üönavia muss nun frühe zu 
den Ostgermanen gelangt sein, die Goten kannten sie bereits, 
als sie von der Ostsee und der untern Weichsel südwärts gegen 
den fluss und das schwarze meer aufbrachen und die benennung 
nach dem vorgange der Römer auch auf den unteren lauf des 
Stromes ausdehnten, denn dass sie dies taten, muss man schliefsen 
weil ihre nachfolger in diesen strichen, die Slawen ihr Dunavu, 
Dtinaj, trotz der herstellung des masculinums, ohne zweifei ihnen 
entlehnt haben und den alten , thrakisch-griechischen namen 
^laxQog durchaus nicht mehr anerkennen: die Goten müssen die 
vermittler zwischen dem römischen und dem slawischen Sprach- 
gebrauch gewesen sein, gegen den slawischen Ursprung von 
Dunavu, Dunaj hat sich Miklosich schon aao. mit recht aus- 
gesprochen und die entlehnung aus dem Deutschen anerkannt, 
auf derselben seite seiner abhandlung über die fremdwürter in 
den slawischen sprachen bietet Miklosich auch schon einen beleg 
für den Übergang von altgerm. got. ü in slaw. u: sl. dnmati, 
dumu, duma von got. döms, domjan. überdies lautete ö im munde 
der Goten selbst, seit dem fünften jh., mehr und mehr wie ü, 
nach den in den gotischen handschriften vorkommenden spuren 
(Grimms Gramm, l^ 60); daraus erklärt sich auch die Schreibung 
'PovöoQixog, 'PovdiQiyog bei Prokop BG 3, 5. 19 statt got. 
Hröpareiks. sogar im ndd. findet man Bünowe neben Dönowe 
(Mnd. wb. 1, 542) und wol nach dem ndd. im altn. Dünd (Thi- 
drekss. c. 363) und Dun? im Heitatal s. 576 AM. aus Döna- 
via muste, wenigstens im gotischen des Vulfila nach einem be- 
kannten lautgeselze, Dönavi wie mavi aus manja, Jrivi aus piuja 
werden: von dem got. simplex avi ist nur der dativ plur. in 
dem landnamen ojum, statt aujöm, bei Jordanes c. 4 erhalten; 
an got. Dönavi, im gen. Dönaujus, dat. Donaujai, acc. Donauja 
aber schliefst sich slaw. Dunavu, Dunaj aufs nächste an und zwar 
erklären sich daraus, trotz des veränderten genus, beide formen 



DONAU. DUNAVL. DUNAJ 29 

gleichmäfsig, deren nebeneinander aufser diesem lelinwort sonst 
wol im slawischen seines gleichen sucht. 

Dem hier durch blolse schhisslolgerung gewonnenen resultate 
kann ich jedoch glücklicher weise durch ein bisher, wie ich 
glaube, unbekanntes Zeugnis noch eine sliilze geben, so dass 
zweifei dagegen nicht wohl aufkommen können, in den theo- 
logischen fragen und antworten, die auf die auctorität des Pho- 
lius (cod. 210) bin als ein werk des Caesarius von Nazianz, des 
bruders des Gregorius, zuerst vollständig von dem Jesuiten Du- 
caeus im ersten bände seiner Bibliotheca veterum patrum, Paris 
1624, dann mehrmals (in der Magna bibl. patrum, tom. xi, Pari- 
siis 1654, bis auf die Seitenzahlen übereinstimmend mit Ducaeus) 
gedruckt sind, heifst es c. 68 p. 588: 

oga de ptoL evagyioTSQOv vTtoÖELyfxa. tceqI tov oregecö- 
(.latog, ov rexv)] ßgotüv, akXa ^eia ßovljj avviarä/^isvov xal 
oiovsi diöaay.akslov rjfxlv 7VQoy.Eif-ievov, xov eva zcuv tsttccqcov 
ky. Tijg €v Tcagadeiati) y.Qif]Vi]g Qeövriov Ttorafxiüv, xov Ovacüva 
TtaQu rf] aax^' rj/näg ygacp^, Ttag" "EkXr]ai öh^'lOTQOv, Ttaqa. d« 
^Pwi-ialoLg JavovßLOv, Tcaga. öh rörtOLg/Jovvaßiv 7iQoaa- 
yoQEvdf-ievov, ■x^eii^iüvog 7tt]yvuf.i€V0v xat elg Xi&cudi] ccvtitv- 
niav (iEd^iaTa(.iiv)]g zrjg fxalaxiig tov qsi^qov cpvoeiog, wg 
o%ov Tfi cpegeiv €7ti7tOQ€vo/.i€viüv Ttokef-ilcov y,al Ttgbg ta 
'Pcof^ialtüv 'lÄlvQia te /.ai Qgä/.Eia ixeqi] öiacpoLTiovriov 
TtXij^og. ovTio TOL y.al lo avxb tx tov vöaxog rtayhv aTEQ£0)/.ia 

VTtOy.lvUETai (.lEV Tq) VTtOXQL^EVTl QSl^QO)' VTtEQOTEySL 6^ 

'iTtTtov y.al dvaß(XTr]v , ev x^^tdai dsy.a TioXXdxig oQiöfxevov. 
EOTc Öe ort y.al Ttjg af.iEidlag tov x^i(.iiövog ETtiyQaTovörjg 
yal TOV y.Qvovg (.livovzog, kccßQov vdiOQ dno vsq^iöv v6/uevov 
y.al did tiov xo^qdÖQiov i] dy.QtoQEuov yal yEOjXöcpojv yaTcxg- 

QYjy.TOV ETTl TOV TtOTafXLOV GTEQEcöfiaTOg CpEQEOd^ai ' OTTEQ, 

diEiQyofiEvov ngog to v^ceqqeov (1. vtto-) olov diacpgäyfiaTi 
Tcö E^ vöcxTcov OTEQEOjfiaTi , dfiiykg TEiog yal davyyQirov 
f.i£VEt TiQog TO VTroy.Ei/iiEvov. Tcaga/ilijoia dk yal öid Ti]g 
Xiovog 7cai6£v6/n£^a, ETti^Evcofxivrig tm eIqi^^ievio OTEQECo/uaTi, 
OJGTE vndgxEiv avTo (.lETaixixiov didcpgay^a y.qvoxalXov, 
diaxcoQlLov dvd /hegov vöaxog xal vöazog, diyr]v tov ovQaviov 
GT£QE(jü(.iaTog Ttüv £7Ciy£L0)v TU V7iEQy6of.iLa ötayQivovTog. 

Ich habe die ganze stelle ausgehoben, weil der Verfasser 
offenbar als augeuzeuge und aus nächster nähe — yal oIoveI 



30 DONAU. DUNAVr,. DUNAJ 

diöaoAaXelov r^iiilv TtgoAei/itevov — über die Donau spricht, 
eine andre c. 144 p. 672 lautet: 

y.al ovof.ia tut ivl (rtöv tz TtaQaöeiaov 7Coraf.Uüv) (Dtiooiov. 
ovTog de z^v ^lif^iOTtiav y.al zr^v 'IvdrKr^v nagodevwv, rdyyr^g 
Ttag' ai'Tiöv TTQOoayoQEvsTai, naqä de ''E).Är^oiv 'lorgog y.al 
'Ivdog (?) 7ioTaf.i6g, 7iaQa de ^flÄvQioig xal 'Pi7c lavoig, 
tolg naQorAOig rov "Iotqov, Javovßi]g, naqu de Töx- 
i)- oig J ovv avx ig. 

Dass hier Jovvavig (oder Jovvavi]Q) aus Jovvavrig her- 
zustellen, das r in JovvavTig lediglich aus dem i und etwa 
dem circumflex entstanden ist, leuchtet alsbald ein: Jovvavig 
ist nur eine andere Schreibung von Joivaßig und beide ergeben 
Dünavi, wie nach dem vorhin bemerkten got. Dönaci leicht von 
dem orts- und landeskundigen auctor selbst unmittelbar aus 
gotischem munde aufgefasst werden konnte, er belehrt uns 
ferner dass die 'IXXvgiol, die provincialen von Illyricum, und die 
'PiTciavoi, ohne zweifei die Ripciises, Riparenses oder Ripariense» 
der Dada Ripensis oder Moesia inferior (Bücking zur Not. dign. 
1, 450 f. 492) und nicht die provincialen der schon zu Illyricum 
gehörenden Panuonia (Savia) Ripan'ensis und Valen'a Ripensis 
(Böcking zu Not, dign. 2, 142 — 146), die anwohner des Isters in 
seinem ganzen unteren laufe, den fluss Javovßr^g nannten, so 
dass die bei den späteren Griechen häufiger statt Javovßiog 
auftauchende form Javovßig > (vgl. Amisis Amisius, Visurgis Vi- 



' der wunderliche artikel bei Stephanus Byz. 217, 24 fTMein. kann sich 
noch nicht von einem der geographischen gramniatiker des letzten jhs. vor 
Chr. (Deutsche altertumsk. 1,S3. 248. 360) herschreihen ; er niuss von spä- 
terem Ursprünge sein, da er jedesfalls den nanien Danuvius als ganz be- 
kannt und gebräuchlich bei den Römern voraussetzt: J üfov ßis n ^a- 
vovaii, 'laiQOi 6 noxanös, näkac Maioca xa'kovfÄiuoi, av^cpoqäi da 
roli 2xvr9aii knintaovar,g ovxoig ixk>j&>;. Maious (ff ^iytica ii r't,v 
'EX?.r^uida y^cHaoau uaiog (cuaiog ? KMüUer), ort rro?.A«x/i- ntoaiov/uipot 
ovökf imnövx^iKSav. 6 de Jcti^ovaif fQur;pfi<iTc<c Sanfo tov nuccqzHv 
iXcjv (dxittv, Eustath zu Dionysius perieg. 29S, der den artikel, denyfw- 
yQÜcpoi Strabo mit dem i&yoygäcpoi^ Stephanus verwechselnd, wiederholt, 
meint in einem zusatz dass die uninamung in' ixu'ywv xcua irjv avTiöf 
y).(üaaay geschehen sei. möglicher weise fand er dies in seinem vollstän- 
digeren Stephanus; es ist aber nichts darauf zu geben, da des Stephanus 
quelle hier vermutlich die metonomasien des Nikanor von Kyrene (citiert 
bei Steph. 507, 9. 645, 14), eines Schriftstellers des zweiten jhs. nach Chr. 



DONAU. PUNAV'L. DUNAJ 31 

surgius, Albis Alhius Germ, antiq. p. 82. 93. 123, Cass. Dio 55, 
1. 28) wol von jenen herstammt; er bestätigt also damit dass 
sie den Goten in der ausdehuung des namens vorangiengen. 
aber noch mehr. c. 110 p. 614 lesen wir: 

Tiiüg de Ol Iv BaßvXiovi, onoi S'av yLviavtai, tJ] ^lai- 
yct^ici Tiüv o/uaijiiiov naQOivovoi; TtcOg ö' ev eregq) Tjurj^iari 
bvT€S ol ^xlavrjvol y.ai Ovatovlrai, ol xat Javov ß i ot 
TTQOoayoQEvöfxevoi, ol jukv yvvaiüOf.iaaroßoQOvaiv j^de'wg, diu 
to TtiTiXr^QCüod^ai rov ydXaxTog, fivcov divir^v rovg mtoriT^ovg 
Talg TtetQctig iTtagätTOvreg, ol de /ai Tfjg vo(.iL(.irjg Aal 
ddiaßh]Tov -AgetoßoQiag dney^ovrai; xai. ol ixev vTtägxovaiv 
av^äöeig, avrövo^ioi, dvr^yef-iövevTOL, ovvexüg dvaigovvTeg, 
avveod^LÖfxevoL rj ovvoöevovxeg, tov Gcptöv r^ye^öva /.al 
aqxovta, dXojTtexag xoa rag evÖQVf.wvg /.dTxag '/.al jLwviovg 
eod-iovreg '/.al xfj At'xwv lOQvyfj o(päg Ttgoaxalotfievoi' ol de 
■/.al dddrjcpayiag ditexovTai /.al t(^ xvxÖvxl vnoTaxTÖpievoL 
/.a.1 vnei/ovxeg. /al noXiig 6 Xöyog negl .Aoyyovßdgötov 
xal Nögtov ^ /al F^lXcov xaiv ioTcegltov, xüv 'Egfj.ai/rjg /al 
KgovL/fjg d/iiotgovvxiov eTiioxijjiir^g xwv aaxgiov. 

Ich finde diese stelle bei Schafarik nirgend angeführt, und 
doch enthält sie wol das älteste Zeugnis für den eigenen 
namen der Slawen, wenn nach der eben besprochenen die 
römische herschaft noch längs der untern Donau besteht, so kann 
ich die Ovoiovlxoi ol /al Javovß lo i neben den JS'xAat'i^vot 
nur für Transdanuviani halten und die ^/?Mvr]vol ostlicher denken, 
schon haben diese sich furchtbar gemacht und vielleicht schon öfter 
teilgenommen an den c. 68 (oben s. 29) geschilderten Streifzügen 
im Winter über das eis der Donau, aber noch stehen sie ferner, 
noch sind über sie und ihre genossen allerlei fabeln verbreitet, 
schreckliche Schauergeschichten und daneben erzählungen die 
gerade das gegenteil besagen, so dass die alte weise, die ehedem 



waren, wenn nicht ein vollständigerer Plutarchus de fluminibus; jedesfalls 
war sie nicht besser und glaubwürdiger. 

1 die bewohner der Ostalpen, die im fünften jh. gegen 430 die rö- 
mische herschaft abgeworfen hatten, heifsen selbst bei den Lateinern Nori 
(Zeufs5S8); es ist also durchaus nicht nötig aus Elias Ehingers Quaestiones 
Caesarii Nazianz. 1626 p. 100 Noqixcöi^ herzustellen. Noriker waren 
auch unter dem heerhaufen, den Alboin endlich nach Italien führte, Faul, 
üiac. 2, 26. 



32 DONAU. DUNAV'J,. DUNAJ 

von den Thrakorn, Geten und Daken gesungen wurde (über die 
Gelen bei Ersch und Gruber 1, 64 s, 451), bier in angemesse- 
ner Variation sieb wiederbolt. nacb nordwestcn dagegen sind die 
Langobarden bereits aus dem dunkel hervorgetreten, und da dies 
die zersprengung der Heruler um 510 voraussetzt, andererseits 
aber gewis nicbt ül)er die ersten regierungsjabre Justinians hinaus 
bis zu den grolsen Slaweneinl'ällen gegangen werden darf, so fällt 
(He abfassung der schrift etwa um 525 oder wenig später, und 
wir sehen wie günstig der Schriftsteller gestellt war um ein Zeug- 
nis für die namensgeschichte der Donau abzugeben, er kannte 
die Donaugegenden aus eigner anschauung und schrieb wahr- 
scheinlich in einer der benachbarten landscbaften. er kannte 
dort noch die römischen provincialen und ihre spräche, er 
konnte auch nach dem abzuge der masse der Goten nach westen 
auf der Haemushalbinsel ihrer immer und überall noch genug 
treffen um von ihnen in ihrer spräche den tluss nennen zu hören, 
und es ist nicht zu besorgen dass er Goten und Slawen ver- 
wechselt und jenen zugeschrieben habe \\as diesen angehörte, 
ehe diese in masse südlich von der Donau sich niedergelassen 
halten, wenn slaw. Dunavü, Dunaj mit got. Donavi, Dunavi 
stimmt und dies mit ahd. Tnonouua, so müssen die Goten früh- 
zeitig den namen von den Sueben, die Slawen ihn wieder von 
den Goten empfangen haben, weil nur einmal kell. Ddnuvias 
oder Ddnuias, lat. Ddnuvins ein und dieselbe Umbildung erfahren 
haben kann. 

An die zuletzt angeführte stelle mit den westlichen Galliern, 
Norikern, Langobarden, Transdanuviern und Slawenen schliefst 
sich noch folgende c. 109 p. 613 an: TtaQcc de Hkeioig^ y.ai 
^aQaxijvoig ymi Toig Iv rrj avtoxiqa ylißvi] '/ml MavQoig 
xara zovg rj'iovag v.al oy^d^ag tov 'linearov Ttora/iiov oiy.ovai, 
xal iv rfj eScorega reg/iiavla xai iv rfj ccviotsqcc 
^aQ/tiaria y.al iv ^/.vd-ia y.al iv rcäoi xolg e^iort- 
y.olg /.legeai tov UÖvtov ed^veoiv ov/ oibv zs bvqeIv 
xoXXvßLorrjv ?; 7tXäaT}]v i] Ucoy^äcpov, ovx ccQXiziy.TOva, ov 
cftüvdayov, ovx v^OKQttrjv 7ioirjf.iciTiov, wg ttuq ijulv. kurz 



' c. 112 p. 618 werden dieselben noch einmal erwähnt xctl Hvqoi — 
'!A&(jjfiy i^i&tiaaav xctxuis' Aiyvnzioi de tov avQÖutyoi' xai yfiomr^ 
"OaiQiv, HXtils ihtiroi rbf Nixr oq cc 



DONAU. DUNAV'L. DUNAJ 33 

darauf liest man : rcQ^iaviov d'oi nXeiovg dyxovj] t6 ^iy v 
afiieißovTai. da unmittelbar vorher von der wittwenverbrennung 
bei den Indern, hernach von den Seren, Brachmanen und andern 
Orientalen die rede ist, so könnten die Fe^f-iavoi, wie anderswo 
mehrmals, von den abschreibern für KaQf.iavol gesetzt sein; 
wo nicht, so stammt die notiz wol aus dem noXvg Xöyog, der 
über die Langobarden und die andern nordwestlichen Völker um- 
lief, über Britannien schöpfte der auctor mehr aus der altern 
tradition, c. 80 p. 594, indem er von der Schöpfung handelt: 
ovdh yaq ^y r) e^co radeiQcov ^ä/MTva , ovde zo (.liya 
y.al ar 6X(.ir^r ov jiXcüti^qol ne/.ayog rb ttjv BQSTTaviy.rjv 
vrJGov xat roug ioTregiovg "JßrjQog TrsQiTtTvaoöftevov, und c. 
109 p. 612 ev BQBTTavvig ttIsIotoi avögsg }ita avyY.ad^sv- 
öovai yvvaiY.L' ioaavTiog y,ui rcolXai yvvalaeg Ivl eraiQit^ov- 
rai avÖQi, obgleich die späteren nach Caesar (Deutsche alter- 
tumsk. 1, 397), auch der heilige Hieronymus (Zeufs 573) dies 
sonst nie so allgemein, sondern immer nur mit einschränkung 
auf gewisse landschaften und Völker Britanniens behaupten, da- 
gegen spricht er wieder als kenner der Donau, aber deutlich ohne 
sich selbst zu ihren auwohuern zu rechnen, c. 101 p. 605 
— af-icpißia, vvv (.ihv enl rijg yjgaov, vvv de ev rolg vöaoi 
diaiTiüf.ieva , oi Neiiwoi r^g ^lyvjiTov y.QOv.öÖEikoi, oi 
ko7ieQLOi Ovo(x}vlT(xi Y.vv onÖTai-io L, OL EvffQarijoiot 
yQVTceg, oi TeXf-iazioioi ßdxQaxoi, ol 7t ag' tj /^Iv exlvoi, nal 
ytvxvoi; wo die -/.vvoTiÖTaixoi schwerlich andre als unsre uörze 
und fischottern sind, dass er dennoch, wenn auch nicht an der 
Donau, doch in der nähe in einer der nördlicheren provinzen 
des griechischen reiches lebte und schrieb, muss man schliefsen 
aus c. 147 p. 673, wo er erzählt dass xiveg Trjg ^lymcrov 
vÖQOTtorai y.ai OTreQ/^oßÖQOL e^w Tfjg xa^^ i^l^iccg Tta- 
Xelag d lalr i] g ex arcagyanov VTtägxovreg — — did tov 
Ttagad-iovTog Feiüv, NeiXov de jrag" avroZg vrgoactyogevo- 
f-iivov ccvanXeovreg ineigiövio xw geldgci) xeigaycoyovf-ievot 
evgiGAeiv x6v (.lexd xbv yäöäi-i naoiv dd^iaxov yragudeiaov. 
wenn kurz vorher der Euphrat o xal 'IvöiKÜg xivag xrjg xov 
jtagaöeioov (f^ivoTccogeiag y.ai g)v?^Xogofjg xol gelS^gq) iniov- 
göf.ttvog y.ai öiaxof^iiCcov rjfilv heifst, so glaube ich wird der 
fluss als greiizfluss des römischen reiches genommen und die 
i)!ii€lg sind die angehörigen des reiches, aus einer andern 
Z. F. D. A. neue folge Vlll. 3 



34 DONAU. DUNAV'J,. DUNAJ 

stelle könnte freilich geschlossen werden dass der auclor, wie 
ein echter Nazianzener, in Cappadocien oder auch etwas südlicher 
im nördlichen Syrien am Euphrat selbst zu hause war. er wieder- 
holt c. 99 p. 603 die ansieht der alten ionischen philosophen 
von dem sonnenlaufe, die sonst von den spätem den Epicuraeern 
zugeschrieben wird (Deutsche altertumsk. 1, 77. 49Sj und bis 
auf unsre mittelalterlichen dichter (Reinbot Georg 2943 fTj sich 
vererbt hat, folgender mafsen, sie aus der bibel durch den prediger 
Salomo 1, 5. 6 rechtfertigend: 

'£2xv7Codi]aag ra ovQÜvia tiQf.iara v.al vjto xiva rolxov, 
rö ßöqeiov yevöjuevov y.llf.ia, vTtcQav earwrog rov Kan- 
Ttadoxiöv löäcpovg, aTroo'/iiäCeTai f.i€V rrjv dcTQaTrijv rä/v 
d^rlviüv Talg Xöx/^ic(ig xat rolg vöaai t(o vTteQteQovvTi 
7CiBO(.ui xov or€Q£tü/.iaTog, dLay.Xcof.iivioy rwv juagf^aQvyiüv 
hei rd nXäyia, y.al rry vTteQOxf] rov x^Q^^^ ^'}^ q)avaiv 
elgyofisvog '/.azd ttjv jigoey.öod'elGav eh/.öva xov ttuq i)iu1v 
laf-iTtädog , avio&ev rrjydvo) (rj?) ooxQdyjo xivl xov nvQOOv 
TtteCofievov xal ef.iTCQOG<^ev xivi oy.iatof.iivov, inl xb iXev- 
^BQOv XoiTtbv xöjv TcXayicov rijg Xaf.i7VQ6xr]Xog Xf^QOvarjg, 
jiaxaXafißdvei ovxog 6 q)ioaxr]Q xrjv Eiöav, y.Qvßd)]v tisql&siüv 
x6 ßoQeiov /uegog. yai {.laQxvg t^/lüv d^idyaoxog 6 xwv 
&eUov aorpog ^oXoftwv' 'dvaxeXXei ydg, (priOLV, 6 rjkiog y.ai 
övvei. dvareXUov TtoQevsxai vMxd dvoiv y.ai yvy.Xiüv y.vy.Xol 
TtQog ßoqqdv yal eig xov xönov avxov skxsi.' 

Wenn hier Kannadoycöv richtig überliefert ist, so ist bei 
der die sonne verdeckenden bodenerhebung je nach dem Stand- 
punkt des Verfassers in Cappadocien oder in Syrien entweder an 
die armenischen gebirge oder an den Taurus zu denken, der 
Widerspruch mit den übrigen, viel mehr in die nähe der Donau 
weisenden daten aber lässt sich durch änderung eines buchstabens 
und dadurch dass ein par andre ihre stellen vertauschen leicht 
beseitigen, durch Zosimus 4, 34, der hier sicher aus dem im 
anfange des fünften Jahrhunderts schreibenden Eunapius schöpfte, 
werden noch unter Theodosius i um 381 KaQTtodd/.ai in ge- 
sellschaft von Skiren und Hünen von jeuseit der untern Donau 
genannt, man schreibe also Kagnodaydiv statt Ka/tTtaöoxüjv, 
so steht alles in dem besten einklange und die Karpaten sind, 
der altionischen ansieht ganz entsprechend, dem im sechsten 
Jahrhundert auf der Haemushalbinsel schreibenden auctor das die 



DONAU. DUNAV'L. DUNAJ' 35 

sonue verbergende gebirge des nordens. doch werden diejenigen, 
die dem Caesarius von Nazianz schon diese schrift absprachen, 
ohne zweifei über ihren Ursprung und die zeit und heimat ihres 
Urhebers Untersuchungen angestellt haben, und sollten sie aus 
entscheidenden gründen zu einem andern resultate gekommen 
sein, so will ich auf meine Vermutung und annähme kein allzu 
grofses gewicht legen. 



Erst nachdem ich, verehrtester freund, die erste hälfte dieses 
aufsatzes geschrieben, ward mir Ihre russische schrift über den 
gotischen Toparchen durch die freundlichkeit meines herrn collegen 
Jagic entsiegelt und s. 123 einmal vor übersetzt, ich sehe daraus 
dass ich Ihre fragen und bedenken im einzelnen nicht erledigt 
habe, glaube aber dass die Vermutung, die die durch alle Zeugnisse 
der alten bewährte tatsache, dass Danuvius der keltisch-römische, 
"loTQog der thrakisch-griechische name der Donau war, auf den 
köpf stellt, am wenigsten bei Ihnen einer Widerlegung bedarf, 
und hoffe im übrigen auf Ihre Zustimmung, erfreulicher wird 
mir keine sein, wundern Sie sich aber nicht dass Ihnen diese 
kleine arbeit zugleich auf zwei wegen zugeht, als besorgte ich 
dass Ihnen irgend etwas, auch das unbedeutendste, was Sie 
interessiert, irgendwo entgehen konnte, dem neuen boten, den 
prof. Jagiö mir mit freundschaftlicher bereitwilligkeit im Archiv 
für slavische philologie zur Verfügung stellte, — wie konnte ich 
ihm diesen auftrag verweigern, dem Jagic selbst noch aus seinem 
reichtum mancherlei hinzufügen wollte 1 meinen alten boten au 
Sie, die Zeitschrift für deutsches altertum, aber nun im dritten 
oder gar vierten Jahrzehnt unseres Verkehrs mit einem male ab- 
zudanken, wäre doppelt undankbar gewesen, da auch seine kund- 
schaft wenigstens hie und da ein interesse an diesen dingen hat. 

12. 2. 76. 

In treuen Ihr 

K. MCLLENHOFF. 



36 ENGLISCHES AUS HIÜDEMIUSIIANDSCHRIFTEN 



ENGLISCHES AUS PRUDENTIUSHAND- 
SCHRIFTEN. 



1 Abraham exemplum fule- 
liler credenlium i'mt(de7' 
ganze salz fehlt B). 



2 übi quinque reges pre- 
dati sunt Loth. 



3 Abram post praedones 
(predones B) ciirrit. 



4 Abram devictis hostibiis 
recepto Loth cum vic- 
toria revertitur. 



5 Ubi (fehlt B) Abram de- 
cimas ofTert et Melchi- 
sedechHabrahae (Abrahe 
B) panem et vinum : 
Melchisedech rex et sa- 
cerdos dei summi (sum- 
mi fehlt B). 



A Hör Abraham bysene onstcalde ge- 
leädullum, |)ä hc wolde bis ageii 
bearn acvvellan, swä bim seo stefen 
bead of heofonum (von him ab nn- 
deutlich). 

B Hör godes swydra forbead Abrahame, 
\Hit he liis sunu ne ofslöge, swä him 
beboden was, ac lunde him änne 
ram gode tc*» geoffrigenne. 

A Her l»a fif cyningas mit hüde leeddan 
Lotli gebundenne. 

B Hör das fif kynegas bereäfodon Loth 
äl bis «bton. 

A Her Abram äfler jjsre (dahinter etwa 
10 buchstaben unlesbar). 

B Her Abraham ferde äfter dam kyne- 
gon, de Loth bereäfodon. 

A Hör Abram oferwunnenum feöndum 
onfeng Loth fh um rande abgeschnit- 
ten) and mid sige gehwearf (f un- 
deutlich). 

B HerAbrahawi gewunnenum sige ferde 
ongeän mid Lothe, bis msege. 

A Ht'r Abram bis teö|)an sceattas offrede 
and Melchisedec offrede Habrahe hläf 
and Win: Melchisedec was cyningc 
atid mässepreöst fmässe nicht ganz 
deutlich) \)äs heän godes. 

B Her Abraham geaf dam kincge Mel- 
chisedech da teödunga of dam din- 
gon, de h6 gewunuen häfde; and 
se Melchisedech was »gder ge kincg 
20 godes sacerd. 



ENGLISCHES AUS PRUDEMlUSHANDSCHllUTEIN 37 



6 Ubi tres angeli apparent 
(aparent A) Abrahe in 
convalle Mambre (ae B). 

7 Prudentius orat. 



8 Fides secura adhuc belli 
iguara (secura — ignara 
fehlt A) idolatriam re- 
pugnat prima. 

9 Fides eoncuicat idola- 
triam (bild und erklä- 
rnngen fehlen B). 

10 Fides post victoriam (vic- 
toria B) virtutes coronat 
(nant B). 

1 1 Pudicitia contra libidi- 
nem armis pugnat. 



12 Pudicitia libidinem cum 
saxo perculit. 

13 Pudicitia libidinem trans- 
figit gladio. 

14 Pudicitia libidinem ex- 
tinctam increpat. 



15 Sancta (fehlt B) pudici- 
tia gladium purificat (da- 
für gl. SU um lavit in 
lordane B). 

16 Pudicitia gladium suum 
sub altare (s. a. fehlt B) 
in templo recondit. 



A unleserlich geworden. 

B H6r äteöwdon dry englas Abrahame 
on dam done, de Mambre was hAten. 

.1 Her seö gleäwnes heü gebit. 

B Hör Prudentius hine gebitt [on na- 
man]. 

A Her se göda geleafa »rest ongean 
\)(it deöfolgyld wind. 

B Her se geleafa fibt ongean da deö- 
folgyld. 

A Ht'r se geleafa ofertret \^ät deöfol- 
gyld (ganzer satz sehr undeutlich). 

A H6r se geleafa äfter l»äm sige cyne- 

belmode l)a mägnu. 
B H(T se geleafa älter gewunnenum 

sige gewuldorbeagad da mihta. 
A Hör seö clsennes mid waepnum wind 

ongeAn |)a fvilnesse. 
B Her seö chBnnys fibt ongean da gal- 

nysse. 
A H6r seö dünnes (es abgeschnitten) 

|jä fülnesse mid tlinte torfad. 
B Hör seö claennys wyrpd |)ä gälnysse 

mid staue. 

A Her nes (sonst unleshar). 

B Hör seö eisen nys durhdyd })a gal- 

nysse mid svvurde. 
A Hör seö clfennes [);» fülnesse ofer- 

cumene l)reäd. 
B Hör seö cltennys dread j)ä ädwesce- 

dan gälnysse. 
A Seö hälige dünnes })ät sweord feor- 

mad (mad undeutlich). 
B Hör seö cbcnnys ädwöb byre swurd 

on diere ea lordane. 
A Seö chennes byre sweord under jiäm 

(am unleserlich : das folgende undeut- 
lich) weofode on \)i\in temple byt. 



3S ENGLISCHES AUS PRUDENTILSHANDSCHHIFTEN 



17 Ul)i patieiitia inter acies 
vitiorum intrepida stat. 

ISlra patieutiam conto 
perciilit. 



19 Ira patieutiam increpat. 



20 Ira lanceam suam iacit 
contra patientiam. 



21 Anna fracta, quae mi- 
serat ira contra patien- 
tiam. 

22 Ira patientiam gladio 
(fehlt B) percutit. 

23 Gladius ire (e B) frangi- 
tur in capite fe B) pa- 
tientiae. 

24 Ira se sagitta interficit. 



25 Patientia victrix iram 
mortuam increpat. 

26 Patientia cum lob me- 
dias acies transit. 



B U()r se6 clannys hohvt liyre swurd 

on (lAm tcmple, 

A Hrr |> werode . . . 

B H(T \uU gedyld Stent unforht be- 

tweönan d;\ra leahlra truman. 
A Her \uit yrre \>fit gejjyld mid |)äm 

sceal'te slibd. 
B Her \)(U yrre slihd \)(U gedyld mid 

bis spere. 
A Her \)(U yrre \)ät gejiyld Stent : jjreäd 

(undeutlich). 
B Her \yät yrre dreäd \^ät gedyld, 
A Her \)ät yrre hys spere scotad on- 

geän (on verlöscht) ])ät gedyld. 
B Her \)(it yrre scyt bis spere ongeän 

\H'it gedyld. 
A Her }>A wtep : : weorda : tö : : : cene, 

l^e \)ät yrre sende ongeAn \)ät gedyld. 
B Her synd da wrepna töbrocene, de 

\iät yrre scet ongeän \)iit gedyld. 
A Vät yrre \)dt gedyld mid sweorde 

slöb. 
B Her slibd \)ät yrre \)(it gedyld. 
A Sweord l)äs yrres töbrocen weard 

on beäfde J^äs gedyldes. 
B Her was das yrres swurd töbrocen 

on das gedyldes beäfde. 
A Her \)ät yrre bit sylf mid flaue of- 

stang (g weggeschnitten, stau nicht 

ganz deutlich). 
B Her \^(U yrre ofslibd bit sylf mid bis 

swurde beforan d;\m gedylde. 
A \*ät gedyld oferswidende \}ät yrre 

deäd bit jtreäde, 
B Her \)dt gedyld dreäd \iät deäde yrre. 
A Pät gedyld mid lobe on middewear- 

dum werode för. 
B Her \mt gedyld mid lobe dam bäl- 

gau durbferde dära leabtra truman. 



ENGLISCHES AUS PRÜDENTIUSHANDSCHRIFTEN 30 



27 Palientia cum lob lo- 
qiiitiir. 

28 Patientin devictis vitiis 
ad virtutes loquitur. 



29 Superbia in turmas ef- 
freni volitat aequo. 



30 Superbia aequitat. 

31 Superbia in equo (aequo 
B) minatur turbis. hu- 
niilitas et spes intrepi- 
dae (e A) stant. 



32 Superbia inruere vult 
super bumilitatem et 
spem. 



33 Superbia cadit in fovein 
(so AB). 

34 Humilitas deridet super- 
biam iacentem. 



35 Superbia iacit (so B: S. i. 
fehlt A): humilitati (mit 
ende A) spes offert gla- 
diuni. 

36 Humilitas amputat (ani- 
putet A) Caput super- 
biae. 



A ViU gcdyld wid lob spräc. 

B Her \i(it gedyld sprecd tö lobe. 

A l^dt gcdyld ofcrcumenum leahtrum 

to |)am mägnum spräc. 
B Her \>cit gedyld oferswiddum leahtruiw 

sprecd 16 dam mibton. 
A Seö ofermödnes on heape ungemid- 

ledum horse fleäh. 
B Her seö mddinys rit intö ^ät folc 

on ungemidlodon horse. 
A Her seö ofermödnes räd. 
B Hör seö mödinys rit. 
A Seö ofermödnes on horse jjyvvde \n'it 

folc. seö eädmödnes and s : hopa 

unfor : t : : : : : dad. 
B Her seö mödinys on horse dywd 

\}(it folc. ac seö e^dmödnys and se 

hiht standad unforhte. 
A Seö ofermödnes stellan (auf rasur) 

wile ofer efidmöduesse and })one 

hopan. 
B Her seö mödinys wyle offeallan da 

eadmödnysse arid done hiht. 
.4 Her seö ofermödnes feöl, \^ät heö 

on {lone fülan seäd lag. 
B Her seö mödinys feald on done seäd. 
A Seö eädmödnes hlöh J^ere ofermödig- 

nesse fylles. 
B Her seö eädmödnys gebysmrad |)ä 

licgendan mödinysse. 
A Se hopa arsehte sweord [Mcre eäd- 

mödnesse. 
B Her seö mödinys lid, and se hiht 

byt bis swurd diere eadmödnysse. 
A Seö eädmödnes of acearf heäfod |)a5re 

ofermödignesse. 
B Her seö eädmödnys heäwd of dsere 

mödinysse heäfod. 



40 ENGLISCHES AUS PRUDEMUSIIAMiSCIllUFTEN 



37 Hiimilitas caput (kaput 
B) superbiae (e B) offert 
spei. 

38 Extinctam superbiam 
spes increpat. 



39 Hiimilitas ascendit in 
caelum. virtutes miran- 
tur eam. 



40 Luxuria in caena (cena 
Bj sedit. 



41 Luxuria audilis tubis ad 
bellum currit. 



42 Luxuriam niirantur viri 
in curru. 



43 Luxuria blandimentis vir- 
tutes decipit. 



44 Viri deiectis armis se- 
quuntur (secuntur A) 
luxuriam. 



45 Cuncta acies versis signis 
ad dedilionem transit. 



A Seö Ci'utmödnes heftfod |)ujre oft;r- 

mödignesse Araehte \tMn hopan. 
B Her seö eädniAdnys byt dan liihte 

diere niodinysse lieäfod. 
A Oferwunnenre l);cre ofermrtdignesse 

se hopa hcö |)rei'id('. 
B Hrr se hiht dread \ny ädwrescedan 

mödinysse. 
A Seo eädmödnes asläh on heofon, 

and \)'d mägnu wundredon hyre. 
B Her seö eädmödnys astihd tö heo- 

fonan dam ödrum mihtum wundri- 

genduw. 
A Seö gälnes ät hyre sefengereordum 

sitt. 
B Her seö galnys sit on hyre gebeör- 

scipe. 
A Seö gälnes gehyrenduw byman tö 

JjAm gefeohte arn. 
B Her seö gäluys arn tö gefeohte, da 

heö d;\ byman gehyrde. 
.4 losere ( l* abgeschnitten) gälnesse 

wundredon weras on Jjam eräte. 
B Her \>dt folc wundrad, hCl seö galnys 

färd on hyre cräte. 
A Seö gälnes swaesum wordum }jä mägnu 

beswAc. 
B H6r seö gAlnys beptecd dA mihta mid 

hyre ges\v»snyssum. 
A Her weras Aworpenum wsepnum fyl- 

gedon J)£ere gälnesse (der ganze satz 

sehr undeutlich). 
B Her \)ät folc lede bis waepua and 

filide daere galnysse. 
A Eal werod gehwyrfedum täcnum tö 

|)fere biswicenesse föron. 
b Eal \uet gaderunge mid gewende ta- 

cen to de gälnesse for. 



ENGLISCHES AUS PRUDENTIUSHANDSCHRIFTEN 41 



46 Sobrietas increpat acies 
(licens, ne sequaotur 
luxuriam. 



47 Sobrietas crucem doniini 
offert currui luxuriae. 



48 Sobrietas lapideni iacit 
et percutit os luxuriae 
(e B). 



49 Sobrietas increpat luxu- 
riam extinctam. 

50 locus cymbala proiciens 
fugit. 

51 Amor, qui et cupido, 
fareträm, arcum et sagit- 
tas dimittens fugit. 

52 Pompa ornamenta sua 
proiciens fugit. 

53 Voluptas laceratis pedi- 
bus per spinas fugit. 

54 Sobrietas et alie virtutes 
abstinent se a spoliis. 

55 Avaritia aurum inter 
arenas legit. 

56 Avaritia spolia in sinistro 
latere protegit. 

57 Multitudinem vitiorum 
avaritia nigro lacte nu- 
trit. 



58 Avaritia multos sternit, 
alios cecos errare sinit. 



Ä H^r seö syfernes })reäde \)(U werod 
cwedende, \mU hit ne fyligde |)8ere 
gälnesse (gälnesse abgeschnitten). 

b Her sy syfernesse dam folce mid 
worde gedread. 

A Seö syfernes drihtnes rode bröhte 
ongean |:>a3re gälnesse cräte. 

b Her seo seofernysse bered Crisles 
rode ongean deas galnesses erdete. 

A Seö syfernes mid stäne wearp \)d 
gälnesse on l)one müd, \^ät heö fleäh, 
\)ät heö lag. 

b Her seo syfernesse werpd da gäl- 
nesse mid stane (b fehlt dann bis 56). 

A Seö syfernes JDreäde pä gälnesse ofer- 
cumene. 

A Her }iära cymbala stöw äworpen 
was. 

A Seö lufu J3fere griedignesse cocor 
and bogan and llän forlet fleönde. 

A Se woruldwela bis frätewunga äweor- 
pende fleäh. 

A Seö gelustfullung gewundedum fötum 
jjurh ('teil von u tmd ganz rh ab- 
geschnitten) J)ä jjornas fleäh. 

A Seö syfernes and ödre mägnu for- 
häfdon heö fram herereäfe. 

A Her seö gytsung hyre gold betweoh 
|)ä wätersedran r«t. 

A Seö gytsung byre reäf on jjaere 
wynstran sidan scylt. 

A Micel leahtra (a zum teil abgeschnit- 
ten) menigeo seö gytsung sweartre 
meolce fet. 

b Her seo galnese tytrode bir cyn on 
hire sylfre (b fehlt dann bis 65). 

A Her seö gytsung manega ofertret 
and ödre blinde dwelian Iset. 



42 ENGLISCHES AUS PRUDEMTIÜSHANÜSCHRIFTEN 



59Avaritia, dum aliquid 
boni ostendit, iaculo per- 
cutere vult. 



60 Avaritia niuUos procipi- 
tat in igneni. 

61 Avaritia transformaturin 
habitnm honestum. 

62 Avaritia fallit. 

63 Avaritia hos, quos fallit, 
ligat. 

64Virtutes dubitant avari- 
tiam non plene cogno- 
scentes. 

65 Largitas pugnat contra 
avaritiam et spolia eins 
pauperibus erogat. 

66 Avaritia stupet'acta fa- 
tescit (so Ab). 

67 Largitas avaritiam ligat. 

68 Largitas avaritiam geni- 
bus et calcihus perfodit. 

69 Largitas spolia avaritiae 
pauperibus dat. 

70 Largitas cum gaudio tur- 
bas alloquitur. 

71 Pax venit, let fugiunt 
metus et labor et vis. 

72Tubae silent, gladii re- 
conduntur in vaginas. 

73 Virtutum legio gaudet 
victo certamine. 



^1 Hör seo g< tsung (das zweite g weg- 
geschnitten), l^onne heö Benigne gödnc 

ongit, mid fid weggeschnitten) strrelc 

iicö |)onne (on weggeschnitten) stician 

wile. 
A Her seö gytsung manega bescyfd 

on fyr. 
A Her seö gytsung gehivvod was vveord- 

lice on gegyrelan. 
A Her seö gytsung leäs spei sägde j)äm 

folce. 
A Her seö gytsung wrad |)i\, ])e heö 

8cr leäs spei sägde. 
A Ht^r |3a mägnu tweönedon be })3ere 

gytsunge, \M'it hiö fullice hiö ne on- 

cnewon. 
A Hör seö rilmgifolnes wind ongean 

|);\ gytsunge and hyre reäf hiö |jear- 

fum bebet. 
A Her seö gytsung wundrede hyre ge- 

teorodnesse. 
b Her se iytsere (so ! dann fehlt b bis 77). 
A Her seö riimgyfolnes l)a gytsunge 

wrad. 
A Hör seö rümgyfolnes l)a gytsunge 

mid cneöwum and mid fötum hiö 

oferträd. 
A Hör seö rümgyfolnes reäf l)fere gyt- 
sunge |)earfum dfelde. 
A Seö rümgyfolnes mid gefeän tö l)am 

folce späc. 
A Hör seö gesibsumnes com, and fleäh 

se ege and \^ät gcswinc and seö 

strengd. 
A Hör l)ä byman swigedou and \yA 

sweord on hiora (a weggeschnitten) 

sceädum behydde wjeron. 
A Hör 1)A mägnu l3?ere «wfästnesse 

blissiad bäs gewiinnenan siges. 



ENGLISCHES AUS PRÜDENTIL'SHAiNDSCHRIFTEN 43 



74 Concordia iubetreducere 

vexilla in castris. 
75Turba psallentium equi- 

tum ac pedestriimi. 

76 Virtutes iirbem ingre- 
diiinlur. 

77 Discordia occultae vul- 
nerat concordiam. 

78 Discordia virtntihus in- 
sidiatur et capitur. 



79 Fides virtutum tiirmas 
alloquitur. 

80 Fides et Caritas meliun- 
tur lociim, ubi templum 
domini aedificetur. 

81 Hie templum domini. 

82 Domus interior, ubi sa- 
pientia sedet. 

83 Prudentius (das zweite 
u ilber a von anderer 
hand?) gratias deo agit. 



A Her seö ge|)waernos höt beran Jjä 
güdfanan in on da ceastre. 

A Pis is \)((t bleödrigende folc ridende 
and cäc fötum gangende. 

A Her j)ä mägnu in on }>ä burh gangad. 

A Her seö ungedwcernes dygoUice wun- 

dode })ci gedwaernesse. 
A H(^r seö ungedvvternes \i& mägnu 

syrvvde and gebäfte. 
b (rot) Her hi sui (so! b fehlt bis ans 

ende). 
A Her se geleäfa l^ära magna wid \iät 

werod specd. 
A Se geleafa and seö lufu mseton JDone 

stede, hwser hiö drihtnes tempel 

rreran woldan. 
A Hör is drihtnes templ. 
A I*is is \^ät hüs, })»r se wisdom on 

innan sit. 
A Her seö gleäwnes d6d gode })anc. 



Die vor ansteh enden englischen Übersetzungen der lateinischen 
erklärungen von bildern zur Psychomachie des Prudentius sind 
entlehnt : 

A einer hs. im Britischen museum, Cotlon. Cleop. C viii, 
B (resp. b) einer Cambridger hs., Corpus Christi College 23. 
die Übersetzungen sind, wie jeder sieht, ganz unabhängig von ein- 
ander und weit später geschrieben, als das lateinische: A um den 
beginn des 11 jhs., B um das ende desselben. B reicht nur bis 
44, es folgt dann b, eine andere hand, die aber nur einzelne er- 
klärungen übersetzte 45 — 48, 57 und zum teil 66 und 78. von 
einer dritten späteren hand rührt das eingeklammerte unter nr 7 
her. b kann den schriftzügen nach nicht sehr viel jünger sein 
als B, aber b ist schon me. man vgl. sy = seö 46, deas = das 
47, das schwanken zwischen y und eo in dem ae. syfernes 
46, 48, 47, abfall des e in hir 57, erweichung des g zu i in 



44 ENGLISCHES AUS PRlIDENTlUSHANDSCnRlFTEN 

iylsere 66. ferner, was die formen anbelangt, so ist mid gewoiide 
taccn 45 zu beachten, ferner dass ein e im nominaliv angenommen 
haben gatlerunge 45, syfernesse 46, 48. scofernysse 47, galnese 57. 
von dem letzteren wird der genetiv galnessos 47 gebildet mit dem 
artikel deas davor, wozu Jjaet gaderunge 45 stimmt, es kommt sogar 
schon de als artikel vor 45. 

B zeigt aber noch ganz erträgliches ae. freilich muss man 
in so später zeit auf manche abweichnngen von der strengen reget 
gefasst sein: so finden wir die endnng on statt um in tehton 2, 
kynegon 3, dingon 5, mihloii 28, ungemidlodon 29; a statt u 
ah endung im nom. acc. plur. des neutrums iti wjepna 21, 44; 
ferner swydra für swydre 1, i statt ig in mödinys 29 — 38 nnd 
filide 44; contraction in cyning : kynegas 2, kynegon 3, kincge 5, 
kincg 5. vielleicht ist auch sc^t = sceat 21 hier zu nennen, 
obwol 6 statt eä auch in früherer zeit gelegentlich vorkommt. 

A bietet sprachlich nur zu wenigen bemerkungen anlass. man 
beachte den ausfall des r in späc 70, specd 79 (aber spräc 27, 
28); sodann namentlich lie6, hiö = eam 7,38,64, ?68. «oj'r 
haben hier ohne allen zweifei das autograph oder wenigstens das 
autodictat des Übersetzers nnd an einen Schreibfehler ist bei dem 
mehrmaligen vorkommen nicht zu denken, die form ist dadurch 
jedesfalls als im anfange des 11 jhs. vorkommend gesichert: aber 
das vereinzelte beispiel in den Blickling homilies wird doch wol vom 
Schreiber herrühren (Anzeiger i, 120). syntactisch interessant ist 
auditis tubis gehyrendum byman 41. Gr. iv, 68. 

Was das Verhältnis des englischen zum lateinischen anbelangt, 
so hat B seine sache recht gut gemacht: es ist ein unbedeutendes 
versehen, dass 24 sagitta durch mid bis swurde U7id sowol bbido 
11 — 14, als auch luxuria 40 — 44 durch galnys übersetzt ist. 
nr 1 ist nicht übersetzt, da die lateinische erläuterung in der hs. 
fehlt, vielmehr ist das bild selbständig gedeutet. — b hat ziemlich 
ungenau übersetzt in 46, 48, 57. bei 66, 78 icurde nur der an- 
fang gemacht, deditionem 45 scheint zu schwer gewesen zu sein. 
— A hat nicht wenige fehler aufzwceisen. Prudentius wird zwei- 
mal als prudentia übersetzt 7 und 83; in turmas als in turma 
29; deditionem vielleicht als deceplionem (vgl. 43) 45; iocns 
als locus und vielleicht fugit als fuit usw. 50; amor, qui et cu- 
pido 51 konnte der Übersetzer nicht construieren ; arenas ist als 
venas und legit durch rjet statt list oder gegädrad widergegeben 55; 



ENGLISCHES AUS PRUDENTIUSHANDSCHRIFTEN 45 

aliquid boni als aliqucm bonum und ostendit als oft'endit 59; 
slupefacta fatescil als stupefacta est, quod fatescit 66; virtutum 
legio als viifutes religionis 73; capitur als capit 78, um geringere 
versehen nicht zu nennen, eigentümlich übersetzt ist namentlich 
auch 48. 

In dem abdrucke ist der gebrauch der grofsen buchstaben ge- 
regelt, die abkürzungen aufgelöst (aber durch cursivdruck bezeichnet) 
lind bei A nnd B (nicht bei b) länge und kürze des vocals ge- 
schieden und deshalb die accente der hss. unberücksichtigt gelassen: 
es kommen vor in A 35. 37 ;\rißhte, 36 öf; in B 15 ea, 26. 27 
lobe, 29 rit. dagegen habe ich d und \i gelassen, icie sie in den 
hss. stehen. A ist zum teile sehr schwer, ja manchmal gar nicht 
zu lesen: lässt sich die anzahl der unlesbaren buchstaben mit 
einiger Sicherheit bestimmen, so ist in dem abdrucke je ein doppel- 
jjunkt für einen buchstaben gesetzt, sonst stehen einfache punkte, 
die ergänzung von 21 (vvsep«?< weordar/ iöbrocene) und 31 (se 
hopa iinfoi7(te s/a/ulad) gibt B. wenn in 19 J)reäd richtig gelesen 
ist, tnuss das unlesbare die abkürzung für and sein, und wir hätten 
dann eine eigentümliche prolepsis des leidenden objectes Jjät ge- 
|jyld, mit der ich im augenblicke nur vergleichen könnte aus lord 
Byrons Giaour: 

Tbese sceiies, their story not unknown, 

Arise, and niake agaiu your own. 
aufserdem sind vielfach in A die letzten buchstaben der am rande 
rechts oder hnks von den bildern stehenden Zeilen beim einbinden 
abgeschnitten worden, loas in jedem einzelnen falle angegeben 
iDorden ist. 

Die Sätze enthalten keine besonders interessanten Wörter, doch 
kommen einige vor, die entweder in den Wörterbüchern fehlen oder 
ohne beleg angeführt sind: ich nenne beswicenes 45 A, cynehel- 
mian 10 i, gelustfullung 53 A, geteorodnes 66 A (defeclio vi- 
rium?), ofertredan 9 i, 58 i, 68 i, offeallan 32 ß (also offeöll 
Sal. 215 doch wol richtig), rümgifolnes 65, 67 — 70 A. stellan 
32 i ist springen, laufen (s. Grein styllan und Ettmi'dler 732 
styllan, stellan), tytrode 57 b ist verschrieben für tydrode. 
Wien, 24 februar 1876. JULIUS ZUPITZA. 



46 DIE CARMINA BURANA 



DIE CARMINA BURANA UND DIE ANFÄNGE 
DES DEUTSCHEN MINNESANGS. 

Die Vermutung Schmellers in der vorrede zu den Carmina 
Burana s. viii, es möge 'sich auch der deutsche, wenigstens der 
kunstmäfsige minnegesang nach einem lateinischen gebildet haben', 
scheint mir eine grölsere beachtung zu verdienen als sie ge- 
funden hat. ich halte sie l'iir richtig und glaube den beweis 
dafür in der Sammlung der Carmina Burana selbst zu tiuden. 

Ich gehe aus von Docens bemerkung, Mise. 2, 190: 'den 
hauptinhalt macht eine reihe gereimter lateinischer lieder aus, 
deren thema sehr verschieden ist; da wo die erotischen anfangen, 
ist sehr häufig unmittelbar zu ende eines solchen liedes eine 
Strophe teutscher verse beygefügt, die hier in derselben folge, 
welche das manuscript befolgt, erscheinen werden, der zweck, 
warum mau diese altteutschen verslein jenen zech- und liebes- 
liedern beysetzte, bestand wohl darin dass man in den munteren 
kreisen, in denen von den lateinischen gesängen gebrauch ge- 
macht wurde, zur abwechslung zugleich einiges in der mutter- 
sprache in der nämlichen melodie vor sich hatte; denn meisten- 
theils haben die teutschen verse eben jenes metrum, welches in 
den voranstehenden lateinischen gedichten befolgt worden.' 

Auf diese Übereinstimmung zwischen den deutschen Strophen 
und den lat, liedern in den CB ist dann auch in neuerer zeit 
mehrfach hingewiesen worden: so von Bartsch, Deutsche heder- 
dichter des zwölften bis vierzehnten Jahrhunderts, Leipzig 1864, 
wo unter xcviii, in der Sammlung der namenlosen lieder auch 
die deutschen Strophen der CB grofsenteils bearbeitet worden 
sind, und in Germ. 6, 204; so ferner von Scherer, Deutsche 
Studien ii (Sitzungsberichte der phil. bist, klasse der akademie), 
Wien 1875. auch Gervinus in seiner Geschichte der deutschen 
dichtung V, 497 hebt unter den lateinischen gedichten der CB 
hervor 'die lateinischen nachbildungen einzelner stücke unserer 
minnesinger, von denen der dichter zuweilen, und nur von ferne, 
den inhalt, immer und genauer den slrophenbau wiedergab. 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 47 

offenbar zu dem zwecke die worle der spiel- und tauzweise an- 
gepasst zu halten.' 

Gervinus entscheidet sich also in der frage nach der priorilät 
für die deutschen gedichte; und dies scheint auch die ansieht 
derer zu sein, die sich sonst darüber geäufsert haben, dass sie 
irrig ist, hoffe ich zu erweisen; muss aber vorher die Überein- 
stimmung der beiden fassungen etwas genauer darlegen. 

Wie schon Docen bemerkt hat, stehn die einzelnen deutschen 
Strophen fast ausschliefslich in dem teile der handschrift, welcher 
die erotischen lieder enthält; und zwar auf hlatt 5G'' bis 81''. 
vorher findet sich auf bl. 14 ein tagelied Ottos von Botenlauben 
(Schmeller nr 144 b); und unter den zuletzt, nach 82'' folgenden 
liedern, die verschiedenen inhalt haben, zumeist aber trunk und 
spiel feiern, erscheinen 90'' eine Strophe des Eckenliedes (nr 
CLXXX a), 92'' eine Strophe aus Walthers Kreuzlied, bei Lachniann 
14,38 (cLXXxvi a); endlich gehören verschiedene deutsche Strophen 
dem Passionsspiele an auf fol. 107 f (ccii). diese deutschen 
Strophen haben keine lateinischen gegenstücke; wir können sie 
also von unserer betrachtung ausschliefsen, die auf vergleichung 
der lateinischen und deutschen stücke ausgeht, ebenso ist nur 
deutsch, nicht lateinisch überliefert das dreistrophische minnelied 
54'' (94a); auch dies also fällt weg. dann bleiben zwischen 
fol. 56'' und 81'', abgesehen von den versus (hexametern) auf 
fol. 63—64 fünf lateinische lieder ohne deutsche Strophe hinter 
sich (nr 118 — 122), auf fol. 70 ein aus lateinisch und deutsch 
gemischtes (138), auf fol. 72 zwei ebensolche (145. 146), auf 
fol. 72" ein lateinisches (147), auf fol. 77'' — 80'' neun lateinische 
(154 — 162). zu den gemischten gedichten ist auch zu rechnen 
auf fol. 60"' nr 112, worüber später noch besonders zu reden ist. 

W^ir vergleichen also folgende lateinische gedichte mit den 
ihnen angehängten deutschen Strophen: 98 — 111. 113 — 117. 
123—137. 139—144. 163—166; im ganzen 44. 

Von diesen stimmen die deutschen Strophenformen entschieden 
nicht zum vorhergehenden lat. gedieht in 110 a, wo auf ein latei- 
nisches lied in künstlicher form die anfangsstrophe eines be- 
rühmten liedes von Reinmar, eine Unterredung zwischen dem 
boten des dichters und seiner geliebten (MF 177, lOf) folgt; 
und in 129a, einem gewis sehr allen ringelreihenlied, einem 
wahren muster volkstümlicher Ivrik, das hier einem frechen 



48 DIE CARMINA BUHANA 

lateinischen liebeslied gegenüber steht, in den übrigbleibenden 
42 lateinischen liedorn und ihren deulschen anhängen liegt stets 
der gleiche strophenbaii zu gründe, doch niuss man allerdings 
von gewissen verschiedeniieiten abselin, welche zunächst einzeln 
constatiert, später im Zusammenhang besprochen werden sollen, 
aufserdem sind öfters die zeilen anders abzuteilen als dies Schmel- 
1er getan hat, und hie und da auch die versehn des Schreibers 
zu verbessern, zum teil sind diese Verbesserungen schon von 
denen, die sich bisher mit den CB beschäftigt haben, vorgenom- 
men worden, wo im lateinischen gedieht verschiedene Strophen- 
formen verbunden sind, kann man natürlich von den deutschen 
Strophen nur Übereinstimmung mit der einen oder der andern 
erwarten. 

98. im lat. haben wir vier Strophen von dactyliscbem bau. 
ihr Schema gebe ich an, indem ich die hel)ungen einer jeden 
zeile zähle und auftact oder klingenden ausgang durch ein der 
zahl vor oder nachgesetztes ^ bezeichne, ein punkt bedeutet zeilen- 
schluss, ein komma teilt Stollen und abgesang; ein -{- steht bei 
cäsur. die reimslellung geht aus den beigefügten buchstaben 
hervor, die natürlich in den reimlosen Zeilen, den waisen weg- 
bleiben, also haben wir hier: 4a. 4a. 4a. 4a. 4a; ja es geht 
sogar der reim durch alle Strophen durch, in 1, 2 ist zu lesen 
abil ; in 1, 3 et ferttas; 1, 5 ist et vor macies zu tilgen. 4, 1. 2 
sind natüriich anders zu ergänzen als Schmeller getan hat; uud 
die 3 zeile bei indnitur zu beginnen. 

Die deutsche Strophe 98 a wird in Lachmanns anmerkungen 
zu Walther 39, 1 als parodie eines Waltherischen liedes ange- 
führt uud ihre lesart gebessert, auf das Verhältnis zu Walther 
kommen wir später zurück. Bartsch Liederdichter s. 361 be- 
merkt dass in der deutschen Strophe der CB der zweite dactylus 
in allen zeilen durch einen trochäus vertreten wird. 

99. drei lateinische Strophen : 4 a. 3^b, 4 a. 3^b, 4 a. 3-'b. 
4a. 3^b. ebenso in der deutschen Strophe; bemerkenswert ist 
dass in der 5 zeile wol betont werden muss mm herze muoz 
nach t'r streben. 

100. im lat. zwei Strophen: 3^a. ^2b, 3^a. ^2b, 3^c. --2d. 
3~^c. 3^c. ^2d. in der 2 Strophe bildet natürlich accipiant die 
2 zeile. im deutschen haben wir wider die betonung in z. 5 
Der winder der heiden. 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 49 

101. vier lat. Strophen von derselben form wie 99; doch 
sind in str. 1 und 4 die stumpfen reime verschieden in den zwei 
Strophenhälften, und es hat die letzte zeile einen auftact, der 
auch 3, 6 sich findet, das deutsche hat auftact in allen Zeilen 
aufser in 5. 

102. sechs lat. Strophen von demselben Schema wie 99. 
in z. 3, 3 hat gandia wol mit debeat in z. 4 den platz zu tauschen; 
doch verstöfst auch 5, 5 venerit gegen den reim; ebenso 6, 3 
alligor; und die erste Strophe hat wider nicht den gleichen 
stumpfen reim in den beiden hälften. im deutschen fehlt die 
z. 6; sie ist vielleicht zu ergänzen in des meien blüete. auftact 
haben hier z. 1. 2. 3. 4. 8. 

103. im lat. fünf zehnzeilige Strophen (in der 2 fehlen z. 2 
und 4); das Schema ist: -4. ^3^a. ^4. ^3-a, ^4. ^3^b. ^4. 
^3~b, ^4. ^3^b. die fünfte lateinische und ebenso die deutsche 
Strophe weichen etwas ab, indem die ersten vier Zeilen alle den 
gleichen stumpfen reim haben, auch je vier hebungen, mit 
ausnähme der deutschen dritten, wo indes zu hlnomen leicht ein 
attribut ausgefallen sein kann, ebenso ist in z. 7 guoten vor 
kinden wol zu tilgen, in z. 10 inweiz zu schreiben, in der 
deutschen Strophe reimen wie in lat. 1 und 4 die beiden letzten der 
stumpfen Zeilen; ohne auftact ist nur die 5. hier ist also das 
mafs: --4 3. --4 a, ^3(^4?)a. ^4a, 4. -'3-'b. -'5(^4?)c. ^3H). 
-4 c. -'3-'b. 

104. im lat. weichen die letzten drei Strophen Schmellers 
von den ersten zwei ab. von diesen ist jede in zwei zu teilen 
mit dem Schema: 4a. 4a. 4a. 4a. 

Ebenso die deutsche Strophe, in welcher heide : meide in- 
reim bilden, um Bartschs terminologie Germ. 12, 129 zu ge- 
brauchen, und nur die 2 zeile keinen auftact hat. 

105. drei lat. Strophen, versmafs wie 99; doch reimen nur 
die kUngenden zeilen. auftact in 1, 3. 2, 1. 2. 3, 2 (oder ist al- 
jenaris zu lesen?). 3. im deutschen reimen doch z. 1. 3 und 
5. 7; auftact haben hier z. 1 (?). 3. 4. 8(?). 

106. im lat. drei Strophen mit dem Schema: 2-a. 2--a. 4b, 
2-a. 2-a. 4b, 4b. 2-c. 2-c. 4b; nur die 2 hat die reimstellung 
aabccbbddb. 

Davon scheint das mafs der deutschen Strophe — sieben 
Zeilen zu je 4 hebungen mit stumpfem ausgang und auftact, 
Z, F. D. A. neue folge VIII. 4 



50 DIE CARMINA BURANA 

der nur in z, 2. G fehlt und in z. 7 verdoppelt ist — ver- 
schieden; aber die zahl der liebuugen stimmt doch überein, wenn 
wir im lat. jedesmal die trochäischeu dipodien zusammenfassen 
und den klingenden ausgang der so gebildeten Zeilen mit dem 
stumpfen der deutschen gleich setzen. 

107. drei lat. Strophen zu vier Zeilen; denn, wie schon 
Bartsch, Liederdichter s. 360 bemerkt hat, die erste Strophe ist 
so abzuteilen: 

Jamiam rident prata, iamiam virgines 

iocnndantur, terre ridet fades, 

estas nunc apparw't 

ornatnsqm florum lete damit. 
in den zwei folgenden Strophen sind je die zwei ersten vers- 
pare zu einem verse zusammen zu ziehn. dann haben wir das 
Schema : 6 a. 6 a. 5 b. 6 b. in Strophe 3 ist militemus : vitemus 
überschlagender inreim. 

Dieselbe form auch im deutschen; nur ist z. 1 in dem zu 
im zusammen zu ziehn; in z. 4 ist mirst als auftact zu fassen, 
wie ihn alle zeilen haben. 

108. sechs lat. Strophen: die erste Schmellers ist natürlich 
mit z. 5 nemus zu schliefsen. 2, 2 ist zu lesen iubilat, 3, 1 
vielleicht finsitat 2 trimitat. Schema: 4a. 4a. 3"-'b. 4. 3^b. 
auftact in 2, 1. 2. 3, 5. 6, 2. 5. 

In der deutschen Strophe ist z. 1 wol zu betonen rf»M «?er/f; 
auftact, sogar zweisilbiger, findet sich in z. 4. 

109. fünf lat. Strophen von je fünf zeilen. denn dass die 

3 zeile in Schmellers Strophen hinter der 4 hebung geleilt werde, 
erlaubt der dort regelmäfsig sich einstellende wortschluss und 
verlangt der mangel einer Senkung, also: ö^-'a. 5^a. 4. 3^a. 
"-5^a. in 4, 5 fehlt der auftact, und ebenso in der deutscheu 
Strophe. 

111. drei lat. Strophen mit dem schema: 4 a. 4 a. 4 b. 4 a. 

4 a. 4b. in 3, 3. 6 ist wol anstatt 4 anzusetzen -3"'; denn die 
betonung in amdntes püellds : nee pulchrds domicellds würde auch 
die klingenden reime nicht gelten lassen. 

Die deutsche Strophe, sehr kunstlos gebildet, besteht aus 
zwei reimzeilen, die je dreimal widerholt werden; die Umstellung 
der handschriftlichen lesart stolz und hovisch, welche Schmeller 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 51 

erst bei der dritten widerholuug vorgeHommen hat, ist doch wol 
auch für die beiden ersten male notwendig. 

113. drei lat. Strophen auf das Schema: 4^a. 5b, 4^a. 5b, 
"-4 c. ^4. "^4c. der auftact fehlt 2, 6; in 1, 2 ist etwa iam ein- 
zuschalten, die deutsche Strophe hat auftact auch in z. 2; ohne 
auftact bleibt hier z, 7 in gesach ; die vorletzte zeile ist klingend, 
doch alle diese abweichungen vom lateinischen Schema werden 
durch die lesart der Pariser handschrift, welche die Strophe 
Heinrich von Morungen zuschreibt, beseitigt: MF 142, 19. 

114. fünf lat. Strophen von acht zeilen. Schema: 2^3 + 2~-'a. 
3 b, 2^a + 2-a. 3 b, 3 c. 2-'d + 2-^d. 2^ + 2-'d. 3 c, wonach 
Schmellers versabteilung mehrfach zu ändern ist. in 2, 1 fehlt 
der mittelreim; ebenso in 1,6; in der letzten Strophe hat der 
abgesang vielmehr die reimstellung 3 c. 2-d + 2""d. 2-e + 2^e. 

3 c. 5, 2 ist wol vivere zu lesen und in z. 4 vor teuere (adv.) 
zu interpungieren. 

Die deutsche Strophe gibt die mittelreime auf, in der 1 zeile 
hat sie nach unserer hs. einen auftact. 

115. vier lat. Strophen von je 4 zeilen mit einem refrain 
von zwei zeilen. Schema 4 a. ^4b, 4 a. ^4b; ^4 c. 5 c. nur 
2, 2. 4 sind klingend mit je drei hebungen. 4, 4 ist wol zu 
lesen qiii pleni sunt doloribus. die betonung in der ersten zeile 
des refrains Aves nunc in silvd canünt, im reime auf gdrriünt, 
darf nicht stören; vgl. mnltd 117, 1, 7. 

In der deutschen Strophe hat auch z. 3 einen auftact, sowie 
die zweite des refrains. 

116. vier lat. Strophen, die erste um zwei zeilen kürzer als 
die andern, welche 14 zeilen nach folgendem Schema haben: 

4 a. 3^b, 4 a. 3-b, 3H). 3^b. 3^b. 3Hx -'2 c. ^2 c. -3^b. 
-2d. ^2d. -3^b. 

Die deutsche Strophe hat gleichen bau. natürlich muss man 
z. 9 hinter wif schliefsen und z. 12 hinter geböte, letzteres 
reimt dann freilich ebenso wenig als chume in der 13 zeile. 
z. 5 und 7 reimen unter sich, aber nicht mit 2. 4. 6. 8. 11. 14. 
auftact fehlt nur in z. 1. 2. 4. 

Schmeller und Bartsch 290, 216 verbinden die 9 und 10, 
12 und 13 zeile des obigen Schemas, so dass im lat. zweimal, 
im deutschen einmal mittelreim entstünde; hierfür spricht aller- 
dings, dass dann die zahl der hebungen in den ersten und den 

4* 



52 DIE CARMINA BURANA 

letzten vier Zeilen gleich würde, wir also zwei Stollen hätten, die 
den abgesang in die mitte nähmen. 

117. drei lat. Strophen: es ist hei z. 8 hinter gaudia ab- 
zubrechen, sowie z. 15 hinter exardeo. diese letztere zeile ist 
überdies in zwei zu teilen, von welchen die erste mit exero 
schliefst, die zweite Strophe ist in der Überlieferung entstellt; 
Schmellers änderungen sind ebenso unbefriedigend als 1, 7 sein 
maxima anstatt des hslichen multa. Schema: ^4a. --4b, -4a. 
-4 b, -4 b. -4 b. -2 b. -4 b. auftact fehlt 3, 1. 

In der deutschen Strophe hat der abgesang einen andern 
reim als die zweiten Zeilen der Stollen : also ab , ab , cccc , wie 
dies freilich auch in der zweiten lat. Strophe der fall zu sein 
scheint, zur herstellung des Schemas ist in der deutscheu Strophe 
vor den namen durchgängig vrö zu lesen, wie in z. 1 steht; 
wie in dieser ist auch in z. 2. 4 denne in den zu kürzen und 
in z. 7 mines zu syucopieren. doch sind auch die prädicate 
minneclicher z. 5, tugende rkher z. 8 je um zwei silben zu lang, 
z. 6 könnte nian betonen tmd vrcelicher den GaüdiW. über die 
namen s. weiter unten, ebenso über den ungenauen reim Isabel: 
GaudiU : ekle : Baldine. 

123. zwei lat. Strophen, die auch in dem ludns scenicus de 
nativitate domini ccn verwendet werden, schema: 4a. 3-b, 4 a. 
3-b, 4 c. 4 c. 4d. 4d. auftact begegnet nur 2, 4. 

Die deutsche Strophe hat in der 1 zeile die betonung Diu 
werlt. 

124. fünf lat. Strophen von sechs Zeilen; doch könnte die 
fünfte zeile, die stets cäsur vor der vierten hebung hat, auch 
geteilt werden, schema: 3a. 3-b, 3a. 3-b, 3- + 3-b, 5-b. 
in 2, 6 ist hoc vor iocundum einzuschalten; dagegen überlädt 
Schmellers änderung 5, (5 den vers. 

Die deutsche Strophe hat auftact in z. 3 und 5. die beiden 
letzten Zeilen sind natürlich zu vereinigen. 

125. zehn lat. Strophen zu sieben Zeilen, die letzte zeile 
besteht immer aus zwei adonischeu versen; doch wird 2, 7 der 
erste adonius durch eine trochäische dipodie ersetzt, und in 6, 7 
beide, falls nicht hier ]plns in amore zu lesen ist oder der refrain 
von Str. 4 und 10 nicht auch hier gilt, in str. 3 und 9 be- 
steht die Schlusszeile aus einem jodelnden refrain, wie er auch 
die deutsche Strophe beschliefst, das schema ist 4a. 3-b, 4a. 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 53 

S-b, 4 a. 3^b. 4. auftact zeigt sich 5,6. 6, 1. 3. 8, 3. 9, 6; 
in der deutschen strophe nirgends. 

126. fünf lat. Strophen mit dem schema: "^3~^a. -3^3. 
^3~-a, ^4b. ^3^a, ^4b. --3-a. 

In der deutschen strophe hat z. 3 zweisilbigen auftact oder 
die kiirzung möht. 

127. drei lat. Strophen, schema: 6 a. 6 a. 4 b, 6 a, 6 a. 
4 b, -ö^c. 6b. 3^c. auftact in 1, 5. 3, 1. 2. 

Von der deutschen strophe ist nur der aufgesang vorhanden ; 
noch dazu haben die zwei ersten zeilen nicht in beiden fällen 
denselben reim, auftact hat z. 3. zu betonen ist: 1 ein wip, 
4 Ir schcener Up. 

128. vier lat. Strophen von sechs zeilen; denn die beiden 
letzten bei Schmeller sind in eine zusammen zu ziehen, das 
Schema ist: 5a. ^4b, 5a. ^4b, 4c. "^7 c. in 3, 6 ist wol 
ferjat zweisilbig auszusprechen und Venus zu lesen. 

In der deutschen strophe ist der auftact in z. 1 und 5 
falsch, es ist zu lesen wie MF 185, 28 ab, 31 als. 

130. vier lat. Strophen von je acht zeilen. abzuteilen ist 
in Str. 1 hinter arrideat und replico, str. 2 hinter honitas, talia, 
Str. 3 amabilis, suhiicio, 4 amahilem, vigeo. dann ist das schema 
3^a. 4b. ^2b, 3^a. 4c. -'2;c, --4. ^3^a. auftact haben 1, 1, 
2, 7. 3, 4. 7. 4, 2; er fehlt in 1, 4. in der deutschen strophe 
fehlt der auftact nur z. 4. 7. 8. 

131. vier lat. Strophen, schema wie 114, aber reimstellung 
wie in der deutschen strophe dazu ; die hier folgende gehört zu 
dem gleichen tone Walthers. 

132. drei lat. Strophen mit dem schema: 4. 3"'a, 4. 3-'a, 
4. 3"'a. 4. 3"'a, also beinahe wie 99. in der deutschen strophe 
sind auch die z. 1. 3. 5. 7 und zwar mit durchgehendem reime 
versehn. z. 1 ist hier Min vrö Venus und z. 7 gen zu schreiben, 
wenn man nicht auftact annehmen will. z. 4 ist betont der herze 
muoz lachen. 

133. vier lat. Strophen, schema: 3a. 3^b, 3a. 3^b, 3a. 
3 a. 3^b. 3 a. in 4, 2 lese man nror in Camino. 

Die deutsche strophe hat anstatt der klingenden zeilen stumpfe, 
und in z. 2. 4 je vier hebuugen. auftact haben hier z. 3. 7. 8. 

134. drei lat. Strophen, schema: 4a. ■"3^b, 4a. ^3^b, 
4c. 4 c. ^3~-'b. auftact begegnet in 3, 6. der reim fehlt 1, 1 



54 DIE CARMINA BURANA 

3. 5- 6; die hsliche lesart verbindet vielmehr 6 und 7 durch 
einen fälschen reim. 

In der deutsclien Strophe haben auch die Zeilen 2. 4. 7 
stumpfen ausgang, in der letzten zeilc mit 4 hebungen; auftact 
findet sich auch in z. 3 und 6. die reimung von 1 und 3 ist auf- 
gegeben, dagegen die letzte zeile mit den beiden ersten des ab- 
gesangs verbunden, von denen die erste dann freilich ungenauen 
reim hat. 

135. zwei lat. Strophen mit dem schema: 2^a. 2^a. 4, 
2^b. 2^b. 4 c, 2^d. 2^d. 6 c. 

Im deutschen sind die Zeilen 1 und 2, 4 und 5 zusammen 
gezogen, dagegen die letzte in drei dipodien zerlegt, nun ist 
das Schema: 4""a. 4b, 4^a. 4b, 2-c. 2^c. 2^d. 2^d. 2. 

136. drei lat. Strophen einfachster form, die erste aber nur 
zur hälfte überliefert, zur andern durch naturlaute ausgefüllt. 
Schema: 4 a. 4 a. 4 a. 4 a. 

In den zwei deutschen Strophen ist die reimgleichheit da- 
durch hergestellt dass die zwei ersten Zeilen jeder Strophe in 
umgekehrter Ordnung widerholt wurden; worüber später noch 
mehr gesagt werden soll. 

137. fünf lat. Strophen vom schema 108. in der hsUchen 
Überlieferung hat 5, 1 einen auftact, den Schmeilers änderung 
verdoppelt, im deutschen hat z. 5 auftact. 

139. fünf lat. Strophen vom schema 6 a. 6 a, 6 a. 6 a, 3-b. 
^3-b. 4. -3^b. die ersten vier zeilen haben stets cäsur nach 
der 4 hebung. die deutsche Strophe hat diese cäsur nach der 
dritten Senkung; sie zeigt überall auftact aufser in z, 3. 5. 

* 140. hier ist der deutsche anhang allzu sehr zerrüttet, als 
dass eine vergleichung mit der lat. strophenform , die ebenfalls 
unsicher bleibt, möglich wäre, klar ist jedoch dass der refrain 
in der hs. richtig angegeben ist; und es lässt sich vermuten 
dass der vorhergehende text in zwei Strophen zerfällt. 

141. fünf lat. Strophen mit refrain. die strophenform ist 
dieselbe wie 136. auftact begegnet 1, 4. 2, 3. 4, 2. 3. 4. 5, 3. 
6,4. in 4, 2 ist wol hec einzuschalten; 7, 1 dt zu schreiben, 
der refrain ist deutsch und besteht vielmehr aus drei zeilen: 
2 b. 2 b, 4 b. 

Im deutschen haben wir zwei Strophen. 1, 3 ist betont 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 55 

vil liebe gespilen min, 1,4 dd' seh icir. der refrain hat hier in 
den zwei ersten zeiien auftact. 

142. vier lat. Strophen, vierzeilig mit zweizeihgem refrain. 
Schema: ^4 a. ^3"^b, "-4 3. "^3^); ~^4 c. ^4 c. a ist in allen 
Strophen dieselbe reimsilbe. Schmeller hat mit unrecht das 
hsliche intueamur te in der letzten zeile geändert, wie er auch 

3, 2 wol nicht richtig gebessert hat. auftact fehlt 2, 1. 3, 2 (?). 

4, 1. in 4, 2 fehlt eine oder zwei silben. 

Im deutschen haben wir wider zwei Strophen, die durch den 
refrain getrennt werden, die gleichheit des reimes a in den 
verschiedenen Strophen ist hier nicht vorhanden. 

143. fünf lat. Strophen, vierzeilig mit refrain. Schema: 
^4 a. -4 a. ^4 a. ^4 a ; ^4 b. ^4 b. 

Im deutschen hat die erste zeile des refrains keinen auftact. 

144. s. Scherer, Deutsche Studien 2, 55, der Schmellers 
änderung des parit in z. 5 der lat. Strophe mit recht abweist 
und z. 4 amorem succrescentem liest, die lat. Strophe hat die 
form: -4 3. ^4 a. ^3 b. -3^. 4 b. -4 b. -4 c. -4 c. 

Die deutsche Strophe stimmt damit in den ersten fünf zeiien 
überein, dann widerholt sie das mafs und den reim der 5 zeile 
in der 6 und letzten. 

163. drei lat. Strophen von neun zeiien. Schema: 3 a. 3 b, 
3 a. 3 b, 3 a. 3 b. 3 a. 3 a. -2 b. 

Die deutsche Strophe stimmt damit nur, wenn man absieht 
vom auftact z. 2. 5. 6. 7, vom klingenden ausgang z. 2. 4. 6. 8, 
wenn man apocopiert in z. 6 min hende, 7 dn glnot; und wenn 
man endlich in z. 8 und 9 die zahl der hebungen vertauschend 
und die letzte ohne auftact ansetzend trennt sueziu, die von nn- 
gendde wende. 

164. auch hierüber s. Scherer, Deutsche st. 2, 45. fünf 
lat. Strophen von sechs zeiien mit zweisilbigem refrain: zu diesem 
zog schon Docen in Aretins Beitr. 1807 s. 1314 mit recht die 
worie ad gandia. Schema: 4 a. 4 b, 4 a. 4 b, 4 a. 4 b; -2 c. 6 c. 
auftact 1, 1. 

Die deutsche Strophe Dietmars von Eist zeigt vier zeiien. 
sie hat die beiden zeiien jedes Stollens in eine verbunden, indem 
sie eine silbe zwischen den aneinanderstofsenden hebungen ein- 
schob, und zwar so dass diese silbe entweder als klingender 
schluss der ersten oder als auftact der 2 halbzeile erscheint 



56 DIE CARMINA BURANA 

(nach MF 32, 2; ist duz in Sclimellers 4 zeile zu slreichenj. 
auch die heidea folgenden Zeilen treten nun, in gleicher weise 
klingend geworden (oder vor aultact slunipl MF 32, 11) vor 
die erste zeile des refrains, welcher nun auch klingend ist. die 
Strophe hat demnach hier folgende gestalt: 4 + --43. 4^ -f- 4 a. 
4^b + 4-b 4- 2-c. 6^c. 

165. vier lat. Strophen. Schema: ^4 a. ^4 b, ^4 a. -4 b, 
""4 c. ""4. —4 c. 4, 6 lese man etwa natu per te mnltos gemitus. 

Die deutsche Strophe hat keinen auftact in z. 5. in z. 7 
ist sin mit angehängtem s zu vertauschen; so schon Bartsch, 
Liederdichter 287, 123. 

166. vier Strophen von sieben Zeilen mit dreizeiligem refrain. 
Schema: 3. -3 3, 3. -3 3, 3. -da. 2b; 3. ^3. 2b. 

Die deutsche Strophe hat in den vorletzten Zeilen der Strophe 
und des refrains anstatt des auftactes klingenden ausgang. die 
zwei letzten Zeilen der Strophe werden in eine zusammen gezogen 
und ebenso die Schlusszeilen des refrains; in beiden fällen wird 
der reim an das ende der neugewonnenen zeile verlegt, dann 
reimen auch die waisen; die beiden ersten unter sich, die andern 
mit den folgenden reimzeilen. die schlusszeile der Strophe hat 
überdies denselben reim wie die Schlusszeilen der Stollen, frei- 
lich ist die widerholuug von dich z. 2 und 5 kunstlos; auch 
die betonung z. 6 din lip der ist anstöfsig. das Schema ist 
nun: 3 a. --3 b, ^3 a. "3 b, 3 b. 5 b; 3 c. 5 c. 

Die nachgewiesene Übereinstimmung der Strophenformen ist 
nun gewis nicht zufällig und es fragt sich nur, ob die deutschen 
Strophen würklich das vorbild der lateinischen gewesen sind 
oder umgekehrt, die gründe zur entscheiduug dieser frage lassen 
sich teils der form dieser lieder, teils ihrem inhalte entnehmen. 

Besprechen wir zunächst die formellen eigenschaften der 
gedichte, und zwar erst das, was allen diesen gedichten gemein- 
sam ist. da ist nun deutlich, dass die deutschen Strophen durch- 
aus die formellen regeln beobachten, welche der mittellateinischen 
rhythmischen poesie zukommen, während die eigentümlichkeiten 
der älteren, einheimischen metrik in keiner dieser deutschen 
Strophen und somit auch nicht in den lateinischen liedern auf- 
treten, wie ein würklich aus einem deutschen Volkslied über- 
setztes und ihm nachgebildetes lateinisches Hed beschaffen sein 
Avürde, lässt sich glücklicher weise auch an einem beispiele 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 57 

zeigen, an nr 112. hier finden wir allerdings parweise gereimte 
Zeilen von 4 hebungen, zwischen denen zuweilen die Senkungen 
fehlen, und deren stumpfe Schlüsse aus unbetonten silben bestehn 
dürfen, hier ist die lateinische Strophe zu betonen: 

Floret Silva nobilis 

Florihus et foliis. 

Ubi est antiquüs 

Mens ämiCHS? 

Eine eqnitdvit. 

Eia, quis me amdbit? 
Für unsere lateinischen lieder und ihre deutschen anhänge 
gilt dagegen durchaus: 

1. nirgends werden Senkungen ausgelassen, alle scheinbaren 
ausnahmen fallen weg, sobald man sprachlich unrichtige betonung 
annimmt, wie dies zuweilen geradezu unvermeidlich ist: s. oben 
zu 99a, 5. 100a, 5. 108 a, 1. Il7a, 6. 127a, 1. 4. 132a, 4. 141a, 
1,3.4. 163a, 2 ? (vgl. auch MF 32, 9 in dem liede Dietmars von Eist, 
von welchem nur die erste Strophe in den CB 164a aufgenommen 
ist: So al diu werit rüowe hdtj. natürlich konnten diese ver- 
stöfse gegen den deutschen wortton und satzton in nachbildungen 
weit eher als in Originaldichtungen auftreten. 

2. es Averden stumpfe und klingende ausgänge unterschieden, 
ein tonloses e ist nirgends träger der schlusshebung. deshalb 
dürfen aber gerade stumpfe ausgänge im deutschen eintreten, 
wo das lateinische klingende hat, und klingende im deutschen, 
wo im lateinischen stumpfe stehn : die zahl der hebungen wird 
dadurch nicht verändert, so hat das deutsche klingende aus- 
gänge des lat. in stumpfe verwandelt 103a. 106a. 133a. 134a; 
stumpfe des lat. in khngende 163 a. 164 a. 166 a. 

3. ist die häufung der reime, die öftere widerholung des- 
selben gleichklangs in der älteren deutschen dichtung selten, 
überhaupt im deutschen, welches die Stammsilben bindet, weit 
schwieriger durchzuführen als im latein , dem bei seinen vollen 
endsilben die reime fast im übermafs zufliefsen. gerade in unseren 
liedern ist die reimhäufuug aber sehr beliebt; öfters geht derselbe 
reim durch alle zeilen der Strophe durch: 98. 104. 107. 109. 
(111 im deutschen). 136. 143 (nur im refrain nicht), dreimal 
werden reime widerholt: 100. 103. 111. 125. 130. 133. 139. 
144; viermal: 99. 101. 102. 103. 104. 105. 109. 113. 117. 



58 DIE CARMINA BURANA 

124. 132. 136. 139. 143. 163; fünfmal: 98. 126. 133; sechs- 
mal: 116. und (loch ist die reimfülle der lateinischen strophen- 
torm ziivveileti nur mit mühe erreicht worden: vgl. die wörtlichen 
widerholunyen einzelner Zeilen in lila. 117a. 133a; andere 
male fehlen die reimverhindungen des lateinischen im deutschen: 
106a. 114a. 116a. 131a. 134a. 135a. 163a (?). allerdings hat 
auch wider das deutsche reime, wo im lateinischen reimlose 
Zeilen stehn: 105 a. 113 a. 134 a. 

4. auch das überschlagen der reime ist etwas nicht ursprüng- 
lich deutsches, diese kunst kennen nun freilich unsere lieder 
nur in sehr beschränktem mafse. nirgends begegnet das über- 
schlagen dreier reime, etwa abcabc; nur abab oder seltener abba; 
höchstens dass einer von zwei reimen noch fortgesetzt wird, 
wenn bereits ein dritter eingetreten ist: so 116a. 130a. 

5. in der deutschen lyrischen dichtung der blütezeit ist der 
refrain ziemlich selten, es ist hier die rede von dem eigentlichen 
refrain, der ein für sich bestehendes rhythmisches ganzes wider- 
liolt. in der lateinischen poesie des xn Jahrhunderts finden wir 
ihn öfters, in der weltlichen poesie der kleriker erklärt er sich 
leicht als die dem chore der zuhörer zufallende partie; deutlich 
zb. in nr 92, dem iied, das beim auftragen des schwanen- (gänse-) 
bratens vermutlich beim Martinifeste gesungen wurde, von unseren 
liedern haben refrain 115. 125. 140. 141. 142. 143. 146 (auch 
zu den lateinischen Strophen deutsch). 166. besonders charakte- 
ristisch ist dass 164 den refrain hat, 164a dagegen, ein Iied 
Dietmars von Eist, ihn nicht zeigt, die ausführungen über die 
geschichte des refrains, welche Erich Schmidt QF 4 s. 9 ver- 
sprochen hat, werden, so hoffe ich, meine ansichteu über den 
Ursprung des refrains nur bestätigen. 

Die bisher aufgezählten eigenschaften der deutscheu Strophen 
in den CB, die sie von der volkstümlichen poesie unterscheiden, 
könnte man nun auch anders als aus lateinischen Vorbildern er- 
klären wollen, man könnte annehmen, dass die deutscheu Strophen 
nach romanischem muster gebaut wären, auch die französischen 
und provenzalischen lieder haben ja eine bestimmte silbenzahl, 
unterscheiden stumpfen und klingenden ausgang, häufen und 
kreuzen den reim, fügen den refrain an. aber zu folgenden 
puncten konnten doch romanische Vorbilder nicht anlass geben. 

6. die freiheit des auftactes. in den romanischen versen ist 



UND DIE ANFÄINGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 59 

ja die zahl der silben vor der reinisilbe oder vor der tonsilbe in der 
cäsur fest bestimmt; eine vorschlagende silbe würde dem ganzen 
verse einen anderen wert geben, im lateinischen dagegen, wo 
der wortaccent in einem deutschen munde gewis stets hörbar 
blieb, war ein auftact, der bald stehn, bald fehlen konnte, aller- 
dings herzustellen und wir finden ihn auch in unseren lat. liedern, 
s. zu 101. 105. 108. 113. 123. 125. 127. 130. 134. 137. 141. 
142. wenn nun in den deutschen Strophen der auftact noch 
weit häufiger vom schema, das die lateinischen Strophen zeigen, 
abweicht, so beruht dies natürlich auf der freiheit der älteren 
deutschen metrik; aber sie mochte hier um so erlaubter scheinen, 
als auch die lat. Strophen in diesem punct nicht allzu streng 
waren, der zweisilbige auftact lOBa, 7. 108a, 4. (126a, 3 ?} 
hat allerdings kein gegenstück in den lat. Strophen. 

7. ganz gewis dem lateinischen entlehnt ist der gebrauch der 
dactylen, die freilich nur in 98 durchgeführt, doch auch 125a im 
refrain erscheinen. Bartsch, Liederdichter s. xxiv (vgl. auch diese 
zs. 11, 160) sagt allerdings: 'der am häufigsten vorkommende dac- 
tylische vers von vier hebungen ist genau der zehn- oder elfsilbige 
vers der romanen, der wie alle romanischen verse kein festes mafs, 
sondern wie noch heutzutage im allgemeinen den geflügelten Cha- 
rakter von anapästen und dactylen an sich trägt.' die vorsichtigen 
ausdrücke des relativsatzes heben hier die zuversichtlichkeit des 
hauptsatzes vollständig auf. in der tat versteckt der romanische 
vers vielmehr das metrische schema der Jamben oder trochäen 
im eingang gern durch abweichenden wortton und vermeidet 
eben dadurch den anschein eines festen mafses, den der deutsche 
vers, aufser in der zeit der Verwilderung notwendig erstrebt, 
der lateinische dactylus dagegen, wie er von uns gesprochen 
wird und wie er wol auch im mittelalter gesprochen wurde, hat 
würkUch den dreivierteltact des deutschen: wir heben ja die 
länge vor den beiden folgenden kürzen durch höheren ton her- 
vor, nun ist auch in den mittellateinischen dactylischen gedichten, 
also auch in unserer nr 98 die gegenübersetzung einer länge 
und zweier kürzen in der regel beobachtet worden; einzelne 
abweichungen wie 1, 3 brumalis als dactylus, 2, 3 Pliadum als 
anapäst, 4, 1 mundi als trochäus, 2, 2 vin'di als d'actylus werden 
von dem allgemeinen rhythmus mit fortgerissen, der im ganzen 
unverkennbar ist. für den kirchlichen gebrauch, für die se- 



60 DIE CARMINA BUIIANA 

quenzen und leiche ist das lat. vorbild allgemein angenommen ; 
warum in der weltlichen minnepoesie nacb einem andern suchen? 
s, auch Wackernagel, Litteraturo;eschichlc s. 133 § 48 anm. 21. 

8. es darf auch nicht übersehen werden dass einige slrophen- 
formen unserer lieder auch in anderen lateinischen gedichten 
vorkommen, die man gewis nicht für nachbildungen jener an- 
sehn wird, namentlich das mehrmals gehrauchte mals von 99. 
101. 102(?). 132 ist dasselbe wie CB xix. xxvi. clxxu. cxciv. 
cxcvn. cxcix. ccH, 24 f. ccni, 1 f (auch deutsche Strophen desselben 
tones finden sich hier, in dem weihnachts- und osterspielj. 49. 50. 
54. 193 ; vgl. auch 84. dass in einigen lat. Strophen die stumpfen 
Zeilen nicht ebenso durchgereimt sind, wie zum teil in unsern 
deutschen, kann eine Verschiedenheit des tones nicht begründen; 
höchstens mag dies der fall gewesen sein da wo auch die vier 
klingenden Zeilen durch verschiedenen reim getrennt erscheinen : 
XXV. 34. 90. dies mafs ist eins der beliebtesten in der mittel- 
lateinischen poesie und durch den Archipoeta schon für die 
sechziger jähre des xn Jahrhunderts bezeugt. 

Ebenso ist unsere Strophenform 108 und 137 gleich der 
von 119, einer lateinischen, wol in Frankreich entstandenen 
pasturelle. 

Nur durch die reimverbindung unterschieden ist unser 104. 
136. 141 (letztere beide allerdings noch mit refrain versehnj 
von 89, wo doch auch manche Strophen den gleichen reim durch 
alle vier zeilen durchführen. 

Eine sechszeilige Strophe von gleichem bau, abgesehn vom 
angehängten refrain, ist die von unserer nr 125 und von Lxvir. 
61. 78. 156, 7. 

Und so wäre auch unsere nr 102a, wenn wir sie der Über- 
lieferung gemäfs als 7zeihg aufzufassen hätten, gleich 53, 1. 2; 
auch das von Schmeller als refrain bezeichnete stück hat dieselbe 
Strophenform, wenn man z. 1 einschiebt nunc. 

9. endlich sind einige von unseren deutschen Strophen offen- 
bar auch formell weniger vortrefflich als die gegenüberstehenden 
lateinischen, so 163, wo im lateinischen acht katalektische tro- 
chäische tripodien würkungsvoU durch eine jambische dipodie 
abgeschlossen werden; wogegen die deutsche Strophe mir zer- 
fahren und lahm vorkommt, noch deutlicher ist 166. die latei- 
nische Strophe mit ihren kurzen zeilen und dem inbrünstigen 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 61 

Seufzer: subveni am schluss von Strophe und refrain, was ist 
daraus im deutschen geworden? nichts mehr von jener würkungs- 
vollen respousion, ja der schlussvers der strophe ist mit dem vor- 
hergehenden zusammengeflossen. 

So ist vielleicht auch 144 a als verunglückte nachahmung 
von 144 zu bezeichnen und sicher 127 a: hier mochte geradezu 
der nachbildner verzweifeln, die Schwierigkeit seines musters zu 
überwinden. 

Das ergebnis dieser betrachtung der metrischen formen 
wird durch eine vergleichung des Inhaltes dieser 42 lateinischen 
lieder und der dazu gehörigen deutschen Strophen nur bestätigt, 
wir scheiden letztere, je nachdem sie anderwärts bestimmten 
dichtem zugeschrieben werden oder wenigstens ihre stropheu- 
form bei bekannten dichtem widerkehrt oder endlich sie den 
anonymen Verfassern des CB allein angehören, ersteres ist der 
fall bei 106a. 113a. 114a. 128a. 130a. 131a. 164a; das 
zweite bei 98a. 123a. 134a (wenn wir dies ganz gleich 134 
setzen dürfen) und 165 a. 

Wir beginnen mit den anonymen Strophenanhängen, von 
denen uns nun noch 31 übrig bleiben, in keiner dieser Strophen 
— SO getraue ich mich zu behaupten — ist ein würklich indi- 
vidueller gedanke oder eine hindeutung auf bestimmte Verhält- 
nisse zu finden, denn dass das lied auf königin Eleonore von 
England 108 a von jedem beliebigen vaganten gesungen sein kann, 
wird niemand läuguen. zudem hat Scherer Deutsche st. 2, 7 
mit vollem recht sie in der regina Franciae widergefunden, 
welche CB 51 als kanon der frauenschönheit angeführt wird. 

Und der allgemeine inhalt dieser deutschen Strophen trägt 
zugleich dieselbe färbung, die wir aufser in den ihnen gegen- 
über stehenden lat. liedern auch sonst in der vagantenpoesie an- 
treffen : es widerholeu sich beschreibung der Jahreszeit , auf- 
forderung zum tanz (dass die lateinischen tanzlieder auch bei 
solchen gelegenheiten würklich gesungen worden sind, scheint 
mir nicht zweifelhaft), Schilderungen des sinnlichen Verlangens 
und genusses; ein derbes lied der letzteren art scheint 105 a zu 
beginnen; vgl. auch 125a. bezeichnend ist für den gelehrten 
V7^ö Venus 124a, 4. (132a, 1); die ritterlichen liederdichter sagen 
in der guten zeit vrowe Minne, der brief, den der dichter ge- 
sandt hat, 140 a, 1, verrät den Schreiber ebenso wie die hervor- 



62 DIE CARMINA BURANA 

hebung dass die frau edeh ist, 166a, auf einen nichlrilter 
schiielsen liisst. 

Dazu kommeu ungeschickte ausdrücke, wie sie wol einem 
um den reim verlegenen nachdicliter passieren mochten : 109 a, 1 
Nahtiyal, sing einen dön mit sinne; 116a, 13 din schoener 
lip wil mich ze se're schiezen; 142a, 2 den blnomen und der 
weide, noch leichter hat es sich der poet gemacht, der eine 
sechszeilige Strophe durch dreimalige widerholung zweier Zeilen 
zu Stande gebracht hat: lila; oder eine andere durch umge- 
kehrte widerholung 136a; auch 133a ist die widerkehr der z. 1, 
vrowe wesent vrö in z. 5 nicht besonders kunstvoll, auch die 
mit lauter gleichartigen vergleichen gefüllte Strophe 117 a möchte 
ich nicht loben. 

Es Stimmt ferner zu unserer annähme, es seien die ano- 
nymen deutschen Strophen nur dazu bestimmt die form der 
lateinischen widerzugeben, dass sie meist für sich abgeschlossen 
stehn und eine fortsetzung nicht erwarten lassen, einige male, 
namentlich wo ein refrain deutlich zu machen war, s. oben 5, 
sind mehrere Strophen auch im deutschen vorhanden, meist aber 
wird der im lat. hed ausgeführte Stoff in eine deutsche Strophe 
zusammengedrängt, namentlich natureingaug und liebeswunsch 
verbunden, und so scheint mir auch da, wo nur der frühling 
gepriesen wird 107 a. 115 a. 123 a. 143 a, oder der winter be- 
klagt 142 a, eine lückenhafte Überlieferung nicht mit Sicherheit 
gefolgert werden zu dürfen. 

Wenn sich nun hienach der anonymen deutschen Strophen 
wol niemand annehmen möchte, so ist dies dagegen wol eher 
zu erwarten für die lieder gefeierter dichter, von denen einzelne 
Strophen in unserer Sammlung lateinischen gegenüber gestellt 
erscheinen, ja die abneigung diese unsere dichter für nach- 
ahmer, für benutzer fremder Strophenformen zu erklären hat wol 
überhaupt den einfachen und von Docen bereits erkannten Sach- 
verhalt wider verkennen lassen. 

Für die Strophen bekannter dichter ist nun zunächst wol 
zu bemerken dass hier eine gleichheit des Inhalts wie in den 
anonymen Strophen nicht vorhanden ist. von den auf diese weise 
vertretenen dichtem ist der älteste Dietmar von Eist: 164a. 
wie er metrisch geändert und namentlich den refrain zu einem 
bestandteil der Strophe selbst verwandelt hat, ist oben gezeigt 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 63 

worden; dem Inhalte nach bietet er dem liebeserguss eines 
schmachtenden klerikers gegenüber die zärlHche rede einer ge- 
hebten frau mit der antwort des dichters. il3a erscheint eine 
Strophe Heinrichs von Moruugen (MF 142, 19j, desselben dichters 
also, dem wir auch nachahmung französischer Vorbilder nach- 
weisen können (Bartsch Germ. 3, 304). die lesarten der CB sind 
weniger gut als die der liederhs. C, wie jene überhaupt eine 
schlechte Überlieferung zeigen und auf ein nahes Verhältnis zu 
den dichtem selbst durchaus nicht schliefsen lassen, die deutsche 
Strophe hat ein bestimmtes Verhältnis im äuge; das lateinische 
lied, ein l'rühlingslied, ist allgemein gehalten, mit zwei Strophen 
ist dann Reinmar vertreten, dem sie freilich ESchmidt QF 4, 61. 
76 beide abspricht, in 106 a (MF 203, 10) hat er die form der 
lateinischen Strophe ebenfalls wesentlich umgestaltet, vereinfacht, 
prunkvoll schildert der lateiner den frühling und die liebe, 
Reinmar dichtet das Selbstgespräch einer liebenden. 128 a (MF 
185, 27) klagt der dichter über das stete abweisen seiner be- 
werbungen: dem steht ein lateinisches lied gegenüber, welchem 
ich eine weit höhere dichterische bedeutung zuzumessen nicht 
anstehe, ein kleriker schilt seine törichte liebe, aber freilich die 
gefahr schrecke nur den feigen, er sei gröfser an geist als an 
leib, und wenn er den hohen ast, an dem die frucht hange, 
hinaufzuklimmen wage , so möge die geliebte erkennen dass ein 
wahrhaft liebender keiner vernünftigen Überlegung fähig sei. 
kein zweifei, hier liegt einmal ein würkliches Verhältnis, eine 
persönliche beziehung vor. auch zwei Strophen Walthers finden 
wir, beide demselben tone angehörig, aber nicht demselben lied: 
114 a. 131a = Walther 51, 29. 37. die lateinischen gedichte 
sind beidemale ohne besondere eigentümlichkeit des Inhalts, aber 
gewis nicht Übertragungen aus Walther. bemerkenswert ist dass 
die reimbindung nur in 131 genau der Walthers entspricht: 
auch dies darf man nach allem bisherigen schwerlich dahin deuten 
dass wenigstens dieses lat. lied dem Walthers nachgebildet worden 
sei ; es könnte ja auch eine Variation des andern lat. liedes sein 
und derjenige, welcher beiden liedern deutsche Strophen anhieng, 
die von Walther gedichteten für beide lieder passend gehalten 
haben, endlich erscheint von bekannten dichtem auch Neidhard 
11,8 in 130a. widerum ist der inhalt durchaus verschieden: 
im lateinischen gedieht nicht ohne anmut, wie denn sehr artig 



64 DIE CARMINA BURANA 

das erste reimvvort stets durch die ungenannte Mea (oder Meam) 
gebildet wird. 

Noch lehrreicher als diese aus bekannten dichtem entnom- 
menen Strophen sind diejenigen, deren form sich zwar bei unseren 
dichtem widerfmdet, nicht aber die Strophen selbst, die in den 
CB den lateinischen liedern angehängt sind. 

So zuniiclist eine siebenzeilige Strophenform: 165a. sie ist, 
wie Scherer Deutsche st. 2, 31 bemerkte, dieselbe die der Burg- 
graf von Regensburg MF 16, 1 f angewandt hat. sehen wir, wie 
wir wol dürfen; ab von der reimverbindung der ersten mit der 
dritten zeile , so stimmt überdies dazu auch Heinrich von Mo- 
rungen MF 137, 10, Engelhart von Adelnburc 148. 25, Hart- 
mann von Aue 211, 10; und nur noch die bindung der vor- 
letzten zeile mit der vorhergehenden und folgenden kommt hinzu 
in der oben aus Reinmar augeführten Strophe MF 203, 10 = 
CB 106a. 

Sodann ist die achtzeilige Strophenform 123 a = MF 39, 30, 
drei Strophen Dietmars von Eist, in 123 a ist übrigens aus- 
nahmsweise der inhalt ähnlich wie im lateinischen lied. 

Ferner findet sich die siebenzeilige form der lateinischen 
Strophen unter 134 (und der deutschen Strophe, die uns in 102 a 
überliefert istj genau wider bei Albrecht von Johansdorf MF 
92, 14 f und Reinmar 193, 22. 

Ziehen wir aus den CB auch lateinische lieder ohne ange- 
hängte deutsche Strophen zur vergleichung heran, so dürfen wir 
auch CB 90 und Dietmar von Eist MF 35, 16. Veldeke 65, 13. 
67,9. 17. Rugge 103,3 zusammen stellen; sowie die Strophen 
im Weihnachtsspiel ccn 2, 7 f mit Dietmar von Eist 33, 15 in 
Verbindung bringen. 

Nun ist es doch sehr merkwürdig dass gerade die Strophen- 
formen, die bei mehreren deutschen dichtem sich vorfinden, auch 
in lateinischer fassung erhalten sind, von den fünf beispielen, 
die Wilmanns Walther s. 30 (vgl. auch Scherer in dieser zs. 17, 564) 
anführt, kamen vier in den eben angestellten vergleichungen vor. 
liegt es da nicht sehr nahe anzunehmen dass diese Strophenformen 
zuerst lateinisch vorlagen und dass die deutschen dichter, die sich 
ihrer bedienten, sie deshalb als herrenloses gemeingut ansahen? 

Noch ein beispiel solcher formen deutscher Strophen in den 
CB, die bei bekannten dichtem widerkehren, ist übrig: 98a. 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 65 

wie das vorhergehende lateinische gedieht feiert diese deutsche 
stroplie den friilding und seine lust. nun haben wir ein Ued 
Walthors, genau in demselben tone, aber diesmal ein winterlied, 
das nur die friihlingsholTnung als Irost ausspricht: 39, 1. also 
auch hier ein Verhältnis, wie es unserm dichter geziemt: dem 
herkömmlichen inhalt des lateinischen gedichts und seiner ano- 
nymen deutschen anhangstrophe tritt Walther in scharfem gegen- 
satz und mit eigentümlicher Wendung entgegen, hier stelle man 
sich nun das Verhältnis vor, wie es nach der gewöhnlichen an- 
sieht zwischen den lateinischen liedern und den deutschen Strophen 
der CB bestehn würde. Walther dichtet ein winterlied; ein ano- 
nymer dichter parodiert dies mit einem schwachen frühlingslied 
in der gleichen strophenform. ein lateinischer dichter übersetzt 
— nicht das lied Walthers, sondern die parodie. war es ihm 
wiirklich unmöglich eine Strophe von Walthers lied zu erlangen? 
und doch war es — so nimmt man ja an — gerade die be- 
rühmtheit dieses liedes, die ihn zur uachdichtung reizte. 

Ohne grund haben Wilmanns und Simrock das ebenbe- 
sprochne lied Walthers für ein vocalspiel erklärt, von dem uns 
nur zwei Strophen erhalten wären, alle vocalspiele geben die 
vocale im auslaut der letzten hebung. so auch das Walthers 
75, 25. auch hier aber hat Walther ein lateinisches muster vor 
äugen: CB 95. die fünf letzten Zeilen des lat. gedichts fehlen 
nur durch schuld der Überlieferung, die form ist im lat. hed 
wie bei Walther diese: fünf Strophen von je sieben Zeilen zu 
vier hebungen, alle sieben auf je einen der fünf vocale aus- 
gehend, nur hat Walther, wie es scheint, den auftact, den die 
lateinischen Strophen im 3 und 5 vers, hier aber consequent 
meiden, auch an diesen stellen zuweilen zugelassen: 75, 27. 76, 
3. 19. auch der gegenständ ist diesmal derselbe, winterleid, 
aber wie verschieden behandelt: im lateinischen die gewöhnlichen 
redensarten, bei Walther humor, wie er nur ihm eigen war. 
hätte ein lateinischer nachahmer nicht davon etwas wenigstens 
durchbhcken lassen müssen ? und nun wider formell betrachtet, 
auf die grammatische Spielerei mit den fünf vocalen konnte ein 
kleriker leicht verfallen, und sie durch fünf lateinische Strophen 
durchzuführen war auch keine besondere Schwierigkeit, wie 
ganz anders muss sich Walther und noch mehr seine nachahmer 
wenden und drehen um genug deutsche endsilben auf die fünf 
Z. F. D. A. neue fol^e VIII. 5 



66 DIE CARMINA BURANA 

vocale herauszubringen! sieht es nicht ganz aus als ob Walther 
auch hier nur ein lateinisches kunststück trotz der vorteile des 
gegners habe wett machen wollen? 

Ich stehe nicht an auch einige deutsche Strophen der Cß 
trotz der Ungleichheit in der strophenform für Vorbilder — frei- 
lich unendlich iibertroffene Vorbilder Walthers anzusprechen. 
CB 125 a schildert ein miidchen das zusammentreffen n)it dem 
liebsten auf der wiese, wobei ihr leid geschehen sei. damit ver- 
gleiche man das lied Walthers 39, 11, das denselben gegenständ, 
aber allerdings durch Zartheit und innigkeit wunderbar verklärt, 
schildert, selbst der schallrefrain tandaradei erinnert an das lodir- 
cnndeie des liedes der CB. ^ 

Ein ander mal gebraucht Walther die unikehr der Zeilen 
einer strophe ebenso wie dies in der deutschen Strophe CB 136 a 
geschieht, sein lied 87, 1 ist freilich ernst; aber gerade für 
den inhalt dieses liedes, lehren über knabenzucht, eignet sich 
diese eindringliche form der widerhohmg gewis vortrefflich, diese 
parallelen habe ich in den Heidelb. jahrb. 1869 s. 921 f besprochen. 

Um noch auf eine einzelheit aufmerksam zu machen, Walther 
rühmt seine geliebte 119, 10 sist schcene und bas gelobet denne 
Elene und Dijäne. nun kommt zwar diese weudung die geliebte 
durch vergleichung mit berühmten namen zu preisen aufser in 
der Vagantenpoesie (vgl. 117 aj auch bei den höfischen rainne- 
dichtern vor; aber es ist schwerlich zufall dass Walther zwei 
antikmythologische namen nennt, von denen gerade der erste in 
den lateinischen vagantenliedern immer widerkehrt: 105, 3, 5. 
117, 3, 6. 117 a, 2. 162, 1, 9. 

Doch es iiefse sich auch sonst wol so manches in Walthers 
gedanken und ausdrücken mit der lateinischen vagantenpoesie 
vergleichen: nicht nur als minnedichter, deren Scholastik ja auch 
bei den andern mhd. lyrikern nachwürkt, sondern auch als mahner 
zum kreuzzug und gegner der römischen curie waren ihm die 
fahrenden kleriker vorausgegangen, nur eins bleibt ihm unge- 
schmälert, und gerade das, was ihn uns so unendlich teuer 
macht, sein deutsches nationalgefühl. 

Wir kehren zu unserer Sammlung lateinischer gedichte mit 
deutschen nachbildungen zurück und fragen nach der zeit der 

* vgl. jetzt auch Scherer, Anzeiger i, 202. 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 67 

entstehung. das ganze kann allerdings erst nach 1217 — 19 zu- 
sammen gekommen sein, da Neidhards lied 11, 8, von welchem 
CB 130a eine Strophe widerholt, in diese jähre gehört, aber 
dies entscheidet nichts für die übrigen gedichte : mehrere w eisen 
vielmehr mit Sicherheit auf eine weit ältere zeit, die bekannte 
Strophe auf Eleonore von England (108 a) setzt man mit gutem 
grund um 1160 an. auch 117 a trägt die spuren dieser zeit. 
es werden eine reihe von berühmten frauen mit der geliebten 
verglichen : und zwar die der antiken mythologie angehörigen 
Dido Helena Pallas Ecuba, die biblische Isabel, dann zwei unbe- 
kannte, Gandile und Baldine. erstere dürfte die aus der Alexander- 
sage bekannte königin Candace sein, kein name also aus der 
höfischen erzählungspoesie ! zur abfassung in früher zeit stimmen 
die altertümlichen reime Isabel : Gandile : chle : Baldine. 

Auch andere gedichte bieten ungenaue reime: lOOarej^e»; 
meigen : heiden; lOSa darben : armen; 116a nndertdn : kan; 125a 
stat : gras : bat; bescheiden : beide : leide; 121 a min : bi; 134a 
sumerzit ; lip : wip ; 1 39 a kan : getan : ban : stdn; 165 a sl :pin('?); 
tac : Ungemach, noch weit gröfser ist die reimfreiheit in den aus 
latein und deutsch gemischten liedern, die doch immerhin in 
einer gewissen verwantschaft zu den von uns behandelten stehn. 

Wie also die deutschen Strophen der CB verschiedenen dich- 
tem, so gehören sie wol auch verschiedenen Zeiten an; aber 
mit ausnähme der ebenangeführten aus Neidhard lässt sich keine 
mit bestimmtheit in das xni Jahrhundert herab versetzen. 

Welche absieht aber hatte nun der sammler? vom bis- 
herigen Standpunkte aus betrachtet, folgende, ihm gefielen eine 
anzahl deutscher lieder von teils bekannten, teils unbekannten 
dichtem; er wollte sie lateinisch nachbilden, wie merkwürdig 
dass er da die unbedeutenden Strophen anonymer Verfasser grofsen- 
teils auch dem Inhalte nach übertrug, die der berühmten dichter 
aber durchaus durch andere gegenstände ersetzte und nur ihre 
Strophenform beibehielt, und warum wollte er überhaupt latei- 
nische gedichte haben ? er war doch wol ein deutscher und ver- 
stand die deutschen Strophen, seine liebhaberei deutsche verse 
lateinisch wider zu geben, war also eine pedantische grille, wie 
sie freilich auch in unseren tagen vorkommt, aber doch ohne 
weiteres nicht überall angenommen werden darf. 

Die Sache wird sich vielmehr so verhalten, die fahrenden 



CS DIE CARM1>A BUR ANA 

kleriker, deren lateinische liedcrdiclitung auch in Deutschland 
für die sechziger jähre des xii Jahrhunderts durch den archi- 
poeta sicher gestellt ist, hrachten auch ihre lieheslieder mit. 
gerade um diese zeit herichtet Heinrich von Melk, Priesterleben 
lOGf dass die geistlichen von minnen reden; dd von hceretit si 
vil schrihen; der grundsalz, den er ihnen nachsagt, )uü wol ge- 
tanen wiben sol niemen spilen wim })faffen lässt sich in den CB 
101, 3, 3. 4 lakoimn pectus bestinle, 124, 4, 5 lakua execretnr 
nt hrntus wörtlich nachweisen, damals mag wol zuerst von den 
Vaganten seihst eine und die andere deutsche Strophe unserer 
Sammlung vcrfasst worden sein, natürlich zum zwecke den laien 
diese lateinischen lieder verständlich und geniefsbar zu machen, 
aber in weit gröfsercm umfang wird diese tätigkeit den weisen 
lateinischer lieder deutsche worte anzupassen geübt worden sein, 
als durch nähere bekanntschaft mit der romanischen rittersitte 
und ritterdichtung auch die deutschen edlen laien miunelieder 
zu dichten begannen, nur die anlehnung an schon vorhandene 
muster, von denen die lateinischen natürlich viel leichter und 
allgemeiner zugänglich waren als die französischen, erklärt die 
rasche und reiche entfallung des ritterlichen minnesaugs, welcher 
vor 11 SO kaum nachweisbar um 1190 schon in vollster blute 
steht. 

Damals nun trug jemand, der eine Sammlung lateinischer 
lieder besafs, in diese die deutschen nachbildungen ein, von 
welchen die anonymen, die sich auch dem Inhalte nach den 
lateinischen Vorbildern anschlössen, wol grofsenteils von den 
Vaganten selbst verfasst sind, während die der besseren dichter 
vielfach die form im einzelnen abändern, den inhalt aber jedes- 
mal neu und individuell gestalten, aus dieser Sammlung, deren 
letzte nachtrage kurz vor 1220 aufgezeichnet waren, schöpften 
dann die Schreiber der Carmina Buraua. 

Den einlluss der lateinischen minnepoesie auf die deutsche 
noch weiter zu verfolgen als die Carmina Burana es gestatten 
bin ich gegenwärtig nicht in der läge, noch viel weniger den 
höchst wahrscheinlich bestehenden Zusammenhang dieser latei- 
nischen lieder mit der romanischen kunstlyrik. ich spreche 
nur noch den wünsch aus dass die accentnoten oder neumen 
der Benedictbeurener handschrift, von denen Schmeller s. xni 
berichtet, bald von einem kundigen veröffentlicht und erläutert 



UND DIE ANFÄNGE DES DEUTSCHEN MINNESANGS 69 

werden möchten, hier dürfen wir hoffen die melodien kennen 
zu lernen, nach denen Walther und seine Zeitgenossen ihre Heder 
gesungen haheu. 

Präs, 12 lehr. 1876. ERNST MARTIN. 



ÜBER DIE MUSIKALISCHE BILDUNG DER 
MEISTERSÄNGER. 

In den von Bartsch herausgegebenen Meisterliedern der Kol- 
niarer handschrift steht seile 197 unter der Überschrift: Des 
Härders guldin rei ein gedieht, welches in der ersten seiner drei 
Strophen eine anzahl musikahscher ausdrücke enthält, einige 
von diesen hat Bartsch bereits in den anmerkungen erklärt, es 
sind dies die in den versen 16 und 17 vorkommenden worte 
solfen und fälen. beide sind gebildet aus der Zusammensetzung 
von sogenannten solmisationssilben, solfen aus sol und fa, fdleti 
aus fa und la. die solmisationssilben nt re mi fa sol la sind 
tonbenennungen oder genauer benennungen der tonverhältnisse 
in der diatonischen tonleiter. sie wurden in folge der bestre- 
bungen Guidos von Arezzo um die Verbesserung des gesanges 
und um die erhühung der musikalischen bildung aufgebracht und 
seit dem ende des 1 1 jhs. fast allgemein gebraucht, diese sechs 
Silben bilden den Inbegriff der tonverhältnisse der mittelalterlichen 
musik. und wenn der dichter unserer Strophe v. 10 sagt uz 
Vogels kel erdingt [schön] ut re mi fä sol lä, so meint er damit 
dass aus des vogels kehle volle musik erklingt, die wie die musik 
der menschen über alle tone der ganzen tonleiter verfügt. 

Auf die erklärung dieser worte beschränken sich die von 
Bartsch gegebenen erläuterungen. ich glaube aber dass noch 
andere ausdrücke der erklärung bedürfen, so steht unmittelbar 
vor dem angeführten fälen in vers 17 das wort bimollis. man 
darf dabei nicht an unsere b-moUtonleiter denken, denn zur 
zeit des dichters gibt es weder die Unterscheidung der tonarten 
in dur und moll, noch kennt man die verschiedenen heute ge- 
bräuchlichen tonieitern, wie c-, h-, b-dur oder moll. bimollis 
oder wie es besser heifsen würde bemolle ist die bezeichnung 



70 MUSIKALISCHE HILDUNG DER MEISTERSÄNGER 

eines tones und zwar desjenigen, der zwischen a und h liegt 
und den wir heute b nennen, er hcifst b molle oder von 
der gestalt b rotundum im gegensatz zu dem unmittelbar neben 
ihm liegenden von uns heute mit h benannten ton, dem b du- 
rum oder wie er seiner gestalt nach auch heifst dem b quadra- 
tum. möglich aber ist auch noch eine andere bedeutung des 
fraglichen wortes. die theorie und praxis der musik seit dem 
11 jh. bildet aus der diatouischtni tonleiter c d e f g a h c 
usw., welcher zwischen a und h (b durum) der ton b (b molle) 
hinzugefügt ist, drei ausschnitte von demselben umfang und von 
derselben anordnung der touverhältnisse. diese drei ausschnitte: 
1. c d e f g a. 2. f g a b (b molle) cd. 3. g a h (b durum) 
c d e, die grösten und die einzigen, welche der anforderung 
nach vollständiger gleichheit der Verhältnisse entsprechen, heifsen, 
weil sie je sechs töne umfassen, hexachorde, das erste hexachor- 
dum naturale, das zweite, weil es das b molle enthält, molle, das 
letzte, da b durum in ihm vorkommt, hexachordum durum, 
dieses System steht nun in engster Verbindung mit den solmi- 
sationssilben. die sechs töne eines jeden der drei genannten hexa- 
chorde wurden mit den sechs namen iit re mi fa sol la bezeichnet, 
so dass zb. nt sowol c, wie f und g bedeuten, und umgekehrt 
c ebensowol mit sol, wie mit fa und nt benannt werden kann, 
aus dieser mehrdeutigkeit hat sich seit dem 12 jh. unter dem 
namen solmisation ein für seine zeit sehr lehrreiches aber höchst 
compliciertes tonbenennungssystem gebildet, ohne dessen genaue 
kenntnis konnte kein musiker grofs werden, ohne ausführliche 
auseinandersetzungen und ohne die obligaten lobeserhebungen 
desselben war kein lehrbuch damaliger zeit vollständig. 

Welche von den beiden übrigens eng mit einander ver- 
wanten bedeutungen des fraglichen wortes hieher passt, kann 
schwerlich entschieden werden, gegen die zweite bedeutung 
spricht das dann unerklärliche bi. nimmt man die erstere an, 
so müste man bemolb's als einen falschen dativ statt hemoUibus, 
abhängig von mit wie die coordinierten begriffe, ansehen, und der 
sinn wäre etwa der: der mai hat der nachtigal geholfen, von 
ihm hat sie ihren meisterlichen süfsen gesang gelernt : den gesang 
aber specialisiert der dichter durch die angäbe einzelner töne 
wie sol fa, be-moUe, fa la und fügt dazu das im gleichen sinne 
wie oben v. 6 fideln harpfen allgemein verwendete seitenspil (dativ 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 71 

singularisj. wie dem nun aber auch sei, die begriffe be-molle 
und (hexachordum) molle sind der damaligen musikalischen weit 
gleich geläufig; nicht minder die solmisationssilben, die ja auch 
heute noch einigen läudern anstatt der buchstaben c d e f g a h 
als toubenennungen dienen. 

Der Härder ist aber im besitz nicht blofs dieser landläufigen 
namen. er weifs noch mehr von der musikalischen kunst. er 
führt uns in einen wald in dem durch berg und tal der gesang 
der Vögel erschallt, was sonst menschen mit einander musicieren, 
das wird hier von den kehlen der vögel ausgeführt, und der 
dichter gibt uns nun eine analyse ihrer kunstproductionen und 
damit ein kleines compendium der musiklehre seiner zeit. 

Er beginnt sein gedieht mit den worten Man hceret aber 
riehen schal von quinten quarten dne zal, octdve und prime quinte 
discanticren über al. hiemit führt er uns sogleich in die technik 
der damaligen musik ein. 

Die entstehung der mehrstimmigen musik datiert etwa seit 
dem ende des 12 jhs. vor dieser zeit liegt die periode der ein- 
stimmigen musik, welche deshalb als einstimmig bezeichnet 
werden muss, weil sie nichts anderes kennt, nichts anderes will 
und erzeugt als einstimmige melodien. freilich macht man 
schon gegen ende des 9 und dann im 11 jh. erneute versuche 
in dem sogenannten Organum mehrere solcher einstimmigen melo- 
dien zu gleicher zeit erklingen zu lassen, aber diese versuche 
bringen so unzulänghches hervor, man erkennt an ihnen noch 
zu sehr den mangel an alle dem was zur mehrstimmigkeit gehört, 
als dass man sie bereits als die anfange der mehrstimmigkeit 
betrachten dürfte, ihr verdienst besteht darin dass sie die rich- 
tung anzeigen, nach welcher sich die musik weiter entwickelt, 
die kunst einstimmige melodien zu bilden ist fixiert, nun soll 
die höhere gattung geschaffen werden, mehrere einstimmige 
melodien, die für sich einen selbständigen verlauf nehmen, sollen 
sich zugleich zu einem einheitlichen ganzen fügen, wie bei jeder 
entwicklung so geht es auch hier allmälich aus einem Stadium in 
das andere, mit dem ende des 12 jhs. steht vor den äugen der 
theoretiker und praktiker ein deutliches bild des mehrstimmigen 
musikalischen satzes. mau war sich bewust, es handle sich einer- 
seits um die rhythmische und melodische Selbständigkeit der 
einzelnen melodien und um die regelung der zusammenklänge 



72 MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 

andererseits, welche durch das zusammenvvilrken mehrerer iiirlo- 
dicn entstehen, aher die anschannngen tlher die natur der zu- 
sammenklänge, üher ihre eigenschal't zu consonieren oder zu 
dissonieren und üher die daraus hervorgehende anvvendung der- 
selhen hedurlten noch einer weitern aushildung. die aufgäbe 
mehrere melodien einander anzupassen war noch so neu, man 
war noch so wenig daran gewöhnt melodien zu schaffen, die 
zu einander in beziehung treten sollten, dass zunächst jede ein- 
zelne in ihrem natürlichen verlauf gestört wurde, denn es 
ist etwas anderes eine einstimmige melodie ohne rücksicht auf 
irgend etwas aufser ihr stehendes zu schaffen und eine melodie 
zu erfinden, die zu gleicher zeit die fähigkeit in sich tragen soll 
mit einer andern zusammenwürken zu können, man muste ge- 
wissermafsen von neuem anfangen, von neuem lernen unter den 
neuen Verhältnissen melodien zu bilden, es tritt dem musiker 
mit der mehrstimmigkeit sofort eine summe von neuen an- 
forderungen entgegen, die er trotz seiner klarheit in dem was 
dem mehrstimmigen satze not tut nur in allmälicher übung er- 
füllen konnte, wir finden daher in der ersten zeit der mehr- 
stimmigen musik häufig die erscheinung dass die einzelnen 
melodien sicher geführt sind, dass aber ihr gegenseitiges verhälfnis, 
die anordnung der zusammenklänge zu wünschen übrig lässt. 
oder umgekehrt merkt man die besondere rücksicht auf die zu- 
sammenklänge, und dafür haben dann die einzelnen melodien 
hülsen müssen, beiden zugleich und in demselben mafse gerecht 
zu werden, ist die aufgäbe, welche sich die Weiterentwicklung 
der mehrstimmigen musik stellt, deren vollkommene lösung nach 
langen und vielen mühen erst das 16 jh. mit sich bringt. 

Die ersten unbeholfenen anfange dieser mehrstimmigen kunst, 
welche im 13 und zum teil noch im 14 jh. liegen, tragen den 
namen discantKS. discantus ist zunächst ein zweistimmiger, dann 
aber auch mehrstimmiger dh. mehr als zweistimmiger gesang. 
das verbum discantare, welches von dem Substantiv gebildet wird, 
bedeutet soviel als mehrstimmige gesänge ausführen, so ist das 
wort discantieren in v. 3. 7 unseres gedichtes zu verstehen, und 
auch der dichter will es so verstanden wissen, wenn er in v. 7 
dem Worte seine Übersetzung 'sesamen dcenen an die seite stellt, 
wie er auch sonst synonyme häuft (v. 6 fidelt harpfet). die vögel 
singen, indem sie discantieren, nicht wie ihnen der schnabel ge- 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 73 

wachsen ist, sondern sie führen uns einen mehrstimmigen gesang 
ganz nach den regeln der kunst auf. die quinten und quar- 
ten, octaven und primen, die man durch den wald schallen 
hört, sind die sogenannten vollkommenen und als solche lange 
vor des dichters zeit anerkannten consonanzen. sie sind die 
hauptintervalle, die im discantus am häufigsten und an den be- 
vorzugtesten stellen zu erklingen haben, denn je mehr conso- 
nanzen der discantus aufeinander häuft, um so vollkommener 
und volltönender ist er nach der anschauung der zeit. 

Und aus dem gesammten chor der vügel tut sich noch eine 
besonders gelehrte gruppe hervor. Jiaubenlerche (galander), lerche 
und nachtigal vereinigen sich zu einer separatkunstleistung, zu 
einem dreistimmigen gesange, an dem sich jede auf ihre art 
beteiligt (v. 4 — 7). die haubenlerche bewegt sich in hohen 
tönen (in acntis) und klettert innerhalb derselben zu einem be- 
sonders hohen ton hinauf, während dessen die lerche umgekehrt 
stufenweise {in gradihm) von der höhe in die tiefe herabfällt, 
die Sängerinnen zeigen sich vollkommen orientiert über das gesetz 
des gegensatzes, welches in der musik nicht weniger gilt und 
würkt als in den anderen kiinsten. die alten lehrer der discan- 
tierkunst sprechen es alle als eine regel aus dass, wenn die eine 
stimme steigt, die andere fallen soll, auf diese art entsteht die 
gegenbewegöng, welche vorzüglich geeignet ist zwei stimmen 
verschiedenartig zu gestalten, sie in gegensatz zu einander zu 
stellen, während lerche und haubenlerche verschiedene bewe- 
gungen in ihren melodien machen, hält sich die nachtigal in der 
höhe in scharpfen doenen und bildet so ihrerseits widerum einen 
gegensatz gegen beide, ich weifs nicht in wie weit der dichter 
der natur die eigenart des gesanges der drei vögel abgelauscht 
hat. hier fügen sie sich den wichtigsten kunstgesetzen des 13 
und 14 jhs. 

Weitere musikalische kunstausdrücke finden sich noch in 
den beiden letzten Versender ersten Strophe, leicht zu verstehn 
ist das wort trippel im 20 verse. von den je nach der anzahl 
der mitwürkenden stimmen verschiedenen gattungen mehrstim- 
miger musik ist hier die besondere species triplum, der drei- 
stimmige satz angeführt, unmittelbar neben dem trippel ist von 
perdnnen die rede. unter perdiin, der Verdeutschung von 
honrdon, hat man ein instrument oder eine saite zu verstehen, 



74 MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 

welche besonders tiefklingende töne hervorbringt, woraus dann 
die bedeutung eines tiefen tones entspringt, hicmit hängt die 
benennung einer eigentümlichen form des mehrstimmigen, speciell 
des dreistimmigen satzes, des fanx hourdon, zusammen, welche 
neben dem discantus im 13 und 14 jh. und auch später noch in 
Übung war. im discantus haben die einzelnen stimmen hinsicht- 
lich der melodiebildung und der rhythmischen Verhältnisse ihren 
eigenen selbständigen gang, die drei stimmen des faux bourdon 
haben eine und dieselbe rhythmische bewegung und in gewissem 
sinne auch dieselbe melodie. denn von der Oberstimme unter- 
scheiden sich die beiden unteren nur dadurch, dass sie die melodie 
der ersteren in der tieferen quarte und sexte erklingen lassen, es 
herscht also parallelismus zwischen den drei stimmen, von dem 
nur vorübergehend, meist zu anfang oder zu ende des satzes 
abgewichen wird, dem ersten teil der Zusammensetzung faux 
hourdon gegenüber liegt nun wol die frage nahe, worin denn das 
falsche bestehe, das zu solcher bezeichuung berechtigt, man zieht 
für die erklärung am besten eine analogie herbei, die ver- 
minderte oder unvollkommene quinte h — f, die um einen halben 
ton kleiner als die reine vollkommene ist, trägt den namen falsa; 
wir nennen sie heute noch die falsche quinte. es soll damit 
nicht gesagt sein, dass sie an sich ein fehlerhaftes intervall ist. 
sie bleibt nur hinter der Vorstellung zurück, welche man sich 
von einer quinte zu machen gewöhnt ist. sie umfassl zwar auch 
fünf tonstufen der diatonischen tonleiter h c d e f , wie die reine 
quinte. aber sie erreicht, da sie dissonanz ist, doch nicht die 
Vollkommenheit der consonierenden reinen quinte. so etwa ist 
falsa quinta, in diesem sinne auch das faux in faux bourdon 
zu verstehen, die tiefste, die unterstimme (bourdon) in Sätzen 
dieser art ist der anordnung nach, die sonst in mehrstimmiger 
musik stattfand, weniger als die andern, namentlich als die Ober- 
stimme geeignet die basis zu bilden, der bass hält nicht alles 
das, was man von ihm verlaugt, er ist ein fanx bourdon. — 
in unserm gedichte fehlt der zusatz faux zu den perdimen (wenn 
nicht etwa anstatt des vor perdunen stehenden snez richtiger 
faux zu lesen ist), es ist daher möglich dass es sich hier um 
bourdons nur im sinne von tiefen tönen handelt, aber es ist 
ebensowol denkbar dass der dichter die faux bourdons meint und 
von der wolbekannten bezeichnung den ersten teil fortgelassen hat. 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 75 

er konnte dies tun ohne dass er fürchten muste misverstanden 
zu werden, denn das einfache wort bourdon in seiner bedeutung 
als tiefer ton ist in musikaHschen Schriften des mittelalters weit 
weniger gebräuchlich als die composition faux bourdon, und zwar 
in solchem mafse dass, wenn ein dichter des 13 und 14 jhs. 
von bourdon sprach, der hörer und leser weit eher an den faux 
bourdon als an die andere bedeutung denken muste. zudem 
macht die Stellung, in der sich hier das wort neben trippel be- 
findet, die bedeutung in letzterem sinne wenig annehmbar, 'man 
hört im walde manchen dreistimmigen gesang (manic trippel) und 
viel süfse tiefe töne' das gibt gar keinen sinn, es würden hiemit 
zwei dinge zusammengestellt, die auf viel zu verschiedenen stufen 
stehen, um gleichgeordnet werden zu können, aber es ist ganz 
natürlich und gibt ein anschauhches bild, wenn der dichter sagt: 
'man hört im walde manches trippel (dreistimmige gesänge ge- 
wöhnlicher art) und viele süfse faux bourdons (ebenfalls drei- 
stimmige gesänge von einer andern species)', und dieses anschau- 
liche bild ist um so passender, als die Strophe dadurch einen 
abrundenden schluss erhält, zu anfang des gedichtes schildert 
der dichter die kunst und die kunstleistung der lerche, hauben- 
lerche und nachtigal. dann wird des gesanges der andern vögel 
gedacht, und schliefslich kommt er auf das concert der drei 
hauptsängerinnen zurück, welche mit ihren trippeln und faux 
bourdons den ganzen wald erfüllen. 

Gröfsere Schwierigkeiten macht der vorletzte vers der Strophe. 

Was zunächst floris oder flores anlangt, wie ohne zweifei 
zu lesen ist, so sind wir in bezug auf seine musikahsche be- 
deutung nicht in Verlegenheit: flos oder da es meist im plural 
vorkommt flores sind Verzierungen des gesanges. worin dieselben 
bestehn, habe ich trotz der beschreibungen, welche ältere Schrift- 
steller von ihnen geben, nicht feststellen können, aber dass sie 
ausschmückungen sind, welche die eigentlichen wesentlichen töne 
der melodie umspielen, das geht mit Sicherheit aus den angaben 
hervor, hingegen kommt quadrans als technisch musikaUscher 
ausdruck soviel ich weifs niemals vor; worte, die von demselben 
stamm abgeleitet sind, mehrfach, ein par solche, an die man hier 
vielleicht denken könnte, will ich um nichts zu übergehen an- 
geben, so zunächst das wort quadratum, das in der Verbindung 
mit b als b quadratum die ältere schon erwähnte benennung des 



7G MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTEHSÄNGER 

tones h ist ; sodann qnadruplnm, die ältere bezeichnung des vier- 
stimmigen Satzes, welcher hier auf irgend eine art dem trippel 
gegenüber gestellt sein könnte. 

Möglicherweise aber ist in qnadrmites gar kein musikalischer 
kunstausdruck zu suchen, sondern das wort im gewöhnlichen 
lateinischen sinne als particip auCzu fassen, dann würde sich die 
stelle im Zusammenhang mit den vorhergehenden Zeilen (v. 18 — 20) 
folgeudermafsen ergeben: die (sc. sol fa be-molle fa la seiten- 
spiel, welche die nachtigal von dem mai gelernt hat) halten sich 
ohne (mit dem gesang der andern beiden vögelj zu dissonieren, 
im gegenteil wie blumen, welche dem gesang wol angepasst sind 
(ut flores canttds qnadrantes) hört man sie manches tripliun, 
manchen faux bourdoti zieren, die worte ut flores cantkis 
qnadrmites klingen gerade so, als wenn sie der dichter aus 
einem buche, vielleicht einem lehrbuche entlehnt hätte, das er 
früher einmal geltsen hat und woraus sie ihm nun wider in 
folge einer naheliegenden gedankenverbindung in den sinn kom- 
men, der mai bringt dem friihling die blumen. er lehrt, wie 
es in dem gedichte heifst, der nachtigal die töne, welche dem 
von ihr, der lerche und der haubenlerche gesungenen triplum und 
faux bourdon zum zierrat dienen, was liegt nun naher als diese 
töne, auch kinder des maies, in anmutigem doppelsinn mit dem 
ohnehin technischen ausdruck flores zu bezeichnen? wenn nun 
der dichter auf solche art zu der benennung flores gekommen 
ist, so konnte ihm leicht jene oben cilierte stelle einfallen, 
möglich auch dass er sich zuerst der gelesenen stelle erinnerte 
und dass es sich dann ebenso natürlich und leicht ergab, den 
mai zum lehrmeister der flores singenden nachtigal zu machen. 

Und wenn Härder von diesen tönen sagt dass sie sich halten 
ohne mit den andern stimmen des triplum zu dissonieren, 
so ist das nicht blofs geschehen um einen wolfeilen reim auf 
zieren (v. 19) zu bekommen, wie hier die nachtigal, so 
schmückten auch die mittelalterlichen sänger ihren gesang gern 
mit Verzierungen, da das meist aus dem Stegreif geschah, so kam 
es leicht vor dass eine solche stimme mit den andern melodien 
nicht die richtigen zusammenklänge, consouanzen, sondern übel- 
klingende dissonanzen ergab, gegen diese praxis haben sich die 
kunstlehrer eben so oft als vergeblich gerichtet, der dichter aber 
gibt der nachtigal das anerkennende Zeugnis dass sie trotz ihrer 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 77 

verzierungoD in dem richtigen Verhältnis zu den heideu andern 
Sängerinnen bleihl, dass sie sich zu ihnen sunder dissonieren hält. 

Nur die erste Strophe des liedes ist angefüllt mit der Schil- 
derung des künstlerischen vogelgesanges. in den folgenden beiden 
Strophen singt der dichter das lob der Jungfrau Maria. War 
umb soll ich nu stoigen sdn? so knüpft er sein loblied an. und 
man ergänzt richtig, wenn man hinzufügt 'wenn die vögel so 
kunstreich singen', es ist nichts seltenes dass der dichter 
seinem eigentlichen gesange nach art eines redners eine vorrede, 
eine art hegründung, aus der er die veranlassung oder berechtigung 
zu seinem unternehmen beweisen will, voranstellt, aber hier 
erscheint doch die vorrede etwas sehr lang, der gesang der vögel 
ist mit besonderer absichtlichkeit so ausführlich geschildert, man 
geht glaube ich nicht irre, wenn man annimmt dass es dem 
dichter darauf ankam seine musikalischen kenntnisse anzubringen, 
zu diesem zwecke musten die vögel, die sonst unbekümmert um 
tonleiter, intervalle und sonstige technische dinge ihre stimme 
erklingen lassen, die discantierregeln lernen, in der tat so viel 
mühe hätte der dichter sich und den vögeln ersparen können, 
um seinem loblied eine einleitung zu geben, die damit doch nur 
in sehr losem Zusammenhang steht, aber das muss man ge- 
stehen, aus dieser einleitung geht hervor dass der dichter in den 
kunstgesetzen des mehrstimmigen satzes seiner zeit unterrichtet 
war. er war sich dessen übrigens vollkommen bewust, nicht 
minder des gegensatzes seiner meistersängerischen gelehrsamkeit 
zu der ungelehrten art, in welcher das volk seine lieder sang. 
ezn lebt kein bür uf erdn so grop, er wil ein senger sin. tind 
künnent doch kein rime mezzen, sie sint verstözen von gesanges 
kür sagt er an anderer stelle (Bartsch Kolm. meisterlieder 
Seite 593 v. 3 — 5). er spricht sich hier geradezu dahin aus 
dass er musikalische bildung für ein notwendiges besitztum des 
kunstsängers halte. 

Um so mehr rufen die kenntnisse des einen dichters 
Härder die frage nach der musikalischen bildung der meister- 
sänger überhaupt hervor, ich habe eine grofse anzahl von meister- 
liedern durchgesehn, ob nicht mehrere von ihnen solche proben 
musikalischer gelehrsamkeit enthielten, ich habe aber weiteres 
bisher nicht gefunden, so dass ich mir ein allgemeines urteil 
über die theoretisch musikalische bildung der meistersänger 



78 MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 

namentlich in der kunst des mehrstimmigen satzes niclit bilden 
konnte, jedesfalls beweist des Härders beispiel dass sie von der- 
selben keineswegs ausgeschlossen zu sein brauchen. 

Ist nun das beweismaterial , welches sich für oder gegen 
ihre musikalische bildung aus den worten der dichter ergibt, 
so spärlich bemessen, so richtet sich die aulmerksamkeit von 
selbst auf ihre musikalischen leistungcn, auf die compositionen 
ihrer gedieht^, von denen mir freilich nur so viel vorlag, als in 
den musikalischen beilagen des 4 bandes der IIMS abgedruckt ist. 

Hat man es mit diesen musikalischen producten der meister- 
sänger zu tun, so muss man sein augenmerk auf andere dinge 
lenken, als von denen in Härders gedieht die rede ist. dieses 
behandelt die kunst des mehrstimmigen satzes. die melodien der 
meistersänger aber sind durchaus einstimmig, sie sind einstimmig 
nicht blofs überliefert worden, sondern einstimmig ohne jedes 
bedürfnis nach mehrstimmigkeit erfunden, es handelt sich hier 
also einzig und allein um diejenigen fähigkeiten, um die kennt- 
nis derjenigen dinge, welche zur bildung einer einfachen ein- 
stimmigen melodie notwendig sind, ob nun diese fähigkeiten 
und kenntnisse theoretisch auf dem wege einer förmlichen schule 
oder ob sie unbewust im umgange, durch vieles hören und singen 
erworben sind, in jedem fall sind sie für die erfmdung auch 
nur ganz einfacher melodien unentbehrlich, ohne dieselben 
wird man zwar seinem herzen in tönen luft machen können, 
aber nimmermehr tonsätze mit einer geordneten melodiebildung 
hervorbringen, und die anforderungon wachsen, wenn die melo- 
dien, wie die der meistersänger, einer künstlichen, oft allzukünst- 
lichen Strophenbildung dienen und dieser — wenn anders wort 
und ton band in band gehen sollen — hierin folgen. 

In der melodiebildung sind zwei factoren würksam, der 
rhythmus und die aufeinanderfolge der intervalle, welche beide 
im kunstwerk seihst zwar auf das engste mit einander verbunden 
sind, die in der Untersuchung aber besser von einander getrennt 
werden. 

Was zunächst die rhythmischen Verhältnisse der meister- 
sängermelodien betrifft, so lassen sich dieselben aus den in HMS 
überlieferten noten nicht feststellen, weder aus dem abdruck der 
Jenaer noch der Neidharthandschrift, ich will diese behauptung, 
die schon in der dem 4 band der HMS beigefügten abhandlung 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 79 

über die musik der meistersänger ausgesprochen ist, etwas näher 
begründen, in der Jenaer hs. haben alle noten ihrer rhyth- 
mischen bedeutung nach dieselbe gestalt; es ist die sogenannte 
longa der ältesten mensuralnotenschrift, eine viereckige schwarze 
note mit einem abwärtsgehenden strich an der rechten seite. 
eine ausnähme hievon machen nur die ligaturen, gruppen von 
eng aneinander gerückten oder durch senkrechte striche mit 
einander verbundenen noten, welche der einen ihr zugehörigen 
textsilbe soviel töne geben, als noten in ihnen vereinigt sind, 
die überwiegende mehrzahl der silben erhält nur einen jedesmal 
durch die longa bezeichneten ton, und all diese töne haben 
daher, ob die ihnen zugehörigen silben in hebung oder Senkung 
stehen, dieselbe Zeitdauer, denselben rhythmischen wert, hiemit 
verzichtet die notenschrift selbst darauf, die rhythmischen Ver- 
hältnisse der in ihr dargestellten melodien zu ordnen, in 
der Neidharths. kommen zwei verschiedene notengestalten vor, 
von denen die eine mit strich obwol anderen characters als die 
entsprechende der Jenaer hs. die longa ist. die andere ohne 
strich ist die brevis, ebenfalls eine note der ältesten mensura- 
listen, von geringerem Zeitwert als die longa, in buntem 
Wechsel stehen diese beiden notengattungen neben einander und 
es liegt nahe aus ihnen die rhythmische gestaltung der melodie 
feststellen zu wollen, ein versuch, welcher wie wir sahen der 
Jenaer hs. gegenüber vergeblich ist. aber auch hier wird man 
bald, wie man sich auch drehen und wenden möge, zu dem- 
selben resultat kommen, man mag unter strengster beobachlung 
der regeln, welche für die alte art der notenmessung gelten, der 
gestrichenen note, sofern ihr eine uugestrichene folgt oder 
vorausgeht, den doppelten Zeitwert derselben, man mag ihr, wenn 
sie in der Umgebung gleichgestalteter noten steht, den dreifachen 
wert geben, man mag der gestrichenen note ein für allemal den 
doppelten oder dreifachen wert der ungestrichenen geben, ja man 
soll, um keine möglichkeit unversucht zu lassen, die werte um- 
gekehrt verteilen dh. den gröfseren der ungestrichenen , den 
kleineren der gestrichenen note geben und nun wider denselben 
versuch machen — so wird man doch niemals oder nur vorüber- 
gehend eine regelmäfsig fortlaufende gruppierung von tacten er- 
halten, ohne welche die grundbedingung für den rhythmus fehlt. 
ich weifs nicht, ob man zu besseren resultaten kommen würde. 



80 MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 

wenn mau sich andere mcthoden die Zeitwerte der nolen zu be- 
stimmen heraussucht, wenn man zb. wie es die Jenaer hs. nahe 
lej^l diMj melrisrliei) Verhältnissen die hestimmnng liher die rhyth- 
mischen überlieise , wenn man el)enso in der Neidharths. vor- 
gienge, indem man von der Verschiedenheit der beiden nolen- 
fignren und noteiiqnantitäten absähe, so viel steht fest, hei dem 
bisherigen Standpunkt in der Kenntnis der notenschrift ergibt 
sich ein resultat für den rhythmus der melodien aus der notierung 
derselben nicht — wenigstens aus dem Tibdruck in den HMS 
nicht, das herbeiziehen anderer solcher hss., welche melodien 
der lieder enthalten, würde vielleicht zu einem günstigeren 
erfolg führen, und es wäre erwünscht diesen versuch zu machen, 
denn bisher ist es unmöglich sich eine Vorstellung von dem 
rhythmischen Vortrag der meisterlieder zu machen. 

Das negative resultat, welches die abdrücke ergeben, könnte 
aber auch leicht zu der annähme führen, als wären die melo- 
dien vom rhythmus überhaupt nicht beberscht. 

Die möglichkeit einer melodiebildung ohne rhythmus und 
des Vortrags solcher melodien ist nicht abzuläuguen. man kennt 
beides aus dem ritualgesang der katholischen kirche, dem soge- 
nannten gregorianischen choralgesang, der zwar je nach der 
bedeutung und betonung der wortsilben zwischen tönen von 
längerer und kürzerer Zeitdauer unterscheidet, dieselben aber 
doch nicht in tacte dh. in einen geordneten rhythmus bringt, 
diese form des rhythmus, wenn man sie anders so bezeichnen 
will, welche sich zum würklichen geordneten rhythmus verhält 
wie ungebundene zu gebundener rede, ist die einzige, welche 
die nachchristliche kunstmusik bis in das 12 jh. hinein kennt, 
diese form eignet der einstimmigen musikepoche, welche den 
genannten Zeitraum umfasst, und deren hauptproduct eben der 
gregorianische kirchengesang ist. mit dem entstehen der mehr- 
stimmigen musik und vermöge und zum zweck derselben tritt 
in die kunst der geordnete, der eigentliche rhythmus ein. er 
durchdringt dieselbe alsbald in dem mafse dass man sich seit 
dem anfange des 13 jhs. ein kunstproduct, sei es auch nur eine 
einstimmige melodie, die nicht vom rhythmus regiert wäre, 
kaum noch vorstellen kann — aufser es niüsten erfindungen 
für die kirche sein, die, um dem ritual derselben einverleibt 
werden zu können, ganz in dem sinne und nach der art des 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 81 

gregorianischen gesanges gebildet wären, die inelodien der 
meistersänger, besonders die, mit denen wir es in HMS zu tun 
haben, gehören der rhythmischen zeit an, und es ist kein grund 
vorhanden , aus welchem die dichter sich in rhythmischer be- 
ziehung den kirchengesang, den sie zwar tagtäglich zu hören 
gelegenheit hatten, zum muster wählen sollten, im gcgenteil, 
es ist das natürlichere dass sich den mafsen ihres vers- und 
stropheubaues auch das rhythmische mafs der tacte und perioden 
gefügt hat. wo es sich um die musikalische composition von 
strophisch gebauten gedichten handelt, da findet sich wie von 
selbst der rhythmus ein. der regelmäfsige Wechsel von betonten 
und unbetonten silben ruft fast zwingend einen ebenso regel- 
mäfsigen Wechsel von betonten und unbetonten zeitteilen hervor; 
so entsteht eben und das ist rhythmus. dann entwickeln sich 
aus den einzelnen versen und den ruhepunkten am Schlüsse ge- 
wisser verse rhythmische perioden und rhythmische ruhepunkte, 
lieder übrigens, wie manche der meisterlieder, deren gesang die 
bewegungen einer tanzenden menge leiten sollte, können auf 
keinen fall der regelmäfsigen widerkehr von betonten und un- 
betonten tactteilen, dh. des rhythmus entbehren, wenn vom singen 
eines strophischen liedes rhythmus so wenig zu trennen ist, dass 
man auch schon in der einstimmigen musikperiode, in welcher die 
kunstmusik, der geistliche gesang ohne rhythmus fertig wird, 
den strophischen weltlichen gesang sich rhythmisch vorstellen muss, 
um wie viel mehr muss man die annähme dass die melodien 
der meisterlieder, welche der periode der rhythmischen kunst- 
production angehören, rhythmisch concipiert und ausgeführt worden 
sind fest im äuge behalten, wenn die notierung der melodien 
liber diesen punkt bisher keinen definitiven oder wenigstens nur 
negativen aufschluss gegeben hat, so darf man eben nicht müde 
werden, ehe man sich zur entgegengesetzten annähme entschliefst, 
rhythmus in ihnen zu suchen. 

Ich komme jetzt zu dem andern factor in der melodiebildung, 
zu der aneinanderreihung der intervalle, welche ich nun im fol- 
genden der kürze halber als melodiebildung in speciellem sinne 
bezeichnen will. 

Die melodien der meistersänger treten dem unbefangenen 
hörer von heute, der mit der compositionsweise fridierer zeiten 
nicht vertraut ist, als etwas fremdartiges entgegen, will man 
Z. F. D. A. neue fol^e VIII. 6 



82 MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTEHSÄNGER 

ihnen aber jt-erecht werden, will man durch den ersten allge- 
meinen eindruck des fremdartigen zu den speciellen eigenlUmlich- 
keiten hindurchdringen, so muss man sich mit ihnen vertraut 
machen, dazu reicht ein anhören, auch ein oftmaliges anhören, 
nicht aus. es gehört dazu die kenntnis gewisser dinge, durch 
welche man erst befähigt wird, beim anhören das wichtige von 
dem unwichtigen zu unterscheiden, es ist vor allem eri'orderlich 
sich über die arl und weise rechenschaft zu geben, in welcher 
die zeit der meistersänger die töne der natiiriicheii diatonischen 
tonleiter, das grundmaterial aller musik, benulzi. diese tonreihe 
c d e f g a h c enthält, soweit man sie sich auch nach oben 
und unten forlgesetzt denken kann , nur sieben verschiedene 
töne; mit dem achten beginnt die widerholuog des siebenten 
tones und somit aller sich aus der reihe ergebenden tonverhält- 
nisse. auf zwei von diesen sieben tönen errichtet die moderne 
musik mit den in der grundreihe vorhandenen tönen je eine 
tonleiter, auf c die leiter c d e f g a h c, die durtonleiter; 
auf a die moUtonleiter a h c d e f g a. alle anderen in der 
heutigen musik gebräuchlichen tonieitern sind, wie sie auch beifsen 
mögen, ob g- f- d- etc. dur oder moll, nur Übertragungen der 
dur- und moUtonleiter auf die andern tonstufen, sie sind, um es 
mit einem technischen ausdruck zu benennen, transposilionsscalen 
der beiden typen, denn sie zeigen dieselbe anordnung der töne 
wie diese, alle durtonleitern haben, wie ihr typus, die c-leiter, 
zwischen der dritten und vierten und zwischen der siebenten 
und achten stufe einen halben, sonst überall einen ganzen ton. 
die läge der halben töne in allen molltonleilern ist dieselbe wie 
die in ihrem typus, der a-leiter, nämlich vom zweiten zum dritten 
und vom fünften zum sechsten ton. andere tonieitern also als 
diese beiden dur und moll benutzt die moderne musik nicht, 
es ist hier nicht der ort zu untersuchen, warum sie sich gerade 
die beiden stufen c und a heraussucht, um auf denselben ton- 
ieitern zu errichten, es ist nur zu constatieren dass die natür- 
hche diatonische tonreihe in den tönen d e f g h noch fünf 
andere stufen besitzt, auf welche tonieitern zu bauen die moderne 
musik unterlässt. und doch könnte man auf jeder von ihnen 
ebenbürtige tonieitern construieren, nur nicht auf b, weil in der 
so entstehenden scala das wichtige Verhältnis vom grundton zur 
quinte, in diesem falle h — f, in seiner eigenschaft als dissonierende 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 83 

falsche quinte unbrauchbar ist. die vier Scalen auf d e f g 
sind nun aber nicht blofs theoretisch möglich, sondern auch 
würkhch in der praxis früherer zeiten ebenso allgemein verwandt 
worden wie heute unsere dur- und molltonleiter, ja die uns 
heute fehlenden Scalen d e f g sind in der kunst des mittelalters 
die einzig gebräuchlichen, unsere heutigen dieser kunst fremd 
gewesen, in das theoretische System der tonarten sind die 
letzteren erst durch Glareau in seinem Dodecachordon (Basel 1547) 
eingeführt worden, die praxis hat sie bereits früher verwandt, 
wann dies zuerst geschehen sei, ist nicht genau auzugebeu. 
in der weltlichen kunst jedesfalls früher als in der geistlichen, 
denn diese wurde lange zeit geleitet durch den gregorianischen 
gesang, welcher sich von unsern modernen tonarten vollkommen 
frei erhalten hat. 

Die fremdartigkeit des eindrucks, welchen die melodien der 
meisterlieder auf uns machen, beruht zunächst auf ihrer benutzuug 
der vier alten touleitern, neben denen sie auch unsere beiden 
modernen verwenden, denn wie sich dur und moll-accord, dur- und 
moll-melodien von einander durch die läge derselben töne unter- 
scheiden, so haben auch die vier andern tonarten und die auf 
ihnen basierenden melodien jede ihre besondere construction 
hinsichthch dieser halben töne, durch diese Verschiedenheit 
in der construction wird die Verschiedenheit des Charakters be- 
dingt, die jeder von uns zwischen dur und moll empfindet; nicht 
minder aber auch die Verschiedenheit des Charakters einmal 
zwischen den alten tonarten unter einander und dann zwischen 
ihnen insgesammt einerseits und den beiden modernen tonarten 
andererseits, wir, die wir mit den alten tonarten und ihren 
melodien gar nicht vertraut sind, treten ihnen nicht wie lauter 
eigentümlichen bildungen gegenüber, sondern wie einer unter- 
scheidungslosen unbekannten masse. der eiudruck, den wir von 
ihnen bekommen, ist nicht der dass jede ihren besondern Charakter 
habe, sondern dass sie alle eine wie die andere die uns von 
Jugend an geläufigen modernen tonieitern vermissen lassen, wir 
tragen in sie unsere Vorstellungen von dur und moll hinein, und 
da sie diesen nicht entsprechen und nicht entsprechen können, 
berühren sie uns wie etwas fremdartiges, fast wie etwas unge- 
höriges. 

Nicht minder tragen wir in melodien früheren datums, also 

6* 



84 MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 

auch in meistersängermelodien eine andere gewühnung aus der 
modernen musik hinein. 

Wenn wir ein einstimmiges lied singen, hören oder uns 
auch nur vorstellen, so gesellt sich zu der Wahrnehmung des- 
selben sofort etwas anderes, das wir hinzuergänzen, nämlich eine 
accordische grundlage. auf accordischer grundlage basiert die 
moderne musik ganz und gar. jede melodie im modernen kunst- 
werk wird getragen durch eine mit derselben fortlaufende kette 
von accorden , von denen jeder mit seinen nachbarn in mehr 
oder weniger verwantschaftlichem Verhältnisse steht, diese accor- 
dische begleitung ist der melodie nicht äufserlich angeklebt, 
sondern sie ist so eng mit derselben verwachsen, dass sie die 
melodiebildung selbst in jedem augenblick beeinflusst. natürlich, 
denn die melodie muss in ihren intervallverhältnissen so geartet 
sein, dass sie die hinzufügung von verwantschaftlich zu einander 
stehenden accorden zulässt. so erfindet der componist die melodie, 
so verlangt sie der hörer, der das bedürfnis hat, sich die not- 
wendige begleitung, wo sie fehlt, hinzuzudenken. — mit solchen 
ansprUchen tritt nun der moderne hörer an die melodien der 
meistersänger, und er wird und muss sich entteuscht finden, 
nicht blofs, weil sie wie oben gesagt einstimmig erfunden sind, 
sie lassen eine accordische begleitung überhaupt nicht zu. ihr 
widerspricht die kunstpraxis jener zeiten, ihr widerspricht das 
ältere tonsystem mit jenen vier tonarten. accordische begleitung 
ist mit den vier alten tonarten so unvereinbar, sie eignet sich für 
die beiden modernen tonarten so vollkommen, dass an dem stürz 
der alten und an der sanctionierung der neuen tonarten das 
überhandnehmende verlangen nach accordischer begleitung einen 
bedeutenden anteil hat. daher ist es ein eitles und verfehltes 
unternehmen, den melodien der meistersänger einen accordischen 
aufputz hinzuzufügen, man schädigt sie nur und macht sie da- 
durch dass man ihnen ein uns zwar wolbekanntes, ihnen aber 
nicht passendes kleid umhängt, nur unkenntlich, ob diese aus- 
staffierung von fachmännern würklich ausgeführt und auf dem 
papier in form von clavierbegleitung oder mehrstimmigem accor- 
dischen satz fixiert ist, oder ob der moderne hörer sich der- 
gleichen unwillkürlich hinzuergänzt, das gilt gleich, will man 
die melodien der meistersänger aufnehmen wie sie gemeint sind, 
so höre man sie ohne jede nebenrücksicht, man versetze sich in 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 85 

die bedingungen, unter denen sie entstanden sind, der fremd- 
artige eindruck, welchen der mangel an accordischer begleitiing 
und die benutzung der alten tonarten mit sich bringen, wird 
freilich nicht schwinden; aber man wird mit ihm wie mit einer 
bekannten gröfse rechnen, ihn in abzog bringen können und so 
eher den weg zu dem kern der melodien finden. 

Man nähert sich ihnen am besten, wenn man sie in ihrem 
Verhältnis zur Strophenbildung, der sie dienstbar sind, beobachtet, 
ich sehe hiebei von den leichen ab; denn es liegt vorläufig noch 
näher sich mit dem bau der regelmäfsigeren und einfacheren 
form des liedes zu beschäftigen. 

Die Strophe des liedes wird durch die verse in einzelne 
abschnitte geteilt, auch die melodie zerfällt, schon weil eine so 
lang ausgedehnte reihe von tönen gegliedert sein muss, in ein- 
zelne teile, die mittel, welche den versschluss herstellen, sind be- 
kannt, als weniger bekannt darf ich die cadenzen als das mittel 
voraussetzen, durch welches der abschluss der einzelnen melodie- 
abschnitte zuwege gebracht wird, die cadenzen sind tonformeln, 
die durch ihre ruhige entweder auf- oder abwärts in irgend 
einen ton überleitende bewegung sehr wol geeignet sind, den 
abschluss einer melodie zu bilden, ihre anzahl richtet sich nach 
der menge der gebräuchlichen tonarten. so ist die moderne 
musik nach dieser seite hin um ebenso viel ärmer als die zeit 
der meistersänger, als sie eine geringere anzahl von tonieitern 
wie diese besitzt, jede tonleiter hat zwei cadenzen, eine, welche 
von unten nach oben in den grundton der tonleiter führt, eine 
andere, welche ihn von oben nach unten gehend erreicht, für 
die meistersänger dürfen wir also im ganzen zwölf solcher schluss- 
formeln annehmen, von denen als beispiel von aufwärtsgehen- 
den cadenzen die Schlüsse von c und f, hc und ef, als abwärts- 
gehende de und gf anzuführen genügen mag. der unterhalb des 
schlusstoues liegende ton ist der aufvvärtssteigende , der ober- 
halb liegende der abwärtsgehende leiteton. die frage jedoch, 
ob in den meistersängermelodien die aufwärtsgehenden leitetöne 
c, f, g, um besser nach d, g, a zu führen, um einen kleinen 
halben ton zu eis, fis und gis, wie in den mehrstimmigen com- 
positionen des 15 und 16 jhs., erhöht werden, muss ich un- 
beantwortet lassen, wer näheres über die schlusscadenzen er- 
fahren will, der findet auskunft in HBellermanns Contrapunkt* 



86 MUSIKALISCHE BILDUNG DER 3IEISTERSÄNGER 

(Berlin 1876) s. 92. 111 ff. ich sehe auch von anderen schluss- 
inäfsigen Wendungen ab, die sich neben den eigenthchen schluss- 
cadenzen hie und da vorfinden, uns genügt es zu wissen dass die 
rneistcrsänger von dem in ihrer zeit ül)lichen kunslmitlel, vermöge 
der cadcnzen einen musikaUschen gedanken ahzuschhefsen, vollen 
gebrauch gemacht haben, in bunter reihe tritt bald diese, bald 
jene, hie eine aufwärtsgehende, dort eine abwärtsgehende cadenz 
als Schlussmittel auf. dadurch kommt abwechselung nicht blofs 
in die versschlüsse, sondern auch in den verlauf der melodie, 
die ihre bogen von einem schluss zum andern spannt, und dem- 
jenigen, der den einen zweck aller dieser Wendungen, die melodie 
zu gliedern, kennt, wird nun in jedem augenblick die einheit gegen- 
wärtig sein, weiche zwischen versbau und melodienbau herscht. 

Denn die melodie zerfällt in eben so viele abschnitte als 
die Strophe verse enthält, wo ein vers endigt, da ist auch in 
der melodie ein durch die cadenz kenntlicher abschluss. dieses 
zusammenfallen des logischen vers- und des musikalischen melo- 
dieabschnittes ist eines der einfachsten und wichtigsten gesetze 
der vocalcomposition — ein gesetz, das bereits die älteste ein- 
stimmige musikpraxis herausgebildet und als norm aufgestellt hat, 
ein gesetz, das in bewuster absieht auch die meistersänger sich 
dienstbar machen. 

Diese einheit zwischen wort und ton zeigt sich nun noch 
gesteigert in der anordnung gröfserer und höherer formen. 

Mit wenigen ausnahmen sind die Strophen der meistersänger 
dreiteilig gebaut, diese gliederung in zwei Stollen und den ab- 
gesaug ist ebensowol ein product des melodien- wie des strophen- 
baues. wie der zweite Stollen die metrische widerholung des 
ersten ist, so widerholt sich auch im zweiten stoUen die melodie 
des ersten, der abgesang bringt metrisch wie musikalisch neues, 
ich möchte sogar behaupten dass die gleichheit der melodie 
in den stoUen strenger durchgeführt ist, als die gleichheit des 
metrischen baues. denn in manchen Stollen ist die reimstellung 
verschränkt wie a b c — b a c, und es läge darin vielleicht 
eine veranlassung auch die melodien der verse der reimstellung 
entsprechend umzuordnen, aber das kommt nie vor. die stricte 
widerholung der melodie des ersten für den zweiten Stollen ist 
durchgeführte regel. fehlt aber, wie es bisweilen vorkommt, eine 
solche widerholung, so darf man daraus den schluss ziehen dass 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 87 

in (lein metrischen bau die dreiteilige gliederung in zwei gleiche 
Stollen und den abgesang nicht beabsichtigt war. 

Die widerholung der stollenmelodie unterstützt den zweck 
und die bewuste absieht des dichters, die beiden Stollen als etwas 
durchaus gleichartiges zu setzen, sie unterstützt nicht blofs, 
sondern sie würkt um vieles intensiver und eindringlicher, als 
die gleichartigkeit des metrischen baues. denn diese bringt uns 
im zweiten stellen in derselben metrischen form einen neuen 
Inhalt, durch die widerkehr gibt sich die melodie in form und 
inhalt, die in der musik überhaupt schwerer als irgendwo von 
einander zu trennen sind, noch einmal ganz und gar. solche 
widerholung steckt der musik tief im blute, sie ist von jeher 
ein wichtiges darstellungsmittel dieser kunst gewesen, in dem 
lied, in der arie, im sonatensatz, in den tanzformen, überall hat 
man davon in geringerem und umfangreicherem mafse gebrauch 
gemacht, so kommt in den meisterliedern der dienst, welchen 
die musik der plastischeren darstellung der dichterischen form 
leistet, zugleich ihr selbst zu gute, in dieser Verknüpfung der 
beiderseitigen interessen liegt jener höhere grad von einheit, der 
zwischen der dichtung der meistersänger und ihrer musik obwaltet. 

Das bedürfuis der musik nach widerholung des bereits 
dagewesenen würkt aber nun noch weiter, wenn in einem musik- 
stück sich an eine melodie eine zweite als gegensatz angereiht 
hat, so kann man ihnen beiden keinen besseren dienst leisten, 
als dass man nachdem die zweite ausgeklungen hat die erste noch 
einmal widerholt, dadurch wird das ganze so entstandene stück 
nicht blofs abgerundeter; es wird übersichtlicher und vor allem, 
die einzelnen teile werden durch das einfache mittel der wider- 
holung, das sich zugleich selbst zweck ist, in organischen Zu- 
sammenhang gebracht, die von der ersten und deren wider- 
holung eingerahmte zweite melodie ist somit in viel engere be- 
ziehung zu ihrer Umgebung gesetzt, als durch die einfache 
entgegensetzung möglich wäre, dass durch die widerkehr der 
ersten melodie auf solche weise ein gebilde höherer Ordnung ent- 
steht, wird jedem klar sein, auf den die form als solche würkung 
ausübt. 

Wenn man auf diesen punkt hin die meistersängermelodien 
prüft, so wird man auch in ihnen dieses darstellungsmittel, in 
einigen mehr, in anderen weniger, aber fast in jeder einiger- 



88 MUSlKALlSCIIi: BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 

mal'sen benutzt finden, es kehrt im abgesang die stoUennjelodie 
oder ein teil derselben wider, meist ist es so, dass die ersten 
verse des abgesanges in melodischer beziehung neues bringen, 
woran sich dann die widerkehr der bereits aus den Stollen her 
bekannten melodien schliefst, der zweck, weshalb man diese 
widerholung au das ende des abgesanges und somit an den schluss 
der ganzen Strophe setzt, ist eben jener organische Zusammen- 
hang, in welchem durch die einrahmung die einzelnen teile unter- 
einander erscheinen, und falls nicht die ganze melodie der 
Stollen, sondern nur ein teil derselben im abgesauge wider auf- 
tritt, ist es am liebsten ihr schluss, welcher so den schluss des 
abgesanges und den abschluss der ganzen Strophe bildet, auch 
hier liegt die absieht klar am tage, der letzte ausgeprägte in 
der eriunerung haftende eindruck , den jeder schluss mit sich 
bringt oder doch bringen müste, soll hier das seinige tun, um 
Zusammenhang in die einzelnen glieder zu bringen. 

Es ist bekannt, dass auch in der metrischen anordnung des 
abgesanges sich oftmals widerholung der Stollen oder von stollen- 
teilen vorfindet, bisweilen reimt der letzte vers des abgesanges 
mit dem letzten der stoUen. solche widerholung und dieser 
reim ist aus demselben bedürfuis wie die vorherbesprochene 
widerholung der melodie entstanden, wir haben bisher in 
aufsteigender linie die einheit zwischen wort und ton der 
meisterlieder durchgeführt gesehen, man möchte nun glauben, 
dass sie auch in dem letztberührten puukt hersche und dass sie 
so den in Strophe und melodie vereinigten bau kröne, es müste, 
wenn sich die einheit bis zu diesem abschluss steigerte, überall da, 
wo sich im abgesang widerholung der melodie findet, der metrische 
bau seinerseits ähnliches zeigen, und in der tat manchmal ver- 
hält es sich so; aber keineswegs so oft dass man daraus eine 
regel aufstellen könnte, wie sehr auch strophenbilduug und 
melodienbildung der meistersänger band in band gehen, jede hat 
ihr princip für sich, nur insoweit die beiden principe zusammen- 
fallen, führen sie versbau und melodienbau auf demselben weg. 
hier aber geht die raelodiebildung ihren eigenen, ihr ist die 
widerholung von bekanntem in viel höherem mafse bedürfnis, 
als dem strophischen bau der meistersänger. kommt ihr dieser 
hierin entgegen, gut, so benutzt sie ihn, um an entsprechender 
stelle ihrem verlangen genüge zu leisten, fehlt im strophischen 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 89 

bau die widerholung, so setzt sich die musik über diesen mangel 
hinweg und folgt, ohne erst die veranlassung von der textgliede- 
rung abzuwarten, ja gegen die Intentionen derselben ihrem eige- 
nen inipulse, es gibt eine grofse anzahl von Strophen, in denen 
zwischen abgesang und stoUen ebensowenig von metrischer gleich- 
artigkeit die rede sein kann , als ihre melodien durch das be- 
sagte Verhältnis zu einander in beziehung gesetzt werden, in 
folge dieses Widerspruches muss denn zu sonderbaren mittein 
gegriffen werden, in deren Verwendung die meistersänger durch- 
aus nicht wählerisch sind, wenn die melodie, welche den Stollen 
vollkommen passte, über das mafs des verses, dem sie nun im 
abgesang dienstbar sein soll, hinausgeht, nun so werden einige 
töne hinausgeworfen oder umgekehrt, wenn sie für den betreffen- 
den vers im abgesang zu klein ist, d^inn wird durch widerholung 
eines oder des andern tones die nötige länge hervorgebracht, 
aber diese Verlängerung und Verkürzung ist nicht das einzige 
mittel, bisweilen verteilt der meistersänger eine vorzugsweise 
lange melodie, die im stoUen nur einem verse diente, auf mehrere 
kleine verse des abgesanges. oder will er einen besonders langen 
vers des abgesanges mit tönen aus den Stollen bekleiden, so flickt 
er, wenn die melodie eines einzelnen verses kein ausreichendes 
mafs hat, aus zweien eine zusammen, entweder zwei ganze, 
oder eine ganz und die andere zum teil, oder auch von beiden nur 
ein stück, und wenn sich diese Operation nicht ohne üher- 
schuss oder deficit machen lässt, so wird auch hier wie vorher, 
wo es die not erheischt, hinzugefügt oder abgeworfen. 

Auch kommt es nicht selten vor dass durch die anwendung 
von Stollenmelodien die Ordnung im inneru ausbau des abge- 
sanges gestört wird, wenn der abgesang selbst wie nicht selten 
aus gleichartigen teilen besteht, so sollte man annehmen dass 
dieselben wie die beiden Stollen auch eine und dieselbe melodie 
erhalten, oftmals geschieht es. aber ebenso oft führt wider- 
holung der stollenmelodie 2um gegenteil. die eine partie des 
abgesanges hat ihre eigene neue melodie, die andere ihr metrisch 
genau entsprechende holt sich, damit die töne der ersteren vorn 
und hinten von gleichartigem umschlossen werden, ihre melodie 
aus den stoUen. 

Wo der meistersäuger, um nichtpassendes passend zu machen, 
seine Zuflucht wie wir sahen zum zusammenflicken und zum zer- 



90 MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 

stückeln nimmt und dadurch den organischen bau schädigt, da 
drängt sich der verdacht auf dass er aus der not eine tugend 
macht — aus der not, die ihm die erfindung verursacht, die 
tugend, welche in der würkung der widerholung der melodie 
liegt, dieser verdacht steigert sich zur latsache, wenn mao bei 
näherem zusehen merkt dass widerholungen nicht blofs in der 
vorher motivierten art der musikalischen anordnung vorkommen, 
sondern dass gewisse melodien oder melodieteile, ja einzelne kleine 
Wendungen hie und da im verlauf der Strophe in den Stollen 
sovvol wie in dem abgesang immer wider auftauchen, die er- 
findung reicht oft, namentlich bei langen Strophen und bei lang- 
gedehnten verszeilen, nicht weit genug; wo sie dem componisten 
ausgeht, da greift er schnell auf Wendungen von vorher zurück 
und bringt sich dadurch ein Stückchen weiter und seine er- 
findung zugleich in neuen schwung. es ist dies ein Vorgang, 
den man auch in modernen kunstwerken häufig beobachten kann, 
und wer die compositionsmanier der Niederländer im 15 jh. kennt, 
den wird sie lebhaft an dieses zusammenflicken der meister- 
sänger erinnern, der niederländischen composition liegt eine 
gegebene melodie, ein weltliches lied, oder ein kirchlicher ritual- 
gesang, ein tenor wie er heifst zu gründe, über denselben soll 
nun ein mehrstimmiges tonstück gebaut werden, da wird denn 
der tenor in lauter kleine teilchen zerlegt und diese werden 
mosaikartig zusammengesetzt, so dass sie bald in dieser bald in 
jener stimme in der buntesten reihenfolge erscheinen, das 
bestreben des componisten geht dahin, aus ihnen möglichst viele 
und möglichst abwechslungsreiche comhinationen zu macheu. 
deshalb werden die einzelnen teilchen zu immer neuen bildungen 
fast wie die buchstaben zu den verschiedensten worten zusammen- 
gefügt, nicht in demselben umfang aber in ähnhcher art kehren 
für den aufmerksamen beobachter auch in den meistersänger- 
melodien dieselben melodiepartikelchen vielfach wider, bei dieser 
art der arbeit, sollte man glauben, hätten die meistersänger melo- 
dien zu wege gebracht, über die man auf schritt und tritt stolpern 
müste. aber durchaus nicht, die kleineren und grOfseren melo- 
dieteile sind mit entschiedenem geschick in den verlauf der melodie 
hineingewebt, wie denn alle die verschiedenen oben besproche- 
nen manipulationen mit Sachkenntnis ausgeführt sind, wo der- 
gleichen vorkommt, stört es den fluss der melodie nicht im 



MUSIKALISCHE BILDUNG DER MEISTERSÄNGER 91 

geringsten; das ohr wird, ohne austofs zu nehmen, solche partien 
an sich vorühergehen lassen, wenn man nicht genau acht gibt, 
so wird man es oft gar nicht merken dass hie und dort ein 
Stückchen melodie angeflickt, eingeschoben oder fortgelassen ist. 
was zum wesen der melodiebildung gehört, das haben die meister- 
sänger sicherlich gelernt oder gewust, jedesfalls haben sie es 
gekonnt. 

Aber die einheit zwischen Strophen- und melodienbau haben 
sie doch nur teilweise erreicht, vers und melodienabschnitt 
decken sich bei ihnen; die gleichartigkeit im bau der Stollen 
prägt sich auch in ihren tOnen aus. aber in dem Verhältnis 
vom abgesang zu den stoUen haben sie gefehlt, sie haben um 
der forderung nach widerholung von Seiten der musik nachzu- 
kommen und auch unter diesem schein, tatsächlich aber aus er- 
findungsarmut mit ihrer musikalischen gestaltung den metrischen 
bau zerstört. — deshalb hiite man sich, unter allen umständen 
aus widerholungen in der melodiebildung auf widerholungen im 
Strophenbau zu schliefsen. 

Innerhalb dieser grundzüge, in denen ich die musikalischen 
kenntnisse der meistersänger, die Verwertung derselben für die 
composition und namentlich das Verhältnis zwischen ihrer dichtung 
und musik darzustellen versucht habe, liefsen sich viele details 
finden, welche durch die Verschiedenheit von zeit, ort, begabung 
und bildung bedingt sind, ich bin überzeugt dass dieselben der 
beurteilung der meistersängerischen producte zu gute kommen 
würden, um aber so speciell in die behandelten fragen einzu- 
gehen, reicht das material, welches die musikaUschen beilagen 
der HMS mir ergaben, nicht aus. es genügte gerade, um die 
fragen wider einmal anzuregen. 

Strafsburg, märz 1876. G. JACOBSTHAL. 



92 ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 



ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN. 

DIE MÜNCHNER HS. DER SECHS NAMEN DES FRONLEICHNAM. 

Dass einer ausgäbe des Fronleichnam die Münchner hs. 
zu gründe gelegt werden müste, weil der tractat dort im wesent- 
lichen in dem von mir für den monch von Heilsbronn nach- 
gewiesenen dialecte erhalten ist, glaube ich in meiner abhandlung 
Über den mönch von Heilsbronn (QF xv) dargetan zu haben. 

Vor kurzer zeit war es mir möglich, die hs. selbst einzu- 
sehen; sie wurde mir bereitwilligst auf meine bitte von der 
Münchner Staatsbibliothek auf der hiesigen bibliothek zur Ver- 
fügung gestellt, und ich bin in der läge, eine collation von M 
zu geben, sie lag bis jetzt nur in einem fragmentabdruck (Altd. 
bll. u, 350 ff) vor, der die gereimte vorrede, den anfang der 
prosa und den gereimten schluss gibt, und nur nach diesem ist 
sie von Merzdorf benutzt, sollte noch ein zweifei an der gute 
von M und an der Schlechtigkeit von P obwalten, so wird er 
angesichts der vollständigen vergleichung der beiden hss. schwin- 
den, mit M ist nicht nur die beste handschrift des Fronleichnam, 
sondern überhaupt die grundlage für eine ausgäbe der echten 
werke des mönches von Heilsbronn gegeben. 

Cod. germ. 100, xiv jh., 8^ 183 bll. perg. (vgl, die kurze 
inhaltsangabe im Catal. cod. bibl. Mon. v, 11) enthält zunächst 
auf bl. Ib — 4 b den tractat von Der minnen bäum, der anfang 
lautet: Hie hebet sich an der minnen bäum, den diu minnend sei 
hie sol auf chlimmen biz daz si chumt ze irm lieben (vgl. Adrian, 
Mitteilungen aus hss. s. 456 ff). 

Es folgt von bl. 4 b — 9 b incl. ein gebet zur Vorbereitung 
auf den empfang des heiligen abendmahles, so beginnend: Herr 
Jesu Christe, ich gelaub von gantzem meinem hertzen und waiz 
ez von lauterr loorhait icol, daz du icarer got und warer mensch 
hie gegemourtich jnst etc. 

Dann von bl. 10 a — 110 a incl. der tractat des mönches von 
Heilsbronn, und zwar in folgender weise: auf bl. 10a z. 1 bis 
bl. 12 a z. 6 incl. das gereimte vorwort. die übrige seite leer,. 



ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 93 

darauf die prosa von bl. 12 b z. 1 — 104 a z. 11 incl., quantitativ 
der fassung vou P fast genau entsprechend. P schliefst hier 
nach einigen Worten, die in M fehlen, den tractat. M hat zu- 
nächst mit roten buchstaben : Ditz ist ain gut gebet von gotes 
hiligem lekhnam und bringt darauf von bl. 104 a z. 14 — 108 a 
z. 18 incl. dieses gebet, welches durch Änie7i geschlossen wird, 
bl. 108 a z. 19 (letzte) leer. bl. 108 b z. 1—7 incl. reiht sich 
ein zweites, kürzeres, widerum mit Anmi schliefsendes gebet an. 
erst dann folgt das gereimte nächwort, und zwar in directem 
anschluss von bl. 108b z. 8 — bl. 110a z. 18 incl. 

Es ist nun nicht zweifelhaft, dass die beiden gebete, das 
gröfsere und das kleinere, als echte bestandteile zu dem tractate 
des mönchs von Heiisbronn gehören, und zwar genau mit dem- 
selben rechte, mit dem man das unmittelbar darauf folgende 
poetische nächwort, in dem der münch sich überhaupt erst als 
Verfasser nennt, zu dem tractate hinzurechnet und auf ihn be- 
zieht. M hat auch hier das echte bewahrt. 

Die oben angeführte, mit roten buchstaben geschriebene 
notiz manifestiert sich durch ihren dialect und ihren inhalt als 
eine Schreiberbemerkung, die bairische form leichnam für Ucham 
kommt in dem ganzen tractat, wie er in M erhalten ist, nicht 
vor, formen wie hiligem für heiligem sind in M unerhört, und 
für mhd. ei wird nur in verschwindend wenigen fällen ai ge- 
schrieben, nach der notiz folgt wider der gleiche dialect, wie 
vor derselben, sie ist offenbar später hinzugekommen und hat 
den zweck, das unmittelbar darauf folgende näher zu bezeichnen. 

Es wird nun auch klar, weshalb P hier schloss. P hielt 
augenscheinlich auf grund der notiz dafür, dass hier ein neues 
stück beginne, nämlich ein gutes gebet vom leib Christi, und 
liefs in folge dessen dieses und auch das darauffolgende poetische 
Schlusswort weg. zugleich wirft dieser umstand licht auf die 
auffallende tatsache, dass das poetische nächwort mit der angäbe 
des Verfassers in allen hss. des Fronleichnam mit ausnähme zweier 
fehlt, und man darf vermuten, dass in diesen handschriften wie 
in P nicht nur der poetische schluss, sondern auch das letzte 
stück der prosa fehlt. 

Der tractat ist durchweg von einer band regelmäfsig und 
schön geschrieben, die zwei voraufgehenden prosastücke stam- 
men von anderer unter sich widerum verschiedener band, vom 



94 ZUM MÖNCH VON HEILSDHONN 

beginn des Fronleicbnani bis bl. lS2b incl. kann die bs. von 
einer band gescbrieben sein. bl. 183 zeigt eine der vorher- 
gebendeu äbuiicbe, wol aber andere band mit etwas kleineren 
Zügen, correcturen sind nur wenige vorbanden und zwar meist 
von derselben band, die den tractat scbrieb; so sind von dem 
Schreiber öfter stellen am rande durcb 2eicben in den text ein- 
gefügt, von anderer etwa gleichzeitiger band sind an wenigen 
orten kleine auslassungen, meist eines pronomens oder des ar- 
tikels, berichtigt, endlich finden sich einige randbemerkungen, 
die mit dem texte direct nicht zusammenhängen, sondern eine 
art inhaltsangabe bilden, von viel jüngerer band resp. von ver- 
schiedenen bänden. 

Nach dem poetischen nachwort zum Fronleichnam findet 
sich von bl. 110b z. 1 — lila z. 7 incl. eine aufzählung von 
sechserlei gnaden, die durch den genuss des leibes Christi an 
dem gläubigen menschen gewürkt werden, dieses stück ist in 
demselben dialect, mit gleicher dinte, von derselben haud wie 
der Fronleichnam und offenbar in einem zuge mit demselben 
geschrieben, aber ein gewichtiger grund, es dem mönch zuzu- 
schreiben, liegt meines erachtens nicht vor, es scheint mir viel- 
mehr erst im hinblick auf die im Fronleichnam gegebene sechs- 
zahl entstanden. 

Bl. lila z. 7 — 19 leer, es reiht sich an von bl. 111 b 
bis 182b incl. eine anzahl kleinerer und gröfserer tractate, Von 
den sechs tugenden, durch deren besitz der mensch zur erkenut- 
nis des göttlichen lichtes gelangt (bl. 111b — 114aj, Von den 
neun dingen, die ein geistlich herze haben soll (114 ab), Betet 
ohne unterlass (114b — 117b). die drei- und vierzahl ist ver- 
treten in den Drei zeichen der minue und in den Vier dingen, 
an denen der mensch erkennt, ob er in gottes huld ist usw. 

Bl. 182 b z. 19 bricht mitten im satze eines prosatractates 
über die Contemplatio ab. es folgt auf 183 a und b das fragment 
eines geistlichen gedichtes. 183 b war früher auf den holzdeckel 
der bs. aufgeklebt. 

Quantitativ entspricht M, wie bereits oben bemerkt ist, ziem- 
lich genau der bs. P, hinsichtlich der form macht sich ein grofser 
unterschied zwischen beiden geltend, der abstand nach der 
letzteren seile hin ist so bedeutend dass ein Verzeichnis sämmt- 



ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 95 

lieber abweichuugen der hs. M von P ungefähr denselben räum 
einnebnien würde, wie ein vollständiger abdruck von M. 

P ist im wesentlichen im bairischen dialect und daneben in 
einer nichtswürdigen Orthographie geschrieben, es ist nicht 
möglich, sich auf grund der sudelei in P eine auch nur an- 
nähernd richtige Vorstellung von der äufseren gestalt des ur- 
sprünglichen tractates zu bilden, die verderbliche einwürkung 
des Schreibers erstreckt sich aber nicht nur auf die form der 
Wörter, sondern auch — glücklicher weise nur zum geringeren 
teile — auf den Wortschatz selbst, seltene ausdrücke sind von 
ihm, wenn er sie verstand, in gangbare mit demselben sinn, 
wenn er sie nicht verstand, in widersinnige umgesetzt worden, 
manche Wörter sind in P zwar beibehalten, aber durch Versetzung 
der alten und hinzufügung neuer buchstaben sowie durch gra- 
phische änderungen so entstellt dass sie fast nur mit hülfe von 
M wider zu erkennen sind. 

Schlimm ist dass das gedieht Von den sieben gradeu des 
gebetes nur in P erhalten ist. für den Fronleichnam bietet M 
den besten ersatz P gegenüber. M hat statt der bairischen formen 
mit wenigen ausnahmen mittelhochdeutsche resp. mitteldeutsche, 
in graphischer hinsieht werden regeln befolgt, endlieh kehren 
gewisse Wörter, ableitungen, endungen in M regelmäfsig in be- 
stimmter von P abweichender form wider. 

Die hauptmasse der Varianten kann ich deshalb hier vorweg- 
nehmen und es möge genügen, jedesmal ein bis zwei beispiele 
hinzuzufügen. 

a und a (für a oder ej in P = e in M (getrahte = ge- 
trehte, durnahtig = durnehtige). 

a und ä (für cb) in P = e in M (saligin == seligiu, ge- 
nant = genem). 

ai (für ei) in P = e«' in M (ain == eine, trait = treit). 

ai (für i, bair. ei) in P = / in M (nait = nit). 

au (für wj in P = u, selten m in M (Aus = Uz). 

au (für in, md. u) in P = m, iu, il in M (faucht == fuhte, 
saufczen = siufzen, er faucht et = erfuhtet). 

aw (für ou) in P = au in M (aicgen = äugen). 

aw (für ü) in P = u, selten u in M (klawben = cluben). 

aw (für in, md. u) in P = m in M (lawte = lute). 

e der endung (für iu) in P = iu in M (gute = gntiu). 



96 ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 

e (tonloses), falsch in P hinzugefügt, fehlt in M (starche 
und werde = stark und wert). 

Apocopierte und syncopierte formen sind in P regel, in M 
ausnähme {ain acc. sing. fem. = eine, main = meine, macht 
== mohte, gereimter = gerimeter, ettswaz = etexoaz, haiopschacz 
= haubetschatz ; aber auch geruch für geruoche, lost für Iceset 
in M). 

e (stummes) fehlt häufig in P, in M ist es in der regel er- 
halten aufser nach / und r. 

ei (für i) in P = / in M (meiner = miner). 

ei (für ie) in P = « in M (veinten inimicis == vinden). 

eu (für iu) in P = u und iu in M [tenr == ture, teur 
= tinr). 

eu (für i) in P = i in M (dreuzzig = drizig). 

ew (für iu, md. ü) in P = n, m, selten u und eu in M 
(fleiDzzet = ßuzet, lewte = lute, lewte = lute, tewt = teut). 

ew (für iu) in P = iu in M (guteio = gutiu, freiont = 
friunt). 

ew (für öu) in P = eu in M (frewde = freude). 

ew (für iuwe, iwe) in P = iwe in M (trew = triwe). 

ew (für iu) in P = e in M (diseic =■ dise). 

ew (für ej in P = e in M (vollew acc. sing. fem. = volle). 

ey und «?/ (für ei) in P = ei in M (heylichait = heilikeit, 
prayten = breiten). 

ey (für «, bair. ei) in P = t in M (dapey = dabi). 

i (für ie) in P = ie iu M (dinste = dienste). 

i (für e) in P = e in M (irb = erftej. 

i (für mj in P = »e in M (di nom. sing. fem. = die). 

i (für iu) in P = iu in M (di = rfmj. 

te (für iu) in P = iu in M (die = rfnij. 

?e (für i) in P = / in M (diese = dise). 

(für CBJ in P = in M (loset = /oWj. 

(für d) in P = « in M (worew = wariu, do = da., 
wo = tpaj. 

M (für «e; in P = u in M fsusse = suze). 

uju in P =< 10 in M (wurden = wrden). 

y (für ?j in P = 2 in M (hymelisch = himelisch). 

y (für lej in P = ie in M ('^ ^ die). 



ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 97 

b (für ?oj in P = w in M (unbillen == Unwillen). 

ch (für ck im inl.) in P = cfr in M (erwecke === erwecke). 

ch (für c oder k im aiisl.) in P = k, selten g in M (dinch 
s= (link). 

ch (vor Z im anl.) in P == c in M (chluchait = clukheit). 

ch (für fr im anl.) in P = Ar in M (chinden = kinden). 

ch (für A: im inl.) in P == /Ir in M (heylichait = heilikeit). 

chs in P = hs in M (höchsten = hohsten). 

cht in P = Ä? in M (geflochten = geflöhten). 

ck (für A' im inl.) in P = Ar in M (dancke = danke). 

ck (für c, A: im ausl.j in P = c und k, selten p in M ('macA: 
= tnac und »naArj. 

C2S (für tz) in P -= fs in M (hiczze = Ä?Ysej. 

CS (für rsj in P = fs in M (yincz = ww^sj. 

chk (im ausl. für cj in P = gf in M (chreftichJc = kreftig). 

cz (für ?esj in P = fes in M (gocz = ^o^esj. 

cz (für sses) in P = sses in M (dicz = disses). 

cz (für ÄJ in P = 3 in M (czungen = zungen). 

d (nach ?j in P = f in M (vergelden = vergelten). 

d (für ? im ausl.) in P = ? in M ['»Den/ = loerfj. 

/f (nach langem vocal oder diphthong) in P = /" in M 
(straffet = strafet, tieffen = tiefen). 

g (für c im ausl.) in P = c in M (mag == mac). 

g (für c, A- im ausl.) in P = A: in M (weg = wek). 

gk (für c im ausl.) in P = c in M (urspringk = nrsprinc). 

n (für mj in P = m in M (guten dat. sing. masc. = gutem). 

p (für 6 im anl.) in P == 6 in M (prot = 6rof, aber auch 
pilleich = pillich). 

rr (nach langem vocal für r) in P = r in M (lerrar = 
Zererj. 

s (für sj in P = 25 in M (^öms = uz). 

seh in P zuweilen = ssch in M (kusche = kussche). 

schw in P = SM) in M (schwach = sioach). 

t in der .3 plur. ind. praes. meist erhalten in P, fällt weg 
in M (lobent = loben, wonent = wonen, sprechent = sprechen, 
habent = haben). 

t (nach n im inl.) in P = rf in M (veinten = vinden). 

tt (nach kurzem vocal und diphthong) in P = f in M (pittet 
= bitet, gottleicher = gotlicher, aittoven = eitoven). 
Z. F. D. A. neue folge VIII. 7 



98 ZUM MONCII von HEILSBRONN 

tz (Cur tes) in P = tes in M (gotz = (jotes). 

w (für tj in P = b in M (wesundej- ■■= besunder). 

z (für sj in P = s in M (gotez = yotes). 

zz (für s nach langem vocal oder diphthongi in 1* = 2 in 
M (grozzen = grozen, niezzunge =^ niezunge). 

zz (für z nach kurzem vocal) in P = c in M (dizz = diz). 

zz (für tz) in P = tz in M (sesze = setze). 

Ich merke nun noch einige einzelheiten an. 

Ilkt in P = het in M; darczu = da zu; genade = gnade; 
gennhtsam = gennhsam ; vodern = vordem ; «mz (ier mazen = 
nzermazen ; die silhe -leich =-lich; lekhnam = licham ; one = 
ane und äne; on = an; dester == deste; niemant (niemand) 
= nieman; nicht = h«7«/ und nit; allew (fem. sing., neutr. plur.) 
= elliu, selten allin; welle = wolle; icelt = wolt; schol, schalt, 
schuln etc. == sol, solt, suln; chain = dehein, aber auch kein; 
vol- = volle- (volpringen = vollebringen); für czm in P häufig 
ze in M, zew für cze dem, znm für es« dem; -tchait = -eAe^Y 
und -ikeit (wirdichait = wirdekeit, heylichait = heilikeit) ; endung 
?Vm in P == iren und «eren in M; nimpt ==• nimt; ettwaz => 
etwaz; guttat = ^M?e^; dann = denn und rfe«, aber auch danne 
in P und M; ieclich = ieslich; artichait = ertikeit; nur = niur; 
gedenchnüzze, gedahtnuzze und gedechtnüzze = gehugnusse; solher 
== seiher; minne gen. dat. sing. = minnen; prutme (gen. dat. 
sing.) und pruns == brunnen; wüste = whste; seinem = sime; 
einem = eime, selten einem; ent- = en-; werlt = weit; wann 
>= lüfMi; se/«? = Sit; be- und erchantnüzze == kant)msse. 

Dies sind der hauptsache nach die regelmäfsigen abweichun- 
gen der hs. M von P. ich lasse nun diejenigen Varianten folgen, 
welche entweder gar nicht oder nur teilweise in den bereich 
dieser regeln gehören. 

Merzdorf s, 3, v. 7 hymelisches hier] himelische her 
8 gir] ger 9 ettswas] etewaz 10 hawpschacz] haubetschatz 

11 nam] namen 12 leichuam] lichamen 14 als sam] 
alsam 18 nacht] nach nyemen] nieman 24 sampue] samen 

26 puchlein] buschel 27 den] der 31 hab] han 32 
auslegen] legen uz 34 trewen] trev 35 armut] arnmüt 41 
Do du dis] Du dise machte] mehte 42 getrachte] gelrehte 
45 ettwi vil] etwievil 49 speysen] spise 50 Gerüche] Geruch 



ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 99 

weisen] wise 56 luges] lugens 60 sachen] sache 61 
Die] Du 68 Worten] ^yorle 74 chluchait] clukheit 76 
singet] saget 78 andeclitichait] andahtikeit 79 Also] Als 
81 gereden niemant chan] nienian gereden kan 

Prosa s. 5, z. 1 — 3 Hie hebt sich an — behalten schol] 
fehlt in M 4 frouleichnam] vron licham 5 speis] Merz- 
dorf hat fälschlich speise als lesart von M für spise 6 manich- 
valtigen] manigvaltigen imczelleichen] unzellich 

S. 6, z. 2. 3 in dawsche] enlutsch 11 creatur] creatiur 

12 jungisten] jungesten 14 uberswenck] uberswenke 

19 gegeben] geben 19. 20 trewest und der genadigst frewnt] 

gelruest und der gnedigest friunt 22 wan] niur beraitet] 

bereit 28 gibt] git 30 sant] sanct 31 geprist] gebristet 

32 chainer stat genad] keiner gnade 

S. 7, z. 3 hawpschaz] haubtschatz genaden] gnade 4 
gibt] git selben] selber volchomenhait] vollekumenheit 
5. 6 fleisch und plut] fleisch, blüt 8 schol] solte dez] daz 

10 dein hercz sogar] so gar din herze gelest] legest 
11 herre] fehlt 12 mäht] niehte 13. 14 chünde noch mochte 
grozzer genad gegeben dann] grozer gnade künde noch mohte 
geben denue 14 wann ez] wanne 15 chond] könde 17 
di] der 21 andechticleich] andahtlich 24 becherunge] be- 
korunge gegenburtichait] gegenwartekeit 26. 27 haidenischer 
herr] heidenisch her 27 czelt] gezelt 32 wurchen] wrzeln 

S. 8, z. 3 gepachen] gebacken in dem] in disem 6 
enpfahe] enpfahen 7 sich] si 10 hungernt] hungert 11 
selick seint] selig sin 12 geporden] geboren und mit min- 
nesamer begir] und minnesamer beger 17 und] fehlt chercz] 
kirze 19 suzzen] suze enpfaesl] enpfahest 21 cze dewsch] 
zetutsch 25 allez] als 27 andechticleich] andahteclich 28 
dem der] den der 31 mal] fehlt 

S. 9, z. 1 chuningyn] kunigin 2 frawe] frau genad] 
gäbe 6 starche und werde] stark und wert 8 achlpern] 
ahpern 11 unbilleichen] unwilleklich 13 antlaz tag] grven 
(sie) donrstage 16 gebe] gab er uns mit] erz mit 17 mit 
trawrichait] mit deheiner trurikeit chainenweis] deheinerwis 
21. 22 tugenthaftiges] tugenthaftez 23 ez] fehlt 24 man 
von] man vor 30 voderleich] vorderlich 

S. 10, z. 9 gab] gnade uberfluzzicleich] uberfluzzik 

7* 



100 ZUM MÖNCH VON IIEILSRRONN 

10 gute] guten 14 Diczzc] Diz als aigenleicli] aller eigen- 
lichest und allervolkleichesll fehlte 15 gelaitej geleiten 
16. 17 gehört cze himelj gc weder ze himel 22 iindj fehlt 
24 sibenvaliichleich] sibenveltig 27 dirnut] demüt 28 gancze] 
ganzen 29 procz| brotelins aber ez] er aber 32 chint] 
fehlt 33 oder] und 

S. \\, z. \ sibenvalticleich] sibenvaltig 2 iIpm bei Merz- 
dorf nicht abgedruckten satz mit seinem heiligen plut heiligt er 
uns im hat M in folgender fassnng mit sime reinen birUe heilget 
er uns im 3 gehuldigt] gehuldet 4 im| fehlt 5 tugenten 
von] lügenden und von 7 vorpilde] vorbide (sie) 9 aiuem 
schein] eim kleinen schine 13 sibenvalticleich] sibenveltig 
15 da] die 16 der da] er da(?) er geit] er da git 18 rai- 
nigt] reinet 19 von] vor 21 in stircke] ir Sterke 22 an] 
fehlt 24 dise] diu 29 Daz] Diz 

S. 12, z. 3 dich] fehlt 7 daz fewrlein selbe] daz selbe 
fiurliü 10 lay] leige 11 minne. Dise| minne oder ein an- 
hebendiu minne. Disiu 12 cze] fehlt 21 gelub] gelubde 
21. 22 himelreiches. Doch] himelriches und der ewigen freude 
sins anblikkes. Doch 23 heb] haben minne] fehlt 24 me- 
nig] menge 28 gelubez] gelubdes 29 herren] herrengot 

30 Bernhart] Bernhat (sie) 31 mer welle] wil mer 

S. 13, z. 4 einziger gedechtnuzze] emziger gehugnüsse 
6 selber] selben 7 seiner minne so] siner minne lurkomen hat 
und uns mit siner minne so 9 also] so 10 gar für] für gar 

19 minnent] miunet 24 priste] gebristet 26 w^enn] so 

29 lauffet] lufet 30. 31 hast an mir ersehen] hast du an 
mir dersehen 

iS'. 14, z. 3 iren] irm nach irs vater laut] nach vaterlande 

7. 8 habent von dem ertreich czogen] von dem ertriche haben 
gezogen 9 gezir] gezirde 10 ewr] iuwer 12 rechter blangen] 
rehtem belangen 14 himelreich] himel den frevvden] der 
Ireude 15 samunge] samenunge erde] erden eilende] en- 
lende 17 haben noch] fehlt 18 czewhet] bezuget 19 irs 
vater lant] ir vaterlande irm] ir 21 irb] erbe Von] Uz 
22 sein] ze sin 25 lewte di] lute herre die 27 gir] beger 

28 dei awe] dei daz sprichet entusch (sie) awe 29 reiche] 
rilichiu Dise minne ist] Diz ist 30 besundert] gesundert 

31 stet di] stet disiu 



ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN lOI 

S. 15, s. 3 durch got daz] durch got, waz ist got minnet 
durch got? daz 8 chainen] kein 9 erde| erden 11 min- 
nent] minnende 15 und nicht czu got minnet] fehlt 17 irm 
wirtte] ir wirt minnet durch] minnet noch im wirt minnet 
durch die] fehlt 18 si minnet] sie in minnet 21 die] sie 
31 selber] selbe 

S. 16, z. 1 lehaczte] lehzet 2 lebentigen prunne] leben- 
digem brunnen 4 chunik] kunigin mimmer| immer 5 daz 
hercz daz ez] daz herze, du breitest daz herze, du machest küne 
daz herze, daz ez 7 czireste] zierst 9 spreche] sprichet 
12 czuchtmaister] zuhtmeisterin pist und] fehlt maitzog] 
meizogin 13 dinge] dingen 14 beraitet und peutet] bereit 
butet 15 hanttat] hantgetat erd] erden 17 uberchomde] 
uberköm 20 alle di] alleidiu 24 chainen andern dingen] 
keim dinge 25 entar] getar hinwider] wider 26 entar] 
getar 32 pin und dimutic] und demutig bin 

S. 17, 2. 1 ew] iuch 4 verwunte] verwnt 6 underm] 
unserm 7 geit er uns] git uns 9 vorspreche] liirspreche 
14 mage] mac Daz] Diz Staffel] stapfein 17 sein selbs] 
sines selbes gotez] fehlt 20 Di] Disiu 25 da] daz ir] in 
27. 28 gereden torste] reden getorste 28 in] au 32 ge- 
schech] geschehe 

S. 18, z. 2 iht ihtweis] iht wize 6 von] fehlt fünften] 
fünf 8 leben] libe 16 minnet] minnen 17 und verporgen] 
unverborgen iren presten] ir gebresten 21 nach] fehlt 
24 tum servo secundum] cum servo tuo secundum 

iS". 19, Ä. 4 michi] mihi 6 gemahel] gemaheln 12 niezze] 
niezen 14 lerte] lert 17 enpfangen] enphahen 19 en- 
pfangen] enpfahen inhicze czu der minne] inhitze der minne 
21 cze haben] ze behabenn verlorn] verlorne 22 einzige] 
emzigiu 24 Bernhart waz] Bernhart der heilig herre waz 
25. 26 mich wider] mich mir wider 26 mochte widergeben] 
wider mohte geben 27 rede und dise minne] rede von der 
minne 33 der] fehlt 35 erberven] erwerben mir] fehlt 

S. 20, z. 1 czetailen] teilen darnach] etwenne welle] 
wolle 2 schreiben] machen 

S. 21, z. 1 czunge] zungeu 2 ewangeli] ewangelio 
3 trinchen, der] trinken und aber sprichet er in dem ewangelio 
der 5 daz] des 6 lewte, di] lüte, wer sint die grozen h'ite? die 



102 ZUM iMÖNCH VON HEILSBUONN 

5. 22, z. 3 fraisleich] feldi 6 ist chunliait und palthait] 
ist ein künheit und ein starkiu hallheit 11 menschleichem] 
meuschem 13 verstozzen ist] verstozen wart 14 gaist] gast 

15 seinez] sinem herreu] fehlt 16 uns czenahenj uns gar ze 
nahen 26 mug] mugen 30 czwivalt] zwivaltet 31 aigem] eigim 

S. 23, z. 2 aigner] eigin 2 mal di] dise 4 palthait] balt- 
heit 6 erchuken] erkukken 6. 7 czeti'in] zetfinne 2 mal 
11 gewesen] gewese 14 daz leipleich speis] daz diu spise 

16 speis drew] spise dise driu 17 dise gaistleich speis chranck- 
hait] disiu spise geistlich krankheit 22 gute] guten 23 pose] 
bösen 24 confirmet] confirmat 25 in dewtsche] enti'ische 

S. 24, z. 2 lernt] lert aiu] einen 4 beraitet] bereit 
5 dizze stuche] diz stukke 8 stuche] stuke 8. 9 senfmit- 
wonung] senften mitwonunge 9 sein] sinen 10 daz in aigen- 
leichen] daz eigenlich 21 behalten!] gehalten 22 peste] besten 

23. 27 an anander] einander dez] der 29 speis czu] 
spise biz anz ende, daz er sich wolte von in scheiden und gab 
in do dise spise ze 30 gedencken] bedenken 31 beraitet] 
bereit 34 gewalticleichen] baltlichen 

S. 25, z. 3 dirr niezung] der niezunge 7 gir] beger 
8 angedechtigem] andahtigem 9 widerczamichait] widerzemekeit 
10 so] fehlt 11 also si] also so sie 12 fremder got- 
leichen] fromder gotlicher 13 gir] ger 14. 15 nummer] 
nimmer 15 hab] haben 16 vatern] vetern 18 taw pey] 
taw und geviel ze einigem mal von himel nie an taw (sk) bi 
20 czwairlai] zwaier leige warhait und] fehlt 24 widerczam] 
widerzeme gelustick] gelustlich 26 predig] predige offent] 
offente ezzent] enezzent 28 sprachen] sprochen 31 daz] 
diz 33 wen] wem 

S. 26, z. 3 widerczam] widerzeme 4 gelustich] gelustlich 

5 stuche] stukke 7 aller wagest] aller wegest 8 geruet] 

geriiwet 8. 9 ungemiit] ungeminvet 9 verdawet] verdeuwet 

10 rwe] ruwe 15 ermant] ermante 18 cze] fehlt 19 
nidert] indert 21 geschech] geschehe davon] von den 
22 dennoch] fehlt 25 in dawsche] entusche 26 den] disen 
32 der] die 

S. 27, z. 2 verdint] verdiente 3 ewangely] ewangelio 
5 marchtenrechte] marketreht 7 spricht Paulus] sprichet sant 
Pauls 10 erliden hat] hat erliden 12 dint] diente 13 gen] 



ZüiM MÖNCH VON HEILSBRONN 103 

gene 16 er] ez den] daz 20 stoz] stozze 21 du mir] 
du sie mir woricht] worhles 23 mirrenpuschel] mirreribu- 
schelin 26 puschel] buschelin 30 all] fehlt 31 gepriste] 
gebristet 34 Dise mirrenpuscbel] Diz mirrenbusscheliu 

S. 28, z. 1 ain] einen 7 immer geschibt] immer mer ge- 
schibt 8 daraus] dar zu 18 diirst ain lebentigen prunnen] 
durstet eins lebendigen brunnen 19 der von im — tawgen] 
fehlt 23 war] were 24 prunne etvven] brunnen etwenn 
25 gelub] gelude (sie) 27 ervaiiclitet di guzze des dorn] er- 
frubtet die gusse der dorn 28 dorn] dorne sunden] sunde 
29 munt Zacharie] Zacbarie munt 32 dirr] der 33 wart] 
wirt 34 stet] steten gelüb dürst] gelübde durste 34. 
35 die heiligen] fehlt 35 vilj fehlt allez] also entwider 
streit schriren] enwiderstrit scbrieten 36 sprach der] sprach 
ir einer der 

S. 29, z. 2 aber her Ysaias] aber ir einer czirrest und 
chomst] czertest und kömest 9 strazze] strazen 11 tailt] 
teilte 12 strazze] strazen 13 offenbar] offen were 

15 woricht] bewörhte 19 stet] steten 20 seinem] dem 

21 lenchen] linken sitte] sit 22 gerechtichait] ge- 
trehtikeit (sie) lenchen fuzze] linken füze 24 scheppfen] 
schöpfen prunne] brunnen hailancz] heilandes 25 di] dise 

gedenchen] bedenken 26 vil] fehlt 28 bezte] betest 
30 weste] westen 31 pruns] brunnen 32 paradis] paradises 
33 stet ez] stet an dem buch von dem angenge ez wol- 
lustze] woUustes ervaiichtet] erfübtet 

S. 30, z. 1 Vaters] vater 6 parmchait] barmherzikeit 
9 geschepf] geschepfde 12 Daz] Diz 14 volkleich] volleklich 
16 clegleich] clagelich 17. 18 gelub dez freudenreichen 
prunnens] gelubde disses freudenrich brunnen 18 raiczt] reizte 

20 volkleichen] volleklichem 22 dicz prunnes] disses 
brunnen derchennent] bedenken 23 auzfliizz] uzfluzzes 
ewangeli] ewangelio 24 gearbait] gearbeitet seit in] seit ir 
in 26 senleichen] senlicher 27 lebens] libes und irs leibs] 
und lebens erd] erden 33 Ursprung] urspringe 

S. 31, z. 4 chawfmanschacz von ain land cze] kaufschatz 
von eime lande füret zu 8 da in] drin wirft] wrfe 15 
daz hercze] unser birtez herze 16 czu mir] zu miner sele 

22 man] fehlt 24 daz] fehlt 25 weshet] wehset 



104 ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 

31 chlaines] klein 32 grozzez] groz diser chlainer pruune] 
diz klein brunnelin dimüt| demüt 

S. 32, 2. 3 wegern i"izz| begerung 4 und| fehlt presten] 
gebreslen 8 weschet] wisschet 13 ursprungk] urspring 
15 fliezzen] flienzen (sie) 19 dem] disem floz sant| floz uf 
sant 20 und] fehlt Peter] Feiern 22 seinen ursprungk] 
sin urspriuc 23 verseiliet| versibet 24 wie] swie grunt- 
loz] grundelos 25 beseigtj versibet geing] giengen 28 
dewtscber czung] tutscber zungen 30 oppfer und] opf'er in 
niwer und in aller e und 

S. 33, z. 1 spricbt Gregorius] sprichet sant Gregorii 
3 genad cze behalten] fehlt cze] fehlt gewunne] gewnnen 

8 und] fehlt 22 war] were 23 dannoch] dennoch 25 
dem] fehlt grozzen] grozern war chomen] werde komen 
29 merchen] merkenn 30 jescbleich] iegelich macht] machen 

31 pringet] bringe daz da] ez da 34 geliibs] gelubdes 

S. 34, z. 1 gelaist] geleistet 2 daz di mawr] daz möre 

(sie) den] disen 5 mahle] machet ez] fehlt opfert] opfer 

10 morgen] marc 11 iure] inerr 14 daz] diz 15 
ewangeli] ewangelio 16 sein] fehlt 17 hezt] hetes 18 seczte] 
setzet dem veinte] dine vinde 20 gestifle] gestiftet 21 ge- 
wund] gewnne 25 opfer pringet] opfer got bringet 27 aber] 
fehlt 28 ewrer] iwer ewr] iwer 32 ander] fehlt 33 daz 
gut] göt vater opfert] vater sich opfert (sie) 34 daz] darumb 

daz man daz] das zweite daz fehlt 

S. 35, z. 2 girleich] begirlich präht] brehte 3 gir] be- 

ger dicz osterspeis] dise ohsterspise 4 ezzen] hegen 7 

allen opfer] allen opfern und genam sei] und also geneme 

mflz sin 11 den der] den er 13 sint] ist 14 lieb] sippe 

16 man daz] manz 19 die priester] der prister 22 ewan- 
geli] ewangelio 24 in] an 30 geschiht] geschehe 31 wer- 
den] wrden 35 pischolf] pischof 

S. 36, z. 1 versten] verstau 3 grozzem dank sagen] gro- 
zen danksamen 4 lid] lite daz] die gehört] gehorte 5 
abpriht] abebreche prüte] bruwet 6 seute] siite chewt 
slint und dewt] kiite slunde und deute 7 als] allez 10 wir] 
fehlt 12 Johannes] Johans 15 veinten sint] vindin ist 17 
vellet] willet 19 priiet] bruwet 20 gruczen] grusen inhi- 
czigem] hitzigem 21 griiczzen] grflsen 25 totte] tötet 



ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 105 

28. 29 weingelben] winheffen 29 itwizzet got uns] itewizet 
uns got 30 weingerben] winheffen 32 man] fehlt 33 ewan- 
geli] ewangelio cze samme] ze samen 

S. 37, z. 2 andern] ädern 3 urgunst] urbunst 4 

manger] manig Diz] Dise 7 veier] viere 9 aim piischel] 
einem muschellin 14 ainig] einen 15. 16 enmilten] enmilte 

19 Volks] Volk 24 mintenj minneten 25 behalten] halten 

26 und da von] und | von (sie) 27 inne wert] innan werde 

28 bewart] bewarte 29 waren] weren 
S. 38, z. 1 herr dicz] herre got diz • 2 an uns] fehlt 
4 auz] auch 6 haien] beigen 7 becherung] bekorunge 
11 mail] flecken 12 haien] beigen enpfah] enpfahen 13 
spricht] sprach ew] iuch immer] nimmer 14 spricht er] 
sprach got 16 euch] iu 17 die] disiu 20 haket] hakket 

21 gehachet] gehakket 21. 22 ingeliebet] ingelibet 23 
erschricken] erschrekken 25 der di] die, davor rasur, der hat 
gestanden 28 sant Pauls] Paulus 30 witib] witwe Judith] 
Judiht 30. 31 geviellen] gevielen 31 verczirt] verzert 
vestigung] kestigunge getriben] getriwen 

S. 39, z. 1 in got wellent] wellen in got 2 ähtung] 
eitunge 5 grozzez gotez zaichen] groz minnen zeichen di 
Sunde hie] hie die sunde 7 peitte] bite 11 Ions hülfe] Ion 
hufe 12 wurchent] wrket 13 purde] bürden 19 werd 
must] were miiste 22 vor] von 23 hachen] hakken 25 
begerung] bewerunge 28 got] er 29 wetter und lindes] und 
Hndez weter 30 frewden. Und] freude in und 32 in hiczigen] 
hitzigen 

S. 40, z. 1 Daz] Diz 6 gesant] gesendet 8 swindez] 
swendendez 12 uberfldzziger wol glüste] uberfluzzig wol ge- 
lust merchen] wizzen dreierlai] drier leige 14 dem] den 

19 und vil saftes] und in vil saffe 20 lang] lohen 22 
rauchet] riuchet prinnet] brinne 23 der saf] daz saf 24 
beraite] breitet 25 dritten geprinnen] dritten fiur gebrinnen 

25. 26 ain senleichew] ein girhcbiu senlichiu 28 prinnet 
und] brinnet quilt und 

S. 41, z. 1 artik] ertik 5 inne] innan 6. 7 behelte] 
helfet 7 ableit] abe let 8 denn] fehlt 11 begir 2 mal] 
beger 2 mal 12 gir] beger 13 vergieh] vergihe 15 der 
fraget] der mich fraget 17 naffanczzendew] nefzende ist und 



106 ZUM MONCH von HEILSBRONN 

trag! ist, trpge verbündet] verwundet 19 den] fehlt 21 er- 
lewlit dyc] erluhtet daz 24 l^sunge] zelosunge meinen] fehlt 

24. 25 dingen] dinge 25 empünch] enpfienge 28 em- 
pfing] enpfienge 29 von dem] vom erschrakte] erschrak 
30 genaden und] fehlt grozzen] groze 

S. 42, 2. 5 er] glorie 6 cz, chewet] ez und kiwet 7 
selbe got geliebet] swelhe got ingelibet 8 in] fehlt 12. 13 
gegen siner heilikeit steht in M nicht nach sondern zwischen 
gegen siner luterkeit und gegen siner reinekeit 13 Daz] Diz 

14 clieuen] kiwen himelischez] heimlichez 16 er den] 
er auch den 17 wil stäup] wil den stäup 19 wirest] wirdest 

20 daz] diz 21. 22 mit sicherhait] mit heimlichekeit und 
auch mit Sicherheit 22 den vodern genaden] der vordem gnade 

25 frewde] fremde 26 volchommes] volkomenz däwet] 
deuwet 30 däwen] deuwen wunder daz] wnder des daz 

6'. 43, s. 1 di] disiu in warhait] ir warheit 5 er aber] 
aber sant Bernhart 7 däwet] deuwet 8 leben] fehlt der] 
fehlt 12 hunderttausent] hundert tusen 16 werden] wrden 

19 cze dawtsche] ze tiitsch 20 got ist] got selber ist 
22 dem wurchet] den wrken 24 gruntlos] grundelos 26 
wirdigers] wirdiges 27 selben] selber 28 nahen] nahe 
samm] so 29 sam] so saut Augustin] sanctus Augustinus 

vindet] bevindet 
S. 44, z. 1 geschefi^e] geschepfede 6 sech] sehe 8 
sant] sanctus 10 Johannes] Johans 12 weder] wider (sie) 

14 also] fehlt 20 minned] minnende 23 lebens] wesens 

24 der weissag] fehlt 26 si] ez 29 sant Augustin] sanc- 
tus Augustinus 32 dem glanste] dem glaste 33 Wie] Swie 

34 war] aber got] fehlt 
S. 45, z. 1 auch daz] daz auch 2 sein erchantnuzze] 
siner kantnusse 3 frewde] früde 6 veiert] rasnr (h hat ge- 
standen), darauf ert set] seht 7 wert erlaubt] werdet er- 
luhtet 12 obrigiste] oberst 12. 13 gaistleicher munt schepfet 
daz] geistlicher lute möt schepfet und schikket daz 14 pitet] 
witet 15 eruslleicher] ernslicher 19 Dis red mocht] Dise 
I mohl (sie) 21 Paulus] Pauls 23 heiling] heiligen 24 vierlai] 
vier leige 29 sant Pauls] sanctus Paulus 30 umbgriffeuleich] 
unbegrifenlich 31 unervorschleich] unervorschenlich 33 allent- 
halben] allenthalp 



ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 107 

S. 46, s. 1 a we] o \ve 3. 4. 5 hie contempliren — 
umbevangen ist] fehlt 9 ettwenn] understunden 13 gesach 
sein] gesehe sinen 14 ir und] ir vor wnder und 15 reich- 
tum] rilichkeit halber] halbiu 16 gesagt] geseit 19 di 
himel mugen] die himel aller himel mugent 23 eren] glorien 
26 sichtich] sihteclich 28 gewaltigew] gewalligen 29 
schepfe] geschepfde 31 geschefde] geschepfde 34 mit er] 
mit der er 

S. 47, z. 4 pei] fehlt 7 gehalten] behalten 10 habent] 
henken 11 an in] an den und sein] au sin 12 sein] fehlt 
14 arm] armen 20 erlaubt] erluhtet 22 creftigew] kunf- 
tigiu 23 daczu praitel] zebreitet 25 begir] beger 28 
schopfer] schepfer erlaubt] erluhtet 29 gir] ger 31 an- 
sich di] ansihe daz diu 32 merchen] merkenn 

iS'. 48, z. 2 geschriben in Ezechiele] in Ezechiel geschriben 
4 vettache] vetachen betorten] betochen 7 ewengrimde] 
epgrunde 8 gedenchen] bedenken 9 ist so starch] so stark 
ist 12 sähe] sihe gewahsen] wachende 15 wahsenl] wa- 
chende 16 Auz] Von 17 ainen] ein 19 davon] dcl nach 
24 ainen] ein 25 leit] let 25. 26 got spricht] got selber 
sprichet 27 contempliret] contemplierte weissag] wissaga 
ez get] er giuzet 28 contempliert Paulus] contemplierte 
auch Paulus 29 sech] sehe 31 lüderleich] furderlich 32 
gesichtich] besibtig 33 in diemüt] in bhikeit und in diemüt 

5. 49, s. 2 wol] vol 3 alle cii] alle die die 7 war] 
were der heilich herr] fehlt 8 erfunden] befunden 13 iht] 
fehlt 16 mazzen] maze iht aber vergeste] aber iht vergezzest 
Salich ist] Und da nach sprichet er selig ist 18 verlorn] 
verlornen 22 hohen] hohem dritte daz] dritte sache daz 
24 minne] din miune wewarst] bewerst 26 pilleich wäre] 
billich und reht were 28 werchen] werke 30 sondern] 
sunder 31 gepriste] gebristet 

S. 50, z. 1 unwederbs] unbederbe 2 waz ,'2 mal] swaz 
2 mal 3 umbrachchiait] unbrahtekeit 7 gerechtichait] glittet 
unflacze] unflates 8 daz] fehlt ratte] retet 10 daz] 
wan 11 leibt] lihsam 12 welches] swelch gerechtichait] 
rehtikeit 17 schrift gemain-] schrift so gemein- 18 czwair- 
lay] zweiger leige 26 daz] der 30 siege uberige werde] 
streich über werde 



108 ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 

S. 51, 2. 'S wanj niur ist] were 8 beleibeiit] hübet 
10 wer] swer 12 serrj mer und mer) fehlt 13 serr] 
serer 17 geliiildigl] gebuldet 20 vil| fehlt grozzen ge- 
naden] groze gnade 22 aingepornj einhorn gab] gebe 
27 dez] daz alz] also 28 ist] fehlt 

S. 52, z. 2 minnet 2 malj miniiele 2 mal seu] sie an 
ende] anz ende 4 ablazzenden) ablazende 8 hober lerar] 
hoher heiliger lerer ain suzzes] ein uzermazen siizes 12 
mit uns. Und davon] mit uns er uns so gar daz er uns deste 
mer niht minnet ob nieman mer were denn der ieslichez alleine 
die er da minnet. Und davon, nach mit uns er hat der Schreiber 
von M offenbar minnet vergessen, der Schreiber von P lie/'s den 
ganzen satz weg, weil er ihn so, wie er ihm vorlag, nicht ver- 
stand, der gedanke, auf den es ankommt, ist nicht zweifelhaft, 
die Unklarheit wird hineingebracht durch das niht vor minnet, 
welches zu entfernen ist. der Schreiber hat sich wol durch das 
z. 11 voraufgehende niht minnet verführen lassen, hier ebenfalls 
niht minnet zu setzen 14 get] git 15 paltleich) beltlichea 
16 chinder] kinde 21 urchunde] sache 22 er es] erz 

23 gut ist] göt heizet und ist und auch gut haizzet] fehlt 

24 muzze 2 malj muz 2 mal gesamen] gemeinsamen 25 er 
daz] erz obrigst] oberste 27 ez] er 28 gilt ist] gute si 

29 Wesens] wesen 

S. 53, z. 1 Ezechielem] Ezechiel mich] iuch 2 got in] 

got selber in 4 leczte] jungeste 6 czetrenten] zetrennenten 

6. 7 herczen anders niht] herzen niht anders 12 sol] solte 

13 di] dise 14. 15 mir fremde] mir allez fremde 17 

selben] selber der] dirre 18 Bernhart spricht] Bernhart diz 

contemplieren niht anders leret denn daz er sprichet 20 der 

chan ez nimmer gelernen] den kan ez nieman gelern 24 chun- 

dent] kunnen niht nähenner chomen mit chantniizze] mit kant- 

nusse niht naher kumen 27 nebest] nahest 31 gotez minne] 

fehlt glanest] ganestern 

S. 54, z. 1 sint di glanesten] sint aber die ganestern 
4 selben] selber an der] bi der 10 cze ende nieman] nie- 
man ze ende 18 war] were 20 sin] ez mit] mir 21 
ez wan] ez nivver 27 dinch] fehlt 27. 28 geschaffen] be- 
schaffen 28 hat daz] hat und also geschaffen hat daz 30 
mer] lebermer 31 daz] diu 35 geterempt] getermet 



ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 109 

S. 55, z. 5 on ende| ein ende 8 gar] jare 13 weraite] 
bereit 15 weger] ger 23 samunge] samenunge 28 Do] 
Doch, ch ist teilweise wegradiert 30 allez da niht] da niht allez 
32 dem] den 33 wahsent] wehset 37 gir] ger 39 ge- 
chronet] cronet 40 volherte] vollehertet an daz] anz 41 
gechrönet] cronet 41. 42 gesigte] gesiget 42 den tawgen 
puche] dem buch der taugen piz] wis 

S. 56, s. 2 spricht got] felilt 9 si] fehlt 10 let] lat 
15 und] fehlt 17 enmüntern] enniihtern selben] selber 
21 gesampte] gesamentiu 22 inners] inner 25 und 
auzzern] und auch uzern 35 di] disiu 37 wem] swem 
39 an dapey] dabi an 40 beraite] bereitet 

S. 57, s. 1 frey] frie 2 gelüste] gelüsten 3 entladen] 
entlade 3. 4 staticleich] stetelich 4 inner] innern 5 spricht 
her David] David der da sprichet hincz] ze 7 meiner] der 
9 cze] fehlt 13 ain] der 15 genaden] gnade 20 czwei] 
zwen 24 augehorte] angehört 26 vaters] vater 28 Der] 
fehlt 30 vaters] vater 31 geiste] geistes 33 ewangeli] 
ewangelio 

5. 58, z. 2 wizzen] wizzenn 7 gir] ger 11 der uber- 
fliezzenden] uberfliezender 14 unmazzig] ummeziger 16 spe- 
culiren] ein speculieren 17 gesagte] gesaget geruchet] ge- 
ruhte cze] fehlt 19 praite der] breit und 20 maz] mez 

21 maz] mezzen dinch sint] dink in got ein dink sint 
25 maz] mez 29 davon heilichait nimet] heilikeit davon nimet 

30 sanctificatur] sauctificetur 32 andachtich] andahtiklich 
34 ermante] ermant 

S. 59, s. 1 jungiste] jungesten schiede] schiet 3. 4 
grozzmüte sei] groz müste sin 7 sterchet] stärket sichket] 
schikket 8 also daz er von im selben in den tod gieng] also 
daz er hin gennes im selben in den tot hie bleip uns ze leben 
so verre daz er hie hübende von etslichen sacheu uns mer fur- 
dert ze heilikeit denn hin gende 11 entale] entet 13 beugte] 
heiliget 19 Pauls] Paulus mosen] mäsen 22 ewigen niez- 
zung] niezunge ewige 24 tingen] gedingen 25 seinen] unsern 

27 lebens] hbes 28 hir] her 32 sehslai] sehs leige 
39 sagte] saget 40 gelaubte] gelaubet gescheen] geschehen 
S. 60, z. 5 di] dise 9 cristenleich] cristen 11 ge- 
sweichet] geswichen dar geit] darumb git 13 da] fehlt 



110 ZUM MÖNCH VON HEILSHFIONN 

14 äugen] äuge 16 mag gol] got muge 19 verstaiidenchait. 
In] verstandenheit also daz din verslandeuheit in 20 Paulus] 
Pauls 21 «Iritten mal] andern male 23 daz] feldt 24 lan| 
getan gerilUe] gerihtet 29 liab vergeben] vergeben habe 

32 verzeihe] verzihen 35 wirdicleich] wnderliche Und] 
fehlt 

S, 61, z. 2 scbol der] sol sich der 3 sich] fehlt 6 im 
unser] im auch unser 15 erczundel] enzundet 17 andrew] 
ander 21 alleroftest] aller oftes 23 erst] fehlt 25 wart 
durch uns] durch uns wart und not] und in seihe not 26 
jamercleichen] jemerlichesten 30 gnaden] gnade gedachte] ge- 
daht 31 gefriescli] veriesch 

S. 62, z. 2 sant] fehlt chreuczet got] cruciget cristum 
4 euch] iu 8 schol czu] sol man zu 13 biet] heten 18 
gearbaite] gearbeitet 19 vercziert] verzert unpilleich] uppek- 
lichen umbsunst] umbsüst 27 der] dirre 29 enpfahte] 
enpfehet di er durch] die got durch 

S. 63, z. 7 und freudenreiche] und diner freudenrichen 
9 daz] fehlt 10 amici carissimi] amici mei karissimi 11 wert] 
werdet 12 haizzet ain] heizet uns ein 13 sant] sanctus 
21 sprach] sprichet 22 uberigen] uberfluzzigen 23 flewzzet] 
fliuhet 24 saufczen] siifze Ysaias spricht] Ysaias der wissage 
sprichet 28 ist weczaichent uns in] ist uns bezeichent in 

S. 64, z. 2. 3 ich ain] ich wil ein 4 gevalner] valner 

15 dient] diente 16 kert] kerte 17 gelüst] gelüste 22 en- 
pfahest] enpfehest enpfahet] enpfehet 23 enpfaest] enpfehest 

25 bischolf] bischof 26 mangerleij maniger leige 27 
wirt] gebirt 28. 29 mangerlai] manger leige 29 auch] et 

S. 65, z. 2 miiez] muz 3 selber] selben 6 seiner minne] 
siner barmekeit ellich in dem smakke siner minne dritte] drit- 
ten 8 niht noch] fehlt niedert] niendert 9 enpfaht] en- 
pfehet 11 seczzet] setzen 13 gemaiusanite] gemeinsamet 
ander] andern innement] in nemet 14 vaist] veizet 15 
vaist] veizet 16 jungern] zwelfpoten 17 ruen] ruwen 
czwir] zwirunt 18 als] fehlt menge speist] menige spiste 
20 lat] let 24 wurde] wrden 28 fleisch] fleische 30 tröste] 
tröstet 32 gaistleichez] fehlt trost] trostes 

S. 66, z. 1 in] an sunne] sunnen ez (zweites)] fehlt 

8 herter und herter] hirter und herter 11 herte 3 mal] 



ZUM MÖNCH VON HEILSBRONN 111 

herze 3 mal 12 der] fehlt ■ ungaistleichen] ungeisUicher 
17 genaden] gnade er] ez 19 Dez — Amen] fehlt. 

Es folgt mit roten huchslaben: Ditz ist ain gut gebet von 
gotes hiligem leichnam. mitte bis ende der zeile leer, darauf: 
Gott herre Jesu Christe, der von gollicher natur vor allem ane- 
genge ewiklich unlidenlich bist aller smerzen, und der von uber- 
fliezender barmekeit unser nienscheit an dich nenie an hrodekeit 
suntlicher gebresten, daz du mit diner marter bitter und iemer- 
Hcher uns von der ewigen marter und mit dime unverschulten 
tode uns von dem ewigen tode erlöstes, des süzen triwe und 
gotlichen minne der gnaden niht bevilte, du geruhtes uns den 
selben fronen lichamen, den du zeimal für unser schulde in den 
biltern tode gebe, stiften und kochen ze einer spise. Ich schul- 
diger mensche giuze min herze für dich und man dich dines 
gelubdes daz du uns gelobet hast durch des wissagen munt 
Jeremiam, daz du din volk füllen woltes mit gnaden. P'uUe ze 
gute unser begerunge und smelze unser sele mit der uberflie- 
zenden suzikeit diner gotlichen niezunge und verlihe uns, daz 
disiu wnderlichiu heilikeit dines fleisches und dines blutes an 
uns wrke allen den nutz, den du gemeint hast an dirre gäbe. 
Erluht unsern gelauben mit diner warheit, erhebe unser herze 
mit dem gedingen, enzunde unser andaht mit diner minne, gib 
uns herre in dirre spise luterkeit, senftmutikeit, andaht und 
heilikeit; und in der warheit, als du, lieber herre, niendert bist 
an tugent und heilikeit, also sunder auch von uns niht din 
gnade in dirre heihkeit; und sit du herre, der niht minner bist 
denn alle dine gnade, uns dich gist mit aller warheit, als gib 
uns herre alle die tugent, von der gelust du geruchest und gelust 
habest mit uns zewonen. Herre barmherziger got, der in der 
alten e gebute warmez brot uf dinen alter ze legen stetiklich, 
damit du uns gebe zebekennen, daz du uns diz brot dines fronen 
licham in ummeziger hitze diner gotlichen minne hast gebacken, 
erkukke und spise uns, daz wir dir in dirre spise in gelibet in 
dir ein dink sin und du in uns. Und (es fehlt hier als in der 
hs.) du Jesu Christe gotes sün in got dem vater und got der 
vater in dir ein got sit mit gotlicher und naturlicher einunge, 
als hilf uns, daz wir dir in dirre spise vereinet werden und du 
uns ; als du geruchest dich mit uns vereinen mit unserr niensch- 
eit, die du an dich neme, als geruche uns dir vereinen an diner 



112 ZUM MÖNCH VON HEILSBP.ONN 

gotheit. Gerüche herre dine barmkeil an uns rurdem, und der 
gnade umb gnade gist, gib uns durch die gnade dines fronen 
licham dio andern gnade, daz wir dich emplahon mit reinem 
herzen und mit hiterr andaht. Und der ere von uns mules, als 
du sprichest durch des wissagen munl: Bin ich herre, wa ist 
min ere? geruche dich selber eren, der dir selber als vil mer 
eren schuldig bist, als vil du din selbes wirdikeit bekennest vor 
aller creature, und bereite dir selber in unserm herzen seihe 
reinikeit und in unserr andaht sellie luterkeit, als du selbe dich 
des wirdik weist. Erluble unser verstandenbeit, ribte unsern 
willen nach dinem willen, daz wir gespiset, erkukket und ge- 
sterket mit dime himelischen brot, mit willen und mit werken 
dinen willen tun mit durnebtiger meinuuge. Und wan niht 
wirdiges an uns ist, dar umb du uns gnade sulest tun, so tu 
uns gnade durch dich selben, als du sprichest durch den wis- 
sagen. Sich niht an unser schulde sunder in din gotlicb herze, 
in die tiefe diner triwe, die lenge diner barmkeit, die breit diner 
minne, die ertikeit diner gute, und tu uns gnade durch dise 
gotlichen heilikeit. Vollebringe an uns herre alle die gnade, mit 
den du din heiligen invoUekomen leben hast gezogen. Gib uns herre 
die gnade, die du dinen zwelfpoten gebe in dirre spise, sant Peters 
kantuusse, sant Pauls wisheit, sant Andreas süzikeit, sant Johannes 
luterkeit und alle die gnade, die dine jungern von diner getriwen 
hant enptiengen an dirre spise, die gerucb uns mitteilen. Gnade 
herre, von des gotlichen munde kein itel wort nie geviel, als du 
sprichest durch des wissagen munt Ysaiam. Gestat unserr 
kraucbeit niht, daz wir bi dirre starken gnade itel bliben, sunder 
din Sterke überwinde unser krancheit. Sieb an herre mit den 
äugen diner barmberzikeit unser unvollekomenbeit und gib uns 
mer, denn wir in unserr vinsler kunnen gevordern, wan nie- 
man uz minnesamer andaht und uz grozem godingen an din 
milte ze vil mac gemülen. Gnade herre Jesu Christe ! Gib uns 
an dir selben besibtikeit dines willen ze varen, emzikeit der ge- 
hugnusse diner marter, diner minne und diner triwe, durnehti- 
keit guter werke, versteudenlicb niezuuge diner gotlichen süze, 
durch aller diner kinde willen, den du vor angenge der werlt 
dise spise hast gemeint. Vollebring an uns herre alle die gnade, 
die disiu heilikeit dines fronen licbamen in ir beslozzen bat und 
hilf uns herre durch dine triwe, daz uns debein sach zu keiner 



ZUM MÖNCH VON IIKILSBRONN 113 

kranclieit suntliclier diuge ziehe bi dirre grozen gnade, daz uns 
die selbe umliilliche gnade zu keinen Ungnaden kume, sunder 
vvrke an uns vestikeif, stetikeit, vollekomenheit aller gnaden, die 
uns behaben in diner tViuntschali, daz wir in der niezunge dines 
fronen lichamcn dir werden in gelibet und vereinet, daz wir in 
dir und du in uns zu der Wirtschaft kunien, da wir dich un- 
verborgen ewiklichen niezen. Des helfe uns diu niinne und diu 
triwe, diu uns dise Wirtschaft hie bereitet hat, amen. 

VoUebringe herre an uns alle die gnade, diu iu dime 
fronen lichanien versperret ist, und den wir verborgen niezen, 
den gibe uns von äugen ze äugen mit blozer warheit ewiklichen 
ze niezen. Amen. 

Es folgt das poetische nachwort. dasselbe ist bei Merzdorf 
nach Altd. bll. n abgedruckt, folgende Varianten sind anzu- 
merken : 

S. 66, V. 8 Gerflch] Geruch 10 für] für s. 67, v. 2 

richtiuu] richtum 4 dir] der 33 bitte] bite 37 guten) 

guten 38 geistleichem] geistlichem 39 geniezzen] geniezen 

41 für] für s. 68, v. 1 munclie] muniche 2 günne] gunne 

4 nütze] nütze 6 werke] wrke. 

An das nachwort schliefst sich an von derselben hand, die 
den Tractal schrieb: 

Swer unsers herren licham enpfahet als er zereht sol, der 
enpfahet da von sehs sunderlich gnade. Diu erste bringet dem 
menschen mere gnaden, denn ob er zweinzik iar gevastet bete 
ze wazzer und ze brot. Diu ander bringet im als vil gnaden, 
und soll diu sele drizzik iar in dem fegefür sin, stirbet er des 
morgens oder in siben nahten dar nach, so wird diu sele drizzik 
iar des fegefurs uberik. Diu dritte gnade ist, daz die engel 
kument und der heilige gcist und Sterken den menschen wider 
die tiuvel und wider alle bekorunge. Diu vierde, daz der mensche, 
der e was dein als ein Sterne, der wirt denne groz als diu 
sunne und wirt schinende gegen dem vater und gegen dem sün 
und gegen dem heiligen geist. Diu fünfte daz er gewinnet hohe 
begirde und groz zuversiht. Diu sehste daz er hoher derhohet 
wird an den tugenden [nach einer andern abweichenden hs. in 
Wackernagels Predigten s. 606]. 
Erlangen im februar 1876. ALBRECHT WAGNER. 

Z. F. D. A. neue folge VIII. 8 



114 GLOSSEN ZU WALAIIFIUDS GEDICIITEN 



GLOSSEN zu WALAHFRIDS GEDICHTEN. 

I 

/". 3 V discordans mkssfhfllfndk (Cmisius ii, 2 p. 205) 
deliberauerit inuenit gflksgpt 

am lande g j s • j • • ^ ch . t 
()V sulcis fxrxn (206) 
7 palatus gxpmp 

8v resipiscite xfistfnt exih (207) (l xfrstfnt) 
16 V Situs gklfgpnk (210) 
19 resipisce precor xfrstbnt dkh (211) 

21 V casa in hxtdxii (212) 

suras xxbdpn 
crura bfkn 

22 V ipse dx 

24 munera gfbbn (213) 
fila fbdbmb 

24 V habene britiies 

25 sodales xxknb 
muneribus in nik:d:n 

25 V pro pingnore bk xxfttk 

26 paradysus xxunnigbrdp (214) 

26 V arcubus in sxxibogon 

27 V torpore madens scllxxfndfr (l. sclfxxfndfr) 
29 desipiat xrsknnf (215) 

33 infectus gihouder (216) 

33 V pignus xxftli 

34 pensio gkxxbgk 

36 V grassans hbndfgo (218) 

subactus gedribeuer 
38 auidas gkrkgxu 



GLOSSEN ZU WALAlIFRins GEDICHTEN 



lli 



II 

f. 85 V (v. 4) ruris gflf (Canisius p. 266) 
(5) glarea santstein 
tracta dust 
(11) callosasque] callas suil am rande. 

Die vaticanische hs. Christinae reginae 356 aus dem \Qten 
jh. enthält auf 43 blättern die Visio Wettini m,it zahlreichen glossen, 
ans denen ich die deutschen hervorgehoben habe, dem 1 Iten jh. 
gehört der codex Palatinus 1519 an, der auf seinen letzten 
blättern das gedieht De cultura hortorum überliefert, nur auf der 
ersten spalte von f. 85 v sind demselben glossen hinzugefügt, die 
gröstenteils mit denen der Leipziger hs. (Zs. xv, 532 ^) überein- 
stimmen, darunter ein par deutsche, die dritte und wichtigste hs. 
Walahfrids auf derselben bibliothek - Christ, reg. 469 bietet nur 
auf der letzten seite als federprobe (f. 47 Vj zweimal Mitra huot, 
dagegen die aus Tegernsee stammende Münchner hs. 18628 die 
ebenfalls Walahfrids Visio aus dem 11 — I2ten jh. enthält /". 81 
zu surasque iiuadun. 

' 7iach neuer vergleiclmng ka/m ich den dort gegebe/ien abdruck 
an folgenden stellen berichtigen: 3 /. hbldxn. 5 aere duro iingeuuitere. 
10 /. precalidus. nach 31 fehlt iniiida iiidigiu 82. 

^ zu dem aus dieser hs. Zs. xix, 146 mitgeteillen gedichle ist noch 
zu bemerken dass v. 17 der codex paratu und v. \S ueneradus hat. 

E. DÜMMLER. 



ALTDEUTSCHE NAMEN. 



Godelent ii 
Heio II 
Meginbolt ii 
Aua I 
Aua II 
Engelere ii 



Badegot n 
Otelt II 
Uilliger ii 
Otlent II 
Hildelenl ii 
Rotbret ii 



Erefret ii 
Uuiburg n 
Reinger ii 
Betta II 
Ermensint ii 
Beltbert i 



Gerfret ii 
Tetburg ii 
llualda i 
Tutta II 
Berenger ii 

8* 



HC) 



AI.TDKÜTSCIfl-: NAMEN 



Uiriclicll i( 
Ilolliine i[ 
Egiirat ii 
Leutmarc i 

Radola ii 

Brongart ii 
IJtliil II 
Eilull II 

Ricmoi im 

Regiburg im 

Ilatheger ii 

Tetger ii 
Uuilgrl II 
deruuui ii 

Gotfret II 

Sinlbret im 
Fultbret ii 
Gersent ii 
UillelVet ii 
Gerfret ii 
Fulcui II 



Fulgot I 
Uuillebrcl i 
Lelger ii 
Uullbret ii 

Uuillibruc ii 

Ansbret ii 
Engelgart ii 
Adalric ii 
Eresuui ii 
Enge II 
Uualtburg ii 
Raduuuar ii 
Otgelt II 
Adaluui i 
Riebret ii 
Berefret ii 
loso II 
Rotbodo II 
Tbetelt ii 
Tesent n 
Regensent ii 
Idesleiit II 
Blithelt I 
Ot^art II 



lIotbiMiui im 
Reginuui i 
Uaterc, ii 
Ecbült II 
Ennebcnt i 
Rieb rot i 
Germunt ii 
bildehie ii 
Gislerat ii 
Letger ii 
bildegart ii 
Letburg ii 
Ratger ii 
Otlent II 
Anselt II 
Oduuui II 
Alfger II 
Ratgart ii 
Meilent i 
Airiint mi 
Errat ii 
Bertlent im 
Adelent im 
Riclent im 
Fulcuuui II. 



Aus dem cod. Palatinns 1564 f. 150 in 4 spalten von einer 
hand des lOten Jahrhunderts, vgl. oben Zs. xix, 388, icoselbst v. 4 
arta zu lesen und das comma hinter Formula zu streichen ist. 
desgleichen s. 389 die Variante zu v. 40, da die hs. Ne liest. 



II 



II 

Ol III 

r III 

Ereof . . t III 
Adalbehii m 



Lantfrit m 

Betdo III 

üerdolf III 

Albiriid. Raatger iii 

llillibolt m 

Biitger m. Egiua ii 



ALTDEUTSCHE NAMEN 



117 



Hieilman in 

Abbo III 

Uilliheri in 

Uuinimunt 

Libolf III. Riidfrunt ii. 



Marcsini ni 
Adalhelni iii 
Adalhart in 
Heribolt in 
Gozbrat in 
Uuallheri in 
Heberbart ni 
Sigimar in 
Hiemiriid. Gerlint in 
Haldiriid in 
Uicbrat in 
Spabolf ni FoHrat in 

aat in 

Bimina Albger ni 
Engilram in 
Uolfolt ni 

Ans dem codex der Vaticana Palatinns 493 des 7 — 8 jhs. 
von einer hand des beginnenden 9 nnf das leere Matt f. 100 v in 
2 spalten geschrieben, der vordere teil ist verstümmelt. 

Halle. E. DÜMMLER. 



NOTIZ. 

Die oftmals bewährte freundlichkeit des berrn landesarcbiv- 
direktors professor Zahn hat mir eine in seinem besitze befind- 
liche deutsche haudschrift zur benutzung überlassen, deren In- 
halt ich hier notiere, die handschrift, papier, xv jh., zählt 41 blätter. 
1* zwei gebete an den heiligen geist. l"* daz ist sant Thome 
pet. 2^ xoie man ettlig ding leersten sull der mezz. es wird die 
Wandlung besprochen. 3' hab got lieb, erbauHche betrachtung 
mystischen gehaltes. ebenso 5° von der lieb. 8** Hie hebt sich 
warung (so) der priester waschet sein hent vor der mezz vnd in der 
mezz. 9** daz sich der priester an legt und waz daz bedaüt. 
10' von dem vmeral. lO*" von der alb. IV von der giirtel. 
\V" von dem hantfan. 11'' von der stol. 12' von der casnl. 



118 NOTIZ 

12'' daz sich der priester im sayer an legt. 12'' von der heiht 
(nämlich des prieslers vor der messe). \y vom, knssen. 13' won 
dem inlroilu. 13'' vom kirieleyson. 14" Gloria in excelsis. 11'' 
war nmb sich der priester vmm kert. 14*' von der collecten. 
lö"* von der epistel. 16* von dem firadnal. iij^ vom alleluia. 
17'' von dem ewanyelio. 20^ von dem gelanben. 20'' von dem 
gelanben. 21" von dem opfer. 21'' von dem corporal. 22"* von 
der still. 24'' von der prefacion. 26'' Bis andächtig. 27'' ain 
ler. 28* daz ist die ler. 28'' von dem canon. 29"^ von den 
fumf craüczen vor der Wandlung. 29'' von der Wandlung. 30'' 
da ist kain prech (es wird das brot in der messe nicht würk- 
licli gebrochen). 31'' das der priester an daz hercz siecht. 31** 
das der priester mit nnsers herren leichnam craücz macht vber den 
kelch. 32'' vom pater noster. 33* nach dem pater noster. 34'' 
vom agnus dei. 35* von dem commnnion. 35* von dem fünften 
grüzz. 35'' von dem ite missa est. 35'' von dem segen. 36'' zum 
schluss: Des buchleins sin ist daz maist genomen ans dem pnch 
daz Innocencius der babst gemacht hat von dem ampt der mezz. 
erkant aber yemant ichcz ungerechtes dar ynn, den pitt ich daz 
er daz lieplichen pessai^en well, wann ich habs oft gar gedrätt 
geschriben von ander kiimmernUss wegen durch der andacht willen, 
die mich darung gepeten habend lange zeit, got helff in und allen 
den die sich da mit vbent zu andacht, auch mir der es geschriben 
hot nücz werd in daz ewig leben, amen. 37* leer. 37'' — 40** 
lateinische legende von SKatharina ohne bemerkenswerte züge. 
40'' ferner noch ein gebet, in welchem i noch nicht diphthongiert 
ist, das also wol aus älterer vorläge abgeschrieben wurde, von 
gleichzeitiger band noch unten 40'': ist ein man der da ligt in 
der cranckeit vnd ist an dem alz ob er enden wil vnd ist daz er 
schwitzet an einer stat vnd an der andern nit, alz an der stirn 
oder an der brüst vnd anderswa nit, so ist es ein wars zeichen 
daz er stirbt, schwitzt er aber allenthalb, so stirbt er nit und loirt 
gesunt, sprechen die naturlichen meister. audivi a doctore predi- 
catorum. die letzten worte weisen wol auf die nähe eines do- 
minikanerkloslers. die innenseite des holzdeckels enthält latei- 
nische messgebete. 

Graz, april 1876. ANTON SCHÖNBACU. 



HARLEKINS HOCHZEIT 119 



HARLEKINS HOCHZEIT UND GOETHES 
HANSWURSTS HOCHZEIT. 

Bekanntlich erzählt Goethe im achtzehnten huch von Dich- 
tung und Wahrheit einiges über entstehung, Schema, decorationen 
und Charaktere eines dramas, von dem sich in seinen werken 
nur ein par bruchstiicke unter dem titel 'Hanswursts Hochzeit 
oder der Lauf der Welt. Ein rnikrokosmisches Drama' finden. ^ 
'Ich hatte' — beginnt Goethe seinen bericht über das stück — 
'nach Anleitung eines altern deutschen Puppen- und Buden- 
Spiels ein tolles Fratzenwesen ersonnen, welches den Titel 
Hanswursts Hochzeit führen sollte.' 

Das hier von Goethe gemeinte puppen- und buden-spiel kann 
ich nachweisen, es ist ein singspiel eines ungenannten Verfassers, 
betitelt 'Harlekins Hochzeit' oder 'Harlekins Hochzeitschmaus', 
aber auch als 'Harlekins singender Hochzeitschmaus' bekannt. ^ 
es hat mir in folgenden drucken vorgelegen: 



* die bruchstiicke sind zuerst in der quart-ausgabe der werke Goethes 
(i, 2, 38 — 39), zuletzt — 'mit Ergänzungen nach einer Handschrift' in SHirzels 
Sammlung Der junge Goethe (m, 494 — 99) herausgegeben worden. 

"^ unter dem letztgenannten litel erwähnen das stück Gottsched in 
seinem Versuch einer critischen dichtkunst, 4 sehr vermehrte aufläge, Leipzig 
1751, s. 736, und JFSchütze in seiner Haraburgischen theater-geschichte 
Hamburg 1794, s. 86 und 266. die in mehrfacher hinsieht interessante 
stelle Gottscheds, auf die ich durch Goedeke, Grundriss ii, 553, hingewiesen 
worden bin, lautet vollständig: Deutschland hat also die Ehre, dass in 
NÜDiberg zuerst die Kunst erfunden und ausgeübet worden, ganze musi- 
kalische Vorstellungen auf der Bühne zu sehen. Und ob sie gleich 
durchgehends nach einer Melodie gesungen worden, tvie andere Lieder: 
so thut diefs nichts zur Sache. Denn wer toeis, loie die erste wälsche 
Oper ausgesehen hat? Alle Dinge sind im An fange schlecht, und ein fach: 
allmählich geht man weiter. So ist z. E. des Harlekins singender Hoch- 
zeitschmaus, den wir einzeln vielmal gedrucket haben, und den ich noch 
selbst habe singend aufführen gesehen, schon etwas künstlicher, weil er 
aus zweyerley Strophen besteht, und nach zweyerley Melodien gesungen 
wird. — Schütze erzählt s. 266 von madame Schröder in Hamburg aus 
den Jahren 1742 — i\:_ Auch Harlekifis singenden Hochzeitschmaufs, die 



120 HARLEKINS HOCHZEIT 

1. MONSIEVR 1 I." I HAI5LEUVIN | Oder [ Dfs HARLE- 
(JVINS 1 Hochzeit. | In einem | Singe-Spiele | vor},'estellet. | Ge- 
druckt 1 zu Haarburg im Hochzeit-Hause j in «liesern Jahr. | 8". 
31 Seiten (aus der k. bihliothek in Rerlin). 

2. L'Honnt'te F(!ninie | Oder die Ehrhche Frau i zu Plifsine, ; 
in I Einem | Ensl-Spicie , | vorj^rstelhM, | und | aus dem Franzö- 
ischen [sie!] ] ül)ersetzet | von | IHLAHIO, | Scheust Harlequins 
Hochzeit- j und Kind -Retterin- | Sciimausc [ IMilsine, | Gedruckt 
in diesem Jahre. | 8" (aus der k. hibliothek in Rerlin). 

Das histspiel 'L'honnete fennne' nimmt — mit tilelhlatt und 
dedicationsgedicht an 'sämmtliche Herren Studiosi auf der wcit- 
herühmten Universität Leipzig' — G unpaginierte und 64 pagi- 
nierte Seiten ein. dann folgt mit neuer paginierung — s. (3) 

— s. 30 — unser Singspiel mit der ilherschrifl : 

Des HARLEQVINS Hochzeit-Schmaufs , In einem Singe- 
Spiele vorgeslellet. 

Hieran schliefst sich wider mit neuer paginierung — s. (1) 

— s. 25 - — ein zweites Singspiel, eine Fortsetzung des vorher- 
gehenden, überschrieben: 

Des HARLEQVINS Kindbetterin-Schmaufs In einem Siuge- 
Spiele vorgestellet Von HILARIO. ■ 

Hierauf folgen noch drei unpaginierte seilen, auf den beiden 
ersten stehen je fünf, mit 1—5 numerierte Strophen, von denen 
die erste auf der ersten seite beginnt 'Mein einziger Schatz aulf 
Erden', die erste auf der zweiten 'Du warlich gar nicht bist', 
diese wie zwei lieder von je 5 Strophen gedruckten 10 Strophen 
sind in würklichkeit ein lied. 

Auf der letzten seite endlich steht: 

Rericht | Am Ruchbinder. 

Der Titul zur Ehrlichen Frau sambt dem Kuplfer-Rlat an 
Harleqvins Hochzeit-Schmaufs mufs abgeschnitten, und vorhero 
ans erste Alphabet gebracht werden. ^ 

alle Singpos.te, gab oder muste sie geben — und s. 86 f von Johann 
Kuniger: Schon 1748 war er bis 1750 7nit Marionetten in Hamburg und 
gab galante Aktionen und Singpossenspiele : Z. B. Arlequiris lächerlich 
singender Hochzeitssclunaiis (wo freilich nicht der Schmaus sojidern die 
Hochzeilgäs le sangen ) . 

* die k. bibliothek in Dresden besitzt von diesem druck nur die 
beiden harlekinaden mit den 3 unpaginierten seilen- anstatt des lust- 



UND GOETHES HANSWUHSTS HOCHZEIT 121 

Von dem in diesem undatierten druck den harlekinaden 
vorausgehenden lustspiel luhren Gottsched, Nöthiger vorrath i, 259, 
und Weller, Annalen ii, 277, einen druck von 1695 an. beider 
tilelangaben stimmen nicht ganz überein und scheinen — mit 
dem titel unseres druckes verglichen — beide ungenau, bei 
Gottsched lautet der titel: 'L'honette Femme, oder die ehrliche 
Frau zu Plissine, ein Lustspiel, aus dem Frantzösischen übersetzt 
von Hilario. Plifsine. 8.', bei Weller: 'L'Honnette femme, oder 
die ehrliche Frau zu Plissine, in einem Lustspiele. A. d. Franz. 
übersetzt von Hilario. Plissine (Leipzig) 1695. 8^.' unser un- 
datierter druck wird ungefähr gleichzeitig sein. 

3. Des I HARLEUVINS | Hochzeit- ] und | Kindtauffen- 
Schmaufs | In einem | Singe-Spiele | vorgestellet. | Freywald, | 
1730. I 8^. 52 paginierte und noch 2 unpaginierte selten (aus der 
k. bibhothek in Berlin). 

S. 3 — 28 enthalten ohne besondere neue Überschrift Harle- 
quins Hochzeit-Schmauls, s. 29 — 52 die oben unter nr 2 erwähnte 
fortsetzung 'Des HARLEQVINS Kindbelterin-Schmaufs In einem 
Singe-Spiele vorgestellet Von HILARIO.' 

Auf den beiden letzten unpaginierten sciten steht, wie in 
nr 2, das lied 'Mein einlz'gcr Schatz auf Erden', auch hier als 
2 lieder gedruckt. 

4. Des I HARLEQVINS [ Hochzeit- | und | KindtaulTen- 
Schmaufs | In einem Singe-Spiele | vorgestellet. | Freywald, | 
1735. I 8^. 52 paginierte und noch 2 unpaginierte Seiten, neue 
aufläge von nr 3 und daher genau damit tibereinstimmend (aus 
der grofsh. bibliothek in Weimar). 

5. Endlich hat mir 'Harlequins Hochzeit-Schmaufs' noch in 
einem druck aus der k. bibliothek in Berlin vorgelegen, dem 
nach der paginierung irgend ein andres werk, wie bei nr 2, vor- 
ausgegangen sein muss. das stück beginnt auf s. (81) — ohne 
besonderes titelblatt — mit der Überschrift 



Spiels 'L'Honnete Femme' ist die nach demselben bearbeitete oper vorge- 
bunden: 'Le Jouvaiiceau Charmant Seigneur Schelmuffsky, Et L'Honnete 
Femme Schlampampe, representee par une OPERA sur le Theatre ä Ham- 
bourg. Oder Der anmuthige Jüngling Schelmuffsky, und Die ehrliche Frau 
Schlampampe, In einer OPERA auf den Hamburgischen Theatro vorgestellet. 
Hamburg, Gedruckt im güldnen ABC ^ 



122 IIAIILEKINS HOCIIZKIT 

'Des I IlARLEQVms | Ilochzeit-Schmaiirs, | In einem | Singe- 
Spiele ( vorgestellet. |' 
und endigt s. 112. dann folgt aul s. 113—140 

'Des I IIARLEOVINS | Kindl.ettcrin-Schmaurs | In einem | 
Singo-Spicie | vorgestellet | von \ IIILARIO. 1' 

Dies sind die 5 drucke von Harlekins hochzeit oder hoch- 
zeitschmaus, die mir vorgelegen haben, aulserdem kenne ich aber 
noch 2 andere, leider jedoch nur aus anführungen. Gottsched 
nennt nemlich im Nölhigen vorrath i, 290 'Ilarlequins Hochzeit', 
'Harlequins Kindbetterin-Schmauls' und 'Harlequins närrische 
Ehe und lustige Würthschaft' als drei im jähr 1716 zu Durlach 
erschienene 'Opern', und in Goedekes Grundriss n, 553, nr 532, 
und WvMaltzahns Deutschem bücherschatz s. 533, nr 2247, finde 
ich den titel 'Der lustig-singende Harlequin oder die i Pickel- 
härings-Hochzeit.' o. o. u. j. 8^. 

Über den Verfasser von Harlekins hochzeitschmaus wissen 
wir nichts. Gervinus, Geschichte der deutschen dichtung ni, 461 2, 
nimmt ohne weiteres an dass er und der Hilarius, der sich als 
den Verfasser der Ehrlichen frau ^ und von Harlekins kindbetterin- 
schmaus^ nennt, eine und dieselbe person seien, dass der falscb- 



* die fehlt bei vMaltzahn. 

^ Gervinus, den — um dies nebenbei zu bemerken — Menzel, Deutsche 
dichtung II, 386, offenbar ausgeschrieben hat, sagt: 'Ja wir können vielleicht 
am besten, unter der grofsen Masse von Harlekinaden zur Probe ein Paar 
herausheben, die ein Hilarius als Anhänge des Schellmuffsky publicirte 
(1696), der also wohl selbst Verfasser von den Spielen wie von der Erzäh- 
lung sein wird. In zweien spielt die Frau Schlampampe mit ihrem Sohne 
Schellmuffsky die Hauptrolle; zwei andere drehen sich um Harlekins Hoch- 
zeitschmaus und Kindbelterinschmaus.' mit den zwei harlekinaden, in denen 
die frau Schlampampe mit ihrem söhne Schelmulfsky die hauptrolle spiele, 
meint Gervinus das mehrerwähnte lustspiel 'L'honnete Femme' und dessen 
fortsetzung 'La Maladie et la morl de l'honnete Femme. das ist: Der 
ehrlichen Frau Schlampampe Krankheit und Tod. In einem Lust- und 
Trauer-Spiele vorgestellet, und Aus dem Frantzösischen in das Teutsche über- 
gesetzt, von Schelmulfsky Reisse-Gefährten. Gedruckt in diesem 1696 
Jahr. 8.' beide lustspiele sind aber weder harlekinaden, noch spielt Schel- 
mulfsky in ihnen eine hauptrolle, noch sind sie ursprünglich als anhänge 
des Schelmulfsky herausgekommen. 

3 Weiler, Annalen 11, 277, nennt, ich weifs nicht nach welcher quelle, 
als wahren Verfasser der Ehrlichen frau 'Christian Reuter.' 

» '» in Harlekins kindbelterinschmaus, actus m, scena i, kommt eine 



UND GOETHES HANSWURSTS HOCHZEIT 123 

nanie Hilarius beideinale einen uiul denselben verlasser verbirgt, 
niöcbte aucb ich annehmen, aber warum sollte dieser Hilarius 
sich gerade als Verfasser von Harlekins hochzeitschmaus nicht 
auch so genannt haben? allerdings machen Harlekins hochzeit- 
schmaus und Harlekins kindbetterinschmaus den eindruck, als 
rührten sie von einem Verfasser her, aber dies ist natürlich, 
da eins eben nach dem muster des andern gemacht ist. 

Harlekins hochzeitschmaus ist — ebenso wie Harlekins kind- 
betterinschmaus — in gereimten Strophen geschrieben, und zwar 
in zweierlei Strophen, und wurde mithin, wie Gottsched in der 
oben citierten stelle ausdrücklich auch bemerkt, nach zweierlei 
melodie gesungen, eine person singt häutig eine, ja mehrere 
Strophen allein , öfters aber ist eine Strophe — ja ein parmal 
sogar ein vers — zwischen mehreren personen verteilt, ich lasse 
als beispiel der beiden Strophenarten zunächst die Strophe folgen, 
mit welcher das singspiel beginnt: 

Dil liebes werthes Kind, vernimm itzt was ich dir 
Aus wahrer Vater-Treu und Liehe bringe für. 
Meine Kräfte nehmen ab, 
Auf mich wartet schon das Grab. 
Die Augen 
Nichts taugen, 
Noch alles was an mir. ^ 
anspielung auf die Ehrliche jfrau vor, indem die kindbetteiin Uisel von 
ihrem Wochenbett sagt: 

Betrachtet es nur fein genau, 
Es war sonst der Ekrlchen Frau, 
Das hat) ich 
Nur neulich 
Derselben abgekauft. 
* der letzte vers reimt sich bald auf die beiden ersten, bald auch 
nicht, in Harlekins kindbetterinschmaus reimt er sich fast nie. — hier 
sei auch noch erwähnt, dass Schütze, Hamburgische theater-geschichte 
s. 88 ff ein 'Singpossenspiel älterer Zeil' kurz bespricht, welches 'in Ham- 
burg und Leipzig mit Beifall gegeben oder vielmehr hergeleiert worden", 
und dessen titel lautet : 'Lustige Nacht-Comoedia, betitult: der verirrete Geist, 
oder der zur Nachtzeit bei dem Müller eingekehrende [!] Lysander. Aus 
einer wahrhaftig pafsirten Historie in solcher Form metamorphosiret und auf 
die Melodey des Harlequinischen Singe-Spiels gerichtet, als Fortsetzung des 
Harlequins Hochzeit, dem Neid zum Leid vorgestellet von dem Jungen 
Müller, (mit Holzschnitten verziert, ohne Druckort und Jahrzahl) 12.' — 
Schütze führt dann die beiden ersten Strophen des prologs an, die in der 



124 IIAHLEKIWS HOCFIZKIT 

dies« slnt|ilM'nail isl dir vitrlicixliciidc; die ander»' koinml ziim 
erstenmal in der drillen 'Enlree' ' also zur anwendnng: 
Ursel. Wie ist es denn mein Kind, 

Willstu mich yar nicht liehen? 
llarleqvin. wenn ich wäre hlindl 
Ursel. Ich will dich nicht betrüben, 

Ich hin ja so hühsch und fein 
Und will gern dein Weibchen sein. 
Harleqvin. Pfui Teufel ;/; :j: 
Wenden wir uns nun zu einer nähern angäbe des inhalts 
von Harlekins hochzeil. 

Harlekin, der von der unschönen Ursel, der lochler des 
besenbinders Claus geliebt wird, liebl die schöne Lisetle, Tenesos 
tochter, die den jungen reichen Lavanlin heiraten soll, eines 
nachts steigt er auf einer leiter vor Lisellens kamnierfensler und 
singt eine 'Aria' 2. Lisettens vater kommt hinzu, zieht die leiter 
hinweg, so dass Harlekin am fenster 'in der Luft schwebt', und 
schickt nach den häschern, die auch kommen und Harlekin fest- 
nehmen und ins hundeloch bringen. Ursels vater erwürkt von 
dem richter, dass Harlekin frei kommen soll, wenn er Urseln 
heirate, und Harlekin ist es zufrieden, da 'IS'ot aus Kuhdreck 
Milch macht', nachdem das par und vater Claus beim richter 
gewesen und 'eingeschrieben' worden sind, tritt der hochzeit- 
bitter auf und ladet den richter und dann sämmtliche versam- 

eben mitgeteilten in Harlekins hochzeit vorhersehenden strophenart — der 
letzte vers ungereimt — verfasst sind. 

' das stück zerfällt in 16 entrees, die aber nur in dem druck nr 1 
richtig 'Entree i' — 'Entree xvi' bezeichnet sind, während die übrigen 
drucke von der 4 entree an eine falsche bezifferung haben, nemlich 'Entree 
V — xvn' statt 'iv — xvi.' — Harlekins kindbetlerinschmaus isl nicht in 
entrees, sondern in actus und scenae eingeteilt, was vielleicht auch dafür 
spricht, dass die beiden Singspiele nicht von einem verfasset sind. 
^ die erste der vier Strophen dieser aria lautet: 
Lisetle, liebster RoseJislock, 

Meines Herzens Zitckerstengel 
Dil meijies Leibes Unterrock, 

Meiyi Schatz- und Tauscndengel, 
Vernimm den Klang 
Und schönen Gesang, 
Die säubern Riltornellen, 
So klingen wie Kuhschellen. 



UND GOETHES HANSWURSTS HOCHZEIT 125 

melte 'Jungfern, Frauen, Herrn und Junggesellen all' zur hoch- 
zeit ein. hierauf wird die hochzeit selbst dargestellt: schmaus, 
beschenkung des braulpars durch die liochzeitgäste, saufen und 
runda-singen, endlich, nachdem 'Tisch und Bänke übern Haufen 
geworfen und weggeschaftV, tanzen, nach dem tanze beschliefst 
der hochzeilbitter das stuck: 

Jetzt dank ich denen, die uns haben zugeschaut. 
Es dankt der Bräutigam euch auch mit seiner Braut. 
Geht nur heim, zu guter Nacht, 
Denn die Braut wird schon gebracht 
Zu Bette. 
Valete 
Und nehmet so verlieb! 
Vergleicht man die fragmente von Goethes Hanswursts hoch- 
zeit und das, was er in Dichtung und Wahrheit über das stück 
und aus ihm mitteilt, mit Harlekins hochzeit, so ergeben sich nur 
folgende entlehnungen. 

Goethe hat die braut seines Hanswursts Ursel Blandine nach 
Ursel, der braut Harlekins, genannt, ferner ist das vvirtshaus zur 
goldenen laus, in welchem Harlekins hochzeit gehalten wird und 
dessen wirtin in der vorletzten entree mit folgenden worten auftritt: 
Es giebt jetzt viel zu thun allhier in meinem Haus, 
Drum häng ich aus mein Schild, genannt zur güldnen Laus, 
Dafs ein jeder Gast mag sehn. 
Wo die Hochzeit xoird geschehn — 
dies Wirtshaus zur goldnen laus ist auch in Goethes stück über- 
gegangen, wo es im hintergrunde des theaters zu sehen war, 
'mit den goldenen nach dem Sonuenmikroskop gearbeiteten In- 
signien.' und wenn endlich nach Goethes erzählung in Hans- 
wursts hochzeit 'der Hochzeitbitter als Prologus auftrat, seine 
herkömmliche bannale Rede hielt und mit den Worten endigte: 
Bei dem Wirth zur goldnen Laus 
Da wird sein der Hochzeitschmaus' — 
so sind diese zwei verse der einladung des hochzeitbitters in 
Harlekins hochzeit entnommen, mit welcher er den richter einladet: 
Herr Harleqvin der last den Herren laden ein. 
Mit Bitte, dafs er doch sein Hochzeitgast macht sein, 
Bei dem Wirth zur güldnen Laus 
Da wird sein der Hochzeitschmaus. 



126 HARLEKINS HOCHZEIT 

Dies ist was ich über Harlekins Hochzeit und ihr verhültnis 
zu Goethes Hanswursts hochzeit zu sagen habe. 

Ich schhcfse daran noch zwei andere bemerkungen zu Goethes 
dichtung. 

Hanswursts vorniund heilst Kilian Brustfleck, nun liegt 
mir ein, wie es scheint, im vorigen Jahrhundert gedrucktes Volks- 
buch vor *, betitelt: 

Ein schön | ganz neu erfundenes : Lust- Scherz- und | Wilrfel- 
Bilchlein, | welches mit zwey Würfeln gespielet wird ] und einem 
oftermalen gar arllich die | Wahrheit sagen thut. | 1. Für die 
Jungfrauen. | 2. Für die Frauen. | 3. Für die Mägde, j 4. Für 
die Junggesellen. | 5. Fiir die Männer. | Ganz neu gedruckt. | 8^ 
2 bogen stark, unpaginiert. 

Der zweite bogen dieses bUchleins enthält unter der Über- 
schrift 'Des Kilian s Brust flecks Lustige Scherz-Spiele' 
eine anzahl gesellschaftsspiele. 

Wenn der name Kilian BrustQeck nicht etwa auch sonst 
noch vorkommt, so wird ihn Goethe wol diesem volkshüchlein 
entlehnt haben. 

In den fragmenten von Hanswursts hochzeit nennt Kilian 
Brustfleck seinen mündel Hanswurst einen 
'Jüngling, der Welt bekannt. 
Von Salz- bis Petersburg genannt.' 

Hat Goethe dabei vielleicht au die 'Lustige Reyfs-Beschrei- 
bung. Aus Saltzburg in verschiedene Länder. Herausgegeben von 
Joseph Antoni Stranitzkhy, oder den so genannten Wiennerischen 
Hannfs Wurst' (4*^. o. o. u. j.) gedacht? in diesem mehrmals 
aufgelegten buch des berühmten Wiener Hanswursts ist, wie 
Flögel, Geschichte des groteskkomischen, s. 133, berichtet, eine 
erdichtete reise des Stranitzkhy (f 1727) 'aus Salzburg nach Moskau, 
Tyrol, Finnland, Grönland und Lappland, Schweden, Steiermark, 
Schwaben, Croatieu, Holland, Westphalen, W^elschland, Böhmen 
und in die Türkei enthalten.' 

* im besitz der hiesigen grofsherz. bibliothek, die es vor mehreren 
Jahren erworben hat. 

Weimar, ostern 1876. REINHOLD KÖHLER. 



ZUM MARNER 127 



ZUM MARNER. 

XIV, 288 (QF 14, 114) ist überliefert ich muoz nz ir garten 

und ir Sprüchen bhiomen lesen (vgl. meine anm.) ; KHof- 

mann schlägt mir einleuchtend vor zu schreiben ich 

muoz nz ir garten miner spräche bluomen lesen, die 

vorläge zeigte vier verticale striche, über den beiden 

letzten eine horizontale linie, am schluss er. der Schreiber 

löste falsch auf und las und, wodurch er unverständlich 

wurde, die änderuug in ir zog die von Sprüche in 

Sprüchen nach sich. 

Ich berichtige bei dieser gelegenheit zwei druckfehler in 

meinem text. es ist zu lesen: n, 13 f Ich warne", also der wahter 

sprach in sorgen; v, 13 in tonwe stdnt blnomen nnt gras. 

München 13. 5. 76. PHILIPP STRAUCH. 



ZUM MELKER MARIENLIEDE. 

Die kunstvolle gliederung des Melker Marienliedes in gruppen 
von 3, 3, 2, 3, 3 Strophen hat Scherer in der Zs. f. d. österr. 
gymnasien 1870 s. 188 (vgl. MSD^ s, 437f) nachgewiesen, ich 
möchte noch auf einen bestätigenden umstand aufmerksam machen, 
der, wenn auch seine beabsichtigte und bewuste Verwendung 
mir nicht ganz zweifellos erscheint, doch immerhin einmal an- 
gemerkt zu werden verdient. 

Von der ersten gruppe (str. 1 — 3) beginnen die beiden 
ersten Strophen mit / (Jii), von der zweiten die beiden letzten 
(5. 6) mit E (Ein, Esdyas, denn so für das Ysdyas der hand- 
schrift, die jedesfalls nicht das autographon ist, zu schreiben, 
darf kaum eine änderung genannt werden), dann folgt 7. 8, das 
mittelstück, mit zwei Do. bei der vierten gruppe haben wider 
die beiden ersten str. (9. 10), bei der fünften die beiden letzten 
(13. 14) gleichen anlaut (Beslozzenin, Brunne; Chint, Chüniginne). 
für die ersten beiden gruppen sind vocale, für die beiden letzten 
consonanten gewählt, der beweis für die notwendigkeit von 
Müllenhoffs änderung in 9, 1 (Beslozzenin horte für du bist ein 
b. b.) wäre zugleich damit erbracht. 

STEINMEYER. 



128 HKHICHTir.lJNGEN 

ZU ANZEIGER 1, 139. 140. 

Die von mir aao. .'uis innern griiiideii uhcv oliiic ci^'t-ne 
kohiiliiis der haiulschrirt d zurückj,'(;\vicseiieu lesarleu Edzanlis 
l)esläli!,M;n sich durchweg als lalsch, wie mich inciri Irfiind dr 
Strauch versichert, der (He Iraghcheii slelleu in der liaiidschrift 
einzusehen die f^üte liatle, — nur 1)47 steht in <l, wie Edzardi 
also richtig angiht, der ich. sonst henierke icli noch dass 2672 
nicht, wie ich nach ßartscli angah, erste sondern erst, ferner 
3188 nicht sus sondern sust uherlielert sind. 

Stralsburg 23. 5. 76. RUDOLF HENNING. 



BERICHTIGUNaEN. 

1. Eine erneute vergleichung der von mir in dieser zs. 
19, 468 ff mitgeteilten bruchstücke einer (papier)hs, des Helden- 
buchs hat ergeben dass die auf Der sloff (1^, 1) folgenden worte 
lauteten het in ergriffen und dass l'', 12 drii (nicht drie) sinnt 
zu lesen ist. dasselbe ü, ü begegnet weiter in ijiirtel 2, 5 unil 
sn 3", 12. 

2. Die aus meinen CoUectis 1, 25 in MSD'- 544 aufgenom- 
mene stelle von den am Zuydersee belegenen besitztiimern des 
Liudgerklosters zu Werden kann ich jetzt dahin berichtigen dass 
z. 4 nach Spilmeri in der hs. ein S dh. Similiter steht: also 
Utermeri sancti Lindyeri totum, Spilmeri similiter, Pulmeri half. 
der buchstabe war, am innersten rande der zeile stehend, früher 
beim binden mit eingeklebt, jetzt ist der passus losgelöst und 
gereinigt. 

Elberfeld 9. 5. 76. CRECELIÜS. 



NACHTRAG ZU S. 65. 

Zu spät werde ich durch Zs. 15, 488 darauf aufmerksam 
dass das lat. vocalspiel Cß 95 vollständig iu der von Ziugerle 
(Sitzungsber. der Wiener akad. 54, l,293ffj herausgegebenen 
Sterzinger miscellaneenhandschrift steht und zwar mit der Über- 
schrift Marnarij de vocalibns. ist der Marner würklich der Ver- 
fasser, dann darf man freilich Walthers gedieht nicht als Über- 
setzung oder bearbeitung ansehu. schwerlich jedoch sind mit 
dieser einen stütze die oben vorgetragenen ansichten überhaupt 
hinfäUig geworden. 

12. 5. 76. E. MARTIN. 



EINIGE BREVIAHIEN VON SANCT LAMRRECHT 129 



ÜBER EINIGE BREVIARIEN VON SANcf 
LAMBRECHT. 

Ein gutes (hitteil der hatuhchriftensanmihing, welche in der 
Grazer nniversitälsbibliothek anßeivahrt ist , befand sich ehemals 
im besitze des benediktinerstiftes Sanct Lambrecht. ^ an und für 
sich sind diese Codices nicht von sehr grofsem werte, sie enthalten 
meist die landläujigen theologischen werke zum hansgebraiich des 
conventes. einige aufmerksamkeit scheinen mir jedoch die hand- 
schrißen zu verdienen, welche im xu Jahrhundert angefertigt wur- 
den. 39/58 8'\ die Litanei enthaltend, gehört zu dieser gruppe. 
etwa C) oder 8 Schreiber lassen sich unter den Urhebern dieser 
Codices durchstehend erkennen, ihre hände kehren unregelmäfsig 
wechselnd wider, überdies werden die einzelnen nummern noch 
dadurch verbunden dass eine hand etwas späterer zeit, von mir 
Zs. XVIII, 82 erwähnt, den rand verschiedener handschriften be- 
kritzelt und dadurch angedeutet hat dass noch im xiii Jahrhundert 
die collection eigentum eines und zwar geistlichen hauses war. 
breviarien, antiphonare und psalterien machen die mehrzahl aus. 
in der regel ganz lateinisch abgefasst, weisen einige doch deutsche 
Worte auf, und solche unternehme ich hier zu besprechen, dem. 
umfange nach sind diese deutschen auf Zeichnungen freilich recht 
unbedeutend und ich kann mit ihnen durchaus nicht als bereiche- 
rungen der litteratur des xii Jahrhunderts Staat machen, es sind 
zumeist Überschriften von gebeten, kurze amoeisungen für den 
cefremonialdienst 2, hie und da interlinearversionen. da die kleinsten, 
aus wenigen warten bestehend, einen geordneten abdruck kaum 

^ über die gründung von SLambrecht und die ej'sten Jahrhunderte 
seiner geschickte vgl. Patigerl in den Beitrügen zur künde sleierma'r- 
kischer geschichlsquelten., insbesondere ii, 114; IH, 3, 50; iv, 148 und 
dessen ausgäbe der beiden iitteslen lolenbücher vo7i SLambrecht i?i den 
Fontes rerum Austriacariim xxix. über das hexdige SLambrecht vgl. 
Macher, Medicinisch-statislische topographie des herzogtums Steiermark 
s. 258/: 

- ähnliches verzeichnet Bartsch aus Engelberger hss. Germania 
XVIII, 72. 

Z. F. D. A. neue folge VIII. 9 



130 EINIGE RREVUniEN VON SANCT LAMBRFXHT 

lohnen müclilen, so stelle ich ans jedem codex nur znsannnen, was 
er für laut- und formenlehre (vom miltelhochdeulschen Stand- 
punkte ans beul teilt), auch etwa für das würteihuch interessantes 
enthält, einige allgemeine hemerkungen über die ganze hand- 
schrif'tengrwpye werden am Schlüsse, wo das gegebene material leicht 
zu übersehen ist, besseren platz finden. 



I 

Die handschrift 40/6 8", pergament, 212 blü'tter enthaltend, 
gehört dem \n Jahrhundert an. die zeit von 1150 bis 1190, 
welche nach den paläo graphischen kriterien für die entstehung der 
in betrachl kommenden Codices anzunehmen ist, wird auch für 
dieses stilck gelten müssen, die ersten vier blätter sind von etwas, 
freilich wenig, jüngerer hand. an deutschem enthält i nur Über- 
schriften. 

Vocalismns: a. stellenweise schwankt der unilaul: tagelichen 
146% tiBgeliche 7''. 145\ zrcchere 14''. schwanken zicischen a 
und o: von 3% Weinhold BG § 6. 22. i xvird durch ic gegeben 
nihet = nieht 5% "(//. Weinhold BG § 90 (im weiteren leerlaufe 
werden nur die paragraphenzahlen citiert), durch u: subene 5", 
§ 36 und Diemer zu Joseph von Ägypten v. 303. i ist in die 
ßexion eingedrungen: von einim apostolo 3% § 20; u für e: 
urstunde 194* ist schwerlich als assimilation aufzufassen, sondern 
vielmehr auf einßuss des \u\ zurückzuführen, das einzige bei- 
spiel, welches Weinhold § 30 beibringt: sonnebunden 1320, MB 
XXVII nr 137 steht unter derselben bedingung. vgl. noch MSD- 
s. 519. u ohne umlaut: vurslen 12% geburte 170% § 29; A stets 
umgelautet, zb. riussere 13% naehest 132'; oe für ö noet 14% § 57; 
kein ai nur ei und zwar einmal als contraction: meist /wr magest 
5% ei für i beichte 54'' gegen 13 I, § 78. diese diphthongierung 
ist viel älter als Weinhold annimmt, unter andern hat sie auch 
das Docensche bruchstück von Wernhers Maria, vgl. MSD- s. xxvii. 
ia zu ie viente 13''; ie durch i gegeben: igelichem 119'', § 52, 
89; in in vriunde 14'', riusrere 13'', dagegen eu in vreunt 4% 
§ 84; uo wird durch ü bezeichnet tunt 14% § 62, durch ue guet 
14'. 95% § 107. 

Consonantisnms: i im an- und auslaut regelmäfsig, im in- 
laut abwechselnd mit d: viente 13", vierden 119"; immer iinde. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LÄMBRECHT 131 

für z m anlaut vor o nnd i stets c: eilen 137'. 154' nsic, § 152. 
nicht vor a: zalleii 137". 154\ — k für g: sint keuastet 106% 
§ 172; ch stets im an-, in- nnd auslant, auch für h: ziechere 
14\ wielinaehte 67% beichte 54'", h in nrehest 132' und öfters 
nahen, dagegen c für ch wocen 119'\ spric 154', § 179. MSD"" 
s. 509. — u im inlaut für b = v: heue 53", heuet 131', § 134. 
ph für f: slaphen 5', § 128/". — contraction: mitten -= mite 
den ' 5', inclination solstu 4' zweimal, sahn einmal stark, zwei- 
mal schwach decliniert, § 347; 'f.ymX. als acc. plur. 4'; zallen 137'. 
154'. syncope lemtigen 2 1.5^ neben dem infiniliv ^\nedien auch 
Sprech 4'. über die auffassung dieser form wird später gehandelt. 
2 person sing, du wil 2'. — componiert wird: sunnetages 11 mal; 
tageciten 154', tagenciten 137\ — adverbieU gebraucht: saniz- 
tagps nahtes 109''. 131', samztagen nahtes 119''. — zwei prä- 
positionen : uor ce 5 mal, uor in 2 mal. uor ist hier nicht ad- 
imhium. — congregatio samenunge 12'', concordia ebenhelle 13' 3. 
stets als adverbium wird in allen unsern hand schiften enuerte, 
enuerten verwendet, ode = aut, nmbe vor dem artikel, sonst 
umb. 

Ein par proben: 4' Daz gebet solstu sprech vur alle dine 
sunt. — daz gebet solstu sprechen umb dich unde umb alle dine 
vreunt. — 5' so du uihet meist slaphen, so sprich dise subene 
salme mitten antiphen. — 154' die collecte spric drie wochen 
zallen tageciten unde dise drie mit dem verse. 

Derselben handschrift gehören noch 4 blätter an, welche im 
codex 42/103 4" sich hinten angebunden finden, bemerkenswert 
ist die Schreibung einim = einem zweimal; i in der flexion: niuzist, 
u für uo: brudern, o für ou: globigen. 

Fol. 135'j(f enthält unsere handschrift (A) die responsorien 
der kirchlichen osterfeier und dazu deutsche angaben der rollen- 
verteilung. mit wenigen änderungen steht dasselbe rituale im codex 
40/96 40 (B) des xn und 42/13 4° (C) des xui Jahrhunderts, es 
stimmt, obschon um mehr als hundert jähre älter, mithin das 
älteste bisher bekannte, mit dem Kloster neu burger ritual 
(D) bei DuMeril, Origines latines du theatre moderne s. 89 yf. 

» Diemer Gedichte zu 17, 21. * Diemer zu 198, 24. ^ vgl. 

Ilcinzel zur Erinnerung 199. 

9* 



132 ElINir.E imEVJARIRN VON SANCT LAMBRECHT 

mirh ihm licfif die (i7ioriliitin(j zu (punde, von welcher Gerhert an 
der hekunnlen stelle seiner Vetns lihiryia Alemannica spricht, icir 
haben darin die einfachste form der kirchlichen dramatische)} osler- 
feier, aber doch nicht so einfach, dass ihre sülze, wie man ge- 
wöhnlich annimmt \ nur ans Marc, xvi, 1 — 7 nnd Johannes xx, 
1 — 10 comhiniert wären, vielmehr ist der text ans einer nicht 
nnyeschickt angefertigten hurmonie aller vier evangelien über die 
auferstehung erwachsen, auch fehlen eigenmächtige zutaten nicht, 
die anmerknngen sollen dies nachweisen. 

In C wird der text mehrfach durch brachst äcke aus Gregors 
homilien nuterbrochen, in A erscheint das ganze ceremoniell in 
zwei hulften geteilt, die erste, auch in B und C vorhanden, ist 
verschiedenen personen zum vortrage zugewiesen, die zweite gibt 
den text des evungelium Matthaei und nur der priester hat zu er- 
zählen, die einrichtung der breviarien ist nicht derart, dass man 
annehmen könnte, man habe es dem priester überlassen, ob die 
feier nach a oder 1» ahznhalten sei, es haben gewis beide recitatio- 
nen stattgefunden, die erste fiir das publicum berechnet, die zweite 
altere der üblichen evangeh'enrecitation sich an schliefsend, dem 
folgenden text liegt die fassung von A zu gründe.. 

a. (135') Cum traosisset sabbatum, Maria Magdalena et Maria 
Jacobi et Salome emerant aromata, ut venientes ungerent 
Jbesum-. Alleluja. Et valde inane una sabbatorum ve- 
niiint ad nionumentum orto iam sole. Ut venientes^. 
Gloria patri. Cum transisset sabbatum. Ave. Der chor 
singet': (135'') Maria Magdalena et alia Maria ferebant 
diluculo aromata "', dominum quaerentes in monumento f. 
Die vrowen: Quis revolvet nobis ab ostio lapidem ", 
quem tegere sanetum cernimus sepulchrum "^ ? D e r e n g e 1 : 

' JJ ilken, Geschichte der geisttichen spiele s. 66. - Marc, xvi, 

1. 2. darnach in B et reliqua, die Jiächsten verse feilten. 1) hat als ein- 
leitun^ zu dem riluale die responsorien surrexit pastor bonus. der mangel 
derselben beioeist mit das höhere aller unserer fassungen. ^ diese 

rerkiirzleji , durch gehele unterbrochenen widerholungen , welche auch 
in C fehlen, scheinen dem, priester zugewiesen. ^ die deutschen Über- 

schriften rot. in C wird der vers recitiert so man zv dem grab get. 

^ Luc. XXIV, 1, hier etwas geändert. ^ niclit evangelisch, wol 

aber aus Matth. xxviii, 1 videre sepulchrum entslaJiden. ' Marc, xvi, 

3. den vers sprechen in C die drei fravven. * zusatz, aus Marc, xv, 

46/" ei'wachsen. 



EINIGE BREVIARIEN VOIN SAINCT L AMBRECHT 133 

Quem qiiaeritis i, o tremulae miilieivs in hoc tinnulo ge- 
merites"-? Die vrowen: Jhcsnm Nazaienum cruci- 
fixum ■* quaerimus. Der engel: Non est hie, quem 
quaeritis ', seil cito euntes ■' niiniiale discipuHs eins et 
Petro '', (juia surrcxit Jhesus ". Die v r o w e u c e tl e m 
chore: Ad monumeDtum venimus gementes, angelum do- 
mini sedenteiii vidimus et dicentem, qiiia siirrexit Jhesus ^. 
So loufeul zvvene": (136') Currebant duo simul et 
ille alius discipukis praccucurrit citius Petro et venit prior 
ad nionumeiitum '". Allohija. Peter uiide Johannes: 
Cernitis, o socii, ecce Hnteamina etsudariumi^ et corpus 
nou est in sepulchro inventum t-. Der chor: Surrexit 
enim, sicut dixit «tbminus, praecedet vos in Galyleam. 
AUeluja. ibi euni videbitis i^. Allehija. Te deum lau- 
damus i*. Noli flere Maria. Alleluja. Resurrexit do- 
minus. Alleluja. Laudes. 
b. AugeUis autem domini descendit de celo et accedens re- 
volvit lapidem et sedebat super eum. Allehija. Jubilate. 
et ecce terre motus factus est magnus. angelus autem 
domini (136'') descendit de celo. Allehija. erat autem 
aspectus eius sicut fulgur, vestimenta eius Candida sicut 
nix. Benedicite. prae timore autem eius exterriti sunt 
custodes et facti sunt velut mortui. Alleluja. Laudate. 
Respondens autem angelus dixit mulieribus : nolite timere. 
scio enim, quod Jhesum quaeritis i^. Alleluja. Beuedi- 
cile. et valde mane una sabbatorum veniunt ad monu- 
mentum orto iam sole i*'. Alleluja. Dens qui hodierna 
die per unigenitum tuum aeternitatis nobis aditum devicta 

* darauf in B an Jliesum quaeritis? ^ die frage berulil auf 

Luc. XXIV, 6. ^ fehlt in D. aus der rede des engeis in Marc. x\i,ß. 

^ der Zusatz ist nicht evangelisch. '•' Matth. xxviii, 7. ^ Marc. 
XVI, 7. ^ Matth. XXVIII, 7. in B folgt darauf der Marc, und Mallh. 

geineinschaftliche salz ecce , praecedet vos usw. er wird daselbst am 
schluss widerholt. * anfiphone. die pdrticipialconstruclionen sind 

vielleicht an Marc, gelehnt. ^ dafür in C Petrus und Johannes. 

*" Johannes xx, 4. *' entnommen aus Joh. xx, 7. '^ entnommen 

aus Luc. XXIV, 3 et ingressae non invenerunt corpus domini Jliesu. 
* ' Marc. XVI, 7, Matth. xxviii, 7. ''' «>i C singt dies der propst. in 1) 

vor dem Tedeum noch eine antiphonc. '•' aus Matthaeus. '^ aus 

Marcus. 



134 EIINIGE BKEVIAIUEN VOIN SAINCT LAMHRECIIT 

morlK rcseiasti, vota nosüa, (juac praeveniciitlo aspiras, 
♦!liam adiuvaiidu perscqucrc;. Ht;ii»;(licaiiius doniiuo. Alle- 
liija. Deo gralias. Allcliija. 

Der codex 40/81 4", twn desseti übrigem inkalte noch die 
rede sein wird, enthält auf hl. IS?"" folyendes verkürztes ritnale, 
hei welchem nur die deutschen angaben von interesse sind. 

187'' Du soll in aiie singen. Cum transissef sabbatum. 
do di dri veranen gingen ' ze vroneni grabe saiiwen : 
Maria Magdalena et.alia Maria ferebant dilucnlo aromata, 
dominum quaerentes in monumento. IJnder wegen . . . 
. . . war si nemen , wer in ^abe dem grabe soll walgen 
den 5.t,ain. . Quis revolvet. jiobis ab ostio lapiderji, quem 
tegere sanctum cernimus sepulcbrum. Zu in sprnh der 
engel, wen si in dem grabe sucben wellen : Quem quae- 
ritis, o tremulae miilieres, in hoc lumulo gemeates? Si 
sprahen: den cruciten hailant. Jbesum Nazarenum cru- 
citixum quaerimus. Der engel sprah: er ist erstan, daz 
sait sinen jüngeren - unde Peter. Non est hie quem 
quaeritis, sed cito euntes nunciate discipulis eins et Petro, 
quia surrexit Jhesus. Si saiten den poten : Erstanden 
was der hailant. Ad monumentum venimus gementes, 
angelum doniini sedentem vidimus et dicentem, quia sur- 
rexit Jhesus. Hie leuffen die ze grabe uil here. Peter, 
Jnhans zaigoten den anderen den uberdon. Solt du 
lute singen: Currebant etc. Hie helft man den Ruf: 
Criste der ist irstanden, Surrexit. Alleluja. Laus met- 
tinen. 

• Auf dem vorsetzblatte des oben als B bezeichneten codex 
40/9iS 4" befinden sich noch verstümmelte reste eines kirchlichen 
weihnachtsresponsormm. sie lauten: ,,,. -,, 

Ce winaten: magnum nomen domini Emauuel. nunc di- 
mittis servum ....... ce winaten: hodie cantandus 

est nobis puer, quem gignebat der 

probest und di choraer: Quis est iste^uer, quem tarn; 

^ gigen. - iugeren. 



EINIGE BREVlAltlEN VON SANCT LAMBRECHT 135 

tnagnis praecoiiiis dignum vocileralis? dicite nobis, ut 
conlaudantes euin praedicaiiiiis. •" 

Der probest und die chonere : llic est, quem praesagiis 
eleclus tymniisla dei ad lerraiu venturuui provides, prae- 
notalioiie praedixisti. puer naliis. •' 

Di choreere : 

Von der Verbreitung geistlicher Schauspiele nach dem süden 
hin geben ein hier besonders willkommenes zerignis drei stellen, 
auf welche mein verehrter College vLuschin mich aufmerksam %^i 
machen die gute hatte. 

Die Chronik des Julian in Rubeis, Thesaurus Cividal. bringt 
zum jähre 1298, 23 mai die notiz ans Cividale: in die pente- 
costes et in aliis sequentibus duobus diebus facta fuit reprae- 
sentatio ludi Christi, videlicet passionis, resurrectionis, ascensionis, 
adventus spiritus saneti et adventus Christi ad iudicium in curia 
domini patriarchae Austriae civitatis honorifice et laudabihter per 
clerum Cividalenseni. 

Joseph Bianchi verzeichnet in seiner Sammlung der Docu- 
menta historiae Forojuliensis (Archiv für knnde österreichischer 
geschichtsquellen xxi s. 174 nr 92) zum 17 mai 1304 folgendes: 
In civitate Austriae facta fuit per clerum sive per capitulum 
Cividalense repraesentalio sive factae fuerunt repraesentatioues in- 
fra scriptae: in primis de creatione primorum parejitum ; deiude de 
annuntiatione beatae virginis; de partu et aliis multis et de pas- 
sione et resurrectione , ascensione et adventu spiritus saneti et 
de antichristo et aliis et denium de adventu Christi ad iudicium. 
Et praedicta facta fuerunt solempuiter in curia d. patriarchae in 
festo Pentecostes cum aliis duobus diebus sequentibus, praesente 
reverendo d. Ottobono, patriarcha Aquilejensi, d. Jacobe, d. Oto- 
nelH, episcopo Concordiensi et aliis multis nobilibus de civitate 
et de castris Forojulii die decimo quinto exeunte Majo. 

Endlich ebendaseihst s. 384 nr 174 zum jähre 1250 noch 
eine notiz, die in mehreren beziekmigen von interesse ist: ex in- 
yentario rerura, quas olim emi aut fieri curavit Jacobus abbat» 
monasterii Mosacensis excerpnnus nonnuUa, quae ad usus aut 
artes . illorum temporum referri posse videntur et hie duxinuis 
transcribenda : 'Quatuor tabulae cum imaginibus existentes ante 
altare. Altariolum unum, viaticum circumdatuni argento, a s i n u s 



136 EINIGE RUEVIAKIEN VÜN SANCT LAMBRECIIT 

lig Ileus, siipiM' (|iio soil(!l iiiia^d .llitisu Christi. ()rol();^iiiui, 
iiiiiiin missiile, unum niatlujliiialc, nmim antiphoiiaiiiim, unum 
psaltcriiim, unimi ('i>istolariiiin, vitae patnini, vila sancti Galli, 
sorniones et vita Bernardi, über scrinonum, lil»er Theotouicus, 
dictus Waliser gast.' 



H 

Die hremarien 40/26 4^ 40/100 4", 42/93 4» und 40/81 4" 
stehen sich durch die fassnnrj ihrer iiherschriften so nahe, dnss sie 
unter einer numiner abyehnndelt werden könnten, käme es nicht 
insbesondere darauf an, die sprachlichen differenzen gesondert zu 
besprechen, zwischen 40/26 (A) und 10/ 100 (B) sind dieselben 
allerdings gering genug, um gleichzeitige behandlnng zu gestatten, 
was ich im folgenden beibringe, bezieht sich also stets auf A, tco- 
fern nicht B für sich angeführt wird. 

40/26 hat 157, 40/100 257 blälter. 

Vocalismus. der umlaut des a ist in einigen fällen nicht 
entschieden; neben tcpgelichen ist noch taglichen häufig, tieben 
zyehere auch öfters zähere. 2» e geschwächt ist a in derzu 46', 
dernah 100'', es verschwindet drnach 76\ 86% drmite 84*. 

e findet sich zweimal dem i vorgezogen: scefe 99". 115''. e 
wird häufig durch se bezeichnet, ebenso e. a für e in lazent die laza- 
rin B 104'', § 6. in der flexion findet sich a für e, § 8: martran 1 
100' gegen martren 146''. sehr häufig tritt i für e ein: gedan- 
chin B 111", angist B 113% ambiten 2 43'' gegen ambeten 45''. 
82% ampten 85% 86", ambet 89^ ordin 44% 145" gegen ordo 
82% 84% orden 84'; ordinet 115% geordinet 67''. 73% gordinot 
114"; gegurtitin 84'; luzil 95'. ferner bei iz, is, ni, in-, ir-, 
stets i im comparativ und Superlativ der adjectiva ^. e ans r ent- 
wickelt: vore 67'', werechtage 41% 45% 46", § 162. überdies, 
welche bei inclinationen und syncopen verschwinden, wird beson- 
ders gehandelt. ''^ 'Ai^W^mA 

i. stets misse, i loird durch ie gegeben vor r: ier 99% vor 
h: nieht 89% 115" und nieth 111% 117% sieh 95'; wiezest 84% 
sieben 111". 114". 115* dreimal, § 90. i durch e verdrängt: 
se 76% 84% dese 10% § 365. durch u: numest 53", § 30. 258. 

1 Diemer zu 152, 28. 2 ßf^ner zu 1 10, 24. ' Diemer zu 322, 19 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 137 

durch uo ansgedrückt : l'ritliftve 114% daneben fritliove. 
vgl. uo fvr (u § 113. 

u. der nmlaut nur einmal ausgedrückt und zwar durch in : 
(liurre 35''. u durch uo bezeichnet: chuonge 98'', § 114. vvr- 
häufig für wur-: wrchen 36'. 46''. — uiem quinque 242% 
uiemstunte quinquies 242% uinf 89''. 

a ohne umlaut, denn in iacrcit 100'' ist das e aus r ent- 
wickelt, sonst: uumazig 35'', scolare 36% 44'', lesarinne 44' und 
immer, wochnarin 84% 89% 111'', riuwesare 99% bihtarn 100% 
pihtigaron 146% cursare 103% 115% huotare 145'', rihtare B 195'. 
auch (G einmal: nirtJiilages 67' hat wol kaum umlaut auszu- 
drücken. 

^ als zeichen in gest 20'', göt 99'. 

i durch ie: uiertage 41''. 43% 84'. 89' usw., mit einschub 
von g: vigertag 171% diphthongierung zu ei kommt nicht vor. 

6 ohne umlaut. 

ü du7xh uo zuone 114'. 

ai und ei halten sich der zahl nach das gleichgewicht. in 
den formen des unbestimmten artikels herscht ai allein, einmal 
a für ai: gmanlichen 46', § 7. 39. 

ei aus age in treit 81'; niaiden 100% 146% aber immer 
magistrinne. e für ei: heligen i 61'. 89'', § 13. 

ie: niente 99% § 79; hei für hie 61', dei für die zweimal 95% 
§79; i für ie: ginc 95% brister B 115^ gebriuet 103% aber 
geprieue 9''. 

iu wird zu \\ in nulichen 45' gegen niulichen ebendaselbst, 
besluzet 46% lutet 76^ uch 89% ur 89% § 60, zu fi luttet 84"? 
wahrscheinlich ist u kurz zu nehmen in grozu 84', peidu 95*. 

ou wird durch o bezeichnet, einmal owxxch 115'; vrowen 87'', 
sonst immer vrowen. dasselbe zeichen- gilt auch fünfmal für 
uo. einigemale icird uo durch u (ü) bezeichnet: zu 43''. 46'. 
89% suh 67". 73'. dmch ue: frue 85'. 

Consonantismus. t stets im auslaut, so immer unt, want ; 
nur ald ist ausgenommen, aber auch im anlaut für d häufig: 
tiu ß 125', tie 38', taz 36", tem 123% ten 115'. B 195', tu sieben- 
mal, in B noch einmal 20'', tirre 64", tristunte 44'. in B 115" 

1 Diemer zu 337, 4. ^ Scherer, QF 7 *. 90. auch Weinhold 
§ 103 hält diese bezeichnung nur für eine graphische eigenheil. 



138 EIMGK BHEVIAKIEIN VON SANCT LAMimECHT 

tiiic «ö., § 140. auch im iniaut nach hquidm: unlei' 76''. 115', 
»-•nie 114% unte 36*. die media im anlant: dages llö*" und in 
allen formm des verbnms dwalu-u, § 145. der laut fällt ab: un 
35% aben 82% § 149. Ih i außer in uieth auch in cilh 45% 
thruclieiie 84% § 144. c und i vor e und i abwechselnd, aber 
so, dass c das übergewicht behält, besonders staik tritt c in B 
auch für tz auf, löekhes in A einiyemale durch z widergeyehen 
wird: luzil 45% dize 52% § 151. z regelmäßig für zz, einigemal^ 
für s. für seh findet sich nur sc bis auf folgende drei fälle: 
uiennischen 51% schelleu 84' und liiwisclie 98'', § 157. sc ein- 
mal für z: driscich, § 152. 

k ist im an-, in- und auslant durch ch ersetzt, einzige aus- 
nähme: kircheü 36''. im ausJaut nur giric 95^ und siuc 64'' 
gegen sincb 100''. ein wenig beschränkt ist ch durch altes h: 
aah immer, noh 11% suh 67''. 73% wih prunnen 89' (dort aber 
auch wich prunnen), sieh 95\ falsch werhtac 89" und werbtages 
56% 59". 

•■■: h fällt aus in: inphaest- 53''; wird unecht vorgesetzt^ in: 
hostr B 85% 

p in der regel im anlant, b im inlaut. aber auch ans- 
nahmen: briester 52% 113* zweimal, brister 5 114% bechen 84'. 
dagegen apprecheu 100". die aspirata wird durch ph bezeichnet. 
f für i\ in Scalen 87% begrifen 100% 114% phafen 114'. u für 
b in allen formen des verbums heuen, n für w in süeme 40'. 
f im auslaut. 

salm wird schwach und stark gebraucht, demo tmr in B 
125''. 131". 132',. vielleicht ein beweis dafür ~dass B älter ist als 
A, § 363. -^ der imperativ sing, starker verba U)ird gewöhnlich 
mit -e gebildet zb. spriche SO"*, dagegen verliert der imperativ 
schwacher verba meist sein e, wie das schon mehrfach erwähnte 
suh 67% 73' zeigt, segen 111% 257'' «suj.-üfterdtese corr«- 
spondierenden er.sc//e/wMH9m §':S87:."310. dinenl als part. prät. 

B 103% § 168. 305. , ' ^ ■ " 

: V''^" Besonders ziehen iri diesen beiden brevianen die über aus star- 
ken' syncopen und inctinationen , bei welchen letzteren die incli- 
nierten toörtchen mitunter bis auf den anlant verschwinden, die 
aufmerksamkeit auf sich, ich gebe ein vollständiges Verzeichnis. 

■ ''> » />iewter s«3e3,'6.: \'> ^ Dieitter iji 260, 16.-335,2. ^^ Seherer, 

QF 1 ».m. ^.^■^■,^.• ■, •■ • ■.,•.-■ •■. "-.A ■..• ^ 



EIMGE BREVIARiEN VON SANCT LAMBRECHT 139 

. Syncope eines c veranlasst durch foh/endes r: unsr viermal 
gegen einmal uuser 98'', alr B 115'', andr 82\ 84\ 98^ 113% 
dandr ß 125% andrn 10% iibr 84% odr 76\ 113'. 113''. 115" 
gegen oder 113'. 113'', aldr IQmal. niendr 82% suuestr hmal, 
suuestre 84% sumr 84% hostr B 85% ostrn 84'. 86' zweimal, 
zostreü 86% dourstage 84'. 119'', wazr 84' zweimal, destr 89% 
chlostrn 99% 113% martraii 100', martren 146% obristen 115', 
saltr 115". 123''. durch folgendes 1: capill 46' nö., chunlingc 
113'', euglen 145''; vorhergehendes 1: heilgeri 8'' nnd oft, aber 
überwogen von heiligen, durch folgendes a: andni, ostrn, truchuts 
84', samztagn 87', letnie 95', chuonge 98% samnunge 98''. 99', 
bihtarn 100% salmn 100'', drizigistn 113'' zweimal gegen dri- 
zigisten 113' zweimal, gordnt 115'; morgens 36', aber rcge- 
nes 35% 

g- für ge-: gloube immer, gmanlichen 46', gbel 45', gwin- 
nen 114'; gezent = geezent 82", gordinet 114'', gordnt 115% 
gizet B 125% 132', gsent = geendet 44% 

Inclination : 1. zder 9% 103'' dreimal, 112'' zweimal, zdeni 
44% 83'. 84'. B 99% ■ zröm 8:4'. 84%^ cem -Ä 125'?; zmerist 8% 
zemersten 89', zden 85''. %^^. IW viermal, zen 45'',' zainmal ] 15', 
zainer 100'', zalien 35% zir'6S% zostron 06'; dandf B 125'; dhenl 
84% mitter 84% millem 89'. 89% ame 99'. 114'; dierslagen = 
die erslagen 114'.— 2. dun = du in 53% tuon = du in 115' 
(dune 95% ezne 95'), dien = die in 35% 99'. 115% sprichn 
= sprich in 115', tailn 115'; chussets 84% maus 84'; alsoz 
73', mahtuz 95% wiez 115'; soz = so daz 44''; sos = so des 
35% — 3. (§ 353) some = so man 46'. 83% 84' zioeimal, 
112^ zweimal, solme 84% begetme 82', segentme 84% sprichtme 
84'', sprichetme B 100'. som ^^ so man 84' zweimal, 84% B 
125', dam 84', diem 83'', dazm 76'', suuanem 132', solm 84' 
zweimal, ß 132', lisetm 84', trinchtm 84% sprichetm 46' ; solmz 
= sol man ez 84'. 

Allgem,eim erörtev.ungen folgen am Schlüsse, ich lege jetzt 

eine anzahl etwas umfangreicher Stückchen aus den beiden hand^ 
schriftm ^ vor. 

,\^\ "t. >:'• 

■u-.n'i^ ■\B- hat am vorselzblalt ooii einer liand des \m jahrhunderls : so 
du üf Stest, ^'0 gedench von mir niht waii guots. so du slafen wild gen, 
geuss gewilitez wazzer uf dein ofen. deh aberglauben, der in dieser stelle 



140 EiNKii!: BHEVlAm^:^ von sanct lambukciit 

9'' ÜH sc ' spiicli sext(! nah doni gcpricve dnz voi- dir slct. 
sprich daz capitiiliim /aU's tcrric davor. 

3()" Dar nach so (hi (hch iiider legest, so sprich siniaz dir 
g«;vall(' unt gedeiichc diner scolaro. so du des morgens ul' stesl 
iinte ze chirchen gi;st, so sprich. 

36'' Durch laz ist nnserre frowcn prinie iior der fronen 
gescrihen, wanl. daz geordenel - ist, suuer nah niettiii iht vvrchen 
sol, daz er sie spreche, dar nach daz eapitil •' und da mite sin 
svvigen ce lose. B allein hat noch: frone prime sol auer niemen 
sprechen uuz diu sunne ufget. unt oh er frue welle sin, so 
er danne den tagenstern chiese. ^ 

42* Hie heue an über jar '' die preces ze prime nie wan •» 
in der iiasten. 

45' Umbe ain man der nulichen verscaiden ' ist unt des 
driscich man heget. 

46' Some scirt ^ odr suuaz uuerches man gemanlichen wrchet, 
so sprichetm. 

Suueme aine gehorsam hevilhet ^. 

50" Umb alle not. B allein: 103' umb die da lazen wel- 
lent an der ader. 103** umb die die ir wochen habent vol dinent. 
104' umb die die in der chumftigen wochen sculn dinen. 104'' 
da nach so imbizent diu chint unt lazent die lazarin unt wur- 
chent die swester unz an die tercie. so ez si tercie cit, so 
sprich dine preces. 111' ze der misse segen din herce von 
ubelen gedanchin unte bete vil innecHchen. 

50'' Diu misse ist von unserem herren gote, von siner ge- 
burte, von siner martere, von siner urstente. umb alle die die 
du verbeten soll, lebentige unt tote ^^. 

52' So der brister sprichet : orate pro me, pitet umbe mich, 
so sprich den salmen. in B 115'' allein: autwurt dem brister. 
hie bete umb alr slahte tinc, daz dir ane ligent sie. des dages 
so du nemen soll den gotslichnam, so lis daz gebet. 

steckt, weiß ich nicht aufznkUii'en oder zu belegen, an eiyien Zusammen- 
hang mit dem armen-seelen-glauben ist gewis nicht zu denken. — 82* 
hat B folgeiide interlineare glos.ien: fanmlos amniane, pacem fride, in- 
firinis siechen, iter reise, pluvia regen, aeris heiter. ' die inferjectinn. 

§ 262. - geordinet B. ' capitl B. * vgl. cod. 42/93 4" fol. 

82'. ^ jare B. " diese form stets in A, wofür B immer niwar 

liest. ^ B für dieses wort öfters uurwort. * fehlt in B. ^ phil- 

het A. *° der satz fehlt in B. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMRRECÜT 141 

Auch folgende nbenu^hriften finden sich in B allein. 124'' 
so man ce niiiese get uiit si sich gedwahtMit, so nioront si di 
scellen unt sprechent die swcster. 125' so dandr riht wirt ge- 
secet. cer dritten rihte. som vol izet, so list tiu lesarinne. 
eiche die scelle. 125'' ziich lang. 

Dice vers sprichet nienien ni war der zvvir izet. so der 
ander ordo gizet, so scnln si slal'en gen. swer da zem belle 
wachen wil, demo gan man sin wol, daz er ot stille si. so man 
none Hute, so sprich da ze chirchen. 

64'' Swenne du von dem suntage wellest singen, so sine 
sus nah dem salmen mit tirre antiphen. 

70"* des pherntages. 

76'' unserre froweif vesper mahlu sprechen unter diu dazm 
Vesper lutet, oh du wil. swanne dir daz cit ce churz ist, so 
sprich die suffragie die da stent nach der selben vesper, want 
also sprechen wir se in dem chore an die da daz cruce bi stat. 
swan dir daz cit werde, so sprich die langen suffragia. 

S2^ Dar nah sprich die selvesper, ob du si 6 niht gesprochen 
habest, unt alle suntag aben. 

An dem samztage, so iz nien (82') irrent die obrsten hob- 
elt noh langez ambet, so begetm die mandatae vil flizlichen nah 
vesper, so der andr ordo uf gestet aldr diu chint gezeut. i 

83' Dise antifen die soltu zdem antlaze sprechen unt da 
nah die vordren diem über jar sprichet des sameztages. 

84' Unter diu e man: 'Tu autem domine' spreche, so solm 
die schellen ruoren und sprechen die swestre: 'Benedicite'. diu 
wochnarin: 'Potum caritatis benedicat dextera dei patris. Amen."- 
sol tu merchen den orden ze mandate, daz tu wiezest, wie du 
drmite gebaren sulest. in dem sumr, some zwir izet, so solme ^ 
biten unz der ander ordo uf gestet <, som aver vastet, so solm 
biten unz diu chint geezent. Man sols ouch begen über jar, ez 
ensie daz ez irre grozziu ■' hochcit, aldr viertach 6, aldr notlich 
werch. disiu driu dinc sint uz gescaiden. Man heget si ouch 
über jar des sameztages nie wan fni war B) zem antlaz. Vor 
ostrn, so ist si an dem doijrstage. Sus solmz begen: ein 
iunchfrowe treit daz wazr in zwen ' beeben, der volget ein andr 

* der absatz fehlt in B. - der lateinische salz fehlt B. ^ solm 
B. '* uf geste B. ^ grozzu A. « vigertach B. '' zwein B. 



142 EINIGE BREVI ARIEN VON SANCT LAMHRECIIT 

svvestr nrp<rnrlilin mit oinor d.tliolpn ^ nnt rlmiont wir icfilicli 
Rwestr. Hill (Wo dwonlen trcit, diu dvvr'lil die viiozh mit Iriichntse 
niitt.<'r d\v;ddii nnt chiissols. da ii.ili iiij:(Mi hodo nnt lirin^u'nl 
ain andr wazr, dam dlient mite dwahnl, aiii dwtdd, da maus an 
tliruchi'iu'. som daz begpl, unter diu so Icsüul die swfslr die 
antiphen : 'Maiidatum uovum'. Zdem antlaz lisetm -^ vor die au- 
tifen : 'Cena facta'. So die anliplien nz cliomen , so liset diu 
lesarinne die lectionem: 'Noiite mirari'. V. diu lecti vol uz chome 
so segentem daz trinchen. 'Potnni charitatis'. Da nah so man 
trinchet nnt geliset, so sprichtm das versuin : 'Tu mandasti, tu 
lavisli' nnt collectan. — da nah cnmplete. uhr jar som lultet 
cumplet, so trinchtm. 

89^ So get ain svvesler mittem wih prunuen unt sprenget 
(die swester allesamt B). 

da nah chlophet diu magislrinne unt gent die sweslr ze 
dormir. 

SG"" So ir iwich denne slafen legent, so snll ir hesigelen 
ur vinf sinne mit dem heiigen cruce. e ir nch nider leget, so 
sol ain swestr umb gen nnt daz slafhus mittem wich pruiinen 
vil flizlirhen besprengen, so ir nider chomet unt nicht ge- 
slafen nmget, so denchet Nvidere waz ir zu ubele gefrnmet habet, 
des andren lobet got. Swaz ir ouch gutes habet gefrnmet ^ daz 
sult ir an denchen. Wert ir so vunten, so meget ir destr balder 
gedingen. Amen. 

95' Dise siben sahnen unt die letnie sol tu sprechen alle 
morgen vor prime. Die gbet, dei dar nah stant, dei laz unt 
sprich wanne du wellest, nimer ginc zuo dem gotslicbnam, dune 
habest e peidu gesprochen, ez ensie daz du sieh sist, so mahtnz 
lazen. Swanne dir unsuber troume, so du aller erist irwachest, 
so sprich dise siben salmen ane letania. 

98'' Umb den pabes unt Romiske gerihte *. Umb den piscolf 
nnt ga istlichen man. Umb den chuonge unt andr vursten funt 
wertliche rihtareßj. Umb unser stal unt samuunge. Umb unser 
hiwiske. 

99' Umb die ebenhellunge in der samnunge. Umb die ame 
scefe sint. Umb zäher daz si uns got gebe. Umb unser bruoder 
in andrn chlostrn unt friunt. 

' (lw.Miln B. * listim B. ^ vernonin B. ^ Umb den pabes 

unt den stuol ze Rome B. 



EINIGE RREVIARIEIN VON SANCT LAMBRECHT 143 

100' SwaniiP du des citos nien liasf, so mahtii apprerhon 
die hailigeii ' peidu zden boten iint zden martran iint zden bili- 
tarn nnt zden maiden. Swaiine du die collectas nieih alle ge- 
sprechen nialit, sprich dise aiue, da ez allez innen begrifen ist. 
diu stet da vor in der misse. 

103'' Die collecla sol tu suochen vur baz nah der ininnorn 
unt nah ter taeglichen vigilie, die du sprechen wellest zder meren 
vigilie, zder zite, unt si gebrivet ist da vor in dem cursare ze 
mislichen steten. 

112'' zder bivilde some ainen man leget; zder bivilde some 
ain wip leget. In dem dri/igistn odr in dem sibenten aines 
mannes. Umbe manige in dem drizigisten oder in dem sibenten. 
Unib ain wip in dem drizigistn oder in dem sibenten. 

113'' Umb alle der almuosen wir niezen, llmb vater unt 
mnoter. Umb neven oder cbunlinge. Umb die pi dem zuone 
aldr ame frithuove ligent. Undi die des phafen gereut unt in 
nieth gwinnen megen. Umb dierslagen sint oder begrifen mit 
gahem ente. 

115' Hie ist uz der cursar. Nu sol tu merchen daz tu ze den 
obristen hohciten lazen solt preces unt die salmen nah den fage- 
citen unt tno ouuch vil ebene wäre wiez da vor allez gordnt ist. 
Swaz du aver borst singen aldr miden den chor bi dir, da singe 
aldr mide also diu muoze si unt diu mähte nnt du cit habest. 
Den minnorn salter, wiltu den alle tage sprechen, so sprichen aint- 
weder samt oder taibn unter die tagecite. Wellest tuon aver 
zain male in der wochen sprechen, so tailen in sieben gebet, 
want der tagecite sieben sint unt ouch der wochen sieben 
tage sint. 

115" Der minnor saltr ist den gemachet, di in verten sint 
oder in den scefen oder bevangen sint mit siechtuome odr mit 
unmuoze, daue si den meroren nicht gesprechen megen. den 
ordinet saut Uolrich an dem siuitage. 

145'' Von dem engelen der din huotare ist, sprich alle tage 
daz gebet. 

In B alkin 246": Hie luchin alle dine wort unt dine bete. 2 



* dh. du kannst aus der collecte einige heilige fortlassen, damit 
du weniger zeit benötigst. - dieselbe hand, von welcher die aufzeich- 

nungen am randc von 42/93 herrühren, hat auf dem letzten blatte 257' 



144 EINIGE BUEVIARIEiN VON SANCT LAMimECfIT 

hn ganzen nnil großen finden diesolhen uberschn'flen sich in 
den Codices 40/U(), 40/97, 40/99 in tjuart, auch 42;93 4", von 
welcher handschrifl in iii (jehandelt wird, enthält ndiiz- nhiitiches. 
keiner dieser Codices jedoch kann mit heMinnnlheU als die quelle 
der iibrigen bezeichnet werden, denn zeigt B auch die ältesten wort- 
formen, so mangelt ihm manches unentbehrliche. A enthält die 
grüste zahl deutscher worte und ist daher hei der gegebenen aus- 
wahl besonders berücksichtigt worden. 



III 

Der codex 42/93 4^, 327 blätter stark, enthält deutsche Über- 
schriften von der schon bezeichneten gattuny, ferne eine im xii 
Jahrhundert aber von einem andern Schreiber angefertigte inter- 
linearversion des 88 psalms, endlich verstreute aufzeichnungen am 
rande, gleichfalls aus dem xii Jahrhundert, die sprachlicheu eigen- 
heilen der Überschriften zähle ich sogleich im folgenden auf 

Vocalismus. a. mitunter schwankt der umlaut, doch immer tage- 
liche. im suffix noch a : maisterinna 96\ abwechselnd lesarinoa, 
lesarioue, lesarin, § 349. — mitlachen 129\ § 20. — in die flexion 
drängt sich i für e: aiigist lOS*". falsch gesillen 78% § 18. — 
i durch ie gegeben vor r: wier 195% ier 7S\ 96'' gegen ir 96", 
chierchen 115% chierchliove 195''; vor h: nieht 195"; siebent 
195"; zu e geschwächt dese 138% oresteu 327". Übergang in g: 
ergtage 128^ — u nur einmal mit hezeichnung des umlautes: 
vürsten 174*. 

ä im allgemeinen ohne umlaut, aber doch naehesten 327", 
marteraerinne 327"; — inaentage 126^ e gelegentlich durch den 
circumflex bezeichnet. — i: 31 i, 8 ei für i. — ö ohne umlaut. 
15 ei, 33 ai, icelche besonders gegen ende zunehmen, es setzt sich 
also die neue differenzierung allmählich fest, aus age- wird ai. 
einmal e: en scon 152% § 13. 

ie aus io : niezeii 195% durch i gegeben: chise 82", nimen 82". 
deu für die 96". 

iu: 6 iu, 6 eu, § 84. ou durch u immer, nur einmal ge- 



von B folgendes geschrieben : Maria, nuioter unde mait, nu gesegen mich 

mit dem segen, den er hie vor dir lie , somit die anfangs- 

worte eines (ausfahrt?) segens. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 145 

laubige 160''. stets frowcD. uo wird hänßy durch u (ü) ge- 
geben, zb. fru 82''. 

Consonantismns. in der gruppe der dentalen findet sich nichts 
sonderlich bemerkenswertes, t steht im auslaut: unt, want. seh 
wird durch sc und sh gegeben: scult 160'', scolt lOS"*. 247**, ge- 
scriben 82^ verscaiden 95\ 194*'; shulen 96^ shirt 95^ shefe 
174'*. einmal z für s: lizet 104''. z für 1,7,. — ch für \i steht 
durch. — p im anlaut, h im inlaut, aspirata durch ph. — mm 
für m: sammenunge 174''. 

geren unt nicht gewinnent 190''; lingt == ligent 195^ § 170; 
geordnent part. prät. 82'', ebenso geben 195''. 

Syncopen: capitl 82''. 94% obrsten 95% ostru 142% lemtige 
176% amben = ambehten 157\ — inclinationen : duz 108% odern 
= oder in 174'', zem 153% zen 95% zamstagen == ze samztagen 
157'. — sora = so man 153' zweimal, sprichtm = sprichet 
man 153\ 

Proben sind hier nicht nötig, da bis auf den satz 142': 
Disen ymnum soltu singen von ostrn unz an aller hailigen tult, 
welcher der handschiift eigen ist, Übereinstimmung mit u herscht, 
wenn auch manches dort vorhandene hier fehlt. 

Was über den vocalismus und consonantismns der interlinear- 
Version zu sagen ist, lässt sich kurz zusammenfassen: vocalismus. 
der Umlaut von a und ä wird durch e, aber auch durch ae aus- 
gedrückt: beende 237% geslaehte 235"; steligez 235% rgetet 236% 
spraehe 236'. dasselbe ae dient oft zur bezeichnung von e: daem 
235% gesaetzet 236% maer 236'', laefsen 237% ersetzt auch rich- 
tiges a: gewseltich 235**, gewaeltigen 236' neben geweltichaeit 235''; 
auch ei: haeligen 236' zweimal, haelicheit 237'. es wird regel- 
mäfsig iei geschrieben, e in nebensilben mit i vertauscht: vorihte 
237% welich 237% i dtirch y in hymel 235' zweimal, 235% 236', 
himelen 235'. u durch uo: volnuosse 235'', § 114. I bleibt (mir 
saein = precedent 235''). 6 bleibt , also keine diphthon gierung. 
uo für 6: duo tunc 236'. in in urliuge 237', niut 236'' und 
öfters auch in den formen des artikels, aber eu tritt stark hervor: 
geceuch 235'. 237', geceubt 237' zioeimal, gecech 236% (gedeu- 
muotet 235"), veuuer 237% seune 237'. vroude 236', vrewend 
235% gevrewet 237', vreuvvend 236'. iu zu u: chut 236% uo zu 
u: cevuret 235% cevvret 237' zweimal; swer = swuore 237''. 
Z. F. D. A. neue folge VIII. 10 



140 EINIGE BREVIARIEN VON SANGT LAMBRECHT 

Consonnntmnnif. t im nuslaut, nur geiid 237% vrevvfiid 235''. 
236\ It: anpeilet 230% antlutles 230^ zuwimul. tz ein parmal 
durch tc: setce 236** zweimal, gesetcet 237"; dann durch c, wel- 
ches auch für z vor e und i steht (cesvve 235''. 236''. 237') und 
einmal für y, gesetzt wird: itwices 237''. — seh vertreten in 
gescaffen 235% scaden 237% mensce 237% geshaffen 235% en- 
sheade 237\ — ch für k sieht durch; hl, nur chnechle 235% 
nichtes 236'; h fällt aus vor t: ebnete 237\ 237% § 193. — 
ff ftir f: chrefflet 236\ — r fällt aus: gevodert 236\ 

Diese übersieht stimmt zu dem selbstverständlichen factum 
dass die interlinearversion jünger ist als die Überschriften, wenn 
in der ersteren \ bleibt, während es in den letzteren schon diph- 
thongiert wird, so ist das nicht als gegenbeioeis aufzufassen, son- 
dern darf nur durch die höhere bildung des Verfassers de?- inter- 
linearversion erklärt werden, diese selbst lautet: 
Psalm LXXxviH bl. 235^ 

Di barmherce des herren di wil ich immer singen, von ewen 
Misericordias domini in eteruum cantabo. In generatiouem 
ce ewen so sage ich di warhaiit din in dem munde min. want 

et generationem annuntiabo veritatem tuani in ore nieo. Quoniam 
5 du hast gesprochen: immer und immer diu barmherce wirt gemachet in 
dixisti: in eternum niisericordia ediücabitur in 

den hymelen und wijt beraiitet diu warhaiil din in den himelen. Ich han 
celis; preparabitur veritas tua in eis. Dispo- 

gescaffen daz geceuch den erweiten min, ich han gesworen Dauiden dem 

lOsui testamentum electis meis, iuravi Dauid 

chnechte min, daz ich von ewen berasite daz geslaehte din. Vnd ich 

servo meo: usque in eternum preparabo seinen tiium. Et 
(imber immer vnd immer den stuol din. Verjehent 

edificabo in generationem et generationem sedem tuam. Confite- 

15 di hymel diu wunder din, herre: und di warhseit din in 

buntur celi mirabilia tua, domine: etenim veritatem tuam in 
der christenhaeil der heiligen. Wand wer wirt in den lüften geliehen dem 
ecclesia sanctorum. Quoniam quis in nubibus equabitur 

herren, wer wirt gelich wesen dem herren in den chinderen gotes? got 

20domino: simi(235''jlis erit domino in filiis dei? Dens 
der da wirt geeret an dem rate der heiligen, michel und angestlich über 
qui glorificatur in consilio sanctorum: magnus et terribilis super 
alle di umbe in sint. Herre got der tugent, wer 

omnes qui in circuitu eins sunt. Domiue deus virtutum, quis 

25 ist gelich dir? gewseltich bist du, herre, und diu warhaiit din al umbe dich '. 
similis tibi? potens es, domine, et veritas tua in circuitu tuo. 

' freier als in der ff'lndberger und Ti-ierer iibersetztmg, bei Graff 
s. 414. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANGT LAMBREGIIT 147 

Hu bist herre der gewtcltichaiit des nieis, di ruorunge des wages sin 

Tu dominaris potestati maris: motum autem fluctuum eins 
du stiurest '. Du hast gedeumuotet als aeinen wunden den heren, mit 
tu mitigas. Tu humiliasti sicut vulneratum superbum: in 30 
dem arme der tugent din du hast cevuoret di viande din. Din siiit di hymele 
brachio virtutis lue dispersisti inimicos tuos. Tui sunt celi 
und din ist diu erde, die werlt der erde und di volnuosse ir du hast ge- 
et tua est terra, orbem terre et plenitudinem eius tu fun- 
gozen, den wint aisus genant und daz mere hast du geshaffen. 35 

dasti, aquilonem et mare tu creasti. Thabor 

in dam namen din vrewend si sich, dinen arm mit 

et Hermon in nomine tuo exultabunt: tuum bracbium cum 
gewalte. Wirt gevestet diu haut din und wirt gelobet- diu zeswe din; 
potentia. Firmetur manus tua et exaltetur dextera tua: 40 
gereht und gerihte daz ist nein voranunge des stuoles din. Parmherce 
iustitia et iudicium preparatio sedis tue. Misericordia 
und diu warhseit s*in vor dem antlutte din; sceligez volch daz da 

et veritas precedent faciem tuam; beatus (236'') populus qui 
chan die gotes vroude. Herre, in dem lihte des antluttes din gent si 45 

seit iubilationem. Domine, in lumine vultus tui ambulabunt 
und in dem namen din vreuwend si sich allen disen tach und in dem rehte 
et in nomine tuo exultabunt tota die et in iusticia 

din werden! si gelobet. Wand diu ere der tugent ir daz bist du und nach 
tua exultabunlur. Quoniam gloria virtutis eorum tu es et in 50 
dem willen din wirt gelobet daz hörn unser ^. Wand des herren ist diu 
beneplacito tuo exaltabitur cornu nostrum. Quia domini est 
uffart unser und des haeligen chuniges unser. Duo redest du 

assumptio nostra et saneti Israhel ^ regis nostri. Tunc locutus es 
in dem troum den heiligen din und spreche : ich han gessecet den helfer in 55 
in visione sanctis tuis et dixisti: posui adiutorium in 
dem gewaltigen und han gehohet den erweiten von der christenhajit min. 
potente et exaltavi electum de plebe mea. 

Ich han vunden Davitn den chneht min, mit dem ole dem haeiligen min 
Inveni David servum meum, oleo sancto GO 

han ich gesalbet in. Diu haut min raetet im^ und der arm min 

unxi eum. Manus enim mea auxiliabitur ei et brachium meum 
chrefftel in. Nichtes wirt gevodert der viand an im und der sun 

confortabit eum. Nichil proficiet inimicus in eo et filius 
in der sunde niht mach gewerren im. Und snide von dem antlutte 65 
iniquitatis non apponet nocere ei. Et concidam a facie 
sin di viande sin und di da hazzent in, in di vluht chere ich di. 

ipsius inimicos (236'') eius et odientes eum in fugam convertam. 



* stiuest. - exaltare ztoeimal mit loben, einmal mit hohen über- 

selzt. 3 am rande: unser hörn ist diu chraft. ^ am rande: Israhel 

ist daz hebreyske volch. ^ im zweimal. 

10* 



148 EIMGE BHEVIAHIEN VON SANCT LAiMHRECHT 

Und diu waili.Til min und diu ' min mit im und in dem nameii min 

70 Et veritas mea et misericordia mea cum ipso et in nomine meo 
wirt gcholiet daz lioin^ sin. und setce in daz mair di lianl sin und in 
exallabilur conm eius. Et ponam in mari nianinn eins et in 
diu wazzer di zeswe sin. Er anpeilet mich: valer min pisl du, 
fliiminibus dexteram eins. Ipse invocabit me: pater ineiis es tu, 

75gol miner und enphalier des haeiles min. und ich den eiislen sun 
Deus meus et susceptor salutis niee. Et ego primogeuituni 
mache in oberislen vor di chunige^ immer gehall 

ponam illum excelsum pre legibus teile. In eternum servabo 
ich im di parmherce min und daz {,'ecech min dem gelrewen seiliem. und 

SOilli niisericordiam meam et testanientum meum fideli ' ipsi. Et 
setce von ^eslehl hince geslueiit daz sin und den tron sin als di läge des 
ponam in seculum seculi scmen eius et (hronum eius sicut dies 
hymeles. eb •' aver verliezenl di chinde sin di geselce min und in dem ge- 
celi. Si autem dereliqueriut filii eius legem meam, et in iu- 

85rihte minem niut genl; eb *li rehte min cebrechent und 

diciis meis non ambulaverint; si iusticias meas profanaverint et 
di gebot min niul behaltent, so such ich in dem pesem di missetal ir 

mandata mea non custodierint : visitabo in virga iniquitates eorum 
und in den siegen di sunde ir. Di parmherce min niut 

90 et in verberibus peccata eorum. Misericordiam autem meam non 
nim ich ab im noch enshcade im niut in warhaeit miner, noch 

dispergam ab eo (237") ueque nocebo in veritate mea. Neque 
cebreche ich niut daz geceuht min und diu uz gend von den Isefsen min 
profanabo testamentum meum et que procedunt de labiis meis 

95 diu niut mache ich gelogen. Ce seinmal han ich gesworen in der haeli- 
non faciam irrita. Semel iuravi in sancto 

chaiit min, eb Dauidn liege, daz daz geslaeht sin immer were. Und 
meo , si David mentiar : seinen eius in eternum manebit. Et 
der tron sin als diu sun vor mir und als der mane gancer 

lOOthronus eius sicut sol in conspectu meo et sicut luna perfecta 
immer und aein geceuht in dem himel gelrewer. Du ceware hast ver- 
in eternum et testis in celo fidelis. Tu vero re- 
triben und hast versmehet und hast uf gehabet den chunich din. Du hast 
pulisti et despexisti, ditulisti Christum tuum. Evertisti 

105 vercherel daz geceuch des ebnete din, du hast cebrochen uf der erde daz 
testamentum servi tui, profanasti in terra sanc- 



• am rande: daz chut parmherce. - am rapide: hörn daz ist 

chraft. ^ am rande das richtige: den chunigen der erde. ^ fidele 

die f^ulgata, dies auch in den ff^indberger und Trierer psalmen über- 
setzt Graff s. 419. ^ hier, 85, 97 eb ßir ob vgl. Lexer n, 127/". 
IVeinhold BG § 13 mit belegen, die aber erst im \i\ Jahrhundert sich 
finden. 



EINIGE BRE VI ARIEN VON SANCT LAMBRECHT 149 

haeiltuoni sin. du hast cewret alle seune sin und hast {jcsctcet di veste 
tuarium eius. Drstruxisti omnes i sepes eius, posuisli firmamen- 
sin ce ;pin vorihte. Si habent cebrochen in di da gcnt alle den wech, 
tum eins fonnidimin. Diriimerunt cum omnes transeiintes viam: 110 
er ist lein verwiziinge den umbsezei) sin. Du hast gehöht di zeswe der 
factus est opprohrium vicinis suis. Exaltasti dexleram de- 
di da druhten in, du hast gevrewet alle di viande sin. Du hast veicheiet 
primonlium eum, Ictificasti omnes iuimicos eius. Avertisti adiuto- 
<li lielfe des swertes sin und niut hast geraten im in dem uriiuge. du hastll5 
rium gladii eius et non es auxiliatus ei in hello. Destruxisti 
cewret in von der ra?inich«it und den stnol sin in der erde hast du 
eum (237'') ab emundatione et sedem eius in terram col- 
cebrochen. du hast geminnert di tage des cites sin, du hast begozen in 
lisisti. Minorasti dies temporis eius, periudisti eum 120 
mit scaden. Vor lange, herre, vercherestu an daz ende, inbrinnet als aein 
confusione. Usquequo, domine, avertis in finem, exardescet sicut 
veuuer der zorn din Gedenche welich si min dinch nu 

ignis ira tua. Memorare quae mea substantia, numquid enim 
uppich hast beschaffen alle di sun der lute. Wer ist der mensce, der lebet 125 
vane constituisti omnes filios hominum. Quis est homo, qui vivet 
und niut gesihet den tot, der erlost di seie sin von der haende der helle? 
et non videbit mortem, eruet animam suam de manu inferi? 
Wa sint di parmherce din di alten, herre, als du swuore Davitn in der 
Ubi sunt misericordie tue antique, domine, sicut iurasti David in 130 
warhaeit din? Gehnge, herre, des itwices der ebnete din, 

veritate tua? Memor esto, domine, opprobrii servorum tuorum, 
den ich han gehabet in dem puosem min, manigslahter diet. Daz 
quam continui in sinu meo, multarum gentium. Quod expro- 

den vianden din, herre, daz 135 

braverunt inimici tui, domine, quod exprobraverunt commutationeni 
des christes din. 
Christi tui. Benedictus dominus in eternum. fiat. fiat. 

Die Übersetzung folgt, wie sich leicht ersehen lässt, im allge- 
meinen dem Wortlaute, sie ist verständig gemacht und gestattet 
sich sogar einige freiheiten, so z. 23. 29. 35 usw. oft wird das 
object, loelches des lateinischen textes wegen vorangeschickt werden 
muste, durch den artikel wider aufgenommen und so der Zusammen- 
hang richtiggestellt, allerdings finden sich auch fehler. 33 f wird 
fundasti dtirch du hast gegozen übersetzt, fudisti toar also ver- 
standen, während die Windherger version richtig du has gegrunt- 
vestet, die Trierer du gruntvestinte bietet. 41 praeparatio er- 
scheint durch voranunge widergegeben, voregarwunge hat die Wind- 

^ sepes omnes, aber durch gänsefnfschen angedeutet, dass eine uin- 
stellung vorsenommen werden soll. 



150 EIINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 

berger, bereidunge die Trierer version. der letzte satz ist am 
rande nachgetragen. 

Noch finden sich am rande von 235''. 236' ein par glossen 
zu der interlinearversion. 235' zunächst die anmerhmg, welche 
sich bezieht auf die stelle s. 31 mit dem arme der lugent din: 
gotes^ arme ist sin leiii arm. davon so sprichet sancfMS Paulus : 
hrachium domini revelatum est, daz hedntet sich alsus: wem ist 
chuond warden der gotes arm. mit dem bibelcitat steht es fol- 
gendermafsen: Isaias 53, 1 lautet: Quis credidit auditui nostro? 
et brachium domini cui revelatum est? Paulus citiert Römer 
10, 16 den ersten satz, aber nicht den zweiten, beide sätze finden 
sich als citat im Johannesevangelium 12, 38. es hat also eine 
Verwechslung, leicht erklärbar, stattgefunden und Johannes hätte 
eigentlich als gewährsmann angezogen werden sollen. — zu der er- 
wähnten mangelhaften Übersetzung von fuudasti 33 findet sich die 
bemerkung: gol geuzet »in dincli wanue er iz beschseffet. — 
die Übersetzung von Thabor et Hermon 36. 38 war ausgeblieben, 
das wird am rande erklärt: Thabor vnd Hermon sind heftreiske 
namen, da von so cAen ich ir niut. — zu 39. 40 folgende kaum 

lesbare und verständliche randglosse: arm sin ceswe . . . 

herre der hseilige want als wir het . . . nt unser 

alsus war hseit . . . . r herre got mit .... walt. dauon 

so her sand Johan: in principio erat verbum, daz be- 

dutet sich: in dem anvauge was daz wort vnd was her got daz 

wort daz daz wort unser herre got ie was, do höret 

daz dauon so der seit herren daz 

sprichet derselbe evangelist: verbum caro factum est 

236' zu z. 57 — 61 : da zu Dauid . . ter er unse 

mit dem ole ligeu, so ist d in dem . . . 

. . . uns rihtet. 

Am rande des Mattes 231'' finden sich folgende verse ein- 
gezeichnet : 

1 Got dine ane wanch 

daz ist aller weisait ane väch 

2 Got ist nicht für porgen vor 
er sieht durch aller herzen tör 

* das cursiv gedruckte eraäiizt. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT L AMBRECHT 151 

3 Reichü wizz ist st'lichail 
liew ist selten ane lait 

4 Herzze liew hat manich man 
der doch von vreude get dar an 

5 Got gewe der liewen gute thac 
wand is anders nicht gn'izen mach 

6 Vreud euch der liewen zeit 
die uns der sumer geit. 

Was das alter der schrift anlangt, so scheint mir mir eins 
gewis, dass die hand in einer schule des xn Jahrhunderts noch 
schreiben gelernt hat. die vier ersten sprüche findest sich hei Frei- 
dank und zwar 1 = Freid. 1, 5. im texte Wilhelm Grimms lautet 
der bekannte spruch: 

Swer gute dienet äne wanc, 

deist aller wisheit anevanc. 
Wer gote dienet lesen CDGO, Gote dienen ABHIMNPRaghi. 
hier ist ohne zweifei der imperativ gemeint. 2 ist wörtlich gleich 
Freid. 2, 6; 3 = 85, 17, hei Wilhelm Grimm: 

rehtiu witze ist sselekeit: 

liep wirt selten ane leit. 

Außer einer fassung in C weist auch der lateinisch-deutsche 
Freidank auf die lesart: richiu witze. liep ist hat P, die hand- 
schrift des freiherrn von Lassberg. 4 entspricht Freid. 105, 5: 

herzeliep hat manic man 

der doch verniugernet dran. 
Der fassung in unserer handschrift scheint ein misverständ- 
nis zu gründe zu liegen, der spruch findet sich auch in der 
Benedictheurer handschrift fol. 110''. — es lässt sich durchaus 
nicht bestimmen, ob diese vier sprüche vor oder nach dem Zeit- 
punkte, welchen wir für die entstehung der unter dem namen 
'Freidank' gehenden spruchsammlung annehmen, eingetragen sind, 
ahnlich unsicher sind wir in hezug auf die sprüche der Benedict- 
heurer handschrift und die beiden verspare welche die SGaller 
handschrift 627 enthält i. dies und der umstand, dass schon ziem- 
lich früh Sprüche als Freidank angehörig citiert werden, welche 

^ Hattemei' i 421', Scheri'er Handschriftenverzeichnis von SGallen 
s. 204. 



152 EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 

in dessen Sammlung sich nicht nachweisen lassen ', legen die frage 
nahe, die schon auf andere encägungen hin - gestellt werden muss, 
ob nicht durch erneute Untersuchung des handschriftlichen maferials 
spuren einer spruchsammlung des xii Jahrhunderts aufgefunden 
werden könnten, denn dass wir unter Freidank einen compilator 
und hearheiter uns zu denken haben, das scheint mir schon aus 
Pauls Untersuchungen zu erschliefsen ^. 

Von dem 5 verspar findet sich eine fassung an der spitze der 
Strophe, welche die Benedictbeurer handschrift (s. 228 Schmeller) 
enthält * : 

Der al der werlt ein moisler si, 
der gebe der lieben guoten lach; 
von der ich wol getroeslet bin. 
si hat mir al min ungemach 
mit ir güete gar benomen. 
unstsete hat si mir erwert: 
ich bins an ir genäde komen. 
Walther vdVogehceide benutzt ähnliche verse als einleitung eines 
frühzeitig gedichteten wechseis, Lachm. 119, 17. W?7manns 3, 1 : 
Got gebe ir iemer guoten tac 
und läze mich si noch gesehen 
diech minne und niht erwerben mac. 
Sprächen schon diese umstände dafür, diese beiden verse seien 
als ein Stückchen ältester volkstümlicher lyrik aufzufassen, so icer- 
den darüber alle zweifei beseitigt, wenn wir finden, dass ein später 
dichter, Rudolf von Rotenburg, sie ausdrücklich als citat anführt, 
MSH I 88 : 

'Got gebe der lieben guoten tac 
der ich anders niht gegrüezen mac' 
also spriche ich iemer 
wider den morgen vruo 
und vergizze ir niemer 
gegen dem äbent guoter naht dar zuo. 
Freilich liest Bartsch, Liederdichter s. 183 mit der Heidel- 
berger handschrift den ersten vers: 

' dem berühmten namen kann wol erst in später zeit tiachträg- 
licli entstandenes aufgeheftet toorden sein. ^ Zs. für österr. gym- 

nas. 1873 «.436/". ^ vgl. Jetzt auch Steinrney er Z*. xix, 103. " der 

text nach Bartsch, Liederdichter s. 287. 



EINIGE BREVIÄRIEN VON SANCT LAMBRECHT 153 

liiuto gebe ir got vil guoten tac — 
allein er tnt dien gegen die Pariser, Wirzbnrger und vdHagens 
Nitharthandschrift , wenn ich des letzteren angaben recht verstehe, 
mir scheint die populäre lesart mit dem dativ der lieben vorzu- 
ziehen, tcenn man jedoch selbst zugäbe dass der Heidelberger 
handschrift hier gröfseres gewicht beizulegen sei als der Übereinstim- 
mung der andern, so müste doch die dann anzunehmende von drei 
Schreibern übereinstimmend veranstaltete Umänderung des ersten 
verses für die beliebtheit unserer fassung zeugen ^ 

Der gedanke, welchen das 6 verspar ausspricht, ist ein all- 
gemein verbreiteter, schon die alte namenlose lyrik trägt ihn vor. 
so hat die Benedictbeurer handschrift s. 181: 

nü suln wir alle vröude hän, 

die z!t mit sänge wol begän. 

s. 198 diu werlt vröut sich über al 
gegen der sumerzite — 

s. 206 vrowe, wesent vrö, 

troestent iuch der sumerzit; 
diu kumt iu also: 
rösen liljen si uns git. 

s. 214 Uns kumt ein liebte sumerzit, 
diu beide in grüener varwe lit; 
gras bluomen kle loup si uns git, 
die wabsent alle widerstrit. 
Dass in echten und falschen Neitharten ähnliche verse zur 
einleitung gebraucht werden, ist selbstverständlich, aber auch durch 
die kleinen dichter späterer zeit gehen diese stereotypen ausdrücke. 
MSH I 92 Heinrich von Sax: 

nü wol üf, wol üf, vröuwet iuch der lieben zit, 
diu vil mangen herzen dicke sanfte tuot. 

MSH I 95 Heinrich von Vrouwenberg: 
uns ist komen diu zit 
diu uns vröude wil bringen, 
der sumer mit siner kraft. 

*■ am rande des blaues 131" im codex 42/103 4" saec. xii aus SLam- 
brecht fijiden sich die worte: meinem liewen proder dem enpoute ich 
mein .... 



154 ElISIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 

MSH I 304 Wülehalni von Heinzenhurg : 

jo vröuwi! ich mich der heben zlt 
diu uns dö nahet zailen tagen; 
die vögele singeut en vviderstrit, 
si hänt verloren gar ir klagen. 

MSH I 344 Otte zem Turne: 

vröut iuch der vil liehen zit, 
werden wolgemuoten jungen, 
durch des liehten meien schln. 

MSH I 352 Chuonrat der schenke von Landeck: 
vröut iuch gegen der zit, 
die der sumer bringet — 

MSH n 81 Tanhuser: 

uns kumt ein wünneclichiu zlt, 
der vröut sich allez daz der ist, 
diu mangem höchgemüete git. 

MSH II 225 von Obernburg: 

sich vröut der süezen sumerzit 

erde unde luft und swaz diu beidiu bernde sint. 
sogar Konrad von Würzburg hat (Bartsch, Partonopier s. 356) 
als refrain: 

sumerzit 

vröude git 

unde wunneclichen rät. 

Ich komme nun zu dem wunderlichsten stück der handschrift. 
am rande von 243". 244"'' hat noch im xii Jahrhundert eine frau 
versucht, aus schlechtem gedächtnis ein geistliches gedieht aufzu- 
zeichnen, die hand ist, %oie man jedem buchstahen anmerkt, des 
Schreibens vollkommen ungeübt, die schreiberin weifs nicht, welche 
buchstaben den lauten entsprechen i. nimmt man dazu dass, wie 
erwähnt, ihre erinnerung an das gedieht äufserst mangelhaft war, 
so erklärt sich, wie eine Überlieferung entstehen konnte, die lool 
einzig in ihrer art ist. um von diesem curiosum ein deutliches 
bild zu geben und doch räum zu sparen, drucke ich das ganze 
hier ab und deute durch verticale striche das ende einer zeile des 

' ti'otzdem sind deutliche zeichen des dialectes ivahr zunehmen. 



EINIGE BRE VI ARIEN VON SANGT L AMBRECHT 155 

randes an. der text, riehen loelchem das gedieht sich befindet, hat 
keine beziehnng auf dasselbe. 

243** nv lob avch ich den hohen tach da dv wvrt | gomarn | 
m geparn | en muoter magt | wol getan er | lofer auz der | helle 
prat 1 prait. ich lob | ich lob auch | ovch die fuze | gote m m 
eit I ot von | deiner mftter | vnz vnz feit | daz dich got von | 
hinnen p fvrt | fort die | veil deinen leib | ge p gerürt vn | tu- 
gent me nie | noch noch funde fun fanden mseil do wort wart 

die du 1 244* i vail vail ge ga gotes | iheh lamp | 

do daz iefus v w | gotes lenip lamp | daz iefus | waf. da von 
maiche ] manich tav | fent fei genaf. ich | lob dich re is ifrah 
ifraheles flaht | gotef chraft | hat dich pedaht | dv pift avch | 
vraw I vrawe ewich | leich. gefegent | in dem himilr | rch reich, 
ich lob dich | aller engel | tron dvrch | d da den ewich len Ion 
lan. den dv gaeift gar fvnder danch | 244'' die di dier din diene 
ane wanh wanch ich lob dich mvter vnd magt. | fwelch fvnder 
an I der dier nicht ver | zagt den geift dv vir | die ful fchvlde 
graz I iefum daz chind | auz deiner fchoz | ich lob dich magt | 
von fon fion dvrch daz lob daz | Salaman vor taufent | iaren hat 
gat gefait | . . n raine 

258'' am rande von derselben hand noch ein par kümmer- 
liche versuche: m maria ich ge ( maria müter | vnd maid | liebe 
liebe | m o n m: . . 

Im folgenden gebe ich einen herstelhmgsversuch, dessen Un- 
sicherheit ich mir nicht verhehle: 

nü lobe ouch ich den höhen tach 

da dIn gehurt ane lach 

von einer maget wolgetän, 

erlöser üz der helle dan ! 

ich lobe ouch die süezen meit: 

von diner güete man uns seit 

daz dich got von hinnen vuort, 

die wile dinen lip geruort 

untugent nie noch sunden meil. 

dö wart durch uns dem töde veil 

gotes lamp daz Jesus was, 



' nur die untersten spitzen der buchslaben sind sichtbar, das übrige 
hat der buchbinder weggeschnitten, deutung scheint nicht 7nöglich, 



156 EINIGE BREVIARIEIV VON SANCT LAMBRECIIT 

(lA von manc tilscnt s^.l genas. 

ich lol) (Jicli, Israli(^les slaht, 

goles cliraft hAt dich hedaht. 

di'i hist ouch, vroinve, (Hvicifch 

gesegent in dem himelrich. 

ich loh dich, aller engel frön, 

durch den Ewigen I6n 

den dil gist gar sunder danch 

den die dir dienent änc wanch. 

icii loh dich, muoler unde maget, i 

swelch sunder an dir niht verzaget, 

dem gfst du vür die schulde gröz 

Jesum daz chint ilz diner schöz. 

ich lob dich, maget von Siön, 

durch daz lob daz Salomön 

vor tüsent jären hat geseit 

raine meit. 

das gedieht gehört zu den einfachen, kunstlosen 'producten religiöser 
empfindnng, von denen das Ave Maria aus Graz (Zs. xviii, 160) 
ein kleines heispiel ist K dieses kleine gebet hat sich auch in der 
handschrift 39/21 fol. gefunden, gleichfalls von einer hand des 
\n Jahrhunderts am rande eingetragen, auch dort heifst es im 
3 vers segent. als an fang eines solchen gedicktes scheinen mir 
die par worte zu fassen, welche am rande der hs. 42/50 fol. 
XII jh. aus SLambrecht sich finden do dv an sorge bist. 



IV 

Der codex 40/81 4», 339 blätter stark, enthält gleichfalls 
zwei gruppen deutscher bestandteile. die erste wird durch Über- 
schriften, die zweite durch die interlinearversion einiger gebete 
gebildet, beider eigenheiten sind für sich zu erörtern. 

' ?nit diesem kleinen stück sind die verse des AnegeJige zu ver 
gleichen, welche Gabriel zti Maria spricht 30, 46 ff: 
Haeilic wis du frowe Maria, 
voUiu gnaden dii bist, 
unser herre mit dir ist, 
über elliu wip soltu gesegent sin 
unt daz wuocher des bouches din. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 157 

Überschriften, vocalismus. in einigen Wörtern ist der mn- 
laut von a schwankend, aber- stets tagelichen. zu e geschwächt 
lelenie 64% ampehten 114% dernah 107^ e. besonders häufig 
tritt i m den endungen für e ein: chindilin 51°, heiligin 53% 
heligin 83% heligine 107% drizzigist 73% himiiischeu 98% liuime 
107'', phinchisten 113'' und immer, im comparatio und Super- 
lativ der adjectiva wechseln i und e. i durch u: siibeii 53''. 64\ 
218\ : a: mittachen 161''. u ohne zeichen für den umlaut: 
munster 81'', begurten 107'' usw. sehr charakteristisch sind die 
fälle, in welchen r vor oder nach sich einen vocal, meist e, ent- 
wickelt: verauen 31''. 73''. 187% verawen 71% varauen 43% § 8. 
sonst fröwen. erbarem 70\ eben solche würkung übt w: zewei 
198", zevvelef 51% zevelf 258'% zelef 326% § 17, dewah 107% 
zawa 115**, § 4. ä ohne umlaut: säligin 108% durchaus die en- 
dungen -äre, -arinne-, ärin. 6 verkürzt in seile 72'' neben sele 
daselbst, i angedeutet: jarziht 73% hohziet 73'', noch nicht zu 
ei diphthongiert, ö ohne umlaut bis auf die stelle: reloeset 325*. 
ai und ei wechseln ab. auch ai aus age. zwar magden 58^ 
58". 107% aber sunlaies = suntages 8ma/, sunteies 177'', § 65, 
suntais 177% suntain 176% 178% sainztain 181% veritais 172' 
mit vertauschung der vocale im ersten compositionsteil. talich für 
tagelich 78''. 79\ ie durch i sehr oft: di für die, dinen 74'', 
viren 55'', gebriuet 61^ 61*. 64'' und noch viele male, iu wird 
in der grofsen mehrzahl der fälle durch eu ausgedrückt: einmal 
due = diu 109^. ou stets durch au, aw. leuffeii currunt 187'', 
§ 86. uo durch ue : iezue 87% muese 93% durch ü : bruderen 
53'', ummuze 98'', ruf 187'', und verkürzmig: almussen 229% fusen 
108^ bezeichnung des umlautes durch ui : fuisse 107**. 

Consonantismus. t stets im auslaut, meist auch im an- und 
inlaut; doch nur einmal ter 146'' für d im anlaut. c für z vor 
e und i häufig, aber nicht so oft als in den vorher erwähnten 
handschriften. zweimal im auslaut: die 85% sequenc 304^ scli 
wird durch s gegeben: himelisen Sl*", pisolf ' 59% versaiden 73% 
wisten 108% mennisen 246", § 154. MSD"" s. 613. durch sc: 
mennesc 82", durch ss: wisse 107". s für z oft: fusen 108% 
noch häufiger ss für zz. z für s: zlafhuse 120% keineswegs == 
ze slafhuse. c und z auch für tz. — ch für k an allen stellen, 

* über das 1 m pisoif Diemer zu 141, 8, 



158 EINIGE BHEVIARIEN VON SANCT LAMHRECHT 

deshalb ist ginh 120', gedaiih 229' wol nur uls Schreibfehler zu 
fassen; oder sollte es ein irrtuni sein, hervorgerufen dadurch dass 
der Schreiber altes h im auslanl noch mehrere male gibt ? auch 
im inlaut ch für g: phinchisten 113''. höchst merkwürdig sind 
4 fälle, in tvelchen gg für ng geschrieben wird: eggelon 50% 
spreggen 82% siggen 172% samnugge 228''. vgl. Steinmeyer Zs. 
15, 21 unten, eine erkldrung ist schwer zu geben, unzweifel- 
haft ist dass an gelehrten einfluss bei dieser erscheinnng durchaus 
nicht gedacht werden kann, es kommt mehreremale in diesen hand- 
schriften ausfall des n in der endung -ung vor % man kann 
nicht annehmen dass nur der horizontale strich über dem u als 
abbreviationszeichen für n vergessen worden sei, denn diese hand- 
schriften wenden im lateinischen text höchst selten, im deutschen 
niemals abbreviationen an. es erübrigt nichts, als die Vermutung 
dass n vor g sich so sehr verdünnt habe dass es nicht geschrieben 
zu werden brauchte, gg mag dann zeichen sein für die ver- 
stärkte gutturale accentnation. damit stimmt dass heute Kärnthner 
gelegentlich ng in solcher iveise aussprechen, übrigens sind Ver- 
doppelungen von consonanten ~ in dieser handschrift überhaupt 
häufig: seile 72'', einnea 73% taufte 190' Imal, lauü" 191% griffet 
73% heffet 182^ hefft 187^ heff 181% leuffen 187"; assimilation: 
unimuze 98''. g zu j geworden und dann geschwunden: Georeu 3 
52'', § 177. h unecht: hoster 115''. 116'. — p im anlaut: pe- 
naiiien 58% padeu 73'' usw. nur briester 85". im inlaut am- 
peliteo 114" usf. im aiislaut op 2A2\ vergeh 70' als verkürzter 
conjunctiv. aspirata durch ph. f für b in allen formen des 
verbums hebeu. ferner zweimal für ab == aber: af 107"". 158% 
Verkürzungen in der declination: morge 61"*, mitter uasten 
146'\ zein = zwein 85'', hailigi = haiUgin 50'. solcher weg fall 
des n auch im infinitiv walge 187''. die infmitive gen gan, sten 
stan wechseln, aus dem conjunctiv sien 60'' ist zu schließen, 
dass stene (lat. stent) 12' für stöen geschrieben ist. das Prä- 
teritum sprahe löP passt in den dialect. dem entsprechen prä- 
terita schwacher conjugation mit ab fall des e, § 290. 313. die 

' man vergleiche gigen = giengen, jugeren = jüngeren im oster- 
ritual derselben handschrift, oben l s. 134 anm. 1. 2. ^ vgl. Heinzel 

zur Erinnerung v. 147. ^ es findet sich dieselbe form mehrmals im. 

breviarium 34/21 fol. des xv Jahrhunderts , einer gleichfalls in der 
Steiermark entstandenen haridschrift. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 159 

imperative finden sich mit zahlreichen misbildunyen in der schon 
früher erwähnten weise dass bei den schwachen verbis e wegfällt, 
bei den starken ein unechtes e zugefügt wird, nebeneinander 187'' 
die pardcipia: erstäii, erstanden, irstanden. syncopen: vordr 74'^', 
heiigen 53'\ 326\ lielgen 113'. 228'', magdn 58\ zahlreiche 
Verkürzungen und apocopen der stummen und tonlosen e finden 
statt, fälle wie od den 62% od daz 87'' statt der sonst vorkom- 
menden vollen formen bilden den Übergang zu undich = unde 
dich 73% solme = sol man 109'', som les 84% som Sprech 98'". 

Interlinearversion, vocalismus. für den umlaut von a findet 
sich die bezeichming se: aelliu 270'' neben alliu 275''. dieses se 
tritt aber auch für andere vocale und selbst diphthonge ein. so 
einigemale für ei: laeter = scala 39% gaest 271" neben gaeist 
276% wahrscheinlich ist hsezest 270''. 277" ebenso zu fassen, im 
Zahlwort siben 269". 270" bleibt i. nach r entwickelt sich e: 
baremherce 275". 276", diren 269'. für ü tritt, besonders in der 
nähe von r, die bezeichnung uo ein: urteile 270'', Irürige 270'', 
bürde 271% crflce 271"; mflgen 270", möge 275"% tailöftig 269" 
lieben tailuftige 39", § 6. 28. ä durchaus umgelautet, die endung 
-äre ist zu -sere oder -ere geworden, i ist in 63 fälleti geblieben, 
diese betreffen bis auf ein par ausnahmen (cit, wile, -lieh) alle 
Possessivpronomina, welche als die gebräuchlichsten Wörter am 
meisten widerstand leisten, in 42 fällen ist i zu ei, in 2 zu sei 
diphthongiert worden. 6 ist nicht wngelautet. ü durch ä: buche 
269", erluhte 275'', durch ou: souft 39" 2mal, ouz 39" zweimal, 
ouzeren 275'', louteren 275". 275''. ei wird bdmal durch sei 
ausgedrückt, bmal bleibt es. es scheint mithin die diff'erenzierung 
schon ziemlich sorgfältig durchgeführt, ie mitunter durch i ge- 
gebeti: vlihen 269", di = die. iu gelegentlich durch ie: tievel 
275^ durch ii: erluhte 271", öfters durch ü: lügend 39", nun 
(novem) 270", lüten 270'', rüwe contristationis 27P, chüsse castam 
275", enbüt 275", § 1J4. MSD' 586. durch ou: erlouht illu- 
mina 275'', § 101. vrout 269". ou 5ma? dwrc/i au, Imal durch 
aw, bleibt dmal, Intal als ow. uo durch u : armut 269", stulen 
270", ruwe, behüte, anrufe, gut alle 270'', gute 271", erchulunge 
275", versuchunge 276". 

Der consonantismus enthält nur wenig auffallendes: nach n 
meist t: sunter 279" usw. vor e, se und i meist c statt z. seh 



160 EINIGE BREVIAIUEN VON SANGT LAMimECHT 

wird durch s, sc und seh bezeichnet, für hs steht einmal seh : 
wasehen nutriatitur 39\ ch steht durch, die Verschiebung von 
p loird ausgedrückt durch pf, pli, (T, f, v. in der declination 
finden sich einige apocopen; einmal inciination hinz 275''. in der 
conjugation zeigt sich die schon mehrfach erwähnte verlauschung 
der formen des imperativs starker und schwacher verba einige- 
male. 

Ein par proben der Überschriften: öS*" Antif von zein reu- 
wesarin: sant Marien von Egyptlanl^ S. Pelagien. 59^ Antif daz 
uns got vride geh unt senile. 70' Ilie spriehe dine piht, daz 
sih got erbarem din unde dir vergeh die sunde din und dir 
antla. 72'' umb der gehuge sin. 73'' so du ze werch griffest 
undich paden wellest. 83^ umb die der solar du pist. 83'' umb 
dine haimlih. 85" die gebet sprih under dem gerunen, so du 
gotes lichnam wellest nemen. 108" von der saligin reusarin 
Sanct Marien Magdalen, do si chuste unde ducb, wiste, sielb die 
fusen des heilantes. 108'' Da nah hef daz sanch daz sint deu 
wort unsers herren mit den eroffeut er in dem merde -. 110* 
Da nah trinch den guten vvin, ob dun habest. 190" da nah heff 
dice sanch, in den chor si din ganch. 229" umb die enbuzent 
(penitentes) sint. 245" umbe die gahes entes verwerdent. 258" 
umbe die sih dir envolhen haut unde dir die minne erboten 
hant. 324'' von sanct Peter do er biscolf wart ze Antiioche. 
■ 375* Do er reloeset wart von dem charchare. Von sanct Faules 
hecherde. 

Die interlinearversionen sind folgende: 

churieginne der werlde, sein laeter des himel, asin 

(39") Maria, regina mundi, scala celi, thronus dei, 

gesidel gotes, aiin tur des pardys, hör daz gebet der arme, riilit versmaehe 

ianua paradysi, audi preces pauperum, ne despicias 

5di suoft der arme. Werden braht von dir anthseiz unser und di souft 

gemitus miserorum. Inferantur a te vota nostra atque suspiria 

der ansawe unser erloseres, daz diu unser ouz werdent gesoben garnolen, 

conspectui nostri redemptoris, ut que nostris excluduntur meritis, 

• es hat in dem gebete, dem diese Uberschrifl voran gesetzt ist, 
dieselbe Verschmelzung der legende von der ägyptischen Maria mit Maria 
Magdalena statt, von tvelcher Heinzel zur Erinnei-ung v. 26 spricht und 
die .lieh auch in der Strafsburger lis. der Litanei findet. ^ meräte, 

abendmahl. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 161 

mit dir di slat behaben da ze den oren der gotiicheu gute. Vertilge di 
per te locum oblineant apud aures divine pielatis. Dele pec-10 
sunt, du vergib di missetat, du recche di gevallen, du lose di ingespanrien. 
cata, relaxa iacinora, erige lapsos, solve conipeditos. 
Von dir werden ouzgesniten di hagendorn und diu wuocher der achust, 
Per te siiccidaiitiir vepres et germina vitiorum, 
und waschen di bluomen und diu gecirde der tuogend. Du senpfl mit flcge 15 
luUiiautur flores et oriiamenta virtutum. Placa precibus 
den rihter, den sunderbarer chinttraht hast geboren, itinen behalter, daz 
iudicem, quem siDgulari puerperio geuuisti, salvatorem, iit 
der von dir worden ist tailuftige unser mennischeit durch dich auch 

qui per te factiis est particeps humanitatis uostre, per te quoque 20 
uns genoze mache siner goth*it. 

nos consortcs faciat divioitatis siie, Jesus Christus, dominus noster, 

qui cum domino patre et spiritu sancto vivit et regnat deus per 
omnia secula seculorum. Amen. 

(266^) Uou unser frowen. 

Die vlege chnehte diner und mein, schalchinn diner, got25 

Supplicationem servorum tuorum et mei, famule tue, deus 
barmhercer, erhör, daz wir die gehuge gotes muoler sande 
miserator, exaudi, ut, qui memoriam dei genitricis, sancte Marie, 
hegen unt eren, mit ir hilf von anligenden vra-i- 

colimus et veneramur, eius intercessionibus de instantibus peri-30 
sen werden erloset, und liilfe mir, du ha-iligiu gotes muoter, da ze dinem 
culis exuamur. et iuva me, tu sancta dei genitrix, apud tuum 
sune in allen 

filium in omnibus meis necessitatibus et in omnibus meis tribu- 
latiouibus, in quibuscunque te invocavero vel non invocavero, iu^^ 
quibus mihi necessaria esse videris, mater domini mei Jesu Christi, 
qui vivit et regnat deus per omnia secula seculorum. Amen. 

(269'') Von unserem herren, unser fröwen unde allen heiigen. 
Alwaltiger got aller gesepfTe diner, der von der himel 

Omnipotens deus universe creature tue, qui de celorum 
hohe choni da ze suochen daz meneschleich geskeht daz 40 

altitudine descendisti ad requirendum humanum genus, quod 
vervaren, und in dem buoche der m;eide tailuoftig unser worden bist, der 
perierat, atque in utero virginali particeps nostri factus es, qui 
maneg arbteit unschuldiger iiast erliten, unib unser erhör h«il daz gebet, 
mukös labores innocens pertulisti, pro nostra exaudi salutcpreces,45 
daz ich aller unwirdigest diren um swtere bringe. Du gedenche 
quas ego indiguissima famula pro tribulatione oiTero. Recordare 
armut meiner und angest miner und enwellest nemen räche von 

paupertatis mee et angustie mee et noli sumere vindictam de 
sunten minen oder vronte miner. Gib mir, herre, ;eiu langez50 

peccatis meis vel parentum meorum. Da mihi, domine, longevam 
Z. F. D. A. neue folge Vlll. 11 



1G2 EINIGE BUEVIARIEN VON SANCT LAMBRECIIT 

leben und gesunt, daz ich in hieiligem dinem dienst beliben 
(269') vitam et sanilatem, ut in sancto luo servicio permauere 
muge. Leihe mir di hilf gnade diner, gib mir wäre leniunge 

55 valeam. Presla mihi auxilium gratie lue, da mihi veram scientiam 
in dem munde und in dem heicen, daz ich wizze waz anturlen schul den 
in ore et in corde, ut sciam quod respondere debeam 
veinden minen, di mir diu du hast geben vvellent benemen. Wis mir 
inimicis meis, qui mihi que dedisti volunt diripere. Esto mihi 

60 sein schilt unervohten wider alle viende min, taugen und 
scutum inexpugnabile contra omnes inimicos meos, visibiles et 
untaugen. Beschirme mich mit ceswen gewaltes dines vor antluze daer, 
invisibiles. Prolegat me dextra polentie lue a facie eorum, 
di mich serigen wellent. Als da viel vor dem bilde chiudes 

65 qui me ledere niluntur. Sicut ruit Golyas ante faciem pueri 
dines , als vallen alle veind niine. Bi a*inem wege swenne 

tui David, sie cadant omnes inimici mei. Per uoam viam cum 
choment wider mich, bi sibenen vlihen vor mir. Haeiligez cliruz 
venerum contra me, per Septem fugiant a me. Sancta crux 

70Christes, diu daz Ion erlosunge unser hast getragen, wis wider allen 

Christi, que precium redemplionis nostre porlasli, resiste omnihus 

vienden minen und lose mich von allen noten minen. Hwiligiu 

inimicis meis et libera me de omnihus angustiis meis. Sancta 

, muoter und lose mich von allen 

75 Maria, mater domini noslri Jesu Christi et libera me de omnibus 

widerwaert(en) minen. mit allen den zwelfpoten, mit den 

adversariis meis. Sancte Petre cum omnibus aposlolis, cum evan- 

, wis wider allen veinden widerwaerten minen und lose mich. 

gelistis, resiste omnibus inimicis adversariis meis et libera me. 

80 mit allen martereren, wis wider allen veinden 

Saude Stephane cum omnihus martyribus, resiste omnibus inimicis 
minen und lose mich. mit allen beihti- 

meis (270") et libera me. Saude Martyne cum omnibus confes- 
gaeren, wis wider allen veinden meinen und lose mich. 

85soribus, resiste omnibus inimicis meis et libera me. Sancta 

magden, wis wider allen 
Anastasia cum omnibus virginibus, resiste omnibus inimicis meis 
di vier gechront, ich bitte iuch bi dem vater 
et libera me. Saudi quatuor coronati, precor vos per patrem 

90 und , daz ir seit mir helfer in allen 

et lihum et spiritum sanctum, ut sitis mihi adiutores in omnil)us 

noten und angesten minen und verchert aller miner veinde 

tribulationibus et angustiis meis et convertile omnium inimicorum 

hgeriwe in groze semfte, daz si gebunden und 

95 meorum ferocitatem in maximam lenitalem , ut alligati sint et 
cevurte. Von dem vater und dem sune und dem haeiligsist, von der ge- 
contriti. De patre et fiiio et spiritu sancto, de uativi- 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 163 

bürde des herren, von der marter des Herren, von siben gaben 

late domini, de passione domioi, de Septem douis Spiritus 

, von siben stulen, von nuon ordenungen, von drien chinden, 100 
sancti, de Septem sedibus, de novera ordinibus, de tribus pueris, 
von den zweinzech vnd vier altherren, von den vier gechronet, von geiou- 
de viginti quatuor senioribus, de quatuor coronatis, de lide 
ben der batriarch, von den zwelfpoten, von der signuft der marlerer, 
patriarcharum, de diiodecim apostolis, de victoriis martyrum, 105 
von glauben , von den rhronen der magde, von choren der ent- 

de fide confessorum, de coronis virginum, de choris conlinen- 
liabenten, von der marter der chindelin, von allen scharen 

tium, de passione sanctorum inuocentium, de omnibus agminibus 
der oberen lantsidel, daz noch der tievei noch die mennesn mugen mir HO 
superorura civium, i ut nee diabolus nee homines valeanl mihi 
geschaden da ze den liseiligen noch an der erde mit deha?inem sinne 
nocere apud sanctos in celo nee in terra per ulliim ingenium 
od mit dehaeiner serunge od swaz übel muogen gemachen oder getuon 
aut per ullam lesionem aliquid mali valeant preparare velfacerell5 
mit wort od mit der beraeitunge noch mit dem willen, sunder du gib 

in verbo (270"') vel in preparatione nee voluntate, sed tribue 
mir gnade und minne und ere an diner anschawe vor heiligen 

mihi graliam et amorem et honorem in conspectu tuo coram sanclis 
dinen und vor allen luoten verleihent 120 

tuis et coram omnibus hominibus prestante domino nostro, qui 
cum patre et spiritu sancto vivit et regnat per omnia secula se- 
culorum. Amen. 

Von unserme herren. 

Herre, hceilig vater, alwaltiger got, der du hast gesepft 

Domine, sancte pater, omnipotens deus, qui creasti 125 
den himel und di erd, daz mer und selliu diu in in sint, gib mir sunta- 
cehim et terram, mare et omnia que in eis sunt, da mihi pecca- 
rinne durch die garnot aller haeiliger diner und daz gebet und die 
trici per merita omnium sanctorum tuorum et orationes et inter- 
hilfe und die anrufe, diser werld ceit also volbringen,130 

cessiones atque iuvocationes, mundi huius cursum ita peragere, 
daz uiider den widerwaertigen und dem lukke sicher und ungescendet er- 
ut inter adversa et prospera secura et inconfusa me- 

garne beleiben. Bebalt mich, herre, wachende, behüte mich sla- 

rear perseverare. Salva me, domine, vigilantem, custodi me dor- 135 
fende, daz ich wache in Christ und ruwe mit gemache. Leih 
mientem, ut vigilem in Christo et requiescam in pace. Presta 
mir, herre, an der weil, da du di sei min von dem leibe haezest 
mihi, domine, in illa hora, qua animam meam a corpore iusseris 

' hier fehlt precor, wofern es nicht aus dein salze von den iv coron. 
noch entnommen werdeji soll. 

11* 



164 EINIGE BREVIAiüEN VOIS SANCT LAMBRECHT 

HOvaren, aün guot uorteile eigarne ich horoa und eiigel liu;ilig vuoren 

exire, piam seuteiiliani merear audire et angeli sancti perducaut 
sei min ze den vreuden der lehten, die lievel ai)er truorige enlweiclien. 

animam meain ad gaudia iustorum, demones vero tristes discedaiit. 

Geber aller gute, diio gib mir aller vroiichest gagenwurt 

l45Largilor omnium l)onoriim, largire niilii iocundissiniam presenliain 

din und urstcnd und guot ha-ndiunge und mit den erweiten 

tuam et resurrectiouem bonamque retributionem et cum electis 

dinen leben ewigez. 

tiiis (27 r) vitam eteruam. Amen. 

Von unserme Herren. 
150 Herre , genade swie dir unwirdigin 

Domine Jesu Christe, tili dei magni, gratias licet tibi indigna 
sage, daz die hant dich vahender, daz , diu gebaut, 

ago, quod manus apprehendentium, quod flagella, quod vincula, 
spiuwat, itweiz, gelogenz urchunde, des chruces 

155 quod Sputa, quod opprobrium, falsumque testimonium, quod crucis 
buorde umb der werlde hoeil tragen weide. und daz ersam 

onus pro mundi salute ferre voluisti. Sanctamque et venerabilem 
cruoce din aidjetten. Dich vlegleichen bitte ich, daz der marter 

crucem tuam adoramus. Te suppliciter deprecor, ut passionis 
160 din erberz bizzteichen mit getriwcn hercen ercliennen mich h;ipzest und 
tue gloriosum mysterium fideli corde agnoscere me facias et 
dir vallenden werchen volgen verleihest und von allen sunde- 
placitis tibi operibus imitari concedas atque ab omnibus pecca- 
lichen geband erloset und mit lugenden geziert in dineni scherm 
lettorum nexibus absolutam et virtutibus adornatam in tua protec- 
alleichen beleiben verleihest und, swenne an dem tag des urtteiles gebest 
tione iugiter manere tribuas, ut, cum in die iudicii reddas 

ieslichen als si haben getan, under erwelten dinen becellen mich 

singulis pro ut gesserit, inter electos tuos annumerare me pre- 
ITOhfezest. 
cipias. 

Von dem beiigen gaist. 

Gtest der vorht, der gute, der chuust, der mäht, des rates, des 

Spiritus timoris, pielatis, scientie, fortitudinis, consilii, in- 

sinnes und des wistuom, uns erluhte, salbe, ha?ilige. 

175tellectus ac sapientie, nos illustra, unge, sanctitica. Sanctus spi- 

du da bist warer antlaz der sunde, der swa du wil inbla;- 

ritus, qui es vera remissio peccatorum, qui ubicunque vis inspi- 

sest, inblase der sei min wirdigen wuocher der beihte, da mit daz 

ras, inspira anime mee dignum fructum penitentio, quo dul- 

ISOsHzeste ergarne gäbe des antlazes. ^ Besowe mich der gttist- 

cissimum merear donum intelligentie. Visita me spirituali(271'') 

' die iibersetzims; setzt indulgentie voraus. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 165 

liehen diner genade, damit von der unvergebte diner werde geschirniet 
tiia gratia, qua ab inremissibili tua defendar 

vervluoche, daz iiit di vraMse der verzagde ich iiivalle, sunder diner gab 
blasphemia, iie voraginem desperalionis incidam, sed tuorum dona 185 

gnade besieze und mit den ger?eint mit c*hern guoter ruowe 

karismatum possideam, quibus einundata lacrimis pie contristationis 
daz eror der unschulde gewant enphahe. 
pristinas innocentie vestes recipiam. 

Von der drivalt. 

Hffiiligiu triniss und ungeteilt ivinniss, 190 

Sancta trinitas et indivisa unitas, pater et filius et spiritus sanc- 
sein warer got, der mich hast gesaffen und erloset und mich an dem 
lus, unus verus deus, qui me creasti et redemisti et me in die 
tag des urtffiil rihtensolt, du erbarme und hilfe mir und lose mich von 
iudicii iudicare debes, tu miserere et adiuva me et libera me de 195 
allen angesten minen, vergan, gagenwurligen, chunftigen. Gib 

Omnibus angustiis meis preteritis, presentibus et futuris. Dona 
mir au der wil hinneverte miner gelouben rehten, zuversiht sl*te 

mihi, domine, in hora exitus mei fidem rectam, spem firmam 
hin ze sephere minem und enphahung 200 

ad te, creatorem meum, et perceptionem corporis et sanguinis 

HaL'iz mich ungesert dir anturlen, 
domini nostri Jesu Christi. Jube me illesam tibi presentari, 
so ich chom vur dich, niht verbirge antlutze dinez vor mir und 

cum venero ante te, ne abscondas mihi faciem tuam a me et 205 
enwellesl sin vrasislich und vremde an, dem ;eislichem , sunder 
uoli mihi esse terribilis et alienus in ilia tremenda hora, sed 
du zaeige mir antluzze senpft und hieiz mich under erweiten dinen gezalt 
ostende mihi visiim mitem et iube me inter electos tuos annu- 
werden und gefranit unz an daz ende der werlde, mit in 210 

merari et letificari usque ad consummationem seculi et cum ilhs 
in ere erchuchet werden und wunden ze a?ntleibung sei miner 

in gloria resuscilari et sancta vulnera ad remedium anime mee 
ansehen und guote stimme hören: chomt di salige. Verleihe 

inspicere et (272^) piam vocem audire: venite benedicti. Presta2l5 
mir denne mit erweiten varen in daz reich der himele und da 

mihi tunc cum electis tuis introire in regnum celorum et ibi 
lobe dinem und hochceiten alleichen bi sin verleihe. 

laudi tue et festis angelorum semper interesse concede. 

(275') Von sancte Michel. 

erzengel , du 220 

Sancte Michael, archangele domini nostri Jesu Christi, qui 
da chome ze hilf volch , du hilf mir suntaerinne, wand 

venisti in adiutorium populo dei, subveni mihi peccatrici, quia 
nieman an dich han trost, unz ich antlaz gewinnen 

nulhini praeter te habeo solatium, donec remissionem invenire225 



16(3 EINIGE BREVIARIEN VON SAISCT LAMBRECHT 

niuoge aller siinde niiner. Durch baremlierce 

valeam omnium peccatonim meorum. Propter misericordiam 
diiie erhöre mich anbetende dich, iiilf mir und wirve umb mich 
tuam exaudi me invocantem te, adiuva me et interpella pro me 

230 und mach mich chuosse von allen sunden minen. Dar ul>er bitte ich dich 
et l'ac me castam ab omnibus peccatis meis. Insuper rogo te 
louteren und schonen der oberst gotsmehte diener, daz an dem 

preclarum ac decorum summe divinitatis miuistrum, ut in no- 
jungestem tage guotlichen enphahcst sei mine in soz dine aller 

235^vissimo die benigne suscipias animani meam in sinu tuo sanc- 
ha'iligest und volpringest an die stat der erchulunge, gemaches und ruowe, 
tissimo et perducas in locum refrigerii, pacis et quietis, 
da der haeiligen sei in unerzalter vraeude daz chunftige gerihte der saeliger 
«bi sanetorum anime inenarrabili gaudio futurum iudicium beate 

240urstende bteitent. 

resurrectionis exspectant. 

Von sancte Gabriel. 

gotes chraft, x\n bot des obersten, der vraeude 

Sancte Gabriel, fortitudo dei, nuncius altissimi, qui gaudium 

groze der magde enbuote, geboren werden von ir aller der werlde 

245magnum virgini nunciasti, nasciturum (275'0 ex ea tocius orbis 

sephaer und herren. hilfe mir andahtlichen hin ze dir ruofent und 

creatorem et dominum, subveni mihi devote ad te clamanti et 

gebet miner hinz got bringend willen der erwunst mi- 

orationum mearum ad dominum promens affectum optatum de- 

250 nes willen gewunnen behabe. 

siderii mei mihi effectum optine. 

Von sancte Raphael. 

gotes erznei, der von tievel erlost, 

Sancte Raphael, medicina dei, qui Saram a demonio liberasti, 

blinden erluohte, erlouht di manechvalde des hercen mines 

255Tobiam cecum illuminasti, illuraina niultiplices cordis mei ce- 

blinde, daz ich muoge louterem got angesihte sehen gevlohen allen 

citates, ut valeam puro dominum intuitu cernere aufugatis omni- 

tievelichen gcsuhten, die ich leide garnoten meinen eisenden. 

bus diabolicis suggestionibus, quas pacior meritis meis exigentibus. 

Von allen engelen. 

260 vurstentuom, himelische gewalt, 

Omnes saneti angeli, archaugeli, principatus, potestates, 

tuogend, herscaft, di der saeligen 

virtutes, dominationes, throni, Cherubin et Seraphim, qui fldelium 

gebet ze dem stuole des obersten bringet und diu gebot mit rehter maze 

265preces ad sedem summi defertis et mandata equo moderamiue 

saphet, alliu diu innerhalb min und diu ouzeren also ordent, daz ich 

disponitis, omnia interiora mea et exteriora sie ordinate, ut va- 



EINIGE BREVIÄRIEN VON SANCT LAMBRECHT 167 

muge ze miniiest diu miiinest under iuwerem schirme lob sprechen dem al- 
leam saltem miiiimas in vestro coutubernio laudes diceie onini- 
vvaltigem got. 270 

potenti fleo. (276") Pater noster. 

Von dem engel der dih bewaren sol. 

Ich bitte dich, engelischer ga?ist, den ich ze besehen en- 

Obsecro te, angelice spiritus, cui ego ad providendum com- 
pholhen bin, daz du behütest mich, alleichen besuochest, beschirmest, 
missa sum, iit ciistodias me, indesinenter visites, protegas,275 
beschirmest von aller »inlauf der tievel wachende und slafende 
defendas ab omni incursione diaboli vigilantem ac dormientem 
weilen enizechlichen und alle slunde allen uobe ' nnd swar ich gen, 
horis continuis ac momentis omnibus confore et ubicumqiie abiero, 
volge mit mir, vertreibe von mir mit gotes chraft alle versuchunge280 
comitare mecuni, repelle a me per virtutem dei omnia tempta- 
des tievels und alliu gesoz siniu und daz niht a?isent garnot 
menta diaboli et omnia iacula eins et quod non exigunt merita 
mine, dinen behabe viegen da ze dem aller barenihercest rihter und 
mea, tuis optine precibus apiid misericordissimum iudicem et 285 
aller guotestem chunge, daz dehaeine an mir stat der widerwaertigen phliht 
piissimum regem, ut nulluni in me locum contrarie adnexio 
vinde. Sunder, swenne mich durch di inbrost der sunde wenchen sehest, 
inveniat. Sed cum me per abrupta viciorum deviare perspexeris, 
mit den rehten steigen ze minem erloser wider vuoren dich vlseize. 290 

per iusticie semitas ad redemptorem meum reducere satage. 
Ich bitte auch dich, huoter niiner, dilectissime ^ ob ez 

Precor etiam te, custos meus, diligentissime angele dei, ut si 
werden mach, chund mir tuost ende minez, und von disem leibe 
fieri potest, notum mihi facias fmem meum, et 3 de hoc corpore 295 
gevuort werde, niht mich lazest die vbel geeist zuchen oder 

educta fuero, non me sinas malignos spiritus rapere (276'') vel 
in die gruoben der zweivelungen sencheii. Sunder h;eizende got bela^it 
in foveam desperationis mergere. Sed iubente deo perduc 
mich ze der besowe aller suzeste und mines sepher gagen- 300 

me ad visionem dilectissimam et dulcissimam creatoris mei presen- 
wurt, da ensampt du von miner huote und ich umb werch mit seliger 
tiam, ubi simul tu de mei custodia et ego pro opere cum beata 
gotes muoter und mit allen ha?iligen ewechlichen sine werden gevroeuf 
dei genitrice et cum omnibus sanctis perpetuo eins letemur 305 

ansowe. 
aspectu, qui vivit et regnat per omnia secula seculorum. Amen. 



^ stimmt nicht. - das wort des lateinischen textes ist hier ge- 

bessert, daher kein räum für die Übersetzung. ^ fehlt hier cum 

oder si? > 'i'j\\u~rr 



168 EINIGE BREVIARIEN VON SANGT LAMBREGIIT 

Es ist überflüssig anzumerJxen , dass die Übersetzung hier 
wesentlich besser und freier ist als in dem unter iii beigebrachten 
stück, schon die geänderte Stellung von substantivum und Posses- 
sivpronomen beweist das. 



Auch in bezug auf das deutsche, welches die handschrift 
40/7 8**, 241 blätter stark, enthält, ist eine Unterscheidung zu 
treffen, vorerst sind die freilich an zahl geringen Überschriften, 
welche durch den ganzen codex verstreut sich finden, zu behandeln, 
dann das prosaische gebet, in den lateinischen teilen dieses bre- 
viars wechseln die schreiher ungewöhnlich rasch, doch habe ich 
keine hand gefunden, die mir nicht an anderen orten schon be- 
gegnet wäre. 

Überschriften, vocalismus. a. tseglichen imd taglichen wech- 
seln, neben e in heilegen 18'' i: heiligen 15^ 75''. 108'. ä 
umgelautet: ce npehest 75'', niartrer 165'', nohthelfer 165^ i 
durch ie bezeichnet: tagciet 75''. aufser hier noch 3mal er- 
halten gegen 1 ei: igleichen 13''. 6 mit h gedehnt: nohthelfer 
165". kein ai. i für ie: igleichen 13''. 2 iu: disiu 9\ 12'' gegen 
2 eu von anderer hand: deu 233^ 240''. 

Consonantismus. t für d im anlaut: tritten 76\ c vor e 
und i. ch steht durch, h unecht: pluomhostern 92''. im verbum 
heben b im inlaut: hebt 75% p imauslaut: an hep 43'', dagegen 
auch V : anhevet 48". ein par apocopen, aber stets ode. — proben 
sind unnötig. 

Das prosaische gebet von 67' — 73' reichend ist dasselbe, wel- 
ches Diemer in seinen Gedichten des xi und xn Jahrhunderts 
379 — 383 aus der Grazer handschrift von Heinrichs litanei heraus- 
gegeben hat. über die lateinische quelle des Stückes handelt Diemer 
Beiträge iv, 23/f. ivas ich im folgenden gebe, ist ein abdruck, 
der mit ausnähme der zugefügten interpunction genau an die hand- 
schrift sich hält, notwendige änderungen sind in den anmerkungen 
vorgeschlagen, dort finden sich auch die resultate einer vergleichung 
beider handschriften. 

Vorher nur ein loeniges über den vocalismus unserer fassmig. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 169 

Ganz selten i in den endungen. sehr häufig ic für i: dier 
71''. 72\ ä einigemal umgelantet , doch meist fest, so in der 
endung -äre. 26 i gegen 73 ei, die allmählich durchdringen, 
für i ie : tageciet 75'', liebes = libes 68''. 53 ai gegen 9 ei, die 
sich nur auf den ersten seiten zeigen, für ie öfters i, ei in sei 
= sie 68"'. iu und eu wechseln, letzteres wiegt vor. vom con- 
sonantismus wäre nur das unter den früheren nummern angeführte 
zu widerholen. 

(67^) So du daz opher genemst so sprich. 

Ich bitte 1 dich, herre, durch die 2 wihe ^ unde di ^ liphaf- 
tige ^ und di evvirdigen •' tougen und durch di micheleu chraft 
dines heihgen lichnanien und dines heren bUiotes ', daz uns 
isegelicheu wret und trenchet, daz uns leutert und rseinet und 
uns hpeilich machet und uns tailnuftich machet der ewigen got- 
heit: gip mir, herre, deine heilige tugende, ervuUe mein herze 
mit den waren lügenden, daz ich mit leichtem '^ sinne und mit 
luterem herzen gen muze ^ (67'') ze dinem tische und ze dinem 
vronem altare, daz ich dich, himelischez hailchtum, also emphahen 
müze, daz ez mir werde ein warez hail und der ewige lip, wände 
du uns, herre, also lo gehaeizen hast : 'Daz prot daz ich gip daz 
ist mein flaisch und min bluot durch dirre werelt^' leben; der 
mich izzet der lept min, er ist in mir und bin ich in im'. Aller 
brote suzist, haile den guten ^- meines herzen, daz ich innen 
werde und verste der suze diner minne. Haile, herre, min herze 
von aller slachte sere, daz mir nicht smerze '^ oder (68") suze 
si. Wände du , aller brot wizest i^, du hast die ewigen suze 
und den hailigen smach, du uns ze allen ziten azest und dein 

' Diemer (== J) bit. ^ ditze A. ^ wihez A. ^ fehlt A. 

^ liphaftigez A. es muss wol in iniserer fassxing liphaftigen gelesen wer- 
den, aber mir wegen e(r)wirdigen, denn sonst ist starke deklinalion des 
adjeciivums nach dem artikel in diesen denkmälern häufig. 6 ewir- 

digez .^. in der quelle, einer oratio SAnselmi, */eÄ< per ipsiim sacrosanctum 
mysterinm. ' nach bluotes und oftmals, aber ohne dass eine regel 

bemerkbar xväre, der Itaken, welchen ich Zs. xix, 209 beschrieben habe. 

^ liechteme A. die ganze phrase in der quelle: repletus bona con- 
scientia. ^ gen ze dinem tiske mfizze A. ^° also herre A. " 

werelt fehlt A. '^ gumen A richtig. '^ sere iv wehte smeche 

A. quelle: ut nullani praeter te sentiat dulcedinem. '" wihest A 

richlifr. 



170 eim(;e breviarien von sanct lambrecht 

(loch nimer zeriDiiel. Mein herze nuize dich ezzen, mit der suze 
diiK's sinaches werde mein herze und mein sele erviillet und 
fj;esatet. Dich izzet der engel mit vollem munde, der eilende 
mensche izzet i dich al nach seiner chrefte '-, daz im nicht ge- 
preste an dem Avege ; dirre wre sol er lehen. Hailigez brot, 
lebendez 3 brot, du uns chome ^ von himel und gist der werlt 
den ewigen leip, chum in mein herze und geraine -^ mein herze'' 
und mich von aller slachte übel des flaisses (68") und des gaistes, 
chum in mine sele und mache sei hailich. Halle sei uzen und 
innen, wis mein huote und mein beschirmunge ', wis ein ewigez 
hteil meines liebes und meiner sele. Verlreip, herre, von mir 
die veinde , die mir lagente "^ sein, vertreip si, herre, von der 
gagenwurte meiner rewe, daz ich uzen und innen also bewart 
sei, daz ich an dem rechtem wege, den du uns vor gienge^ 
volchom hin ze deinem riebe, da man dise heilicheit ^o nicht beget 
alsam hie mit tougenlichen dingen n, sunder 12 da wir gesehen 
schulen mit unseren ougeu dein antluze, da wir (69"; dich schowen 
wertlichen i^ also du bist, so du, herre, vater und got in deinem 
riebe gesizest, so duz, herre, allez wirst in uns allen und du 
erschiuest in uns und du ^^ uns alle verwandelst. An dich so 
gesattest du mich dein mit ainer wunderlichen suze, so bin ich 
sat von ewen ze ewen, so endurslet noch hungert'^ mich nimer 
mere i". AMEN. 

Lamp des aimcehtigen vaters, du da i' cbome von himele und 
beneme 1^ der werlt ir sunde i-\ benim 20, berre, von mir 21 mein 
unrecht und mache mich des wert, daz ich gezalt werde under 
dineu mageden -- und bilfe mir, daz ich heute deinen balligen 
lichuam enphan muoze nicht (69') ze ainer florenusse --^ und 
zainer vertailunge -4, sunder hilf mir durch willen miner vrowen 



1 der ezze ^. quelle: manducet. - sinen cluefteii j4. quelle: pro 
niodulo siio. 3 lebentigez J. ■* du der chonie ^. quelle: qui descen- 
disti. ^ raine A. ^ mein lieize fe/ilt in A und in der quelle. 

' scliirnie A. * lagent A. ^ der saiz fehlt in A und in der quelle. 

^^ da man ez nilit A. auch die quelle. " mit tougen dingen also 
hie 4. 12 fgifii j/j ^ quelle: sed. *^ wariictie A. '^ du fehlt 

in A. *^ gedurstet nocii geliungert A. '^ nur bis hieher reicht die 

oratio des Anseimus. ^"^ der A. '* name A. *^ die sunde dirre 

werlt A. ^° min A, von Dieiner zu minre ergänzt. ■^' von mir 

fehlt A. ^- diernen A. ^^ zeineme flore A. ^^ urtail A. 



EINIGE BREVURIEN VON SANCT LAMBRECHT 171 

sante MARIEN und aller diner liailigen , daz ich in enphahen i 
ze antlaze meiner sunde. Mein vrowe sante MARIE - mit allem 
himilischen here sei mir wegende, daz mir vii armer unde he- 
wollener mit michelen sunden dirre here ^ leichenam und dize 
vrone hluot^ werde ain erzentuom und ain antlaz aller meinen 
sunden ^ Lebentigez prot '' der engele, Hecht und leben der^ 
werlt, herre Christ, erleuchte die vinster meines herzen, daz dirre 
here lichname und dein hailigez pluot sei mir ein hail und ain 
(70") lieht meines leibes und meiner sele. Herre hailant, Christ ^, 
haüpere aller diete, erlosare dirre werlt, du bist ain baremherzer 
guadare und minnare alles manchunnes, du hast gnuoch dike 
vertragen meine schulde unze her. Nu lob ich dich, herre, und 
ger einvaltechlichen diner gnaden, daz du mir ruchest ze helfen 
durch willen aller deiner liailigen, daz ich mit dirre engelischen 
wre und mit disem himelischem brote, daz ich heute gerne en- 
phahe, daz ich da mit erwerven muoze den ewigen leip. Amen. 
Herre got, erbarme dich über mich durch die heren (70'') 
gebuort dines sunes, unseres herren Jhesu Christi, daz er ge- 
boren wart in dise werlt von sante MARIEN allem manchunne 
ze tröste. Durch die selben gnade vertilge, herre, allez'' mein 
unrecht unde brinch mich ze den ewigen wunnen, dar er uns 
geladet hat mit seiner marter und mit seinem tode. Ich bitte 
dich, herre, durch di vrouen tougen deines bluotes lo, daz du 
meinen leip und mein herze neuwest unde rainest. Gip mir, 
daz ich mit disem heren lichnamen in dir beleiben (71") 
muoze unde du in mir. Verleich mir, herre, daz ich an meiner 
hinverte von disem enellende ^^ deinen heren lichnamen und 
dein hailigez blut vaerdinchlichen ^' enphahen muoze, [daz si mir 
sein ein Hecht und daz liehtvaz der wech unde der wegewist, 
der leitsere unde suze geverte, der wirt unde der herbergsere] i^. 
Heiligez opher, herre got, du hast deu wort deu '^ des ewigen 

* enphahe /t. ist die form in B nw irrtümlich entstanden oder ge- 
hört sie zur conjugattori mtf -mi als einziges bair.-österr. beispiel? 
Scherer zGDS s. 176 Jmd 473. - MARIEN J. ^ heiliger ^. 

* blut vronez A. ^ antlaz miner sunde ^. ^ darnach in A noch: 

warez brot. '' dirre A. » Herre Jesu Ghriste A. ^ allez fehlt 

A. i" durch daz vrone lougen dines heren lichnamen und dines bluotes 

A. " von disem enellende fehlt A. '- wirdechlichen A. " das 

eingeklammerte fehlt A. ^^ deu fehlt A. 



172 EIiNIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBHECHT 

leibes wir wizzen und ^ erchonnen, da du bist der hailige Christ, 
der wäre goles suii. 

So du daz opher genemst, so sprich - : 

Nu sich ich, herre, des ich ie gerte. Des mein herze ie 
gerte, daz hau ich, dein hailigez llaisch und dein hluot (71') han 
ich enphangen. Willechomeo aller phlaisch herist, aller ezen 
suzist, willechomen himelischez tranch, suze des ewigen leibes l 
Dein fleisch hat enphangen mein sele^, nu verwandel mich, herre, 
nach dier 4, hailiger Christ •'', [ want du daz rechte leben bist. 
Deinen leichnamen muoz ich behalten rainchleichen, daz gip du 
mir ewechleichen. Er geruche wonen hie ze mir, daz er ge- 
huldige und gehailige mich dir. AMEN]''. 

Ich han gaz deinen lichnamen, ich han getrunchen dein 
bluot ', ich bin mit dem leichnamen enbizen der an dem chreuze 
erhangen was , ich han getrunchen daz bluot daz uz Christes 
Seiten floz. Jch sage dir lop (72^) und gnade, herre, daz du 
mich suntariugen gehailet hast und gerainet hast ^ und ■' mit dein 
selbes verhe und bitte dich, herre, daz mich diseu heiligeu Wirt- 
schaft erlose von des lo leibes angesten unde von dem ewigen 
tode und brinch mich zu den die da sten schulen ze deiner 
zeswen an dem iungistem urtaile, da wir alle gesteni' schulen 
vor dier, übel unde guote. Da wirt den ubelen ertailet swebel 
und viur, da geist du i-, herre, den seligen dich selben ze lone. 
Du wirst selbe ir leben, zu dir wirt verwandelt ir herce unde ir 
sin, da sament sich die sele''^ und daz flaisch. Daz tuot des 
ewigen gotes geist, der (72'') machet si '^ luter unde raine. Sine 
wizzent noch enminnent nicht wan dich aine, mit dir ist i^ er- 
vullet den sele und der lichnam. So wirt daz flaisch dem gaisle 
gehorsam. Herre got, so gedenche mein durch ere dines tlai- 
sches und deines bluotes, dem heute ^^ gemainet han. So ver- 
wandel mich, herre ^', in daz ewige leben, daz du imer mere 

' im der A. - diese Überschrift fehlt A. ^ din fleisk, herre, 

han ich enphangen in mich A. * an dich A. ^ herre Christ A. 

^ für das eingeklammerte hat A din lichname hailiger der belib in mir 
und erwerve mir den waren antlaz. " statt dieser beiden sätze hat A 

Ich han gaz. ich getrunchen. ich bin sat. * hast fehlt A. ^ unde 

gesaftet mit A. •" disses A. " gehen A. '- gibeste A. 

*3 da mendent sich auer die sele A. ^* si fehlt A. '^ ist fehlt A. 

'^ dem ich hiute A. ^' herre fehlt A. 



EINIGE BREVIAUIEN VON SANCT LAMBRECHT 173 

in mir beleibest und ich in dir. Du bist selbe der ewige leip. 
Mit deinem hailigem gaiste verwandele mich vil armez wip, daz 
ich t'rolichen muze gen in ^ die himelischeu Jerusalem und mit 
den erweiten immer leben in den gnaden, da ich dich ewech- 
lichen sehe. AMEN. 

Nu helf uns got-. 

Das verhälütis zwischen den beiden fassungen A und B wird 
schon durch eine oberflächliche hesichtigung des vocalismus klar, 
aufserdem ersetzt B ältere (mendent) oder ihm unpassend scheinende 
(diernen) Wörter durch jüngere und ziemende, bestätigt wird die 
annähme dass B eine abschrift von A- sei durch die vergleichung 
des ersten gebetes, für welches die lateinische quelle vorliegt, end- 
lich findet sich unter den änderungen, znsätzen, ja selbst unter 
den wenigen besserungen in B keine, xoelche nicht von einem klugen 
Schreiber aus dem texte A hergestellt werden könnte, es liegt daher 
kein grund vor, die existenz einer dritten handschrift dieser gebete 
anzunehmen. 



VI 

Die handschrift 40/61 folio enthält 233 blätter. die ersten 
136 stammen aus dem xii Jahrhundert und enthalten den grösten 
teil eines psaUeriums , die übrigen sind im xiv Jahrhundert be- 
schrieben und gehören zu einem breviarium. die psalmen 1 — 79 
besitzen deutsche Überschriften, die hier in betracht kommen, im 
breviar findet sich nichts deutsches. 

Vocalismus: a allenthalben umgelautet, zu e geschwächt in 
alter = altare 37''. für e ist in den endungen — nicht nur bei 
der Steigerung der adjectiva — i sehr beliebt: gotis 1". l"*. M**. 
35\ 43". 54\ 67'', martir 16''. 54' usw. u hat kein umlaut- 
zeichen, ä wird meist umgelautet und zwar 1 Imal zu se, hnal 
zu e, 3 ä bleiben, e ist als länge bezeichnet in e = lex 14\ 
38'. 55''. i ivird nicht diphthongiert. 6 erscheint durchaus ohne 
umlttut: in verbis zweimal martoroten 58'', warnote 60''. ü 
zweimal durch ou gegeben: ouf 44'', roumen 47'. 32Mtat ei, be- 
sonders im anfang, bmal ai, Vmal sei. ie häufig durch i bezeich- 
net: idoch 30'', ninder 71'', sogar vinde 12' gegen viende 28''. 

' an ^. 2 fgf^n ^ 



174 EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMliRECÜT 

di und die wechseln in ziemlich gleicher zahl. \mal iu für ie: 
sin = sie 72*. iu mitunter durch ie ausfjedriickl : tievel 56'' 
2mal, häufig durch u: lute 46^ luten 22\ 30'. 41'' f/e^e» liute 
50*. 67''. für iuw steht iw. ou «/e r^?<rcÄ au, einmal durch u : 
hübet 21*. uo in einigen fällen durch u vertreten: stunt 11% 
tun 37' (sonst stets tuon), rull 50''. 

Consonantismus. nach liquiden wechseln d und t. in der 
Präposition wechseln ce und ze «6, «wcÄ so/tsf vor e wwrf i 6a/^/ 
c, bald z. seh «h den wenigen vorkommenden fällen mit seh be- 
zeichnet, einfach k: geluke 30'' 2mal. ch jsi durchgedrungen, 
meistens p //« auslant, b //t lob 15'', üb 15'', vertraib 56'', gab 
60"*. 64''. die aspirata ist durch ph regelmäfsig bezeichnet, wenig 
apocopen. 

salin gehört zur starken deklination. in der conjugation fällt 
das verkürzte präteritum schwacher verba auf. fast immer [l^mal) 
fehlt das schliefsende e, \mal sogar macht für machten 15''. es 
kann unmöglich angenommen werden dass diese fälle als präsentia 
zu fassen seien, andererseits entsprechen dieser eigentümlichkeit 
ein par erweiterte präterita starker verba: huobe 44'', ergienge 
71''. contrahiertes präsens: bet = betet 33'. habte 53' steht 
für hatte, contrahierte präterita: huote 18% ölte 21% antwurte 
53% betten 67'', vermelten 46''. participium: geantwurt 48''. 

Psalm I, r Davit der was vol des heiligen geistes. do 
machet er den ersten salm von dem heiligen geiste, da mite er 
di guoten laitet in dirre werlt nach gotis hulden. den salm 
machet David, do man in sazte uf den stuol des riches. ^ 

II, 1'' Den salm machet Davit, do er vehten solde wider 
Amalech und wider di beiden Philistiim, also hiezzen si. der 
salm ist ouch von der gotis geburte. 

III, 2' Den salm machet David, do er sinen sun vloch Abso- 
lonem und ist von der heiligen urstende unseres herren. 

IV, 2'' Do Absalon, Davides sun, gehie bi dem bare an einem 
aste, do machet er den salm, daz sich got über in erbarmet. 

V, 3' Do David vor Saul in daz loch vloch und Saul nach 
im giench dar in sines ganges 2, do sprach Davit den salm hin 
ce got, daz er in behuote. 

' alle 'dbei'sclinften sind rot. - Gr. iv, 680 zieht das beispiel 

aus 0. III, 4, 28 an: ganc ouli thiiies sinthesi mhd. kein beleg aufser 
des endes varn, gen, riten. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT L AMBRECHT 175 

VI, S** Den sahn sprach Davit des ersten tages, do er an 
sinem gerihte gesaz. da mite hat er got, daz er an i sinem 
jungistem urteile siner sele niht verteilet, 

VII, 4'' Do Saiil allen den sinen hevalch, daz si Davit singen 
und do Jonathas, Sauls suu, Davit warnot, do sprach Davit 
disen salm hin ce got, daz er in behuote. 

VIII, 5^ Do Davit di wissagen wihten, do sungen si in dem 
chore daz gesanch got und Davit ze eren und ist von der dri- 
valticheit. 

IX, 5'' Do David ze chunige gewihet wart von dem wissagen, 
do tet David sine hihte mit dem salm und mant in siner ge- 
naden. 

X, 8* Mit dem salm mant uns Davit, daz wir an got ge- 
louben , wände er git dem rehten daz himelrich und den sun- 
daren daz hellewiz. 

XI, 8'' David zech Yditun, daz er in verraten het wider Ama- 
lech. do entredet sich Yditun mit dem salm hin ce got. 

XII, 9" Mit dem salm lobt Davit got siner genaden, daz er 
in behuote, daz im niemen dehein unrehte tsete. 

xni, 9" Mit dem salm vermainhetten 2 die ewarten di luge- 
nsere di dem chunige die unwarheit sageten. 

XIV, 10* Mit dem salm lobt Asaph und Eman den chunich 
Davit; also sol wir got tuon und ist von rehtem leben. 

XV, 10'' Den leich wissaget Davit von got, daz er die menscheit 
an sich solt nemen; daz sol wir gelouben. 

XVI, IV Daz gebet sprach Davit alle tage des morgens so 
er ut'stunt. als wir sulen tun, son mag uns des tages niht ge- 
werren. 

XVII, 12'' Do Davit alle sine vinde uberwant und inner beiden 
riehen ze Betlehem und ze Jerusalem fride was, do saz er vor 
der arch und herphete disen salm und sungen sine chore daz 
lob und spranc Ydithun und rottet Asaph und giget Eman. 

xvHi, 14^* Do David sinen chor cech, daz si unrehten ge- 
louben heten in der 6, do machten si den salm got und David 
ze lob und wissageten wie von im und von sinem geslsehte solt 

' an fehlt de?' handsc/a-ift. - Mhd. wb. u', 103' 'schließe aus 

der gemeinschaft aus' , demnach hier: sie beteten, dass die liigner ge- 
jneinschaftlos würdeJi. ii", 106' '■verderbe, beflecke durch 'mein', ver- 
fluche?' 



17Ü EIMGE BIIE VI ARIEN VON SANCT LAxMßRECHT 

geborn werden der fiotis sun und diu niwe A cfest;etigel solde 
werden. 

XIX, 15'' Do Davides sun, der erste den Bersabee bi im 
gevvan, sterben wokle, do macbt ditze gebet drie maister: Eman, 
Asapli, Ydilbun und hiezen den wissagen iNathan bin ze gol vur 
Daviden sprecben. 

XX, 15^' Do Davit siben jar cbunicb was gewesen ze Betle- 
hem, do wart im dar zu daz riclie ze Jerusalem, do sungen sine 
fursten daz lob uf dem berge. 

xxr, 16'' Do Davit gevangen wart und vur den chunch 
Abimelecb gevuoret wart, daz er den Hb verlure, do spracb er 
ditze gebet ce got von dem heiligem geiste, des er vol was und 
wissaget von der martir unsers herreu Jhesu Christi ze ledigen 
alle sundsere. 

XXII, IS"" Do Davit siues vater Jesse scliaf huote, do sprach 
er alle tage den sahn über sich und über daz vihe. 

XXIII, 18'' Do Davit di gruntveste an dem gotis huse ze 
Jerusalem geleite, do sprach er zu dem wissagen Nathan, daz er 
daz ephüt an sich leite und hiez Sadoch, den ewarlen, daz rodel 
in die hant nemen und segent die stat mit dem sahn. 

XXIV, 19^ Der sahn was Davides gebet, so er vaht an die 
beiden Philistiim und hiez er die Juden mit im ze got ruofen 
also. 

XXV, 20" Als ofte so Davit in daz gotis hus giench, so sprach 
er disen sahn für eine bihte. 

XXVI, 21" E Davit oite, do macht er disen sahn und sprachen 
in di wissagen die die hende uf sin hübet leiten. 

xxvn, 22" Davit sprach daz gebet umbe alle werltliche brode 
diu an ime was und an siuen luteu. 

xxviii, 22'' Die wissagen und di ewarten sungen daz gesauch 
alle di wile und daz liut ofrte in dem templo domini. 

XXIX, 23" Daz lop sungen Davides undertan, so si tauceten 
umbe di archel oder da vor. 

XXX, 24" Den sahn machet Davit, do er mit Golia solte 
vehten. 

XXXI, 25'' Daz was alle tage Davides bihte. 

XXXII, 26" An ainem ostertage do sanch allez ebreischez 
volch daz lop vor Davit. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 177 

xxxiii, 27'' Do Davit gevangen wart vur ^ den chiinch Abi- 
melech, tlo tet er sam er- ein unsinnic man waere. do sprach 
Abiraelech: ')a den unsinnigen gan, ez ist nicht der wise David.' 
do machet er daz lop. 

XXXIV, 28'' Den verchvluoch salm machet Davit über alle sine 
viende. 

XXXV, 30* Disen salm sprachen dl wissagen den luten vor 
als nu di phaffen predegent. 

XXXVI, SO"" Idoch di unrehl geluke und di rehte geluke habent 
in dirre werlt, so rsetet uns Davit in disem salm, daz wir rehteu 
tuon und niht zwivelich leben, wan der zwivel ist aine galle aller 
Sunden. 

xxxvn, 3y Davit bot in disem salm, daz im got in dirre 
werlt genedich si und ze dem jungestim ^ urtseile an der sele. 

xxxvni, 34* Ydithun, da mite er got bat, daz er in nimmer 
lieze Verliesen sines herren hulde und daz er im rehten ende 
gaebe. 

xxxix, 35* Swer Davit an sprach umbe daz gotis reht oder 
umbe daz sin, der antwurt im zem ersten mit dem salm. 

XL, 36* Der salm geboret zu dem vorderm. 

xLi, 37* Den salm machet Chores sun, da mit beredeten si 
sich, daz si weder gelouben noch tun wolten nach ir vater. 

XLif, 37'' Disen salm sprach der oberiste bischolf in dem 
templo vor dem alter. 

XLHi, 38* Mit dem salm braht Asaph und Eman den chunich 
innen, daz si got dienen wolten und di 6 behalten. 

xLiv, 39'' Daz lop sprachen di wissagen hin ce dem chunige 
Davit und bediutet ouch den gotis sun und di Christenheit. 

XLV, 40'' Den salm sprachen alle Davides undertan. da mite 
wart er innen, daz si im und got gehorsam wolden sin. 

XL VI, 41* Der salm gebort zuo dem vorderem. 

XLvii, 41'' An ainem suntage herphete Davit disen salm in 
templo vor den luten. 

XLviii, 42* Der salm geboret zu dem vorderem. 

XLix, 43* Der salm ist gotis wort, den hiez ouch Davit den 
bischolf sprechen an dem phinztage. 

1 ?iac/i wart fehlt wahrsc/icinlich gevuoret. ^ er fefiU der hand- 
schrift. ^ jungistem ist ivol zu sc/ii-eiberi und hat hier nur Ver- 

wechslung der vocale statlgef'nnden. 

Z. F. D. A. neue folge VIII. 12 



178 EINIGE BREVIAKIEN VON SANGT LAMBHECHT 

L, 44'' Do Nathan, der wissafje, Davit out' huohe siue misse- 
tat, daz er Urlam, sincn man, sctmof erslagen und im sin wip 
nani, Bersabee, do was der salni riwe. 

LI, 45'' Do Sauls man sageten daz Abimelech Davit biete 
gevangen, des was Saul vro. do Davit do ledic wart, do macbt 
er disen sahn von Sauls ubele. 

LH, 46"! 

Lin, 46'' Do Davit sich verharch vor Saul in einem dorfe, 
daz hiez Ziph, do vermelten in die hite, do ruofte Davit ze gote 
mit dem salm. 

Liv, 47' Do Davit Saul daz lant muose roumen und muose 
varn in die wuoste, do sprach er daz gebet. 

Lv, 48'' Ein liet, heizzet Allopliili. di viengen Davit in einer 
stat, diu hiez Geth. und woben Saul in geanlwurt haben, do 
sprach Davit daz gebet. 

LVi, 49'' Der sälm geboret zuo dem vorderem. 

Lvii, 50^ Do Davit des innen wart daz im diu Hute alle un- 
getriwle waren an sine schulde, do sprach er den salm, daz er 
von got erloset wurde uz allen sinen noten. 

Lvni, 50'' Saul hiez daz hus umbevahen, do ruft David ze 
got mit dem salm. 

Lrx, 51^' Do Davit diu zwei lant, Mesopotamiam und Syriam, 
verbrante und Jacob sich becherte und in Romescbem riche zwelf 
tusent ersluoch, do macbt er daz gebet, daz im got genadich 
wsere umbe sine sunde. 

Lx, 52'' Der salm geboret zu dem vorderem. 

lXi, 53" Damite antwurte Yditbun David, daz er got vor 
ongen habte, wände er si zech, si wgeren ungetriwe. 

LXii, bd^ Do Davit was verraten in Ydumea, daz man in vor 
tage in den berbergen soll slahen, do entran er und lopte got 
mit disem salm. 

Lxni, 54" Do Davit innen wart daz sin beimelicber in mit 
untriwen meinten, do bat er got, daz er in bewart, und von gotis 
martir. 

LXiv, 54'' Den salm sprachen di wissagen den beiden vor, 
daz si bin ze Jerusalem gehorsam wurden '-. 



' die Überschrift ist mit birnsstein ausgerieben. ^ nur w ist er~ 

hallen, das ührlfce verschivunden. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 179 

LXv, 55'' Do die beiden sich hiezen besniden und an giengea 
die iudiscben ^, do machtn di ewarten daz lop got ze eren. 

Lxvi, 56'' Als ofte sich der tievel ougent zuo dem chunige 
Sani, do segent in Davit mit disen ' worten und vertraib den 
tievel. 

Lxvn, 56'' Alle Davides gehelt'en machten den salm von den 
siben gaben, die an Davit waren: diu furhte, diu milte, diu 
chunst, diu stercbe, der rAt, diu underschidunge, der wistum. 

LxvHi, 58'' Do Daviden sine genozen so ofte an den lip 
rieten an sine schulde, do bat er got dar umbe, und ist ouch 
daz Wort unsers herren Jhesu Christi dar inue, daz er sprach, 
do in die Juden martoroten. 

Lxix, 60'' Do Saul sine tohter Micbol Davit gab und er in 
bi ir morten vvolde und in Jonathan warnote, do ruofte Davit 
ze got mit disem salm. 

Lxx, 61" Der salm geboret zuo dem vorderem und sol man 
in sprechen umbe di irunchenheit. 

Lxxj, 62* Mit dem salm bat Davit got, daz er nach sinem 
tode sinen sun Salomonem sazte uf sinen stuol. 

Lxxn, 63^ Die ewarten baten David, daz er mere lobes von 
got macht, do sprach David, im waere lobes zerunnen. do macht 
Asaph aber den salm. - 

Lxxni, 64" Den salm maeht Eman und gab im aber Davit 
di wise. 

LXXEV, 65'* Den salm machet Choree und sin sun. da mite 
lerten si uns, swenne wir got bitten wellen, daz wir e bihtich 
werden. 

^ disem in der handschrift ^ eine andere ansieht über die 

entstehung dieses beliebten psalmes entwickelt etwas confus die schon 
erwähnte handschrift 34/21 fol. 31°: Der herr redt zu dem propheten 
Ysaias und sprach: 'Gee und sag Ezechie, das redt got der herr Davids, 
deins vaters. ich hab erhört dein gepet und angesechn dein zäher. Nym 
war, ich wird deinen tagen zuegeben fünffzehen jar und wil dich erledigen 
von der handt des chunigs der Assirier und die stat wil ich vor sein volch 
beretten. Das wirt dir sein ain zaichen von dem. Nym war: die sunn 
wirt zerukch geen umb zehen grad.' Und das ist also geschehen. Dar 
nach sagt Ezechias dem herren dankch umb den gesundt und macht den 
Lxxii psaim David und besunderleich sagt er dankch und sprach: 'Herr, 
du hast mein seel behalten, das sy nicht verdürb; du hast zerukch gelegt 
all mein sünd'. vgl. Regum iv, 20, 5 — 7 und Isaias 38, 1 — 8. 

12* 



180 EINIGE BREVl ARIEN VON SANCT LAMHRECHT 

Lxxv, GG"" Den salm machten di e^varten von gotis urstende. 

Lxxvi, G6'' Do der heilige geist wider zu David chom, den 
er von werlüichem gelüste verlorn hete, do macht er den salm. 

Lxxvii, 67'' Dize gotis wort hiez Davit, der chunich, dem 
Hute wissagen an dem phinztage , daz si betten an einen got, 
der so groz wunder het getan. 

Lxxvni, IV Man liset ninder daz bi Davides citen so getan 
dinch ze Jerusalem ergienge, do aber er vol wart des heiligen 
geistes, do saget er den Juden waz chunftich weere. 

Lxxrx, 72^ Den salm macht David den Juden und hiez si 
nach sinem tode, sweune siu in deheinen noten wseren, daz si 
got da mite bieten. 

Der inhalf dieser Überschriften ist zum teil den kurzen noten 
an der spitze der psalmen entnommen, zum teil aus den psalmen 
selbst erschlossen, manches gehört dem aberglauben an und hat 
sich in später tradition erhalten, eine ähnliche (lateinische) Samm- 
lung, die bis zum 110 psalm reicht, enthält die handschrift nr ^'2 
aus dem xiv Jahrhundert des steirischen cisterzienserstiftes Renn. 
vgl. Beiträge zur künde steiermärkischer geschieht squellen xu. 32. 



Vll 

Das breviarium 39/17 4" enthält nur anfangs wenige Matter 
aus dem xn Jahrhundert, alle übrigen stammen erst aus dem xiv. 
dem kalendarinm sind monat für monat deutsche regeln beigegeben, 
die der beachtung nicht unwert scheinen, in bezug auf den vo- 
calismus ist nur zu bemerken dass die diphthongierung von i noch 
nicht begonnen hat — es kommen zwei -lieh und ein sin vor — , 
und dass einmal u für uo steht: slugen 2". izze 2'' als imperativ 
gegen iz 3^. 4\ G\ 
1'' Januar In dem manot solt du niht chaltes niht ezzen. 

Jani prima dies et septima üne timetur. 
2^ februar Hie behuote dich vor dem froste und la uf der band. 
Ast Februi quarta est, praecedit tercia finem. 
4. mit unzallicher menige. 

9. Apollonie. der slugen die beiden di zende 
uz mit steinen. 
Symeonis episcopi et martyris. der was un- 
sers berren chuune und wart gechracet. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 181 



2'' märz Hie izze braten und baile emzeclichen. 

Martis prima necat cuius sub cuspide quarta est. 
3' afril Hie nim getranch und la uf dem luoze. 

Aprilis decima est, undeno a fine salutat. 
3'' mai Hie iz diche ephich und poleium. 

Maio tercius est lupus et septimus anguis. 
4' juni Hie iz lattoch und obez und trinch nühter, 

Undecimo Junius, quindeno a fine minatur. 
4'' jvli Hie solt du niht lazzen und gamandream und chume 

ezzen. 
Tredecimus Julius decimo induit ante kalendas. 
5* augnst Hie vermide heizziu ezzen diu werrent. 

Augusti nepa prima, fuga de fine secundam. 
6' october Hie iz geizen und schafen milch und gariophil. 

Tercius Octobris gladius decimo ordine nectit. 
6'' november Hie iz galgan und cinnemin, daz solt do dir guot sin. 
Quinta Novembris acus, vix tercia mansit in urna. 
7* decemher Warmiu dinch sint guot hie genozzen. 

Dat duodena cohors Septem inde decemque De- 

cembris. 
4. Barbara. Swer der abent vastent, den chumt 
daz ungenant niemer an. 
Die bedeutung dieses letzten aber glänhi sehen satzes festzu- 
stellen, ist nicht leicht, befragen wir zunächst die lateinische le- 
gende, so findet sich allerdings darin eine besondere bitte Barbaras 
vor ihrem tode. in der Legenda aurea heifst es: adducta in montem 
orabat ad dominum dicens: 'domine Jesu Christe, cui omnia obe- 
diunt, praesta mihi hanc petitionem, ut, si quis memor fuerit 
nominis tui et famulae tuae faciens memoriam passionis meae, 
domine, ne memineris peccatorum ejus in die judicii, sed pro- 
pitius esto ei: tu enim scis , quia caro sumus.' die bitte wird 
bewilligt, die lateinischen tagzeiten von Sanct Barbara (Schade, 
Geistliche gedichte vom. Niderrhein s. 49 ff) enthalten schon fol- 
gende Schlussstrophe : 

Has horas canonicas, 
Barbara beata, 
fero tibi debitas, 
ut a repentina 
plaga me custodias 



182 EINIGE BREVIAFilEN VON SANCT LAMimECHT 

al(|ue a rapina 

(Jaen)onis me protegas: 

et coeliim propina. 
Hermann von Fritzlar (Pfeiffer, Mijsiiker i, ] 4) hat die stelle: 
Daz wir got und dise jungfrowe als6 ören muzen, daz wir äne 
rüwe und äne bichte und äne gotis lichamen nimer ersterben 
und daz wir mit ir daz rHvige riebe besitzen, des belfe uns der 
abiiechtigc got. also noch ohne dämone. so auch die von Schade 
aao. s. h2 ff herausgegebene Barbarakgen de, in welcher es v, 341/f 
hei /'st : 

Jesu Criste, ich bidden dich 

dat du willes getwiden mich. 

soe doe et durch den willen min, 

of ieman in dem nameu din 

gedenke minre martel pin, 

vergif im, herre, die sunde sin 

und alle sine niissedait. 

wan he vur gerichte stait 

an dem jüngsten dage, 

here min, soe beclage 

sine sunde genedichlich : 

lieve here, datt bidde ich dich. 
Dagegen finden sich die dämone in der schönen Barbaralegende 
der Klosterneubnrger handschrift 1079 (vgl. JHaupt Über das 
mitteldeutsche buch der märterer s. 4), von welcher ich durch die 
gute meines freundes JMWagner eine abschrift besitze, dort bittet 
Barbara fol. 80': 

Wer meynes namen durch dich gedenkcht, 

herre, dein parraung ys ym senkcht. 

herr, wer meynr marter gedechtig sey, 

durch meyn willen sey deyn hyllf pey. 

Gib ym deyn reych und deyn huld, 

vergyzz, herr, aller seyner schuld. 

Gib ym peycht, nuzz, der sunden schäm, 

daz heyllig öU und den leychnam ; 

vor seynem endt sent ym deynen geyst 

czw scherm von der weit mit voUayst. 

Herr Jhesu Christ, mach yn gewar 

und pehüt yn vor der tyeffel schar 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 183 

und vor yerer fraysleychea gericht, 

in deiu geiiarl d\v in verphlicht. 
Das von Palm (Die deutschen mundarten i, 240 /"j heraus- 
gegebene Barbaragebet enthalt nur allgemeine bitten, die aber eben- 
falls hariptsächlich den bösen fernhalten sollen. 

Die bestimmung vom fasten an Sanct Barbaren abend findet 
sich bei Schade aao. s. 3H in einem an die heilige gerichteten 
poetischen gebete: 

du hais got den heren gebeden, 

dat he genade wille geven 

allen den die dynen avent vasteu 

und dynen dach rasten, 

niet van hynnen scheyden, 

sijn heylige lijcbam moiss sij geleiden 

zo eynre speijse, syn bloit yren dranck: 

des have die billige joncfrauw danck. 
Aber hier fehlt wider der erbetene schütz vor dem teufet, 
auch der Volksglaube weifs nichts davon. Zingerle, Sitten, brauche 
und meinungen des Tiroler volkes, Innsbruck 1871 hat s. 180 
die nnmmer 1499: die hl. Barbara wird als beschützerin vor 
jähem tod verehrt, wer täglich sie verehrt, xoird nicht ohne die 
hl. Sterbsakramente sterben. und nr 1500: ein weitverbreitetes 
gebet lautet : 

Heilige Barbara, 

du edle braut, 

seel und leib 

ist dir anvertraut. 

schütze mich in jeder noth, 

bewahre mich vor jähem tod! 
Nur eine sage (Zs. für deutsche mythologie iv, 162) spricht 
von der überioältigung des teufeis durch Sanct Barbara, kann 
der jähe tod, kann der teufel mit daz ungenant bezeichnet werden? 
das Mhd. wb. führt n' 312"' nur schlimme tiere und krankheiten 
an; dass die elfen 'die ungenannten heifsen ist dort ohne beleg 
verzeichnet. — auch heutzutage herscht , wie mir mein freund 
Schauenstein mitteilt, der brauch besonders gefährliche oder ekel- 
erregende krankheiten nicht zu nennen oder durch Umschreibungen 
zu bezeichnen. — vor krankheiten schätzt fasten. Grimm Myth.^ 
anhang s. lxx. wer gründonnerstags fastet, bleibt das Jq,hr frei 



184 EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECIIT 

von fieher, und hat ers, so vergehts. — die hedeutnny des un- 
genant m unserer stelle wird also wol zweifelhaß bleiben müssen. 
— vergleiche noch Anzeiger für knnde der deutschen vorzeit 1853 
s. 135. 

VIll 

Kein breviar, sondern ein gebetbnch und hier nur aufgenom- 
men, weil es demselben orte wie die früheren nummern entstammt, 
der codex 40/12 8^ enthält, 169 blätter stark, lateinische frauen- 
gebete mit deutschen Überschriften, der Schreiber oder verfasset 
nennt sich in folgendem Stückchen reimprosa fol. 85'': 
Umbe den scriber sprich ditzze, 
daz er erloset werde von der hitzze. 
Domina tocius orbis, cuius filius resolvit dominium mortis, 
tuam piissimam exoro clementiam pro famulo tuo Chunrado, 
ut tuo auxilio committeres eum in hoc exilio, quateuus tuo 
fultus presidio illibatus in sancto perseveret proposito; 
sensus donans docibiles in luo famulatu facias agiles, ut per 
tuam gratiam e lern am post hanc vitam fine beato finitam 
mereatur te intercedente et Christo, filio tuo, concedente 
assumere immortalitatis coronam. Amen. 

Die Überschriften unterscheiden sich von den in den früheren 
nummern erwähnten dadurch, dass sie zum teil in gereimten vei^sen 
abgefasst sind^, welche zwar, recht unbeholfen, von der geringen 
gewantheit des Verfassers zeugen, aber wol eben deshalb als reste 
der poesie ungeübter willkommen sein mögen, zunächst vocalismus 
und consonantismus. 

e sehr häufig durch i ersetzt, so besonders in vorsilbe ge: 
gi findet sich 22mal, ge 2 mal 39'. 41''. a zu e geworden und 
geschwunden letnie 80^ für i dreimal y: krystenheit 11'', erzinye 
53'', hymlischen 77\ vor r einmal ie: ier 19". ä umgelautet: 
touphsere 55''. 77", lersere 64% lorwfertl — kruzern 30\ i nicht 
diphthongiert. 6 nicht umgelautet, für ü einmal uo : truoten 79\ 
ai für ei, öfters sei, deshalb wol auch einmal gaest 23''. 7 ou, 
1 au: rauchet 111''. für uo einmal ue: pluete 22\ 

Für die dentale media die tenuis 2mal im anlaute: tu 28**, 
tengile 53^ — winth IIT. kein c für z, tz regelmäfsig, nur 
ditzze: hitzze 85% § 152. sculn 35^ — ch ist nicht durchge- 

* ähnlich fFiggert Seh er f lern i, 28. 



EINIGE BREVI ARIEN VON SANCT L AMBRECHT 185 

führt; es wechselt im anlaut mit k, im anslant unterbleibt es 
einmal: gisanc S^. — p wechselt mit b im anlaut; im auslaut 
p, sogar pp: starpp 105''. aspirata durch ph, einmal pph: en- 
pphahent 22'. ph auch für f: touphaere 55''. 77'', ruophe wir 77*. 
Wenig apocopen und syncopen; inclination: sprichen 77'. — 
olde 11% 11'' vgl. Scherer, QF 7, 59. ich gebe hier eine auslese 
der Überschriften. 

8'' Diu misse ist von unsers herren giburt und von siner 
martere und urstende und (9") von unser frowen Sanct Marien 
und von den engein und von allen gotes hseiligen. Englischez 
gisanc: gloria in excelsis. 

21'* Hie mite warne dich ze dem gotes lichnamen. 
30' Über die haiden den crucern ze hilfe sprich. 
Dens, venerunt gentes i. Exsurgat deus et dissipentur inimici eins. 
Et fugiant qui oderunt eum a facie eius -. (30'') Domine exaudi 
orationem meam. 

35' Von dem hailigen cruce wir daz leben haben, ^ 

des sculn wir im ginade sagen. 
36'' Nu chere daz herze din 

ze der muoter magdin. 
47'' Hie bitte unser frowen umbe rehten ende, 
daz si dich bringe ze ir sunes erchende 
und dich ginoze den sseligen maiden. 
49'' Von der rainen maide, 

daz si uns behuote vor laide. 
52' Nu bevilch Sanct Mychahele 
die angest diner sele 
unt bitte ander engele guote, 
daz si wesen din scherm unt huote 
unt bewarn dich 
alle gilich. 
53' Von sant Gabriel diu goteschraft. 
53'' Von sant Raphahel diu gotes erzinye ist. 
Von din selbes engile, 

1 Psalm 78, l Deus, venerunt gentes in hereditatem tuam, polluerunt 
templum sanctum tuum: polluerunt Jerusalem in pomorum custodiam. 
2 = Psalm 67, 2. ^ am ende jedes verses neben dem letzten bucli- 

staben ein kleines häkchen. man ist also nicht unsicher darüber, was 
der Schreiber für einen vers gehalten hat. 



186 EIMGE BREVIAHIKN VON SANCT LAMBRECIIT 

(laz (M' (licli icmer tengilc 

sprich (lilze gibel. 
öV" Von dem guoten lorwaertl, sant Pelre. 
64' Von (1cm lersere din, 

dem guolem sant Auguslin, 
68'' Von sant Marien Magdalen, 

daz si uns muoze bekern. 
71'' Von dem snne, 

daz er uns si frume. 
73'' Ditze gibellin 

sprich der l'rowen din, 

der suozen sant Marien, 

daz si dir rehten ende muoze verhhen. 
77" Ditz gibet ist von allen hymlischen choren. 

nu ruoplie wir si an, daz si uns erhören. 
80" Dise letnie sprich umb dinen ende, 

daz in got giucedichlichen sende. 
85" Ditze suoze gibetliu 

sprich unibe die*magen din. 
85'' schon oben angegeben. 

110'' so man daz bilde begrebet. 111" so man daz cruce 
in di lichn winth. 111'' Hie sprenget man daz grap und rauchet. 
Hie beluchet man daz grap. diese Überschriften gelten den kirch- 
lichen ostercerenionien, die aber hier ohne jeden versuch einer dra- 
matischen darstellvng angegeben werden. 

135" — 169'' enthält den rest eines breviars von viel älterer 
Hand, am schlnss die sequenz Victimae |jaschali. 



Es wird niemandem entgangen sein dass die vorgelegten stücke 
nicht in die chronologisch geordnete reihenfolge gebracht worden 
sind, welche durch eine Übersicht des vocalstandes sich leicht fest- 
stellen lässt. diese reihe wäre: n B. ii .4. vni. vi. vu. iv. v. i. 
in. an sie schliefsen sich die interlinear Versionen, sie lourde aus 
praktischen gründen nicht eingehalten. 

Auch ist leicht zu bemerken, dass eine anzahl eigentümlicher 
lautbezeichnungen in diesen stücken häufig widerkehren, nicht jede 
ist zwar in allen nummern vorhanden, aber sie kreuzen sich unter- 
einander und bilden so, ähnlich den schreiberhänden der Codices 
im ganzen und grofsen, ein festes band graphischer gemeinschaft. 



EINIGE BREVI ARIEN VON SANCT LAMBRECIIT 187 

ich loill die vorzüglichsten anführen und zwar in einer reihe, 
welche durch die hänfigkeit des Vorkommens bestimmt wird: i für 
e in den endungen; lei für ei; c vor e und i statt z; ou für ü; 
eu für in; sc sh s für seh; <e für e; unechtes h im anlaut; 
t für d im anlaut; entstehung von zwischenvocalen durch den 
einfluss von r und w; v für b; y für i; u für e und i; d«e 
/üf/«^e von i, 6 loi'rcf rf?*rc/( zugefügtes e orfer h bezeichnet', ei /lür 
ie; th /"rtr t, ue für iu, iu durch ie gegeben, dazu kommen die 
apocopen, inclinationen und besonders schweren Verschmelzungen, 
bei denen einzelne wörtchen (man) ihre existenz nahezu aufgeben, 
und endlich in bezug auf die formenlehre die fast durchstehenden 
vertauschungen der starken und schwachen formen in imperativ 
und Präteritum ^. durch Verweisungen auf die bezüglichen Para- 
graphen von Weinholds Bairischer grammatik habe ich fast für alle 
in unseren handschriften vorkommenden graphischen eigenheiten 
die existenz im weiten umkreise des bairisch-österreichischen be- 
glaubigt^, ich meine aber, der kreis liefse sich enger ziehen, 
sieht man nur die belege durch, ivelche für die verzeichneten er- 
scheinungen Weinhold bietet, so wird auffallen dass die übergrofse 
mehrzahl derselben steiermärkischen und kärntnerischen oder all- 
gemeiner gesagt, innerösterreichischen handschriften entnommen 
sind'-^. noch mehr, an einer reihe von stellen habe ich hervor- 
gehoben, dass vor allem die Vorauer handschrift starke Überein- 
stimmungen mit dem lautstande unserer stücke zeigt, diese Ver- 
weisungen hätten, viel reichlicher noch gegeben werden müssen, 
wäre ich nicht überzeugt, dass jedem, den das hier gelieferte kleine 
material interessiert, die lautgebung der Vorauer handschrift hin- 
länglich bekannt sei. ebenso steht es mit der Schreibung der Mill- 
stätter handschrift und ich glaube nicht zu viel zu behauptest, 
wenn ich sage dass — das höhere alter der Millstätter und Vorauer 
handschriften gebürend in rechnung gezogen — die lautbezeich- 
nung derselben mit der unserer kleinen stücke im wesentlichen 
identisch ist. ist somit für diese summe graphischer (und gram- 
matischer) eigenheiten innerhalb des bairisch-österreichischen sprach- 

* hieher gehöi't noch starke declination des adjectivums nacli dem 
arlikel. ^ ^nfür vgl. noch Gramm, i^, 163. 185/: 188. 191. 195. 

202. 208. ^ vgl. Scherer QF 7, 89. die allgemeinen bair. - öslcrr. 

lautbezeichnungen zeigt recht gut der Tundalus. jetzt die lautübersichl 
bei Sprenger, Albers Tundalus. Halle 1875. 



188 EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 

gebietes eine territoriale heachränknng sicher, so müssen die spuren 
einer solcheii auch späterhin noch zu finden sein, freilich nur 
dürftige spuren, denn einesteils ist die zahl innerösterreichischer 
handschriften gering, andernteils hat die aus Deutschland (im 
heutigen sinne) kommende flut weltlicher litleratur auch die gra- 
phischeti eigenheiten innerösterreichischer Schreiber fort gewaschen, 
doch ist wol noch einiges sichtbar, wenn ich nicht irre, so scheinen 
mir in den beiden handschriften der werke Ulrichs von Lichten- 
stein noch Teste der innerösterreichischen Schreibung zu erkennen i. 
Lachmann verzeichnet zu 1,1 ei für i, ov oder v für ü, eu für 
iu als eigenheiten der handschrift. th 68, 30. e vor r 218, 22. 
fei 477, 1. vertauschung starker und schwacher formen des Prä- 
teritums 21, 8. 24, 24 mid noch oftmals. 

In bezug auf die Krone Heinrichs von dem Türlin verlasse 
ich mich auf ein reimverzeichnis, welches ich vor einigen jähren 
angefertigt habe, für dessen absolute Vollständigkeit ich allerdings 
heute durchaus nicht sicher stehen will, als hier in betracht kom- 
mend führe ich au: uo auf ii vor m I2mal, vor r IQmal, ein 
parmal vor n. ou : u 24mal; i : ie vor r und h 20mal. ie: 
ei 24827, iu: eu 27159. 425 reime zwischen kurzem und langem 
vocal vor verschiedenen consonanten. k : ch, g : ck, s : z, ss : zz 
sind sehr häufig. — ebenso liegen die reimverhältnisse iii den 
steierischen gedichten aus der heldensage. Gundacher von Juden- 
burg 2 weist dieselben lautbezeichnungen auf, nur gestört durch die 
rohheit späterer zeit, wie es im xv Jahrhundert in dieser gegend 
stand, wird recht gut ein predigtconcept zeigen, welches ich an- 
hangweise abdrucken lasse. 

Es scheint mir somit die existenz einer eigentümlichen inner- 
österreichischen lautbezeichnung vom xn Jahrhundert an erwieseti. 
durchaus nicht Jede Schreibung für sich, sondern die summe aller, 
gerade diese summe dieser Schreibungen machen ihren Charakter 
aus. ich sage nicht 'dialekt' von dieser erscheinung ; dessen be- 
grenzung und entioicklung festzustellen bedarf gründlichen unter- 
suchens des urkundlichen materials, welches in den letzten Jahren 

* wie tvenig davon in Ulrichs dichtungen übergegangen ist, lehrt 
das Verzeichnis der reimungenauigkeilen bei Knorr, QF 9, 50/". 
^ kerrn pi'ofessor ff'einhold habe ich hier für die besondere gute zu 
danken, mit welcher er mir sei?ie abschrift des Hortes Christi zur be- 
nutzung geborgt hat. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 189 

reichlichst bekannt gemacht lourde und nunmehr für die forschung 
bereit liegt i. auf solche zu venoeisen ist der zweck dieser spär- 
lichen bemerkungen. 

Dass die aus SLambrecht stammende Grazer handschrift von 
Hei7irichs Litanei durch die schreiberhände in beziehung mit unseren 
stücken steht, ist schon erwähnt worden, ein iveiteres band ist 
die identität des in nr v gedruckten frauengebetes mit dem in der 
Litaneihandschrift enthaltenen, ferner kommen bei den lateinischen 
gebeten, icelche der Litanei in der handschrift vorangehen, kleine 
deutsche Überschriften, jede etwa mit drei oder vier Worten vor. diese, 
16 an der zahl, stimmen nicht nur in vocalismus und consonantis- 
mus ■^ mit den in unseren erstell nnmmern besprochenen, sondern sind 
auch ihrem inhalte nach dem grofsen stocke von Überschriften ent- 
nommen, welchen die breviarien u B ii A bieten, dadurch ist wol 
sichergestellt , dass die Grazer handschrift von Heinrichs Litanei 
an dem orte und zu der zeit angefertigt worden ist, welche wir 
für unsere stücke in anspruch nehmen. 

Vogt hat in seiner Untersuchung über die Litanei (Paul- 
Braunes Beiträge i, 108 — 146) mit vieler mühe aber ganz un- 
zulänglichen mittein die entwicklung der kirchlichen litaneien zu 
zeichnen versucht, er hat mit recht auf die bei Martene De 
ant. eccl. rit. i, 1, 571^ abgedruckte litanei, die sogenannte all- 
gemeine, verwiesen und gezeigt, dass sie der hauptsache nach als 
Schema der arbeit Heinrichs gelten müsse, diese litanei ist in allen 
SLambrechter breviarien, die ich kennen gelernt habe, enthalten. 
dass sie in einigen handschriften abkürzungen, in anderen erwei- 
terungen erfahren hat, ändert an dem Sachverhalte nichts. Vogt 
hätte zu seinen citaten aus der Marteneschen litanei noch einige 
fügen können, das quellenverzeichnis ist nunmehr durch Rüdiger 
Zs. XIX, 324: ff ei^heblich bereichert, ich bediene mich bei meinen 
nachtragen des breviariums 42/93 4^ als eines repräsentanten der 
erwähnten handschriften. natürlich citiere ich Heinrichs Litanei 
nach der Grazer handschrift, Fundgruben ri, 216 — 237. 217, 37 
er heizzet unser heil unt unser heilant usf.: lit. Deus redennptor 
mundi. die worte der litanei: Sancta dei ^eoitrix, sancta virgo 

' besonders in vZahns Codex FrisingeJisis und im Steiennürkischen 
urkundenbvch. ^ mich die mehrfach enoähnte vertauschung sclnvaclier 
und starker formen in der conjugation wird hier vorgenommen. 



190 KIMGK I5I5KV1 ARIEN VON SANGT LAMBRECHT 

vir<iitMini, «iiiiulii rcgiiiri c»^li mid zwar in ilm versen 219, ] (f 
nicht wörtlich iihersetzt , sind aher sicher der anlass für sie ge- 
wesen, in dem abschnitt von Sanct Johannes baptista findet sich 
gegen den schhiss hin 2'i(), 45//' die anrnfung der patriarchen, 
apostel, mürtijrer usf. dieser entsprechen in der lateinischen litanei 
die omnes patriarchae, prophetao, confessores, marlyres saoctaeque 
virgines. 229, 17 (Gregorins) des heiligen geistis chaniirsere: litati. 
sancti spiritiis organiir». nach Jeronimns, der in unserer lateinischen 
litanei vorkommt, werden lotV/er 230, 14/f' die hihtaere angeinfeu, 
wie in der litanei: omnes sancti pontiüces el conlessores. in den 
bitten besteht eine correspondenz der stellen in folgender weise: 
234, 18: propitius esto, parte nobis, domine; 234,30: ab insi- 
(liis inimicorum, ab omni iniquitate; 234, 34: ab ira Ina; 234, 36: 
ab omni immundicia; 234, 38: a spiritu fornicalionis; 234, 39/"; 
ab insidiis diaboli, a manifestatione daemonum; 234, 41 : a raorte 
perpetua ; 234,42: ab omni malo; 235,6: per mortem et se- 
pulturam tuam ; 235, 1 1 : per adventum spirilns paracliti. 235, 14/^; 
in hora exitus, in die iudicii; 235, 20/f: per intercessionem sanc- 
tae genetricis et omnium sanclorum. in den Lambrechter exemplaren 
der litanei sind einige heiligennainen dadurch ausgezeichnet, dass 
sie in capitalien geschrieben sind, durch jeden buchstaben ist noch ein 
roter strich gezogen, es sind dies die namen der in der Lambreckt- 
Grazer handschrift der Litanei besprochenen heiligen, unmittelbar 
vor unseren litaneiexemplaren befinden sich in den breviarien 
kurze gehete, welche verschiedenen heiligen gewidmet sind ; und auch 
hier findet Übereinstimmung mit den in der Litanei besprochenen 
heiligen statt, ohne dass jedoch für den iext der gediehe Heinriche 
unmittelbar entlehnung der worte nachweisbar wäre, dei' schon 
erwähnte codex 42/103 4*' enthält vorne eine anzahl guter feder-^ 
Zeichnungen, welche dieselben heiligen darstellen, der heilige Nico- 
laus ist hier noch dazugekommen, unter der bezeichnung com- 
munis finden sich in Heinrichs Litanei eine gröfsei'e anzahl von 
bitten, meist dazu bestimmt für die weltlichen ven'hältnisse zu sor- 
gen, alle unsere breviarien enthalten nach den' litanei, durch einige 
gröfsere gebete getrennt, kleine orationen, denselben personen und 
verhältwissen gewidmet und nahezu in derselben ordming wie in 
Heinrichs communis, das wird um so auffallender als diese kleinen 
orationen mit deutschen Überschriften ausgestattet sind, welche fast 
wörtlich den angaben der oratio communis 236, 5 — 237, 1 ent- 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECilT 191 

sprechen, eine an zahl derselben ist in den proben zn den ersten 
nummern unserer stücke angeführt. 

In den SLambrechter handschriften finden sich gelegentlich 
notizen, durch welche lebende oder tote personen besonderer berück- 
sichtignng empfohlen werden, am auffallendsten geschieht das 
42/9 i 4" fol. 196% reo nach der oratio iimb alle glouhige sele 
ej>j — keirie individuellen züge bietendes - gebet pro anima 
BALTWIM eingeschaltet ist. zur Verstärkung wird am rande von 
gleichzeitiger hand hinzu gesetzt: den iiamen scoltu durch got 
sprechen unde durch niiner vrawen sancle Marien willen, das 
totenbuch von SLambrecht hat nur zioei specimina dieses seltenen 
namens, das eine: Pahhiinus moiiachus an einem 'Ib Januar des 
xni Jahrhunderts kommt der zeit wegen aufser betracht, dagegen 
würde der Bakiwinus preshyter et monachus istius loci, welcher 
an der spitze des 18 april steht, nicht übel passen, dass namen 
wie der Chuonradus, für welchen im codex 40/12, der Fridericus, 
für welchen im cod. 40/100 gebetet wird, reichlich im totenbnche 
von Sanct Lambrecht nachweisbar sind, ist selbstverständlich, die 
handschrift 42/103 enthält blatt 95'' und 96' zicei federzeich- 
nungen mit nebenstehenden gebeten, welche einen Gerolt und eine 
Mahtilt darstellen, beide namen sind ans dem totenbnche im xii 
Jahrhundert vielmals belegbar, entziehen sich aber eben dadtirch 
näherer bestimmung. vor dem oben erwähnten Nicolaus derselben 
handschrift kniet ein bittender mönch, um dessen haupt der name 
Baringarius geschrieben ist. es scheint mir kaum s« bezweifeln 
dass damit der abt Berengar gemeint ist, dessen regiment man 
nunmehr nach Pangerls sorgfältiger Untersuchung i zwischen 1 1 80 
und 1216 zu setzen hat. allerdings ist es möglich, ivenn auch 
gar nicht wahrscheinlich, dass diese Umschrift nebst dem kleinen 
gehet, welches auf einem aus dem munde des knieenden gewickelten 
streifen steht: ornnibus te invocantibus benigne adsis sanclus 
Nycolaus. Sancte Nycolae, tu vota nostra suscipe et apud deum 
sis uobis in adiutorium, der Zeichnung später zugesetzt wurde, in 
bezug auf die schreiberhände habe ich noch folgendes anzuführen: 
Hoffmann sagt Fundgr. ti, 237: 'Hierauf (mif die Litanei) folgert 
deutsche gebete in prosa von jüngerer ungleicher hand.' die ver- 

* Beilräge zur künde steiennärkischer gesefnc/itsquellen ii, 126 f. 



192 EINIGE BR EVI ARIEN VON SANCT LAMRRECHT 

schiedenheü der schrift ist einJenchtend, aber die altersdifferetiz 
kann nicht yrofs sein, da auch in den handschriften 40 lOO, 40/12 
und 42/103 diese beiden hände aufeinander folgen. ^ 

Sämmtliche hreviarien sind für nonnen bestimmt, einige, wie 
42,93 tragen sogar die anfschrift: Breviaiium ahhalissae. dass 
sie aber nicht in einem frauenkloster geschrieben worden sind, geht 
daraus hervor dass in allen handschriften häufig zuerst geschrie- 
benes faouilus, lamiili, lamulorum, pt'ccatoris, pruotler etc. in 
famula, famulae, famularum, peccatricis, suuesler geändert worden 
ist. die besserungen rühren sämmtlich von den bänden der ur- 
sprünglichen Schreiber her. es sind also diese breviarien von man- 
chen für nonnen geschrieben , mönchsbreviarien zur vorläge ge- 
nommen, und darin die für eine nonnencongregation notwendigen 
besonderen gebete und ceremonialan gaben eingetragen worden, dass 
die handschriften dann durch lange zeit in frauenhänden waren, 
wird dadurch bewiesen dass frauen noch spät an den rand be- 
merkungen und gedichte schrieben (Zs. xviii, 82). aber' auch die 
merkwürdige Sorgfalt, mit welcher risse und lücken im pergament 
nachträglich durch in kunstvoller Symmetrie geknüpfte und ver- 
schlungene, bunte seidenfäden geheilt worden sind, weist auf weib- 
liche hände. 

Verschiedenen mönchsklöstern alter zeit war unter dem schütze 
eines gemeinsamen heiligen eine nonnencongregation beigegeben '-. 
das ist eine bekannte tatsache und für Admont, SPaul, Sekkau sind 
Siegel und Urkunden dieser aggregierten klöster vorhanden, auch 
von SLambrecht steht fest dass coDsorores moniales bestanden, 
freilich bestimmte angaben aus alter zeit sind selten: iudilhd stirbt 
24 februar, Gerdrudis 14 juni und Hadburg^ 27 august im 

* ich kann zu Rödigers hypotliese, welche den abf Engelbvecht der 
Litanei in dem abt Engelbreclil des /tlosters Obernburg vermutet, an- 
mertten dass freundliche bemühung des herrn prof. vZahn, directors des 
steiermärkisehen landesarchives, loeder neue urkundliche nachiv eisungen 
dieses ables noch daten für einen verkehr zwischen SLambrecht und 
Obernburg aufzuweisen vermochte, auch Ignaz Oro^zen, Das benedictinerslift 
Obernburg, Marburg \%'&,bringineues 7naterial nicht bei. ^ vgl. Bartsch 
Germania xviii, 72. ^ sie ist durch ein misverständnis unter die con- 
versi s. 259 geraten. — ich erwähne bei dieser gelegejiheit, wie auffallend 
grofs die zahl der namen aus der deutschen heldensage ist, toelche i?i 
diesem lotenbuche sich finden. Amelrich, Amelunc, Dietleip, Dietrich. Ezil, 
Gisilher, Günther, Hagano, Hartnit, Helica, Herlint, Hiltiprant, Hiltiburch, 
Ilsunc, Siboto, Sigfrid, Swanehilt, Wielant, Witigo, Wulvinc sind sehr häufig. 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT L AMBRECHT 193 

XII jahrhmdert; aber eine angäbe genügt ja und ohne zwei fei ge- 
hören aus der grofsen zahl von franennamen , welche Pangerl 
s. 274 — 287 seiner ausgäbe unter dem titel: 'religiösen aus dem 
benedictinerorden ohne ortszuweisung' zusammenstellt, viele hieher. 
noch am 12 juni 1583 stirbt eine Anna Maria Guetlraterin mo- 
nialis et priorissa nionialnm congregationis SLambertinac. ich 
glaube daher dass unsere handschriften ihre bestimmung und ihren 
ältesten aufenthalt in dem nonnenkloster hatten, welches den bene- 
dictinern von SLambrecht aggregiert war. ist das der fall, dann 
erklärt sich auch dass so viele handschriften von dort in einer 
gruppe vereinigt auf uns gekommen sind, war das frauenkloster 
im 16 Jahrhundert aufgelöst, so gelangten alle handschriften an 
die mönche zurück, und die zeit, in welcher den manuscripten die 
gröste gefahr drohte, war überdauert. 

Was diese handschriften an material für die geschichte der 
lateinischen kirchlichen poesie bieten, wird noch besonders erörtert 
werden. 

A M h a n g. 

Die handschrift 36,55 fol. der Grazer Universitätsbibliothek, 
aus welcher ich Zs. xviir, 80 einen segen herausgegeben habe, ent- 
hält auf den schlussblättern folgendes eilfertig geschriebene predigt- 
concept : 

Hie notanda est forma predicatoris, qui vult facere sermo- 
nem ad popukun. Primo dehet facere Signum sancte crucis ad 
frontem , deinde ad os , post hec ad pectus et debet incipere 
illud evangelium : 'in principio erat verbum' et dicat usque ad 
omnia et tunc subjiingat: 'et caro factum est' et dicat usque ad 
finem et luuc dicat: 'veni sancte spiritus' et tunc debet sie in- 
cipere: 'bomo quidam fecit cenam magnam et vocavit multos' 
scribit Lucas xiiii". 

Die chraft gots vater von himil, die parmbercikait gotes süns 
und der süzz infliizz got des heiligen geistes, dy seyn alzzeit mit 
uns in allen unsern uöteu und angsten. sprecht mit andacht 
ewers herczen i, liebe chinder, vater unser. — Ich hab euch für 

* mittels des Zeichens f^ ist auf den unteren rand verwiesen, wo 
folgendes steht: vel sermo procedat: chraft und weyssait der haylign dry- 
valtichaytt, gnad und parmherczigchaytt der chünigin muetter Marie, hilf 
und tröstung als, himelisch herr, das sey etc. 

Z. F. D. A. neue folge VIII. 13 



194 ELMOE HREVIAHIEN VON SANCT LAMBRECHT 

gelegt ain sprflch in l.ilciii , der slet geschribeii in dem vnr- 
czehenden hiuipspriich des gnnczen ewangelium Luce und spricht 
in der dcwlli also: Ein der perayt ein gross abenlessen und 
ruft darczu vil menschen, von den warten hab ich gedacht zu 
reden, das mag ich nicht volpringon an di gnad des heiligen 
geistes und darumb, das uns gnad vverd verliehen, das heiligt 
gotswart an uns nützleych vverd volpracht , das got und alles 
himlysche her da von gelobt vverd und unsers suntigs leben da 
von gepezzert werd, die armen sein in vveyczen davon trost 
Werden, so niff wir an die müter aller parmheiczichait, die junk- 
frau Mariam und saud ßernbart: du müter der guetichait, tue 
auir die tür deins allerguttisten berczen dem sevvfftunden pet 
der chinder Adam et sie auctoritatem, mater, ducas et subjungas. 
und das sy uns gnad erwerff, so grüs wir sey mit dem englischen 
griis und sprechen: Ave Maria. 

Und dar nach so heb aber an dein them und leg den aus 
als du chanst pest. Einem sermonis sie incipe: Nu schult ir 
merkchen die heiligen zeit die ir habt in der chunfligen wochen : 
Margen habt ir den tag des heiligen herren sand Pulten und 
seiner geselschaft, von dem wir lesen das in der heilig herre 
sand Larencz pechert hat mit allen seinen hausgesind, des da 
sind gewesen achzehen, und habent die ungelaubigen den heiligen 
herren sand Polten gepunden hinten an ein pliert und habent 
in geslayphet durich distel und duricb dorn uuz das er auf gab 
sein heilige sei und sein hausgesind hat man euchophet. die 
schult ir an rufl'eu wo ir seit an ewer arbait, das sevv got für 
ewch pitten, das ir kompt zu im in das reich der himil. hintze 
Eritag habt ir eins heiligen lerer tag, der hat gehaissen Eusebius, 
der auch gestorben ist in der venkchnus ze Ram durich christen- 
leichs gelawben willen, an dem selben tac habt ir den abent 
der wunnesamen hachzeit unser liben frawen, als si verschaideu 
hat aus der gegenwurtigeu weit zu dem himelscben reich, den 
abent pewt man enkch zii vasten pey christenleicbem pan und 
rehter geharsam. am miticbn chund man ewch den tag der 
schidung unser fraw. den pewt man enkch zu feyrn pey dem 
pan und pey rechter gehorsam, das ein ygleich christenmensch 
got schol loben und unser fraw also, das unser fraw uns allen 
helf zu den hymlischen frevvden, die si ewichleich pesiczt in dem 
reich der bimil. (si vis dicere unum miraculum, dicas sie: wir 



EINIGL BHEVIARIKN VON SANCT LAMBRECHT 195 

lesen von ir, das ein sunder alczeit anrupft unser etc.) i. Iiintcz 
Ireylag so habt ir den acliieu lag sand Larenczen. was ir an 
seinem tag versawmt ließt, das schult ir erstaten an dem achten 
lag. hincz sampcztag habt ir eins heihgen martrer tag, der 2 ist 
genanl gewesen Agapitus, den schult ir auch an ruffen, wo ir 
seyt an ewer arbayt. nicht nier habt ir geneuig heiligen in der 
Wochen, die heiligen mit der gam '-^ aller heiligen rul' wir mit an 
und den almehligen got und pitten umb frid, umb gnad, umb 
ain siiligs weter und umb di zwai gericht der christenhait, umb 
das geystleich und unili das weltleich. umb das geystlich, umb 
unsern heyligen vater pabst und umb all sein cardinel, umb all 
pischolf und umb allew priesterschafft und umb all geistleich 
Ordnung, das sew der almehtig got bestätig in allen guten din- 
gen, pesunderleich pit mit audachl ewer herczen umb mein 
herren, abt Ruedolfen von Sand Lamprecht, umb all sein convent 
und umb all dew die ym empholichen sein, es sein geistleich 
oder weltleich. darnach so pit umb das weltleich gericht, umb 
die fursten des lands: umb herczog Ernsten, umb hei'czog Frid- 
reichen, umb herczog Albrechten von Osterreich und umb all ir 
eleich hausfraw. dar nach so pit mit andacht ewrs herczen umb 
all frein, graffen, herren, ritter und knecht und umb all erber 
lewl, di do peschirmer sein wytiben und waisen. pit umb all 
trew arbaiter und umb all trew arbaiterin und umb all todsunder 
und Sünderin, das sew der almehtig got in iren sunden nicht 
lazz erfunden werden, umb all swanger christenfraw und pit 
umb alle petrubte herzen und pit umb die menschen die sich 
verellendl haben in dem nam gots, das seu der almahtig got wider 
haini schikch mit meren frewden und mit minnern Sünden, dar 
nach pit ein ygleich mensch für sich selb, ob indert ein mensch 
gcgenwurtig wer, dem got urlab wolt geben in dem jar, in der 
Wochen, an dem gegenwurtigen tag, das im der almechtig got 
verleich ain wäre rew, ein lautre peicht, ein wirdigevv emphahnuz 
des heiligen leichnam * unsers herren und nach dem eilenden 
leben das ewig leben. Amen. Dar nach schull wir pilten mit 
andacht umh die toten, ein iegleich mensch umb seins vater sei 
und umb seiner muter sei und umb seiner vodern sei und umb 

' der anfang dieser mirakelerzählung passt leider auf sehr viele 
Marienwunder, wenn es noch scliüier für sünder hiefsel •^ A^r fehlt. 

3 Lexer i, 1061/". '' leichnam heiligen die hs. 

13* 



196 EINIGE FUtEVIAHIEN VON SANCT LAMRRECHT 

aller der menschen sei, der gut oder er ir pesessen liahl oder 
von den euch ain gut geschecheu. dar nach so pit umh all der 
menschen sei, der leichnam hie leit vast pey dem gegenw urligen 
gotshaus, umb all gelaubig sei und umb all die sei die nicht 
anders haben den das gemaiu pet. das uns der almechtig got 
erhör umb alles das wir pittund sein und geb uns ablas unser 
Sunden, so rainigt ewer gewissen nach mir mit der offen peicht 
und sprecht mit andacht ewrs herczen: Ich sundiger mensch, 
ich vergich got, unser fraw und allen heiligen, das ich gesunt 
hab von chindleichen tagen hincz auf den heuligen lag mit pösseii 
warten, mit posen werichen, mit posem gedenckchen, mit posem 
willen, mit posem fursacz, mit poser pelrachtung, mit poser 
pegir. das ist mir laid und rewt mich von ganczem meinem 
herczen. ich gib mich schuldig, das ich gesunt han an den 
X poten unsers herren, das ich mein got und mein schepher 
nicht lieb hab gehabt von ganczem meinem herczen, von ganzer 
meiner pegir für alle ding und mein nagsten als mich selb, das 
ich gesunt han au mein panveirtag, an mein pauvastag, an vater, 
an müter, an mein ebenchristen. das ist mir laid und rewt mich 
von ganczem mein herczen. ich gib mich schuldig, das ich ge- 
sunt han mit den funff synnen, an den sechs werichenn der parm- 
herczichait, mit den «iben todsunten, mit hachfart, mit geitichait, 
mit überessen, das ich gesunt han an den syben heilichail, mit 
den newn fremden sünten. all die sunt, die mein hercz ye pe- 
tracht hat, mein mund ie geret het, alle meine glider ye gewarcht 
haben von meinen chindleichen lagen hincz auf den hewligen 
tag, der gib ich mich schuldig, herr vater von himil, auff dew 
geentlosew parmherczichait und pit gnad, herr himlischer vater; 
gnad ich pit dich, suessew müter aller gulichail, junchfraw Maria, 
und die gmain aller heiligen das es den almechtigen got pits für 
mich sundigen menschen, das er mir mein leben frist als lang, 
das ich mein sunt pesser und püez und gots liuld verdien und 
nach disem leben das ewig leben hab. und pit euch priesster 
an gats stat, das ir mir ablas sprecht über die sunt und über 
all mein vergessen sunt, wann si mir laid sind und rewenl mich 
von ganczem meinem herczen. Naigt ewer haup hincz got und 
chlochi an ewer hercz und sprecht: herre, almechtiger got, er- 
parm dich über mich sundign menschenn. 

Tunc dicas: Misericordia — etc. usque ad fmem et facias 



EINIGE BREVIARIEN VON SANCT LAMBRECHT 197 

Signum sancte crucis super populum. dicitur: Habt euch auf. 
das ich gebunscht hab mit den warten, das erlilll der almechtig 
got mit den worichen; so hab ich evvch gebunscht ablas ewer 
Sunden und nach dem eilenden leben das ewig leben, nach 
ofner peicht gib ich ewch oCne piiz, das ein iegleicher mensch 
Sprech dem almechligen got drey pater noster und drew Ave 
Maria unser fraw, das uns got pehüt vor allen schedleichen 
dingen und helf uns zu dem ewigen leben, alle menschen 
die sich gesamment habent zu dem gegenwurtigen gotshaus, 
die mach ich tailharftig virczig tag von der predig und virczig 
tag von der mess eins antlas todlicher sunden und zwir als 
vil der lasleichen an andre gnad, die ein ieder christengiensch 
erwerffen mag in dem gegenwurtigen gotshaus. den antlas und 
all ewer gute werich spar enkch got an die zeit und an die 
weil, so enkch nicht anders gehelfen mag den ewr gute werich. 
ewer leib und ewer sei, ewer gut, ewer er setz ich do mit in 
den scherm und parmherczichait des almechtigen gots in dem 
nam des vater etc. AMEN. 

Die predigt ist bestimmt, obschon als formtdar allgemein 
gehalten, für sonntag den 12 augnst 1 114. montag Hippolytus 
(Sand Polten), dienstag Ensebius, mittiooch Mariae himmelfahrt, 
donnerstag ist ohne bezeichming geblieben, freitag die Laurentiiis- 
octave, samstag Agapetns. 

Der abt von Sanct Lambrecht ist Rudolph Liechtenekker, ge- 
storben am 18 märz 1419. dass die herzöge Ernst und Friedrich 
vor Albrecht genannt werden, versteht sich nach der länderteilung 
des Jahres 1411 wol von selbst, den ort der abfassung — der 
Schreiber ist wol auf einer pfarre des Stiftes SLambrecht gesessen 
— habe ich nicht feststellen können. 

Graz, im august 1875. ANTON SCHÖNBACH. 



198 LITTKltATllR DES ZWÖLFTEN .lAIIlUHiNDERTS 



LITTERATUR DES ZWÖLFTEN 
JAHRHUNDERTS. 

I. HOHENBURGER HOHES LIED. 

Die aufstellungcn von Joseph Haupt über das von ihm zuerst 
lierausgegebene Hohelied sind von Bech Germ. 9, 352 ff zum 
teil widerlegt, zum teil, wie mir scheint, nicht ganz, ich habe 
meinerseits nicht die absieht eine neue umfassende Untersuchung 
vorzulegen, aber ich bin den herren Bech und Haupt eine kurze 
erklärung darüber schuldig, weshalb ich in meiner Geschichte 
der deutschen dichtung QF xn von ihren ansichten abwich, in 
dem buche selbst konnte ich meine gründe s. 74 anni. und s. 76 
bis 78 nur mit wenig woiten und durch den Zusammenhang der 
darstellung andeuten: so dass böswillige geneigt sein werden an- 
zunehmen, ich hätte überhaupt keine gründe gehabt, sondern mir 
ein beliebiges märchen ausgedacht. 

Dass in dem buche ein mitglied des geistlichen Standes zu 
seines gleichen redet, ist klar und auch von Bech s. 357 nicht 
verkannt, vergl. QF xu, 19. 76- 

Dass aber nonnen angeredel werden, will er s. 356 be- 
streiten und die ausdrücke maget, hrnt, gemahele, juncfrowe nicht 
im eigentlichen sinne nehmen, die stellen sind in der tat nicht 
alle von gleicher beweiskraft. teils liegt die anschauung von 
der seele als braut gottes zu gründe; teils mag ein adolescentnlae 
oder amka des textes die veranlassung sein, aber zb. 68, 15 
scheint das unwillkürliche frinndhme neben ßende z. 17, wo es 
nur auf den allgemeinen begriff von gottesfreunden und gottes- 
feinden ankommt, und wo das im texl vorhergehende amka in 
der erklärung durch gemahele gegeben wird, dieses unwillkürliche 
femininum scheint bedeutsam, und wenn 16, 9 ff das adolescen- 
tulae des textes als femininum festgehalten und nur durch bei- 
spiele weiblicher märtyrinnen erläutert wird: so kann ich das 
nicht für einen zufall hallen, und wenn es vollends 123, 25 
heifst von diu so rät ich minen juncvromoen und 126, 7 daz 
wizzen niine juncvrowen: so weifs ich der annähme nicht aus- 



LITTERATUR DES ZWÖLFTEN JAHRHUNDERTS 199 

zuweichen dass zu wilrklichen Jungfrauen und, weil das geist- 
liche publicum feststeht, zu geistlichen Jungfrauen, also zu nou- 
nen geredet wird. 

Am passendsten redet so eine äbtissin zu ihren untergebenen, 
aber es kann nicht gerade nur eine äbtissin so reden. 

Dass jedoch die Verfasserin eine frau ist, halle ich für wahr- 
scheinlich. 

Wenn frau Ava hervorhebt, dass am jüngsten tage das ge- 
schmeide der frauen zu gründe gehe, so ist alle weit einver- 
standen, hierin weibliche gesinnung zu erkennen, ganz ebenso 
durfte ich QF xn, 76 aus dem s. 48, 10 gebrauchten bilde auf 
eine weibliche Verfasserin srhiiefsen: unde dumgent si (dineleräre) 
zesamine die undertdnen in aine geloube unde in aine toufe unde 
in aine minne, also diu pinte ze samine duinget die nienege der 
lokche. vergl, 54, 9. auch dass die milde der darstellung, die 
Zartheit und Weichheit der empfindung sich aus dem behandelten 
text auf den erklärer übertragen habe, kann ich Becb s. 356 
nicht zugeben, wir besitzen viele erklärungen des Hohenliedes, 
welche von männern herrühren, aber so mild, so zart, so weich 
wie diese kenne ich keine. 

Doch ich brauche für meine weitere argumentation nur 
festzuhalten dass das buch aller Wahrscheinlichkeit nach in einem 
nonnenkloster entstanden ist. 

Die handschrift schliefst mit den Worten : Iste liber est sancti 
Trudperti martyris. die worte sind von späterer band hinzu- 
gefügt. 

STrudpert im Schwarzwald war ein mannskloster: über 
dessen geschichte vom zehnten bis vierzehnten Jahrhundert vergl. 
Gerbert Hist. nigrae silvae 1, 192. 299. 459. 2, 44. 147; Neu- 
gart Episc. Constant. 2, 177; die abtreihe bei Bucelinus Germ. 
2 (1602), 293. 

Folglich kann das buch nicht in STrudpert entstanden sein. 

Müssen wir uns bei diesem negativen resultate begnügen 
oder gibt es spuren, welche über STrudpert hinausweisen? 

Es gibt zwei solche spuren , aber sie weisen nicht nach 
derselben richtung. 

Die erste besteht in dem worte Othilia welches am rande 
von hl. 47, 2 steht und 'mittels ziersirichen mit dem s im worte 
sint verbunden' ist. in welchem sint? s. 66 z. 13, z. 14, z. 15 



200 LITTERATTIR DES ZWÖLFTEN JAIHtHUNDEHTS 

oder z. 16? es kommt darauf glücklicherweise nichts an. jedes- 
falls wird dort von denjenigen gesprochen , welche gott essen 
und trinken : und als ein beispiel derselben wiid Ottilie bei- 
gefügt. 

Wenn man sich erinnert, wie in litaneien der oder die 
localheilige durch rote schrift hervorgehoben wird: so wird man 
sofort geneigt sein, auch in Ottilie eine localheilige zu erblicken, 
dh. die handschrift einem Ottilienkloster zuzuschreiben. 

Ferner: wenn am Oberrhein Ottilie in dieser auffallenden 
weise erwühnt wird, so kann nur die berühmte Hohenburger 
Ottilie gemeint sein, nicht die mSrtyrin aus der gesellschaft der 
heiligen Ursula. 

Eine übersieht des cultus der heil. Ottilie von Hohenburg 
gibt Albrecht History von Hohenburg (Schietstadt 1751) s. 257 ff. 
da findet man sämmtliche ihr zu ehren gegründete kirchen, 
kapellen, altäre: aber nur 6in kloster, eben das zu Hohenburg. 
ein Ottilienfrauenkloster zu Etival, wenn es überhaupt bestand^ 
bestand nicht mehr im zwölften Jahrhundert (Albrecht s. 435). 

Sagt man, die beifügung des namens Ottilie könne auf ganz 
persönlicher vorliebe eines lesers oder einer leserin beruhen: 8o 
ist diese möglichkeit in abstracto allerdings nicht zu bestreiten, 
aber das buch enthält sonst keine randglossen dieser art; das 
motiv rein persönlicher vorliebe ist nicht stark genug um eine 
solche eintragung zu rechtfertigen; wenn rein persönliche Vor- 
liebe für diesen oder jenen heiligen sich daran in solcher weise 
zu manifestieren wagte, so würden wir noch viele andere namen 
auf den rändern finden; der vergleich mit jenen hervorgehobenen 
namen in den litaneien ist die nächste natürlichste analogie: 
analogieu für die andere annähme sind mir nicht bekannt. 

Eine zweite spur über STrudpert hinaus führt nach Baiern. 
sie ist aber nicht durch eine randglosse, sondern durch den text 
selbst gegeben. 

S. 83 werden die hailigen lerdre als repräsentanten des 
geistes der Weisheit aufgezählt: Gregorius ordnet den gottes- 
dienst; Augustinus und Benedictus richten das geistliche leben 
ein; Hieronymus übersetzt die heilige schrift; Ambrosius 'schafft 
die christliche lehre'; Martinus tut wunder; Ruoppertus — bekehrt 
die Baieru. ich kann nur widerholen was ich QF xu, 74 gesagt 
habe : der heilige Ruprecht und die bekehrung der Baiern neben 



LITTERATÜR DES ZWÖLFTEN JAHRHUNDERTS 201 

kirchlichen Verdiensten ersten ranges hat nur in Raiern sinn, 
wenn Rech s, 357 meint, aus dieser 'auffallend speciellen' an- 
gäbe könne 'weder auf die lebensschicksale noch auf die her- 
kunft des Verfassers mit Sicherheit geschlossen werden', so muss 
ich das allerdings zugehen, denn die worte können interpoliert 
sein, aher dass eine haierische hand dabei irgendwie im 
spiele war: ich wüste nicht wie man diese annähme umgehen 
könnte. 

Fassen wir zusammen : beziehung auf den Otliliencultus dem 
texte äufserlich angeheftet; beziehung auf Raiern im texte selbst; 
also die beziehung zu Raiern älter, aufserdem entstehung dieses 
textes in einem nonnenklosler und fortptlanzung desselben, un- 
mittelbar oder mittelbar, bis zu einem nonnenklosler, worin 
Ottiliencultus herscht: was aber nur Hohenhurg sein kann. 

Gibt es einen Zusammenhang von Hohenhurg mit Raiern? 
gibt es eine tatsache in der geschichte des Odilienberges, aus 
welcher sich die Schicksale unserer handschrift ungezwungen er- 
klären lassen? 

Durch die gesammte Odilienberglitteratur zieht sich die notiz 
dass kaiser Friedrich i um das jähr 1140 oder nach dem jähre 1140 
die äbtissin Rilindis aus dem klost<^r Rergen bei Neuburg, bistum 
Eichstädt, zur herstellung der gesunkenen klosterzucht nach Hohen- 
hurg berufen habe: Albrecht History (1751) s. 275; Grandidier 
Hisloire de l'öglise et des ev^ques-princes de Strasbourg 1 (1776), 
354; Engelhardt Herrad von Landsperg (1818) s. 4; Silbermann- 
Strobel Hohenhurg (Strafsburg 1834) s. 36; Gyss Odilienberg 
(Rixheim 1847) s. 47. 220 f; Levrault Sainte-Odile (Colmar 1855) 
p. 34; Roth in der Alsalia 1856 — 57 s. 75. die notiz tritt 
überall mit gleicher bestimmtheit auf: worauf sie im einzelnen 
sich gründe, sagt niemand ordentlich und genau. 

Die berufung der Rilindis durch Friedrich i steht aus einer 
bulle des papstes Lucius in aus dem j. 1185 fest: sie ist ge- 
druckt bei SchöpfJin Alsatia diplom. 1, 282. 

Aber dass Rilindis aus dem kloster Rergen berufen sei, da- 
von meldet die päpsthche bulle nichts. 

Die nachricht geht augenscheinlich auf Rruschius Monast. 
germ. chronol. (1551) 97\ 154'^ zurück; und er hat sie aus 
Bergen, nicht aus Hohenhurg empfangen. 

Der catalog der äbtissinnen von Bergen, etsi aliquihus locis 



202 LITTEHATUR DES ZWÖLFTEN JAHRFlUiNDERTS 

mancns, ist ihm von der zeitigen iiblissin selbst mitgeteilt worden, 
und er liat ihn mit geringen ändern iigen (paucissimis immutatis) 
seinem werke einverleibt, aus ihm schöpfen dann, ohne eigene 
neue nachrichten hinzuzufügen, Faickenslein Anliqu. nordgav. 
2, 32011'. Bucelinns Germ. 2, 252 ua. was die änderungen 
anlangt, so werden zb. die aus dem Ilortus deliciarun) entnom- 
menen, angeblichen gedichte der Rilindis ohne zweifei von ihm 
hinzugefügt sein. 

Aber der catalog der äbtissinnen selbst ist sehr vertrauen- 
erweckend, gerade weil er lückenhaft ist, dh. die lücken der 
Überlieferung nicht durch willkürliche erfindungen ausgefüllt sind, 
bei einigen äbtissinnen wird die regieruugszeit ganz genau an- 
gegeben, bei anderen nur der todestag ohne jähr, zu den letz- 
teren gehört Rilindis (22 august). daraus ergibt sich dass sie 
im nekrolog von Bergen verzeichnet war. ein fragment dieses 
nekrologs (Archiv f. Unterfranken 14, 1, 154 — 158) tritt für 
einige daten bestätigend ein, umfasst aber leider nur ein stück 
april und mai. 

Für die zeit vom ende des elften Jahrhunderts bis 1156 
waren offenbar nur spärliche notizen aufzutreiben. 

Zum jähre 1095 heifst es: quo nimirum anno denuo con- 
secrata legitur hasilica Bergensis coenobii. 

Das nächste was auftauchte, war die regierung der Rilindis: 
Legitur vero haec pie et sancte praefnisse, sed quam diu, id in 
fastis relatnm non est. Fuit virlntihus et litteris ornatissima 
herois, latine eximie docta: pudicitiae autem probitatisque laude 
tanta, ut imperator Fridericus Barbarossa eam ex hoc Bergensi 
coenobio ad Altiloiiense D. Olyliae monasterium . . . reformandum 
ac in meliorem viam reducendum ablegaret: ubi ipsa expulsis 
lascivientibus feminis in pauculorum annorum spatio triginta (res 
velatas virgines congregans ita in litteris latinis ac pietate christiana 
eas institnit, nt omni viciniae admirationi essent. 

Nachdem Rilindis Bergen verlassen hatte, brannte das kloster 
ab, nur ein teil der nonnen blieb dort, ohne leitnng. die wider- 
herstellung erfolgte durch bischof Eberhard von Bamberg 1156. 
und die regierungszeit der neuen äblissin Regelindis, die mit 
sieben nonnen aus Admont bezogen wurde, ist genau bekannt: 
13 jähre, das jähr tl56, die herkunit aus Admont und der 



LITTERATUH DES ZWül.FTEN .lAHRHDNPERTS 203 

Dame Kepillinde oder Regilinde uird durch die Admonter annalen 
bestätigt (MG SS 9, 582). 

Zieht man in der stelle über Rilindis alles ab, was phrase 
ist und was auf comhination mit den Hohenburger nachrichlen 
beruhen kann: so bleibt die tatsache ihrer regierung in Bergen, 
die berufiing von Bergen weg auf den Odilienberg, und auch 
wo! die zahl 33 für ihre dortige schar: denn wenn Brus'chius 
auch hier aus dem Hortus deliciarum geschöpft hätte, so würde 
er die zahl auf 46, 58 oder 60 angegeben haben (Engelhardt 
s. 60). eine freche erfindung oder eine blofse comhination auf 
den namen Rilindis hin traue ich ihm nicht zu. über den wissen- 
schaftlichen Charakter des mannes und seines buches vergl. Hora- 
witz Caspar Bruschius (Prag und Wien 1874), besonders s. 150. 151. 

Wenn Bucelinus Germ. 1, 2, 3 behauptet, kaiser Friedrich 
Barbarossa habe aus Admont eine gräfin Agnes von Wolfl'rati'- 
hausen zur widerherstellung der klosterzucht berufen, so weifs 
ich zwar nicht, wie er zu der behauptung kommt (dass Bergen 
und Hohenburg, etwa bei oberflächlicher benutzung des Bruschius, 
verwechselt seien, vermutet man leicht: woher jedoch dann der 
name jener angeblichen äbtissin?); aber dass sie falsch ist, folgt 
aus der bulle Lucius ni von 1 185. und Bucelinus selbst macht 
2, 193 unter Hohenburg von ihr keinen gebrauch. 

Eine würklich vorhandene Schwierigkeit haben Albrecbt und 
Grandidier gefühlt: Rilindis hat, was durch die genannte päpst- 
liche bulle feststeht, die regel des heil. Augustinus auf dem 
Odilienberg eingeführt; Bergen dagegen ist ein kloster nach der 
regel des beil. Benedictus. aber schon Albrecht s. 275 weist 
darauf hin dass 1156 eine neue gründung von Bergen stattfand 
und dass wir daher gar nicht wissen können, ob nicht vorher 
auch dort die augustinerinnen-regel herschte. der benedictinische 
Charakter der neugründung folgte notwendig aus dem zusammen- 
hange mit Admont. 

Die Zeitangabe 'um 1140' hätte ich QF xu, 76 nicht aus 
den historikern des Odilienberges entnehmen sollen, sie scheint 
geringe oder gar keine begründung zu haben, bischof Burchard 
von Strafsburg, unter welchem Rilindens berufung geschah, re- 
gierte 1141 — 1162. eine anzahl jähre vor 1156 folgt aus den 
Bergischen nachrichten. und nach 1 147 ist wahrscheinlich, weil 
Friedrich i handelt und nicht sein vater, der 1147 starb, also 



204 LITTEHATÜR DES ZWÖLFTEN JAHRHUNDERTS 

wiirc viellficht 'um 1150' richtiger gewesen, ich kann mich aber 
jetzt nicht durch den ganzen aulgesammelten wüst der Odilien- 
herg-litteratur durcharbeiten und lasse die Chronologie dahin- 
gestellt. 

Jede angäbe die sich um die mitte des zwölften Jahrhunderts 
bewegt oder in die erste hälfte hinaufreicht passt zu unserm 
denkmal. denn ein werk welches den Williram benutzt darf 
man nicht zu jung machen; und das Verhältnis zu fr;m Ava und 
zur Vorauer Genesis QF vii, 74 legt eine gleiche bemerkung nahe. 

Wenn das buch der heiligen Jungfrau die höchste ehre er- 
weist (8, 6. 139, 25) und wenn Johannes 108, 31 durch grofse 
buchstaben besonders hervorgehoben wird, so will ich wenigstens 
anfuhren dass das kloster Bergen in honorem Christi filii dei, 
eiusqne sanctae genitricis, sancti item Johannis et sanctae crncis 
gegründet ist. 

Was die spräche anlangt, so würde das reinste alemannisch 
noch nichts gegen die baierische herkunft beweisen : wir hätten 
eben eine rein alemannische abschrift vor uns. aber dass die 
spräche rein alemannisch sei, lässt sich bis jetzt wenigstens nicht 
beweisen. Bechs citaten aus W^einholds erstem bände Germ. 9, 
359 — 362 liefsen sich fast durchweg citate aus dem zweiten 
bände beifügen, es liefse sich auch einiges geltend machen was 
mehr für Baiern als für Alemannien spräche: so das Verhältnis 
von in, ü, eu; ein wort wie dansnnge Denkm. 563. Heiuzel 
Wortschatz und sprachformen der Wiener Notkerhs. i, 29. aber 
ich lege darauf für jetzt, wie gesagt, kein gewicht und behaupte 
nur dass man mir nicht sprachliche argumente entgegenhalten darf. 

Die nachricht über die herkunft der Rilindis ist nicht so 
sicher, als wenn sie in einer gleichzeitigen Urkunde oder in 
gleichzeitigen annalen überliefert wäre, aber sie ist sicher genug 
dass man sich die Schicksale unserer handschrift mit ihrer hilfe 
zurecht legen darf, wenn auch wider, wie bei allen historischen 
combinationen, einige zufalle ausgeschlossen bleiben, welche mög- 
licherweise gerade stattgefunden haben könnten. 

Nach allem soeben erörterten glaube ich behaupten zu dürfen 
dass ich berechtigt war, meine Vermutung in bescheidener form 
und mit einem 'vermutlich' begleitet, zu äufsern. vorsichtiger 
wäre es allerdings gewesen, das vermutlich in ein vielleicht zu 
verwandeln, noch vorsichtiger wäre gewesen, den gedanken ganz 



LITTERATÜR DES ZWÖLFTEN JAHRHUNDERTS 205 

wegzulassen, das allervorsichtigste aber ist unter allen um- 
ständen, gar keine gedanken zu haben und vom Standpunkte 
der höheren Solidität diejenigen zu verhöhnen, die welche haben. 
1. 3. 76. SCHERER. 



ALLERLEI POLEMIK. 
IV 

DIE NEUHOCHDEUTSCHE UxND ALTHOCHDEUTSCHE TENUIS-MEDIA. 

Herr JFKräuter hat in Reicherts und Dubois Archiv 1873 
s. 449 — 477 einen aufsalz über das physiologische System der 
sprachlaute und in Kuhns Zeitschrift 21 (1872) s. 30 — 66 einen 
anderen über die neuhochdeutschen aspiraten und tenues ver- 
öffentlicht, welche allem anscheine nach nicht die beachtung ge- 
funden haben, die sie verdienen, beiläufig sei auch noch auf 
desselben Verfassers arbeit über neuhochdeutsche und antike 
verskunst (Saargemünd 1873) hingewiesen, die meinem augen- 
bhcklichen Interesse ferner liegt, den vorgenannten aufsätzen 
stehen zwei dinge im wege: einmal hat sich der Verfasser noch 
nicht als historischer Sprachforscher bewährt und dann verhält 
er sich zu Brücke in einer weise, welche den schärfsten tadel 
herausfordert. 

Es steht aufser allem zweifei dass eine genaue physiologische 
auffassuDg der laute einer lebendigen spräche unabhängig von 
aller historischen betrachtung möglich ist. ja ich kann mir 
denken dass unter umständen geschichtliche kenntnisse nur dazu 
dienen die verurteile zu vermehren, unter denen jene auffassung 
ohnedies stets leiden wird, aber gleichwol, da augenblicklich 
das Interesse an der laulphysiologie besonders unter den histo- 
rischen Sprachforschern wach ist und auf dem gebiete der Sprach- 
geschichte seine schönsten fruchte tragen kann, so wird man 
immer geneigt sein, nach der directen Verwendbarkeit neuer an- 
sichten zu fragen, und derjenige wird am leichtesten durch- 
dringen, der, in historischen dingen der methode vollkommen 
mächtig, nicht blofs die theorie und die gegenwart, sondern auch 
die Vergangenheit und die geschichte in neues licht setzt. 



206 ALLKKI.EI |H)LKMIK 

Nacli den untftrsuchmi|,f«'n lUidolf von Rniimcrs, deren ver- 
dienst wir stets dankbar erkennen müssen, hat sich erst Brückes 
System liir die historische Sprachwissenschaft wahrhaf! frucht- 
bar erwiesen, und Brücke steht so hoch über allen anderen, dass 
neben ihm geradezu niemand ocb'r doch kein anderer entfernt 
so wie er in betracht kommt i. was soll man nun sagen, wenn 
hr Kräuter sich ausführlich etwa mit hrn Merkel herumschlägt 
und dann Brücke gegenüber sich damit begnügt in einer note 
dessen ansichlen für 'ganz unrichtig' oder für 'verfehlt' zu er- 
klären (bei Kuhn s. 35. 63) oder auf deren eingehende Wider- 
legung zu verzichten (ibid. s. 60). wir können uns doch un- 
müglicli mit der einfachen Versicherung begnügen (Reichert-Dubois 
s, 452): 'ich bemerke nur, dass ich jede abweichung von dem 
herkomiTieu oder von der auffassung neuerer physiologen reiflich 
erwogen habe und dass ich glaube, in jedem einzelneu falle die 
begründung meiner gegner als verfehlt nachweisen zu können.' 

Derartige bedenken sollen mich aber nicht hindern anzu- 
erkennen, dass, so viel ich von der sache verstehe, herr Kräuter 
ein feiner und scharfer beobachter ist, der in einigen fällen unsere 
kenntnis entschieden gefördert hat und es gewis noch in manchen 
andern tun wird, wenn er nicht versäumt diejenigen mittel an- 
zuwenden, durch welche er allein seinen Überzeugungen nach- 
druck geben und geltiing verschaffen kann, nicht jeder Sprach- 
forscher, der willig auf physiologische betrachtung eingeht, hat 
ein scharfes gehör, nicht jeder kann sich eine eigene meinung 

' ich stelle einige neuere litteratur zusammen, gar nicht in betracht 
kommt Carl Bruch Zur physioiogie der spräche, Basel 1854, wo man zb. 
s. 39 eine begründung des 'eingeschobenen' d und t in lat. prodessf, in 
franz a-t-on finden kann, sprachlichen zwecken fern bleibt Rossbach 
Physiologie und pathologie der menschlichen stimme (i Physiologie der 
stimme, Wirzburg 18fi9). ansprechende darstellungen von Brückes System 
geben Gzermak Populäre physiologische vortrage (Wien 1869) s. 71 — 124 
und Hermann Meyer Stimm- und Sprachbildung (bei Virchow-Holtzendorff 
6, 263-294; heft 128, Berlin 1871). Kilian Theorie der halbvocale (Strafs- 
burg 1874) versteht unter den halbvocalen alle mit stimmton hervorge- 
brachten consonanten und führt sie auf Schwingung der oberen Stimmbänder 
zurück (vergl. dagegen Sievers Litt, centralbl.). von August Deppe Die laute 
der deutschen spräche ist meines wissens erst ein heft (Heidelberg 1S72) 
erschienen, in dem buche von Oskar Wolf Sprache und ohr (Braunschweig 
1871) scheinen mir insbesondere die beobachtungen über die tonstärke 
der verschiedenen sprachlaute (s. 7t) wichtig, vgl. Kräuter bei Kuhn s. 57. 



ALLERLEI POLEMIK 207 

bilden, auch ich kann es zb. nicht, ich kenne alle teuschungen, 
denen man ausgesetzt ist, und daher kann ich mein mistrauen 
gegen mich sell)st nur in seltenen fälh-n überwinden, viellach 
also bin ich darauf angewiesen in diesen fragen mich an andere 
forscher zu halten, ich werde mich aber nur demjenigen ver- 
trauensvoll anschliefsen, dessen vorsieht, umsieht und Selbstkritik 
ich kennen gelernt habe. Brücke besitzt diese eigeuschaften in 
hohem mafse. ob herr Kräuter sie besitzt? ich glaube, der 
Widerspruch gegen Brücke würde ihm dann nicht so leicht wer- 
den, auch wenn er ein experiment beschreibt und daran die 
bemerkung knüpft, wem es nicht gelinge solche versuche nach- 
zuahmen, der beweise nur dass es ihm an dem nötigen geschick 
dazu fehle: so vergisst er dabei die andere möglichkeit (die rich- 
tigkeil des experiments vorausgesetzt), dass dasselbe vielleicht 
nicht klar genug beschrieben wäre. 

Es wäre sehr wünschenswert dass herr Kräuter sein 'physio- 
logisches System' noch einmal veröffentlichte, aber begleitet von 
einer eingebenden kritik des Brückeschen und von sprachlichen 
erläuterungen, die es für uns fruchtbarer machen würden. 

Vorweg erwähne ich eine ansieht, welche mit einer von 
Purkinje aufgestellten (s. Brücke s. 108i übereinstimmt und 
welche mir bewiesen zu sein scheint, s. Kuhn s. 62 ff, Reichert- 
Dubois s. 463. die tenues p, t, k werden im nhd. vor m und 
n nicht als verschlusslaute der betreffenden articulationsstellen 
gesprochen, sondern dadurch dass ein durch das gaumensegel 
und die hintere scblundwand gebildeter verschluss gelöst wird, 
wenn man ein wort wie pumpmeister spricht wie man es zu 
sprechen pflegt und nicht etwa das zweite p aspiriert, als ob es 
am wortende stünde, so wird der lippenverschluss, der beim ersten 
und beim zweiten m vorhanden sein muss, dazwischen gar nicht 
aufgehoben . und doch ist eine würkliche labiale tenuis ohne 
solche aufhebung nicht möglich. 

Sehen wir ab von dieser besonderen art der verschlusslaute, 
herr Kräuter hat ferner unzweifelhaft bewiesen, worin er mit 
Brücke und anderen zusammentrifft (vgl. zGDS s. 62), dass die 
nhd. vor vocal anlautenden p, t, k, dh. die so geschriebenen 
laute, nicht tenues, sondern tenues aspiratae sind, hinter dem 
durch eröffnnng des verschlusses entstehenden geräusche wird 
noch ein h vernehmbar, ganz scharf hatte dies schon, allerdings 



208 ALLE KLEI I'OLEMIK 

niil ^^ewissen einscliriiiikiiiigcn, Srlmu'lliT lifirvorgflioljeii, sieli die 
stellen bei Krauler KZ s. 32 t. lierr Kr;iul«;r sucht nun mit 
grofser Sorgfalt lestzustellen, wie weit im nlid. die geschriebene 
tenuis auch würklich als solche erklinge, leider hat er uns nicht 
in den stand geselzt zu urteilen, wie weit seine beobachtungen 
gelten, er sagt uns, gebildete und ungebildete aus verschiedenen 
gegenden Deutschlands hätten seine Wahrnehmungen anerkannt, 
'so dass an beobachtungsfehler so wenig gedacht werden könne 
als an rein individuelle oder dialektische erscheinung' (KZ 35). 
wie unvorteilhaft sticht diese allgemeine Versicherung von der 
genau igkeit Schmellers ab, welcher stets land, Stadt und gebildete 
unterscheidet und nie versäumt, das Verbreitungsgebiet der be- 
treffenden erscheinung zu umgrenzen, wahrhaftig, dieser königlich 
baierische Jägeroberleutnant (als solcher unterzeichnet Schmeller 
bekanntlich noch seine vorrede zu den Mundarten Baierns) hat 
im jähr 1821 bereits eine vorsieht und umsieht und eine schärfe 
der beobachtung an den tag gelegt, welche für uns nachlebende 
beschämend ist. ich werde denn auch unten in der läge sein, 
was die anlautende tenuis aspirata betrifft, auf die einschränkungen 
Schmellers zurückzukommen. 

Was lehrt nun die physiologie von der reinen tenuis der 
romanischen und slavischen Völker, welche ohne zweifei auch die 
altarische tenuis war und im nhd. herrn Kräuter zufolge zb. vor 
und nach tonlosen reibelauten (werks, raths, deutsch, trost, ström 
usw.) gehört wird? nach Brücke ist kehlkopfverschluss dazu 
nötig, nach Kräuter (hei Beichert-Dubois s. 466) ist ein solcher 
nicht erforderlich, ich enthalte mich meinerseits jeglichen Ur- 
teils, wünschte aber gar sehr dass es Brücke gefallen möge, sich 
über die frage von neuem zu äufsern. 

Über die reine media herscht allseitige Übereinstimmung, 
wenigstens zwischen denen die für mich in betracht kommen, 
sie wird mit stimmton hervorgebracht, während bei der tenuis 
davon keine rede ist. Czermak s. 120 erwähnt die merkwürdige 
erscheinung, er erwähnt sie vor einem thüringischen publicum, 
dass 'gewisse deutsche stamme, zb. die Sachsen und Thüringer 
diesen doch so auffallenden unterschied des mitlautens und nicht- 
mitlautens der tönenden oder geQüsterten stimme, wie es scheint, 
weder aufzufassen noch am richtigen orte zu erzeugen im stände 
sind.' und er berichtet ferner, was ich hiemit weiter verbreiten 



ALLERLEI POLEMIK 209 

mochte, dass Schleichfii" diesen mangel für partielle tanbsliimmheit 
7,11 erklären pflegte, dass aber die Mitteldeutschen nicht allein 
schuldig sind, kann man zb. aus der abhandlung von Bruch 
s. 281' ersehen, um anderer zu geschweigen. auch Schmeller 
hat liber diese Miarthorigkeit' (Mundarten Bayerns s. 150 anm.) 
zu klagen, das üble privilegium der Thüringer und Obersacbsen 
scheint zu sein dass sie nicht einmal die tenuis aspirata von der 
media zu sondern wissen. 

Dass die gewöhnliche süddeutsche media, besonders im an- 
laut vor vocalen, keine solche reine tönende media ist, auch dar- 
über herscht allseitige Übereinstimmung, und wenn wir uns 
der symbolischen ausdrücke 'hart' und 'weich' bedienen wollten, 
so würde man ferner wol das noch unter allseitiger Überein- 
stimmung sagen dürfen , dass diese süddeutsche media 'härter' 
sei als die romanische und slavische. 

Aber worin besteht die härte? was ist der laut physiologisch? 

Brücke meint, es sei eine media die mit flüsterstimme her- 
vorgebracht werde, die flüsterstimme , vox chndestina, ist ein 
reibungsgeräusch in der verengten Stimmritze, welches beim 
flüsternden sprechen immer und überall genau in derselben weise 
verwendet wird wie der stimmklang beim lauten sprechen, mittelst 
dieses reibungsgeräusches bringen wir die geflüsterten vocale 
hervor, mittelst dieses reibungsgeräusches auch die geflüsterten 
medien. 

Dagegen erklärt Kräuter (bei Kuhn s. 35): 'in den hoch- 
deutschen mundarfen lauten die d und t, die b und p, die g 
und inlautenden k genau gleich, und zwar wie die romanischen 
t, p, c, durchaus nicht wie die schriftdeutschen t, p, k im anlaut 
vor vocalen.' was wir als media schreiben, wäre mithin für die 
Süd- und mitteldeutschen dialecte als die reine tenuis anzusehen, 
herr Kräuter kommt s. 49 f darauf zurück und führt verschiedene 
Zeugnisse an. aber hier wie anderwärts ist er in der beiziehung 
von Zeugnissen nichts weniger als wählerisch, er nimmt was 
ihm passt, hier wirft er süddeutsch und mitteldeutsch zusammen, 
und die behauptung einer vermutlich sächsischen schulgrammatik, 
ende und ente hätten genau denselben laut, ist ihm höchst will- 
kommen. 

Auf Schmeller, einen zeugen von ganz anderem wert, beruft 
er sich mit unrecht. Schmeller sagt (Mundarten Bayerns, ich 
citiere nach den nummern der regeln s. 80 fl") 396, h laute wie 
ein italienisches h, also wie echte tönende media, am anfange der 
Wörter, doch nicht sicher, und zwischen italienischem h und p 
(echte media und echte tenuis) schwankend, unter 399 wird 
dann die letztere ausspräche nochmals besonders aufgeführt mit 
der bemerkung dass der hochdeutsche, mit einer ihm eigenen 
Unsicherheit, zwischen h und p am anfange der Wörter keinen 

Z. F. D. A, neue folge Vlll. 14 



210 ALI.EHLEI POLEMIK 

coiiseqiioiitcn uiilcrscliicd zu nuichen wisse, der Ijcriclil widcr- 
holt sich l'iir aiilaiitciul d 438. 443 und für anlautend y 46'). 
(ihciall uinmit Sclitncllcr sclnvankcn zwisclicn dt;r reinen media 
und der reinen tcnnis an. zu ver^'Ieiehen sind die regeln iiher 
p, t und A- 015. ()()8. 515 (vjjl. 410 und 513. 510j. das y> soll 
meist den ihm zukommenden laut hehalten, die Verweisung auf 
399 bekundet aber auch hier wider das schwanken, wie denn 
in der tat meines wissens ein wert wie jmö/' ganz in einer reihe 
mit deutschen würtern steht, denen anlautend b gegeben wird, 
desgleichen vom t: 'zu anfang der worter behiUt es seinen ge- 
hörigen laut, nemlich den des italischen t; doch wird es an dieser 
stelle auf dem lande, in der stadt und von den gebildeten häutig 
mit d verwechselt.' die eben besprochene tenuis aspirata an 
dieser stelle hören zu lassen, wird von Schmeller durchweg als 
affectation »md als eine unsitte der declamatoren und Schauspieler 
bezeichnet, das mag für 1S21 und für Baiern richtig gewesen 
sein, die macht des schriftdeutschen ist seitdem gewachsen und 
damit das bedürfnis, j>, t, k durch beigefügte aspiration vom b, 
d, g gesondert zu halten, anders dagegen verhält es sich mit 
k nach Schmeller: dieses ist 'wol in ganz Hochdeutschland' im 
anlaut vor vocal vom g streng gesondert, wenn auch das g in 
echte tenuis schwankt, das k hat niemals diesen laut, es klingt 
wie kh dh. wie ein reines k mit nachfolgendem vernehmbaren 
hauche, diese beobachtung ist wahrscheinlich ganz richtig, 
vgl. schon die äufserung von Rempelen, die ich zGDS s. 02 
ausgezogen habe, ich kann als geborener Österreicher meine 
eigene gehörsunvollkommenheit zum beleg aufführen: es wird 
mir schwer, die reinen tenues p und / aufzufassen, al)er mit ziem- 
licher Sicherheit erkenne ich das reine k. es ist mir zuerst im 
munde von Westfalen aufgefallen, dann habe ich es bei Rhein- 
ländern gefunden. Schmeller meint, in ganz INiederdeutschland 
pflege das k den hauch nicht zu bekommen: was nicht richtig 
sein dürfte, ein unterschied der tonstärke findet nicht etwa statt: 
bei Wolf s. 71 wenigstens stehen k und t einander gleich, wie 
vortrefflich aber diese Sonderstellung des k zur Sprachgeschichte 
stimmt, das brauche ich nicht erst hervorzuheben, es ist im all- 
gemeinen eben so unvermischt geblieben wie die laute analoger 
entstehung, das pf und ts (z). und mittelhochdeutsche haud- 
schriften, welche regelmäfsig oder oft ch für nhd. k, daneben 
manchmal oder selten p für b, aber niemals oder so gut wie 
niemals k für g und t für d darbieten, fallen uns sofort ein. 
wer belege braucht, den verweise ich — ohne lange zu wählen — 
auf Wernhers Marienleben in der ausgäbe von Feifalik, auf die 
Millstätter handschrift, auf die Nibelungenhs. C, worüber Zarncke 
ausg. 3, s. 401 f (vgl. Germ. 4, 429) genauer als Holtzmaun 
ausg. s. XV. will man ein geeenbild von verhältnismäfsig reinem 



ALLERLEI POLEMIK 211 

mitlellioclideulsch, so bieteu sich die miiinesängerhss. BC und 
A (Im-, vyl. Grimm Gramm. 1, 430. 1073. dass diese liss. 
alemaiiiiiscli , wol speciell schweizerisch sind, ist heliaunl: ich 
niüchle wissen, beilänlig fi;esagt, wie man ihre oi-lhographie auf- 
fassen will hei der annähme dass in der ndid. zeit nur (he diah'cte 
geschrieben worden seien, soll etwa cli hlofs die heutige schweize- 
rische ausspräche bedeuten und diese ausspräche erst in neuerer 
zeit eingeführt worden sein? schade nur dass bei Motker schon 
ch regel ist; ebenso in den von Henning behandelten SGallischen 
Urkunden QF 3, 134. 135. 141 und sonst. 

Eine künftige wissenschaftliche inhd. grammatik muss über 
den eben berührten unterschied die sorgfältigsten umfassendsten 
beobachlungen anstellen, aber sie muss mit statistischer methode 
arbeiten und darf nicht das vereinzelte auf eine linie mit dem 
überwiegenden stellen. 

Wenn im mhd. p für b viel häutiger ist als k für g, so 
beruht das einfach darauf dass k auch für ch mit eintritt und 
daher für die 'härtere media' nur g übrig bleibt: k aber tritt 
für ch mit ein, weil dieses auch die gutturale tonlose spirans 
zu bezeichnen hat. keineswegs darf daraus auf rein mediale 
ausspräche des g geschlossen werden: dem steht die Schreibung 
von fremdwörteru wie das gelegentliche gollier, gulter und das 
constante galander entscheidend entgegen. 

Hierauf hat Paul Gab es eine mhd. Schriftsprache? (Halle 
1873) s. 25 (vgl. s. 26) mit recht hingewiesen, aber mit un- 
recht erklärt er mhd. g für die reine tenuis. 

Es ist merkwürdig, mit welcher unbefangenen einseitigkeit 
Paul sein Vorurteil zum gesetz erheben will: entgegenstehende 
ansichten, aus welchen sich die tatsachen mindestens eben so 
gut erklären, werden als nicht vorhanden betrachtet. 

Drei möglichkeiten liegen überhaupt vor oder sind bis jetzt 
namhaft gemacht: 

Erstens, annähme von Kräuter und Paul fürs nhd., von 
letzterem auf das ahd. und mhd. übertragen: die gemeindeutsche 
media wird oberdeutsch als reine tenuis gesprochen; durch die 
hochdeutsche laulverschiebung wäre also würklich p, k für ger- 
manisch b, g entstanden wie hochd. t für germanisch d. 

Zweitens, annähme von Schmeller für das heutige baierisch, 
auf das ahd. sehr wol übertragbar: es findet würkliches schwanken 
zwischen reiner media und reiner tenuis statt. 

Drittens, annähme von Brücke fürs nhd., von mir über- 
tragen auf das ahd. und mhd. : die hochdeutsche media wird auch 
in lauter rede mit flüslerstimme hervorgebracht. 

Zu entscheiden, wie die sache im nhd. steht, mafse ich mir 
nicht au. das mögen diejenigen ausmachen, deren gehör feiner 
ist als meius. jedesfalls muss die ältere spräche hier für sich 

14* 



212 ALLERLEI POLEMIK 

betraclitcl werden. dass veränderuii^'eri stattgeruridcn haben, 
zeigt schon die dentahx'ilie: nhd. d sieht durchaus auT einer 
slul'e mit h, //; nhd. t ist in der Schriftsprache ebensovvol aspirala 
wie p und k. eine einfache iiherlra{,Ming des am nhd. l)eol)ach(el<'n 
auf frühere epochen wäre nur dann möglich, wenn sich aHe 
erscheinungen daraus erklärten. 

Ich muss aher vorläufig, l»is meine bedenken widerlegt sind, 
dabei stehen bleiben: sollte die erste annähme auch für das 
nhd. richtig sein, für das altdeutsche reicht sie nicht aus. 

Wenn nacii der hochdeutschen lautverschiebung gerni. d als 
•t, aber gerin. h und g schwankend als h, p und y, k geschrieben 
werden: so kann der in der dentalreihe entstandene laut un- 
möglich von derselben qualität sein wie die in der labial- und 
gutturah'eihe entstandenen, entweder ist t nicht die reine tenuis 
oder die b~p, g-k sind nicht reine tenues. 

Aber t ist aller Wahrscheinlichkeit nach die reine tenuis. 
wäre es die tenuis aspirata, so könnte die Vermischung bei 
Notker oder im alten Physiologus nicht eintreten, so wenig wie 
sie zwischen g und ch eintrat, diese Vermischung ist nicht ein 
würkliches zusammenrinuen, sie beruht nur auf ungenügender 
sonderung zweier nabverwandter laute, welche das spätere ale- 
mannisch wider ganz gut auseinander zu halten weifs. war das 
t die reine tenuis, so muste die ursprünglich reine media d wol 
jene fragliche qualität des b-p und g-k bekommen, um der ge- 
fahr einer Vermischung ausgesetzt zu werden, diese Vermischung 
ist nach Schmellers beobachtung tatsächlich eingetreten, indem 
die reine tenuis t zu dem mittleren d-t herabsank. 

Wenn lerner die abd. b-p, g-k mit der reinen romanischen 
tenuis zusammenfallen, warum hat man bei den frühesten ver- 
suchen das hochdeutsche zu fixieren nicht die tenues p, k zu 
ihrer bezeichnung gewählt? 

Oder wenn g für die romanische gutturale tenuis gewählt 
war, warum herscht denn in Wörtern wie gollier, kulter schwan- 
ken? wenn b für die romanische labiale tenuis gewählt war, 
warum herscht in Wörtern wie bech, baradh schwanken? ja wie 
kommt es dass in einigen solcher fremdwörter hier wie dort 
sich die Schreibung der tenuis weit überwiegend festgesetzt hat? 

Wie will man die baierische Schreibung w für b und b für 
w erklären (vgl. Schmeller regel 409. 410. (i82) oder den Über- 
gang von anlautend j in g (Schmeller r. 503), wenn b und g 
allen stimmton verloren hätten? doch ist hier nur w für b ganz 
entscheidend, da man jenem b für w, diesem g für j eine be- 
sondere tönende qualität zuschreiben könnte. 

Ich weifs daher einstweilen der folgerung nicht auszuweichen : 
die härtere hochd. media, an welche sich die tenuis der fremd- 
wörter anschloss, war mit dieser tenuis nicht identisch. 



ALLERLEI POLEMIK 213 

Man mag nun Sclimellers beobachtung gemäls und der abd. 
scbreibung gcrnäfs reelles scbwanken annehmen, oder sich lür 
Briickes ilüslermedia entschei(h'n : jedesfalls hat man, wie es scheint, 
nur zwischen (hesen beiden annahmen die wähl, und die imponie- 
renden elf Panischen argumente (aao. s. 25 — 29 1, so weit sie über- 
haupt in diesen Zusammenhang gehören, erklären sich aus dem 
schwankenden mittellaute der tenuis-media, wie sie einstweilen 
heifsen mag, vollkommen gut. den mitlellaut von echter tenuis zu 
unterscheiden, waren die allen Schreiber nicht immer fähig: ob 
in egge mügge rügge vielleicht echte tenuis vorliegt, lässt sich bis 
jetzt nicht sagen : war sie vorhanden, so ist ihre gelegentliche be- 
zeichnung durch gg statt durch ck gar nicht wunderbar, vgl. auch 
Heinzel Niedert'r. geschäl'tsspr. s. 142 anm. die romanischen, 
slavischen, ungarischen (zGDS 471) entlehnungen aus dem deut- 
schen werden nur dann zu verwerten sein , wenn der deutsche 
dialect, aus welchem entlehnt wurde, sich unzweilelhalt bestim- 
men lässt. 

3. 4. 76. SCHERER. 



ZUR TIERFABEL. 

Die in dieser Zeitschrift xvi, 480 gegebene mitteilung über 
einen Zusammenhang zwischen dem codex SGalli 899 und dem 
codex Christinae reg. 421 kann ich jetzt nach einsieht des letz- 
teren näher dahin bestimmen dass in diesem aus verschiedenen 
stücken zusammengebundenen nur f. 16 — 20 und 27 — 28 aus der 
andern handschrift entnommen sind, eben daher stammen aber 
auch die von Goldasts band hinzugefügten papiersupplemente, 
deren Inhalt, wie ihn Bethmann verzeichnet hat i, mit ausnähme 
des Cunflictus veris et hiemis ganz und gar in 899 widerkehrt, 
die angegebenen blätter enthalten f. 16 Hysidori ad sororem 
suam, 16 V leer, 17 (C)lericHS est qui Christi seruit ecclesw. derus 
sors bis 18 v gloriari nisi in cruce domini nostri. ferner de 
uestimentis sacerdotalibus breuiter: Superhumerale significat mun- 
ditiani bonorum operum usw.; 19 incipit de audoritate baptismi : 
(O)mnipotens etenim deus bis 19 v mitte. 20 Ex persona domini 
propheta respondit. ieiuninm quarti et — panis saturitate pen- 
sabitnr. f. 27 grabschrift des Hlotharius beginnend mit v. 5: 
Hunc tna iordanis sacrata protuUt nnda bis Adsociare suis uodbns 
illa sacris. finit (v. 1 — 4 schliefsen p. 20 im cod. 899), hierauf 

» Pertz Archiv xii, 279, vgl. Isidoii opp. ed. Arevalus ii, 318—320, 
wo sich bereits ein genaues Verzeichnis des inhaltes findet. 



214 zun TIEHKABEL 

folgen einige bereits geilruclUe rätsei s. Autliologia lal. eil. Kiese 
iir 770. G85. 771, Alcuiiii opp. ed. Fiolieiiius ii, 237 ni- 275, 
eiullich von dem gedielite Aeytmn fuma fiiit v. 1 — 40. ieli notiere 
nachstehend die geringen altweichnngen der liandsclnill von der 
ansgalie Weiiands Zs. xiv, 11)7: v. 2 siipremos 5 cjinvlr (5 
A7 7 mmjni (inoque 9 platocenius 10 comitntiis 17 Vulpis 
21 ferntrum 22 hrc 23 h{'c qiu; 25 Qiir demenlia ({iif-Kc 
27 pieps 28 li{'c 31 Ilrc 33 pieps 35 plnrima 36 yir- 
parat 38 Inponensque. 

Diese groi'se ühereinsliminung bestätigt, woranl' auch (he 
völlige gU'ichartigkeit des inhaites hinweist, dass der codex Ful- 
densis aus der damals noch unverstiimmelten St.aller handsciwilt 
abgeh'itet sein muss '. diese letztei'e wurde gewühnhch ihrem 
schril'lcharakter nach in das 10 jh. gesetzt, ob;:leich eine l'rän- 
kisclie kOnigsreihe j). 77 schhelst: Fast quem lUudounicus filiits 
et aeqniuocns eins in orientali Frantia suscepU imperium. Qui 
modo id est anno incarnationis domini nostri lesu Christi dccclxvii 
xxvH annos regnare uidetur. auflallender ist jedoch noch lolgeude 
gleichzeitig, wie es scheint, nachgetragene notiz auf p. 128: 
G. Septuagies septies hoc est quadringenti nonaginta v nonas Octobris 
hora secundd noctis seqnentis ecli/psis Inno facta est anno \\\i 
regni Uludonuici reyis in orientali Francia. G. hiernach möchte 
ich, da der inhalt der handschril't es durchaus nicht verbietet, die 
abfassung derselben in die zweite hallte des 9 jhs. setzen. 

Unter den mancherlei im cod. 899 verstreuten recepten sind 
nur die beiden folgenden auf p. 131 durch die darin vorkom- 
menden deutschen worte von einigem interesse: 

Si tertiana auf cottidiana fehris hoininem tangit, colligat de 
nerena manipulnm i, qar alio modo isarnina uocntnr, et vini grana 
de pipero et cum nino mixtam componat et ante accessionem inde 
hibat stanpnm i. 

De fico emendando. 

Accipe plantaginem et herham acerem, qne alio nomine gun- 
dereba nominatnr, et sennm de mnltone, hoc est nnslit, et ista 
tritt tundantnr in mortariolo et fricantnr in patella et sie ieinnus 
comedat cum pane. Couisam et mednm nee aqnam hibat, ante- 
qnam sanetur. De libro Griih tnli. 

Die Schlussworte deuten vielleicht darauf hin, dass diese 
recepte aus einem buche des abtes Grimald oder Grimold von 
SGallen (841 — 872) stammen, sollte aus demselben buche Gri- 
malds auch die nachricht über die mondlinsternis abgeschrieben 

' vgl. Zs. XV, 452 n. 1. dos gcdii-hl U/ia fidclis (vielmehr fides), unum 
bapüsma steht im cod. 890 p. 57 De emi/ie/ilia unilatis : Ecce xu/jt-i-no 
p. 114 Versus de laetUia. lluec tibi diclaram ist der scliluss von dem 
gediclite Columbans an Fedolius p. 114 (Caiiisii Lect. aut. v, 779). 



ZIR TIEH FABEL 215 

seiu — worauf das G davor uuil dahinter bindeuten könnte — , 
so würde sie freilich ihre beweiskrafl für die altersbestimmiing 
der hs. verlieren, sie ist jedesfalls von derselben band einge- 
tragen, wie die beiden recepte. 

Halle. K l'l MMl.ER. 



ZUM PARZIVAL. 

Lachmann bemerkt mit recht, Lber den eingang des Parzi- 
vals s. 240, zu den versen 2, 20 ff 

sin tn'uire hat so kurzen zagel, 

daz si den dn'lte» biz niht galt, 

fuor si mit bremen in den icalt 
'die präterita deuten auf ein bekanntes beispiel, eine art von 
fabel'. was er aber alsbald darauf nach Meusebach aus Fischarts 
Gargautua anführt, dient, trotz der weiteren ausfiihrungen Haupts. 
Zs. XV, 261 f, durchaus nicht dazu den sinn der stelle klar zu 
legen, die wiirkliche existenz einer «"Zahlung wie derjenigen, 
auf die Wolfram anspielt, scheint dagegen bisher unbeachtet ge- 
blieben zu sein, es ist die dem satirischen gedichte Brunel- 
lus des VigeUius ^ eingeflochtene fabel von den beiden kühen 
Brunetta und Bicornis, deren inhalt ich der kürze wegen zunächst 
mit den worten der prosaischen praefatio «in der Wolfenbütteler 
ausgäbe: Brunellus Vigellii et Vetula Ovidii seu Opuscula duo 
Auctorum Incertorum. 1662 p. 3 f) angebe: Duae vaecae fuenint 
quondam cuidam patrifamilias, quae, tempore hiemal i in quodam 
prato lutoso de nocte commoratae, superveniente gelu acriori, per 
caudas lutosas terrae quae limosa erat adhaeserunt et ita conge- 
latae sunt, quod mane . . . nullatenus potuenint a terra caudas 
evellere . . . Alteia . . . nimis impatiens, illecta lero in amore 
rituli . . . caudam suam nimis festine praescidit domumque recur- 
rit . . . Sed illa altera^ magis circumspecta . . . expectacit donec 
sol circa meridiem incalescens et glaciem solveret et gelu tempe- 
raret eamque siueret immaculatam gaudenter abscedere. es wird 
Sommer und das vieh wird in den wald gelrieben, hiernach fährt 
der dichter so fort is. 26 f): 

Terra parit pulices pariuntque cadavera vermes, 

aera conturbat improba musca volans. 

ardor agit pecudes, pariter conturbat oester, 

advolat et musca sordida dente procax. 

* San Marte hat dies werk Parzivalstudien i, 23 ff aasföhrlich be- 
sprocheo, ohne aber die Wichtigkeit uusexer erzähluog zu erkcDPen. 



216 ZUM PARZIVAL 

r. per inya, per colles, per devia qnaeqne locorum 
dirvplis slahnlis soh'iliir onnie pecus. 
insiilel. urmenlu slimnlo perdurns oesler, 

assmil el vespea, iiumoderala Ines, 
saliibus et silvis currunt sine lege vaguntes 
10 cum grege paslores praecipitando gradum. 
uritur omne pecus, sndanl aninialia passim, 
spargüur armenliun dijf'nginntque greges. 
BruneUam seqnihir pur Her fugiendo Bicornis, 
quaeque tula minus fortnis urgel Her. 
15 cui sua canda manel muscis Brunetta resistit 
fortiter impendens pro vice saepe viceni. 
Ventilat hie vespes, alias dispergit oestres, 
dissipat et muscas seque tuetnr ab his. 
haec abit, illa volat, fugit hie, comitantur et Uli, 
20 hi stimulanl wordent, urget et illa pedes. 
agyreditur tandem miseram nndamque Bicornein 

turbine multiplici turba proierva nimis. 
quid faceret misera? quo se lugubris et omnis 
verteret in tantis nuda relicta malis? 
25 quod potuit fecit: licuit dum currere, cursu 
certavit crebro praecipitique pede . . . 
conveniunt muscae, vespes glomerantur in nnnm, 

torvus oester adest cuspide dente nocens. 
praecipiti cursu terras dilapsa per omnes 
30 donec deficeret instilit ipsa pedes . . . 
ergo resupina tandem sub colle ingoso 

corrnit in terram praecipilata tarnen iisw, 
Stinimt unsere erziililuiig auch vielleicht nicht in allen eiuzel- 
heiten zu Wolfram, so wird man doch das wenigstens zugehen 
müssen dass sie besser als alles bisher vorgebrachte Wolframs 
Worte zu erläutern dienlich ist. die worte sind also einfach zu 
übersetzen : 'die treue des falschen lässt so im stich wie der 
zu kurze zagel, der von drei angriffen auch nicht einmal einen 
abwehrt.' die schon erwähnte prosaische vorrede deutet die kuh 
Bicornis ausdrücklich als vorbild derer qui veteres amicos suos, 
qui eis in necessitatibus adesse poterant, sine spe recuperationis 
abscindunt. 

Der biz ist natürlich der der bremen. zu Lachmanns frage 
'beifsen die bremen' (aao. und Haupt, Zs. xv, 262) genügt es, 
auf das deute v. 4. 28, mordent v. 20 und Germ, xvi, 336 f zu 
verweisen. 

Jena. E. SIEVERS. 



PREDIGTBRUCHSTÜCKE 217 



PREDIGTBRUCHSTÜCKE. 
II 

Zioar sind die stücke, welche ich diesmal veröffentliche, jedes 
für sich durchaus vollständig, doch reihe ich sie den jüngst publi- 
cierten unter demselben titelan, da sie mit ihnen in einem beachtens- 
lüerten zusammenhange zu stehen scheinen, die miscell anhand - 
Schrift der Wiener k. k. hofbiUiothek nr 1262, llth hlätter perga- 
nienl, enthält 114" — 124'' von einer hand des xm Jahrhunderts 
zweispaltig geschrieben zwölf deutsche predigten, die kleine Samm- 
lung ist in der handschrift so situiert dass sie für vollständig 
gehalten werden muss. ihr geht zunächst voran eine summa Rai- 
muudi des xiv jhs., ihr folgen lateinische sermone aus dem xiu. xiv 
Jh., die aber nichts mit den deutscheu predigten zu tun haben, mein 
verehrter freund, herr custos Joseph Haupt, hat mir mit einer 
zierlichen und sorgfältigen abschrift der deutschen blätter ein hoch- 
erfreuliches geschenk gemacht, für welches ich ihm nicht besser 
danken kann als indem ich es raschestens allgemein zugänglich 
mache. 

Der text, ivelchen ich liefere, entspricht genau der handschrift. 
fehler sind beseitigt und in den anmerkungen verzeichnet. Joseph 
Haupt hatte bei vielen fällen dies schon in der abschrift besorgt, 
die Sprache der stücke zeigt die charakteristischen eigentümlichkeilen, 
des mitteldeutschen und weist auf eine aus dem xii Jahrhundert 
stammende vorläge, ein mönch ist als Verfasser anzunehmen. 

Ich schicke dem abdruck einige bemerkungen vorauf. 

1. dass die 1. 3. 9 unserer predigten mit den nummern 31 '. 
32. 34 der zweiten, von Leijser (Quedlinburg und Leipzig 1838) 
auszugsweise veröffentlichen predigthandschrifl identisch seien, hat 
JHaupt notiert, unzweifelhaft enthält unsere handschrift, welche 
ich A nennen will, einen älteren text als die Leijsers. diese, B, 
modernisiert , besonders veraltete constrnctionen, ändert was ihr zu 
deib scheint, berichtigt falsche citate und bringt kleine Zusätze, 
belege dafür liefern die anmerkungen. A selbst erweist sich von 

• Leyser bezeichnet s. 127. S zwei auf eiiuutder folgende predigten 
mit nr 31, hier ist die zweite s. 128 gemeint. 

Z. F. D. A. neue foke VIll. 15 



218 PREDIOTBRUrnSTt CKE 

einc7' rorlnye ahhumjüj änrch fehler, %h. meum für niicinn /// der 
VII predigt, durch auslaasnngen von sülzen in der \ und in predigt, 
welche aucJi ungefähr den zeilenumfang der vorläge erkennen 
lassen. 

2. Legser sagt von, der zweiten reihe von ihm herausgegebener 
predigten (handschrift der Leipziger nniversitätshibiiothek nr 760) 
s. XX ni f: 'der yröfsere teil der handschrift besteht ans längern oft 
mit einem eingange versehenen, der kleinere bis zum ende aus 
kürzeren predigten, denen einigemal ein lateinischer Originaltext 
vorangeht' und s. xxvii: 'nur vermutungsweise kann ich noch hin- 
zufügen dass noch mehrere der kürzern predigten ebenfalls ur- 
sprünglich in das ende des xii jahrltunderts fallen mögen.' daraus 
geht hervor dass er selbst daran zu glauben scheint, das grofse 
Leipziger predigtbuch sei aus zwei Sammlungen verschiedenen alters 
zusammengearbeitet. Rieger merkt denn (Wackernagel-Rieger Alt- 
deutsche predigten und gebele s. 332 anm.) auch an, dass die 
mitteldeutsche Leipziger handschrift des xiv Jahrhunderts auf min- 
destens zwei verschiedenen Sammlungen aus der ersten hälfte des 
xiii Jahrhunderts beruht, in der tat ist die differenz beider Samm- 
lungen in der Leyserschen ausgäbe selbst unschwer wahrzunehmen, 
die grenze fällt .zwischen die nummern 24 und 25, also zwischen 
die bldtter 13(1'' und 138' der handschrift K nicht blofs der dufsere 
umfang der predigten lässt unterscheiden, die erste Sammlung der 
handschrift, sie heifse B\ enthält mit geringen ausnahmen - breite 
darstellungen , voll künstlicher partitionen ^, welche ebenso wie die 
meist aUegorischen deutungen auf abstracta für die spätere ab- 
fassungszeit dieser predigten zeugen, die stücke in B hingegen 
besitzen eine ziemlich lose haltnng, die Übergänge sind ganz äufser- 
lich hergestellt; in Ä ist vi dafür ein gutes beispiel. freilich ist 

' diese f^renze kann noch e/tger gezogen werden, von den beiden 
predigten, welche Leyser Alldeutsche btälter ii, 178 — 189 aus derselben 
handschrift verötJ'enllichle, gehört die eine sermo de pascha Ä", die andere 
bl. 137" der handschrift schon B an. 

- nr 17 (ie sancto IMatliia. dies entscheidet aber nicht , dadasieben 
eines heiligen überhaupt dem prediger nur selten anhaltspuncle zu aus- 
führlicher darstellung gewährte, wofern nicht, wie es allerdings im laufe 
des XIII Jahrhunderts üblich zu werden anfängt, an die kurze biographie 
sich weillüuflige behandlung eines locker angeknüpften moralsatzes an- 
schliefst. 

2 vgl. darüber Rieger aao. s. 374. 



PREDIGTBRUCHSTÜCKE 219 

ß' selbst nicht einheitlich, nach Lei/ser s. 107 anm. sind zwei 
predigten über SMichael mit einander r>erbunden. nr 7 und die 
predigt Altd. blätter ii, 11 S ff haben denselben eingang, ebenso die 
predigten 1 und 4. ich denke in solchem falle lieber an enl- 
lehnnng als an identilät der avtoren. die 2 predigt ist eigent- 
lich keine, sondern ein tractat über den sündenfall, vor ablegung 
der beichte zur erbannng zu lesen, der in stil und auffassnng von 
den ihn umgebenden stücken abioeicht. die 14 predigt scheint 
eine erweiternde bearbeitung von A v. wenigstens fallt es mir 
neben der lihnl ichkeil mancher phrasen auf dass die Unordnung 
der Johanneswunder ganz dieselbe ist K Leyser hat s. xxvin / 
stellen angeführt. Rieger hat sie in einer anmerkung (aao. s. 359/') 
vermehrt, welche beweisen dass viele predigten der ersten Samm- 
lung von einem klostergeistlichen abgefasst sind, ß' hat für uns 
nur geringes Interesse, um so mehr ß. 

3. von der Sammlung B, die gleichfalls reichliche spuren des 
mitteldeutschen aufweist, sind wie schon erwähnt drei der gedruckten 
predigten, 31. 32. 34 mit A i. iii. ix identisch. A i ist eine pre- 
digt am 1 adventsonntage. damit dürfte die sammlang wol er- 
öffnet worden sein, wenn aber, dann befindet sich der gegen- 
loättige an fang von B in Unordnung, denn vor nr 31 (bl. 156'' 
der handschrift) stehen eine bedeutende anzahl predigten für andere, 
später im kirchenjahr liegende sonn- und festtage. oder sollten 
die nummern 25 — 31 einer drillen Sammlung angehören? dafür 
spräche dass Leyser und Bieger eine stelle der 27 predigt s. 124, 7 
einem weltgeistlichen zuschreiben, das ist freilich höchst unsicher, 
da ein klostergeistlicher, welcher auf einer pfarre exponiert ist, 
ganz wol jenen satz gesagt haben kann, dagegen spricht dass 
diese predigten ihrem inhalle nach durchaus keine nach irgend 
welchen gesichtspuncten geordnete Sammlung haben abgeben können, 
dagegen spricht ferner dass die predigten 25 — 31 keinerlei unter- 
schied von den folgenden erkennen lassen, was weiter darin 

' Lvysers aiuni-rknng zu s, "Jb, [4t / l/esugl dass in der Leipziger 
lis. 132" sicli novliiiials die Jo/iaiiiiesjii-edigl gelcl/rxl fiinde. da nun sc/wn 
die unter nr 14 vorliegende gedruckte l'assung viel almliclikeit mit A iv 
zeigt, so ist es vielleic/'i nielit uneben, zu vermuten dass Jene ungedruckle 
A V nocli nälier stellt, hätte ich recht, dann fiele die grenze von B^ 
und B zivisclien ISO' und 132". überdies wäre dann noch ein, freilich 
über flüssiger beweis für das höhere alter von B gegenüber B^ erbracht. 

15* 



220 PREniGTUHUCTISTdCKE 

hestärkl, die. predüflen nach ö' })in zum ende der handschrift für 
einer sammlmiy mujehörig zu lullten, wird später noch eisichllich 
werden. ,'\\„". .\ 

B wäre demnach die corrigierfe und iiiodernisierle ahschrifl 
eines predij/thnches, das (ans Millelileulsihlanii staimnend?) am ende 
des XII Jahrhunderts obgefässi imnile. es enlhiell dieses buch pre- 
digten über alle sonntage und alle irgendwie lierrorragenden heiligen- 
feste, in B ist der an/ang in anordnniig geraten '. so ist nicht 
anzunehmen dass die nummern 20 und 27 anderswo als gegen 
das ende des alten werkes gestanden haben können. 

Überblickt man die sammlvng der zwölf predigten in A, so 
ergibt sich dass eine anzahl der wichtigsten kirchenfeste in wol- 
geordneter folge darin berücksichtigt sind, ich glaube, A ururde als 
anszug des alten. predigtbu.ches angelegt, die Zwischenräume für 
die einzelnen predigten im kirchenjahre vergröfsern sich in der 
zweiten hälfte des auszuges. dass als xri predigt eine über SMartin 
ausgewählt wurde, hat vielleicht locale gründe. 

. 4. Leyser druckt s. \\\ f den inhalt eines pergarnentblattes 
des XII jhs. löider ab, auf welchem sich eine alte fassung der pre- 
digt nr 28 befindet, er nennt diese alte fassung 'das fragmen- 
tarische originär, der ausdruck ist falsch, denn ob hier ein 
brachst ück des Originals, dh. des alten predigibuches vorliegt, ist 
mehr als zweifelhaft , 'fragmentarisch! ist aber die eine predigt 
auch nicht, vielmehr gibt sie bis auf eine halbe phrase den text 
sehr gut und vollständig, ich nenne dns blatt C. auch hier zeigt 
eine vergleich iiug dass B dieselbe Stellung gegenüber C einnimmt, 
wie wir sie in bezug auf A kennen. B ändert alte ausdrücke um, 
bessert einiges in der satzfügung und macht kleine Zusätze der 
gröfseren, ein bischen pedantisch aufgefassten, deutlichkeit halber, 
der dialect von C steht dem von A recht nahe. 

. 5. Lei/ser gibt s. xxvii an dass für za^ei in dei' handschrift 
141''. 142% also in B, enthaltene predigten sich die älteren texte 
unter den predigten aus dem anfange des xiri Jhs. finden, welche 
Holfmann in seinen Fundgruben i, 70 — 126 herausgegeben hat. 

^ wenn Lei/ser nacli einer anmerkiing auf s. 124 die meisten pre- 
digten von -nr 28 ab für sermones de diversis oder de qnolibet erktiirt, 
so ist das nicht richtig, gleich in A stehen, die feldenden notwendigeji 
Überschriften , während, andererseits diese predigten durch ihren inhalt 
ebenso wie die in B^ an bestimmte feste gebttndeJi sind. 



PHEDIGTBRUCIlSTiJCRE 221 

I), so bezeichne ich diese Wiener As., (his einst niel mnfangreicher 
war denn jetzt, mau ''"^ ineles früher geschriehen sein ah R, doch 
enthält es nicht den echten text. das Verhältnis ist anders als es 
nach Leifsers anffassun;/ sich ergäbe, nicht B verkürzt, sondern 
1) erweitert, liest man B im zusammenhange, dann fällt gewis 
nichts auf, was störte oder einen wangel andentete. die Zusätze 
aber in I) beruhen durchaus auf ganz wolfeilen ideenassociationen, 
halten den ablauf der einfachen gedankenreihen in B auf und, 
loas besonders angemerkt werden muss, nötigen ihren oer fasser, 
dort, wo er wider in den text von B einlenken will, frühßr ge- 
sagtes neuerdings zu bringen, damit der faden festgehalten bleibe, 
auch mehren sich naturgemäfs diese erweiterungen, mit dem fort- 
schritte der predigt. ^ 

Ich habe wol noch einige andere beziehungen zwischen D und 
B in dem unzulänglichen materiell zu erkennen geglaubt, ganz 
insbesondere aber scheint mir stil und disposition in beiden Samm- 
lungen gleich ; allerdings so dass D an B (natilrh'ch üt hier unter 
B eine B vorausliegende handschrift gemeint) sich gebildet habe. 

6. Roth hat in dem geschichtlichen twrbericht zu den von 
ihm (Quedlinburg und Leipzig 1839) edierten predigten ^.10 be- 
merkt, dass seine fragmente, E, und D gemeinsames haben, es 
inard ihm möglich, daraufhin sein bruchstück ix durch D zu er- 
gänzen, die beziehungen zwischen D und E gehen aber wol über 
diese eine angeführte hinaus, so haben sichtlich die 1 predigt in 
D und die xxii in E eine und dieselbe predigt als vorläge betmt-^t. 
nicht nur stimmt die disposilion im ganzen, vielfach findet sich 
gleichheit in verhältnismäfsig seltenen ausdrücken zb. liuirmnt. 
ferner vergleiche man 

D 74, 4^ und E G7, 37 f 

Saiicte Pelie, miu uil liebe, der Petrus der hat UDsers herren 
het gotes verlogent dristunl, dristunt verlaiigeul; und w*r 
unde het in der engel niht ge- er niht genent bei namen, so 
nant, so gelorste er nah so entorst er under die iunger 
grozen schulden under unsers nimmer mer sein chonien. durch 
herren iunger niemer chomeu; daz sein schuld merer was, denn 
dar umbe nant (in) der engel, eines andern , so nant in der 
daz (er) weste, daz im diu sunte engel bei namen, daz er iht ge- 
vergeben wäre, zwiuelt, durch daz er uase,rs 

herreu verlau^^ent het. 



222 PHKÜIGTBUUCIISTLICKE 

unser licirf ticr woll s. Pdrc in wolt ;nicli unser lieire sim-r 
alle sin Christenheit beuelhen, christenheil zu nutister gehen, 
dar umhe gestatte er ilaz er do lie er in an siner aigen 
geuiel usw. schulde lernen usw. 

(lalilea interpretatur transmi- Galilea daz sprichet in unser 
gratio vel transmutatio nsw. zung ein eroffenung nsw. 

besonders gegen den schlnss hin xoeisen D und E noch nahe Über- 
einstimmungen auf. kleinere ähnlichkeiten finden sich oftmals. 

7. erwähnen mnss ich, dass Roth seine fragmente mittelst 
einer aus dem xni — xiv jh. stammenden Üheraltaicher pergameul- 
handschrift (cgm. 74) ergänzt hat. diese handschrift, nicht mehr 
vollständig, enthielt sicher die nbschrift wenigstens eines teiles der 
alten predigtsamrhlung, ich nenne sie F. 

8. ich habe in dieser zs. xix s. 181 — 2()S predigtbruchstücke 
aus pergamentblättern und -streifen des \\\\ jhs. veröffentlicht, die 
auf der Universitätsbibliothek in Graz gefunden wurden, ich nenne 
sie G. s. 186 steht eine predigt de sancto Stephane, die wörtlich 
übereinstimmt mit dem erzählenden teile von A iv. in A iv ist 
eine einleitnng vorausgeschickt, die G mangelt, von der ich aber 
glaube dass sie ursprünglich ist. die sprachlichen formen sind 
natürlich in G jünger als in A. die lücke, icelche in G zwischen 
4 und 5 sich befindet (s. 186), wird durch A willkommen ergänzt. 

9. bei der publication von G ist mir entgangen dass der bl. 
13 der hs. (s. 194) beginnende rest der predigt auf den 4 Sonn- 
tag in der fasten identisch ist mit B nr 33 (Leyser 132, 7 /f = 
B 170''). die differenzen fallen B zur last, G bringt hier gewis 
die ältere fassung. wir brauchen uns aber mit diesem einen ge- 
wonnenen beispiel nicht zu begnügen. 

G, das habe ich aao. s. 182 angeführt, birgt die reste einer 
grofsen predigtsammlung , welche nach der reihe der festtage des 
kirchenjahres geordnet war. Leyser publicierte B nur zum kleineren 
teile, in dem seiner ausgäbe beigefügten glossar gibt er jedoch noch 
als belege einzelne stellen aus der Leipziger handschrift, von denen 
manche auch zur gruppe B gehören, wenn man nun für den 
gröfseren teil von B die in G herschende Ordnung voraussetzen 
darf, dann finden sich vielleicht unter den im glossar ans B an- 
geführten stellen einige mit den resten von G stimmende, hier 
die belege: G 203, Sf: ich mache vintschaft zwischen dir und 
dem weihe und zertritet dem slangen sein houbet, 



PIlEDU.TßUlJCIlSTLlCKE 223 

Leyser s. KiD/" = B 188": got sprach zu dcf slangfu. si sol 
diu lioiild zukniisin .... dem gesleclile. daz da zukiiiKsii daz 
liüubl der buseu shiDgen; G 204, 10: laut, licizzel Etliiopia und 
in uiiseior zuuj^eii heizzel ez Moilaiil, Leyser s. 141 --= li 189': 
daz heizet elhyopia vnd zu diite heizil iz moiiilanl; G 2(>4, 15: 
idoch verheiigete mein Ireclilin daz si zvveue tiachen erchuchteii 
mit ir, Leyser s. 169 = ß 189": iduch so voihengele got daz si mit 
irre koiikilvuore und mit irre zoubre zvveiie Irachen macheten. 
G 205, 23 beginnen die fraymenle der Andreaspredigt vgl. Leyser 
s. 142 = ß 192': andreas der in dülscher züngeu heizet virilis, 
es folgt darauf in G 206/" die Thomaspredigt, von der nur einzelne 
Silben und worte noch erhalten sind, die Legenda aurea (oder 
vielmehr eine ihr voransliegende verwandle fassung) bildet die quelle 
dieser predigt und hat den satz: rex in aliam proviuciam pro- 
üciscitur. die Thomaspredigt muss in B 192'' anfangen; so bringt 
denn auch Leyser s. 144 das citat: do vur er zu einer andern 
gegenote aus B 193% ivas in der legende nur zu unserm, satze 
passt. auch die stellen, welche Leyser sonst anführt, s. 146. 148. 
149. 150. 151. 154. 157. 159. 161. 162 passen durchaus in 
den rahmen der Sammlung, welcher durch die reste von G be- 
stimmbar ist. besonders interessant sind davon die citate aus der 
Johannes baptista- B 137% Epiphanias- B 142'' und Laurent ius- 
predigt B 186% die sämmtlich an den stellen der Leipziger hand- 
schrift sich befinden, an welchen sie nach G zu vermuten waren. 

10. es fehlt auch nicht gänzlich an nbereinstimmungeti zwischen 
G, D und E. so halte ich für sicher dass die predigten über 
Septuagesimae G 186/" und 86/" zwei bearbeitungen derselben 
vorläge sind, die anläge ist ganz identisch, dieselben bibelcitate 
folgen in gleicher Ordnung mit gleicher deutung. unser oben (5) 
angeführtes urteil über D wird hier bestätigt, G ist einfacher und 
treuer gegenüber der vorläge, ebenso stimmen die allegorischen 
deutungen in G 194, 19 jf utid E xiv auffallend. 

Ich glaube als sicheres gesammtresultat der angestellten beob- 
achtungen folgendes vertreten zu können: am ende des xii Jahr- 
hunderts wurde von einem (kaiserlich gesinnten?) benedictiner- 
mönch Mitteldeutschlands eine grofse nach den festen des kirchen- 
jahres geordnete predigtsammlung mit Verwertung lateinischer muster 
ausgearbeitet, von dieser enthalten B und G, welche sich auch 
sonst unter den angeführten handschriften am nächsten stehen, 



224 PUKDIGTIJIUJCHSTÜCKE 

sicher den grasten teil, vielleicht alles, eine handliche auslese ist 
in A veranstaltet . CDEF haben das alte predigtlivrh und dessen 
hrnchteile mehr oder minder stark ansyeschriehen oder benutzt, 
sich zum teil auch nur daran gebildet, der alte mönch war ein 
mann von einfacher, gerader frOmmigkeit, voll lebenserfahrung 
und yractischer klugheit , allegorischen tüfteleien und künstlichen 
dispositionen nicht sonderlich hold, seine spräche war etwas schwer- 
fällig , aber kräftig und gedrängt, jedesfalls gehört seine arbeit 
zu den bedeutendsten prosaleistungen der zeit. 

Viele von den hier besprochenen beziehungen werden denl- 
licher erkennbar sein, wenn die Leipziger handschrift, aus welcher 
Leysers auswahl geschöpft ist, vollständig veröffentlicht sein xoird. 



I 
(114"j Dominica prima post adveiitum. 

Jerusalem surge et sta in ex. Sanctus Paulus der spricliit 
an der leccin die man zi messe lisit: elliu diu dinch diu von 
den heiligen giscribin sint diu sint gescriben uns zi ainer l^re, 

5 daz wir mit gidulti und mit den heiligen tröste der heiligen 
schrifte zuversiht habin hin zu got. nu hat uns der wissagi 
churziu wort gisagit von der himilischeu Jerusalem diu geheizen 
ist ein anscowe des heiligin vridis und ein stat allir gueten liule. 
disiu wort sult ir gerne horiu und merchin und sult iu geistlich 

10 dar nach bildin. diu stat ci Jerusalem diu sol gecimbirt werden 
mit lebindiu und mit erweltin steinin, daz ist von den gueten 
und den durnohtigin selin. disiu stat was cibrochen und civürit 
von dem starchin vurstin dirre werlde, daz ist der tievel, unzi 
got sich erbarmite und in dise werlt chom zi vehtin wider dem 

15 grimmigin viant und wider cimbirn die stat. von diu sprichil 
sanctus Paulus: regnavit mors ab Adam usque ad Christum etiam 

1 Baruch 5, 5 Exurge Jerusalem et sta in excelso : et circumspice 
ad orieatem usiv. 2 in der epistilii B. ich führe ntir die characle- 

ristischen differenzen zwischen A und B an, nicht alle man hüte B 

5 Uli A. ich löse dies zu und auf nach der gro/sen a/izahl von und 
gegenüber seltenem unde der hs. dem tröste B 6 hoirenunge B 

proplieta B 8 stat ist aller B 9 wol nierkin B uch B 
11 und gebnwet mit B lebendigen B, vgl. Diemer, Deutsche gedichte 
anm. zuM\,'b 13 biz Ä 14 zu vechlene ß 15 zv widerzimmerne 5 



PREDlGTßllUCilSTLJCKE 225 

in eos qui non peccauerunt. er sprichit: der tot rihsite von 
Adam unzi an nnsern iierren Christum oiich über die die niht 
hetin gesundit. wand uns nu chomen ist trost von himile, so 
ladit uns der wissage wider unde sprichit zi Jerusalem zi (114') 
einer iegilichen sele: stant oul' Jerusalem und staut hohe und 5 
sich die ginade die dir chumit von gote. mit disin wortin sint 
bezeichnot alle die lagen in der bosheit und in den sunden dirre 
werlde, daz di sulen oiiF stau unde sulin wartin der ginadin diu 
den seligin chunftich ist so si verwandelunt die unstete dissis 
libis. da suli ir nierchin daz wir niht aine sin gemant ouf ci 10 
sten sunder daz wir ouh hohir sIen. ez sint menige die sih 
cherent hin ce gote und beginnent gütir dinge, so si denne 
ein unsenftir wint an wogin biginnit so virzagint si und vlihint, 
so gischihit in also sanctus Petrus sprichit also dem bosin hundi 
der daz spigit daz er izzit und dem swine daz sich waschet 15 
und sich dar nach besolgit. durch daz sulin wir hohir sten, 
daz ist daz wir unsir gemüte sezzin hin zi hymile und gedenchin 
an die gedult und an die arbeit die die heiligin hie bivor litin 
und sulin in nah volgin. ez ist reht der mennischen daz si 
aribeitin oder vehtin, wan ci den beidin ist der mennische giborn. 20 
von diu sprichit sanctus Johannes: homo ad laborem nascitur. 
der mennische ist zi aribeitin giborn. aber von den vehtindin 
sprichit er: militia est uita hominis, daz leben der mennischin 
ouf der erde ist ein ritterschaft, daz ist bicorunge und ein (114") 
urliuge wider den tievel. nu sehit wie sanctus Paulus aribeiti 25 
unde vaht und volgin im so wir besti mugin, ob wirz niht alliz 
tun, daz wir sin doch ein teil tun. nocte, inquit ad Thessal., 

1 Rom. 5, 14 sed regn. — Moyscm etiam — 2 und ouch an 

die B 5 J. ein bispel einer igeliclien seien B richte dich onf B 

y so A, vgl. noch in v. verwandeln B 11 sunder oiich daz wir 

ho sten ß 14 daz B 15 der daz wider izzel daz er verlazen 

hatte B 16 besiiligit in dem höre B ii Petr. 2, 22 contigit enim eis 

illud veri proverbii (vgl. Prov. 26, 11): canis reversus ad suum voniitum 
et sus Iota in volutabro luti. vgl. Mones Anz. 1839*. 510 hohi A ho B 

19 stenden B 20 wan fehlt B 21 vielmehr Job h,l. B ciliert 
richtig sente .Tob 23 Job 7, l — super terrani 25 und sine 

lideniaze B. dies ist ein lieblingswort des Schreibers der Leipziger hand- 
schrift. welches er auch in B^ mehrmals anbri?igt. oder hat er es erst 
von ß' gelernl't merkit B aribeti // 26 vnd volgel ime so verre 
ir ninget B 21 ob — tun fehlt B 



226 J»lU!:DlGTßl{U(;iISTÜCKE 

«il <lic laboraueruiit inanus tnee iie {juciii ucstiuni graiiarcm. 
naht und lach, sprichit er, aribeitin mine hendc, daz ich nienian 
svvcre vvere. von dem urliugc spricliit er also: — der den winl. 
sIehit und louüt niht in ungewisse, sunder ich valil nah dem 

5 siginufti der gotelichen ladungc diu da ist an unsirm herren 
Jhesu Christo, liehe, slahit den wint niht, daz ist daz ir des iht 
vvenit daz chappe oder loch iht helli wider den almehtigin got 
ane gütiu werch. sezzit die vözi ouf einin stein der vaste lige 
und niht valle noch walgi, daz ir niht slifünde werdit unzi daz 

10 ir gisigit. der walginde stein daz ist diu unstete, deu vellet 
diu liute. der vaste ligende stein ist unser herre Jhesus Christus 
der alle die vaste ouf hahit die sih an im lazint und sie briugit 
zu der ewigiu ginadin. qui vivil etc. 



II 

Dominica in. 

15 Sic nos existimet homo ut ministros Christi et dispensatores 

misleriorum dei. unsir herri got der in dise (114'') werkle v.olde 
chomen, daz er uns erloste von der vancnusse des tievels und 
hat uns viunf sinne gigebin umbe daz daz wir bihaltin den schaz 
daz ist diu sele die er gischaffin und gibildit hat nach ime. den 

20 schaz sulin wir bihaltin in der chamere der tugindin und be- 
sliezin in mit dem slozzi der gfltin vverchi. ci allen citen und 

1 von den vier stellen, welche hier in betracht komnien, entspricht 
der Wortlaut keiner diesem citat. laboramus findet sich i Corinth. 4, VI. 
nocte ac die i Thess. 2, 9, ein. perfeclum ii Thess. 3, 8. die beiden 
letzten haben gravaremus. atn /'ernsten steht Acta ap. 20, 34, obwol sie 
allein die hier angewandte 3 person pluralis gibt. B tässt das citat un- 
berichtigt 2 ieman A 3 uf daz iiiemaii von mir besweret wurde 

B in B findet sich das fehlende sie pugno non qiiasi aeiem verbe- 

laiis, .sie luno iion ijuasi in iiuertimi (i Corinth. 9, 26 aber in umge- 
kehrter Ordnung), ich vehtc, spricht er, niht als der den wint sieht usw. 
der grund des ausfalls bei A liegt in dem also, welches zwei aufein- 
anderfolgende Zeilen schloss 4 in fehlt B ich nachvolgeÄ 5 o^" 
liehen A (i statt liebe hat ß also sull ir vehteii 9 valle fehlt B 
10 biz daz ir geveclitet und gesiget B 11 den menschen B 12 ent- 

heldet B siht ./ sich getriiweliche an ß 13 de e. g. A der B 

darnach in B noch daz uns daz gesehe, des helf vns vnser herre ihesus 
crislus qui vivit etc. IG i Corinth. 4, 1 17 und] /. der 



PREDIGTBRUCUSTLJCKE 227 

ubtT elliu gfiliu tlincl» sulin wir liutin uusiiin gi'Uiu sele nah 
iinsirn nahwcnde» so verre so wir niugin. wir sulin niht spre- 
chin also Kain, do er sinen bruder heti erslagiu und in got 
vragite wa er were: uumquit ciistos fralris mei suni ego? ich 
bin niht niines bruder hAtere, sprah er. der sinini bruder der 5 
sundin gestatit, ob er ins mach erwenden, der slehit sich seibin 
und in. dannan sprichit sanctus Gregorius: silere, cum possis 
corrigere, ei consentis. swer die sunde verswiget und sie mach 
erwenden der gihillit ir. von den sprichit sanctus Paulus: non 
solum fatientes digni sunt morte. niht, sprichit er, die ez tunt, 10 
sunder die des ubilin verhengint, die sint des lodis suldich. 
man gebiutit ouch an der goles e : si videris bouem fratris tui 
iaceutem in fouea, nou pertranseas, sed stude, ut extollas. sihislu, 
sprichit er, dinis nahgibowirin ohsin ligin in einer grübe, du 
nisolt niht vur gen, sunder du solt in ouz giwinnin. swer (I15'j 15 
so houbithafti sundi biget der vellit in eine tiefi grubin, ouz 
der sol ein iegelichez den andirin helfin. also sanctus Paulus 
sprichit: aller alterius honera portale, ein iegilicher tragi des 
andirin burdi, so ervollil ir die gotis e. nu sehin wir ci uns 
seibin und lebin also daz wir andirn liutin gut bilde gebin und 20 
vortragin und doch innin reiniz herzi tragin, daz wir baltlichin 
mugin sprechin zi den die uns verteilint also sanctus Paulus 
sprach: michi autem pro minimo est, ut a uobis iudicer aut ab 
humauo die: sed neque me ipsum iudico. nichil mihi conscius 
sum, sed non in hoc iustificatus sum. qui autem iudicat me 25 
dominus est. mir ist vnmere, sprach er, daz mir von in werde 
verleiht oder von dem mennislichim tage, noch verleih ih mir 
selbi nihl. ih bin mir niht giwizzin daz mich rugi und bin ie 
doch dar umbe nihl gereht. vvan der mich dar rihtit daz ist 
uusir herri. uu sulin wir drin dinch merchin einis andirin ur- 30 
teilis umbi einin andirin. daz ist umbe diu dinch diu oflinbere 
sint. diu dinch diu niht giwizzin sinl oder der man nieni weiz 

1 verderbt ',\ do er in sinen .// 4 Gen. 4, 9 lü verkürztes 

citat , entstanden aus Rom. \ , 32 qui cum iustitiam dei cognovissent, 
non iiiteilexenuit qiioniam i|iii talia aj^unt, digiii sunt morte: et non solum 
qui ea facinnl, sed etiam qui consentiunl facientibus enspriciiit A 

1 3 eine freie zifsamrnenarlteititng' der Ijeiden stellen Exod. 23, 4 f 
und Deut. 22, 1 ff' 18 Galal. 6, 2 — et sie adimplebitis legem Christi 

2G I Corinth. 4, 3/" 27 mnislichim ^ 30 diu ^ 31 daz erste? 



228 l'REDlGTJJUUCUSTljCKt: 

noch oienian mach giseliin iiiil, weUchim miitc; si gisccliin, da/, 
vcrhiutit uns (hu fieihgiu srhrilt dar uhii- ihr ('rleihn. der gi- 
dingi der in uns ist ria (115') niacli nifiiian uhir ertcihn iiiwaii 
der in uns ist. nemo seit que sunt hominis nisi spiritus qui in 
5 ipso est. daz (hitte urteil ist in golis lougiii der uns baz er- 
chennit <lanne wir selbe, nu suHn \vii- uns den hulin so er- 
ceigiu, daz si von uns werdin gehezirol. unsir wat sol niht 
uhermfltich sin, unsiriu vverch sühn dicrnfttith sin, diu wort sulin 
gishlfin sin. disiu (hin dinch lerit uns sanclus Johannes von 

10 dem mau hiute hsit in dem ewangeho. er was niht wehi gi- 
vazzit ci dem lobi der huti, er was niht an sinen werchen sam 
der ror den der wint her und hin wirfit, siniu wort warin wol 
gishffin , si rietin daz reht und niht daz unreht. also sühn 
wir tön daz wir chomen da er nu ist, daz ist ci der ewigin 

15 ginadin. wir suhu (hin dinch ouch vurnemen und sehin daz 
die gidauke sin heilich, daz die girde loutir sin unde diu andaht 
ganz si : diu girde an dem wilhn, diu andaht an der rede, nu 
sulin wir iegelich hihle nemen von ouzirin (hngin. ist daz an 
i\em hbc ein ubil variwe enspringit, er wirt deste wirs gitan 

20 und virhusit ouch siner crefti. ist aver daz diz vleisch swelhn 
biginnit, so wirt der lip voul vnde ubil gitan. chumit aver der 
Siechtum hin ceme gibeine, so (115'') zwifilt ez sich umbe den 
lip. ci gihchir wis ist ez an der sele. gewinnit der mennischi 
ubili gidanche mit den werchin ervollit, so ist ez der giwisse tot. 

25 nu sulin wir zu dem tor der gidanchi selzin einiu hutere der 
heizet ein hutnusse der gehorsam, daz ist daz wir gidenchin, 
swenne uns die ubihn gidanchi bisten, waz wir goti giheizen 
habin. ci dem tor der bosin girde wir sulin sezzen einen hutere 
der gihuginusse der gihorsam, daz ist der hymilischin erin die 

30 got git den die ir willin hie lazint. zu dem tor der werchi 
sulin wir sezzin eiuin hutere der gihuginusse der helliwize. der 
hiitere sol so gitan sin daz er cleiniu noch groziu in lazi, daz 
ist wenigi noch grozi sundi bige, sunder also hüte, swenne der 
clophi der sin hus an uns habe gimachit, daz wir ime ouf tun 
und in dar in lazin und in vrolichin euphahin. qui vivit etc. 

5 1 Coriiith. 2, 11 14 das erste daz] da A der] dem A 

15 sehint A 17 diu — ganz sij die — ganchi A 23 nieniiichi A 
24 hiei' ist vielleicht etwas ausgefallen 31 denselben aitsdntck bringt 
Leyser aus seiner lis. 76' bei im glossar s. 148 



PREDlGTimilCHSTÜCKE 229 

III 
De nativitate domini nostri Jhesii Christi. 

Apparuit bcnignitas hodie, dilectissimi. dominus de celo in 
terram aspexit, iit audiret gemitiis compeditorum, ut solvereL (ilios 
interemptoriim. liebe, also wir vvol vvizin, wir l)igen hiute, wie 
daz golis rat und sin ginade allir erste ubir den niennisclien 5 
chom (115'') der golis verlouginot bete und in des tiuvels gi- 
vvalt chonien was mit siner ungehorsam und menigin sinin sun- 
din, (brre tach bat uns brabt vronde. daz ist der tacb an dem 
der almehtigi got giborn wart an sunde von sande Marien der 
ewigin meide, hiute an disime tage wolde got sine ginade er- 10 
zeigin die er het ci dem menniscbin daz er wolde mennisch 
werdin und menuiscblicb not wolde lideu und menniscblichin 
augist. von disini tage sprichit .sanctus Jobannes apostolus: in 
hoc apparuit karitas dei in uobis, quum tilium suum uaigenitum 
misit in mundum, nt uiuamus per eum. da mit hat got sine 15 
lieb erzeigit die er ci dem mennischen bat daz er sinen sun 
sande in dise werlt, daz wir lebin durch in. nu sulin wir mer- 
chin in disir wenigin wile waz er durch uns lite, daz ez uns 
zi itiwiz ibt werde hernach , obe wir uns nach ime bildin. er 
leit bungir und leit durst, er leit itiwiz. man schalt in, man 20 
slüch in, man roufti in, man vercbonfti in, man verteilte ime ci 
den galgin, man hincb in an daz cbruce zu den shaherin, da leit 
er den grimmigin tot. quid ultra debuit facere et non fecit? 
waz sin mere daz er mohti oder soldi? er hat ervoilot daz der 
wissagi von im heti gisa(116'')git: improperia exprobrancium 25 
ceciderunt super nie. der liute itiwiz vielin ouf mich, durch 

2 I Jok. 4, 9 in lioc apparuit charitas dei in nobis quoniani usto. 

durch den einfluss von Tit. 2, 11. 3, 4 ist benignitas hereingekommen 

von dominus ab Psalm 10t, 20/ 4 als ir wol wizzit B wie 

wir bigen hiute daz J wie fehlt B 5 meiinichen A 8 hüte hat B 

trost und genade der ewigen wüiine und der ewigen vroude B 
10 wode A II die er zu den niensclien hatte B 13 vnd mensch- 

lich arbeit vnd vngemach liden B 16 erzegit A 18 m B noch da 

wir inne leben 22 den] de A 23 B hat die gajize stelle vom leiden 
umgearbeitet und modernisiert umgestaltet aus Isaias 5, 4 quid est 

quod debui ultra facere vineae meae et non feci? 24 waz solde oder 

waz mochte er mer dvrch vns getvn? B 25 propheta B 26 aus 

dar combination von Psalm 68, 60 opprobria exprobrantium und Rom. 
15, 3 improperia improperantium entstanden der liute] ir B 



2:^0 PHKDir.TBHUCHSTÜCKE 

(l;i/, ist Ulis ;in ei scliino, wiir iiml»o er (Hz It't. Jippaniil nposto- 
lis henignitns (>l liumanitas. <l;ir iiiiihc spricliit sanrlns Paulus: 
uns orscciu diu miiine und diu iiiciinisclieit f,'()lis, daz veilougiutin 
des iihilin und wrrtlicliir girdo und chiuslicliin Iphin in diri" 

5 werlte und bitlin des heiligen trostis und clninfti der «-rin des 
micl)ilin golis und iinsiris lieiinndis .Ihesu ('hristi. an disiii 
wortin sult ir merkin daz er niht die werlt siuider werltliclie 
girdi uns heizit uiiden, wan als er anderswa spricliit* in omni gente 
et in omni regno quicuncjue operafur iustiliam acceptus est deo. 

10 swa der mennischi gfitiu und rclitiu dincli tut diu sint goti gi- 
neme. swer aber grozi veinde hat, lit er in einem bosin wilere, 
der mach baz den lip verliesin denne er were in einer grozifi 
burgi. also ist dem clostir und der werlte. von den spricliit 
Salemon : qui tangit picem inquinabitur ab ea. swer bi dem bechi 

15 ist und rurit der wirt licbti da mit bisolgit. da von sprichit 
sanctus Johannes: quicunque uult esse amicus huius seculi ini- 
micus dei constituetur. swer dirre werlt vriunt wil sin, spricliit 
er, der wirt gotis veint. liebin, wan wir iu daz bilde vortragin 
daz wir die werlt durch got habin (llö'O lazin, nu suliu wir 

20 uns seibin niht triegin und sulin die girde mit dem mute und 
mit dem herzin vliehin. non enim est nobis colluctatio adversus 
carnem et s. sed advers. mund. rec. ten. harum con. sp. neq. in. 
ce. uns ist ci vehtiu, sprichit sanctus Paulus, wider blut und 
vleisch und wider die vurstin dirre vinstirin werkle und die 

25 ubiliu geiste in dem hymile. disiu wort sult ir rehti verslen 
oder ir sit andirs verirrit. blüt und vleisch ist der mennische, 
wider den sulin wir niht stritin also diu werlt phligit, sunder 

1 inquid a. B 2 Tit. 3, 4 — salvatoris nostii dei 3 B hat 

das pronomen personale vgl. Gr. iv, 216 4 vnd rechte vnd gutliche B 

5 seligen ß der ciimfte vnd der erin B 6 almehtigen B 

8 girde daz ist die sunde heizet er uns iniden B 9 Acta ap. 10, 34 

in veritale' comperi, quia non est personarum acceptor deus: sed in omni 
gente qui tiinet eum et operatur iustitiam acceptus est illi 10 anneme 

B 11 in einem wüsten huse 5 12 in einer guten bürg 5 13 also 
ungelich ist B werltde A 14 her Salomon B Eccii. 13, 1 qui teti- 

gerit — 16 vielmehr Jacobus 4, 4 quic. ergo voluerit tmo. auch B 

citiert falsch 21 sunder wir suln die böse gerunge mit ganzen truwen 
\iihn, swi daz vleisch widerstrebe B 23 Ephes. 6, 12 - et sanguineni; 
sed adversus principes et potestates, adversus mundi rectores tenebrarum 
harum, contra spirilalia nequitiae in celestibus 26 oder ir sit geirret B 



PREDir.TimUCHSTÜCKE 231 

wider den tiiivel der von siner nbile ist giheizin ein vursti dirre 
werlde und sili hildif in einin engil, daz betriugit uns arme linte. 
durch daz sjilin wir tun daz wir da vor haltin gisagit: sin chiusche 
an selhin und hahin uns von dem ubiU;, sin reht wider unsir 
nehistin, daz wir in als uns selhin minnen; sin gut wider got, 5 
daz wir inie uher eilin un<l vor allin dingin sin undertan und 
gotis cliunft, swonne er chomen sol ci offinlichime gerichte, der 
durch den mennischin chom in dise werlt touginlich. nu sezzin 
wir hiute unsir wahte uhir daz vihe unsirs lihes, daz ist daz diu 
andaht loutir si. deu dritte ist der wäre einniut in dirre werlt, 10 
die sulin guti liute in goti (116'') han und wachen also unz uns 
die heiligin engile den vride chuntin und hrahlin den wir iemer 
hahin in sinem riche, hoc est Jhosu Christi domini nostri qui 
vivit et regnat. 



IV 

Stephani protomarlyris. 15 

Justus de angustia liherahitur et tradetur impius pro eo. 
lieite, die menigin hohcit die wir bigen in dem iare di sini uns 
ein groz zuversiht. wir sulin grozin gedingin han ci dem al- 
mehtigim goti daz wir sine tröti und heiligin mit geistlichem 
lohi erin, mit chirchgange, mit veirin und mit iunerclichem gihet. 20 
si siut uns ouch dar zu gisezzet, daz wir sendin ci bolin ci dem 
almehtigin goti, daz si uns weginde und helfinde sin, daz wir 
unsri sunde gibözin. nu ist an uns ci sehene wie unsanfte si 
daz himilriche habint erarnit. si liezin dar umbe wertlich gut, 
man warf si in deu charchere, man brande si, mau houbte si, 25 
allir der martir der man gidenchin mach die tet man in, daz si 
gotis verlougintin und der warheite giswigin. von diu sprichit 

I ein] e /4 2 da er betriege B cranke B 3 zweimal daz wir J 
als ich B gisahit J 4 an uns B 5 nehististin /l 8 so er cumen 

wirt ZV gerichte oflenliche der durcii vns mensche quam in dise werlt tou- 
gincliche B 9 nu setze wir wachte vnd hüte B ober uns seibin B 

das fehlende hal B die erste hiite ist daz die werk reine und gilt 
sin, die andere ist daz die andacht — . wider ist der ausf'all durcli gleich- 
lautenden Zeilenausgang oder -anfang veranlasst 10 othmüticheit B 

II also also uns ^ also biz unsÄ 12 kundigen vnd brengen Ä 
16 Prov. 11, 8 — liberatus est — 21 ist si iwr sendin zu er- 
gänzen ? 



232 PHEDIGTHRÖCHSTÜCKE 

sanctus Paulus: sancti lu(]i1>ria et uerbera experti insuper et 
uincula et caicores. liorri, sprichit er, dine heiligin liten not 
(116'') unzi oul' den tot durch unsirin herrin crist. die; martir 
litin si gerne durch unsirs herrin liehe und (hircii des niichilin 
5 lonis willin daz iu giheizin was. liehiu, sit wir so brode sin hi 
unsirin eilen daz wir so gelaniu dinch nihl erhdin mugin daz 
si litin, da von sanctus Pauhis si)ricliit: niortiticate tneinhra uestra. 
daz sprichit: totit iuweriu lider oul der erdin, daz ist daz ir iu 
enthabit von der girde ivvers vleischis, von unreiiiicheite, von 

10 ubilin gilustin, von giricheile unde von anderin lastirn die den 
mennischin von got schundint. ez sint zwei gislechti der martir 
also uns diu schrift sagit, einiz ist offin, daz ander ist taugin, 
daz man die liute totit in diire werlte. der aber martir lidit 
und daz gididticlichin durch got tut und verti'eit, daz ist ein 

15 tougin martir diu den mennischin hringit hin ce got. von diu 
ist uns not daz wir habin an allin dingin die gidult, wan unsir 
herri sprach: in patientia. mit iwer gidult bisizzit ir iuwer sele. 
nu sehin wir sande Stephan an, des dull wir hiute l)igen, wie 
er daz himilrich (117") arnet. mau liset von ime daz er mit 

20 sancto Paulo lernte von einim herrin hiez Gamaliel. do begunde 
sanctus Paulus ehtin der cristenheit, sande Stephan begunde si 
lerin den wcch der warheit. also chom ez daz in die zwelif 
potin nanien, daz er in huiti tragin die bürde Christi und bi- 
cherti die liute von ir unrehti ci giitiu dingen, do die iudin 

25 daz gisahin daz von siner leri maniger sich ci goti cherti, do 
vingin si in und vurtin da ir saminungi was und sprachin in an, 
war umbe er an got gelobte und wider die e tete. do sprach 
sande Stephan zu iu: 'ir sit unseligi liute, ir hertis halsis und 
iwer herze ist unbisnitin, ir warit ie wider slende dem heiligin 

30 geiste'. von so gitanir lere wart er gimartirit, des anderin iaris 



2 Hehr. 11, Hfi 7 Coloss. 3, 5 — quae sunt super terrani : for- 

tiicationeni, inimiinditiaiu, libidinein, conciipisceiitiain nialain H avaritiain, 
quae est siniulacrorum servitus 13 /*/ hier ?iic/i( te/V/ salz ausgcfa/le», 

in dem von der n/J'ene?i marler s^esprochen wurde? 17 Luc. 21, 19 

— vestra possidebitis animas vestras 18 damil beginnt G 19 er- 

arnete G 21 achten die clieristenlieit G 23 ze tragen G 

becheren G 2ü wurtin /4, ist darnach in avs^ef'aUen? G liest: 

fuorten in in an fehlt G 27 wider diu rec'ht were G 

28 Sit] sult A 



PREDIGTBRUCIISTÜCKE 2B3 

nach unsirs lierrin oufverle. do si in steintin, do half in sanc- 
tus Panhis, der dannoch hiez Saulus, so harte, daz in niht ge- 
nögte ir einis heude, sunder er bihielt in ir givvant daz si worin 
deslir bireiter. in den stunden garno(er daz er sach ol'fln den 
himil und unsirn herrin Jhesum Christum an der gotheit ci sinis 5 
vatir cesivvin inie ci helle und ci sterchin, daz er vol bi- (117'') 
libe an der warheit. welch bilde und gidult er uns da erzeigit, 
daz ist uns an ci sehine: do si in allizane steintin, do viel er 
an siniu chnie und bat got daz er ez in vergebe, domine, in- 
quit, ignosce. herre, vergil» ez in, si wizint niht waz si tunt. 10 
liebin, also sult ir tun, ob ir minin trehtin werlich minnit und 
ob iu iuwer sunde werlich riwint. svvenne imen mit wortin 
oder mit werchin oder mit diheiner slahte widermflt iu bisvverit, 
so sult denchin waz min trechtin zu uns sprichit: dimittite et 
dimittemini. vergebit iwern sculdigirn, sprichet er, so vergib 15 
ich iu iwer sculde. des seibin bitin wir tegilich an dem pater 
noster, so wir in sprechin. wir bitin in, daz er uns vergebe 
unser sculde also wir vergebin unsirn scolerin. mit disin wortin 
vlüchin wir uns seibin, ob wir mit dem herzin niene meinin daz 
wir sprechin mit dem munde, von den sprechint die apostoJi: 20 
confitenfur uerbis se nosse deum, t'actis autem negant. si ver- 
jehint gotis mit den wortin und verlouginint sin mit den wer- 
chin. nu bite wir hiute den guten sande Stephanin daz er uns 
helfinde si ci den gina<lin des almechtigin gotis, daz wir mit 
warir riwe fnndin werdin und daz er (117') uns wäre niinne 25 
verliehe wider got unde wider unsirn ebinchristin und da mit 
garnen mit sinin helfin die ewigin ginadin. qui uiuit et regnat. 



V 

De sancto Johanne. 

QUi sunt hi qui ut nubcs uolant et quasi columbe ad fe- 
nestras suas? der wissagi herre Isayas sprichit von den herrin 30 

1 marter und oufferle G 3 das bessere sin hat G 4 gar 

noler A gar notiger G daz fehlt G ouf dem G 6 ze 

ohrefte G wol G 7 liebe G 8 alle an C 10 dieselbe 

landläufige iibei'tragting, ivie ich sie zu Zs. xix, 186, 25 notierte 
12 G hat eu, was ich dort zu euch geändert habe hier bricht G ab 

15 Luc. 6, 37 21 Tit. 1, 16 30 Isaias 60, 8 

Z. F. D. A. neue folge VIII. 16 



234 PnEDlGTnnilCIISTJJCKE 

der hf'iligin clirislinlieil: wor siiil die da vlipginl sam die wcdcliiii 
tragin den regin und viuliliut die durrin cjdiu? da/, wariii di«' 
zwolir polin die mit ir reinin U'a\ viulili niaclitin die lior/e der 
sundere und hrachlin minin trchlin den celiinziclivallon wi'icher. 
5 ir ougin warin sam ein loubin venstir, wände sie beten niheine 
nl)ile girde ci den dingin die von goti snndirnni, wände si warin 
ane gallin iiazzis unde nidis und einvallich an den uhilen und 
wise an den gü(in. von disiu was der gflte sanctus Johannes, 
des dult wir hiule bigen, der mit siner suzin leri bigoz den gotis 

10 gartin, daz ist die beibgin cristinbeit. durcb daz ist er uns vur- 
gisazt als ein miciiil siulc , daz wir uns liabin an in und von 
ime bikle nemen cbiuscbir und guter worte und werclie. von 
ime spricbit diu beilige sbril't: vox tonitrui tui deus in rota. (117'') 
illuxerunt corruscationes tue orbi terre. die stimme dines tonrs 

15 in dem rade und dine bliebe sint erscbinin al der werlde. mit 
dem tonre ist beceichnet diu bredige des biMligin ewangelii, mit 
dem rade disiu werlde die da umbi loutil als ir selbi seliit und 
wizit daz si an dibeinin dingin steti bilibit. die bliebe die der 
vverlt sint erscbinin daz sint diu zeicbin und diu wunder die 

20 unser berri let und zeicble den Hüten durcb sande Johannes, 
swie der so vil were daz si nieman moliti giabtin, iedocb daz ir 
da von gibezzirt werdit, so wellin wir iu sagin ein teil siner 
Idicbe, unsir berri Christ was siner mümin sun. do sanctus 
Jobannes wip wolde nemen, do ladit er dar unsirn berrin und 

25 sine möter zu der wirtsbefte. do in gebrast des winis und grozin 
angist betin, do machit unsir berri got win uz wazire mit siner 
gotibeit und machte in groze vreude. also daz sande Johannes 
rrsacb, do liez er sine gimabiinn und machti sich ci unsirme berrin 
Jbesu Christo, dar umbi minnit in unsir berri vor anderen 

30 sinen jungirn daz er durcb in werltlicb minne liez. do iz nahti 
daz unsir berri gimartirit sohle werdin und er saz mit sinin 
Jungirin ci dem ezzin, do erceicte er sande Johannes sine minne 
daz (118*) er in ouf siner brüst entslafin liez unde in trancte 
mit den brunnin siner wisbaite, da von er ouch sit den liuten 

35 schancte. do unsir berri givangin wart und an daz criuce gi- 
nagilot wart, do enpbalich er sande Johannes sine mutir, mine 

3 die 7iach potin fehlt A 4 celiinziclivaten A 13 sprcliit A 

14 Psalm 76, 19 olme deus 24 vgl. Fvndgr. i, 85, 20. Kelh 

Specuhnn s. 32 25 im A 28 er fehlt A 



PREDlGTBRIJClISTiJCKE 235 

vrowpü sande Marien , rlaz or magil sie magit biliutc. sil do 
unsir lierri ci liimile vur und die gäbe des heiligin geistis teilte 
sinin jnngirn, daz si lertin und hichertin die linte, do vur sanc- 
tus Johannes in ein hinl, heizit Asya, da becherti er die liute 
mit siner bredige und mit sinen zeichinin die er in sinim naraen 5 
worliti ci gotis ginadin. dar iimbi hyez er in vahin, Domicianiis 
der des landes phlach, und hiez in vurin ci Rome. da sazte 
mau in in ein potige volle waziris und vvalliudis oles, dar ouz 
gie er do aue ser und ane leit mit gotis shermungi. dar nah 
wart er gisendit in ein insulam ci Pathmos. da phlach sin unsir 10 
herri und oltinte im die tougin der christinheit bi sinen engelin. 
shiere dar nach wart Domicianus erslagin und wart sanctus Jo- 
hannes mit grozin erin wider giladin. do stifte er chirchin 
und störte die abgot und irretum mit siner lere, in des tet got 
groziu zeichin und wunder durch in. ein witiwe was da ver- 15 
sceidin, do er wider chom (118'), diu was ime heimlich gewesin 
und bete in ci house geladin. die trugin si gegin ime weininde, 
die hiez er ouf sten und hiez ime ci ezzin machin. er machfi 
golt ouz gertin, edili gistein ouz chisliugin. svvenne er aber 
wolde, so hiez er daz ez sich verwandilote wider in sin nature. 20 
die wunder die er tet diu mochte nieman gisagin. wan ouch 
diu cit churz ist, so lazin wir ir vil und wellin noch einiz sagin, 
daz sich troslin alle die mit grozin sundin sint bivangin. sanctus 
Johannes bivalch enin jungilinch einim bischoffe der under ime 
was, do töfte er in unde phlach sin mit michilim vlize. ci juugist 25 
liez er ime ci harti sinen willin und werte es ime niht. do der 
jungelinch daz entsinnt, do lie er sich ci der tumpheit und ci 
werltlicher bosheit also verre, daz wirz iu churzlichin sagin, daz 
er wart ein roubere und ein meister der schachere, do chom 
sanctus Johannes zu dem biscofTe. do er alliz daz gihandilote 30 
daz er vvoldc , do isc er den schätz den er ime heti bivolhin. 
do wundert in waz er meinde. do sprach sanctus Johannes: 
'ich vordire den jungelinch den ich dir gab ci bibaltin und ci 
ciehin'. also drate bigunde der biscoff weinin und sprach: 
(1 IS*") 'er ist tot' und meinde an der sele, da alle die sterbinl 35 
an die dem tiuvel dienint. nach dem worte sait er imz bischei- 
dinlichen daz er were mit den sliachern in einim bergi. do daz 

5 er tet in // 2S werre A cliuilichin A 

16* 



236 PREDir.TBnurilSTtiCKE 

sanctiis Joliannos erhorti, do bigund er vil lieize weinin und bat 
ime biingin ein ros unde bat sich wisen ci dem berge, do er 
dar cliom, do liefin die sbacheri zu und woldin in robin. do 
bat er si daz si in wistin zu ir herrin, er solde in gisprechin. 

5 also er chom givvafinot und grimmigis niulis und in sanctus 
Johannes ersach, do bignnde er vliehin. do rande sanctus Jo- 
hannes nah ime und spiach also: 'war umbi vliuhist du einin 
altin man ungiwafintin? ich bin din vater und sol got umbi dine 
sele anlwurtin. missetrauwe niht, wan ich wil minen lip vur 

10 dich gebin als in Christ vur die werlde gab.' do daz der junge- 
linch gihorti, do viel er vur sand Johannes vflze und weinde vil 
innicliche und barch die cesivvin haut da mit er daz mein heti 
bigangin. do nam si sanctus Johannes und chusti si und trosli 
in ci riuwin und vtirti in mit samt im ci chirchin und satzti 

15 im buze vur sin sunde nnde also verri, daz er seit biscof (118'') 
wart, nu bite wir hiute got daz wir der ginadin giniezin des 
gutin sande Johannis und hie also gilebin, daz wir giarnin den 
ewigin lip. qui uiuit et regnat. 



VI 

De sauctis innocentibus. 

20 BEati qui non inquinauerunt uestimenta sua sed raunda 

seruauerunt, ambulabunt enim mecum in albis, quoniam digni 
sunt, liebi, den tach den wir hiute bigen der heizit der chin- 
delin tach, also hiute si Herodes tote, elliu chint die gihoru 
warin in zwein iarin in dem lande da unser herri Christ wart 

25 giborn. war umbi daz gischach? daz sage ich iu vil churzlich. 
do unsir herri wart giborn und Herodes horti sagin von dem 
sternin der da was erschinin, do vorhti er verstozin werdin siner 
erin und hiez vorscin allinthalbin, wa daz chint weri daz solichiu 
zeichin bigienge. in des erschein der engil Josebe und hiez in 

30 vliehin mit dem chinde iu Egiptilande und sagte ime daz in 
Herodes suchen wolde. do in Herodes niht vindin mohti, do 

3 do] di A 12 brach A. das richlige barcli hat auch die Johannes- 
predigt bei Leyser 81, 5 22 Apoc. 3, 4 sed liabes pauca noniina in 
Sardis, qui non inquinaverunt vestimenta sua: et ambulabunt niecum in albis, 
quia digni sunt, der zusatz vielleicht aus eritinerung an Tob. 3, 16. 



PREDIGTBRUCIISTiJCKE 237 

hiez er elliu diu diint crslahin diu iu zweiu jarin waiin giborn. 
vou disin cliindiu spricliit diu heiligiu schrift: isti sunt, qui non 
inquiiiauerunt ueslinieota sua. dise sint die nihl unschöne hant 
gimachit ir giwcli. mit dem giweti werdint l»izeichiuit (119') 
die liclinamen, uan also diu vvat den lichnamen dechif, also dechit 5 
der lichname die sele. mit dem giweti sint ouch bizeichinit diu 
grttin werdi also der wise Salomon spricliit: omnia uestimenta 
tua sint Candida, daz sprichit: ci allin citen sol din wat wiz 
sin. daz ist, unsiriu werch sulin gut und reht sin. war umbi? 
ne appareat turpitudo nostra, si non custodierimus eam. bi- lo 
hfltiu wir unsir giweti niht, so werdin wir nachit vundin unde 
wirt scam ersehin. diu wort sult ir merkin und waz si be- 
zeichinin. nieman ist so tump der sines giwaudis vor den diebin 
niht hüte, er si denne gar ein tore; also sol ein iegilicher sines 
giwandes hutin vor dem tiuvel der ie was ein diep und immer 15 
ist. sweune wir aber werdin ouz geslöfint ouz disem gewande, 
daz ist so wir verwandilin disin lip, ist daz giwant danne niht 
wiz, daz ist daz wir an gfltin werchin niht werdin ervundin, so 
müzin wir uns scamen vor gole und vor sinin heiligin engilin 
und waz uns denne zugisprochin wirt. also man lisit in ewan- 20 
gelio von einim der mit ubil gitanem giwande chom ci einis herrin 
prautloft: amice, quomodo huc intrasti non habens uestem nuplia- 
lem? 'vriunt, waz woldis du her, do du niht gutis giwau- (119'') 
dis hiti?' daz da nach get daz ist vil herte. ligate, inquit, manus 
et pedes eins et mittite eum in leuebras exteriores. bintet ime 25 
hende und vuzi und werfit in in die ouzirin vinstiri da weinin 
und grisgrimmin ist und allir slahti we. — dise heiligin der lach 
wir hiute bigen die heizint innocentes, daz chiut unsculdige, 
wände si warin unbiwoUin, und die sundi die si warin von Adam 
an giborn die uuscin si abe mit ir selbir blute, nu sulin wir 30 
bilde von in nemen, wan wir so reine niht sin so si warin. nu 

8 sunt A Eccl. 9, 8 10 ynerkwiirdig ist dieses cital im Ge- 
dächtnis des Predigers zusammengeflossen aus Apoc. 3, 18 — et vesti- 
mentis albis induaris et non appareat confusio tua und Apoc. 16, 15 — beatus, 
qui vigilat et custodit vestinienta sua, ne nudus ambulet et videant tur- 
pitudinem eins, die Veränderung von person uud zahl darf nicht wunder 

nehmen, da dieser redner sich ähriliches mehr?nals gestattet 12 unsir 

w 
scam? l'd giuandis A 19 siniin A 23 Malth. 22, 12 25 aus 

Matth. 22, 13 gebildet 26 nur ein in A 



238 PREDlGTßKL'CIlSTÜCKE 

siilin wir n)it tegiliclicr buzi ;ilti wascin d.tz wir niisseliiri, daz 
imsir giweti nihl gar swarz si, so der riclie lierri, der almech- 
tigi gol cliuiiiit nihl eine ci scauwin sunder cirteilin siner gi- 
inahilin, der lieiligiu cristinheil, so werdinl die leinhcr gisuiidiret 

5 von den cliilzen, daz sint die gülin von den uhilin, und, also der 
wissagi Dauid sprichit, ez wrrt einini iegilichini gilonit nah sinen 
werchin. nu bitte wir den alniehtigin got daz er hiscirme vor 
llerode, daz ist vor dem uhihn tiuvil der unsir iegihchini nah 
volgit, und erslegit er uns niht gar, dannoch wundit er uns 

10 seri, daz er unsir wundin also ruchi heilin, daz wir den ewigin 
tot ichl lidin mit siner lielfi. qui uiuit. 



VII 

(119") In circumcisione <lomini. 

DEscendi in hortum nucum ut uiderem poma conuallium. 
liehin, swenne wir uns gisaminin in dem namen des almechligin 

15 golis, so ist not daz wir ouch unsir gimuti saminin und denchin, 
war umbi er chom in dise werlt. diu schrift sprichit von ime 
also: ich stige in einin nuzgartin, daz ich sihe die ephile der 
telir. der garti ist die heilige Christenheit, die nuzzi sint der 
liutc heiligiu saminungi. mit der werdint ouch hizeichinit drie 

20 ordinungi der heiligin cristinheit. mit den (luzziriu rindin sint 
dk bizeichinot die in der werft habint cristiahche e und da rehti 
mit lebint. mit der schalin die von recht meister sulin sin ir 
jungire. mit der suzi des kernis sint hizeichinit die ir müt gar 
habint lazin an got und ci dirre weirld« diheioe gird« habint, den 

25 ist suzi alliz daz si lidint durch got vur ir sunde. in disin gartin 
chom unsir heri und ci den nuzzin, do er in dise werlte chom 
iu der iweunischeit. mit den ephüen der telr sint bizeichinit diu 
gutin wereh der diemMi. got chom ci sehine die ephile der 
telr, daz ist ci loenin den diemütin. swer in dem gartin minis 

30 trehtinis der nuzzi nine hak, daz ist dJe suzi der minne, noch 
die ephile der telr, der wirt (119') ginozit den unbiderbin pöme 
den man abe slehit und brennit. daz wirt denne so der ubile 

2 de almeclUigim /l 4 die // 7 Psalm. 61, 12 quia Iti reddes unic-iii- 
qiie iiixta opera siia er uns? 13 meuni A Cant. (j, 10 17 sige // 

18 leli A d'ie // 28 der fehlt A 29 terlr A 30'tre- 

hinis A 



PREDIGTBKUOIISTLCKE 239 

meuiiische von siuin sundin wirt gigebin ci den cwigin wizin. 
von diu nam gol an sich daz bilde der suudere und wolde uhder- 
lan sin der e, da mit was gisazt abc ci waschin die sunde, ob 
wir sie geistlicbiu vvcllin versten. er chom in dem ahtodin tagi 
siner giburti da er besnitin wart, also da gibotin was von der 5 
e.. diz bisnidin hiib sich von unsirim vater Abrahame, des kint 
wir geistlicbiu wurdin gihaizin, und was an dem gilide <la sich 
der menuische scamte ienier, ein bizeichinungi Adamis und Evin 
die sich nach dem anegenge der sundin scamtin. waz daz bi- 
snidin bizeichinit daz sagi wir iu ein teil churzlicb: von anegenge 10 
der werkle mohti nieman an der sele ginesin niwan mit etilicher 
toufi. etilichi wurdin gitoufit in dem bluti der martir also Abel 
und andere ginüge, etilichiu was ein bilde der toufe diu sintvlftt 
also Noe, elilichin daz bilde der bisnidungi also Abrahame, menige 
vverdint gitoufit in wazire in dem heiligin geiste also wir christin. 15 
omnia autem hec, ut ait apostolus, in figura contingebant illis. 
elliu disiu dinch, sprichit sanctus Paulus, gabin si uns ci einim 
bilde, so sulin wir niht unsi(120')riu lit bisniden also die judin 
tunt, sunder wir sulin von allin unsirn siunin an uns bisnidin 
diu lastir und die sundin. wir sulin unsir ougin hfttin von 20 
sundichlichim gisiheni, wan da von sprichit der wissagi: per 
l'enestras oculorum intrauit mors, durch daz venstir der ougin 
gie der tot in. unsir oiin sint niht wol bisnitin, von den spri- 
chit diu shrift: a ueritate quidem auditum auertent, ad t'abulas 
autem conuertentur. si cherint ir orin, sprichet min trehtin, von 25 
der warheit und cherint sih ci nn'izigin spellin und ci upigin 
wortin. wir sulin unsirn munt und die zungin bisnidin von 
lugin und von meineidin und von hinder choesi, unsir herzi von 
ubilin gidanchin, daz wirz iht ervuilin, unsir hende von ubilin 
werchin, unsir vuzi, daz si niht ci ubile gehi sin. also sulin 30 
wir bisnidin alliz daz uns sundirit von got und sulin daz tun 
mit einim steininin mezzire also die judin hie bevor taten, daz 
steinine mezzer ist unsir herri Jhesus Christus der da vaste ist 
an der mennischeit und wol snidit an der gotiheit. an dem 
und von dem sulin wir werdin giuiuwet von unsirn sundin da 35 
wir inne warin eraltit, durch daz sint uns vur gisazt menigiu 



16 I Corinth. 10, 11 21 sundichlim A 22 Jerem. 9,21 quia 

ascendit mors per fenestras nostras 25 ii Tim. 4, 4 mit A 



240 PREÜlGTliBUCIISTÜCKE 

(liiicli da wir bilde hi iicmen, iiilit eine* diu liiile sunder (Uicli 
vögele. (120'') man lisit von dem arin, so der so all wirt, daz 
er sich nihl ernerin mach, daz im der ober snahel so harli crump 
werde, also er des innin wirt, so vliugit er ci einim steine unde 
5 ribel den snabel dar an so langi, nnzi diu chrumhe ab chumt 
und giwinnit also wider die lugint unde die craft des ezinis. 
also sol der mennisch lun, swcnnc; er altit in den sundin und 
daz ezzin der sele niht gihahin mach, daz ist so er daz golis wort 
in sinim herzin niht mach hihabin, so sol er mit warir bihte 

10 und warir riuwe ilen zu dem steine der ane hende ist geworchl, 
daz ist zu unsirm herrin Jhesu Christo der ane maunes chunni 
ist gihorn von unsir vrowen sande Marien, unde sol sich dar an 
riben unzi diu herti sines herzin an ime werde giweichit unde 
an ime werde giniuwet daz er in der töphi enphie von dem 

15 heiligin geiste. quod ipse prestare dignetur. 

VIII 

Dominica in palmis. 

COr sapiens ubi tristicia et cor stultorum ubi leticia. liebin, 
vvelich bizeichinungi si an disim tagi, da were in lanch von ci 
sagine, wan daz diu zit churz ist und daz ampit daz wir bigen 

20 lanch. man get hiuti mit dem chruce mit procession unde 
lisit dar nah scieri passionem. disiu zwei dinch sint harti und 
lanch, wan der criuceganch ist vrolich, diu marter diu ist iemer- 
lich. iedoch sint zwei (120") dinch ci samne givügit daz wir 
lernin daz in dirre werkle dihein steti vrödi si, da wir uns an 

25 verlazen, wände si mit iamer ende nimt. disiu werlt ist gimischit 
mit werltlichin liutin unde mit geistlichin. etiwenne habint si 
vröde, etiwenne unvrende. von diu sprichet der wissagi Job: 
visitas cum diluculo etc. herri, du wisist den man swie du wil 
unde allen gahin so biwerist du im. wie biwerit er in? vasa 

30 inquit, figuli probat fornax et honiines iustos tribulacio. also 
man diu vaz eitit in dem ovine, daz man sehi ob ez gantz oder 
ciprochin si, also werdint di liuti biwerit mit der bicorungi in 
dirre werlt. nach dirre werlt choment zwei anderiu zwiscin den 

6 vgl. Fundgr. i, 33, 21 ff 15 -so rniisx der übliche sehluss auch 
Zs. XIX, 195, 8 geschrieben werden 17 Eccl. 7, 5 28 Job 7, 18 

— et subito probas illum 29 in? 30 Eccl. 27, 6 31 etitit A 



PREDIGTBRLJCHSTÜCKE 211 

groz underscliiduiigi ist, in der eiiiin wirl niht uiwen ah und \ve, 
in der andeiin wirt niwan lop iinde ginade. von diu ist iz alliz 
gimischit iinde also werlich den tumbin in dirre werkle, also 
erslehit diu geistlich vrevile in dem closter den unvvisen. wa 
von daz chom daz wisit uns Salomon unde sprichil also: cor 5 
sapientis etc. des wisin herce, sprichit er, ist da diu unvreude 
ist, des tumbin stet ie ci der vreude. ir ist michil mere die 
viorn werdint von vre(120'Vilin dingin denne von widerwertigin. 
von diu sprichit der vvissagi : cadent a latere tuo sciiicet sinistro 
niille et d. m, a. d. t. herri, sprichet er, ci diner winsteren 10 
uallent tusint, ci diner ceswin cehin tusint. mit der winsterin 
sint biceichinit werltlichiu dinch, mit der ceswin geistlichiu dinch. 
der ahtit daz ci nihti, ob im der wirt der ime dienit, sunder die 
die wider in vehtint der vreuvvit er siii, swenne ime die werdint. 
von diu sprichit der tievel niwan die erweltin. nu sehin wir 15 
welich gidulti min trehtin heti an siner heiligin martir und welhi 
diemüti er heti an siner vancnusse. Esayas sprichet von siner 
gidulti: sicut ouis ad occisionem ductus est et q. a. c. etc. 
er wirt giviirit als ein schaf ci der marter unde gitut sinen munt 
niht ouf. idoch sweich er also niht. waz sprach er? pater 20 
ignosce illis qui nesciunt q. f. vater, sprah er, vergib ez in, si 
wizint niht waz sie tunt. daz was ein suziz sprechin und ist 
leider wenich die unibe ir veinde piten. nu sult ir merchin die 
diemuti siner vanchnusse. do sich die liuti alle dar zu bereiten 
daz si in viengin, do wisit er uns an den wech der diemflti unde 25 
wolde heriich giritin noch givazzit dar chomen sunder ouf einim 
bosin esile. an dem antvangi sulin wir merkin (121") welich 
ordinungi dar an were, ob si mit uns mugi werdin. die da vur 
giengen und den wech machtin, daz sint die lereri die got mach- 
tin den wech in der jungerin hercen. die dar nach giengen, 30 
daz sint die gutlich nach volgiten ir meisterscefti leri, apostoli. 
die bi siner sitin giengin, daz sint die gutin closterliuli die sich 
lazint an got und niht ahtinl ouf die werlt niwan also verri also 
in die gihorsam verhengit. der esil da er ouf saz, daz sint die 

2 de ^ 3 vverltlich vrevile? 10 Psalm 00,7 — et deceni niil- 

lia a dextris tuis viiisleren J 15 niwan an? 18 Isaias 53,7 

— et quasi agniis coram tondente se ohnuitescel et non aperiel os suum. die 
vorliegende fassung ductus est stammt aus Acta ap. 8, 32, Isaias hat 
ducetur 21 Luc. 23, 24 im A 27 antwangi A 



242 PIlEDIGTURUCIISTi^CKE 

lioilirs herein sint ci gutin dingin, tli«; bcturfin der sporn und 
der gertin. iodoch vergizzit got der gnetin niht die wile si lidin 
wcllint die zuclit. durch daz sprichit der wissagi: apprehendite 
disciplinani, n. q. i. d. e. p. etc. grifit zu der zucht, sprichit 
5 er, daz got etiwenue nilil zurni, wan so verdervvit ir an dem 
unrehtin wegi. also der tunibe dem vihe wirt ginozit der die 
zuht niht iiden wil, so sceidit er von sinem rehtin wegi da got 
ist unde sin wort und löfit in daz awichi da dorn sint, di bosin 
girde dirre werlt, die den menuischin totint in der sele. nu 
10 bitten wir in siner ginadeu der mit sinem bilde hat giwisit an 
den rehtin wech, daz ouch wir mit siner ginade dar an bilibin, 
daz wir in unser processione, so er chumit ci erteilin totin unde 
lebindin, in vrolich enphahin. cui est honor et gloria. 

IX 

(121') In sancto die pasche. 

15 HEc est dies quam tecil dominus etc. liebe, cWrre lach den 

wir hiute bigcn, der ist ein trost allin den die da merkin welich 
ginade uns da von chonien ist. von disini tage sprichet der 
wissagi: Hec est dies quam fecit dominus etc. diz ist der lach, 
sprichet er, den unser herri hat gischaffin, an dem sulin wir 

20 vro sin unde sulin wol gihabin uns. liebi, min trehtin bat die 
lagi alli giscalfin, iedoch hat er disin vor den a^deria unde ouz 
den anderin erweit ci vröde den engilin und den liuten. daz er 
wart giborn daz was ein angenge unsirs heilis. idoch heti uns 
daz niht giholtin, het er uns mit siner marter und mit siner 

25 erstendi niht erloesit. diu naht des todis unde der iamercheit 
diu von Adamis sunde heti bisceliwit alle die werlt, der hat 
disiu naht ein ende gimachit und hat braht den lach der vreudin 
die nihein ende habint. von disen citen sprichet sanctus Paulus: 
regnavil mors ab Adam usque ad Christum, der tot, sprichet er, 

30 rihsile von Adam unzi an unserin herrin Jhesum Christum. 

4 Psalm 2, 12 — ne quando irascatur dominus et peieatis de via 
iiisla 6 dem] der ^ 11 ginade fehlt A 15 Psalm 117, 24 — 

exultemus et laetemur in ea 16 viid ein lieil B 18 her dauid 

der propheta B 21 er fehlt A 25 vfirstandung^e B dar 

nach B 28 ende] ein A den kein abint endet B hie von B 
29 vgl. oben s. 225, l 



PREDIGTBRUCHSTÜCKE 243 

durh waz sprichct er 'der tot richsite', wan daz alle die von 
dirre werlt schiedin, giiete unde iihile, uor unsirs herren niarter, 
die niusin alli ci liolle varn. dar und)i disiu (121'') ceit heizit 
ein lach des lebiiis und der iirsteiide, wan got dar an erstunt 
und mit im hiez ersten die des wert warin. von disin sprichit 5 
unser herri: ero mors tua. ich wirde "ein tot des todes unde 
wirde ein biz der helle, waz disiu wort bidiutin daz wil ih 
iu sagin durch die einvalligin die ez niht wizin. mit sinim tode 
so totit unsir herri den tot der seli. wände in disin citin der 
ginadin, also die guetin verwandilint disen lip, so choment si also 10 
drati zu rflwe da si vrolich beitent des urteilis. vor sinir martir 
musin si alle ci belli, als wir e sprachin. der helle tet er einin 
biz, do er dar vur unde si brach und die dar ouz nam die sinin 
willin hitin gitan. er leiti den tiuvel einin angilin da mit er 
in bitroch, wände mit sinim tode, da mit er mudinch wände wider 15 
giwinnin dannen er was verstozin , da von verlos er die die er 
mit unreht giwunnin heti und bitrogin. von diu sprichit der 
wissagi: posuit hamum diuinitatis ul caperet inimicum. er leite 
den angil siner gotheit, daz er den viant givienge. der angil 
was sin lip den er gab ci martiren durch uns, da was der tiuvel 20 
an bitrogin. disiu hohcit was gimeine den engilin und den (121'^) 
liutin, wan von ir so ist der mennisch wider chomen ci der 
ginozscefti der engile, ob er mit unserim herrin ist erstandin. 
nieman erstet aber mit im niwan der mit im erstirbit. sicut 
moriemini et resurgetis. ersterben wir mit im, sprichet sanctus 25 
Paulus, so ersten wir ouh mit im. wie daz suli werdin des 
wisit er uns: consepulti, mquit, sumus Christo per gratiam ipsius, 
ut in nouitate uite andnilemus. wir sin bigrabin mit unserim 
herrin Christo von sinin ginadin, daz wir gen in einem niwin 
lebine. swer die sunde lat der er phligit ci lune der stirbit mit 30 



1 durch not B 2 böse B vor gotis martere B 3 disiu] dis A 

ist B 5 wirdich B 6 Oseas 13, 14 ero mors tua, o mors, 

morsus tuus ero inferne: consolatio abscondita est ab oculis nieis 8 

waz dise vvort bedutin daz sultir merkin B 11 zu den genadin B 

12 als ich e sprach B 13 wur A 14 dem B 18 her propheta B 

keine bibelstelle 21 — da was die gotheit an verborgin B 

23 zu der gemeinschaft B 25 dieses und das folgende cilat sind mit 

großer freiheit den stellen Rom. 6, 4; I Gorintb. 15, Mfua. nacbge- 
bildet 30 lezit B die er spulgit B 



241 rREDIGTBIUJCIISTLCKK 

Christo und wirl mit im higralmn, ob er sich hulel daz er dar 
wider in iht valle. so er deniie starchin biginuit an den tugin- 
din, so eistet er von den sunden und von dem tode, daz ist von 
den lastirin. quod stultum uidetur liuic seculo sapieutius est 

5 deo et e converso. daz (he werlt tumplich dunchil daz ist mit 
got ein groz wisheit. der uns slugi oder dihein smaheit biutit, 
daz wanden wir ein groz histir were, ob wirz vertrugin und were 
uns vor goli groz eri. von «hu hsit man von den heihgin die 
dise eri siichlin: ibant gaudentes ad concihum q. d. Ii. s. p. n. 

10 J. elc. daz si vro warin daz sie smacheit htin durch got. die 
tumbin liute (122') die werlüich heri suchtin unde iiiht smacheit 
hdinl durch got die sint mit im nilit erstandin, sed uentris deo, 
sunder mit ir bochis got. daz sprechin wir mit grozer scam, 
iedoch daz ez also si daz bivverint leider diu werch. wan hiuti 

15 sint leider menigi die sich des vlizint daz si ir tisc birichtin wol 
und sich da vrewen, denne si sich vreutin ci gotis dieniste oder 
von siner urstende. von diu sulin wir sorchsam sin ci dem uns 
sanctus Paulus ratit: si conresurrexistis , inquit, cum Christo, 
que sursum sunt sapite, non ([ue super terram. seil ir erstan- 

20 din mit unsirm herrin Christo, so sult ir smechin diu ob iu sint, 
niht diu an der erde, daz ist daz wir unsir gimueti setzzin dar 
da ez nimer ende nimit, so ersten wir vrolich mit im. qui uiuit 
et regnat. 

X 

In diebus rogationum. 

Oculi domini super iustos et aufes eius in preces eorum. 
25 liebin, die wochi diu hiuti anget, den heizit diu chriuzwochi 

2 walle A 4 darnach hat B au den lastirn ist groz vnderschei- 

dunge, wane daz mit gote isl eie, daz duiikit die werlt ein laster. quod usw. 
der salz ist in A ausgefallen, der anlass daiu war wol lasier am an- 
fajige oder ende zweier Zeilen 5 gebildet aus i Corinlh. 1, 25 quid 

quod stultum est dei, sapientius est hominibus et quod infirmum est dei, 
fortius est hominibus. rgl. noch 27 ti lugi A oder ein groz dihein 

J. fast wäre also wider ein satz ausgefallen 10 Acta ap. 5,41 — 

a conspectu coticilii, quoniam digni habiti sunt pro homine .lesu contumeliam 
pati vnd martere B 12 aus Philipp. 3, 19, Rom. 16, 18 13 

daz sprach ich B 15 genuch B 18 darumme so retit uns s. Paulus tf 

19 Culoss. 3, 1 quaerite, ubi Christus est in dextera dei sedens: quae 
sursum sunt, sapile etc. 21 smocUin die oberste suzzicheit vnd niht die 
irdische B 24 Psalm 33, 16 



PREDlGTBRUCHSTliCKE 245 

von der givvonheit, als ir wol wizzil, daz diu Christenheit phlit 
diu chriuci ci tragin. war umhi daz wurde gisazt daz wellin wir 
eu sagin, wan ez iu allin lihte niht chunt ist. man lisit daz 
groz durri uude groz slerhi was in der Christenheit, daz die bern 
uude di wolvi und (122'^') andirev tier azen die linti und giengen 5 
in deu dorf und namen diu chint ouz den wigen und cibrachin 
si. in den citen was ein bischof, hiez Mamertus, der ladete die 
liute alle cisamne und gibot in daz si dri tag vastin und diu 
chriuce truegin und also got betin, daz er sich über si erbar- 
niite. do si daz gitatin, do wart niines trehtins zorn gistillet 10 
und wurden diu liuli givrowit unde erloesit von den unginadin 
da si mit bigriffin warin. nu sulin euch wir die gewonheit 
geistlich nachbildin niht aine dis dri tag, sunder alli tagi. swe- 
lich meunische sine sunde niht weinin noh clagin wol mach, 
des erde ist durri, daz ist sin herce. den nach volgit allir dichist 15 
der der sele der uns michil hartir ist ci vurhtin denne der tot 
des libes. mit den bern und mit den wohin ist bizeichinl und 
mit anderen tieren die die liuti totinl die ubilin geiste die die 
liuti schundint ci totlichin sundin, und die chint die si namen 
ouz den wiegin, daz sint die noch reine sint unde von des tievels 20 
rate werdint verlorn, von diu ist uns not daz wir diu chriuce 
Iragin alle cit, daz wir unsirs berrin (1220 martir in den herein 
tragin und daz vor ougin habin waz er durch uns erlidin habi, 
daz wir in dar umbi lobin und viehin, daz er uns iht lazi in 
dem giwalti des tievels. unsir herri manit uns selbi daz wir in 25 
biten und sagit uns ein bispel da er uns mit lerit, ob wir steti 
wellin sin an unserim gibet, daz wir werdin erhorit, ob iz uns 
nutzi ist an der sele. quis uestrum habebit amicum et ibit ad 
illum media nocte et dicet illi. swer hat einen vriunt, sprichet 
er, und chumit ci mitter naht dar und bitet in daz er im lihe 30 
driu brot, ist daz er sich nider hat gileit und sine liuti slafint 
und daz si bitragit ouf ci sten, dannoch zwivilt dirre niht erne 
clophe, ci jungist so stet er vor urdrize ouf unde git im also 
vil er bidarf. dirre vriunt ist der almehtigi got der durch uns 
chom iji dise werlt und gab sinin lip und sin blut durch uns 35 

7 xoeder Gregor von 7'ours noch des Avitus homilie über SMamer- 
tus (AA SS 1 1 ?nai s. 631 f) sind hier direcl benutzt worden 9 ebar- 

niite A 15 ist etwas ausgefallen? 29 Luc. \\,h ff — amice, coin- 

moda mihi tres panes usto. 



240 PHEDKiTHRUCIISTÜCKE 

lind Mir uns. d.i ei dein bite wir ('riii lirot, so wir in vlogin 
;m: den *rilünl»in des vater, des siiiies nnde des heiligen geistis. 
dirre vriuiit liorit uns nicht also drali so wir ddophin, wan er 
wciz wol wenni ez niilzi ist oder nnnutzi. wir hitin eliwcniif 
5 daz (122'') giiet ist und da uns got iinnhi erhorit. von diu spri- 
chit er an einei" stat: clamahnnt ad me et non exandiain eo 
quod exosam hahiicrunt sapientiam. si riifint mich an, sprichet 
er, so erhori ich ir nicht, wände si hazzint di wisheit. die aber 
got minnint di horit er etiwenne niht durch daz ez in niht guet 

10 were ei der sele. da von sprichet sanctus Jacohus: petitis et 
non accipietis eo quod male petatis. ir bilit, sprichit er, man 
gewert aber iu niht, wan ez ubil ist des ir bitit. waz mohte 
wirsirs sin daune daz der mennisch bitit daz ubil ist ei der sele? 
und erhorti in got dar umbi, so minnite er in niht, sunder er 

15 hazit iu mere. er erhorti den tievil, do er gewalt gab über 
s. Job und über ander heiügi Hute und wolde sanctum Paulum 
niht horin, daz er in erledigite von grozir bichorunge, unde 
doch da ci himile chronte. von diu sulin wir sten ci bitin joch 
ci clophin und sin gewis der sich seibin gab durch uns in dirre 

20 werlt daz er uns da ci himile git suues wir in hie in sinem 
nanien gibitin. qui uiuit. 



XI 

In dedicatione ecclesie. 

BEati, qui habitant in domo tua, domine, in s. s. 1. t. diso 
hochceit die wir hiuti bigen, diu sol uns heimlicher sin dan 

25 (123'')ne die anderin die wir bigen in dem jare. die andern 
sint uns gimeine mit anderin liiitin, disiu ist sunderlich unser, 
wan si ist von unser chirchin und daz wir her nahir grifin: si 
ist von uns und ist in uns. und lazin uns niht wunderin daz 
wir sprechin daz si von uns si. sanctus Paulus git uns sin ur- 

30 chunde da er sprichet: templum dei sanctum est, quod estis 
vos, mines trehtines hos ist heilich, sprichit er, daz sit ir. wanne 

6 am y^ 7 Proverb. 1, 29. das cilat yasst nicht zum vorher- 

gehenden salze, vielleicht ist ein salz ans'^efallen, Gelegenheit wäre leicht 
denkbar 11 Jac. 4, 3 — accipitis — 12 ist fehlt A 14 mi- 

iiite A 15 im gewalt? 23 Psalm 83, 5 — in saecula saecuioiuin 

laudabunt te 31 i Corinth. 3, 17 



J 



PREDIGTBRUCnSTÜCKE 247 

wir mi sin hus werdin gilieizin undt! cz oiidi sin sulin, so ist 
uns vor daz vvirz allir erste cimbirn e danno werde giwihil. im 
sulin wir aller erste ein gruntvesti legin. fundamentuni aliud 
nemo polest ponere praeter id , quod posilum est , quod est 
Christus Jliesus. out diu gruntveste sol ein iegliclier cimhirn 5 
nach sinin statin, ir sehit wol, in dirre werlt sinl diu hus niht 
alle gelich, sunder einer hat wol gecimhirt, der ander nah sinin 
statin und als er mach, also ist au mines trechliuis gicimbere. 
alius superedificat aurum et argentum lapidesque preciosos, alius 
lignum, fenuni et stipulam. einer cimbert golt und silher und 10 
edil gisteine, daz sint die mit grozin werchin got dienint, aber 
ieni die mit holci und mit strowi und mit scowin cim(123'')merint 
daz sint die grozir tuginde niht haut da si got mit lobin. ez 
chumit diche also daz ein scowin dach wol schirmit vur daz un- 
giwiter und daz einiz daz vi! gidechit ist vil harti triuphit. daz 15 
scowin dach ist der werch otiwenne den liutin missevellet aber 
minem trehtin der der liute herci erchennit vil wol givellit. diu 
sconen hous da daz wazer durch lufit, daz sint ypochrite, die 
an dem ewangelio sint giheizin sepulchra deaurata, diu giciertin 
greber, diu ouzin scinint scone und habint innan verborgin der 20 
totin gibeine, also scinint etiwenne guti liuti und sint innan 
nides unde hazis vol. welichiz aber daz gicimere si da man 
minin trehtin mit cimhirt, daz lerit er uns unde quit uns: omnis, 
inquit, qui audit sermones meos et facit eos, similis est homini 
edificanti super petram. swer miniu vvort horit und mit den 25 
werchin ervullit der ist gilich dem manne der sin hus cimbert 
ouf einen stein, der stein da wir ouf cimmeren daz ist unser 
herri Crist in des namen wir tun sulin elliu unseriu werch und 
durch ewigi Ion, und tu wir daz, so nemach uns wazzer noch 
wint erwaigen. diu wazzer sint (123") di mugi di der gueti lidit 30 
von ubilin liutin. von disim wazer sprach der wissagi. herri, 
sprach er, hilf mir daz mich iht versweliche die tiefi des wazzers. 

5 I Corinth. 3, 11 ouf] o[ A 8 threchtiiiis A IG iw- 

Idirzt aus \ Corinth. 3, 12 17 tliretiii A 18 daz die A 19 

Malth. 23, 27 quia similes cstis sepulchris dealbatis, quae a foris parent 
honiinibus speciosa, inlus vero plena sunt ossibus mortuorum et omni spur- 
citia. auch die anwendung auf heuchler findet sich an dieser stelle 

23 threhtin A git A. sagit? omnes A 25 umgeslallel und 
verkürzt aus Malth. 7, 24 wid Luc. 6, 48 32 Psalm 68, 16 non ine 

demergat tenipestas aquae neque absorbeat me profunduni usiv. 



248 PREDIGTBRUCHSTÜCKE 

den vcrsvvelichit daz wazzcr dpii die liflii oder vorlite der liiite 
von got sunderit. die id»ilin winde daz sint die nhilin geisle 
die au uns slozint, oh si nuigin unser hos waginde giniacliin, 
daz ist unserin hchnanien ci der hosheil erwaigin. welhn wir 

5 unser hos cimmern, so sidin wir (hhein ander grundvesti legin 
niwan unsern herrin Jhesum Christum, ipse est caput anguli 
celestis edificii. er ist ein stein der da vugit die wende des 
liimhscheu gicimers so er die nature der meunischin und der 
engile ci samine vugit in sinini riche. hehi, swie wir daz gi- 

10 lauwen daz uns die engil geuwurtich sint und unser hotschaft 
werhinl, iedoch so ist daz giwis daz si hiuti sunderlich hie sint 
und einis iegiUchis werch merchint und daz minin trehtin chun- 
dint. durch daz sulin wir sehin mit wehchim vlize wir dis hoh- 
cit hahin bigangin, und swen sin herze troestet daz er lötir ist 

15 uud vin, der sol giwis sin daz er hie niht gihitit daz zi der seli 
giziu(r23'')hit erne werde sin giwert. hah sich aber diheiner 
versoumit, der erhol sich noch und biti die heiligin engile und 
sanctam Mariam, unser liehe vrowin, daz wir mit helfi also wer- 
din ervunden, so wir disin lip bigehin, daz wir dar chonien da 

20 wir in immer lobin. qui. 

XII 

Martini episcopi. 

Gloria patris est fdius sapiens, liebi, diu churzin wort diu 
wir han gisprochin diu sult ir merkin und sult si in iwereni 
hercen in bihaltin. diu heiligiu shrift sprichit daz der wise sun 

25 si ein eri sines vater. nu si mines trehtines chint alle giheizin 
und sulin in da mit erin daz wir hahin die wisheit diu ci im 
giziuchit, niht ci der upicheit dirre werkle, disim wistum vol- 
giti der gueti sanclus Martinus des tach wir hiuti bigen, do er 
sich von der heidinsccfti dannan er giborn was ci minem trehtin. 

30 von diu hat in got gierit, daz er wirt gineunet in allen landen 

7 in dieser fassiing nicht biblisch; die zahlreichen stellen vo7n 
'eckstein' sind bekannt 18 mit ir? 21 die in dieser predigt mit- 

geteilten Züge ajis dem leben des hl. Martin sind so allgemein gehalten 
dass auf eine bestimmte legendengestalt nicht verwiesen werden kann 
22 i7i dieser form nicht biblisch , für den gedanken vgl. Prov. 
10, 1. 15, 20 25 si wir? 29 hier fehlt das verbum, zoch? 



1 



PREDIGTBRUCHSTLICKE 249 

da man in erchennit iiiul allen den helfin niacli die sich an in 
lazint nnd in an infint umhi ir not nnd nmbi ir angist, von 
dein lesin wir daz gol dri totin dnrcli in lebinde machte an 
anderiu zeichen die nieman ercellen enmach. de er zvvelf jar 
alt was, de wolde er ein einsidel werdin. do (124") twanch in sin 5 
vater ci ritcrscefte. an der seibin rilerscaft erceicte er sin die- 
nuit also, daz er niht habin wolde wan cinis chnehtis und dem 
seibin diente er mere danne er im teli, und swic er ungitoulit 
were, so het er doch die barmherci über die armen daz er in 
gab swaz er mohte. einis tagis do ez vi! ehalt was, do giench 1(» 
er mit sinin gisellin, do bigcginte in armiz und bat si. daz si 
etiwaz gebin. do si do alle vur sich giengin und im niht gabin, 
do erbarmte iz sanclo Martino und nam sin swert, und den mandel 
den er triich, wände er nimerc da heli, den sneit er enzwei nnd 
gab ein teil dem armen, daz ander leit er wider an. des nahtis 15 
erschein im got und sin engil, und daz selbi giwant daz zeicte 
er im und sprah , daz in sanctus Martinus da mit heti giwetit. 
von der geschiht wart er so liarti gisterchet, daz er sich cherti ci 
minis trehtines dieniste unde wart gitoufit do er was ahtcehin 
jar alt. innan des wart ein hcrvart und gab man den riterin 20 
allin herstiuri. do ez hin ce sancto Martino chom, do sprach 
er ci dem chunige Juliano : 'bah dir din gäbe, ich pin gotis riter. 
mir ist niht muezlich ci vchtin. unzi her han ich dir gidienit, 
nu la mich au(r24'')ch goti dienen', von der rede bigunde man 
sin spotin und sprah, ez were von zagehait. do sprah sanctus 25 
Martinus: 'nu man ez vur zagehait hat, so wil ich in gotis namen 
und sinis crucis zeichin ane wafin durch die shari der veinde 
gen', also drati do er diz gisprach, do hiez man in bihalden, 
daz man sehi ob er also teti. des anderin tagis do sanden die 
veinde botin und ergaben sich mit allen den die sie hitin. daz 30 
tet got durch sanctum Martinum, sinen trut, wan er niht in einen 
wolde bihalten, sunder die anderiu durch sincn willen, dar nach 
vur sanctus Martinus ci einer stat heizit Pictavis und nam an 
sich geistlich giwant und was da mit einen heiligin piscoffe hiez 
Hyjarius. dar nach do vur er daz er sine vorderin gischi. do 35 
bigeginte im der tievil und sprah, swa er hine vuri, daz er under 
im were. als er durch ein hoJtz vur, dp viengen in di scacheri 

l in fehlt A 5 er fahll A 11 in ein arniir? 18 daz sich A 
Z. F. D. A. neue folge VIII, 17 



250 PRKDIGTimUCHSTiCKE 

iiiiil viii'lcii in 11/ tit'ii \\i"^('. und ciipliulicliiii in cinfni der sin 
linli. niil dem rcilc vr so lungi, nn/.i «t sich liichcrln und wart 
sin gi\('rli. do ci- clioin ci sincn vordirin, do l)icli<'rle er sine 
innctpr, sin valcr I»ii«'ij> in der lieidinscflii. d;ir nach vur er 

5 wider ci sande Hylarien und waz er iile durch (124') got und 
waz got (hirch in teti des mach nieinan ci ende chomen. von 
diu, liehin, wand ez iu wol giseit ist und irs ginucli vvizzet, so 
inanin wir iuch churzhch, daz ir in hitit siner gina(hn, daz er 
iu helti, daz ir in disim lihi garnit den ewigin V\\). <|ui ninit 

10 et regnat. 

6 won J 8 in ^ 

Graz, Ostern 1876. ANTON SCHÖNBACH. 



EINIGE SPRÜCHE REINMARS VON ZWETER 
UND DAS TRAGEMUNDSLIED. 

Unter den Sprüchen Reinuiars von Zweier linden sich zwei 
rätsei 1 auf das jähr (MSH 2, 211 nr 187''). das jähr wird in 
ihnen verglichen mit einem wagen; auf ihm fahren zweiundfünfzig 
frauen, die wochen; gezogen wird er von sieben weifsen und 
sieben schwarzen pferden, das sind die sieben tage und nächle 
der woche; die monate erscheinen in dem ersten rälsel als zwölf 
räder des wagens, in dem andern als zwölf rosselenker; die räder 
werden in diesem besser als die vier Jahreszeiten verwandt. — 
die rätsei sind beachtenswert; denn so häutig auch das jähr gegen- 
ständ deutscher rätsei ist: diesen anschauungen entsinne ich mich 
nicht jemals wider begegnet zu sein, man könnte versucht sein 
sie für Reinmars eründung zu halten; denn mancher seltsame 
gedanke findet sich in seinen Sprüchen; aber es scheint der- 
gleichen mehr auf entlehnung als auf Originalität zu beruhen, zb. 

' die einzigen die von der Hagen geraten hat, auch die lösung der 
übrigen ist leicht, str. 188 geht auf die schreibfeder; str. 224, das 
schwerste, hat Dietrich geraten (Zs. 11, 458), die lösung ist geda?ic oder 
vutot; das dritte (str. 244) ist ein doppelrätsel ; der ungeborne valer ist 
Adam, der bruder, der seinen brnder schlägt, Kain ; die brücke ist das eis, 
die beiden sprachlosen, welclie sie brechen, stürm und sonne. 



EINIGE SPRÜCHE HEINMARS VON ZWEIER 251 

In t'iiu'in spriicli (MSII 2, 19.')'' nr 104) erklärt er den luiliii 
für seinen lierrn nnd nieister; er selbst könne nicht mit einer 
IVaii U'vl\<i werden, der hahn lialte wo] zwölf liennen in ziicht. 
KRüekert iiat das kleine sclierzgediclit übersetzt (Poetische werke 
5, 140j; es erscheint als ein nicht eben fern liegender ganz 
niedlich ansgefidnMer einfidl. der hiograph Reinmars schloss so- 
gar darans dass der dichter verheiratet gewesen sei, leider nicht 
ganz glücklich, aber wenn wir in der Disciplina clericalis des 
Petrus Alfousi is. 35 der ausgäbe von Scbmidt) lesen : FiJi, ne 
Sit gallus fortior te qui ilecem nxores suas justiftcat, tu antem 
suliim non potes castigare; und wenn wir bedenken dass das 
werk des spanischen Juden auch ins französische übersetzt und 
mehrfach in versen verarbeitet war, so wird man an der Origi- 
nalität Reinmars in diesem falle zweifeln. 

In einem andern spruch (MSH 2, 195 nr 99) schildert Rein- 
mar das bild eines mannes nach seinem herzen : straul'sesangen 
sollte er haben und einen kranichshals, Schweinsohren, lüwen- 
herz und bärenfüfse, die eine band vom aar, die andere vom 
greifen, in der folgenden Strophe legt er die allegorie aus, str. 186" 
wendet er sie teilweise an auf den erzbischof von Mainz, eine 
ältere quelle vermag ich nicht nachzuweisen, aber im jähre 1513 
erschien eine dichtung Ulrichs von Hütten, der Vir bonus, 
begleitet von einem seltsamen allegorischen bilde, dessen aus- 
legung das gedieht ist (opp. ed. Müncli 1, 157—160. in der 
ausgäbe von Böcking 3, 11 mit dem bilde widerholt). 'das bild 
stellt einen mann vor, dessen mit weiten obren versehener köpf 
auf einem langen gewundenen schlangen- oder Schwanenhälse 
sitzt: das soll bedeuten dass der brave mann lieber hört als 
redet, aus seinem munde geht ein lilienzweig und ein schwert: 
jener die woltätigen würkungen seiner rede, dieses die gerechte 
strenge anzudeuten, die er, wo gute worte nicht fruchten, in 
anwendung bringt, vorn auf der brüst sitzt ihm ein löwenkopf, 
das Sinnbild des mutes; der eine fufs ist eine bäreutatze, das 
zeichen der beständigkeit; die rechte band hält einen geschlosse- 
nen beulel, während die linke geld ausstreut: dh. Sparsamkeit 
und IVeigebigkeit , jede zur rechten zeit' (Straufs, Ulrich von 
Hütten 1, 1021). schwerlich war Reinmar, weder unmittelbar 
noch mittelbar die quelle für Hütten; auch Reinmar wird das 
bild schon irgendwo vorgefunden haben. 

17* 



2r)2 EINir.E SPRÜCHE REINMARS VON ZWEIER 

lliid iiliiilicli wio (lieso stolVc norden auch die riilsel über 
das jalir nicht crzengnissc seines geistes sein, den keim der 
nnschaiMingcn, die in seinen Sprüchen ausgehihlet sind, glaube 
ich iui Rigveda (1, 1G4) wahrzunehmen, in dem rätselreichen 
capil<'l, welches neulich llaug in den Miluchner Sitzungsberichten 
(phil.-hisl. kl. 1875 bd. 2, s. 457) übersetzt und erläutert hat. 
dort (luden sich mehrere rätsei (2. 3. 11 — 15. 48), die auf das 
jähr und seine abschnitte bezug nehmen; unter ihnen folgende: 

2. sieben bespannen einen einrädrigen wagen , ihn zieht 
ein pferd mit sieben uamen; drei nahen hat das unvergängliche 
unaufhaltsame rad, worauf alle wesen stehen. 

11. das rad des naturlaufes, das zwölfspeichige, dreht sich 
am himmel, doch ohne je zu gründe zu gehen ; darauf stehen, 
o Agni! die kinder in paren, siebenhundert und zwanzig. Zu- 
sammenhang ist augenscheinlich; aber auf welchen wegen mag 
die indische priesterweisheit nach Deutschland gekommen sein? 

Haugs bemerkungen zu jenem altschnitt des Rigveda haben 
nocli einige gedanken in mir angeregt, die ich hier mitteilen 
will, weil sie mich interessieren und ich ihre weitere Verfolgung 
kundigeren überlassen muss. — Haug ist der ansieht dass die rätsel- 
haften Sprüche, die hier im Rigveda an einander gereibt sind, 
ihren Ursprung in cultushandhingen haben, an sehr grofse opfer 
nämlich, wie die sogenannten Sattras und das As'vamedha oder 
pferdeopl'er, schloss sich ein sogenanntes Brahmodyam, d. i. er- 
klärung der opfersymbolik, meist in fragen und antworten, es 
wurden nicht blol's dem opferer von einem der priester rätsei 
zur lüsung vorgelegt, sondern auch die priester musten einander 
rätsei aufgeben, und der gefragte hatte sie auf die vorgeschriebene 
weise zu beantworten. — sollten nicht auch die mythischen rätsel- 
lieder der altnordischen litteratur, das Vaflirüdnismäl, die Veg- 
tamskvida, das Alvissmal und Fiölsvinnsmal, die wie jene Sprüche 
im Rigveda nicht sowol dazu bestimmt sind den Scharfsinn, wie 
die kennlnis des gefragten zu erforschen, einen derartigen Ur- 
sprung haben? ich meine nicht dass diese lieder, so wie sie 
sind, bei opfern gebraucht wären, sondern nur dass diese eigen- 
tiunliche kunstgattung aus dem gottesdieust entsprungen ist. 

Ferner: Rigveda 1, 164 bietet im allgemeinen nur rätsel- 
hafte aussprudle, denen keine lösung beigegeben ist. Haug 
stützt seine ansieht dass sie aus den fragen und antworten, 



EINIGE SPRÜCHE REIINMAHS VON ZWEIER 253 

die beim Asvamedlia als Rialimodyaiu gebraucht wurden, hervor- 
gegangen seien, zunächst auf v. 34. 35, die sich wie frage und 
antvvort verhalten. 

Der Ilolripriester fragt den opferei': 

34. Ich frage dich nach dem äufsersleii ende der erde; 
ich frage wo der nabel der weit ist; 

ich frage dich nach dem sainen des hengstes, 
ich frage nach dem höchsten hiuunel der stinnne. 
Der opferer antwortet: 

35. Diese vedi ist das äufserste ende der erde; 
dies opfer der nabel der weit, 

dieser soma der same des hengstes; 

dieser Brahmäne des worles höchster hinimel. 
Mit diesen versen vergleicht Hang (s. 461) ein im vedischen 
altertum allgemein bekanntes Brahmodyara der priester beim As- 
vamedha, wo der Hotar dem Adhvaryu, dieser wider jenem , der 
Brahma dem Udgätar und letzterer wider dem erstem rätselfragen 
vorlegt, 'die frage des Hotar zb. lautet: 

Wer wandelt wol allein? 

wer wol wird wider geboren? 

was wol ist das mittel gegen den schnee? 

was wol die grofse hinstreuung? 
Darauf antwortet der Adhvaryu: 

Die sonne wandelt allein, 

der mond wird wider geboren; 

das feuer ist das mittel gegen schnee, 

die erde die grofse hinstreuung. 
Der Adhvaryu fragt dagegen : 

Welches licht ist wol der sonne gleich? 

welcher ström ist wol dem meere gleich? 

wer begiefst die erde am meisten? 

von wessen mutter wird man nicht gekannt? 
Hierauf hat der Hotar folgende antworten zu geben: 

Das wahre ist das der sonne gleiche licht; 

der hinnnel der dem meere gleiche ström ; 

Indra begiefst die erde am meisten, 

von der mutter der kuh wird man nicht gekannt.' 
Wie nahe berühren sich diese einfachen rätselreiheu — nicht 
in ihrem Inhalt, aber in ihrer form — mit den fragen und ant- 
worten unseres Tragemundsliedes; auch hier sind immer vier 
verbunden : 

waz ist wizer denne der sne? 

waz ist sneller denne dez rech? 



254 KINIGR SPRIjCIIE RKINMAHS VON ZWKTEU 

waz ist höher ilenne <li'r Iiptc'? 
waz ist vhisterre dev <lhi naht? 
Antwort: 

diu snnne ist wizer den ilcr sne, 
der wint ist sneJler den duz rech, 
der honm ist höher den der herc, 
diu rame ist swerzer den diu naht usw. 
Das Tragemiindsliod ist uns erst in einer fassnng des vier- 
zehnten jaln'hnnderts überliefert ; aber es reicht in Irühere zeit 
zurück, nnd aus dieser Irüheren zeit stammt jedeslalls auch seine 
anläge, schon im Orendcl nnd Oswah, iioninit der Trageniunt 
vor, der wallende mann, der zwei nnd siehenzig l/inder nnd 
Zungen kennt. 'in dem ausgang des 12 jhs. vor der vollen 
entfaltung der iKihschen ritterlichen jioesie hliihle diese halb 
weltliche und volksmälsige, halb geistliche nnd gelehite land- 
fahrer- oder freie Spielmannsdichtung, deren rechter repräsentant 
der pilgernde meister Trougemunt oder Tragemuut ist' (MSD^ 
s. 490). es ist bekannt, wie diese Spielmannsdichtung auch 
orientalische elemente aufsog (Morolt). wie jenes rätsei über 
das jähr, so mag auch die form des Brabmodyam aus der reli- 
giösen litteratur in die profane, aus Indien nach Deutschland ihren 
weg gefunden haben, schon der name Trageniunt, den WWacker- 
nagel gewis richtig auf dragomau, dollmetscher, zurückgeführt 
hat, weist in den orient. 

Ich weifs wol dass auch in der Hervararsaga einmal vier 
rätselfragen mit einander verbunden sind (Fornaldar sügur 1, 482 f) : 
Gestr: Ilverr l>i/ggir hä fjöll? 
hverr fellr i djiipa daJi'? 
hverr an da Jan ss Ufir? 
hverr wva /lefjir? 
Heidrekr: hrafn hyyyir ha fjüll; 
dögg feUr i djiipa dali; 
ßskr du anda i flödi lifir 
eu [jjötandi foss pegir aldregi. 
ich will auch keineswegs läugnen dass diese form sich auf 
grundlage der altern rätsellieder, wie sie im norden beliebt waren, 
selbständig entwickeln konnte: aber bemerkenswert ist immerhin 
dass unter den vielen rätseln der Hervararsaga diese Strophe 
eine ausnahmestelluug einnimmt, dass die saga jünger ist als das 
deutsche Tragemundslied und dass die nordische litteratur doch 
auch viele fremde elemente aufgenommen hat; auch orientalische, 
schon bei Saxo grammaticus ist die Hamletsage mit einer orien- 
talischen geschichte wunderbar verbunden (Reinh. Köhler im 
Litterarischen centralbl. 1870 s. 1397 fj. 

Greifswald. VV. WILMANNS. 



DIE MILLSTÄTTER SINDENKLAGE 255 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE. 

Wol du lieiligir Christ, A'«,., 4. 47 

du ein vvärer gol bist, 
paradisi porta, 
meister des hellewarten. 
5 den gebaut diu hant, 

dö in (lin gotheit ubirvvant. 

In der helle bistu zornich, 
in himelrichß ^en?edich. 5 

du bist rex reguni 
10 in sec\a seciiloriin), 
paradises hörre, 
der erde schepha're. 

In den hinieleu bistu got, 
" der sunwe leistet diu gebot, 
15 joch diu mseninne 
louh^e^ in winne. 
diu nimet abe s6 du wil, 

so dii fjebiutest, sost ir vil. 10 

Von den zw ein lieht eu 
20 diu du geschuoffe von niebte 
ist diu werlt betalle 
lieht 11 nz an die helle, 
diu nemag es 7iiht </eiomnen, 
da ist immir vinstir inne, 
25 swie vil des viures brinne. 
Herre, dine chnebte 
minnent dich mit rehte. 15 

ein got mn-dibilis: 
so du geschriben bist. 
30 du bist, herre, wunderlich, 

1 cliiist 5 Den 7 in Kar. 8 Kar., aber himelrich 

\{) Bartsch. [ Js[....]r[....Jn Kar. s eher I, \ ii näher 

an einander Coli. 12 — 16 Kar. 13 in Kar. 18 so ist 

19 — 20 Kar. 20 nilite 21. 22 Sleinrneyer 25 Kar., aber 

wie 27—3» Kar. 



2r)r, DIL-: millstätteh süinde^klage 

dir eiiisl niht gdicli. 

Du bist ( rneuiiisc unde der öwege gol, A«/-.*. 48 
vil starch ist diu gebot, 
du bist der heilige geist 
35 und bist doch bein unde vleisch. 
du bist vater unde chint, 
du bist regen unde wint. 

Du bist levve, du bist lamp, 5 

du bist churz, du bist lanch. 
40 du bist rieh, du bist arm, 
du bist ehalt, du bist wann, 
[du bist lip, du bist tot, 
du bist genäde äne not.] 
du bist suozze, du bist scharf, 
45 du bist weich, du bist starch. 

Du bist vinster, du bist lieht, 10 

du bist leit, du bist liep. 
du bist blöde, du bist ball, 
du bist junch, du bhi alt. 
50 daz ist alliz an dir. 

zwiu verhanch^e*^ du mir 
daz ich cherte von dir? 

^u h'Ute ?ch iuch namen dri, 
doch ichs unwert si, 
55 daz ich iuch tmine; 

ich wil iuch doch erchennen, 15 

yewert michs iur genäde 
daz ir mich enphahet, 
du vater' von den himelun 
60 und din heiliger sun 
und din heiligir geist. 
wan du selbe wol weist 
daz mich nu ze stunde 
riwent mute sunde. 

32. 33 du bist mennisc uil starch ist din gebot, und bist doch der 
ewige got 34 Du 35 unde 36 Du 38 Lewe 41 Du 

42 Du 43 Du 44 Du 48 Du Kar. blöd', Colt. 49—52 

Kai: 50 D [ Kar. 53 nu bitte ich Kar. 59 liinielen 

60 unde 61 heiliger, Coli, 62—66 Kar. 



DIE MILLSTÄTTER SLNDENKLAGE 257 

65 Nu veniini mine stimme 20 

durch diner muolir miniK! 

und durch daz din öre vernam 

Tohknn undc Säram 

und durch daz in dii' Ahrahäm gap 
70 do in diu stimme slnes sjaies bat. 
Nu veruim mich sund^^ew man, 

wand ich gandert hän 

einen sun der sinen \ vater bat Kar. s. 49 

daz er im sinen teil gap 
75 alles sines guotes, 

daz er mit ubirmuote 

unde mit huore 

allez zefuorte 

und mit sunden [söj gare versvvante, 
80 daz er niht enhabete. 

do begunde er halten diu swin, 5 

daz was diu lipnar sin. 

Die wurzzen die daz swin gruop 

die doublen in vil guot 
85 daz er sich da mit nerte, 

wan er andirs niht enhabete. 
Do gedähte im der arme 

'vvaz ob ich minem vater erbarme 

daz ich im halte diu swin? 10 

90 ja habent dei mietlou^e sin 

brd^ «nde win genuoch. 

waz ob er mich %no in tuol? 

er meinte mich mit triwen 

und hat nu michil riwe. 
95 vvaz ob ich bin so sißlich 

daz er mir wirt gentedich ?' 

Do begunde er gdhen /annen. 15 

do enphiench in mit m'mnen 

dev sin vater guote 
100 wände er im erbarwo7e. 

07 ovch. du 68 Tobiam Kar. 70—73 Kar. 79 S/ein- 

meyer. unde 83 wrzzen 90 — 102 Kar. 94 unde 97 be- 

gund' [er Kar., begunde Coli. ] innen Coli, 



258 DIE MILLSTÄTTEK SLNDEINKLAGE 

Ich vil jirincr suiula;re, 

JH fiirlilf; ich mir s«') srrc. 

ich sorge, also harte 

zc d<!ii lUtK'H scIkii [)hcn wollen; 
105 (lei siiideiil so (hii slrA/f. 

dei dulde ich, h(^ri"e, svväi'e. 20 

si vareiit sam iu')i wiirßle\n. 

jaiic mach sicli uiisir sundcrre dehein 

iiimniir da vor hcwani, 
110 den si vil starche wellcnl tarn. 
Dir sint, herre, /nchunde 

alle nieres griinde, 

dei beclie joch die s6vve, 

die huhele joch | die h^wer. ^"''- *• ^^* 

115 vliuhe ich an daz meres ort, 

da vindet mich daz din wort, 

oder in daz apgrunje, 

wie schiere ez mich da vindet! 
Der walt deheinen boum hat 
120 du ne wizzest wol wa er stät, 5 

joch daz vinstir tan, 

daue mach sich dehein man 

nindir inne verbergen. 

diu holir in der erde 
125 joch die veitsteine 

die weist du, trohtin, eine. 

vhuhe ich indir dar in, 

da vindet mich daz wort din. 
Dir sint, herre, inchunde 
130 die berge, höhe und yrunde. 

daz hast du also geschaffen, 

ze solichen gemachen, 

daz ez ouf niht eustät; 

104 di[nen star]chen Kar. scliarjpiieii Coli. 105. 106 Kar. 
de vor ich vielleicht sichtbar Coli. 107 sam die wurfstein Kar., sam 

ein w. Sc/i. 108—110 Kar. 110 taren Hl [uil wol] cliunde 

Kar. dem c geht ein zum selben worle gehöriger buchslab voraus. 
n? Coli. inchunde Seh. 112 nieres, Coli. 121 Joch 122 danemach 
124 und Coli, 130 hohe unde Kar. 131 Daz 132—139 Kar. 



10 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 259 

loande (In cz alhz hiisl, 
135 ouf (liner heiule 
nnz an die stunde 
daz diu urteil sol ergän 
ubir wip uml idn'r man, 

daz allez sol verbrinneu. 15 

140 da bist du erteilende 
den guoten mit minnen, 
den ubilen mit grimme, 
so bist dn rehtir rihtaer danne. 
Obe icb daz rehte veruim 
145 so ez die wissayen hahent geschriben, 
so Wirt da ein her gerihte, 

ein urteil mit cbreften, 20 

da« ze jungest wesen sol 
ubir dise werlt al. 
150 Dane hiJfet die loute 

silbir, nocb golt (hz röte, 
noch miete diu maere, 
noch phenninge swiere, 
noch lantreht, noch phabt: 
155 da rihtet got mit siner chraft. 25 

Dane \u\fet sptehiu | zunge, Kar. s. 51 

noch der herre sinem manne, 
noch der man sinem herren, 
svvie breit im sin diu leben. 
160 Der voget dane bilfet, 

swie gare er bestrouffet 
den sinen armen vogetman: 

erne getar da Unit werdan. 5 

DA ribtet got mit rehte 
165 dem herren joch dem cbnehle, 
der.vrouwen joch der diwe. 
swie harte uns unsir sunde rivve, 

134 wände Steimnetjer 137 din Kar. 13S unde 140 

du ein Seit. 141 mit mit, Kar. 142 Kar. 145 Kar. 

146 here g. Kar. 150 div miete 153 phenninge Kar. 15(j hilft 

Kar. nur hil sicher Colt. 162 voget man, Coli. 163 werden 
164 da 



260 DJE MILLSTÄTTER SCNDEWKLAGE 

so ist t'/ daiine /e s;jäle : 

wir schulen «z (' hchuolen. 
170 So wcrdeot du gescheiden 

die lieben von den leiden, 10 

die stiegen ze der zesucn, 

die sint die ^en^^snen 

hi ew'igen gnaden. 
175 mit den sin wir geladen. 

So toerdent oucli da 

geschichet die \ü\den ad, 

die wid'w got worhten, 

ir schephaer nine vorhten, 
180 vil verre ze der winstere 

in die ewigen ü/wslere, 15 

in die helle vram ; 

neheines /e«Wes ist si wane. 

da ist wuoft unde we, 
185 und sol onch nimmir zergeu, 

weinen unde suof^df, 

dd ist hellewize not. 

da ist zanc grisgi^ammen, 

da brinnet viures flamme. 
li)0 mit peche vnd mit vinrc 20 

I6net in der tiuvel. 

daz beginnet wanegeu) man 

trielTen an sine zungan. 
Dane ergti andir Ion, 
195 wan mit viurinff« handon 

beginnet er si binden 

in l'uozzen joch in hangen. 

168 Kar. 169 nach e punkl 171. 172 har. 172 saeligen 

173. 174 erlc]siii b[i ew]igeii Kar. siti b jelzt nicht mehr vor- 
handeJi Coli. genaden 175 Kar. 176 ]ejit? Coli. iiach da fehlt 
der reimpunkt 177 geschiehet, Coli, darnach reimpunkl X^dnach 
uene pitnkt 181—183 Kar. 183 ne hcines, Coli. 1S4 Da. 

vvoft 185 Kar., aber unde 186 Bartsch 188. 189 Kar. 

188 Da 190 s]eie Kar. das erste e in sere ?iicht sichtbar Colt. 

192 manegem Kar. 193 zungeii Kar. 194 daii ist Kar. gewis nicht 
st, eher et. tiach Ion fehlt der reimpunkt Coli. 195. 196 Kar., aber 

banden 197 Kar. 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 261 



25 



SO entuot in niwehl. so nAt 

so den tieveh getaf. 
200 der ist also vreissam 

an ze sehen dem man ^•^,. ^ 52 

daz im daz sam we tiiot 

sam daz viiir joch diu ginot, 

so grinet si an der SatanAt: 
205 da ist deheines leides undirlAz. 
B»^lzel)up der ubele 

der hdt andirs niht ze gebene 

wan vrost uude hungir: 5 

daz gibet er da ze helle. 
210 andirhalp die hitzze. 

da muozzen si inne sitzzen. 

da zuo git er in ouch 

den »tünch nnd hrinnunden ronch 

ze nasen ioch ze den ören. 
215 da^je mach nieman nicht gehören 

niwa>t die nngehiuren, 

des tievels hiwen. jo 

So w6 im der dar wart ^eborn ! . 

so get des unsern schephwrs zorn 
220 nber die viant sin, 

sA muozzen si verteilet sin. 

sol diu werlt cUiu zergen, 

siniu wort diu schulen geslen 

unde sin riebe 
225 iinmir emdichen. 

daz nemach nimmir zerinnen, 15 

dd rkhsent got inne 

immer unde in ewen 

und dar über ie mere. 

199 des Uvuels Kar. 205 undir laz, Coli. 207 Kar. 

213 den s[tar]ch biinnunden Kar. en s zweifelhaft Coli, den stancli und 
Seh. 214 Kar. 215 den[ne] Kar. 216 Seh. m[ Kar., niw[ 

Coli. 217 tieuel, Coli. 218 wol[ Kar., eher wenne, weme Coli. 

219 unseren. Bartsch, aber schephaeres. vgl. 143 220 Bartsch 

221 u[. vielleicht si Coli. 223 Seh. 225 nach ewiciichen 

fehlt der reimpunkt 226 Bartsch 228. 229 immir unde dar uber[ 



262 Dil: MII.LSTÄTTER Sl NDENKLACJK 

2:50 (Id lunft er vil schöne, 

«ler liimilclmnich \rÖ7ie, 

den willen jocli den inauiiPii 

inil den nHiiiduiiyeii 

die dir ineiiiiischlich ziinge 
235 uimin/r mach volhrinf^en. 20 

So hcizzel. er si wisen 

m daz schöne paradise. 

da ist liep wwde lieht, 

da ist dehcin ungenäde nielil. 
240 da ist minne dne nit, 

dd ist vroiidc ane sfrit, 

da ist lij) iiiie tot, 

da ist genäde ane not, 

dane ist vrost noch hmigir, 
245 dane brennet si din snnne, 

dAne altet nieman, 

wan si schulen ininiir jugent han, Kar. s.h'^ 

l)ä ist dehein angist; 

der engele sanges 
250 vronvvenl sich ddtz himile 

alle die menege. 

da ist aller gnAden stiele. 

ir ougen sicXx nimm?/- gesalten 

des gotes antluzzes, 5 

255 da si vor im sizzent; 

vil liep er in ze sehen ist. 

so spricht der heilige Christ 

Svol ir miniu liehiu chint, 

ir mit mir hie hinl 
260 genem^ alle .9f/2che. 

nu g<^t in daz himelriche, 

231 m[. ur, dock von r nur spnren Colt, mone Sc/i. 233 m[. 

ka7i7i ebenso gut in sei?). Jiacliiier laucld etwa ats (Iriller buehstabe st 
auf. meisten wiinnen? Colt. 235 ni[ Kar. vo7i mm spuren Coli. 

23(i— 240 Haupt 239 niht 240 Da 241 keine li'icke 242— 24(; 

Haupt 242 [ane. spur des a Colt. 250. 251 keine liicke in der 

Iis. Steinmeyer 252 genaden 253 sich ninimir Kar. '2bl 

spricliet 258 Wol iv ininiir libiv Kar. ir, 7iicht iv. statt imniir 

stefit eigentlich immr Cot t. 2(]0 ]alle Kar. ... sin alle? genesin ? fo//. 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDEINKLAGE 203 

(Id ir snWel tweWen. 

icli wil in selbe ervullen 

sivaz ir mir ze liel)e habet getan: 10 

265 (laz scliult ir nu wider emjAidn.' 
So wirt da micbil vroude 

iiber al die wtenege; 

die viiunt jocb die ntdye 

den ist /ieb alle» däre. 
270 vil wol erchen>*e><; si sich. 

s\ sehent got tegelich. 

er sach in vil gerne 

der daz sol garnen 15 

daz er dd gewinne 
275 die michehi niandunge. 

da schupf?» wir (iencben nmbe 

daz wir si gewin/<e/t. 

Nu cbuni ich, vatir uiide siin, 

zuo dem iuweren ti'du 
280 und ze dem iieilegem Atem, 

daz er mir rate 20 

wie ich die selben gnade erarm, 

wände ich mennisch arme 

mich diche liän versoumet. 
285 wie st-re mich daz riuwet! 
Ich armir meintcete, 

mir enhelfe iur ^uote, 

so bin ich gescheidin von iu drin, 

loand ich der aller armist bin 25 

290 aller | slahte guote. o Kar. s.bi 

daz riirhte ich, herre, n^ten. 



262 . . . . r . s . II . . . eilen Coli. Sc/i. 263 eruillea h'ar., 

eruullen Coli. 264 [swaz ir mir] h'ar. voji mir spuren Coli. 

265 in der lücke gege?i das ende oberste spitze eines li Coli. 
267 Bartsch, aber aWc 269 lieb Kar. 271 Jsehent Aar., s]i sehent 

Coli, taigelich 272 ersach, Coli. 27-1 Seh. 275 michelen 

276 Aar., a6e/' s]uoclien. djcnchen Co//. 211 Kar. 279 cii?? 

Coli. 2S0 heiligem ateme 281 ]ite Aar, i gar nicht sicher Coli. 

Seh. 282 dieselben, Coli, genade. ]t Aar. fraglich Coli, erarne 

Seh. 289 wand Aar. nach bin fehlt der reimpjinkt 



264 DIE MILLSTÄTTER S( NDENKLAf.E 

Icli wolde {', sunten mit gpwalle, 
diu gebot nivvelil belialtcii. 

ich bin din intrunner schalcb : 
295 von diu \'urht(i ich dine/t slach, 

wand ich von dinem dienste 5 

vlöch swa ichz weste. 
Da man dir dienöle, 

dar ich niht enwolte. 
300 widir dich ranch ich. 

von diu ruoge ich mich 

und chume nu in dine gewalt. 

ich bin idoch diu eigenschalch. 

Du hast erchoid'öl mich wilon 10 

305 mit dinem reinen Übe, 

mit töde dem grimmen 

wollest du mich dir gewinnen 

durch dine suozze minne. 

Daz was, berre, michil reÄ^ 
310 sU min 1/p ist de?- din chnebt, 

daz er enpbiencA dhien slach. 

nu sihe ich wol daz ich enmcrcA 15 

nimmir dir entrinnen. 

nu wil icli widir sinnen, 
315 din buhle wil ich gwinnen. 
Vfol du heiliger Christ, 

du dir min rebtir vatir bist. 

din sun, herre, bin ich; 

von diu ruocAe hören mich, 
320 wan ich Mn gesundet. 20 

nu so/ iz sin gechundet 

292 Ich, aber nicld rot 295 Kar. 296 dineme 300 Seh. 

dich [ ] inch a[ Aar. dich, ouch iohannes. oüch ist unsicher, kann 

auch inch oder noch anders gelesen werden, zwischen dich 7i?id ouch 
steht höchstens ein buchstab, vielleicht keiner, auch iohannes ist unsicher: 
ich armer wäre (allerdings sclnoerj denkbar, h a gehören entschieden 
zu einem warte Coli. 301 Steinmeyer 302 unde chume [ich] in 

din g[e]walt Kar. 303 Kar. 305 dinem[ Kar., dinem r[einen? Coli. 

309 Kar. 311 Bartsch 312 Kar. 314 Bartsch. MÜich. 

suo[chen Kar. vielmehr sii[ Coli. 315 gewinnen 316—319 Kar. 

319 hoeren 



DIE MILLSTÄTTER SÜINDENKLAGE 265 

in deu himclen vor dir: 

daz ruoche du vergeben mir. 
Der miuen sundeii ist so vil 
325 der ich dir im chlagen wil, 

ir sint ynnoge nnd ubirgiuioge. 

nu ^vil ich niicli selben mögen 

e mich min widerwinne 25 

mögen begitme, 
330 der leidege hellewarte. Kar. s. 55 

der hat gebruofet harte 

mine mauege missetat. 

Liicifer si gescriben hat 

und wil die brieve bringen 
335 ze dinem tagediuge 

und Avil da ruogen den rät 

deu er mir getan hat. 5 

die mine sunte manichvalt 

die sint chomen in sine gewalt. 
340 ich furhte, ob ich si spare 

ze dem jungisten tage, 

dai ichs chnme in michil not. 

wände niht enticelt der tot, 

(der nähet aller tegelich): 
345 von diu dinge ich an rfich. 10 

Nu hilf mir, got der gnote, 

durch wiWen diner rauotir 

daz ichz ö bnozze aller herist. 

nu wil ich ruo^e>« erist 
350 wn'ne arme fuozze. 

den wären ie snozze 



323 daz e oder r Coli, ruoche du uer Seh. 324 Kar. 326 7iack 
wil ein r? anfang eine.s ni, n? Coli. ubir genuoge 327 Bartsch 
32S wider winne, Coli. 329 ruo[ Kar. rfig, dar?iach spuren von en 

Coli. Seh. 330 Der leidige 334 unde 335 ta[ge]dinge Kar. 

deutliche spur des g Coli. 336 unde Kar. 340 furhte [. . .] ich s[ 

Kar., ob ich si Colt. 342 ]s [ ] ch[ Kar., Coli. 343 to]t Kar. 

der tot spurioeise Coli. 344 taegelicli 345 dir Kar. ewjich. von 

ew unsichere spureri Coli. 346. 347 Bartsch 347 Uen vor diner 

Coli. 34S ichz. e. 349 nuwil 

Z. F. D. A. neue folge Vlll. 18 



266 DIE MILLSTÄTTER SLNDENKLAGE 

die sundirstige 

ze den ubilen wibeti, 

die der tie\\\ hAt gestellet, 15 

355 da er manege mite vellet. 

dai sint siniu nezze, 

da er si in hat gehezzet 

vil diche tage jocli naht, 

daz ichz errechen nine mach. 
360 ze huore waren si gereht, 

ze chinsche wäran si gebrech; 

ze roube was in so liep, 

si vnoren guoles weges nieht, 20 

da wären si zno rin^e, 
365 der wech was in ze swcere. 

ze niettin nnd ze misse, 

da ich diu dienst wesse, 

dc\ verrieten si mich. 

die bringe ich schuldege für dich 
370 daz du über si rihtest 

swie du, trohtin, wellest, 

mit iegelichev harmschare, 25 

daz min sele nine | vare Kar. s. 56 

in die helleporte: 
375 gesundet hän ich harte. 

des bitte ich durch dei gebente 

diner heilegen hende, 

die du den Juden gsebe 

dö si f/ich geviengen. 
3S0 Herre, nu vermm mich, 

toande ich dinge an dich. 5 

nu wil ich ruogen miniu chniu. 

352 ]e h'ar., ]ie Coli. 353 Bartsch 354 ]uil han Kar., ]eiiil 

hat Coli. 355 vellet Bartsch 356 ]sint sinir Kar. d]az sint siniv 

Coli. 358 Bartsch 359 ich ez 363 ]tes Kar., ftes sehehit zu 

stehen, also gutes? Coli, niht 366 unde 368 nach mich fehlt der 

reimpunkt 369 schuldige 380 H rot Coli. nu[ u]iande Kar., nu 

[uern]im [mich. w]ande Coli. 382 Nu. ich [neig]en Kar. das h von 

ich scheint sichtbar, auch g vor en glaube ich zu erblicken , aber der 
anfangsbuchstab des Wortes [neig]en sieht eher nach r aus. darnach 
strich, wie der erste eines u. also rügen Coli. 



DIE MILLSTÄTTER SLNDENKLAGE 267 

vil selten hrovchte ich si ze diu 

daz si vielen für dich: 
385 andersicar chniewete ich 

(daz ist ouch, herro, 

dem uügelich se're): 

in daz hör und in den mist, 

durch werltliche lust 
390 und durch uppigew s-pot. 10 

daz chlage ich dir, herre got. 

du rihte nber si, herre, 

und yergip ez miner s6le. 

gernoche mir gendden 
395 dnrch die villäte 

die dir die Juden täten 

dö si dich marteröten. 

Nu möge ich mennisch arme 15 

die liende joch die arme: 
400 die wil ich hetrahten. 

si etichunden niwan ahten 

der manichvalten sunde 

die si loider ditie hulde 

täten aller tagelich. 
405 die bringe ich schuldich für dich. 

si griffen zuo den swerten, 

si sluogen mit den fousten, 20 

si roube^en nnde hranieD, 

sumelich si blanten, 
410 si heherten nnde ftestiezzen, 

durch dich si daz enliezzen, 

383 nac/i selten spur eines spr. sprungen? abei' statt u seheint etwas 
anderes zu stehen, nach div steht noch etioas auf der zeile. daz? Coli. 

386 Seh. nach herro fehlt der reimpimkt 3S7 ungelich Stein- 

meyer 388 Kar. 390 unde 391 7iach got kein ?'eimpunkf, 

dagegen 392 nach du 395—397 Bartsch 399 hende. die Kar. 

nach hende i^aum für etwa drei buchstaben Coli. 401 si inannen[ 

Kar. nach si ein e? später ein unter die zeile gehender haken, wie von 
einem h, U7id vor unnen (nicht annen) strich eines dazu gehörigen buch- 
stabens. das zweite n zerstört, auch d möglich Coli. 405 schuld ich 

Kar. ein wprt Coli. 40S b in roubeten vollkommen erhalten Coli. 

Kar. 411 Kar., aber enliezen 

18* 



268 DIE MILLSTÄTTER St NDENKLAGE 

loitewen \inde weisen 

und Wimen goies housen 

daz si ze relite soWe» haben. 
415 daz wil ich dir, lieire. chlo^ew. 25 

Noch loü ich mögen 

daz si ie \ sich bürgen Kar. s. 57 

vor den mennischen armen; 

der newolden si sich nine erbarmen 
420 daz si si in ladeten, 

si mit huMe habelen, 

noch g^bin gewsete 

noch sphe den e//enden 

durch den diuen wWIen. 5 

425 Din si nie gedähten, 

ir ophir nie si brdhten 

ze dinem alläre. 

die soll du viilen swdre, 

nber die solt du rihten, 
430 die sint schuW/^e chnehte, 

lind vergip ez miner sele 

durcli des tages ere 

dö du ze dem chrüzze gieuge, 

dö dich die Juden wiengen 10 

435 und dich dar an Mengen. 
GencedechUcher herre, 

nu wil ich vuogen viere. 

min herzze ist enzundet 

mit wurzzen aller sunden. 
440 ez solt ein fundamentum sin 



daz gebet daz der man tuot 

daz enist ze nihte guot, 15 

413 unde 414 nach rehte spur eüies s tvol sicher Coli. 

415 chlagen Kar. 416 Noch Steim/ieyer 420 inladeten 421 ha- 
beten. eher redeten Coli. Seh. 422 gab in 423 m der mitte der 

liicke e . d Coli. ge]naden Kar. eher enden Coli. 424 Kar. 425 d[e]n 
Kar. Diu Coli. 426 Kar. 429 vor rihten n Kar., u Coli, vorher 

d? Coli. 432 tages 5c/*. 434 Bartsch 435 unde 437 ruogen 
Bartsch 440 solt Kar. ez Seh. 



DIE MILLSTÄTTER SLWDENRLAGE 269 

ob ez yon herzzen nine sti^fe^ 
445 ez icwre bezzer i'erswiget. 

min herzze ist dir entgatigen, 

des bin ich beswichen. 

ühirmuot ist dd bechhhen 

unde hat dar üz vertrifce« 
450 die ^odichen minne 

und poiiwit nu dar inne. 20 

Ubirmuot diiist so getan, 

diu verlinset manegen man. 

diu valte von himele 
455 Liicifer mit menege. 

diu hat ouch mich er\e\let 

und hat an mir geslellet 

huor und vleischlich gehxsl 

und andir manich achust, 
460 iDuot unde toheheit 25 

unde luge vil breit 

unde 1 haz unde nit Kar. s. 58 

nnde zorn unde strit, 

mein und pisprffiche 
465 unde lanchr;=eche, 

huoch und üppigen spot. 

f/aune erlöse mich, got, 

daz mich diu inges'inde 

dar an nine vinde, 
470 . daz ich selrfe gewinne 

hl der dinen minne 5 

und den gendden dinen 

444 ]el[ ]en herzzen Kar., eher ol[ oder a][. dann ]on Coli. 
446 entgangen Sc/i. 44S Jelen 449—451 Kar. 451 unde 

povwet Kar., povwit Coli, nu Sc/i. 452 diu ist 453 nianegen 

Bartsch 456 Kar. 457 Bartsch, aber unde 45S unde. Seh. 

459 unde Kar. 462 und haz 463. 464 si?id keine Wicken 

a/igegeben 464 uersmaeche. ganz gewis nicht, statt uer zwei buch- 

staben, der erste aus zwei, der ziveite aus einem nicht über die zeile ge- 
henden schaltenstrich bestehend, statt m vielmehr ^x. pispraeche? Coli. 

466 unde. spot Bartsch 467 Bartsch 468. 469 Seh. 468 
daz inif Kar., mi[ Coli. 469 ]ian Kar. ]r an Coli. 470 sei sehr 

fraglich, u? Coli, in der liicke w Kar. eher ve Coli. 472 unde 



270 DIE MILLSTÄTTER SLiNDENKLAGE 

dd ze dem paradise. 

Des bitte ich dich, gotes sun, 
475 durch dines vatir wiUnn 

und durch des beilegen chrilzzis <^re, 

daz du truoge mit s6re: 

nu erlöse mine sele. 

Trohlin cwarte, 10 

480 nu wil ich mögen harte 

daz aller wirsiste vleisch 

daz ic/t inder loeiz, 

mine zunge'ii mit dem munde, 

diu vil manege sunde 
485 widir dir worhlen: 

dich si nine vorhten. 

si sprach diu imrehteu ivort, 

si riet huor unde mort, 15 

diube und manslshie 
490 swa so si mähte. 

si sagete anderem man 

daz si selbe uibt vernam, 

si redete mit dem munde 

lukiz nrchunde. 
495 Durch miete joch durch ruom 

sprach si trugelichen wistuom. 20 

ir lantloute 

. . als in der gluote 

umb eigenvvl^J und hiwen: 
500 die lie si ninder h\iben. 

wie si ir hahe unrehte gewinne, 

dar begunde si smnen. 

sine welle si gelten, 

si muoz es immir enkelten. 25 



475 uatir. r unsicher Coli. 476 heiligen 477 eren 

478 mic[ii Kar. statt c eher r oder e Coli. 479 trohtin Kar. 

482 daz ic[h Kar. inder weiz Seh. 487 div u[ Kar., div um? Coli. 

488 m[ Kar. mo[. o sehr unsicher, darnach r? Coli. 495. 

496 ruom. ia[ Kar. rfii . . ., ia nicht ganz sicher Coli. 497 IR 

lantloA'te n[ 498 aisin Kar., Coli. 499 umbe. 7iacli eigen strich 

wie von einem w Coli. Seh. 500 beliben 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENRLAGE 271 

505 swfls si hie nbele yetwte, 

so iz blihit Mnüerj goltea, Aar. *. 59 

daz ftr'ennet die s6le 

s6 der lip lit in der erde. 

wan si verswuor sich aller tegelicli, 
510 nie enschamete si sich 

des si vvidir dich tele. 

si minnete «nrehle sete, 

in tranche joch in dzze 5 

si enchnnde dehe'in mäzze 
515 linde hesweich mit meinswnorlisten 

minen ebenchristen. 

si ensprach nie ze guote: 

beidiu ze spotte joch ze huoche 

gdhete ie min zunge. 
520 der sunten brunne 

allezan uz ir vlöz: 

daz mir die sele verlos. 10 

ja rafste id\ si ze selten. 

ez ist nu chomen ze gehe. 
525 mit munde, mit zunge 

dienete ich der helle 

unde dem hellewarten. 

getrüwete ich dinen worten 

daz si mir gerieten, 
530 die snnde mohte ich alle vermiden. 

Ich chlage dir mine schulde. 15 

nu nim mich in dine hulde. 

des bitte ich dich durch die nagele 

die dir wurden geslagene 
535 durch hende joch durch fuozze, 



506 gölten z[ Kai', z fraglich, dai-nac/i vielleicht br Coli, un- 
vergolten Steinmeyer 507 daz Sleirwieyer ]ennet Ka)\, brennet 

Coli. 509 uerswor taegelich 512 sere Kar., sete Coli, vor hte 

etwa zwei buchstaben. vorher erscheint an einem flickchen ein deutliches 
g, aber ungewis wohin gehörig Coli. 521 vor ir ein 1? Coli. 

524 nu Aar., mi? Colt. 525 Seh. 528. 529 Sleinmeijer 531 

schulde Seh. 532 Seh. 533 nagele Bartsch 534. 535 Bartsch 

535 suozze Kar., fuozze Coli. 



272 DIE MILLSTÄTTER SODENKLAGE 

(laz siel» min seh »«enden nuiozze 

in dem paradiso \i'6ne 

obene in dem zelienten cli<'>re 20 

mit samt dir vil schöne. 
540 Du cheisir aller cluinege, 

du vogü aller liimele, 

du geruoche mich erhören. 

HH iv\\ ich mögen niiniu oren, 

(lei (liehe sich bewnllen. 
545 swaz ich in allen stunden 

ie ijevriimte in huore widir dir, 25 

miniu ören hrahlen ez mir. h'ai: s. 60 

mit deheinem ubelem wibe 

daz huor enwolde ich miden. 
550 Swä si mir die leisten, 

, daz durch dich ich daz neliezze, 

lehne hrunne unz an den grünt, 

daz was, herro, der 6ren schult. 5 

Swä diu znnge den roup riet, 
555 da was den ören zuo liep. 

nrliuge und manshhle, 

tages odir nahtes, 

herre. 

si sint schuldich me're 
560 an ungetriuwem rounen. 

die mich . 

dar Charte ich diu ören: 10 

sine solten es niht hören. 
So mich ar;«e loute 
565 durch dinen willen bäten 

tranches oder mazzes, 

536 mine sele Bartsch. unmiUelbar vor muozze buclistabenresle, 
nd . n Coli. 537. 538 Kar. 543 Bartsch 544 Seh. 546 Seh. 

547 brühten, Steintneyer 549 nach daz ein W? am schluss der 

zeile ein e Coli. Sleinmeyer 550 die ][ 551 dich atn ende von 

60, 3, aber d fraglich Coli, nelieze Kar., Coli. Slei/vneyer 552 Seh. 

553 — 556 Steinmeyer 553 daz a;« ende von 60, 4 Coli. 

554 vor roup den, wenigstens d sicher Coli. 555 liep Bartsch 

559 Seh. 563 sii[ Kar. ettva si und darnach anfang eines n? Coli. 

Seh. 566 Bartsch, doch unde statt oder 



DIE MILLSTÄTTER SLNDENRLAGE 273 

die vernam ich lazze. 

si hörtenz ungerne, 

schieden danne mit zorne. 
570 Swd ich dir ndhöte, 

da verrieten si inic/t drdte. 15 

swenne ich wolde in der chirchen 

vor dir diu chniu broncheu, 

so ich da redende vernam 
575 wedir wip oder nwn, 

söne mohte ich singen, 

so was min geilet ergangen; 

chöse icas mir sä in muote: 

niiniu ören ez mir rieten. 
580 über diu solt duz rihten, 20 

niine schulde entnihten 

durch die rede die du ttete 

widir din vil here muotir 

dö du an dem chrüzze erstürbe 
585 und du si bevulhe 

dem guoten sanct Johanne, 

dem /(e?ligem manne, 

eine/' ma^er/e sunder meile. 

Nu ruoge ich Christ, gotes sun, 25 

590 die aller schul iWgislun, Kar. s.6i 

miniu ougen herte. 

dei vs^ären \enchende 

zallem unrehte 

tages unde nahtes. 
595 swd böse ubirmuote 

iht widir dir getäten, 



567 vernam Bartsch 568. 569 Bartsch 568 horte[ Kar., 

horten[, n ziemlich sicher Coli. 570 — 574 Seh. 571 mich Kar., 

h nicht vorhanden Colt. 574 ]iie ueruam 575 Kar. 576 Seh. 

577 Kar. 578. 579 Sleinmeijer, 580 die 581 sch[o]nen Kar. 

583 Kar. muoter Kar., Coli. 585 beuillie Kar., beuulhe Coli. 

586 sancte Johanne Kar. 587 Steinmeyer Jligen Kar., jligem 
Coli. 589 rüge Kar., rüge Coli. 590 Seh. 592 leu[ 594 

]s tages Kar., s nicht mehr vorhanden Coli. 595 sw[ Coli., fehlt bei 

Kar. 596 geraten Kar., getaten Colt. 



274 DIE MILLSTÄTTER SfNDENKLAGE 

Sil ich iz mohte schonioen, 

dar wisten micli diu ongen. 

swar tnine vuozze .^iengen, 5 

600 dA si die smule hegienyen, 

swelliiv slalite so si was, 

dei ougen leisten mir die stat. 

swä mir diu chiiin verhanchten 

des ich sunle habete 
605 oder swar in was ze gdch, 

diu ougen wisten mich der tiäch. 

swaz mine hende worhten 10 

vvidir dir iibir vorhte 

offenlkhe nnd tougen, 
610 dar wislen mich diu ougen. 

sives min herzze erddhle, 

miniu ougen ez \o\brdhten. 

swaz diu znnge mit dem munde 

ze ubi/e sprechen chuiu\e. 
615 so siz geredete al gar, 

diu ougen wisten mich dar. 15 

Swaz ich sundigir man 

mit den ören ie vernam 

des min lip sich schuldegen chunde tuon, 
620 miniu ougen hülfen mir dar zuo. 

si rieten mir genöte 

daz ich iz tcete. 

Dei sint, herre, schuldich 

und dar zuo aller min lip 20 

625 linde elliu lit miniu, 

diu feringe ich schuldigiu 

in dine gewalt, 

icande ich bin din eigenschalch. 

dar über rihte du drdte 

597 Sit Coli., fehlt bei Kar. Seh. 598 ou]ge[u Coli, fehlt bei 

Kar. 599 Seh. 603 chiiiii Seh. 605. 606 Seh. 611 ]bte 

Kar., bte oder hte oder ote Colt. 614 mac Kar., ]nde Colt. 616 

von dar spuren Coli. 617 Bartseh 61S Seh. 619 minen 

622. 624 Seh. 624 unde ]den min Kar., den nicht, eher reste von 

allen Coli. 628 vejigen Kar., e sicher Coli. 



DIE MILLSTÄTTER SlNDENKLAGE 275 

630 al nach dinen gnaden 

und \ergip ez miner sele, 

wände sis verhanchte nngerne. 

Nu vernim die chlage uiine 25 

durli toillen der pine 
635 die du erlite durch mich : 

daz hän ich verdient unibe dich. Kar. s. 62 

lois mich lösende 

mit diner hende 

iiz aller miner not, 
640 durch diu heih'^ez bluot, 

he'ne got Sabaöth. 
Rex angelörMw, 

nu soll du mich erhören 

durch die wären triwe dine, 5 

645 also du erhörlesl Mariam 

und Martham die des digiten 

daz du Lazarum holtest 

heizzen rümen daz grap, 

der drie tage hegrabeti lach: 
650 durch die selben nameu bitte ich dich 

daz du gelibhaftegest mich. 10 

gip mir nrstende 

aller miner sunden 

durch dinoi heiligen tot 
655 den du nceme durch unsir not, 

herre, an dem cruzze, 

e du ze helle vuore, 

daz du die dinen alle 

irlöstest von der belle: 
660 durch die selben lösunge 

s6 bittet dich min zuuge 15 

630 genaden 631 unde 632 si Kar., sis mit rundem s Coli, 

635 e vor du? die? Coli. 636 nerdient Kar., uerdient Coli. 

639 Seh. 641 herre ScJi. Sabaotli Kar., Sabaoht Coli. 642 rex 

Kar., Bartsch, blieb vielleicht vor rex räum für ein rotes 0? angelo- 
rum Kar. 644 triwe Kar. 645 Maria Kar., Maria == -am Coli. 

646 unde ob Kar., unde M Colt. 649 begraben Kar., lach Bartsch 
650 dich Kar. 651—663 Seh. 651 gelibhaf]tigest 656 Barisch 

658 Daz. du spurtoeise Coli. 660 von selben spur des s Coli. 



276 DIE MILLSTATTER SUiNDENKLAGE 

(laz du irUsest mine sele 

au minein ende, herre, 

von der heizzeu helle\ 
665 nnä von den wizzen allen. 

dfaz tno durch dine gotes cliraft, 

durch diu lieiligez giY//>, 

du diu liclmam inne lach. 
Hörre gol, irhOre du mich, 
670 an dine genäde dinge ich, 20 

und an den heitegen geist und dinen sun, 

ziur drier gnAden ich chum. 

wände du, Ae/leger geist, 

mich soll hehuoten aller meist, 
675 von allen niinen suuten 

soll du mich enhinten * 

durch dine geneedicheit 

diu mich armen nie wermeit 

Sit mich diu m . < . . 25 

680 Kav *. 63 

mit werchen und mit wWlen 

. . . .... gedingen, 

swie michil min schulde si, 

so si doch din güäde da bi 
685 michil me 

dich. 

Herre Christ, du icurde gemarteröt, 5 

durch mich nteme du den tot 

mit ganzer diumuote 
690 (daz wäre« michil guote), 

daz du allez manchunne 

664 u[ Kar., uo Coli, uon . . . helle Bartsch 665 Bartsch 

666 daz Kar. tuo durch dine Bartsch 667 heiligeren Kar., heiligez, 

z corrigiert aus n Coli. 669 nach got spuren von ir Coli, höre mich 
Bartsch 670 Bartsch 671 unde 672 genaden 673 Bartsch. 

heijligir GH Bartsch 61Gm in mich fraglich Coli. 677 genaedichen 
Kar., Coli. 679 div nii[ Kar. div ni[. tri der Uicke ch s, dann rest 

von c, o oder e. vor mit steht eten oder ezen Coli. 683 Bartsch, 

nur schult 684 s6 si doch Steinmeyer, diu genAde Bartsch 687 

herre ohne absatz. nach ]ot kein reimpunkt , davor ei?i c oder t Coli. 

688 7iach mich reimpunkt 689 div muote Kar., ein wort Coli. 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 277 

mn der helle geionnne 
unde den tievil bnnde 
mit diner .^waltegen hende. 
695 dö Isete 10 

do enspartest du daz beilege tor 

heit vor 

wände erz 

700 daz sol uns dunchen vil guot. 
Swaz ich sündiger man 

wider diuen loillen habe getan 

daz riwet mich sere. 

m( beschirme du mich, herre, 15 

705 durch daz diue hantgetät 

der nbele Satandt 

nine versliche, 

die sele iht verdruche. 

. . . bevilhet der min lip 
710 ze trohtin. 

swaz ich durch ächust 

und durch deheiner sunden glust 

widir dich, herre, habe getan, 20 

daz läz ubir minen lip gdn 
715 mit /ehelicher harmschare, 

daz ichz an mine sele iht gespare. 

swaz du gehengest nber m\ch, 

herre Christ, daz lobe ich, 

daz ich an dem «rfeile 
720 nine werde gescheirfen 

von dir mit gewalte. 

da solt du I mich behalten Kar. s. 64 

durch dine huote 



692 ]ane 693. 694 Bartsch, nur gewaltigen 697 ]e spartest 

Kar., e fraglich Coli, tor Bartsch 700 Seh. 702 durch dinen. 

vor daz (703) reimpunkt 708 iht Seh. 709 nach lip reimjnmkt 

Coli. 710 in der liieke ig?? Coli. 711 nac/tachust reimpunkt Coli. 

712 g in glust auf correctur zioeier buchstabe?i Coli. 713 Kar. 

11^ Barisch lazze 1\% Steinmeyer "20 Bartsch 12^ in der 
liieke u:e, vor dem u ein über die zeile gehender buchstab Coli. Sek. 



278 DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 

vor des ttevils ubirmuote. 
725 <lä von nere mich, got der guote, 

solher gnaden ich «lieh hüte 

jocli sanctam Mariani, 

die snozze mnoter dinen, 

daz si si mit himilischer chraft 5 

730 miner sele inimir vvegehal't 

un(/ daz si ir chum ze heile, 

so si von dem iichnamen scheide. 
Herre vater ewich, 

nu wis mir gencedich 
735 und vergip mir mine sunte 

durch diue urstenrfe 

und durch den wech so h^re 10 

den du ze dem chrüzze vuore. 

ich mane dich diner worte: 
740 du sprwche ^nolo mortem 

peccatom: ich w\\ zware 

daz er sicA bechere'. 

swaz ich sundigir man 

wkh'r dich ie habe getan 
745 daz rivvet mich nu sere. 15 

hilf, daz ich mich bechöre. 
Nu vergip mir mine schulde 

und gip mir dine hulde. 

lä mich des geniezzen 
750 daz du dich selben hiezze 

pastorem bonum, 

den guoten hirte vrönen. 

Ich volgete ie dem tiesW nach: 

ich bin daz din schäf 20 

725 nach von erster strich eines ii, n oder m Coli. T21 nach 

Mariam reimpunki Coli. 731 an[ Kar., iiii[ Coli. 734 Kar. nn 

Kar., nu Coli. 735 Bartsch, nur unde 736 Kar. 739—743 

Bartsch 740 do du Bartsch 742 ei[ Kar., er si[ Coli. 745 

Bartsch uil Kar., nu Coli. 746 daz ich mich Bartsch 747 — 751 

Bartsch, 7iur 748 unde 747 Jiach vergip ein m? Coli. 749 mich[ 

Kar., nii[ Coli. 752 Bartsch 753 H Kar., Ich, das rote I auf 

schwarzem i Coli. 754. 755 Seh. 754 Jiach din ein über die zeile 

gehender buclistab Coli. 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDEINKLAGE 279 

155 (laz dir was eDgaogen. 

uu wil ich wider sinnen. 
Wol du heiliger Christ, 

du dir min guoter hirte bist. 

woldest du des ruocheu 
760 daz du mich xooldest suochen, 

nu mohtest du mich vinden: 

jiu rivvent mich mine snnde. 25 

die wis du mir vergebende 

durch diu heiligiz bilede Kar. s. 65 

765 die 

em zuo den dinen. 

f/az si verlorn nioe 

Des bitte ich dich, trohtin eine, 
770 durch die \ehentigen steine 

daz ich niht besizze 5 

die vreislichew hizze 

die die vervluocheten in dem eite habent. 

des bitte ich dich durch die dri chnaben 
775 die du, domine, 

beschirmtest in dem owene. 

daz eine was Auanms, 

daz ander Asaridi?,, 

ja sagent uns diu buoch daz, 10 

780 Misahel daz dritte was. 

des \iures 

Wälder we, 

ez moht si niht gebrennen, 

din engil was mit in dar inne. 
7S5 du beschirmtest dine degene 

mit dinem ordnen segene, 

762 mich uil Kar., mich me[ Coli. 764 heiligez Kar., heiligiz 

Coli. 773 die habent Kar., vielmehr ite wol bestimmt, aber der biich- 
stab vor i ist zweifelhaft, am ehesteti 7ioch e Coli. Sleinrneyer 775 

dnne Kar., düe Coli. 776 ]iene Kar. vielmehr lene, rest von u Coli. 

ovene Bartsch 777—779 Bartsch 780 vor dritte ein z Coli. 

784 din Bartsch 785 ]ine Kar., dine Coli. 786 dinen Kar., dine 

Coli. 



280 DIE MILLSTÄTTER Si NDENKLAGE 

daz si f/az viur iiine muoete, 

swie harte der oven glnoele. 15 

nu bitte ich iuch chnaben drt 
790 daz i'r mir lielluude sit 

und daz du erlösest dinen schalch 

mit diner geioalt. 

mit din selbes tröste 

und du si erlöstes?, 
795 SO löse miiie sele 

daz si nine brinne sere. 

Nu mane ich dich des, herre, 

daz du DimU'lem 20 

behuolest durch mhme 
800 vor tieren den grimmen 

in der levven grnohe, 

daz si in nihi gelorsten geruoren, 

der dar in wart gegeben, 

daz in zelrrwchen die lewen. 
805 do bewartest du dinen schakh 

mit diner geioaU, 25 

daz die lewen | von im vluhen, Kar. *. 66 

in einen ivinchel sich smugen. 

daz mac/*e^e al diu gotheit, 
810 sine täten im dehein leit 

unz du mit Abacuchis hrote 

in von danne erlöstes?. 
Nu bitte ich den herren, 

den guoten Daniele«, 5 

815 daz er mir si wegende 

und daz ouch du mir sist vergebendjß 

alle mine sunde 

die ich in al?e» stunden 

hau gevrumel mit minem libe, 

787 ]uivr h'ar., d]az uivr Coli. 7S9. 790 Bartsch 

791 unde ]st dinen Kar., ]sest dinen Coli. 794 unde 795 niine 

Kar., line Coli. 797 der räum, in der hs. genügt 7iicht. die vier- 

malige toiderholung desselben reivies muss den aiisfall eines verses ver- 
anlasst haben 798 Danielem Kar. 816 und Seh. 816—819 
Barisch 819 minem li[ Ka?\, übe Coli. 



DIE MILLSTÄTTER SLNDEMLAGE 281 

820 also du ta'te dem wibe 

diu (luich möge 

liir dich wart yevuoret, 

unib daz du si liiez^es^ steinen. 10 

si zigen si huoves eines 
825 linde sprachen ziväre 

daz si des tödes wert wäre, 

als iz diu alte e gebot. 

daz was ein michW not. 

dö schrille d?< an der erde 
830 den Juden unwerde, 

swer ane sunde icwre, 

daz er des nilit verheere, 15 

erue würfe an si einen stein. 

do newas ir aller dehei>? 
835 der sich des vermcezze. 

eine si si liezzen, 

si c\\(t\'ten alle dannen, 

einer nach dem andern, 

UDMS fost unum; 
840 si beguuden alle rounen. 
Dö ruioin si ir s»>ide, 

do vergeebe du ir an der stunde 20 

durch die diue guote 

daz si ie gesundote. 
845 do gebnte du ir, herre, 

daz si sin nine tse/e mere, 

daz si ir siinden liezze sin. 

dö war? si din trütin. 

vaste geloubete si an dich. 
850 des antldzzes ger ouch ich 25 

des du ir tcete 

durch dine guote. 

vrö du si liezze. 

822 die[ Kar., dic[ Coli. 826 Bartsch S2T iz d[ Kar., iz div[ 
Coli. 829 nach scliiibe anfang von d Coli. 831 si[ Kar., si[ 

Coli. 834 in Kar., ir Coli. 838 anderen 839 Vnus 841 

Do Kar., das o fraglich Coli. 846 sin unsicher Coli. nine Kar., 

nin[e Coli. ta[ 851 ir a[ Kar., an fang der lücke undeutlich Coli. 

Z. F. D. A. neue folge VIII. 19 



282 DIE MILLSTÄTTER SLNDENKLAGE 

nu Id mich ir geniezzen Kar. s. 67 

855 unde Danieles, 

dines icissageti hiires, 

und diner schalche aller 

die du erlöstest von der helle, 

und gebint sunt Michahele 
860 daz er nere mine sele, 5 

daz er si bringe, 

s6 si gescheidet hinnen, 

in den barn Abrahames, 

durch dine drie namen. Amen. 

857 unde S58 ]uon Kar., ]t uon Coli. 



ANMERKUNGEN. 

1 == 316 und Zuk. nach dem tode 112, 8 Kar. der heilige 
Christ Physiol. 75, 1. 76, 9. 25. 88, 12. 89, 20. 21. 105, 17 Kar. 
MSD nr xlvii, 1, 1. 8. 12. 14. 2 A, 10. B, 5. 3, 21. Wahrheit 
85, 13 D. Leb. Jesu 248, 4. 14. 20. 250, 2. 253, 4. 272, 18 D. 
Jüngst, ger. 283, 10 D. Vor. sdkl. 295, 7. 296, 10. 298, 18. 
303, 10. 309, 16. 310, 13. 311, 18. Aneg. 3, 51. 8, 42. 11, 60. 
13, 10. 14, 62. 24, 75. 25, 20. 27, 23. 33, 79. Joh. bapt. 
(Fundgr. 1) 135, 6. Credo 275. 447. 553. 637. 655. 709. 901. 
1195. 1481. 1828. 1942. 1988. 2054.2354.3650.3675.3709. 
Mar. 155, 4. 210, 35 Hoffm. Spervog. 28, 15. 

3. Vor. sdkl. 301, 23 heifst Maria porta paradises, ture des 
himelriches. 

4. hellewarte noch 330. 527. der leidege hellewarte Kaiserchr. 
362, 6. 

5. den tiefel er gebaut Wien. Gen. 5598. der den tiufel 
uberwant unt in der helle gebant aao. 5762. der gibundin hat 
den diuval MSD nr xxxiv, 1, 3. ich weiz, er in pant mit siner 
zeswen hant Leb. Jesu 2ü3, 28 D. daz den tübil da gebant daz 
ist die selbe gotis hant Credo 551. 

9. rex regum Credo 3765. vgl. Gold. schm. xxvii. chunich 
aller chunige Phys. 74, 22 Kar. 

10. in secla seculornm Erinng. 1000. in secula seculorum 
Aneg. 40, 12. per omnia secula seculorum Vor. sdkl. 316, 6. 

12. den scephäre der bimile unde der erde Exod. 7014 Mm. 
der da scephäre was über himel und über erde Vor. sdkl. 304, 10. 
der werbe schepfäre Mar. 207, 22. Credo 1768. 

1 5. er geböth der mäninnen daz si liuthe mit minnen Wien. 



DIE iMILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 283 

Gen. 152. deu manen unten sunnen, die gebin ir liht mit 
Avunnen Anno ni, 5 Roth. 

28. ime nist niiit gelich. er ist ineffabilis, multum niiia- 
bilis. er ist eine sunderlich, ein herre vil wunderlich Credo 88. 
got der ist wunderlich ano. 338. got ammirabilis Kaiserchr. 
60, 22. heilant unt wunderlich (: gelich) Aneg. 5, 55. wand er 
ein wunderlich got ist aao. 11, 59. 

29. als iz gescriben ist Leb. Jesu 269, 6 D. des von dir 
gescriben ist Arn. Siehenz. 333, 16 i). 

32. er was mennisch unte got (: gebot) MSD nr xxxi, 14, 1. 
er ist der wäre menske unt got (: gebot) Entecrist (Fundgr. 2) 
131, 8. ich bin mensche unde got Jüngst, ger. (Fundgr. 2) 
137, 3. wärer mensch unt wärer got (: gibot) Lü. 217, 27. der 
beide got und mensche ist Credo 554. 638. 656. 

36. vater unser, gotes sun Mar. 149, 9. 

38. leu . . . unde lamp Lit. 217, 36/. der daz chint sitzet 
bi daz bediu leu unt lamb ist Mar. 149, 4. 

39. beide curz unde lanc Credo 294. 

41. beide warm unde calt Credo 306. 

42. bediu leben "unt tot Mar. 149, 6. 

45. beide weich unde hart Credo 302. 

46. beide vinster unde liecht Credo 297. 

47. beidiu liep unde leit Berl. sdkl. (Zs. 18) 44. 

48. 49. ir sit junc oder alt, ir sit pröde oder halt Mos. 
65, HD. 

53. vgl. 864. die namen dri MSD nr xxxi, 28, 9 und anm. 
Margar. marter (Zs. 1) 382. Mos. 61,23. 5«/. 82, 11. Arn. 
Siehenz. 335, 6. 350, 15. Aneg. 1, 66. Mar. 183, 26. 192, 19. 
MSD nr xlu, 62. xlv, 1, 3. xlvi, 60. xlvii, 4, 90. 

55. formen von nennen und erkennen reimen auch Exod. 
6581. 6677. 6856. 7199. Mos. 36, 22. Bai. 78, 30. Jung. Jud. 
130, 29. Arn. Siehenz. 341, 7. 343, 14. 356, 24. Erinng. 511. 
Credo 397. Aneg. 8, 3. MSD nr xl, 3, 5. nr xlii, 49. 

59. deme vater jouch dem sune, der spiritus sanctus al mit 
ime Wien. Gen. 226. wände ez ist der vater unde der sun et 
Spiritus sanctus Mos. 50, 11. den vater joh den sun joh deu 
spiritum sanctum aao. 61, 24. got vater ist der eine, von ime 
der sun ungesheiden. nu nenne wir den dritten sus: von rehter 
heizet spiritus sanctus Bai. 82, 13. beidiu den vater unde den 
sun unde den heiUgen geist Leh. Jesu 270, 6. 273, 26 1>. in 
namen des vater unt des suns unt des beilegen gaistes Arn, 
Siehenz. 333, 10. pater et filius jouch der spiritus sanctus aao. 
334, 22. von dem vater und von dem sune unt von dem beile- 
gen! geiste Aneg. 4, 08. dö chom der vater unt der sun .... 
unt der heilige geist aao. 39, 36. den vater und den sun und 
den vil heren geist MSD nr xlh, 11. 

62 = MSD nr xxxvui, 211 (: geist). wan du, herre, wol 

19* 



2S4 DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 

weist (: geist) Joh. hapt. (Mones Anz. vm) ISO. wand du, litM're, 
vil wol weist (: geist) Vor. sdkl. 302, 24. daz du vil wol weist 
daz aao. 314, 23. 

64. vgl. 167. 

65. IUI helfe sie (Maria) uns durh di minne di got selbe 
zuo ir hat Mar. 180, 23. 

67. nii rüün unse sunde ilz deme ahgrunde zu dir, herre 
h<^rre. dhi öre du here köre Andreas (Germ. 12, 78) sp. a, 11. 
sin gebet wirt verunrüchet, wan ez zt gotes ören nicht stiget 
Erinng. 96. 

68. iiher Tobias und Sara vgl Tob. cap. 3 vnd 6 — 8. 
Framngebet 377, 8 /f D. (Haupts undernngen in z. 12 mid 15 
sind uniiötig, Diemers erkldrnng zu z. Ib wol ein versehen, denn 
(He citate Tob. 3, S. 7, 11, denen noch 3, 11. 6, 15. 8, 12 an- 
znreihen sind, zeigen gerade dass sie falsch ist. schreibt man 
vone ime, so müste ime auf den tenfel gehen). 

69. Abrahams opfer auch MSD nr xxxr, 20, 5. nr xlvii, 
4, 110 enodhnt. 

Idff. vgl. Lit. 11 95 /f. 

81. beginnen mit inf. ferner 97. 192. 196. 840. 

88. waz ob 92. 95. 

90. ja an der spitze des satzes 102. 108. 523. 779. 

101. ih armer sundöre Lit. 1194. durch die armen sun- 
dare Mar. 179, 1. min armen sündieres bete Berl. sdkl. (Zs. 
18, 137) 5. 

102. nu vorhtc ich mir scre Vor. sdkl. 306, 5. 

103. des sorge ich mir harte Vor. sdkl. 308, 5. 
105. sine scerpheu strale Vor. sdkl. 313, 19. 
108. vgl. zu 101. 

111 ff. daz mere und der hellegrunt daz ist im alliz wole 
.chunt Credo 233. aller herzen tougen diu sint vor sinen ougen, 
des tiefen meres iinde joh daz vinster ahgrunde Mar. 173, 22. 
elliu apgrunde diu sint dir, h«MTe, künde Spej-v. 30, 29. Scherer 
QF vn, 21 verweist noch auf Ps. 138 und MSD nr xlv, 7, 3 
regene iint die winte unte elliu apgrunte, die puhele jouch die 
lewer, die pache jouch die söwe. 

115^. dinem gwalte mach niemen enphliehen noh ent- 
wichen, des ne darf halt uiemen wsenen noh sinnen daz dir 
iemen iemer hine mege entrinnen Himmelr. (Zs. 8) 4. 

126. eine im. reim 769. Phys. 78, 13. 79, 9 K. Jung. Jud. 
178,27. Siebenz. 339,9. Credo 719. Mar. 158,3. 164,42. 
179, 3. 207, 5. 

130 /f. beide berc unde walt scClf her und die lüfte mit sinir 
mancrefto Ruth. 4404. got drt scuof allez daz ter ist: äne dich 
nist niewiht MSD nr xxxi, 2, 1. der himel unt erde warhte, 
daz an niwet stat, war deiz sin gewalt nepore liAt Arn. Siebenz. 



DIE MILLSTÄTTER SiJNDE>iKLAGE 285 

337, 23. alliz unibevangiii mit sines selbis Iiandin, in s.ih he- 
slozzen Credo 121. diu Stent in diner liende Sperv. 30, 31. 

143. rehtir rihtare Recht 3, 2. 4,9 Kar. RuI. 23, 10. 
Kaiserchr. 105, 22. 413, 24. 441, 30. Erinng. 769. reht rihtOre 
der iibilen unde der göten, der lehinden (Mafsmann blinden) 
linde der t('>ten Credo 1548. unse rehte rihti^re Reinh. 1S58. 

ibi) ff. da nebill'et golt noch scaz Jüngst, ger. 289, 25 Z>. 
dö buten si in ze niiten silber und golt daz löte Leb. Jesu 265, 
SD. daz golt röt Mar, 191,22. vgl. 166, 11. daz er (gott) 
an sineme gerihte phleget neheinere miete Himmelr. 1 1 7. 

155. vil michil ist diu gotes chraft Wien. Gen. 78. 129. 
daz was ein michil gotis craft MSD nr xxxv, 5'\ 23. michil ist 
din chralt Himmelr. 2. gotes chrat't Wien. Gen. 176. vgl. Anno 
XLVHf, 14 Roth. Hochz. 21, 1. 26, 18. Babyl. gefangsch. 63. 
Margur. marter 32. 252. 591. MSD nr xxxiv, 2, 1. xxxix, 5, 4. 
XLiv, 1, 3. 8, 9. XLV, 4, 7. xLvn, 4, 134. Jung. Jud. 155, 14. 
Ruth. 536. 3932. 4168 Mafsm. Arn. Siebenz. 338, 1. 343, 2, 
351, 17 D. Aneg. 2,54. 65. 6,61. 15, 40. 16, 1. Lit. 892. 
Credo 52. 970. Mar. 157, 18. 159, 16. 173, 24. 180, 41. 192, 
40. 194, 14. Berl. sdkl. 58. 

156. an den urteilichen tach, da niemen uemach sin uiu'eht 
bescirmen. da miizen si gehirmen die hie ir antsage mit ir 
spehlichen rede da vure bietent ob in ieman riete ir sele gnist: 
des tages iz alzoges ist chomen uz aller slahte rate Vor. sdkl. 
310, 3. sön hilfit kein list noch keinir slachte lougin Entecr. 
(Fundgr. 2) 133, 21. und mozen der wärheite jehen: dar nemugen 
si nicht gelungen Credo 1576. 

157 ff. sam tuot der herre dem manne, alse ist der man 
dem herren, swie guot im si daz leben Antichr. 281,8/). 

159. swie m gleicher mnoendnng 161. 167. 683. 788. 

164 /f= Hochz. 35, 19 — 21, er rihtet dem herren unde 
dem chnehte, der frouwen unde der diuwe. so ist ze späte diu 
riuwe Jüngst, ger. 287, 23i>. er rihte vil rehte dem herren 
unde dem cnehte. von der armen diete nam er nehain miete 
Kaiserchr. 179, 18. daz ich rihte rehte dem herren unt dem 
chnehte aao. 411, 5. so rihtet got rehte (: chnehte) Recht 5, 6. 
die herren und die chnehte (: rehte), die vrouwen joch die diuwe 
aao. 7, 14. di Irowen und di diuwe MSD nr xl, 4, 21. diu 
frouwe der diuwe Antichr. 281, 9/). ob ich . . . daz liut rehte 
rihte Kaiserchr. 166, 13. 

167^. dö rüvven si ze späte ir missetäte Wien. Gen. 742. 
so ir ez denne vil gerne tajtet, so sit ir ze spete Wahrh- 87, 10 D. 
der rüwe ist nu zu spede Jüngst, ger. (Fundgr. 2) 137, 23. daz 
rou mich ze späte Trost in verzweifelg. (Mafsmanns Denkm.) 
81, 34. so siiftent si alze späte Vor. sdkl. 310, 9. ze späte 
chläit er danne Erinng. 90. min chlage ich nu ce späte tuon 
aao. 743. daz begundin sider ruwen leider alze späte Credo 836. 



286 DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 

si rüwent sih dan ze späte aao. 1586. so gerüwit dih di vart 
leider alze spAte aao. 2859. so wirl ez uns dort alze späte 
Mar. 184, 5. 

169. wir sculn iz 6 beruogen Wien. Gen. 1145. (t bedähten 
wir iz baz Jüngst, ger. 289, 26 D. 

170. daz wir niene werden gesceiden du got sundert die 
lieben von den leiden A^ii. Siehenz. 339, 1. dA werden ge- 
scheiden di liebin von den leiden, die guten zo der zeswen daz 
sint di genesnen Credo 1598. mit zorne beginnet scheiden die 
lieben von den leiden Mar. 183, 35. 

174. derselbe reim Phys. 90, 14 Kar. vgl. Weinhold BG s. 49. 

178. wan sie den gotis zorn niuvvet (hs. nivt) invorhtin, 
kein gut sie nie geworhtin Entecr. (Fundgr. 2) 131, 37. über 
die vervvorchten, die got niene vorchten Aneg. 6, 81. unde got 
vorhten und gfite dinc worhten Credo 1610. 

180. die vareut ze der gotes winstir in eine michil vinster 
Hochz. 36, 9. finster : winster Erinng. 703. 

184. ich hoere da . . . wäinen unt wöffen, vil chläglich 
rüffen Erinng. 730. da'r immer ane ende müz rüffen ach unt 
we aao. 892. 

188. ich beere da grisgrammen Erinng. 730. 

\S9 ff. da sint die swarcen pechwelle mit den häizzen fiures 
flammen Erinng. 728. die bechvvellegen bache unt der fiwer- 
schober chrache aao. 899. mit peche und mit swebele Jüngst, 
ger. 289, 24 D. ezzen haizzeu si uns gebent, daz ist pech unde 
swebel aao. 290, 8. bech unde swebel, diu zwei wallen unde 
brinnen Vor. sdkl. 313, 9. 

194 /f. fiurin gebende dwinget uns die hende, machet uns 
die vüze harte unsüze. mit viurvarwen seilen bindet man si 
beide Jüngst, ger. 290, 2 D. des gönt sie geseilet mit viurinen 
banden Mar. 194, 31. ja bin ich gebunden mit fiurinen banden 
Margar. marter 489. fiurin gebende Aneg. 4, 43. und in der 
viant geseilet Hochz. 36, 7. zu den divelen wirt er eweclihe 
geseilet Entecr. 132, 14. wan der tiviul alle die bindet die er 
An buozze vindit Babijl. gefangsch. 17. er pant si mit den snn- 
den Vor. Gen. 7, 26. mit chetenen und mit seilen er bintet si 
algemeine Jüngst, ger. 289,20 2). nu ledige, herre, mir diu 
baut da mide mich der ubele vAlant hat gebunden so diche Vor. 
sdkl 302, 26. üz des tievels bände Mar. 184, 11. von des 
viandes bände aao. 192, 20. vgl. ferner Zs. 19, 319 und Entecr. 
131, 20 mit ir sundin stant sie geseiht. Mar. 177, 6 mit der 
Sunden bände. 

199. des tieveles getat Leb. Jesu 236, 3 D. 

200/". möcht mir des immer werden buoz daz mir so wol 
geschcehe deich den tivel icht an stehe unt sin antlutze verbsere 
— wie vrö ich desw^rel Erinng. 13S nnd anni. da sin schun- 
teer ob im ste mit griulichem antlutze aao. 894 nnd anm. zu 895. 



DIE MILLSTÄTTER SINDENKLAGE 287. 

203. in vüre unde in glüde Ruth. 4441. 

208. durst unde hunger, aller slahte wunder, frost unde 
sichtuom Jüngst, ger. 289,282). nü wird ich betwungen mit 
durst unt mit hunger Erinng. 717. 

210. unt da er sehe vliezzen die bechwellegen bache unt 
der fiwerschober chrache, unt anderthalb da engegene wie sich 
d^r helle vrost megene Erinng. 898 und anm. zu 901. 

213. sweu diu pechwelle da nicht voUichlichen twanc der 
muose rouch unde stanc und dar zuo diu vinster tragen Amg. 
28, 19. 

216. der vil ungehiure von Herodes Leb. Jesu 234, 14 D; 
vom Antichrist Antichr. 282, HD. 

218. ich wände ich wser zer helle geborn Trost in verzw. 
82, 24. owe in die zu der helle sint ircorn Entecr. 133, 26. 
diu ander (scar) wirt verkorn. owe daz i wart geborn der da 
wirt verteilit aao. 132, 11. 

222 ff . Luc. 21,33. an den buochen daz geschriben stät 
wie disiu werlt zergät Hochz. 20, 14. e mac diu werlt zergßn 
Entecr. 109, 37. von diu müz diu werlt zergän aao. 111, 21. 
da zergät tage unde naht, allez geliche, wan daz gotes riebe 
Hochz. 36, 5. durh daz gotes wort, daz äne zwivel gestät so 
himel unt erde zergät Mar. 211, 9. suln siniu wort nicht zer- 
gön Erinng. 49. des der gotes sun gesprochen hat, der sicher- 
lich zergön lät den himel unt die erden. . . e siniu wort immer 
geswachet werden Prleh. 4. ez wirt allez verwandelöt wan diu 
beilegen gotes wort: diu muozzen elliu ergän Hochz. 20, 16. 
cuius regni non erit finis. ih sag üh daz dar war ist: sin riche 
also ebene stöt daz iz niemer ne zeget Credo 1622. 

226. wand ime der himilisken wunne da niemmer zerinnet 
Wien. Gen. 3422. da ir daz heil gwinnet des iu niemer cerinnet 
Mar. 162, 35. 

227. da rihseut inne Jesus in eternum et ultra Joh. bapt. 
(Fmidgr. 1) 133, 14. 

233. mandunge ferner 275. 

233 jlf. der mandunge der niemir nichein zunge volle zale 
ne gelüt Aegid. (Fundgr. 1) 247, 16. so haben wir mandunge 
die nemach gezellen dehein zunge Diem. 279, 10. mine cheste- 
nunge möcbt nimmer debäin zunge ze rechte für bringen Erinng. 
803. wan aller menschen zungen . . ., wolden die . . . etwaz 
für bringen der gnaden diu ce himel ist, dennoch mächt uns 
diu minuisl nimmer werden für gebräitet aao. 979. die gotes 
barmuuge, die dehein zunge enmebte für bringen Mar. 200, 38. 
da nemohte dehein zunge ze rehte wol bedüten aao. 211, 29. 

236. vgl. MSD nr xxxi, 2, 15 und anm. Anz. i, 67. und 
uns gein himele wise in daz wäre paradise Margar. mart. 1hl. 
unt uns gerüche wisen zu dem vrönen paradise Mar. 147, 15. 
der gleiche reim noch Physiol. 84, 19. 89, 13. MSD nr xxxiv, 7, 5. 



288 DIE MILLSTÄTTER SÜ>DEi\KLAGE 

Entecr. 134, 25. Atwj. 11, 23. 14, 39. 49. 16, 44. 48. 19, 19. 
25, 76. 34, 50. 39, 60. Erinnfj. 959. 

238 yf. vyl. MSD nr iii, 14 nnd anm. ferner dö liabe wir 
(laz öwege lieht, neheines sichliionies nieht. da ist diu veste wine- 
scapht, diu milteste trfitscapht Jüngst, ger. 291, 7 D. si inhungert 
noch gedurstet me, kein hitze duot in we Entecr. 134, 11. ne- 
heine stat da hat der haz aao. 15. dane mach daz wip noch 
den man gehungern noch gedursten , gejamern noch gevriesin 
Wahrh. 88, \^D. dane ist vone missehelle nehein viantlich zui- 
wurft Himmelr. 293. niemen wil noh nemach den Iride da 
gebrechen aao. 295. 

244. vgl. 208 und anm. hizce noh frost noh dehein un- 
gemah sie ne ruoret Himmelr. 250. 

245. nihne brennet der sunne die da siut über lach 
Himmelr. 289. 

248. dane wäiz niemen waz angest si Erinng. 946. 

253. daz ig muoze scowen den unsen lieven herren MSD 
nr XXXVIII, 198. vgl. 218 /f. si garnent daz si got gesehent 
MSD nr xliii, 11, 10. so vvirt unser ettelicher dar geslagen 
da er deheinen tröst darf haben daz er immer mere gesehe sinen 
lieben herren Messgebr. (Zs. 1) 101. dA wir gesehen sulne mit 
imsern ougen din antlutze Gehet einer frau 380, 19 D. in den 
gnaden da ich dich ewichlichen sehe aao. 383, 18. deich nu 
got nimmer gesehen sol Erinng. 807. ir allermäiste wunne deist 
gotes antlutze aao. 950. stellen aus den interpolationen der Lit.' 
Zs. 19, 338. daz ich dich (gott) iemer künne gesehen Berl. 
sdkl 83. 

257. vgl. 1 und anm. 

258. cumint, mine vi! libin kint Hamburger jüngst, ger. 
(Fundgr. 2) 136, 40. 44. [venite benedicti Jüngst, ger. 288, 27 0. 
Arn. Siebenz. 357, 7. Entecr. 132, 18]. 

266. da wart ein michel l'roude under der gotes menege 
Mos. 37, 22 D. 

268. friunde iinde mäge Joh. bapt. (Fundgr. 1) 134, 3. 

269. däre = da im reim Anz. i, 70. anfserdem Andr. 
(Germ. 12, 79) sp. b, 18. Messgebr. 336. 

271. vgl. 253 nnd anm. 

272. vgl. unten im nacJncort s. 317. 

276. dar (nach dem paradiese) sule wir denkin Anno xliii, 
20 Roth, dari sule wir iemir nah imo deinkin aao. xliv, 13. 

280. der heilige atem MSD nr xxxi, 27, 9. 28, 7. Leb. Jesu 
230, 28^. 

281. ml suche ich armer dinen rät Vor. sdkl. 296, 15. 
283. ich armer menniske Vor. sdkl. 302, 3. vgl. 303, 19. 

Arn. Siebenz. 336, 28. 355, 28. Credo 3115. 
285. vgl. 118. 
291. noten adv. auch Recht 5, 5. 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDEMvLAGE 289 

294. gottes schale Exod. 6076. Himml. Jer. 370, 21 ö. 
MSD )ir Lxxvnr, 17. 18. 23. ich bin ein ebenschaich diner und 
ander chnehte siner Lit. 219, 41. gottes kneht Andr. (Germ. 
12,80) sp. (I, 20. Jirng. Jud. 159, 19. Vor. sdld. 303, 14. 
305, 10. 310,9. Erümg. 990. Lit. 1221. Credo 1248. daz 
ich gezalt werde iinder dinen diernen Geb. einer fran 381, ID. 

296. vgl. 367 und anm. 

300. ouwe wi si wider got ringent Mos. 48, 26. di wider 
gote riingeu Credo 271. 

303. vgl. 628. dem gote . . . des eigenschalc du bist MSD 
nr XLvu, 4, 15. sinen zins er gote bringit, ze dieniste er sih 
ime bekinnit, zeigenenie knehte , daz er von rehte sule ime ze 
liebe eigenliche diene Credo 1246. 

304. geswichet ir dem herren der iuch mit sinem bluote 
choufte Wührh. 87, 16. ja chouftest du mich armen mit din 
selbes bluote Vor. sdkl. 305, 19. dinen armen choufchneht aao. 
310, 22. 

306. der grimme tot MSD nr xlu, 59. Wahrh. 87, 9. lAD. 
Mar. 209, 11. der grimmige tot Bai. 73, 24 i). Jäng. Jud. 
173, 27. Credo 667. 1073. 3042. einen crimmechlicheu tot 
Leb. Jesu 264, 15 D. 

309. und was ouch vil michel recht {: chnecht) Aneg. 9, 30. 
daz was michel grözer recht aao. 12, 45. 

311. der gotes slach Recht 5, 19. 23. Vor. Gen. 17, 22. 
Hingst, ger. 286, 29 D. vgl. Aneg. 6, 79. 

314. nuo wil ich ouch wider sinnen, vil gerne gewinnen, 
hh*re, dine huide Vor. sdkl. 310, 17, ze gote si widir sinnint 
Evtecr. 126, 24. wider sinnen auch Mar. 202, 24, im reim auf 
gewinnen Jung. Jud. 135, 23. 178, 3. 

315. do gewan si dine hulde Vor. sdkl. 311, 16. durch 
deheine ir schulde, so sol si in die hulde wider gewinnen Aneg. 
6, 73. unser deheiner der gewunne nimmer gotes hulde (: schulde) 
aao. 15, 32. joh daz sie gewan sin hulde Mar. 180, 10. 

316 = 1. 

.V19. der rüche mich erhören Mar. 173, 25. 

324. ir (der sulde) ist leider so vil. ein teil ich dir nu 
clagen wil Vor. sdkl. 306, 10. miner sunde ist so vil daz ichne 
getar noch enwil . . . Aneg. 20, 51. 

32T. nu vernim riuwigen mich, ich wil mich ruogen wider 
dich Vor. sdkl. 305, 21. 

331 ff. vgl. MSD nr ni, 69 ff nnd anm. dazu kommt der 
tievel . . . hat unsere sunde gezalt, in sine prieve gerihtet Arn. 
Siebenz. 337, 6. 

335. lagedinc vom jüngsten gericht Jüngst, ger. 287, 16 D. 
Lit. 227, 15. Mar. 180, 30. 183, 30. 39. 

336. und sage im allen den rät den im der getan hat der 
uns da gerne wil gescheuten Hochz. 32, 24. dö chom des viandes 



290 DIE MILLSTÄTTER SlINDENKLAGE 

rät unde geschante sine hantgetAt aao. 3S, 14. des teufeis rat 
nieüer MSI) nr xxxr, 3, 3. Wien. Gen. 844. Trost in verzw. 
81, 14. Ruth. 4424. Aneg. 15, 62. 33, 62. 39, 10. Credo 
619. 838. 1932. Mar. 177, 7. 209, 17. er verrät Zuk. nach 
dem tode 111, 19 Kar. Mar. 209, 16. er verleitet Wien. Gen. 
845. Messgebr. 3. 

338. vgl. 402. 

340. vgl. 716. dazu svver sine sunte spart an den ente 
Himml. Jer. 363, 14. vv»^ im der sin heile unt sin bichte ge- 
spart an sin jungiste hinvart Erinng. 481. 

342. des chumet er in miciiel not: tot Hochz. 37, 24. oder 
wir Gliomen sin in not Mos. 39, 3. der chumet sin iihte in 
not : tot aao. 50, 1 8. oder si chument in ein vil michel not 
Erinng. 193. micliel not Wien. Gen. 1076. Mos. 60, 23. Aneg. 
19, 35 (: tot). 

343. denchet an den chumftegen tot der iu alle tage näh6t 
Arn. Siehenz. 354, 3. ouf den täglichen tot Erinng. 8. dem 
menschen dem ist mugelich ze sterbene allir tagelich Credo 2810; 
vgl. 2791/^. Wien. Gen. 5710. Mar. 180,26. 

344. vgl. 404. 509. 

345. vgl. 381. 670. 

346 = Hochz. 42, 21. got der guote Wien. Gen. i A, 3. 88. 
140. IV, 1658. VI, 4468. Exod. 6539. Recht 6,20. Hochz. 
39, 1. 42, 2. 21. Messgebr. 229. 456. Vor. Gen. 4, 12. 23, 28. 
27, 2. Mos. 37, 21. 43, 13. 19. 50, 4. 55, 21. 65, 21. Josna 
68, 23. 28. Jung. Jud. 162, 9. 172, 20. Himml. Jer. 371, 14. 
Entecr. 113, 10. Ruth. 4529. Mar. 199, 23. Sperv. 25. 17. 
ti^i/. Aneg. 2, 9. 

348. rfe>se/6e reim Wien. Gen. 5426. Ie6. Jesu 229, HD. 
FMWf/i/r. 1, 152, 13. Arn. Siebenz. 334, 14. 340, 23. Himml 
Jer. 364, 10. MSD nr XLm, 20, 1. Credo 2890. 

354 ff. er frfer tetifel) stellet uns di stricke leider vil d.'cke. 
di sine bösen netze beginnet er uns setze, daz er unsih mite 
gevähe. des l)eginneter harte gäbe daz er uns bevelle bin zö 
der belle Credo 942. buoten solt du dich daz du in des iievels 
strich ibt wellest gaben, daz er dich iht gevähe Phys. 86, 12 Kar. 
. . . den tievil an, der si zallen ziten jaget aao. 94, 14. ^ou des 
tievels strichen aao. 92, 21. vgl. Vor. sdkl. 303, 1. lob ist dis 
diufilis stric, da mide er döde feit Sprüche der väter 41. ein 
strich der höhverte Erinng. 295. des ^wegen tOdes striche 
aao. 350. 

360 ff. vgl. aus den prosaischen beichten MSD nr lxxii, 9 
Ik iuhu . . . trägi godes ambahtes, böruuilljono, nr Lxxn'', 7 
Ib giu . . . trägi gotes ambahtes, huoro iiuilleno. 14 Ih gibu 
tbaz ib ... thia beilagün missa ?ö ni ereda inti ui märda so 
ib scolda. ur lxxiü, 9 thaz ih ci chirichün ni quam so ih mit 
reblu scolta. 11 beilaga missa ... ni erita so ib mit rehtu 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 291 

scolta. nr lxxiv% 9 Mina chirichün s6 ni suohda s6 ih solda. 
iir Lxxiv'', S mina kirichrtn so ni suahta sd ih bi rehtemen scolta. 
. . heilega niessa so ni er^ta so ih bi rehtemen scoha. nr lxxv, 
10 Ih gihu gode almahtdigen daz ih mina chirichün so ne suahda 
duruhc mammendi niines lichamen, noh mine vespera noh mina 
metdina noh mina messa ni giloseda. kirchgänge sind versäumt 
in MSD nr xcv, 42. 

366. die mettin noch die misse noch der dagezite enhein 
Entecr. 116, 34. sine versümte enhein tagezit, metten noch misse, 
swä si gotes dienest weste Kaiserchr. 326, 22. 

367. gotes dienst Anno xxxiv, 17. Legendarium (Germ. 12, 
91) bl. V, 6. Hochz. 26, 8. MSD nr xlv, 9. Credo 3204. 

372. daz ih in deru uueroltti minero sunlono riuün enti 
liarmscara hapAn mözi MSD nr Lxxvni, 8. harmscare : varen 
Mos. 38, 5. 43, 21. 44, 6. vgl. nu hilf mir daz ich mine sele 
inphüre von dem beche. über den lip solt du daz rechen, der 
ist suldich wider dich, da mit wil ich dir vil gerne gelten Vor. 
sdkl. 303, 20. ähnlich daz du mich sin hie ingaltest und du den 
geist behaltest aao. 304, 6 und du rihtiz über min fleisch daz 
der min arme geist iht verlorn werde aao. 309, 8. eine ver- 
wandte anschaunng liegt in Mar. 180, 28 diu söle daune garnet 
swaz der lip ie gefrumet. 

376. des bit ich dich durch dei gebende die du doltest von 
("en Juden Vor. sdkl. 309, 19. 

389. werltlich gelust Leb. Jesu 230, 12 D. 

391. vgl. 415. 531. 

398. vgl. 283. 418. 

405. vgl. 369. 626. 

408. so WC den dinen henden. si roubeten unde brauten, 
si liüwen die armen, si enwolten sich niht erbarmen Znk. nach 
dem tode 112, 1 Kar. raub und brand sind sehr häufig ver- 
bundm in der formel sie stiften roup unde braut (zuerst viel- 
leicht Jung. Jud. 136, 4). unter den beichten nennt allein MSD 
nr xci, 171 brand und raub neben einander, raub allein wird 
erwähn Fundgr. 1, 112, 31. MSD nr lxxxix, 12. xci, 171. 
xciv, 32. xcvi, 77. mort roub unti braut Anno xl, 5. (mort 
unde blaut Marg. mart. 521). mit roube unt mit brande Prleb. 
24. ih fremte mit miner haut beide roub unde braut Cr^edo 
1780. 

412. manige gewinnunge die ich äne barmunge nam von 
Witwen uit von wäisen Erinng. 771. ih begunde dicke neisen 
widvven unde weisen Credo 1796. bediu witewen unde weisen, 
daz ander ze gotes hüsen Mar. 150, 41. ih roubete di gotes hüs 
und nam dicke dar üz svaz ih dar innen mohte gwinneu Credo 
1806. 

416. MSD nr lxxii, 16 Thes giuhu ik hlüttarliko that ik 
arma man endi ölhra elilendja so ne eröda enti so ne minnjöda 



292 DIE MILLSTÄTTER SÜ.NDENKLAGE 

so ik scokla, 23 gasti so ne antfOng so ik scolda. nr lxxii'', 
18 gast nintliang so ih scolda. ?jr lxxiv", 12 Tliiirpliligou uiut- 
phiec so ih solta. nr lxxiv'', 11 thurftige nintiiang so ili bi 
rehtemen scolta. nr lxxv, 20 daz ih durldige mau ci hüs ni 
giladöda. nr lxxvii, 20 nackota ni giuiuUta. nr xc, 150 (ih 
pin sculdic) in serphemo antlange, in iingastiichi. 153 (an dere 
lirsumidi) gastiiomes, ahiuiosines. v(jl. nr xci, 179. 183. nr 
xciv, 23 daz ih min almuosen nie so gegah so ih solle, unde 
daz ih witewen unde vvaisen nie so getroste so ih solle. 25 daz 
ih die eilenden nien geherbergote uoh den nahchenten nie ge- 
wale so ih vone rehte solle, auf mitkid gegen die armen wird 
überall grofses gewicht gelegt, zb. im Confessionale Psendo-Ecg- 
berti (Wasserschieben, Bnfsordnnngen s. 302j: Et esto pauperi- 
bus benignus et milis, et elemosynas libenter erogans. im Foeni- 
tentiale xxxv capitulonun cap. xxi: Si quis non iniplet quodlibet 
eorum pro quibns dominus dictus est (Matth. 25, 34 ff) 'Venite, 
benedicti patris mei et cetera', id est qui hospiles non recipit 
nee eis pedes laval, infirmum non visitat, nudum non vestit, eli- 
mosinam non facit, carceres non requirit usio. auch die predigt 
MSD nr lxxxvi schärft ein A, 4, 20 uuätet den uacboton. 21 
helfet demo nöthaften. — swä er die dürftigen gesah nachit 
odir frostic, hungirc odir durslic, den brähter iz stille durh 
den gotis willen, swä er die siechin virnam vil schier er 
zu in quam, sanft er die labete. . . . swä er dicheinin maj 
vreischete in bandan odir in karkere, der wiseter zvväre AegiX. 
(Fnndgr. 1) 248, 12. guter dinge er pliget: sin alemöse er 
gerne gibit durh got den armen, der beginneter sih irbarm^u, 
daz er des nit nelözet, di hungerigen er ezet, di durstigen er 
trenket, siner sele da mite gedenket, mit der siner hant den 
nacketen git er sin gvant. di eilenden geste lezt er gerne "este 
in sineme hüs, dine wiseter nivvet dar iiz. under sinem fcache 
da wirt er in ze gemache, bi dem füre an siner Hetze, cU be- 
ginnet er si setze unde git in sine spise. der siechen beginneter 
wise, vil wole er di berüchet. di gefangenen er suchet swä 
man si nötet sere, in dem karchere. den tut er helfe unie tröst 
daz si werden irlöst Credo 1686. den vrostegen sohle er be- 
wäten, den hungerigen nerigen, er sohle den siechen n-it sinem 
guote suochen Hochz. 30, 3. ir almuosen wol geben, mit mäzen 
ir gewant tragen, mit chüske ir e haben, bescirmen d'e weisen, 
die gevangen lösen, . . . den armen tuon gnäde, die eilenden 
enphähen Jüngst, ger. 288, 12 D. ir betet min vergizzen, irne 
gäbet mir trinchen noch ezzen, selede noch gewäte aoo. 289, 13. 
wä sint nii diu almiisen diu du begast? wä sint die durftegen 
die du getreestet hast? wenne gedrehte dii min mit den messen ? 
Erinng. 761. sin guot sol wesen gemäine; gern sol er sehen 
die i-'t-'ste, schalTe den durftegen reste; habe die waisen in siner 
phlege; beschirm die witwen swä er mege P/7e6. 533. die be- 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDEiMvLAGE 293 

chlibent werdent da milticliche gelabet, die hungerigen, die dursti- 
gen werdent da gehabet in dinem hüs ststichche ce vollere 
wirtscefte Himmelr. 237. 

422. an spise und an gewande Trost in verzto. 80, 27. in 
gewande noch in spise Credo 2036. vgl. 2073. 

425 ff', sedulo decimas erogans ecclesiae dei Confessionale 
Pseudo-Ecgberti aao. s. 302. ih pin sculdic an dero firsüniidi 
. . . mines zehenten unde anderes gotes geltes unde opferes 
MSD nr xc, 153. ebenso nr xci, 182. vgl. auch nr xcv, 42. 
slnen zehenten willichlichen geben Hochz. 30, 8. unsers zehen- 
den und unsers almuosenes . . . sulen wir vlizzeclichen phlegen 
Messgebr. 518. swer ze missen sin oller gibet als di cristenheit 
pligit Credo 1225. er gibit gote ein obelei. sinen zins er gote 
brinRit aao. 1244. zehenten unde almuosen geben Mar. 152, 40. 
^430. vgl. 26. 310. 

433 ff'. Anz. i, 68. dazu kommt Credo 662 den Juden riet 
er daz leit daz sie Cristum viengen und in an daz crüce hiengen. 
Kaiserchr. 24, 17 daz in die Juden viengen, äne sculde hiengen. 

436. gnaedeclicher herre Berl. sdkl. 100. gn»''diger herre 
Vor. sdkl. 305, 18. 306, 5. genediclichir trehtin Andr. sp. d, 
19. Rnth. 3539. 

441. aller slahte guotin könnte man ergänzen, die subst. 
auf in gehören aber dem alemannischen dialect an. im Recht 
allerdings begegnen sie oft. 

442 ff . ich weiz wol, swä diu zunge An des herzen mei- 
nunge erlieitet, daz ist verlorn Berl. sdkl. 9. 

443. daz was ze niht guot Recht 7, 22. iz inist im abir 
ze niute guot Entecr. 120, 5. 

445. daz were bezzer vermiden Credo 1937. s6 wAr ez 
bezzer verdagt Aneg. 16, 68. 

448. die superbia ist der anfang und die schlimmste aller 
Sünden, vgl. Heinzel zu Erinng. 295 und Zs. 19, 335. ze der 
obristen sunde diu da heizet ubermuot Aneg. 35, 11. die beichten 
nennen sie nicht alle, nur nr lxxh, 9. lxxu'', 7. Lxxvn, 8. xci, 
117. xciv, 14. xcv, 38. xcvi, 79. 

452. ubermuot ist s6 getan , diu geschendet ie den man 
Kaiserchr. 347, 25. von du mach du wol verstau daz nechein 
dinc dem man grözeren scaden düt dan der leide overmiit, da 
von der tüvel gevvan daz ime nimer zeran ochis noch achis noch 
allis ungemachis Ruth. 4553. von sime overmöde is he ver- 
stözen von allen sinen gnözin aao. 4439. dannen der tivel durch 
sin ubermuot in die helle wart pestözzen Arn. Siebenz. 352, 22. 
ubirmüt, owe wi tiefe du si alle veilest zo den du dich gesellest ! 
. . . di engele wilen durh dih di verwandelöten sih: den himel 
si durh dih verlorn usw. Credo 2557. 

458 ff. ans den beichten gehört hieher MSD nr lxxh, 7 Ik 
iuhu nithas endi avunstes, hetjas endi bispräkjas, suerjaunjas endi 



294 DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 

liagannjas, firinlustouo . . . höruuilljouo. 31 gistridi an nii hadda. 
nr Lxxii'', 6 Ih giu nides, abunstes, bisprähä, suerjeuoes, lirin- 
lustjo . . . huoro uilleno, 7ir lxxiii, 5 liogannes, stelannes, huores. 
8 nides, bisprächido, ubilero lusto. nr lxxiv% 5 ubilero lusto, 
. . . liogannes, bispracbidu, ... & huores. nr lxxiv'', 4 ubilero 
lusto, . . . liagennes, bisprächida, .... 7 huares. nr lxxv, 4 
Job in huare joh in . . . bissprächidu joh in nide. nr lxxvi, 3 
in bisprähun, ... in basze. 14 bispräba sprah ih. 15 buor. 
19 ih biuual mih fona ubilero lusli. 27 in basze, in luginu. 
nr Lxxvn, 9 in nide, ... in hazze, ... in lugunun, ... in buore, 
... in pisprähun, ... in spotte, ... in unrehtemo strite. nr 
Lxxvni, 5 lukino, . . . huoröno. 7ir lxxxix, 11 mit buore, . . . 
mit lugen. 40 mit buor, mit huores gelüsten, nr xc, 89 in 
allen ächusten. 115 Ih bän gesundot in nide, in abunsta, in 
bazze, ... in pisprächa. 132 in zorne, in tobenio muote. 147 
in manicfalten lugen, nr xci, 117 in allem äcbuste. 142 in 
nide, ... in hazze. 144 in bisprächide. 160 in zorne, ... in 
tobimuote. 176 an manigvalten luginon. 191 in buobe, in 
spotte. 199 Ich habe gisundot in aller slahte buore. 214 licb 
nihabo bibalten . . .) dero äcbustöne haz. /;/■ xciv, 11 mit zorno, 
mit nide, . . . mit bazze, . . . mit bispräche. 29 mit buore. nr 
xcv, 36 an spotte, ... an nid, an hazze, ... an lieginni. yir xcvi, 
71 mit buore. 75 mit nide, mit bazze, . . . mit bispräche, mit 
luge. 78 mit zorne, mit lanchräche. 79 mit spotte, ans der 
poetischen litteratur: den einen wirfet er an glust, des huores 
ächust Wien. Gen. 845. mit ubelen gelüsten, mit micheler äcbuste 
Vor. Gen. 8, 8. meuniscblicbir gluste und aller äcbuste Lit. 
218, 39. in fliuhet elliu ächust, werltlichiu liebe, suntlichiu glust 
Mar. 182, 6. nob werltlich gelust, noch nehein hönchust Leh. 
Jesu 230,121). übel gelust Wien. Gen. 623. den fleisclicben 
lusten Credo 2998. von des fleiskes glusten Himmelr. 361. ob 
im bisprseche ist leit unde verbirt girscheit unde buorlust unde 
andir ächust Phys. 86, 15 Kar. 

461. breit scJwn 159. 

462. mit nide und mit bazze Marg. mart. 527. haz und 
nit Messgebr. 145. 242. mit nide unt mit hazze Entecr. 131, 
34. nid unte haz Himml. Jer. 368, 7. ni'i habent si haz unt 
nit, missebellunge unt strit, avoI chunnens spoten unt griuen 
Erinng. 199. ce hazze oder ce nide Prleb. 464. vor hazze 
joh vor nide Mar. 162, 30. durh nit unde durh haz Credo 
1416. 

464. von vientlicbir räche, von spotte und von bispräche, 
von lugen unt meinen eiden Lit. 233, 21. böhvart zorn nit und 
spot Geistl. rat (AM. hU. 1) 65. zorn unt nit, untriuwe unt 
ubermuot Vor. sdkl. 306, 24. von zorne unt von nide, von 
hazze und von girde, von der leidegen böchferte Lit. 233, 15. 

466. vgl. 390. ze huoche jouch ze spotte Exod. 6203. 



DIE MILLSTÄTTER SINDENKLAGE 295 

hiioh unde spot Vor. sdkL 307, 4. huoch unte spot Himml. 
Jer. 368, 7. beide nit imde spot Ruth. 4909. 

468. daz heilige ingeside (: uide) Mar. 162, 30. allez himels 
gesinde aao. 180, 32. vgl. 199, 3. 

470. denne in pardisu der man pu kiuuinnit, hrts in himile 
MSD nr ni, 16. daz er in daz paradise gäbe zeinem hilse Aneg. 
13, 55. 

476. durh daz heiliga criice MSD nr lxxxiii, 20. und durch 
dines beilegen crücis willen Vor. sdkl. 309, 6. durch dinis 
crücis 6re Lü. 235, 5. 

488 — 516. mord totschlag nnzncht diebstal meineid unmäfsig- 
keü in essen und trinken stehen in den beichten zumeist bei ein- 
ander. MSD nr Lxxn, 30 Ik stal, . , . mönöth suör. nr lxxii'', 
8 mordes inti manslabtä, ubarazi, ubartrunchi. 24 meineit suuor. 
nr Lxxni, 5 meinero eido, . . . stelannes, huores, manslahti. 7 
ubartruncani. nr lxxiv% 7 in uncidigimo mazze, uncidigimo 
dranche. 9 huores, thiubu, rnanslahdu, meinero eido. nr lxxiv*", 
6 iinzin ezanti, unzin drinkanti. 7 huares, thiuba, manslabda, 
meinero eido. nr lxxv, 4 joh in huare joh in stähl . . . joh in 
ubaräzidu joh in ubardruncbidu . . . joh in suerinne. nr lxxvi, 
15 diuba manslahla, buor ubar mez. 26 in uberaze, in uber- 
trunchini. nr Lxxvn, 9 in meinen eidun, ... in lugunun, in 
manslahte, in diuvun. 14 in ubarAzili, in ubertrunchili. nr 
Lxxvni, 5 meinsuuarteo, . . . huoröno, . . . enti unrehtero firin- 
lusteo in muose enti in tranche. nr lxxxvi, .4 4, 16 Ir ne scu- 
lit manslahta tuon noh daz uberbuor noh die diuva. B 2, 56 
Die huorare, die roubäre, die trinchäre, die manslecken, die lu- 
ginäre, die diube, die sint pibeftit mit des tiufalis uuerbi. nr 
Lxxxix, 11 mit huore, mit uberhuoren, mit meinen eiden, mit 
manslahten, mit tiuven, mit rouben, mit lugen, xc, 136 in 
manslahte, ... in manigemo mortode, ... in meinan eidan. 141 
in diufen. xci, 164 in manslahte gitäte joh willen, in manigem 
mortöde. 166 in meineide. 170 in diibinou. 176 in manig- 
valten luginon. 186 in gitigi uberezzines, ubirtrinchinnis. nr 
xciv, 12 mit meinen eiden. 32 mit diuven (voran geht 29 — 31 
huor). nr xcv, 37 an ubiräzzini, an ubirtrunchini, ... an swern, 
an Hiainaiden. nr xcvi, 77 mit maineidin, . . . mit diuve, . . . 
mit ubeln rätin, . . . mit uberäzze, mit ubertruuchenheit. 

494. lukiz urchunde ist ganz formelhaft, in den beichten 
findet es sich oft in gesellschaft der eben verzeichneten Sünden: 
nr LXXVI, 16. lxxvh, 10. lxxxvi, i 4, 17. (xc, 147. xct, 176). xciv, 
13. xcvi, 77. mit luggeme urchunde Vor. sdkl. 312, 10. luk- 
kiz urchunde Wackernagels Pred. 84, 6. 

495. an werltlichen ruom: wistuom Wien. Gen. 5555. daz 
wir leren wistuom äne werltlichen ruom Arn. Siebenz. 337, 4. 
grözen werltlichen ruom : richtuom Credo 1931. 2024. 2249. 
2394. 2981. 



29G DIE MILLSTÄTTER SINDENKLAGE 

497. Corrector Burchardi (bei Wasserschlehen) cap. cxxx: 
ü]»|tr«'ssisii pauj)cic'S (jui tilji viciui eraiit, qui se (lefeii(J(.'i'e iion 
polueranl, vel eoriim bona illis noleulibus tulisti? — (ih beguiide 
dicke iK'isen widven uiide weisen) und andre arme lule. ih was 
ie ungedüte daz i[i die veidruckete, iv hab in abe zuckete Credo 
1796. 

499. ist umbe vielleicht für wände verschrieben oder ver- 
lesen? 

505. daz wir ze ubil betten getan Phys. 103, 13 Kar. 

507. (diu sele) muoz drunibe prinnen Arn. Siebenz. 337, 20. 

512. aller mäzze het ich vergezzeu mit trinchen unt mit 
ezzen Erinng. 715. 

515. und mit meiuswuorliste nitne trügint ir nebincristen 
Lit. 822. 

518. vgl. 466 und anm. 

520. und von des herzen brunnen di trehene ir üz runnen 
Credo 2138. 

525. mit banden unt mit munde Exod. 6994. 

531. vgl. 391 und anm. 

b31 ff. so wolt er verchiesen ir sculde^ wolle si läzen haben 
sine hulde Wien. Gen. 937. er verchiuset dine sculde und git 
dir sine hulde aao. 3916. da der vater umbe vercos alle unse 
sculde und gab uns sine hulde Credo 678. vergib in ire sculde 
und läz si habe din hulde aao. Uli. und woldis besoufe alle 
unse sculde und gebe uns dine hulde aao. 2057. daz er ime 
gäbe sine hulde Wien. Gen. 1138. 

533. ähnlich unde man dich, herre, diner vunf wunden 
MSD nr xcvi, 87. durch die hcM-en tünf wunden aao. nr xlvii, 
4, 38. durch dine beilege fünf wunden iMarg. mart. 404. durch 
willen der vinf wunden Vor. sdkl. 300, 24. mit sinen liunf 
wunden Wahrh. 86, 4. 

537. zuo dem paradise fröne : scöne Wien. Gen. 5769. 
•538. ze den himelisken chören muoze wir geladet sin in 
iudicio domini Arn. Siebenz. 357, 15. 

540. vgl. SVeit (Mones Anz. 8) 1. Arn. Siebenz. 349, 24. 
Lit. 1396. Credo 1565. 3066. 3767. Gold. sehn. xxvi. 

541. Gold. schm. xxvu. die himele bereits 322. 
545/'. vgl. 818/". 

548. vgl. 353. 

552. der mit sinem sämen erchuchte bösez minuen. ir 
vleisch muose brinnen Aneg. 34, 15. e bran ich an minem 
vläische mit hürlichem swäizze Erinng. 719. 

557. vgl. 594. 

563. daz bezeichent daz siniu ören nehein unreht sculen 
hören, noch siniu ougen dar gesehen da er decheines unrehtes 
bijehe Messgebr. 254. 

564 /f. vgl. die anm. zu 416. ferner MSD nr lxxv, 18 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 297 

lli gihu gode almahtdigen daz ili huugarege ni azda, diirsdage 
ni gidrancda. nr lxxvii, 19 Ih giho dir, trohtin, daz ih hungrenta 
ni gilaböta noh turstiga ni gitrancta. nr lxxxvi A 4, 19 azet 
die Iningerenten, drenchet die durstenten. mit nr lxxv, 20 Ih 
gihu gode almahtdigen daz ih duiidige man ci hiis ni giladöda 
noh dOn maz noh dranc ni gap noh flezzi noh betdi. 19 sieh- 
hero ni uuisöda harmonieren Credo 1687 ff. vgl. mich die anm. 
zu MSD nr lxxv, 21. 22. 

571. vgl. 368. 

bl2ff'. Corrector Burchardi cap. cxxxm: Fecisti quod qui- 
dam l'acere solent? dum ad ecclesiam venerint, iu primis parum 
labia commovent, quasi oi'ent, propter ahos circumstantes vel 
sedenles, et statim ad fabulas et ad vaniloquia l'cstinant, et cum 
eum presbyter salutat et ortatur ad orationem, illi autem ad fa- 
bulas suas revertuntur, non ad responsionem nee ad orationem. 
MSD nr i.xxn, 37 Ik iuhu that ik an kirlkün unrehtas thähta 
enti öthra merda theru helagiio lecciiin. nr lxxu'', 26 Ih gihu 
thaz ih heilac ambaht inti min gibet ruoholöso deda. nr lxxv, 
13 Ih gihu gode almahtdigen daz ih in chirichün unrehtdes dahda 
unde unrehda reda deda mit anderemo manne, daz ih daz godes 
lop ni uuolda gilosön noh anderan ni liaz. nr lxxvi, 10 danna 
uurdun gilesan heilego lection in dero chirihun, mit unnuzun 
spellun ente mit itelen so uuas ih bifangan. singento ode be- 
lento uuola ofto italiu ente unbiderviu gidAhta unte in goumun 
nisprah diude heilega enti guotiu uuarun usw. nr xciv, 21 Ih 
gie demo almahtigen goto daz ih mines gebetes nie s6 gepflegete 
s6 ih solte. 

Einode ist zu bedene gut: er wirt is (Hcke gemüt der undir 
fde lüden ist. der (der dar?) köre allen sinen list, er bedet nit 
also er dede ob er enöde hede. swer wola bedin wil der müz di 
werlitlVouwada flin. wände alle vverltliche dinc di man düt, hörit 
odir sihit odir jouch hi vore dede, daz muowit an deme gebede. 
biz er gedenkit hina und dara, so ist ime daz gebet inpharin 
Sprüche der väter 106. daz bezeichenet ze wAre di tumben 
spottcire, di mit unnuzzeme chöse gotes hulde virlisent. di sna- 
terent den abent unde den morgen alse der froske in deme ho- 
rewe Mos. 38, 14. unsere gedanche ez bezeichenöt. s6 wir 
zunserme gebete gen unde wir vor gote sten, so wirt ez uns 
ein wize, si irrent uns mit tlize. des sule wir uns werigen, 
welle wir di s6le irnerigen aao. 38, 22. an der stunde so dvinge 
wir dem munde, daz wir mit unnuzzem chöse gotes hulde uiht 
Verliesen. s6 huote wir der warheit, wir eusprechen niemen de- 
hein leit aao. 44, 9. swenne ich ettevvenne stän und vil gerne 
bete dich, niemer nemag ich iif tuon miaen munt, so der ver- 
wazene bunt nevi'aiz wanne zuo vert. der allez guot gerne wert 
hat mir ettewaz bräht da er mir di guoten andäht sciere mit 
hat entragen die ich zuo dir scoide haben Vor. sdkl. 314, 10. 
Z. F. D. A. neue foke VIII. 20 



298 DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 

in uppigez chöse Mar. 149, 32. endlich anm. zu MSD nr 
XLix, 3, 6. 

573. unt dem tivel brouchte siuiii chnie Prleb. 161. 

584 = Credo 3782. den du ... an deme crüce iresturbe 
Rhein. Paul. 4ö. 

586. Johanne, dem beiligem manne Joh. bapt. 134, 45. 
135, 9. 21. 31. 150, 5. Johanne, dem stseligem manne aao. 
137, 43. vgl. 138, 9. 

609. olfenhche unt tougen Erinmj. 605. uberlüt unde stille 
Yor. sdkl. 308, 23. Credo 3021. ubeiiiU oder stille Äneg. 
34, 33. 

617. ich sundiger man Vor. sdkl. 311, 21. 

619. die ergänzung ist bedenklich, aber auch wol die Über- 
lieferung fehlerhaft. 

632. verhengen auch 51. 603. 

634. gewer mich durch die marter din unde durch den 
grözen pin da mite uns hat erlöst din vil heiliger tröst Marg. 
mart. 655. durh dina martra MSD nr Lxxxni, 20. 

637. sin mit part. praes. noch 763. 790. 815. 816. 

640. mit sinem vil bereu bluote löst uns got der guote 
Hochz. 38, 25. mit sinem beilegen bluote MSD nr xxxix, S, 3. 

642 — 668 entsprechen Rhein. Paul. 31 — 57, 

642. Gold. schm. s. xLvin. 

645 — 648 bi7i ich der ergänzung nicht sicher. 

645. zwei wip erbäten in da daz ir brüder gnas, der dri 
tage begraben was Leb. Jesu 249, 5 D. 

654. durch dinen tot Marg. mart. 652. durch den heiligen 
tot den der wäre gotes sun an dem bereu cruce nam durch allez 
daz mannes chunne Vor. sdkl. 296, 17. durch dinen heiligen 
tot aao. 303, 15. 314, 20. dune helfest mir, trehtin herre, üzer 
aller miner not durech dinen beilegen tot den du ane dem chriice 
näme Frauengeb. 376, iA D. sam tuo er ouch mir durch sinen 
tot Aneg. 4, 64. in allen diesen stellen mit not gebunden. 

657. die gotes vart, da (l. dö) diu helle beroubet wart und 
er die sine alle löste von der belle Messgebr. 331. dar nach 
fuor er eine hervart so nie deheiniu tiuror wart: er luor zuo 
der helle, er brach die chöle alle Hochz. 41, 20. er fuor mit 
leuchrefte die belle brechen Wien. Gen. 5596. dö zestörte er 
die helleveste. er vuor mit leweuchreften Leb. Jesu 263, 19. 
dö vor er zö der helle und löste di alle Credo 867. daz ein 
kint dannen chöme daz di werlt alle fuorte von der helle Tor. 
Gen. 18, 20. 

664. Vor der siechen helle Hochz. 44, 1. von der beizen 
helle Sperv. 30, 17. 

666. din gotlich chrefte Leb. Jesu (Fmidgr. 1) 154, 18. mit 
siner gotelicben craft Credo 669. vgl. 1351. 1976. nach gotes 
mageuchrefte Mar. 148, 5. vgl. Aneg. 2, 23. 55. 26, 36. 27, 65. 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 299 

667. üf daz grab da unser herre inne Jac Messgebr. 438. 
durch des graiies ere da der vil sälige inne lach Vor. sdkl. 301, 5. 
durch des grabes ere da du läge inne aao. 309, 5. 

069. vgl. 59 und anm. 278. von du ane ruofe ig dich, 
frowe, nu gehöre niig MSD nr xxxvui, 120. wir haben gesun- 
det wider dich, herre got, du erhöre unsich Jung. Jnd. 154, 24. 
h^rre got, nu erhöre mich nao. 161, 1. nu solt du gote werde 
mine dige irhören Vor. sdkl. 298, 20. 

673. geist : aller meist Anno n, 13. Marg. mart. 447. 
Hochz. 26,23. Physiol. 99,6 Kar. Entecr. 108,38. 117,27. 
Joh. bapt. iFundgr. 1) 135, 19. leb. Jesu 270; 8. 273, 27 D. 
leb. Jesu (Fundgr. \) 150, 33. Arn. Siebenz. 334, 16. 337, 14. 
340, 7. 352, 1. HimmL Jer. 369, 12. Credo 1658. 1712. 1746. 
1920. 1998. 2110. 2234. 2350. 2874. 2918. 2984. MSD nr 
XL, 3, 9. xLiii, 6, 9. 

675. er sol sine diet enbinden von allen ir sunden Aneg. 
31, 37. 

681. mit willen noh mit werchon Wien. Gen. 1106. mit 
werchen joch mit willen Hochz. 20, 21. ähnlich mit worten 
jouch mit werchun MSD nr xxxi, 14, 8. mit worten unde wer- 
chen Himmelr. 212. und mit worten ode mit willen, mit deheiner 
slahte dinge Vor. sdkl. 309, 2. 

683. so werdint unser sunde niemir s6 grözhh, unser hörre 
neme si über sih Babyl. gefangsch. (Moties Anz. 8) 112. nun 
ist miner sunden nie so vil, siner guote ensi möre Vor. sdkl. 
299, 7. wand niemen ist so sunde riebe, wil er buozen herzek- 
liche, im si ouch gnade beschert Mar. 179, 39. diner gnade 
und diner milte der ist, herre, michel? me denn ieman Sünden 
hege Berl. sdkl. 114. 

686. von diu dinge ich an dich? vgl. 381. 

687. an got daz er wart gemarteröt Hochz. 21, 3. dö warde 
er durch uns gemartiröt Phys. 100, 5 Kar. an dem sehsten 
wart er gemarteröt, durch unsich leit er den tot Mos. 42, 1. 
den got der von den Juden wart gemarteröt Wahrh. 85, 4. erne 
werde nimmer mer durich uns gemarteröt aao. 86, 10. 

690. daz ist ein michil guotin Recht 11, 11. 

691. unde an den geloupten der allez manchunne von der 
helle gewunne Joh. hapt. (Fundgr. 2) 140, 24. 

693. vgl. 4. 5 und anm. 

695. vielleicht dö tcete du im einen slach da von er schiere 
gelach? — er tete demo tievele einen slach Wien. Gen. 71. vor 
deme der tiivel gelac: her tede im einen micheln slach. in 
vüre unde in glüde von sime overmöde is he verstözen Ruth. 
4439. 

698. können die nachfolgenden stellen zu eyimr ergänzung 
führen? der si (die hölle) beslozzen hat Hochzfd\, 10. do er 

20* 



300 ItlE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 

die helle peslöz unl iif tele Arn. Siehenz. 351, 19. di hegunder 
alle wise zo dem fronen |)ar;i(lis('. d;iz machet er d6 olh-n: daz 
was uns e vor heslozzen Credo Sil. d6 wart diu helle zebrochen 
und wurden wir crrochen an dem tievil der uns haut Mar. 
149, 14. 

701—703. vgl. 743—745. 

705. hantj,^elät Arnold Siebenz. 340, 18. Frauemjehet 375, 
20 D. Mar. 159,19. 168,7. 177,27. 198,30. 211,43. MSD 
nr XLH, 63. llmmelr. 13. Sperv. 30, 24. 

706. Satauät auch 204. 

709. ist die überlieferte lesart in Ordnung? 

711. vgl. 458/". 

714. zu dem im-p. läzze der hs. vgl. mide : sie Exod. (Fundgr. 
2) 95, 5. wasche Lit. 220, 27. spriche Prleb. 26. außerdem 
Zs. 20, 138. 159. 160. BG §287. Haupt zum Üb. wibe dbb. 

730. daz tu mir an dcnio ginnsliemo laga hell'ast, so diu 
sela sceida vona demo lichanamon MSD nr lxxxiv, 4. s6 schei- 
det s61e uude lip Hochz. 33, 20. suaune so der leide tot ane 
mir sei gescheiden den Iif von der seien MSD nr xxxviu, 183. 
unze diu sele von dem lichnameu seide Arn. Siebenz. 336, 29, 
unt an der wile s6 da sceide diu sele von dem libe LH. 234, 43. 
swenne denne kumet diu zit daz din sele und din lip von ein- 
ander scheiden sol Geistl. rat 137. sO diu sele von mir scheide 
MSD nr xlh, 65. 

733. herre vater ewich, du wäre ie genädich Joh. bapt. 
(Mones Anz. 8) 177. herre vater ewich, du wis mir armen 
gnedich Credo 35. er sprach Tili David, nu wis du mir ge- 
nädich' Leb. Jesu 239, 13 Z^. fdi David, nu wis mir genädich 
aao. 241, 8. 

736. durch willen der urstende Vor. sdkl 299, 17. durech 
willen diner urstende Frauengeb. 377, 27 D. durch din urstende 
Lit. 235, 8. 

737. durch des ganges ere den du zem criice gienge Vor. 
sdkl. 303, 5. 

740. er sprach, nine wolde tot der sundare Vor. sdkl. 302, 11. 

747 f. den vergip alle ir schulde und lä si haben din hulde 
Marg. mart. 669. wir queden 'vergib uns unser sculde, daz wir 
chomen ze diner hulde MSD nr XLur, 14, 3. vergib in ire sculde 
und läz si habe dine hulde Credo 1111. alle unse sculde und 
gebe uns dine hulde aao. 2058. 

749. vgl. 854. aufserdem des lä du mich genizen Bai. 75, 2. 
lä mich des geniezen Vor. sdkl. 314, 22. nu lä uns des ge- 
niezzen Lit. 227, 35. der selben gnaden läz ouh mir guiezen 
Credo 1910. unt lä mich euch geniezen Mar. 147, 30. lä mich 
geniezen MSD nr xlu, 49. 53. — vil luzel gnüze ich nu des 
Zuk. nach dem todc 111, 21 Kar. vile wol gniezze wir din 
MSD nr xxxix, 8, 6. nu sal he des geniezen Ruth. 4465. 



DIE MILLSTÄTTER SÜiNDEiMiLAGE 301 

756. v(jL 314. 

759. ruochea : suocheii Wien. Gen. v, 2745. vi, 3575. 4108. 
5620. Credo 2832. Mar. 148, 40. 156, 24. 204, 38. 208, 29. 
164: ff schemt das erhaltene verderbt. 

769. vgl. 126. 

770—796 = Bhein. Paul. 1—30. 

770. v(jl. Diemers anm. zum Himml. Jer. 361, 3. aufserdem 
(laz diu hurch gworht ist von lebentigen steinen Himmelr. 231. 

11 4: ff. vgl. Vor. sdkl. 311, 26 /f. es finden sich loörtliche 
anklänge. 

781. ez entet in niender w6 Mar. 190, 23. 

789. vgl. 114. 

792. got mit siner gevvalt MSD nr xxxi, 1, 15. 21, 1. diiu 
her (gott) mit sinir gevvalt Anno x, 11. vgl. x\u, 11. god mid 
sinir givvald MSD nr xxxvi, 7, 7. vgl. 8, 7. got mit sineni 
gwalte Mar. 172, 6. — sin gevvalt ist michel unle breit MSD 
nr XXXI, 9, 12. vil michel ist der sin gevvalt aao. 14, 12. 24, 11. 
vgl. 19, 9. Anno ix, 12. Credo 98. 120. 305. — sonst wird 
noch gottes gevvalt erwähnt Wien. Gen. 69. Exod. 7005. 7398. 
Leb. Jesu (Fnndgr. 1) 154, 32. Geistl. rat 6. Himmelr. 4. 
Aneg. 2, 65. 3, 79. 6, 15. 25, 7. 34. 39 nö. — din gotlich ge- 
vvalt Vor. sdkl. 315, 15. der gewaltige got Wien. Gen. 450. 
Mos. 53, 1. du da gewaltic got bist Ajieg. 28, 79. daz got so 
givvaltic was aao. 4, 22. 

793 f. und er mid simo drosti du drü kint also sampfti 
irlösti MSD nr xxxvi, 8, 9. der selbe got si dö erlöste der ouch 
den kinden kam ze tröste Marg. mart. 397. den sande er uns 
ze tröste der mit sin selbes libe erlöste allez manchunne Aneg. 
36, 66. vgl. auch 811 f unseres gedichts. 

798—864 entsprechen z. 59—128 des Rhein. Paul 

l^Sff. vgl. Vor. sdkl. 312, \b ff und anm. wider wörtliche 
Übereinstimmungen. 

800. vgl. 306. 

806 = 792. 

811. Dan. U, 32 ff. 

815. du wis uns allen wegente MSD nr xxxix, 14, 5. si 
mir wegente Frauengeb. 381, 9 D. 

829. erde : werde Phys. 93, 10 Kar. Wien. Gen. 406. 5666. 
Exod. 6982. 7294. Andreas (Germ. 12,78) sp. b, 10. MSD 
nr XXXV, 2, 9. 5, 3. xxxix, 7, 1. xlv, 5, 1. Vor. Gen. 29, 3. 
Entecr. 118, 21. 33. 121, 1 (wo zu lesen wie si ligin dri dage 
unwerde. vgl. 27). Jimg. Jud. 151, 17. 164, 12. 176, 22. 
Leb. Jesu 246, 28. 251, 26 D. Vor. sdkl. 298, 20. Arn. Siebenz. 
340, 29. 341, 15. Himml Jer. 361, 7. 365, 16. Aneg. 18, 50. 
SO. 19,5. 20, 23. 28, 60. 66. 76. Credo 327. 525. 1181. 
Mar. 170, 27. 177, 33. 210, 19. 

843. thure thine guote Legendarinm (Germ. 12, 92) 



302 DIE MILLSTÄTTER SLNDENKI.AGE 

hl. r, 16. daz luont ilie sine guote Hochz. 38, 6. got durch 
sini guli MSD nr xxxvn, 17. v(jl. nr xxxviii, 128. Entecr. 112, 21. 
117, 37. 124, 36. Bai. 84, 11. Jung. .Ind. 160, 27. Vor.sdkl. 
305,20. Franengeb. 376, 8 Z>. Ruth. 1236. Credo 853. in 
anderer Verwendung sieht gottes guote Vor. sdkl. 303, 2. 311, 7. 
26. 314, 18. 315,8. Frauengeb. 378, 5 Z). nn inep. häufig 
personificiert. 

857. ü^f^ 805 und anm. zu 295. 

859. nCi bite ich dich, herre, durch sancte MichahtHes t^re 
daz du mir sendest ze huote den engel vil guoten Frauengeb. 
376, 24 D. 

863. Abrahams barm Wien. Gen. 2094 (dagegen 2100. 2122. 
3421. 5951. 5957 Abrahams scözze). Messgebr. 184. Hochz. 
22, 11. 42, 23. £rm«5. 832. 

Seit längerer zeit mit bearbeitung der fragmente und klei- 
neren gedichte geistlichen und lehrhaften Inhalts aus dem 1 1 
und 12 jh. beschäftigt, möchte ich vorweg Untersuchungen über 
eins dieser denkmäler veröffentlichen, über die Millstätter sünden- 
klage. 

Die lücken der kläglich zerfallenen hs. hat zum teil Karajan 
mit Haupts hilfe (vorr. s. vn) zu füllen gesucht, teils hat Bartsch 
eine reihe meist ansprechender ergänzungen in der Germ. 7, 278 ff 
niedergelegt, was Haupt Zs. 15, 264 gab findet sich schon bei 
Bartsch fast ebenso und Diemers Vermutungen in den Kleinen 
beitr. 5, 116 sind nicht brauchbar, dagegen hat mir herr prof. 
Scherer eine von ihm 1871 angefertigte collation der hs. nebst 
vielen eigenen ergänzungen gütigst überlassen, während andere 
aus gemeinsamer Überlegung mit ihm und den herren proff. 
Miillenhoff und Steinmeyer erwuchsen, ihnen allen sage ich 
hiemit meinen besten dank, manches konnte ich selbst bei- 
steuern, es schien mir, da Karajans ausgäbe nicht jedem zur 
band sein möchte, angemessener einen neuen text aufzustellen 
als lediglich unsere ergänzungen, welche bisweilen auch an stelle 
älterer getreten sind, hier anzuführen, denn es wäre sonst 
schwer gewesen ein deutliches bild dessen was bisher für die 
verstümmelte dichtung geschehen zu gewinnen, ich hoffe dass 
die mängel meiner arbeit jetzt leichter erkennbar sein werden 
und dass man mir ausstelluugen und correctureu. sowie neue 
ergänzungen des textes nicht vorenthalten wird. 

In den anmerkungeu bezeichnet Kar. Karajans la. und seine 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 303 

ergänzungen — sie sowie alle übrigen sind im text cursiv ge- 
druckt — , Coli, die ergebnisse der Schererschen vergleicliung 
der hs., Scb. Scherers ergänzungen. die anderer habe ich mit 
deren namen versehen und nur die durch gemeinschaftliche be- 
mühungen gewonnenen und die meinigen ohne vermerk gelassen. 

Dass die ursprüngliche la. überall hergestellt sei, behaupte 
ich nicht, sicher kann man darin höchstens sein wenn nur 
Silben eines wertes ausgefallen sind, aber man muss wenigstens 
darnach streben sich in den Charakter der dichtung einzuleben 
und dem zerstörten gedankengang aufzuhelfen, durchweg wollte 
selbst dies nicht gelingen : manche lücke ist unausgefüllt ge- 
blieben und mehrfach ward nur ein notbehelf in den text ge- 
setzt, wenigstens habe ich versucht die ergänzungen möglichst 
durch parallelen aus gleichzeitigen deutschen dichtungen zu stützen, 
lateinisches ist absichtlich nicht herbeigezogen worden. 

Die Orthographie der hs. wurde, da sie auf festen und ver- 
ständigen principien beruht, beibehalten und nur zwischen u und 
V, welche die hs. promiscue verwendet, geschieden, ohne dass 
dies angemerkt wäre, über die dichtung selbst bin ich zu fol- 
genden resultaten gekommen. 

Die dem Rheinauer Paulus (Zs. 3, 51S ff) und der Millstätter 
Sündenklage gemeinsamen stücke (Sdkl. 642 — 668. 770 — 864) 
gehören nicht ursprünglich dem dichter der Süudenklage an. 
vielmehr zeigt der text im Paulus gröfsere altertümlichkeit, schon 
in den sprachformen, wir lesen 6. 14. 64 beschirmdos beschirn- 
dos. 7 demo. 21. 27. 71. 87 lostos. 36 irdigiton. 42 gelib- 
haftos. 44 snndon. 51 selbnn. 61 getorston. 66 imo. 68 
machot. 97 andirmo. 99 begnndon. 106 snndon. 117 irlostost. 
der umlaut fehlt in wäre 13. irhorin : angelorum 32. vernami 
34. vroliche 40. bermin : grübe 61. zerbrackm 63. täte 77. 
rüge 78. gevurith 79. wäre 85. icare 90. verbare 91. ver- 
masze 94. vergäbe 101. guti : gvsundote 102. tati 105. täte 
110. gnte 111. täte : caritate 119. die hs. der Millstätter 
Sündenklage bezeichnet den umlaut von d stets und keiner der 
erhaltenen reime spricht dagegen, dass ihn der dichter schon 
anwandte, bezweifele ich: vgl. Zs. 19, 279. gegen ce entscheidet 
gehören : ören 214. 562. ganz deutlich liegt Verbesserung an 
folgender stelle vor. 



304 DIE MILLSTÄTTEIl SLINDENKLAGE 

lUi. I*. 75 und du mir sis oeryebinde 
die sundi minis libis 
also du täte dem lo/be 
diu dur riige 
nur dich warth gevürith, 
80 die di iudiu muiin, 
drethiu dir gute, 
viir dich dnr daz eini 
daz du si hizist steinin. 
si scigin si einis hüris, 
85 siu ivdre werth des tödes, 

als ie (?) diu alte e'uwe gebot. 
Mst. sdkl. 816 daz ouch du mir sist vergebende 
alle mine sunde 
die ich in allen stunden 
hdn georumet mit minem Übe, 
820 also du toite dem toibe 
diu durch möge 
für dich wart gevuoret, 
umb daz du si hiezzest steinen, 
si zigen si huores eines 
825 unde sprachen zwdre 

daz si des tödes wert loäre, 
als iz diu alte e gebot. 
in der Sündenklage sind zunächst die zeilen 80 und 81 des 
Paulus, welche eine ungescliiclvte widerholung enthalten, weg- 
gelassen, dadurch gieng ein reim auf steinen verloren, der nun 
durch die auffallende Wortstellung huores eines eingebracht wurde, 
in folge dessen aber muste der umarbeiter die rede der Juden 
durch den flickvers unde sprächen zwdre anknüpfen. 

Sdkl. 644 fl" wurden modernisiert, es lauten Rh. P. 33 ff 
dur dine wdrin triuwe, 
also du vernämi dine diuwe 
35 Mariam unde Martam, 
die umbe dich irdigiton 
daz ir brüdir Lazarus ghenas, 
der drie nathe begrabin was, 
und du in hisze üf sten, 
40 vröliche danne gen. 



DIE MILLSTATTER Sii\DE>KLAGE 305 

dagegen Sdkl. 644 II 

durch die lodren triwe dine, 
645 also du erhörtest Marmm 
und Martham die des digiteu 
daz du Lazarum soltest 
heizzen rumen daz grap, 
der drie tage begraben lach. 
Rh. P. 39 uiul 40 fehlen, die buchstabenreste in der Sündenkl. 
reichen wenigstens zur Sicherung der reimwörter hin (ob dine: 
Mariam oder triuwe : Mariam gebunden waren, verschlägt nichts). 
aus ihnen ergibt sich dass die form irdigiton veraltet schien und 
der umarbeiter, um sie zu vermeiden, sogar schlechtere reime 
nicht scheute, altertümlich ist auch urstendide Rh. P. 43. das 
wort verschwand im mhd. und die Sdkl. setzt dafür 652 ur- 
stende. 

Aber auch zum Rh. P. gebort das gebet ursprünglich nicht. 

Scherer bemerkte QF vn, 21 dass die verse 129 — 154 hinter 
denen des ersten Stückes zurückstehen, es sind uns leider nur 
26 Zeilen der an die beichte sich anschliefsenden erzählung er- 
halten, davon ist 142 verderbt, auch 143 und 151 ff. die 
übrigen verse zeigen im ganzen denselben bau wie Pauli rede. 
131. 132. 133. 134. 146 haben leichten zweisilbigen auftact, 
ebenso 149, wenn man erste statt eriste schreiben darf: sonst 
erhalten wir einen vers von sechs hebungen. 131 setze ich M/trf 
für nude. in 141 ist der auftact dreisilbig. 138 allerdings 

mi is er genamot / der milte sanctus Paulus 
ergibt sieben hebungen mit cäsur, ohne dass man etwa is er ge- 
namot streichen könnte, im ersten teile des fragments treffen 
wir höchstens anf vier hebungen mit klingendem, zweimal ge- 
hobenem ausgang nnd zweisilbigem auftact: 

12 ez inmähte sie niut gebrennin 

34 also du vernämi dine diuwe 

61 daz in niut (vgl. 12, hs. niuwet) getorston berürin. 

103 allis däz siu ie gusundöte. 
sonst beschränkt er sich auf zwei silben: do be / 14. 64. 99. 
daz du 24. in den 41. 126. dar die 51. 118. daz er 91. 

124. er M« 92. do in I 93. du ver j {0[. dinis IIb. swenne 

125. in 20. 70 wird er einsilbig, wenn man unz für unze liest, 
in 22 dri (: sin) für drie (: sien), in 39. 43. 56. 75 (hier auch 



306 DIE MILLSTÄTTER SLNDENKLAGE 

sis). 116, wenn man und statt imdi schreibt, synäresis tritt 
ein in 53 daz du irlösest und 117 di du irUstost. in 12S dur 
dine trk namin. amen kann man dreisilbigen auftact oder Ver- 
längerung annehmen, in 87 lässt der auftact sich auf eine silhe 
bringen durch nz für nzer. so könnte man auch in 60 lesen, 
wo der auftact schwebende hctonung hat. vier silben bilden ihn 
105 daz siu iz iuitdti niuth mere; man wird aber sruz vor- 
ziehen und vier hebungen klingend zu dreien, denn diese bin- 
dung widerholt sich 12. 20 (oder thne?). 33. 59. 70. 102. 

Nicht verkennen lässt sich die Verschlechterung der reime 
im zweiten abschnitt, nur Saulus : Paulus 137 und stiz : hiz 
143 sind rein, stark ist die ungenauigkeit sin : nichein 139. 
viel günstigere resultate ergeben die bindungen des ersten teils. ' 

I irdigitoH : Mai tarn 36. wUlun (hs. willin) : sun 121. un- 
sicher ist voller vocal in nrstendide (nrstendida): smidon 43; es 
würde auch e für den reim genügen, in angelörum : irhorin 31 
und nnum : rumin 98 kann man die verschiedenen vocale der 
endung wegen der übereinstimmenden in der paenultima zu- 
lassen, auf analoge fälle im Vor. Alex, wies ich im Anz. i, 78 
hin. es sind gerade solche zweimal gehobenen klingenden reime, 
in welchen deutlich das übergewicht der vorletzten über die 
letzte silbe zu tage tritt, wo genauigkeit der ersten hebung die 
ungenauigkeit der zweiten ausgleichen und entschuldigen soll, 
für die entstehung des eigentlich klingenden reimes beachtenswert. 

II huris : todes 84. Abrahnrm's : genddin : amen 126. 

III dine : segine 14. vermäsze : liezin 94. giiti : gusundöte 
102. täte : gute HO. 

IV gehrennin : drinne 12. alle : helle 49. 116. 

V sele : he'rre : sere 28. sele : herre 53. herre : Daniele 58. 
bröte : löstos 70. Danielis : herris 114. herre : Michahele 122. 
grübe : berürin 60. vurtin : gute 80. bringe : hinnen 124. dazu 
die tribrachen domine : hovine 6. weginde : vergebinde 74. 

VI dannin : andirmo 96 lehrt eher dass die spräche des 
dichters nicht mehr so altertümlich war als man nach der Ortho- 
graphie der hs. erwarten sollte, dass mau mithin andirm schreiben 
kann, als dass man zu danana : andirmo greifen müste. 

vn beweist hauptsächlich die technische Überlegenheit des 

' über die einteilung vgl. Zs. IS, 265. 



DIE MILLSTÄTTER SCNDENRLAGE 307 

ersten teils über den zweiten, besizze : izze 2. vehtin : nnrehte 
16. mute : glüte 18. troiste : löstos 20. 26. drie : sien 22. 
trimoe : diioe 33. iresturhe : irwurhe 47. lösutige : zunge 51. 
libis : ioibe 76. eiiii : steinin 82. erde : unwerde 88. wäre : ver- 
bdre 90. sunde : stunde 100. herre : mere 104. lieze : gemziti 
112. caritnte : täte 118. 

Nicht minder die reinen stumpfen bindungen ghenas : was 
37. ste'n : gen 39. tich : mich 41. toth : nöth 45. gotehait : 
laith 68. gebot : not 86. stein : inchein 92. sin : trütin (hs. 
tnitinne) 106. dich : ich 108. habin : chnahin 4. 

Ungenaue schlusscousonanten. 

ft : p und k ; ]> in crcf/^ : grab : lach 55. 

?fr ; lt. schalch : gewalth 24. 64. 

l : — . Misahel : we 10. 

m : n. angelörum : irhörin 31. Martam : irdigiton 35. 
iuium : TU min 98. 

n : — . gebrennin : drinne 12. vehtin : nnrehte 16. drie : 
sien 22. urstendida : sundon 43. grübe : berürin 60. vürtin : 
gute 80. em?" : steinin 82. vermdsze : liezin 94. ?2"ese : genizin 
112. ft /ni^e : /i öi nin 124. 

w ; rm. dannin : andirm 96. 

M ; s. AbraMmis : genddin 126. 

r : — . allir : helle 116. 

s : — . troiste : löstos 20. 26. bröte : löstos 70. libis: 
wibe 76. 

s : z. Asdrias : daz 8. 

t : — . ii'(ge : gevürith 78. 

Vor stummem e reimt b : w in gegebin : lewin 62, g : h in 
vluhin : smugin 66. 

Vocalisch ungenau sind urstendida : snndon 43, angelörum : 
irhörin 31, ?o(hw : rumin 98. vgl. übrigens oben unter i. 

Dasmaterial, welches die Zeilen 129 — 150 gegenüber 1 — 128 
gewähren, ist allerdings nur knapp, wir können uns aber trotz- 
dem darauf verlassen dass die unterschiede der beiden partien, 
wenn mehr von der dichtung erhallen wäre, bestätigt würden, 
denn weshalb sollten sich sämmtliche abweichungeu vom ersten 
teile gerade in die anfaugszeilen des zw^eiteu zusammengedrängt, 
sonst aber sich alles ausgeglichen haben? 

Noch etwas tritt hinzu, die Rheinauer beichte — ich 



308 DIE MILLSTÄTTER SCNDENKLAGE 

meine damit den ersten teil des Paulus — zeugt durch die bibel- 
citate und das eingestreute latein l'Ur geistlictie bildung ihres ver- 
lassers, da lallt es denn nicht wenig auf, wenn Paulus 129 (ler 
hedine mau heilst, dem autor des vorangehenden teiles würde 
ein solcher verstofs schwerlich begegnet sein, der um so wunder- 
licher erscheint, als dieser beide sich auf daz huoch beruft (Fih. 
P. 9). es geht vielmehr auch hieraus deutlich hervor dass so- 
wol der Verfasser des Rheinauer Paulus als der der Millstätter 
sündenlilage einen älteren poetischen 'glauben und beichte' aus- 
geschrieben haben, denn dass .dies beides — wie oft genug in 
prosaischen, für den gottesdienst bestimmten stücken — in der 
älteren dichtung vereinigt war, lehren Rh. P. 128 — 133: 

Do der hedine man 

so verre warth gehorsam 

mit glaube und mit pigihte 

und ir also wdrliche 

sine sunde hegundi rügun .... 
was wir noch von dieser beichte besitzen sind nur die schliefs- 
lichen bitten um erhörung, motiviert durch die erlösung der 
drei Jünglinge aus dem feurigen ofen, durch die erweckung des 
Lazarus auf Marias und Marthas bitten, durch Daniels rettung 
und durch die begnadigung der ehebrecherin. da die schluss- 
partie weit ausgesponnen ist, so werden auch glaube und beichte 
keinen geringen räum eingenommen und wol den hauptinhalt 
des Rh. P. ausgemacht haben, und auch die Sdkl. dürfte zu- 
meist der alten beichle entnommen sein. 

Nicht unverändert, wir sahen schon dass der Rh. P. und 
die Sdkl. an einigen stellen von einander abwichen, und andere 
sind hier noch zu erwähnen. Rh. P. 39. 40 sind fortgelassen 
(nach 649), aufserdem 16. 17, 20. 21, 118—121. dagegen 
fehlen Sdkl. 664. 665 im Rh. P. auch änderungen der reime 
hatten wir anzumerken, und es wird daher kaum gelingen das 
alte gedieht zu reconstruieren. freilich sind bedeutende unter- 
schiede zwischen einzelnen partien der Sdkl. vorhanden. 

Zunächst zerfällt der anfang in symmetrisch geordnete ab- 
schnitte, die hs. deutet die absätze durch rote anfangsbuch- 
staben an. durchaus verlässlich sind diese nicht, manchmal setzte 
der rubricator ihrer zu viele, zb. 34. 36. 41. 42. 43. 44, wo 
er in den autithesen streckenweis jedes reimpar mit einem roten 



DIE MILLSTÄTTER SCNDENKLAGE 309 

buchstaben beginnen liefs. oder 258, wiewol da nur eine vor- 
her eingeführte rede anhebt; oder 658, wo der Rh. P. 49 lehrt 
dass wir uns mitten im satze befinden, manchmal vergafs er 
wol auch das ausmalen, wie 53 und 642, avo ein triplet voran- 
geht, trotzdem dürfen wir uns nicht über die hs. völlig hin- 
wegsetzen, und ich gebe daher jedesmal an wo ich von ihr 
abweiche. 

1—6 = 6. 7—12 = 6. 13—18 = G. 19—25 =7. 
im ganzen sind das 25 zeilen, welche mit einem dreifachen reim 
schliefsen. das erste wort in 7 und 13 fehlt. 

26—31 = 6. 32—37 = 6. 38—45 = 6. 46—52 = 7. 
widerum 25 verse, mit triplet endend , in gleicher weise ge- 
gliedert wie die ersten. 32 hat die hs. du, allein wir befinden 
uns hier in der eben erwähnten reihe von gegensätzen die den 
rubricator verwirrten, daher auch Daz 50. dass wir es bei 
42 und 43 mit einer interpolation zu tun haben (fast gleich 
lauten 242 f), unterliegt wol keinem zweifel. sie durchbrechen 
den parallehsmus der zeilen 39 — 49, in welchen durchgehend 
adjectiva gegenüber gestellt werden, und sind nicht einmal unter 
einander gleich gebaut, fest steht auf alle fälle dass wir bis 
jetzt 2mal 25 mit dreireim auslaufende verse anzunehmen haben, 
oder sollen wir glauben dass nu in 53 zu recht besteht, dass 
dort nach dem triplet kein neuer abschnitt beginnt wie sonst 
immer und wie ihn auch der sinn fordert? 

53-64 = 13. 65-70 = 6. 71—82 = 13. 83—86 
= 4. 87—96 = 10. 97—100 = 4. 101 — 110 = 10. 

Das nächste stück scheint unsymmetrisch: 

111—118 = 8. 119-128 = 10. 129—143 = 15. 
121 gibt Karajan Joch, mit grofsem, aber nicht fett gedrucktem 
f. es kann dort kein absatz eintreten, in der hs. steht wol 
nur ein langes i. ebenso mag das / in Lewe (38, innerhalb der 
zeilej nur etwas anders als sonst geformt sein, man könute 
111 — 128 zu einem ISzeiligen satze zusammenziehen und müste 
dann in 129 — 143 ein Verderbnis annehmen, wobei 3 zeilen aus- 
fielen, aber die manipulation wäre doch zu kühn. 

144—149 = 6. 150—155 = 6. 156—159 = 4. 
160—163 = 4. 164—169 = 6. 170-175 = 6. die än- 
derung desV/a in 164 rechtfertigt sich dadurch dass nun die vor- 
angegangenen absätze zusammengefasst werden. 



310 DIE MILLSTÄTTER SLNDE.NKLAGE 

17G— 183 = 8. 184—187 = 4. 188—193 = 6. 
194—205 = 12. 200—217 = 12. 218—229 = 12. 
230—235 = 0. 

hier stellen wir wider auf uosichereni boden. zu 228 fehlt die 
reimende zeile und der anfang von 230 muste ergänzt werden. 
es liefsen sich 218 — 235 zu einer Strophe von 18 Zeilen ver- 
einigen, der abschnitt liefe mithin auf 12. 12. 18 aus. dem 
würde entsprechen, wenn er mit 18 zeilen anhübe, vorhanden 
sind sie: 8 + 4 + 6. den- abschnitt nach 175 verlangt der 
deutliche ruhepunkt bei diesem verse. mit 184 aber kommen 
wir widerum an aufzählungen : dd ist . . ., dd ist . . . mehrfach, 
irrtümer des rubricators waren hier leicht, fassen wir 176 — 193 
zusammen — bei 194 muss der anfang wider ergänzt werden — , 
so gliedert sich 176—235 nunmehr in 18. 13. 13. 18 zeilen. 
unantastbar ist die Zerlegung in zweimal 30 verse. diese grofsen 
abschnitte wären dann allerdings in sich abweichend gegliedert. 

236—239 = 4. 240—247 = 8. 248—257 = 10. 
258—265 = 8. 266-277 = 12. 

von 238 — 246 hebt jede zeile mit dd an, abermals ein grund 
zu Verwirrungen. 247 unterbricht diese Symmetrie und führt 
246 weiter aus: hier muss mithin eine versreihe enden, da- 
gegen kann dies nicht 257 mitten im satz der fall sein; viel- 
mehr sind 248 — 265 zu verbinden, mit 239 abzuschliefsen, 
nachdem die aufzählungen eben erst begonnen, liegt gar kein 
grund vor: 236 — 247 gehören zusammen, so erhalten wir 13. 
18. 13 verse. 

Es zerfällt mithin die beschreibung von holle und himmel 
(176—277) in abschnitte zu 18 und 12 zeilen. 176—235 = 18. 
12. 12. 18 behandeln die hülle (die letzte Strophe leitet schon 
über), 236—277 = 12. 18. 12 den himmel. 

278—285 = 8. 286-291 = 6. 292—297 = 6. 
298—303 = 6. 304—308 = 5. 309—315 = 7. 
292 gibt Karajan nur ein grofses /, kein fettes; indes wird es 
dort mit einem absatz dem Zusammenhang nach seine richtigkeit 
haben. 304 ist Du ergänzt, das triplet in den Sätzen zu 5 und 
7 Zeilen gilt für zwei reimpare. 

Hiemit scheint die symmetrische anordnung abzubrechen, 
allein ich wage es nicht deshalb bei 316 die alte beichte an- 
fangen zu lassen, denn es ist nicht ungewöhnlich dass dich- 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 311 

tungen dieser epoche, welche im ganzen keine gleichmäfsigen 
abschnitte durchführen , doch durch solche eingeleitet werden, 
so das Annolied und die Wiener Exodus (vgl. MSD^ s, 334 f). 
Sdkl. 316 ist gleich der ersten zeile, und mit dieser widerhohmg 
scheint der beginn der eigentlichen Sündenklage angedeutet zu 
sein: 

wem ich hau gesundet, 
nu sol iz sin gecJmndet 
in den himelen vor dir: 
daz ruoclie du vergeben mir. 
eine hinweisung darauf aber dass eine solche folgen wird, liegt 
bereits in 51 f 

zwiu verhanchtest du mir 
daz ich che'rte von dir? 
und in 62 fr 

wan du selbe wol weist 
daz mich nu ze stunde 
riwent mine sunde. 
auch geht eine andere metrische eigentümlichkeit durch die ganze 
dichtung, die dreifachen reime, man vgl. 23 — 25. 50—52. 
141—143. 306 — 308. 313—315. 395 — 397. 422—424. 
433—435. 476 — 478. 537 — 539. 586 — 588. 639—641. 
666 — 668 (== Rh. P. 55 — 57). feste Zwischenräume halten sie, 
wie man sieht, nicht ein. etliche mögen durch die Überarbeitung 
verloren gegangen sein, wie denn den Zeilen 28—30 des Rh. P. 
nur 795 und 796 entsprechen. 

Andrerseits beschränkt sich widerum die einmischung des 
lateinischen, im gegensatz zu der symmetrischen und unsym- 
metrischen gliederung, nur auf anfang und ende der Sdkl. denn 
fnndamentum 440 ist nur ein vereinzeltes wort, wir lesen 3 
paradisi forta. 9f rex regvm in secla seculormn. 28 ein got 
mirabilis. 642 rex angelormn. 740 f nolo mortem peccatoris. 
751 pastorem bomim. 775 domine. 839 umis post unum. das 
sind aber citate aus hymneu oder der bibel, und da dergleichen 
im mittleren teile, der eigentlichen Sündenklage, nicht vorkom- 
men, so kann das fehlen lateinischer floskeln dort nicht über- 
raschen. 

Stil und ton des gedichtes bleiben sich vielmehr durchweg 
gleich, ich will zum beweise dessen einiges gemeinsame aus 



312 DIE MILLSTÄTTER SLNDENKLAGE 

1 — 315 einerseits und 316 — 864 andrerseits zusammenstellen, 
erwähnt ward schon 

1. *316' wo! (hl heilhji'r Christ, ehenso 757. vgl. auch 
257 der heilige Christ. 

4 meister des helleioarten. 
den y eh (int din hant, 
d<) in din yotheit nbirwant. 

*693 unde den (ievil bunde 

mit d/ner ywaltegen hende. 
hellewarte noch 330 und 527, din gotheit *S09. 

51. *603. 632 Verheugen. 

*bS. SijA die (hi namen, entsprechend *59ff. 278 ff. *669ff 
vater söhn und heiliger geist. 

81. 97. *192. 196. 84Ü beginnen mit inf. 

90. 102. 108. *523. 779 ja zur einleitung eines ausrufes 
mit invertierter Wortstellung. 

126. *769 du trohtin eine, dich trohtin eine, trohtin ferner 
371. *479. 

159. 161. 167. 683. *788 swie mit atlj. oder adv. 

159. 461 breit. 

204. *706 Satandt. 

322. 541 die himele. 

283. *398. (418) ich mennisch arme. 

294. * 303 ff. 310 f. *430. 628. 791. *805 nennt der Sünder 
sich oder seineu körper oder ein glied desselben schalch oder 
chneht gottes. 

296. 298 ff. 367 gottesdienst. 

301. *327. *329. 336. *349. *382. *398. *437. *480. 
543. 589 mögen. 821 möge, subst. 

306 mit t()de dem grimmen, 800 vor tieren den grimm,en. 

Ausgedehnt ist der gebrauch von S(j, was auch besonders 
in priester Arnolds Siebenzahl und im Himml. Jerusalem auf- 
fällt, die verschiedenen arten der Verwendung lassen sich nicht 
durchweg genau auseinander halten, rein demonstrativ steht es 
29, das relative so daneben 198. temporal 17. 18. 508. 564. 
*574. 615. *732. 862. consecutiv 288. zur einleitung der 
indirecten frage 145, des nachsatzes 146. 168. es führt die er- 
zähluug weiter 198. 

' mit einem * sind eraränzunsen liezeichnet. 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 313 

Häufig beginnt nu einen satz, mehr die rede weiterführend 
als in temporaler bedeutung. beim praes. 53. 278. 312. 398. 
*589. 762. *813. im futiirischen satze 349. 382. 437. 4S0. 
*543 (hier überall nu wil ich mögen). 314. 321. 327. 756. 
beim imp., auffordernd 65. 71. 261. 346. 380. 478. 532. *633. 
*643. 734. 747. *854. den nachsatz leitet es ein = so 761. 

Wiewol ich also nicht im stände bin zwischen den älteren 
und jüngeren beslandteilen der Sdkl. durchweg zu sondern, so 
scheint es doch geraten wenigstens die zum Paulus stimmenden 
abschnitte aus dem spiele zu lassen, es bleiben dann etwa 740 
Zeilen übrig, wollen wir aber eine Zusammenstellung ihrer reime 
geben, so kann sie bei der lilckenhaftigkeit der hs. nur sehr 
unvollständig und daher auch blofs von bedingtem werte sein, 
in den 740 zeileu sind nur 150 reimpare oder dreireime ge- 
rettet, noch nicht die hälfte. zwar kann man etliche binduugen 
mit Sicherheit ergänzen, allein es muste vorgezogen werden auch 
diese hier auszuschliefsen. daher lässt sich namentlich aus der 
letzten hälfte des gedichtes nur Avenig anführen. — die citate 
beziehen sich auf die erste der zusammengehörigen zeilen. 

I werdan : vogetman 162. 

n znnge : manne 156. hungir : helle 208. unibe : gewinnen 
276. rilltest : iceliest 370. gcebe : geviengen 378. gewcete : eilen- 
den : willen 422. 

ni herre : schephcere 11. verswante : enhabete 79. nerte : 
enhabete 85. sunda>re : sere 101. hilfet : bestronffet 160. späte ; 
behnoten IQS. stivte : gesatten 2b2. meintwle : gnote 2S6. guote : 
nöten 290. dienöte : emvolte 298. weisen : housen 412. tcete : 
muotir 582. 

IV harte : loorten 103. apgrunde : vindet 117. z-unge : vol- 
bringen 234. antlnzzes : sizzent 254. twellen : ervullen 262. 
helleporte : harte 374. singen : ergangen 576. porta : hellewarten 
3 wird man anreihen dürfen, denn die Verschiedenheit der end- 
vocale milderte der vortragende gewis. zweifelhaft ist die Zu- 
gehörigkeit zu dieser klasse bei dienste : weste 296 und misse : 
wesse 366, wo dienste und misse dem Schreiber angehören könn- 
ten und durch die formen dieneste messe ein reim der nr vn 
hergestellt würde. 

v stimme : minne 65. grimmen : gewinnen 306. hier haben 
wir zweimal mm : nn, im folgenden reim / ; r, nämlich strdle : 
Z. F. D. A. neue folge VIII. 21 



314 DIE MILLSTÄTTER SL'NDENKLAGE 

swdre 105. genäde : enphdhet 57. geschaffen : gemachen 131. 
herren : Wien 158. vröne : chöre 537. aufserdem beginnt die 
letzte silbe mit gleichem consonanten iq snmle : hnlde 402. 

VI hnore : zefnorte 77. verbergen : erde 123. 

vii völlig rein sind 15. 24. 26. 87. 111. 125. 164. 166. 
214. 313. 330. 376. 418. 456. 464. 503. 535. 562. 759. un- 
genauen ausgang zeigen 93. 210. 292. 334. 433. 721 durch 
überschüssiges n, sewe : lewer (wegen der form vgl. die anm. 
zu MSD nr xlv, 7, 5) 113 durch überschüssiges r, gnotes : muote 
75 durch überschüssiges s, angist : sanges 248 durch über- 
schüssiges t. also nur eine beschrankte Freiheit gestattete sich 
der dichter in den reimen dieser klasse, nicht etwa jedwede un- 
genauigkeit in den schlussconsonanten. 

Auch gerade nicht allzu nachlässig sind die vocalisch un- 
genauen stumpfen reime, es geboren dazu getan : man 452. 
sol : al 148. not : getdt 198. schnldich : Itp 623. sun : trön 
278. mehr Schwierigkeiten machten die schlussconsonanten. ich 
ordne die reime alphabetisch. 

ch : ht. gereht : gebrech 360. 

ft : ht. phaht : chraft 154. 

ht : k. naht : mach 358. 

ht : p. lieht : liep 46. liep : nieht 362. 

k : Ik. schalch : stach 294. 

k : p. schnldich : lip 623. 

k : t. genuoch : tuot 91. 

Ik : lt. gewalt : eigenschalch 627. 

m : n. vreissam : man 200. 

mp : nk. lamp : lanch 38. 

n : — . porta : hellewarten 3. harte : warten 103. ver- 
bergen : erde 123. spate : behuoten 168. we : zergen 184. zunge: 
volbringen 234. nmbe : gewinnen 276. gnote : nöten 290. gcebe: 
yeviengen 378. gewcete : eilenden : willen 422. tuon ; smo 619. 
anderes hieher gehörige oben unter vii. 

nt : s. antlnzzes : sizzent 254. 

p : t. gap : bat 69. 73. grnop : guot 83. 

r : — . sewe : lewer 113. hnngir : helle 208. tcete : muo- 
tir 582. 

rf : rk. scharf : starch 44. 

s : — . gnotes : ubirmuote 75. 



DIE MILLSTÄTTER SLNDE^KLAGE 315 

s ; St. an gut : sanges 248. 

s ; t. was : stat 601. 

seh : st. geist : vleisch 34. 

st : t. enstdt : hast 133. 

t : — . gendde : etiphdhet 57. 

t : z. Satandt : undirldz 204. 

Es ergibt sich übrigens aus dieser zusammenstelluug dass 
im stumpfen reim bei vollen vocalen Verschiedenheit der con- 
sonanlen durch Übereinstimmung der vocale ausgeglichen wird, 
nur schuldich : l/p 623 maclit eine leichte ausnähme. 

Consonantisch ungenau sind auch folgende stumpfe reime, 
in denen verschleifung stattfindet, vernim : geschribeti 144. vram : 
wane 182. 

Verschleifung fanden wir ferner schon in zwei unter ni er- 
wähnten reimen, versivante : habete 79 und nerte : habete 85. zu 
v stelle ich ladeten : haheteu 420, obvvol tribrachysche reime länger 
eine freiere behandlung zuliefsen (vgl. Scherer in dieser zs. 17, 
566 ff), ulele : gebeue 206, chmiege : himele 540 gehören zu n 
und dahin auch vroude : metiege 266, wo man vielleicht vroioede 
schreiben darf, reine tribrachen sind nicht vorhanden. 

Einige der genauen stumpfen bindungen widerholen sich, 
so got : gebot 13 und 32. [tot : not 42 und 342]. dtr : mir 50. 
322. 546. swin : s/n 81. 89. nit : strit 240. 462. mich : dich 
368. 635. gelust : dehnst 458. 711. in der vii klasse sind 
zweimal gebraucht chnehte : rehte (26. 164), arme : erbarme (87. 
418), ören : hören (214. 562), gewalte : behalten (292. 721). 

Den rührenden zuzuweisen wären sämmtliche reime unter ni 
und IV, sowie gelten : enkelten 503. aber sie geboren zu den 
erlaubten, hervorzuheben ist noch der plur. chnin : din 382, 
ferner miniu : schuldigin 625, weil darin die adjectivische flexion 
reimt, wegen der unregelmäfsigen betonung schnldigin statt 
schnldigiu vgl, zu MSD nr xi, 8. 

Wie gestalten sich die procentsätze der einzelnen reim- 
klassen? 



auf I 


mit 


1 


reime 


fallen 


0,7 0,0 


» " 


?? 


9 


reimen 


n 


6,0 „ 


„ ni 


» 


12 


» 


» 


8,0 „ 


» IV 


n 


10 


» 


» 


6,7 „ 


,5 V 


n 


9 


,, 


» 


6,0 „ 



21^ 



316 DIE MILLSTÄTTER SINDENKLAGE 

auf VI mit 2 reimeu fallen 1,3 "/u 

die summe der uuinmerii i — iv beträgt 21,4, die von v — vii 
26,6. die letzteren bindungen würden nach jüngerer technik 
einmal gehobene klingende sein, sodass mithin 73,4 ^o stumpfe 
reime in der Sdkl, vorhanden sind, zu ihnen verhalt sich die 
summe von nr i— iv wie 1 : 3,4, dh. es kommt ein nach spä- 
teren principien unerlaubter stumpfer reim auf 3,4 der ge- 
sammten stumpfen. ' ich hebe nochmals hervor dass diese resul- 
tate nur unsicher sein können, jünger aber als die Wiener 
Genesis ist unser denkmal sicher und dürfte bald nach 1100 an- 
zusetzen sein, der Rheinauer Paulus ist älter, eine procent- 
berechnung für die wenigen zeilen des selbständigen teiles hätte 
keinen wert, für die 65 reimpare des ersten ergibt sich dass 
auf die 2 reime von i kommen 3,1 ^/o 

i"! >? -^ >? 

« « 4 „ 
M ?? ^ n 

" » 1 r 

I H- n -j- m 4- IV == 17,0. v -f- vi -(- vii = 44,6. die stumpfen 
reime machen 55,4 ^jo aus und 1 altertümlicher kommt auf 3,3 
derselben, wäre unter i auch urstendida : snndon in anschlag 
gebracht, so erhielten wir das Verhältnis 1 : 3,0. 

Stellen wir aber die einzelnen reimgruppen neben einander, 

^ geg:en diese berechnunorsweise hat Vogt bei Paul-Braune 2, 5S6 ff 
nichts eingewendet, scheint sie also für richtig zu halten, im übrigen be- 
kämpft er dort vorwiegend meine 'differenzen', trotzdem ich mich selber 
schon Zs. 19, 151 über ihre Unzulänglichkeit bei vergleichungen ausge- 
sprochen und dafür dasselbe veifahren wie hier angewendet habe, dagegen 
ist es Vogt in der tat gelungen mir jetzt, wo er sich deutlicher ausdrückt, 
nicht nur etwas, sondern völlige klarheit darüber zu verschaffen dass auch 
seine berechnungen in Ordnung sind, ebenso räume ich natürlich ein dass 
ich Zs. 19, 14S vom vereiniger der drei ersten und des vierten gedichtes 
hätte sprechen müssen. Scherer citierte ich dort selbstverständlich wegen 
des ersten teils des in rede stehenden abschnitts (QF i, 20): vgl. Zs. IS, 
26S. mehr habe ich mir aus Vogts Nachtrag nicht aneignen können, ver- 
zichte aber gleichfalls gern auf weitere erörterungen, die für jeden der die 
Sache nachprüft doch unnötig wären. 



II 


5? 


3,1 


III 


11 


6,2 


IV 


11 


4,6 


V 


11 


16,9 


VI 


11 


1,5 


HI 


11 


26,2 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 317 

so tritt uns ein merkwürdiges resnltat entgegen, i zeugt für 
ein höheres alter der Rheinaiier beichte, in den übrigen nrn 
dagegen ist das modernere gepräge auf ihrer seite. das dünkt 
mich ein neuer beweis für Scherers ansieht (QF i, 60. xii, 44) 
dass die geistliche poesie in Kärnten ihren selbständigen anfang 
genommen habe, wenigstens in der technik, in den gedanken 
lässt sich fremder einfluss zwar erst in den bei Diemer s. 3 — 90 
abgedruckten dichtungen nachweisen (Anz. i, 66 ff), doch liegt 
dies vielleicht nur an der mangelhaftigkeit unseres materials. 
einen strengen beweis vermag ich nicht zu führen, muss aber 
nochmals die müglichkeit einer alemannischen grundlage für die 
Sdkl. hervorheben: vgl. Anz. i, 72. mit den belegen für -wf als 
emUing der 2 plur., welche Weinhold BG § 284 für den bairisch- 
österreichischen dialect beibringt, ist es schwach bestellt, int- 
fdhent Otfr. 2, 12, 56 steht nach Sievers collation Zs. 19, 137 
überhaupt nicht in der Freisinger hs., sondern intfdliet. in Ulrichs 
von Lichtenstein Frauenbuch 597, 6 reimt nicht Idnt : hant, 
sondern tr Mut : ir haut; das beweist ebenso wenig wie Frauenb. 
612, 1 ir begänt : ir laut, das Buch der rügen ist alemannisch, 
wie das Jänicke in dieser zs. 16, 476 ff nachwies, von den Inns- 
brucker psalmen sagt Weinhold BG s. xii selbst, sie seien nicht 
rein bairisch. bleibt ir sehent aus den Benedictbeurer predigten, 
ir behaltent aus dem Spiegel dts. leute und, als wichtigster beleg," 
gdnder : ander aus dem Priesterleben, dadurch wird das singu- 
lare ir bint nicht sonderlich gestützt. 

Z. 272 er (gott) sach in vil gerne der das sol garnen usw. 
erinnert an die formel gesach in got, der ... zu den belegen 
Anz. I, 68 kann ich jetzt noch fügen Wackern. Pred. xxxi, 77, 
und aus der Deutung der messgebräuche (Zs. 1, 270 ff) z. 424 
got gesach dm man 
der daz ge'ren dum. 
ich nehme keinen anstand dies werk, auch mit seines Stoffes 
wegen , den Anz. i, 69 genannten anzureihen, vgl. auch 336 
ddre : gendden und aao. s. 70. die hs. stammt freilich aus Bene- 
dictbeuren, allein es ist merkwürdig dass die in rede stehende 
formel für frühere und spätere zeit nur aus alemannischen quellen 
nachzuweisen: vgl. die citate Haupts zu Neifen 12, 15. und 
wenn auch die reime in den Messgebräuchen nicht rein sind, 
so möchte ich doch einige hervorheben, die auf alemannischen 



31S DIE MILLSTÄTTER SÜIS'DENKLAGE 

cinlluss deuten könnten. IGl hevolhen : verstoln. 291 Jersalem: 
gescehen. 293 yetdti : umbevdn. 345 chta'et : heyihel. 365 vdhet: 
stdt. 393 Idn : vdn. 404 (jewthet : seiet. 468 <jdn : enphdhen. 
472 enphdn : yetdn. v{f|. Wcinliold AG § 234. ferner 179 
Christenheit : bestet. 299 breit : get. vgl. aao. § 36. 122. neben 
präsens- und participialformen auf -tU und neben menegi (:sl; 
häufig sind feminina auf -in im Recht) ist nur noch innaii : ge- 
tdn 273 als form mit vollem endvocal zu erwähnen, vgl. uameut- 
licb AG § 10. das Millstätter necrologium, von dem Sclierer 
QF vn, 3 spricht, konnte ich mir nicht verschaflen, dass aber 
mönche aus dem an der alemannischen grenze gelegenen Ilirschau 
in alle gegenden Deutschlands wanderten, steht fest (vgl. 'Watlen- 
hach Geschqu.3 2, 37). nach SFaul in Kärnten zb. zogen um 
1085 zwölf Hirschauer benedictiner unter abt Wezilo (vgl. Arch. 
des geschichtsvereins für Kärnten 7, 52). 

Der innere versbau unseres denkmals ist regelmäfsig: wir 
finden durchgängig verse von vier hebungen, nicht längere, zwei- 
silbiger auftact wird verhältnismäfsig selten angewendet und fast 
nur durch leichte einsilbige Wörter oder durch ein einsilbiges 
wort und präfix gebildet, der ton ruht auf der ersten silbe. 
7 in der 23 diu nejmag 65 nu ver;nim 86 loan er 

100 loande er 101 ich vil 131 daz hast 157. 158 
noch der 163 erne 222 sol diu 234 die dir 247 wan 
si 261 nu get 288 so bin 293 dm ge,bot 418 vor 
den (wenn man nicht menschen dem mennischen vorzieht) 
442 daz ge,bet 542 du gejrnoche 547 mtniu 548 mit 

dejheinem bll so was 582 durch die 636 daz hdn. 

von der gewöhnlichen form dieses auftactes weichen ab trieffen 
193 und Lncifer 333. dagegen sind noch leichter da ist 24 
do hejgunde 81 do gejddhte 87 do enjphiench 98 dune 
120 dane 122 so entnot 198 dane 245. 

Sobald in klingenden zeilen dreisilbiger auftact nötig wird, 
kann man schwanken, ob nicht vier hebungen anzunehmen seien, 
richtet man sich nach den forderungen der declamation, so dürfte 
dreisilbiger auftact vorzuziehen sein in 
(von den zwein liehten) 
20 diu du geschuoffe von niehte. 
292 ich wolde e stmten mit gewalte, 
(dm gebot niweht behalten). 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 319 

(du geiiioche mich erhören.) 
543 nu wil ich ruogen mtniu ören. 
vier hebungen dagegen in 

(do geddhte im der arme) 
88 'toaz ob ich minem vater erbarme. 

(der vromven jouch der dinwe.) 
167 swie harte uns unsir sunde riuwe. 
376 des bitte ich durch dei gebente 
(diner heilegen hende). 
dreisilbiger auftact bei vier bebungeu stumpf erscheint 509 wan 
si verswuor sich aller tegelich. zweisilbig werden daist delheine 
205. dane mach 215. wie ich die 282. 419 würde gar vier- 
fachen auftact erfordern, wollte man nicht vier hebungen klingend 
zugestehen: der newoldeu si sich nine erbarmen, und hier wie 
in 87. 377 scheint die reimzeile (vor den mennischen armen) 
drei hebungen zu haben; sicher in 166. 

Schwebende betonung zeigt 4 meister des hellewarten. 
Selbstverständlich blieben zerstörte verse hier unbeachtet, 
wenn auch bei ihrer ergänzung auf diese regeln rücksicht zu 
nehmen war. 

Das gedieht zerfällt in drei grofse abschnitte. 

A. einleitung 1 — 277. 

a) 1 — 52 preis gottes. 

b) 53 — 100 bitte des Sünders um erhörung. er vergleicht 
sich dem verlorenen söhn (71 — 100). 

c) 101 — 143 furcht vor gott, denn er ist allwissend und 
straft beim jüngsten gericht. 

d) 144 — 175 Schilderung desselben, die lieben kommen 
in den himmel, die leiden in die hölle. 

e) 176—217 die hölle. 

f) 218 — 235 Übergang, nochmals böse und gute neben 
einander gestellt. 

g) 236—277 das paradies. 

B. Sündenklage 278—632. 

a) 278—285 ratet mir, vater, söhn und heiliger geist, wie 
ich das paradies gewinne. 

b) 286 — 291 dazu helft mir, denn ich allein vermag es nicht. 

c) 292 — 315 ich bin gottes entlaufener sklave, der jetzt 
zu ihm zurückkehrt. 



320 DIE MILLSTÄTTER SLNDENKLAGE 

dj 316 — 345 ich habe gesündigt, will mich über lieber 
selbst anklagen, damit es nicht der teufel beim jüngsten 
gericht tue. 

e) 346 — 622 anklagen einzelner körperteile. 

a) 349—379 füfse. 

ß) 3S0— 397 knie. 

y) 398—435 bände und arme. 

ö) 436—478 herz. 

€) 479 — 539 zungc und mund. 

540—588 obren. 

t]) 589—622 äugen. 

f) 623 — 632 diese strafe und vergib es meiner seele. 
C. bitten um erhörung und Vergebung 633 — 864. 

a) 633 — 641 unter berufung auf die marter Christi. 

b) 642—668 auf die erweckung des Lazarus. 

c) 669— 6S6 auf gottes gnade. 

d) 687—700 auf die hüllenfahrt. 

e) 701 — 732 strafe den leib, rette die seele (vgl. Bf), an- 
rufung Marias. 

f) 733 — 746 sei mir gnädig, denn ich bereue. 

g) 747 — 768 berufung auf den aussprach vom guten hirteu. 
h) 769 — 796 auf die drei jünghnge im feuerofen. 

i) 797 — 812 auf Daniel in der löwengrube. 
k) 813 — 864 auf die ehebrecherin. 

Der zweite abschnitt, namentlich die mit e) bezeichnete partie, 
bedarf noch einer näheren erörterung. 

Die deutschen beichten scheiden fast durchgehend zwischen 
Sünden, die man denkt, spricht, tut, Sünden in gedanken, Worten, 
werken, so Fundgr. 1, 112, 21. MSD nr Lxxir, 2. 26. 35. 
LXXII^ 3. Lxxiii, 2. 17. LxxiV, 4. LxxIv^ 3. Lxxv, 3 (hier 
um ein synonym vermehrt in allitterierender formel : m giddhtdin 
joh in dddin joh in nuordon joh in unerkon). lxxvi, 2. 25. 34. 
Lxxvii, 3. Lxxvni, 2. lxxxvii, 25. lxxxviii, 5. xcu, 17. (xciii, 29). 
xcv, 35. verengert ist diese einteilung in der Sangaller beichte if, 
nr Lxxxix, 39 : der ih ie geddhte oder gefrumete, erweitert in der 
beichte in Wittenweilers Ring s. 109: mit Worten und mit wer- 
ken, mit gedenchnüss und auch mit verlayssechäit, in der Wesso- 
brunner beichte i, nr xc, 87: in raten gedanchon nnorteii^unde 
in uuerchen, und nr xci, der Bamberger beichte, z. 115: in raten 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 321 

gidanchen warten joh werchan. ähnlich nr xcvii, 48, die Münchener 
beichte: mit willen, mit loorten, mit werchen oder mit bcFsen ge- 
danchen. die gleiche Zusammenstellung in der Benedictbeurer 
beichte in, nr xcvr, 81 : mit ubelem willen, mit nhelen gedanchen, 
mit ubelen werchen, nur dass die worte fehlen, noch kürzer sagt 
die Vor. sdkl. 309, 1 

und alles des ich hdn getan 

mit iDorten ode mit willen, 

mit deheiner slahte dinge. 
die beichte im Ring klagt die fünf sinne an (s. HO), anderwärts 
werden die sündhaften handlungen specialisiert. in MSD nr 
Lxxir, 25 heifst es: Ik iuhu unrehtaro gisihtjo, unrehtaro gihöri- 
thano . . . unrehtaro sethlo , unrehtaro stadlo, unrehtaro gango, 
unrehtoro legaro, unrehtas cussjannjas, unrehtas helsjannjas, un- 
rehtas ana fangas. entsprechendes gewährt nr lxxii'', 21. nr 
Lxxiii, 3. nr lxxiv% 6. nr xci, 195, wenn auch nicht überall 
in gleicher ausführlichkeit. und jetzt war es nur noch ein schritt 
zu den Werkzeugen dieser tätigkeiten überzugehn , die Sünden 
der äugen, obren, bände, füfse usw. zu beichten, aber die 
manigfachen vergehungen werden nicht auf sie verteilt, nur 
allgemein sind gelüste der äugen und obren genannt (nr lxxvi, 5) 
oder der süuder klagt sich an: ih biuual mih . . . daz ih mit 
minan ougun gisah daz mi urloubit ni uuas .... mit minan 
hantun uuorhta daz ih niscolta unirchen. . . . mit minan fnoznn 
gien ih dar in urloubit niuuas (aao. 19 ff), noch unbestimmter 
lauten nr xcvi, 75. 79ff : Ich begihe dem abnäht igim got daz ich 
mich versundet hdn . . . mit den ougen, mit den drin, mit dem 
munde, mit handen unde mit fuozzen, mit allen minen lidern. 
die Millstätter sdkl. dagegen macht die körperteile für genauer 
bezeichnete Sünden verantwortlich. 

Sie steigt gleichsam auf sieben stufen am körper empor: 
1) füfse, 2) knie, 3) bände und arme, 4) herz, 5) zunge und 
mund, 6) obren, 7) äugen, von den mehr mechanisch arbeiten- 
den teilen geht sie zu den unmittelbarer der geistestätigkeit 
dienstbaren über, wenigstens sagt Isidor Or. 11, 1, 21 visus 
dictus, quod vivacior sit caeteris sensibns ac praestantior , sive 
velocior ampliusque vigeat qnantum memoria inter caetera mentis 
officia. vicinior est enim cerebro , unde omnia manant, ex quo 
fit Ht ea quae ad alios pertinent sensus videre dicamus, veluti 



322 DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 

cum dicimus: vide quomodo sonat, vide quotnodo sapit , sie et 
caetera, und aao. 36 oculi . . . inter omnes sensus viciniores 
animae existunt. in oculis enim omne mentis iudicium est, unde 
et atiimi perturbatio vel hilaritas in oculis apparet. dem ent- 
spricht auch dass die äugen beschuldigt werden den andern 
gUedern zu ihren Sünden den weg gewiesen, diese erst ermüglicht 
zu haben, es werden bei ihrer anklage (zum teil auch schon 
bei den obren) im anschluss an die einzelnen körperteile in der 
vorher beobachteten reihenfolge alle schon erwähnten Sünden 
zusammengefasst. 

Die zahl der vergehungen ist nicht grol's, denn die meisten 
treten mehrmals auf, je nachdem die glieder teil daran haben. 
Unzucht, Versäumnis des gotlesdienstes, raub werden besonders 
hervorgehoben, die füfse liefen zu den übelen weibern, die knie 
fielen in den schmutz aus weltlicher lust, das herz ward durch 
seinen Übermut zur unsittlichkeit verfuhrt, die zunge riet dazu, 
die obren schufen gelegenheit zur hurerei. die füfse giengen 
nicht in melte oder messe, die knie beugten sich nicht vor gott, 
das herz betete nicht mit andacht, die obren hurten in der kirche 
auf geschwätz. auf raub eilten die füfse, die bände plünderten 
witwen, Waisen und gotteshäuser aus, die zunge riet zu diebstal 
uud die obren hörten auf diese Verlockung, auch Streitlust und 
mord nehmen einen hervorragenden platz ein. ich erinnere an 
eine stelle des Noe, auf welche Scherer QF i, 22 aufmerksam 
macht, und an 348, 16 ff. 291V aus der Siebeuzahl des gleich- 
falls nach Kärnten gehörigen priesters Arnold, bände und arme 
griffen zum schwert und schlugen mit den fausten, im herzen 
wohnen wut, hass, streit, rachsucht, die zunge rät mord und 
totschlag, die obren gehorchen ihr. härte gegen bedürftige 
liefsen sich bände, arme und obren zu schulden kommen, lüge 
das herz und die zunge. ^ 

* einzelne sinne und glieder erhalten Vorschriften auch Hochz. 30, 16 ff. 
Geisll. rat (Altd. bll. 1, 343) 11 ff. — z. 259—360 des von Pfeiffer in 
dieser zs. 5, 24 ff herausgegebenen Lebens Christi möchte ich hier nicht an- 
reihen, denn ich bezweifle sehr dass es ins 12 jh. gehört, am nächsten 
kommt dem anklage- und Strafsystem unserer Sdkl. das Anegenge 3S,40ff. 
Cliristi bände wurden durchstochen, weil Adams und Evas bände das obst 
nahmen, ihre unnützen tritte strafte man an seinen füfsen. er trank galle 
und essig für die süfsigkeit des obstes, welches sie in den mund nahmen, 
sein herz empfieng einen sticii um ihrer bösen gedanken willen. 



DIE MILLSTÄTTER SÜNDENKLAGE 323 

Wir können nicht annehmen dass der Verfasser der Sdkl. 
mit gruud alle diese heschuldigungen auf sich häuft, er giht 
nur sozusagen ein siindencompendium, ein poetisches gegen- 
stück zu den zahlreichen prosaischen heichten. die fülle von 
vergehen, welche sie anführen, konnte nicht auf jedermann passen, 
aher es ist immerhin wichtig für die erkenntnis der moralität 
des publicums, auf welches so eine musterbeichte berechnet ist, 
welche Sünden besonders urgiert werden. 

Sehen wir ab von dem kriegerischen vergleiche in 104 ff: 
gottes Worte schneiden wie pfeile und fahren daher wie ein 
wurfstein, so sind es keine originellen gedanken, welche der 
dichter zu tage fördert, jeder kannte aus den kirchlichen beichten 
diese sündeuaufzählungen , jeder aus gebeten diese recurse an 
grofse Sünder die Vergebung erlangt hatten, an fromme gottes- 
leute, die in schweren nöten wundersam beschirmt worden, und 
stofsseufzer wie 'hilf mir um deiner marler willen, um deiner 
auferstehung willen' waren wol aus jedes brüst einmal empor- 
gestiegen, solche anschauungen, zum teil schon in formelhafte 
phrasen und verse gekleidet, vvaren allen geläufig, wer sie ver- 
wendete, brauchte sie nicht erst aus pergamenten zusammen- 
zusuchen : sie stellten sich ihm unwillkürlich ein, sobald er in 
den bann solcher materien eintrat, man muss daher gerade bei 
dieser geistlichen poesie in der annähme von entlehnungen ein- 
zelner Zeilen die gröste vorsieht beobachten und zugleich der 
erfindungsgabe der autoren eher recht wenig als viel zutrauen, 
das meiste was sie geben ist gemeingut, und wer weifs ob nicht 
selbst das was allein eigentum unseres dichters zu sein schien, 
die anklagen der einzelnen glieder, auch dazu gehört, wenn wir 
gleich dies jetzt nicht nachzuweisen im stände sind. 

Berlin 25. 5. 76. MAX ROEDIGER. 



324 ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 



ÜBER JOHANN GEORG JACOB! 
I 

Dem abriss von JGJacobis leben und dichtung, welchen ich 
den Ungedruckten briefen von ihm und an ihn (QF 2) beige- 
geben habe, kann ich jetzt noch einiges hinzufügen, teils nach 
neueren publicationen, teils aus früher erschienenen werken, 
welche ich bei dem etwas eiligen abschluss jener arbeit nicht 
benutzt hatte. 

Zunächst war Jacobis Verhältnis zu Klotz näher zu beleuchten, 
zu der oberflächlich-aesthetischen art, mit welcher Klotz das Stu- 
dium der antiken dichtung und bildenden kunst verband, stimmt 
ganz, dass Jacobi beim antritt seiner professur in Halle ein 
Programma de lectione poetarum recentiorum pictoribus commen- 
danda schrieb (was in meiner schrift anm. 10 hätte erwähnt 
werden sollen), mehr die personlichen beziehungen Jacobis zq 
Klotz treten in seinen während der jähre 1763 und wider 1768 
bis 1770 geschriebenen briefen hervor, die sich in den Briefen 
deutscher gelehrten an den herrn geheimen rath Klotz, herausg. 
von JJA von Hagen, Halle 1773, i s. 165 — 185 abgedruckt 
linden, von besonderem Interesse sind vielleicht die stellen, an 
welchen Jacobi über die fehden von Klotz gegen Herder und 
Lessing spricht und über sein eignes zusammentreffen mit letz- 
terem und anderen litterarischen gröfsen der zeit berichtet. 
s. 174 (Düsseldorf 23 jun. 1769): 'H(erder) wird entsetzlich 
brüllen . . . Ich läugne nicht bei alle dem, mein Liebster, dass 
ich die Wiederherstellung aller Dinge wünschte, und mit Klotz, 
Lessing und Herder, in einer Rosenlaube lachen und trinken 
möchte.' s. 180 (Hannover 25 apr. 1770): 'In Zelle wurde ich 
auf eine besondere Art überrascht. Man führte mein Elysium 
auf und ich gieng in die Anziehstube, meinen Schatten ein paar 
Worte zu sagen, und da stellte man mich Herrn Lessing vor, der 
am Feuerheerde stand: er war überaus höflich, und wir sprachen 
von verschiedenen gleichgültigen Sachen. Nach der Comödie hat 
er dem Aufseher der Gesellschaft viel Lob auf mein Elysium ge- 
sagt; ich aber sah ihn nicht wieder.' s. 182 (Halberstadt 9 nov. 
1770): 'In Gottingen empfieng man mich mit aufserordentlicher 



ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 325 

Freundschaft. Herr Heyne bat mich zum Essen, als er seinen 
Geburtstag feyerte, Kästner bewillkommte mich mit einem artigen 
Epigramm, und der gute Dieze that alles, was er konnte, mir 
Vergnügen zu machen.' (Kästners epigramm, vom 20 sept. 1770 
datiert, sieht in AGKästners gesammelten poet. und pros. schOn- 
wissenschaftlichen werken, Berlin 1841, i s. 30). 

Auch andre stellen der Briefe deutscher gelehrten an Klotz 
beziehen sich auf Jacobi. 2, 173 spricht der pastor Lange in 
Laublingen von einem besuch, den Klotz und Jacobi ihm ab- 
gestattet hatten (das datum des briefes fehlt). 2, 96 schreibt 
Herder an Klotz (31 oct. [1767]): 'Muntern Sie doch . . . Ihren 
Freund Hrn. Prof. Jacobi zu seiner Übersetzung der Arraucana 
auf.' dass Jacobi wie Gleim sich allmählich von Klotz zurück- 
zog, ohne ihm indessen feindlich entgegenzutreten, geht ua. auch 
aus einem briefe Herders aus Nantes 15 aug. 1769 (JGvHerders 
sämmtl. werke, Stuttgart und Tübingen 1853, bd. 39, s. 108) 
hervor. 

Wenn nun bis gegen ende der 60er jähre Jacobis dichtung 
und die gesammte französierende, frivole, aber correcte und zier- 
liche lyrik der preufsischen schule fast nur beifall eingeärntet 
hatte, so traf sie im anfang der siebenziger jähre um so herberer 
tadel von seilen der Vertreter einer tieferen, ernsteren auffassung 
der dichtkunst. aul'ser den auf s. 9 und 10 meiner schrift an- 
geführten kritikeru waren namentlich auch die Verfasser des 
briefwechsels Über den wert einiger deutschen dichter und über 
andere gegenstände den geschmack und die schöne litteratur be- 
treffend (Frankfurt und Leipzig 1771. 72 1, CUnzer und Mauvillon, 
gegen Jacobi feindlich gesinnt. 1, 287 heilst es noch mit einiger 
Zurückhaltung: 'Es wundert mich nicht wenig dass HeiT Jacobi, 
welcher zuerst die von der ganzen deutschen Nation angebetete 
Youngische Moral in ihrer wahren Gestalt zu zeigen Muth genug 
gehabt, als ein Mann von feinem Gefühl, dennoch die tadelns- 
würdige Seite seines poetischen Verdienstes mit Stillschweigen 
hat übergehen können.' 2, 73 werden die klagen über den 
kaltsinn der nation gegen ihre grösten geister, die Jacobi in 
einem briefe an Klotz öffentlich ausgesprochen, für unanständig 
erklärt, 'besonders wenn solches von Schriftstellern selbst ge- 
schieht.' 2, 78 verbreitet sich spöttisch über den beifall, den die 
Anacreontiker finden : 'Sobald ein neues Gedichtgen von Jacobi 



326 ÜBER JOHANN GEORG JACOBl 

(den ich übrigens höher schätze als manch».-, die seine Absichten 
und Gaben verkennen) oder eine pi6ce fugitive von Engeln, Ebe- 
ling, Koch, Gottern, Kretschmann, Michaelis und Sangerhausen 
erscheint, o so sollten Sie sehn, wie begierig man den trischen 
Bissen verschlingt.' 2, 151 werden diesen liedern der Anacreon- 
tiker die Lessings entgegengestellt: 'Sie werden finden dass diese 
nebst den Utzischen einen weit originelleren deutschen Charakter 
besitzen als die Lieder von Weifse oder Jacobi (Herr Jacobi ist 
gleichfalls in verschiedenen seiner scherzhaften Lieder noch zu 
dogmatisch), welche leichter, aber auch gewiss nach französischen 
Mustern gedichtet sind.' ganz besonders empfindlich aber muste 
sich wol Jacobi durch die folgenden bemerkuugen getroffen fühlen, 
2, 169: 'Lesen Sie nur, was Gleims und Jacobis Anhanger für 
einen Lärm von den Wirkungen der Schriften dieser Dichter 
machen; ja was diese Dichter selbst von sich sagen und wie sie 
die schildern, deren Denkungsart und Laune sie dahin leitet, eben 
keinen Geschmack an ihren Werken zu finden. Das sind ihnen 
finstere Unholde' ... 2, 171: 'Ich finde mich geneigt zu sagen, 
dass die erotischen Dichter bei weitem nicht schädlich, sondern 
allerdings nützlich sind. Freilich ist die Wichtigkeit, die sie sich 
selbst geben und der Ton den sie annehmen, wenn sie sich Lehrer 
der Tugend nennen, mir selbst etwas lächerlich. Allein ich sehe 
den Grund, worauf sie dieses Urteil bauen und finde dass etwas 
wahres darinnen ist' ... 2, 188: 'Die Liebe zu einem Wieland, 
Gleim und Jacobi . . . bildet Epikuräer, fühlbare Seelen, wie mau 
sie heut zu Tage nennt, die den lieben Gott einen frommen Manu 
sein lassen, keinem Menschen Leides thuu, im Gegentheii, ihrem 
Nächsten helfen, so viel als sichs ohne ihre Unbequemlichkeit 
thun lässt und sich übrigens die Zeit in der Welt so gut vertreiben 
als sie können.' 

Von der misstimmung des Gleimschen kreises über diese 
kritik berichten Uuzers spätere briefe an Mauvillon, die in Mau- 
villons Briefwechsel, herausgeg. von seinem söhn FMauvillon, 
Deutschland 1801 abgedruckt sind. s. 27 (Wernigerode 2 juni 
1772) schreibt Unzer: 'Gleim, Jacobi und Michaelis fliehen mich 
wegen der Dichterbriefe, so wie ich sie verachte." s. 65 (30 dec. 
1772, Wernigerode): 'Jacobi ist mir jetzund ordentlich zuwider 
Darinn aber gehn Sie zu weit dass Sie ihn einen Haupthetzer 
in schola Klotziana nennen. Am wenigsten lässt sich dies aus 



ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 327 

Hausens Leben Klotzens darthiin. Hausen versteht unter Streit- 
schriften Disputationen und meint einen ganz andern Jacobi, mit 
dem ich studiert habe. Das ist nun lächerhch, dass Jacobi sol- 
ches auf sich und die berüchtigten Schmähschriften deutet.' 

Einen poetischen ausdruck gaben die Halberstädter ihrem 
absehen gegen die feindliche kritik, indem sie im winter 1773 
auf 74 allwöchentlich epigramme auf kritiker und Journalisten 
sammelten (s. meine schrift s. 11). diese Sammlung, die 'Büchse' 
ist inzwischen von HPröhle auszüglich veröffentlicht worden 
(Archiv für litteraturgeschichte iv s. 333 f). scharf geht es über 
die Verfasser des briefwechsels her (s. 345): 

'Wer Mauvillon kennt, 

Und Unzern nennt, 

Der kennt und nennt zwei Knaben, 

Die Gott erbarm's! die Seelenkrätze haben.' 
(derselbe ausdruck bei den humanisten: Jonckbloet Gesch.^ 1, 407). 
mit Vorliebe werden die beiden namen dann mit dem Nicolais 
zusammengebracht, dessen carricalur 'Säugling' auf jeden fall 
am bittersten empfunden wurde, von Jacobi selbst rührt gewis 
das epigramm auf Nicolai s. 334 : 

'Unter der grofsen Eiche bey ... in Westfalen: 

Einmal im Jahr erlaub' ich mir 

Was Böses nur zu denken 

Und heute dacht' ich : möchte hier 

Bös Nickel sich erhenken !' 
Doch nicht nur die kritiker, auch die dichter unter der um 
1770 hervortretenden Jugend stellten sich Jacobi meist feindlich 
gegenüber, so Bürger, s. Briefe von und an GABürger, heraus- 
gegeben von AStrodtmann (Berhn 1874). 1, 120 (17 mai 1773) 
schreibt Bürger an Boie über Sebaldus Nothanker: 'Aber was 
sagen Sie denn dazu, dass Jacobi unter Säuglings Nahmen drinne 
seine Rolle spielt?' namentlich aber vgl. 1, 175 (Gelliehausen, 
13 nov. 1773): 'Gramer schreibt mir gestern, in der Frauen- 
zimmerzeitung, die ich itzt zum ersten mal nennen höre, heifse 
es: Herr Bürger zeigt sich als einen nicht unglücklichen Nach- 
ahmer von Jacobi. Das will nicht hinunter I Das wird mir noch 
eine arge Cholik verursachen . . . Ich bildete mir bisher immer 
ein, ich möchte nun ein schlechter oder guter Poet sein, dass 
ich doch wenigstens, im ganzen genommen, ein bischen original. 



328 ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 

oder, wenn dies NVort zu stolz klingt, kein anderer als ich selbst, 
wäre. Was habe ich wohl mit Jacobi gemein ? Ist etwas, so will 
ich es von Stund aus ausmärzen und es für ungemacht rechnen. 
Gar nicht, weil ich Jacobis Poesie über die Gebühr verachte — 
ich schätze sie im Gegentheil viel mehr als andere — sondern 
weil ich lieber alles in der Welt als ein Nachahmer seyn wollte.' 
der folgende brief von Gramer gibt als Verfasser der recension 
den lieutenant von Hagen an, den herausgeber der Briefe 
an Klotz. 

Und noch entschiedener war die Stimmung der eigentlichen 
glieder des Göttinger bundes gegen Jacobi. Hölty ("Gedichte von 
LHCHölty, herausgegeben von KHalm, Leipzig 1869) s. 205 ver- 
öffentlichte im Wandsbecker boten von 1774 eine 'Petrarchische 
Bettlerode' als parodie auf Jacobis lied 'Wenn im leichten Hirten- 
kleide' (Jacobis Werke 2, 208). 

Um so schlimmer für unsern armen dichter, dass die an- 
grifle der feindlichen kritik nun auch von einem der aner- 
kanntesten Schriftsteller unterstützt wurden, in dem Jacobi bis 
dahin einen bundesgenossen , einen freund gesehn hatte : von 
Wieland. Wielands briefe an FHJacobi (FHJacobis auserlesener 
briefwechsel, Leipzig 1 825 — 27) zeigen die wandelbare natur des 
dichters auch in seinen freundschaftlichen Verhältnissen. 1, 26 
(11 april 1771) bezeichnet er GJacobi als seinen liebliugsdichter. 
es mag damals und nicht ohne zutun Wielands geschehn sein, 
dass in eine Steinplatte in den Ettersburger schattengängeu bei 
Weimar der zuruf Jacobis eingehauen ward: 

'o lasst, beim Klange süfser Lieder 

uns lächelnd durch dies Leben gehu, 

und, sinkt der letzte Tag hernieder, 

mit diesem Lächeln stille stehn.' 
(CMWieland , geschildert von JGGruber, Leipzig und Altenburg 
1815. 16: 2, 135). so vertritt auch Wieland (Jacobis brief- 
wechsel 1, 77: 1 oct. 1772) GJacobi bei Sophie la Roche, als 
dieser ihr eine Streitschrift zueignet ohne vorher ihre erlaubnis 
zu fordern, aber schon 1, 111 (12 märz 1773) meint er dass 
Georg nicht sei, 'was er sein könnte und sollte', und wirft ihm 
einen 'seltsamen Ton von christlich -andächtigem, verfeinerten 
Heidenthum' vor. dann folgt ein arger riss in die freuudschaft. 
Wieland hatte im Mercur den roman Nicolais gelobt: er ver- 



ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 329 

sucht vergeblich 1, 116 f (16 juH 1773) sich damit zu ent- 
schuldigen dass er jene carricatur nicht erkannt; endlich weist 
er die vorwürfe des entrüsteten bruders ziemlich schrofT zurück, 
da sollte FJacobi freilich bald gelegenheit erhalten Wieland für 
sein rücksichtsloses benehmen zu strafen: durch die Verbindung 
mit Goethe, der denn doch noch etwas anderes bedeutete als 
Nicolai , konnte er Wieland eine zeit lang in ärger und furcht 
versetzen (1, 176 f). 

Über GJacobis Verhältnis zu Goethe ist (zu meiner anm. 41) 
nachzutragen dass nach der ausgäbe der gedichte Goethes von 
HKurz, Hildburghausen 1870, das hed 'Im Sommer' schon in 
Goethes Gesammelten werken von 1815 steht: es bleibt also 
immerhin dabei dass es erst nach Jacobis tode von Goethe als 
sein eigentum angesprochen wurde. 

Geringere auskunft über dies Verhältnis, als ich erwartete, 
bieten die briefe von Goethe an Johanna Fahimer (sie ist die 
anm. 14 erwähnte Adelaide, vgl. Auserlesene briefe 1, 148 anm.) 
herausgegeben von LUrlichs, Leipzig 1875. s. 120 (19 märz 1777) 
schreibt Goethe: 'Georg Jakobi war bey uns, ich hab ihn nur 
den lezten Abend bey Wiel. gesehen, er ging ungerne weg.' 

Dagegen erfährt man näheres über den frühen ausgang der 
Iris und die Schwierigkeiten, die sich Jacobis Verheiratung mit 
seiner cousine entgegenstellten, aus einem briefe von Göckingk 
an Bürger (Briefe von und an B. 1, 379, Ellrich 15 dec. 1776): 
'Hr. Jacobi, Canonicus ad St. Mauritium, muss wohl nicht viel auf 
seinen Schutzpatron oder dieser wenig auf ihn halten, denn sonst 
könnt es doch warlich der heil. Moritz vor wenigen Toiletten verant- 
worten, dass er just da, als alle Welt die Iris in ihrem schönsten 
Licht und Pracht zu schauen dachte, sie in Duft auflösen und 
verschwinden lässt. Denn Bürger I wenn Ihr irgend ein empfind- 
sames Herz habt, so lasst's Euch geklagt seyn, dass Haude und 
Spener von 30 Bogen Mspt. auch nicht einen halben mehr 
drucken lassen wollen, alldieweilen von vielen Orten Paquete 
mit Protest zurück gesandt werden und die schönen Geister 
gröstentheils, troz! ihrer vorbelobten Einigkeit nicht mehr mit 
dem Hute in der Hand am Fufse des Parnasses unter dem Haufen 
der procul esto ! herumzulaufen und halbe Ludewige einzusammeln 
gemeint sind. Du Bösewicht wirst zwar so Deine eigne Gedanken 
darüber haben , aber wisse dass J. sich nicht so viel ! darum 
Z. F. D. A. neue folge VIII. 22 



330 ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 

schiert, denn er sizt in Zelle bey seiner Cousine und beklagt 
sich dass ihre Eltern in seine Heirath nicht einwilligen wollen, da 
er doch die Iris geschrieben bat.' 

Über Jacobis Wertschätzung in den achtziger jähren gibt der 
Almanach der beiletristen und belletristinnen fürs jähr 1782 
(Ulietoa) auskunft. er nimmt ihn zum kalenderheiligen für den 
3 beumond (die übrigen für diesen monat genannten sind lauter 
dichtende damen) mit der wetterbemerkung : 'Sonne — nimt — 
von uns Abschied' — und einer entsprechenden Schilderung s. 88. 

Übrigens erkennt noch Schiller Über naive und sentimen- 
talische dicblung (Werke, Stuttgart 1847, 12, 214) die Verdienste 
Jacobis neben denen Gerstenbergs an; und Novalis 3, 171 stellt 
Jacobis Schrift Nessir und Zulinia mit den Bekenntnissen einer 
schonen seele zusammen als 'ächte legenden oder predigten'. — 

Zu meiner anm. 63 trage ich nach dass Pfeffels briefe an 
^acobi seitdem abgedruckt worden sind von Aug. Stöber in seiner 
Alsatia, Colmar 1875. — 

Jacobis häuslichkeit schildern Friderike Brun , Episoden aus 
reisen durch das südliche Deutschland, durch die Schweiz und 
Italien von 1801 — 1805, Zürich 1806, i 107 f und Ernst 
Münch, Erinnerungen, lebensbilder und Studien, Karlsruhe 1836, 
I 215 f. die bezüglichen stellen widerholt Josef Bader, Das 
badische land und volk ii (Meine fahrten und Wanderungen im 
heimatlande, zweite reihe) Freiburg i B. 1856, s. 229 f, nur dass 
er jenen freundschaftlich verschönernden bildern gegenüber den 
gegnerischen stimmen vielleicht zu viel ausdruck gibt, so er- 
zählt er dass Jacobis spätere frau, 'das hirtenkind', ihrer jugend- 
lichen reize wol bewust war und 'als kindswärterin im sikingi- 
schen palais gar stolz einher schwänzelte mit ihrem hochroten 
Unterrock ' ; dass nach ihrer Verheiratung mit Jacobi beiden doch 
die erkenntnis der sie trennenden gegensätze aufgieng und nur 
der blick auf den söhn darüber binwegführte; dass endlich nach 
dem tode von mann und kind die alternde frau in überschwäng- 
licher Sentimentalität 'auf dem grabe der zwei vereinten ihre 
liebste Unterhaltung suchte — zuweilen selbst in stiller mitter- 
nacht', so dass über ihren geisteszustand schlimme nachreden 
sich verbreiteten, wie aber Jacobis nächste freunde von seiner 
heirat dachten , zeigt am besten ein brief von Schlosser an Ja- 
cobis verwandte, den Bader ebenfalls abdruckt, bemerkenswert 



ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 331 

für Jacobis litterarische Stellung ist die mitteilung Münchs, der 
sein Zuhörer auf der Freiburger Universität gewesen war, dass 
Jacobi gegen Schiller eine art antipathie nährte, welche besonders 
durch 'Die götter Griechenlands' erzeugt war. 

ERNST MARTIN. 

II 

Ich füge den nachtragen Martins einige worte hinzu, vor 
allem um eine falsche angäbe der anm. 41 seines buches zu 
berichtigen, an der ich ganz allein schuldig bin. der Karlsruher 
nachdruck, von welchem dort die rede, ist wahrscheinlich nur 
ein nachdruck des Himburgischen. das gedieht 'Im Sommer' 
steht in bd. 4 s. 245, und dieser band ist 1780 erschienen 
(nicht 1778: in dieses jähr fällt der dritte band). 

Zu anm. 18 (s. 26) bemerke ich dass Wieland schon am 
26 october 176S an Riedel schreibt (Ausw. denkw. br. 1, 224): 
'^yenn ich Zeit hätte, würde ich längst an Jacobi geschrieben 
haben.' er rühmt zugleich ganz aufserordentlich dessen Vestale 
(Sämmtl. w. Frankf. und Leipz. 1779. bd. 1 s. 104) und Venus 
im bade (s. 106): letztere sei ein exempel für Lessi.ngs sehr 
richtige grundsätze über die poetische maierei, Jacobi schildere 
seine liebesgöttin viel besser als Ariost seine AIcina. Georg 
Jacobi ist dann Wieland mit erüffnung der correspondenz zuvor- 
gekommen und hierauf schreibt ihm letzterer den ersten brief 
vom juni 1769 (Ausgew. br. 2, 314), worin er ihm sagt: 'Mich 
däucbt, Sie sind ganz eigentlich von der Natur bestimmt, für 
unsere Nation zu sein, was Chapelle, Chaulieu, Gresset, Bernis 
und Dorat für unsere Nachbarn jenseits des Rheins' (s. 318). 
Jacobi selbst nennt im ersten Brief (Sämmtl. w. 1779. bd. 1, 
3 — 5) als dichter, auf deren wegen zu gehen ihm Gleim empfohlen 
habe: Chapelle, Bachaumont, Pavillon, Bouillon, La Fare, Chau- 
lieu und Gresset. sein bruder Fritz sagt ihm ins gesiebt, auf 
seine Briefe hin : es gebüre ihm der name des deutschen Gresset 
(ungedr. br. aus Düsseldorf 16 april 1768). mit recht bat daher 
Martin s. 5 seine Charakteristik des dichters an eine Schilderung 
Gressets geknüpft. 

Das schliefst die erkenntnis nicht aus: dass dem Verfasser 
der Sittlichen grazie auch ein platz gebürt in der geschichte 
des naiven ideals. 

22* 



332 ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 

Es gibt von Grcssct eine nicht eben ausgezeichnete rede 
snr l'harnionie. er durchläuft darin, um die innigen beziehuugen 
der melodie zu allem was lebt zu beweisen, la natvre in den- 
jenigen welche aul" den blol'sen inslinct reduciert scheinen, wie 
er sich ausdrückt, er fasst darunter zusammen: les enfans, les 
habüüns des campagnes, les sauvages, les barhares, les animaux. 

Man erkennt ungefähr die demente des naiven wie sie 
Schiller an der spitze seiner berühmten abhandlung darlegt: 
*die nalur in pflanzen, mineralen, tieren, landschaffen, sowie 
die menschliche natur in kindern, in den silten des landvolkes 
und der urweit'; gleich darauf nochmals der hinweis auf wandeln 
im freien, leben auf dem laude, verweilen bei denkmälern der 
alten zelten; und zum dritten mal: ' liebhabereien für blumen 
und tiere, für einfache gärten, für Spaziergänge, für das land 
und seine bewohner, für manche producte des fernen alter- 
tums udgl.' 

Das wachsende und sich allmälich vertiefende interesse für 
diese Stoffe der poesie macht ein gutes teil der litteraturbewegung 
des vorigen Jahrhunderts aus. immer mehr strebt man vom 
schein zur Wahrheit, landvolk und urvvelt, das heifst anfangs 
hirteu und paradiesische zustände mit dem litterarischen hiuter- 
grund der ganzen pastoralen und idyllischen dichtung seit dem 
sechszehnten Jahrhundert, wenn die lateinischen dichter Deutsch- 
lands zu jener zeit in ihren Idyllen verhältnismäfsig das beste 
leisten, so beruht es darauf dass sie selbst meist aus den niederen 
ständen stammen und dass die erfahruugeu ihrer kindheit ihnen 
als bestes poetisches material zu geböte stehen, les poetes sont 
des hommes qni out garde leurs yenx d'enfants, sagt ein neuerer 
französischer romanschriftsteller (Daudet Jack 2, lü3j, und man 
kann dem satze leicht eine andere Wendung geben. 

An solchen Idyllen arbeitet der bauer gleichsam anonym 
mit, der bauer als die puppe, aus welcher der gelehrte poet aus- 
gekrochen, das pastorale costüm wird dann so allgemein dass 
es mit dem würklichen hirtenstande nur noch geringen oder gar 
keinen Zusammenhang behält, die bauern, welche das drama des 
sechszehnten und siebenzehnten Jahrhunderts gern im dialect 
sprechen liefs, verschwinden zusehends dafür legt der dichter 
eigene liebeserfabrungeu in hirtengedichten nieder, die galanterie 
des verfeinerten lebens beruht auf den idyllischen anschauuugen, 



ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 333 

und natur, Wahrheit, einfalt werden bezoichnungen des ideals, 
welche auch das raffinement im munde führt, aber das ideal 
lässt nicht mit sich spielen, seine macht wächst und der ernst, 
den es verlangt, die poesie steigt aus der höhe in die tiefe, sie 
kommt aus der ferne in die nähe; ihr gehalt an lebenswürk- 
lichkeit nimmt zu. die tragödie wird bürgerlich, der roman sucht 
das ländliche pfarrhaus auf, der bauer selbst wird erst episodisch, 
dann als held eingeführt, an die stelle des idealen paradieses 
treten die würklichen Urzustände der menschheit, repräsentiert 
durch die naturvülker, welche die erstarkende culturhistorische 
forschung immer umfassender in ihren kreis zieht: Gurli h^it 
eine lange Vorgeschichte, wir werden vielleicht nie genau wissen, 
auf welche weise sich poetische, nationalökonomische (die phy- 
siokraten), politische, ethnographische gesichtspunkte verketten, 
durchdringen, befruchten : denn auf allen diesen gebieten macht 
das naive ideal sich geltend. Europa demütigt sich vor asiati- 
scher cultur und uncultur, vor vermeintlich urweltlicher Voll- 
kommenheit, China erntet die bewunderung der französischen 
Philosophen, auch die Staatslehre hat ihre chinoiserien, der zopf 
wird das bedeutungsvolle symbol einer wenig schmeichelhaften 
geistigen Verwandtschaft, und doch ist auch der zopf ein fort- 
schritt zur natur und Wahrheit gegenüber der Staatsperücke des 
siede de Louis xiv. ich bin geneigt anzunehmen dass der an- 
stofs gerade von der poesie ausgeht und auf die Wissenschaften 
würkt, welche dann natürlich auf die poesie zurückwürken und 
ihr neuen stoff zuführen, doch wird sich ein beweis dafür, 
wenn überhaupt, eher deductiv als inductiv herstellen lassen. 

Innerhalb dieser ganzen grofsen bewegung nun hat auch 
Georg Jacobi seine bescheidene stelle, er kämpft für die Wahr- 
heit und unverkünstelte empfindung gegen die unnatur und Con- 
vention: daher sein Sterne- und speciell Lorenzocultus. er be- 
müht sich dem nahen und gewöhnlichen , dem einfachen und 
alltäglichen poetischen reiz abzugewinnen gegenüber den grofsen 
effecten und gewaltsamen erfindungen. er empfiehlt die griechische 
'der natur völlig gemäfse' tracht, deren würkliche einführung 
er aber nicht für möglich hält, er wünscht 'das einfache, das 
wahre gefühl, dem die kunst nichts geliehen, dem es mühe 
kosten würde, mit hilfe der einbildungskraft fremde gegenstände 
sich eigen zu machen, auf welches aber die gegenwärtigen desto 



334 ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 

gewisser vvürken' und er knüpft diese Herderschen gedanken 
an ein gespräch mit Moser über die dichtkuust der ältesten 
Zeiten (Sommerreise: 2, G9. 63 der ausg. 1779). 

Wenn trotzdem in Jacobis poesien für uns der eindruck 
des Conventionellen überwiegt, so liegt das erstens in seiner 
minderen, wenig originalen begabung, zweitens in der constellation 
seiner bildung, welche ihn stark auf die Franzosen hinwies, er ist 
neun jähre vor Goethe geboren, und die französierende richtung 
war nicht eher erschöpft als bis man grazie, Zierlichkeit, leich- 
tigkeit erreicht hatte: darum gehört Jacobi so dicht neben 
Wieland: jene raphaelische grazie in Goethe, welche ihm 
durch alles Shakspearisieren und Hanssachsisieren hindurch als 
unverlierbares erbteil geblieben ist, stammt aus seiner Leipziger 
zeit, aus der schule von Wieland und Oeser. als in Goethe 
die 'deutschheit emergierte', da war Jacobi schon dreifsig jähre 
alt und starker wandelungen nicht mehr fähig, am Niederrhein, 
wo er aufwuchs, im adel, mit dem er früh verkehrte, dominierte 
französische bildung. die jungen damen seiner familie schrieben 
meist französisch oder doch besser französisch als deutsch, die 
gräfm Hatzfeld, auf die ich gleich zurückkomme, lernte erst in 
ihrem achtzehnten jähre deutsch lesen und schreiben (Jacobi 
Briefe xx. Martin s, 24 aum. 13). über das damalige Düssel- 
dorf vgl. Deycks FHJacobi (Frankf. 1848) s. 7 Ü\ 

Ich liebe nicht die formein , aber w enu ich für Georg 
Jacobi eine aufstellen sollte, so würde ich sein gebiet als das 
graziös naive oder die naive grazie bezeichnen. 

Grazie aber ist eine gesellige tugend. der hiutergrund für 
Georg Jacobis poesie ist dieselbe art liebenswürdigen Verkehrs, wie 
wir sie aus Fritz Jacobis AUwill und Woldemar kennen lernen, 
auch Georg Jacobis bild ist für uns umgeben von einem kränze 
anmutiger fraueugestalten, welche er in seinen poesien nur selten 
mit ihrem wahren namen und jedesfalls nicht mit vollem namen 
nennt, lassen sich diese frauen erkennen ? w issen wir sonst 
etwas von ihnen? . . . 

Meine geehrten leser sehen dass ich wider auf bestem wege 
zu den verpönten — ' schnurrpfeifereien ' bin: wir könnten 
übrigens das wort als terminus technicus für alle solche forschun- 
gen beibehalten, vielleicht wird der Schimpfname ein ehrenname. 

Bei Jacobi wie bei Wieland und bei anderen liegen mehrere 



ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 335 

gründe vor, aus denen wir uns die mühe der schnurrpfeiferei 
nicht erlassen dürfen. 

Einmal ist es üherhaupt wichtig zu wissen, wie viel erlebtes 
die poesie eines dichters enthält. Wilmanns hat neulich im 
Anzeiger i, 154 die frage wider für die mhd. lyriker angeregt, 
bei denen sie jedesfalls tiefe, schwierige und doch unbefriedigende 
Untersuchung erfordert, haben aber solche fragen nur dort wert, 
wo man sie nicht recht beantworten kann und verlieren sie den 
wert, sobald man mit einiger Sicherheit bescheid weifs? 

Dann ist für Jacobi, wie ich eben zeigte, der gesellige verkehr 
ein haupthebel seiner poesie in ihrem specitischen Charakter. 

Drittens bezeugt er selbst 2 (1825), 213 dass er sich die 
poetische Stimmung nicht am Schreibtisch holte, sondern an den- 
selben mitbrachte, dass er nicht erdichtete, sondern was in ihm 
vorgieng dichterisch ausdrückte. 

Viertens besteht das eigentümliche frauenhafter zeiten gar 
nicht darin dass die frauen selber sich an der litteratur activ 
beteiligen, sondern in ihrem stillen personlichen einfluss auf 
die männer. es .ist daher für die culturgeschichte an sich von 
wert, möglichst viele frauenporträte zu erhalten und besonders 
solche frauen näher kennen zu lernen, welche mit ausgezeichneten 
mäunern in Verbindung gestanden haben. 

Ich beklage deshalb dass Martins pubhcation in den QF 2 
alle briefe ausgeschlossen hat, welche nur persönliche beziehungen 
Jacobis illustieren. ich habe mir den grösten teil der familien- 
briefe abgeschrieben und werde, wenn sich gelegenheit findet, 
noch mehr davon veröffentlichen. ' 

Auch aus den briefen der Laroche und besonders ihrer 
tochter Maximiliane (Martin s. 26 aum. 19), welche sich nicht 
bei den familienbriefen befinden, hätte ich gerne mehr erfahren, 
vgl. über das Verhältnis zur Maxe Martin s. 12. 31 anm. 34. 

Den anfang ihrer beziehung zu Jacobi erzählt frau von 
Laroche in dem buche Mein schreibetisch 2, 82. ihre tochter 
hatte ihr aus Jacobis Sommerreise vorgelesen und darüber ge- 

' bei den briefen der Fahimer (Im neuen reich 1S75, nr 4S) habe ich 
übersehen dass der gelegenheitsvers Fritzens am 16 april 176S 'Da kömmt 
mit frischen Wangen mein Täntchen hergegangen' aus einem gedichte Georgs 
'An die Liel)esgötter' I (1'79), 109 entnommen ist, wo esheifst: 'Da kömmt 
mit frischern Wangen mein IMädchen schon gegangen.' 



336 ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 

sprochen, ihre äulserungen bei der geschichte vom Vermächtnis 
dünkten sie so schön dass sie dieselben Jacobi bekannt machen 
wollte, sie bediente sich dazu einer kleineu als canonicus ge- 
kleideten Statue des Amor, welche sie ohne ort und Unterschrift 
mit einem briefe nach Halberstadt schickte, den brief 'Amor an 
Georg Jacobi' vom 9 november 1769 teilt sie s. 83—93 mit: 
Jacobi ist darnach das urhild des mannes, für welchen das herz 
ihrer tochter klopfen soll. Jacobi antwortete darauf am 3 de- 
cember 1769 'in der Hamburger Zeitung' mitgeteilt s. 93 — 99. 

Der wünsch persönlicher bekannlschaft erfüllte sich im 
Sommer 1771, wo Georg mit Fritz und Wieland in Ehrenhreit- 
stein zu gaste war. damals entstanden die lieder an Elisen 3 
(1779), 162 — 169: Jacobis vorr. zum zweiten bände der ge- 
samnitausgabe, Januar 1808 (ausg. 1825). vielleicht ist Maxi- 
miliane unter Elise gedacht, das gedieht 'Der Schmetterling' ist 
mit einer Zuschrift 'An Pauthea' versehen, wofür später geradezu 
'An Sophie von Laroche' eintrat, gehört auch Charmides und 
Theone in diesen Zusammenhang? 

Jener übersandte Amor aber ist in mehrfachem sinne in- 
teressant, ein ähnlicher scherz spielte wenig früher mit der gräfin 
Hatzfeld, und die geschichte vom Vermächtnis, welche auch sonst 
den gröslen eindruck gemacht hatte, enthält nachweislich erlebtes. 

Hr WvMaltzahn besitzt (Bücherschatz s. 463 nr 1308) ein 
prachtvolles exemplar von Wielands Musarion, 'in blaue seide 
gebunden, mit silberstickerei und silberschnitt, in futteral '. auf 
dem vorsetzblatte steht von Georg Jacobis band: 'Ein Geschenk 
von der Gräfin Philaide Louise von Hatzfeld, im October 1769.' 

Damit hat es folgende bewandtnis. Jacobi, der im december 
1768 (nicht 1769 wie vlttner und Martin angeben: die Vorbe- 
merkung zu den Nachtgedanken ist vom 7 Januar 1769) canonicus 
zu Halberstadt geworden war, veröffentlichte im laufe des folgenden 
Jahres, etwa im sommer 1769, einen 'Abschied au Amor, Halle 1769' 
(diesen druck verzeichnet Goedeke § 227, nr 441, 10). zwei 
gedruckte erwiderungen darauf, die eine von Gleim, s. bei Goe- 
deke aao. auch Wieland wollte sich Amors annehmen, brief 
vom September 1769 (Ausgew. br. 2, 321). 

Eine andere erwiderung gieng von der gräfin Hatzfeld aus. 
sie ist als Philaide schon in Georg Jacobis Briefen xix. xx be- 
sungen und angeredet, sie war stiftsdame zu Gerresheim und 



ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 337 

wird auch in Brief xxiii und xxiv erwähnt (Werke von 1779 
bd. 1, s. 67 — 70. 77. 87). im j. 176S erst lernte sie deutsch, 
worauf sich Jacobibrief xx bezieht, mit einem deutschen briefe 
beantwortete sie nun auch den abschied des Amor, indem zu- 
gleich Amor in person (also ohne zweifei eine Statuette) das 
schön gebundene exemplar der Musarion überreichte und so zu 
dem dichter gleichsam zurückkehrte. 

Das muss im September 1769 gewesen sein, nicht october: 
denn am 19 September fragt Fritz Jacobi, ob man den brief nicht 
drucken lassen könne, er solle statt eines manifestes dienen (vgl. 
Martin s. 24 aum. 13). nur der dritte und vierte bogen des 
briefes sind handschriftlich erhalten, ob Georg dem wünsche 
seines bruders nachkam, weifs ich nicht, er liefs eine antwort 
'An die Gräfin**. Halberstadt 1769' (Goedeke aao. nr 441, 14) 
drucken, worauf sie ihrerseits am 29 october 1769 in einem 
erhaltenen briefe erwiderte. 

Wenn jener antwort das stück mit gleicher Überschrift in 
den Werken i (1779), 150 — 156 genau entspricht, so hat er nur 
stellen aus ihrem briefe seinem dankschreiben eingewobeu. 

In einem späteren briefe beschäftigt sie sich damit, arien aus 
Jacobis Elysium (1770) in französische verse zu übertragen. — 

In der antwort an die gräfin gilt noch Belinde als die 
eigentliche herrin von des dichters herzen, vgl. Werke i (1779), 
58 — 66. 125. 129. 138. 156. n, 87. 88; Martin s. 7. 12. 31 
anm. 33. ihr name ist nicht bekannt, aber eine anzahl franzö- 
sischer briefe, welche sich unter den familienbriefen finden, 
schreibt Martin wol mit recht ihr zu. 

Belinde lebte in Halle, sie geht da mit frau Klotz zur 
fürstin von Anhalt-Bernburg (Martin s. 3). ein frl. von Dankel- 
manu und ein frl. Janssen sind ihre freundinnen : der letzteren 
hatte Jacobi von seinen werken geschickt, die mutter nimmt ihr 
aber alles weg. Belinde selbst correspondiert mit dem dichter 
ohne wissen ihres vaters. sie kommt in der geschichle vom 
Vermächtnis vor. 

Jacobi hatte ein junges mädchen regelmäfsig unterstützt, 
deren sterbender vater sie ihm empfahl, der abschied von ihr, als 
er Halle verliefs, war ihm nahe gegangen: er fand sie auf einer 
späteren reise wider. 'Wollen Sie, sagt' ich zu einem zärtlichen 
Frauenzimmer, diese Familie, die ich immer als ein mir theueres 



338 ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 

Vermächtnis betrachtete, wider als ein Vermächtnis von mir an- 
nehmen? Sie versprach es' ... so erzählt er in der Sommer- 
reise, welche im oclober (vor dem 8 october') 17G9 erschien. 

Diese Freundin ist Belinde. Jacobi hatte ihr seine antwort 
an die Laroche mitgeteilt, sie erwidert am 12 februar 1770: 
L'anecdote de la mere et de Ja fille est attendrissante. je voudrois 
lire la lettre de la premiere, ne vons semhle-t-il pas juste de me 
la communiquer? vous avez su rendre le Legs si interessant 
qnil doit faire la plus forte impression sur vos leclenrs et leur 
inspirer la hienfaisance. oni, mon eher ami, mille riches vous 
devront comme moi le plaisir de faire du hien, et mille malheu- 
rtiix da soulagement da)is leur misere. si vos lecteurs m'admirent, 
je sens combien je dois au recit avantageux qne vous failes de 
mon adion, et ä ce que vous me mettez d cöte de deux per- 
sonnes estimables — c'est qu'on vons admire. je crois quid on 
anra decouvert que moi je suis la legataire. folgen nähere nach- 
richten über das arme mädchen. 

Ohne solche Zeugnisse würde mau sich kaum vorstellen, 
wie neu es war, das woltun als einen genuss zu empfinden, wie 
das Zeitalter der humanität so im kleinsten kreise sich nach und 
nach durchsetzt. 

Das Verhältnis zu Belinden spiegelt sich in den gedichten 
nur dem allgemeinen Charakter nach wider, es war ein sehr 
leidenschaftliches: je vons ai tonjours cm le meilleur des hommes 
— schreibt sie; celte persuasion rendit mon coenr sensible, eile 
donna du charme d votre tendresse et du feu d la mienne, eile 
me conseilla de vous montrer tonte ma tendresse. Auch den ge- 
dichten merkt man eine wahre leidenschaft an, aber sie ist 
schüchterner, wenigstens noch in den Briefen xvui. die geliebte 
trägt natürlich das schäfercostüm , die Zusammenkünfte müssen 
heimlich sein, der überwachende vater hat sich in die conveu- 
tionelle mutter verwandelt, und der verräterische spionierende 
alte faun braucht kein vorbild im leben gehabt zu haben. 

Dagegen ist die noune Antoinette der Sommerreise wider 
aus der würklichkeit genommen, wie das gedieht 'Au Autonetteu' 
zeigt, zu welchem in der späteren gesammtausgabe 2, 174 die 

• Lene Jacobi an Georg am 12 october 1769: 'ich wünschte, Du hättest 
uns vergangenen Sonntag Morgen gesehen . . . mein Bruder las uns Deine 
göttliche Sommerreise vor.' dieser sonntag war der S october. 



ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 339 

bemerkuDg steht: 'dieses Lietl wurde zwar durch eine junge artige 
Klosterfrau veranlasst, ihr selbst aber niemals gezeigt', ihre 
grabschrift s. 2, 318. 

Die in den gedichten vorkommenden familienmitglieder sind 
grofsenteils leicht zu erkennen: Betty, Adelaide, Lenelte, Loltchen 
(2, 321) oder beide jüngste Schwestern, Lenchen von Clermont 
zu Vaels bei Aachen (2, 389). 

Die werke sind chronologisch geordnet, die namen von 
hirtinnen vor Belinde (Seiine, Chloe, Lalage, Themire, Asträa) 
weifs ich nicht zu bestimmen, doch wird les sich zum teil um 
Hallenser damen handeln, denn was Seline anlangt, so verlangt 
eine cousine Jacobis am 18 august 1767: racontez-moi avant 
toutes choses Vhistoire de Seline, que je menrs d'envie d'ap- 
prendre. si je ne nie trompe, eile sera particnlierement interes- 
sante, vous me ferez un plaisir infini en me faisant part de tontes 
les aventnres que vous avez en d Halle, das werkchen 'Leander 
und Seline, oder der Paradeplatz, Mannheim 1765' war mir wie 
alle einzeldrucke Jacobischer Schriften unzugänglich. — ein ge- 
dieht an Themire ist ein entschiedenes gelegenheitsgedicht, und 
Themiren wird Asträa an die seite gesetzt, dagegen können 
Chloe und Lalage sehr wol erfunden sein. 

Es folgt Belinde, ferner Antonette, Elise, dann die zweite 
Chloe: Caroline Jacobi in Celle, von ihr auch ein gedieht an 
Gleim mitgeteilt. 

Jacobi wurde in Celle sehr gefeiert, eine 'gesellschaft artiger 
Cellenserinnen' führte ihn einst in einen öffentlichen garten, 
zeigte ihm ein vor kurzem darin angelegtes elysium und sang 
zwischen kleinen rasenaltären die schlussarien seiner Schatten 
(vorr. zum 'Schmetterling': diese teilweise aufführung ist wol 
nicht identisch mit der vollständigen, oben s. 324 von Martin 
erwähnten), eine cousine schreibt ihm : 'ich für mein Teil werde 
noch immer mehr in der Meinung bestärket: dass noch nie ein 
Mann gelebet hat, der so sehr der Heilige von denen besten 
meines Geschlechts gewesen ist, wie Sie mein Liebster es sind und 
gewiss immer bleiben werden.' 

Wie hübsch Caroline des ehemaligen bräutigams geliebte 
und spätere frau in dem Singspiel Phädon und Naide erkannte, 
sieh bei Martin s. 40 anm. 69. 

Was diese frau selbst anlangt, von welcher Martin oben 



340 ÜBER JOHANN GEORG JACOBI 

wider gesprochen hat, so will ich zum schluss ein (von Martin 
QF 2, 40 anm. 68 erwähntes) an sie gerichtetes schreiben 
Jacobis mitteilen, welches am besten das Verhältnis charakterisiert 
und worin der dichter den äul'sersten umriss seines ganzen 
lebens zeichnet. 

Am ersten Weinachts tage 1791. 

Diesen Nachmittag, liebe Marie, als Du neben mir safsest 
und so gutherzig mich anblicktest, da gedacht' ich an mein ver- 
gangnes Leben, wie ich einst des Guten so viel hatte, wie ich 
geliebt wurde, bis zur Schwärmerey geliebt von den besten, 
edelsten Seelen, wie überall neue Freude mir entgegen kam, und 
iedes Wölkchen am ilimmel, iede Blume des Feldes mich zu Liedern 
begeisterte. In ienen Zeilen war ich oft wegen meines Reich- 
thums übermiithig, erkannte das Gute, das mir die Vorsehung 
schenkte, nicht genug, liefs manches Vergnügen uugenossen vor- 
beygehen, und vergalt nicht alle die Liebe, mit welcher iene 
freundlichen Seelen mir anbiengen. Bald aber wurd' ich gewahr, 
dass auf Erden nichts bleibendes ist. Eine Freude nach der 
andern welkte dahin, so manches Auge, das mir Liebe zugewinkt 
hatte, schloss sich auf ewig; die Gefährten meiner Jugend wurden 
von mir getrennt ; vieler Herzen liengen an zu erkalten ; die 
Wölkchen am Himmel glänzten nicht, wie vordem, weniger schön 
waren die Blumen des Feldes, und immer schwächer tönte mein 
Gesang. Nun rief ich die geschiednen Freuden zurück; aber 
umsonst; gieng umher, ein liebendes Herz zu suchen, an welchem 
ich ruhen könnte; aber umsonst — Da kamst Du, liebes 
Mädchen, und lächeltest mich an; da streckt' ich die Arme aus 
nach Dir, und Dich iammerte des Verlassneu, und Du gelobtest, 
die meinige zu seyn auf immer — so bleibe denn mit aller 
der Liebe, die in Dir ist! Siehe! meine Haare beginnen weifs zu 
werden — bleibe, dass ich Dich segne in meiner letzten 
Stunde ! Mein ganzer Reichthum bist Du. Ach ! Vergiss es nicht, 
und nicht der Thränen, die wir mit einander weinten an diesem 
Tage — Freudigere Thränen noch, das hoff' ich, weinen wir 
alsdann, wann ein kleiner Knabe da liegt auf Deinem Schoofse, 
wenn er, mit dem Lächeln seiner Mutter, nach mir aufblickt, 
und ich ihn küsse an Deiner Brust. 

8. 4. 76. SCHERER. 



LITTERATUR DES ZWÖLFTEN JAHRHUNDERTS 341 



LITTERATUR DES ZWÖLFTEN 
JAHRHUNDERTS. 

2. 

GEISTLICHER RAT. 

Wenn ich in der vorrede zu QF 12 s, ix bemerkte, die 
zweifei, die mir bliebeü, seien oft nur in anmerkungen, oft auch 
gar nicht angedeutet: so bezog sich dies hauptsächlich auf die 
Verteilung der besprochenen gedichte nach landschaften. 

Versucht muste eine solche Verteilung einmal werden, die 
frage nach der heimat lilterarischer denkmäler werfen wir nicht 
aus conventioneller neugier auf, weil es in der philologie einmal 
so hergebracht ist, sondern weil wir wissen wollen, aus welchem 
boden die pflanze ihre kraft sauge, dann müssen wir aber auch 
darauf ausgehen das causalverhältnis zu erforschen, das zwischen 
einem bestimmten boden und der gesammtheit seiner producta 
obwaltet, ich weifs nicht wie man das erreichen oder in einer 
darstellung anschaulich machen will, wenn man die Ordnung 
nach dem Inhalt als haupteinteilungsgrund festhält. 

Natürlich bleibt dann vieles unsicher, schon dass man jedes 
denkmal da lässt, wo es gefunden ist, wenn man sich nicht aus- 
drücklich von der fundstelle hinweg gewiesen sieht, schon dieser 
grundsatz kann eine menge Irrtümer im gefolge haben, die auf 
keine weise zu vermeiden sind, der fehler wird gemildert durch 
die erwägung: dass ein litterarisches product nur dort anklang 
findet, wo es vermöge des herschenden geschmackes auch hätte 
entstehen können. 

Es gibt ferner eine menge denkmäler, bei denen es historisch 
ziemlich gleichgiltig ist, wo sie entstanden sind, wenn man nicht 
legendenfabriken , novellenfabrikcn nachweisen kann : für die 
einzelne legende, für die einzelne novelle, die sich nicht über 
den durchschnittscharakler erhebt, ist es recht uninteressant zu 
wissen, wo ihr dunkles dasein den ausgang genommen hat. 

In allen solchen fällen eine zusammenhangende erzählung 
durch die phrase zu unterbrechen 'wenn das stück hiehergehort', 
'wenn es anders erlaubt ist, hier' usw., das wäre ebenso ge- 



342 LITTERATUR DES ZWÖLFTEN JAHRHUNDERTS 

schmacklos wie nutzlos, ich habe mir diese wolfeilcn redens- 
arten daher öfters gespart, in wichtigen dingen, wie bei der 
locahsation einiger denkniälcr in Kärnten, muste icli die nötige 
einschränkung dagegen hinzufügen, obgleich in QF 1, 62 — 69 
meine argumentation ganz klar vorliegt und ihre schwachen Seiten 
keineswegs verbirgt. 

In andern punkten, die mit der geographischen Verteilung 
nichts zu tun haben, wie die mehreren teile der Vorauer Genesis 
und des Lebens Jesu, suchte ich mich möglichst vorsichtig aus- 
zudrücken und einer entscheidung über eben erst angeregte 
fragen nicht vorzugreifen, freilich, eine in sich abgeschlossene 
folge von Versen, die mit den worten dd mite si diu rede ver- 
endet schliefst, als ein besonderes gedieht zu bezeichnen: das 
halte ich für mein gutes recht. 

Mein buch wird also, trotz den lautgewordenen einwen- 
dungen, den augenblicklichen stand der forschung ungefähr wider- 
geben. 

Einen im buche unausgesprochenen zweifei, der sich auf 
den s. 116 behandelten Geistlichen rat bezieht, möchte ich hier 
nachträglich zur spräche bringen, um ihn jetzt bestimmter, als 
es früher möglich gewesen wäre, zurückzuweisen. 

Das stück setzt, wie ich schon aao. hervorhob, die nachbar- 
schaft von manns- und frauenkloster voraus, doppelklöster finden 
sich mehrfach im mittelalter, so in Admont, in Engelberg und 
sonst: vgl. Bodmann Rheingauische altertümer s. 235. 897. auch 
die dominicanischen gründungen von uonneuklöstern setzen regel- 
mäfsig die nähe von 'brüdern' voraus. 

Das frauenkloster Adelnhausen nun, woher das gedieht stammt, 
ist dominicanisch, es wurde allerdings nach der rege! des hl. 
Benedictus im dreizehnten Jahrhundert gestiftet, aber schon um 
1235 setzten sich die dominicaner zu Freiburg im Breisgau fest 
und seit 1245 etwa nahm das benachbarte Adelnhausen ihre 
regel an: Gerbert Hist. nigrae silvae 2, 22 — 24. vgl. auch 
Greith Mystik im predigerorden s. 293; Preger 1, 138. 

Dürfen wir dann aber, nach dem eben berührten grundsatze, 
das kleine denkmal von Adelnhausen hinwegriicken und ihm eine 
andere heimat suchen? und wenn es in Adelnhausen, im kreise 
der dominicaner entstand, muss es nicht dem dreizehnten oder 
vierzehnten Jahrhundert angehören? sind die wenigen unreinen 



LITTERATUR DES ZWÖLFTEN JAHRHUNDERTS 343 

reime nicht von der art tlass sie auch einer späteren zeit als 
dem zwölften Jahrhundert gemäfs wären? 

Die handschrift, welche das gedieht enthält, befindet sich 
jetzt in Zürich und ist von AYackernagel Altd. pred. s. 27 If 
beschrieben, sie ist von drei bänden geschrieben, die dritte hat 
am scbluss den tractat Von hern Selphartes 7'egel hinzugefügt 
und die worte Dis buoch ist swester eilzen tröschm ze addnliusen. 
vn sol niemer hinnan komen eingetragen, diese dritte band ist 
also wol sicester Eilzen Tröschin band ; erst aus ihrem besitz 
ist das buch in den des klosters übergegangen; die handschrift 
rührt der hauptsache nach nicht von ihr her, und sie braucht 
nicht in Adelnhausen entstanden zu sein, sie kann von ihr 
mitgebracht, sie kann ihr von aufsen geschenkt sein. 

Ja, das buch ist der grundlage nach wahrscheinlich 
aufserhalb Adelnhausens entstanden, die erste band hat jene 
oberrheinische anonyme prcdigtsammlung geschrieben , welche 
noch in mehreren exemplaren vorhanden und von Max Rieger in 
Wackern agels Predigten s. 384 — 393 hübsch charakterisiert ist, 
vgl. s. 263 ff. 517 — 544. die Sammlung fand sich bei den bene- 
dictinern zu SGeorgen, den karlhäuscru zu Gaming, den augusti- 
nerchorherren zu Klosterneuburg und im Slawantenkloster bei 
Mastriebt (Zs. 2, 302). die häufigen citate aus Augustinus und 
Rernhard (Rieger s. 392), die abwesenheit von citaten aus Alber- 
tus magnus oder Thomas von Aquino, deuten eher auf einen 
augustiuischen oder cisterciensischen Verfasser als auf einen 
dominicanischen, die predigten sind ursprünglich in einem 
frauenkloster gehalten , aber einige handschriften tilgen die be- 
ziehungen auf eine weibliche Zuhörerschaft: und dazu gehört auch 
das Adelnhäuser manuscript (Rieger s. 385). wäre es in Adeln- 
hausen geschrieben, so würden diese beziehungen gewis beibe- 
halten oder widerhergestellt sein. 

Dieselbe erste band nun , von welcher die predigten her- 
rühren, hat auch den Geistlichen rat geschrieben, es ist also klar 
dass wir an das kloster Adelnhausen in keiner weise gebunden 
sind, wenn wir uns auch durch die prcdigtsammlung, in deren 
gesellschaft das gedieht auftritt, am Oberrhein festgehalten sehen. 

Für das zwölfte Jahrhundert fallen dann ins gewicht, aufser 
der grofsen eiufachheit des tones, die fehlenden umlaute in z. 16 
huote : genmote, z. 156 oren : hören. 



344 LITTERATÜR DES ZWÖLFTEN JAIIRIIÜNDEHTS 

Was sonst die reime anlangt, so muss icl» die note QF 12, 
116 berichtigen, von einsilbigen reimen wird nur ungenau sein 
137 zit : l/p, denn 173 darf man wol har : schar schreiben, z. S2 
wird man dar in scln'eiben und z. 104 das überliel'erfe hin nicht 
antasten. 

Zweisilbig verschleifbar ungenau: 2b sage : ahe, b^ gezogen : 
lobm, 115 lade)i : behagen. 

Alles bisher nur consonantisch unrein, unter den klingen- 
den aber z. 19 uren : geke'ren; aufserdem 51 genauen : emphdhen, 
55 betragen: gdhen, 111 geloube : ouge, 141 enphdhen : vrdgen 
(z. 157 lies munde : se stunde). 

Den reim vone : kome 145 f habe ich nicht mit aufgeführt: 
denn beide Zeilen dieses reimpares sind unmüglich in der über- 
lieferten gestalt. in sinen loillen komen steckt wol jedesfalls 
sinen wiUekomen (wenn später nur das starke masc. wUkum ge- 
braucht wird, so erklärt sich daraus die Verderbnis), was das ver- 
bum bieten voraussetzt, wozu natürlich nur got das subject sein 
kann, die z. 145 ist schlechtes llickwerk und muss ganz fort, 
man kann sich begnügen in einem kritischen texte das reimpar 
so zu drucken: 

wie got nach 

. . biete stnen unllekomen. 

Dass es sich um den empfang der auserwählteu im himmel 
handelt, sieht jeder, aber das reimwort auf wiUekomen ist schwer 
zu finden, meine unsicheren einfalle möchte ich nicht mitteilen. 

Dass die anrede in z. 63 verderbt sein müsse, hat schon 
Wackernagel bemerkt, aber die Verderbnis der anrede geht 
weiter. 

Die nonne, an welche das gedieht gerichtet ist, wird über- 
haupt viermal angeredet, z. 14 ist die anrede liebez kint durch 
den reim gesichert: aber z. 1 soll 3Iea karissima auf min reimeü, 
z. 63 liebez kint auf sin; z. 166 ist liebe tohter min (: sin) zwar 
ein genügender reim, aber kein genügender vers : denn das kleine 
denkmal ist nach mhd. regel metrisch streng behandelt, und die 
silbe er in tohter ist gewis nicht mehr hebungsfähig wie in 
früherer zeit QF 1, 73. 7, 79. 

Es muss hier consequent die ursprüngliche anrede verändert 
sein, ich mochte deshalb und noch aus einem andern gründe 
nicht einfach z. 166 durch ein vorgesetztes vil oder eine inter- 



LITTERATUR DES ZWÖLFTEN JAIIiUIÜNDERTS 345 

jection auf die richtige länge bringen, das possessivum als reim- 
wort ist durch dm : sin, sin : diu z. 9. 29. 41. 97. 133. 159 
hinlänglich vertreten (vgl. noch sin : in 81, meist erin : din 93). 
die anrede zu anfang des gedichtes und zu anfang des schluss- 
wortes z. 1 und 166 war wol gleich, und z. 1 würden wir durch 
tohter min einen unerlaubten rührenden reim bekommen. 

War vielleicht die anrede min vil liebes tohteiiin oder etwas 
ähnliches z. 1. 166, tohterlin z. 63 einem späteren Schreiber 
anstöfsig, weil zu tändelnd und zärtlich? 

Jedesfalls nehme ich an dass die betreffenden reime rein 
waren, desgleichen wird in z. 8 sicherlich geschaft das reim- 
wort auf craft sein, dagegen ist z. 89 gehörsami wol der rest 
von drei versen, die ich nicht sicher zu ergänzen weifs: das 
gebäude braucht vier wände, es fehlt die vierte tugend, etwa die 
armut, — oder vielmehr die dritte tugend , da gehorsam wol 
zuletzt stand. 

Wenn ich demnach von z. 89. 90 und den unsicheren z. 
145. 146 absehe, so bleiben 87 reimpare. davon sind unter 
Voraussetzung der oben vorgeschlagenen gestaltung des textes 
nur 9 ungenau, 8 consonantisch, ein klingendes vocalisch. 

Ein par emendationen darf ich 'im vorbeigehn' wol noch 
anfügen, weil sie bei meiner besprechung des gedichtes in QF 12, 
116 zum teil vorausgesetzt werden. 

Z. 22 wol oder dir zu streichen, das asyndeton wie nach 
z. 30 und 73. in z. 31 schlägt Steinmeyer mcezlich vor statt 
meistlich, man darf es dann aber nicht ironisch verstehen, son- 
dern wie mit zühten gemeit. 

Z. 38 dich zu streichen, z. 48 lies din dienest sol in sin bereit: 
die alte Wortstellung scheint mehrfach verändert, z. 52 daz er. 
Z. 65 — 74: dar umbe soltu nemen war 

daz da dnrch niht envar 

noch dar inne belibe 

daz got dar uz tribe: 

höhvart zorn nit unde spät: 

da bi enwil der suoze got 

dekeine wile twellen niht. 

in swes herce er siht, 

daz sol genöte sin bewarl, 

diu dkust gar dd vor verspart. 
Z. F. D. A. neue folge VHI. 23 



346 LITTEIJATUR DES ZWÖLFTEN JAIIHlIUNOEnTS 

Z. 77 es zu streichen, z. 93 lies beuliu der meiste} in. 
z. 96 der gehörsam. z. 118 mit der wären minne breit, z. 128 
ouch zu streichen. 

Z. 148 — 156: wie liepJiche si grnoze 

ir uz erweltiu kint 

diu da zuo eikorn sint, 

wie die heileyen singen, 

wie die seilen Mingen, 

wie die trumhen schellen, 

wie vrceliche dir hellen 

diu wort in din ören 

diu du denne soll hören. 
in der letzten zeile endlich lies diu dir da vor ist geseit. ein 
künftiger heratisgeher mnss auch durch bezeichnung der ab- 
schnitte dafür sorgen die einfache gliederung des gedichtes an- 
schaulich zu machen, die ersten sechs abschnitte zeigen 5, 4, 
5, 6, 4, 6 reimpare; aber für weitere regelmäfsigkeit möchte 
ich nicht einstehen, wenigstens von z. 137 an scheint jede 
gliederung zu verschwinden. 

6. 3. 76. SCHERER. 

3. 

TROST IN VERZWEIFLUNG. 

s6 verlorn, 

di habent daz boeser teil erchorn. 

swer sihs ze rehte chan verstau, 

der mag überguotei^ tröst han. 
5 swer si ze rehte wil merchen, 

den mach si wol gesterchen, 

daz er an gotes dienest deheinen zwivel darf han 

und froelich muoz dar gän. 

So er den lip gar beginnet entsetzen 
10 und in siner gir mit niht wil ergetzcn 

und er im vaste widerstät 

und in frumchlichen an gät 

und in \il harte hungern und friesen lat 

und er des mer den gnwoc hat; 

8 muoz] unz 10 Gyr 



LITTEHATUH DES ZWÖLFTEN JAIIIUIUINDEUTS 347 

15 seht sA uiml er ein eit und gluot 

vur richer herren guot, 

s6 duuchet in daz im si baz 

denne zaller der Wirtschaft da er ie gesaz. 

der in üf den benklien släfen lat 
20 und im \crsaget di riehen betwat, 

swer den lip alsus hat, 

dem freut vil hhtez dinch slnen muot, 

ein chleines nimt er vur guot, 

und tuot im denne diu armnot michel baz 
25 denne diu riebe wunnc da er e gesaz. 

Sus nimt diu natüre vil lihtez vur guot, 

der ir niht bezzers tuot. 

sus sult ir iuch der ererew rede verstau 

und sult si ze michelm liebe hau. 
30 vvan swie riebe der mensche e was, 

iedoch so moht in twingeu animi voluptas. 
Also sprichet mmiec werltlich man 

'di werlt wolt ich gerne län: 

nu vurbte ich daz ich di armuot 
35 immer mwozze genemen vur guot, 

als ich ez erliden muge. 

und obe ez minen libe niht gezuge, 

ez wurde mir vil ande 

an spise und an gewande. 
40 swenne ich des solte enbern 

des ich den andern sihe gewern, 

ich möhte es nimmer ^'enesen. 

von diu ist als guot daz ich sus wese.' 
i^wtriuwen hat er rehte den muot, 
45 SU dunchet in vil lihiez guot. 

ein iegelich lip mach wol arbeit han, 

der in sin niht wil erlän. 

ez ist dehein arbeit diu ez m^et, 

niwan daz herze daz der wider khirret 
50 unt der s6le dehein gnäde lät, 

als ez sines willen niht enhät. 

15 eit ein 19 üf] f 27 ir]c.. besserz 41 gewern] geben 

23* 



348 LITTEHATUR DES ZWÖLFTEN .lAIIHIIUNDEUTS 

im ist als dem lörcn: den duncliet iiihles guot, 

wan daz er mit sinem choiben tuot; 

der cz sineii w/llen nilit la-t liAn, 
55 so dunchet cz dehciii diiich wo\ getan. 

des wil ich si zesamen Zeilen, 

wände si sint des wol gelich gesellen. 

so der töre sieht ein man, 

so chört er sich umbe und siht einen andern an. 
■ 60 daz ist ouch des herzen list: 

so ez selbe schuldich ist 

und ez den schaden selbe tuot, 

dar umbe setzet ez di mideim an di gluot : 

so solt ez billicher üf dem roste slan, 
G5 ioande ez den schaden hat getan. 

swaz diu s61e schaden begdt, 

daz ist gar des herzen rAt. 

der tiufel rsetet vil boeser dinge, 

er mach ir aber nieman betwingen. 
70 est cordis nostri culpa, 

cum facimus opera prava: 

wir muozen uns selbe schuldech geben, 

so wir hce&Uch wellen leben. 

Daz ich dem herzen so nahen gesprochen hän, 
75 daz hän ich an schulde niht getan: 

^roziu not ist mir von im kunt: 

ez sanchte mich unz in den grünt, 

ez hat mir so vil ze leide getan 

da von ich immer gnuoch ze sagen hau. 
80 wände dö mir got geschuof daz leben, 

biet er mir dö ein herze gegeben, 

daz ein lip möhte getragen, 

des wok kh im immer gnAde sagen: 

wände es wser tiisent man genuoch 
85 des ich eine an minem herzen truocb. 
Sä dö ich erste wart geborn, 

dö het min herze üf mich gesworn. 

56 zelen 58 den loren ein für einen, vgl. 95 64 röste 

73 bceslich: vgl. 8. 157 79 da von] Docen imd ff'ackcrnagel 

ergänzen daz 82 mute 86 Sä] Jf'ackej-nagel Wände 



LITTERATÜK ÜES ZWÖLFTEN JAIIUIIÜNDERTS 349 

DU wesse ich des eides uiet 

und volgete im als ez mir riet. 
90 IUI leitt ez mich einen tieflen wecÄ 

und versalzte dö prukke unde stech. 

dö icl» wider loolde varn, 

mit strichen und mit hälscharo 

hei ez mich umhesetzet, 
95 so ein hasen in einem netze. 

nu dwmde ich niht üz gewenchen. 

dö hegunde ich denchen 

'es hat mich verraten.' 

daz ich im ie gevolgit, daz rou mich ze späte: 
lüü wände ez chunde an schaden niht erg«w. 

ich sach di viende hi mir stän ; 

der chom dö ein michel her: 

dö salzte ich mich ze deheiner wer. 

si sluogen mir ein verchwunden : 
105 deheiner wer ich begunde. 

dö ich ze verhe was versniten, 

iesä chunde ich wol der wunde site, 

daz ich ir nimmer mohte genesen, 

ez muos min tot wesen. 
110 vil söre rou mich daz leben. 

nu chunde ich mir deheinen tröst gegeben : 

wände an den selben stunden 

dö gedähte ich nach der wunden 

'was hilfet aller arztlist, 
115 Sit diu wunde so lief und verborgen ist. 

si muoz ungeheill beslän 

und mac mir wol ze dem töde gäu.' 

iedoch bat ich sWenthalbeü 

swä man pflach guoter salben, 
120 daz man mir ein wönich streich dar an. 

nu vant ich nie deheinen so guoten man 

der mir durch got gein einem häre wolt geben. 

88 niht 93 haischaren 95 has 105 wer fehlt 109 tot 
113 den 122 lässt Docen unergänzt, in 123 setzt er blofs mm leben m 
die liicke, aber das würde besagen dass der erzähler starb; Jf^ackernagel 
nimmt 123 keine liicke an und ergänzt 122 durch min leben, allein es 



350 LITTERATUR DES ZWÖLFTEN JAIinUüNDERTS 

dö swant mir tidch min leben, 

wände niemen wart sA gnot 
125 der mir tro;slen vvoll den muot. 

dö wart ich trüricli und unlrö. 

iedoch chom ez also 

daz mir ein richer herre enl)At, 

er woll mir feuozeu min not 
130 und ane mAsen machen heil. 

dö wart ich froelich unde geil. 

Nu wil ich iu sagen an diseii stunden, 

welhez doch sin di wunden 

und der viende halscharn 
135 den ich äu schaden 7iiht inoht enpfarn. 

dö ich in miner chintheit 

durch mines herzen eit 

dem tiufel und der werlt wart under^rfw, 

dö ich mich dö chunde enstAu, 
140 do erchande ich schier durch not 

daz mich daz herze leittet üf den tot. 

uu wolt ich di werlt iesä hau gelan. 

nu begunde si mich vaste zuo ir van 

mit ir manigen tösent listen, 
145 daz ich ez vur baz friste 

unz si mich so zuo ir het genomeyi 

daz ich mit nihte von ir chunde chomen. 

wände si twanch mir hende und vuoze 

mit ir bittern suoze 
150 und minen lip also gar: 

dö ich ir rehte genam war, 

sd gedahte ich ich muose bi ir bestan, 

und swie ich si immer wolde gelän. 

so uam ich aber in minen muot, 
155 ob dehein heilige wser so guot 

der mir durch got ze helfe chiBme 

ist noch nicht nachgewiesen dass mir swindet gesagt wrrden kann im 
sinne von mir geswindet u?id 'um meines lebens willen' steht hier un- 
geschickt und schief; zu meiner ergänzung von 122 vgl. 156 135 
deniie enpfaren 137 Iteit 138 war 142 ysa 143 vanh 
153 wi 



LITTEUATÜR DES ZWÖLFTEN JAIIIUIUINDEUTS 351 

und mich genaedecblicli von der werlt nseme. 

swie vil ich du gcbat und gelas, 

wände ich des tiufels marliiccr was, 
lüO s6 half mir ir deheiner niet: 

au mir verzagte alhu himeUschiu diel. 

nii wart ouch mir so zorn, 

ich wände ich wair zer helle geborn. 

ich lie dö min gebet stau, 
165 ze beiden banden liez ich ez gdn. 

dö ich michs aller minste versach, 

nu beeret welch ein gliike mir dö geschach ! 

dö leit man mir 

16Ü nilil IGl hiemelisiv 168 dö leit man mir ein buoch vur? 

Mit dem vorstehenden texte erfülle ich ein QF 12, 102 
anm. 2 gegebenes verspechen. da das merkwürdige denkmal sehr 
ivetiig gekannt ist, so schien es das einfachste, die nötigen ergän- 
zmigen in gestalt einer neuen ausgäbe vorzulegen, die hs., welche 
Docen bei seiner edition (Mafsmanns Denkm. s. 80 — 82) benutzte, 
hat sich noch nicht wider gefunden, welche ergänzungen schon 
von Docen und Wackernagel (Lesebuch ^ 251 — 254) vorgeschlagen 
waren, habe ith nicht eigens bemerkt, über die Sicherheit derselben 
gebe ich mich keinen illusionen hin: sie ist oft nur sehr gering; 
aber es kam darauf an einen lesbaren text herzustellen, und des 
gedankens bin ich fast überall sicher. 

Die überlieferte bezeichnung der consonanten ist im vor- 
stehenden beibehalten, nicht ebenso die der vocale. die hs. drückt 
u und ü sehr oft wie uo durch v aus; sie gibt öfters i für ie, 
gelegentlich sei für ei; 99 ra'^v; 111 trvst, 135 mvht. die accente 
der hs. habe ich nicht berücksichtigt, in der bezeichnung des Um- 
lautes dagegen mich der Überlieferung angeschlossen, abschnitte 
sind in den unabgesetzten zeilen der hs. nicht hervorgehoben, aber 
das reimpar fängt in der regel mit einem grofsen buchstaben an. 

Das fragment hat unter seinen 83 zum teil allerdings nur 
durch ergänzung gewonnenen reimbindungen (wovon eine 19 — 21 
ein dreireim innerhalb des abschnittes) nicht mehr als acht un- 
reine, einmal an : an (man : lau 32), in den sieben andern über- 
schüssigen consonant nach dem schwachen e der zweiten silbe eines 
zweisilbigen teils stumpfen teils klingenden reimes : genesen : wese 



352 LITTKUATÜR DES ZWÖLFTEN JAIIKIIUNDERTS 

42, dinge : betwingen 68, umbesetzet : uclze 94, verraten : spule 
98, vercli wunden (zu emendieren, wenn man \vül, nach mafsyabe 
des 107 überlieferlen gen. wunde) : begunde 104, vermiten : sile 
106, listen : friste 144. also ein ähnlicher zustand wie bei Sper- 
voyel (Deutsche Studien 1, 4. 15 /'j, dessen gedichte etwa zwischen 
die Jahre 1185 und 1195 fällen mögen. 

Das meirum ist offenbar von derselben art loie es Roediger 
für die Litanei und für Heinrich von Melk nachgewiesen hat. aber 
die nötigen schwachen e wegzuschaffen und zuzufügen (denn die 
hs. enthält entschieden zu starke kürzungen) und sonstige kleine 
emendationen aus metrischem gesichtspunkt vorzunehmen, habe ich 
nicht gewagt: denn das geschäft hat überhaupt nur geringe Sicher- 
heit, bei einem lückenhaften bruchstück iväre es ganz bedenk- 
lich. — 

Was den inhalt anlangt, so will ich hier nicht umfassend 
darauf zurückkommen. 

Einiges erinnert an den armen Heinrich, auch sein herze 
(50. vergl. 395) hat einen eid geleistet, allerdings nicht um die 
seele dem teufel und der weit Untertan zu machen, sondern im 
gegenteil, um valsch und alle törperheit zu verschwören, auch 
der arme Heinrich ist durchzogen von dem gegensatze zwischen 
der weit und der ewigen Seligkeit, und wenn in unserem frag- 
mente von der bitteren suoze der weit gesprochen wird (149), 
so weifs auch Hartmans erzähluny von werltlicher süeze (87) 
und dass unser süeze ist vermischet mit bitterre gallen (108) 
und dass ir süezer lön ein bitter not (711). auch der arme 
Heinrich wählt freiwillige armut, auch er verzweifelt im leid und 
wird trürec unde unfrö (148. vergl. 566) ivie der dichter des 
vorliegenden gedichtes (126). dass auch beidemal der leidende sich 
nach tröst sehnt und dass die kunst der ärzte herbeigezogen wird, 
liegt in der natiir der sache. und beidemal scheint schliefslich 
gott der arzt zu sein und das glücke (hier 167. a. Heinr. 1382) 
herbeizuführen, der vergleich mit einem hasen ist hier 95 ganz 
anders verwendet als im a. Heinr. 1123. 

Dagegen wenn im Erec 1223 ff ein ritter sich anklagt dass 
er tumbes herzen rate gevolget sei und dann fortfährt: 
nü riwet ez mich ze spate, 
ja warne ich mich ze unzit, 
sam der hase so er in dem netze lit: 



J.nTERATCR DES ZWÖLFTEN JAIIRIIUNDEHTS 353 

so fühlt man sich allerdings an nnser gedieht 95 und 98. 99 
erinnert. 

Auch für den abschnitt 44 — 73 lässt sich analoges hei Hart- 
man nachweisen, die Selbstzufriedenheit des I6ren der seinen 
kolbeii trägt wird im ersten Büchlein 1241, im zweiten 20b ff. 
230 erwähnt, der leib fühlt sich im. ersten Büchl. 465 wie ein 
kessel Jtn die gliiot gebracht, das herz wirft ihm dagegen vor, er 
tue toie der schuldec man der ivenn er schaden tiiot denjenigen 
anklagt, den er geschädigt (501 ff), dass des herzens rat ins 
verderben verleitet und in not bringt, wird, wenn auch nicht im 
moralischen sinn, sondern von liebesnot verstanden, im ersten Büch- 
lein mehrfach ausgesprochen (79. vergl. 310. 385 /f. 1058). 

Dass wie hier 104 — 131 ein übler seelenznstand als Ver- 
wundung oder krankheit aufgefasst wird, ist so gewöhnlich, bei 
Hartman und anderen, (ESchmidt QF 4, 111 — 115) dass es da- 
für keines nachweises bedarf, auch medicinische details im eigent- 
lichen und im figürlichen sinne bringt Hartmann toiderholt (Erec 
5132 ff. 7206 ff. Iwein 3423 ff. erstes Büchlein 1275 ff. 1815). 
bei ihm handelt es sich freilich nicht um blofsen arzätlist, sondern 
meist um zouberlist. aber gewisse ausdrücke — dass das pflaster 
oder die salbe guot ist, auch um einen verchvvuiulen zu heilen, 
das au strichen derselben, die heilung ohne niäsen — liegen so 
sehr in der natur der sache und in dem stehenden technischen 
sprachgebrauche dass sie notwendig übereinstimmen müssen. 

Noch weniger kann verglichen werden, wenn auch sonst bei 
Hartman weit und gott entgegengesetzt , wenn im Gregorius die 
erlösende macht der göttlichen gnade gepriesen oder dem leibe täg- 
liche arbeit auferlegt und gerade das versagt loird was er am 
meisten begehrt (2550 ff. 3675 ff). 

Eher mag man beobachten, ob mehr oder weniger charakteristi- 
sche atisdrücke hier wie dort sich finden, die wendung ez ziuhet mir 
(Trost 37) ungefähr gleich dem 'es passt mir' der heutigen Um- 
gangssprache, ist bisher nur bei Hartman nachgewiesen, vergl. 
ferner (Trost 56) zesamen zellen (zalen) erstes Büchl. 450; (74) 
nähen sprechen ibid. 1459; (122) gegen eime häre Iw. 2641; 
(145) fristen unz 'aufschieben bis' Erec 1117. Greg. 183. die 
z. 123 habe ich ergänzt nach dem ersten Büchl. 1679 min lip 
vor leide nach versvvanl. 



354 LITTERATUR DES ZWÖLFTEN JAHRHUNDERTS 

Aus alle dem darf man aber vielleicht nicht einmal schließen 
dass Hartman das ältere gedieht gekathit habe. 

Zu dem grundgedanken desselben enthalte ich mich nicht eine 
parallele aus dem achtzehnten Jahrhundert anzuführen, welche 
Fritz Jacobis Allwill darbietet. 

Ich meine den brief von Allwill an Luzia und Luziens ant- 
wort darauf, ich ziehe nur einige, die entscheidendsten, stellen aus. 

Am ende ist es doch allein die empfindung , das herz — 
schreibt Allivill — was uns bewegt, uns bestimmt, leben gibt 
und that, richtung und kraft (Teutscher Merkur 1776. iv 236). . . . 
Der einzigen stimme meines herzens horch ich. diese zu ver- 
nehmen , zu unterscheiden, zu verstehen, heifst mir Weisheit; 
ihr rautig zu folgen, tugend (238: wörtlich aus Jacobis brief an 
Goethe vom 6 november 1774, Briefw. s. 44, icie Düntzer he- 
merkt hat Frenndesbilder s. 147) . . . Noch mit jedem tage wird 
der glaube an mein herz mächtiger in mir . . . Was ist zuver- 
lässiger, als das herz des edel gebornen? (238). 

Darauf erwidert Luzie unter andern: Ja, Eduard, theorie 
der unmäfsigkeit, grundsätze der ausgedehntesten schwelgerei, 
das sind die eigentlichen namen für das, was Sie mit so vielem 
eifer, mit so ungemeinem aufwände von witz, raisounement und 
dichterischem schmuck an die stelle der alten Weisheit zu setzen 
trachten; und das gewis nicht auf anraten Ihres herzens, das 
grofs und edel ist, sondern Ihrer Sinnlichkeit zulieb, welche Sie 
unter dem wort empfindung so gern mit Ihrem herzen in eins 
mischen, wie wol auch jeder andere mensch mehr oder weniger 
tut und nicht anders kann (251 fj. . . . Deine sinnen. Deine be- 
gierden sind Dir zu mächtig, und da sie eine so bequeme 
teuschende hülle an Deiner schönen phantasie haben, wirst Du 
nie sie für das erkennen, was sie sind, ach, die bedürfnisse 
Deiner sinne, die teuschungen Deiner sinne — glaube mir, All- 
will — (schwindender atem meiner brüst, komm, sammle dich, 
dass meine stimme weniger bebe und ihr kranker laut ihn er- 
reiche) — Allwill, es sind mörder! — hie und da her wird 
es Dir immer grässlicher in die (»hren gellen: mörder! — 
meuchelmörder! (253). 

Ich habe durchgängig die erste fassung citiert; die spätere 
(Werke 1, 186/fj enthält einige änderungen, welche allerdings nicht 
wesentlich sind. 



A 



LITTERATUR DES ZWÖLFTEN JAHRHUNDERTS 355 

Die Unterscheidung zwischen dem herzen und den sinnen, 
welche Jacobi vornimmt, darf man bei dem alten dichter nicht 
erivarten: das herz selbst ist hier der mörder, das herz loitel üf 
deu tot. und loeiler denkt Jacobi an die gefahr für andere, der 
altdeutsche poet an die gefahr für das eigene Seelenheil. 

Das gedieht des zwölften Jahrhunderts und das romanfrag- 
ment des achtzehnten geben nur eins von vielen Zeugnissen ab 
für die innere Verwandtschaft dieser beiden epochen. wir müssen 
dabei beachten dass gedieht wie roman, soviel wir sehen, nicht aus 
theologischen kreisen hervorgegangen sind. 

11. 4. 76. SCHERER. 



WIELAND UND MEYER VON KNONAU. 

I 

Anzeiger f. d. altert, i, 28 steht in dem bricfe von Wie- 
länd an Dodmer 29 mai 1754: 'ich habe heute einen artigen 
brief von der frau Gr. G. erhalten, dass die frau A. im Con- 
stanzer haus mir bald selbst schreiben und dann benachrichtigen 
werde' usw. 

Die frau a(mtmann) Grebel ist die frau des Hans Georg 
Grebel, amtmann im Coustanzer hause, d. i. beziiger der ge- 
falle im Zürcher gebiet für den Constauzer biscliof. sie ist VVie- 
lauds zweite mutter, zu der er als hauslehrer zieht. 

Die frau gr(ichtsschreiber) G(rebel) dagegen ist, wie ich 
ganz bestimmt glaube, die von Wieland schwärmerisch verehrte 
freundin, die 1753 verwittwete. sie ist durch ihren verstorbenen 
mann cousine des Constanzer amtmanns. 

Auf s. 36 ist also eine kleine verwecbslung ersichtlich, 
z. 17 v. u. statt 'frau Gr. G.' stehe nach obiger briefstelle 
'frau A.' desgleichen s. 37. 

Frau amtmann Grebel ist die 1713 geborene Verena Meyer 
von Knonau, eine Schwester des fabeldichters und freundes Rod- 
mers, Johann Ludwig Meyer von Knonau. ihr bruder war ein 
offener gegner der reformierten und katholischen klerisei, von 
mystischen anwandlungen , was also zu Wielands hausmutter 
stimmt. 



356 WIKLAND UND MEYEH VON KNONAU 

Die nichte dieser Trau ;imtmanii ist Cyanc, die 173") ge- 
borene, also zu VVielands zeit bei weilcni nicht vierzigjährige 
iiltesle tochter des fabeldichters, EUsabelha. (b'r rabehlichlcr be- 
wohnte mit seiner laniilie das zwei stunden von Zürich ent- 
fernte, an der stralse nach Baden gelegene schloss seiner ge- 
richtsherscbaft VVoiningen: schon 1512 halle ein Meyer von 
Knonau aus ärger über eine niislicirat seines sohnes mit Anna 
Reinhart, Zwinghs späterer gatlin in zweiter ehe, Knonau an den 
Staat Zürich verkauft, vgl. Zürcher neujahrsbl, 1875 s. 21 : dar- 
nach ist im Anzeiger i, 35 zu berichtigen. 

Cyaue wird 1805 von Wieland nochmals erwähnt (sie starb 
schon 1777), in der Euthanasia, drittes gespräch, als bericht- 
erstatlerin über den tod ihrer mutier, der frau von K. (der im 
december 1754 verstorbenen gattin des fabeldichters, Anna geb. 
Ilirzel). daraus dass VVieland die frau v. K. nicht mehr selbst 
kannte, schliefse ich, er habe auch Cyane erst gleich nach deren 
tode kennen gelernt. 

Cyane-Elisabeth heiratete 17G0 «len maier Daniel Düringer. 
ihr 1737 geborener bruder Hans Kaspar, der vater des Schweizer 
geschichtschreibers Ludwig MvK. (f 1841), der urgrofsvater des 
Schreibers dieser uotizen, genoss mit seinem vetter Rudolf Grebel 
Wielands Unterricht, eine jüngere Schwester Anna Maria wurde 
die zweite frau des grofsvalers von dr Salomou Hirzel in Leipzig. 
Zürich 25. 10. 75. GEROLD MEYER VON KNONAU. 

II 

Zu den vorstehenden willkommenen benierkungen des pro- 
fessors Meyer von Knonau vgl. dessen: Neujahrsblatt zum besten 
des Waisenhauses in Zürich für 1876 (aus einer Zürcherischen 
familienchronik , zweite abteilung) s. 29 — 31. über Düringer 
s. 27. eine abbildung von Weiningen nach einem gemälde des 
fabeldichters ist dem Neujahrsblatte beigegeben. 

Sehr wertvoll ist die herbeiziehung der Euthanasia. Wieland 
sagt ausdrücklich 30, 232 (der 36 bändigen ausgäbe), frau vK. 
sei gestorben, ehe er mit ihrer familie in nähere Verhältnisse 
kam. es war also ganz richtig, wenn ich aao. s. 43 vermutete 
dass die Sympathien nicht in das j. 1754 gehören, wohin sie 
Wieland selbst später versetzt, denn Cyane kommt darin vor, 
Cyanens mutter starb aber erst im december 1754. 



WIELAND UND MEYER VON KNONAU 357 

Zur Charakteristik Cyanens liefert die Euthanasia 30, 23S 
noch folgenden beitrag. fräulein von K. — sagt Wilibald - Wie- 
land — 'war zu der zoit, da sie mir bekannt und (wie ich nicht 
berge) sehr interessant wurde, eine gute unverfälschte tochter 
der natur, nicht ohne bildung, aber mit der weit gänzlich un- 
bekannt, sie hatte von ihrer mutter, an der sie wie eine frucht 
am zweige hieng, eine starke anläge zu frommer und zärtlicher 
Schwärmerei geerbt und lebte mehr in einer zauberweit von 
dichterischen und mystischen ideen, als in der würklichen, die 
ihr fremd und gleichgiltig war.' war sie das frauenzimmer, von 
welchem Zimmermann redet Anz. i, 31 ? — 

Andere ergänzungen meines aufsatzes gewährt das weit- 
läuftig angelegte, aber viel lehrreiches material enthaltende buch 
Pestalozzi von frau Josephine Zehnder, geb. Stadiin 1 (Gotha 1875), 
worin uns zb. s. 205 ff der jugendliche Bodmer vorgestellt wird, 
leider erfahren wir gar nicht, woher das material genommen ist. 
nicht alles war ungedruckt: von dem briefwechsel zwischen 
Bodmer und Sulzer s. 385 — 454 stehen die nummern 4. 5. 31. 33 
schon in den Briefen der Schweizer s. 238. 320. 421. 440, doch 
waren in der früheren ausgäbe stellen weggelassen. 

Diese briefwechsel sowie derBodmers mit Zellweger (s. 318 — 
385), mit Schinz (s. 454—481), mit Hess (s. 481—532) ent- 
halten notizen über Wieland i. der mit Kammerer Meister (s. 532 — 
573) beginnt erst 1767. aus dem 'Briefwechsel verschiedener 
mit verschiedenen' s. 573 — 679, der viel interessantes bietet, 
werde ich gleich noch briefe Wielands anzuführen haben (vgl. 
auch über Wielands Cyrus s. 630, Agathon s. 664). in dem 
'Allerlei zur Charakteristik der zeit' folgen dann s. 680 — 730 und 
740 — 744 weitere bruchstücke aus Bodmers briefwechsel, darunter 
s. 689 — 691 über Wieland an Zellweger. 

Ich bemerke daraus zum Anz. i, 27 (aus dem j. 1752): 'Er 
(Wieland) hat eine Liebste, welche die Serena in einer seiner 

* s. 520 f über Wielands beziehung^en zur 'Jungfer Meyerin von Wei- 
ningen' wodurcb Wielands angaben über sein Verhältnis zur familie etwas 
zweifelhaft werden. — der brief von Hess an Bodmer s. 4SI ist gedruckt 
bei Stäudlin Briefe berühmter und edler Deutschen an Bodmer (1794) s. 109. 
in dieser Sammlung, beiläufig gesagt, auch s. 219. 232 zwei briefe Wielands 
vollständiger als in den Ausgew. br. 1, 20. 27: es ergibt sich aus s. 22G 
dass Thusnelde in seinem Herrmann ein abbild Sophiens war. 



358 WIELANÜ UND MEYER VON KNONAU 

Erzählungeu ist.' die idenlificierung Sopliiens mit Screna hat aber 
erst nachtraglich staltgefunden. 

Zum Anz. i, 28 (aus dem j. 1754): 'Jetzt hat er (Wieland) 
sein Logis bei meinem Schwager, dem Doctor Gessner, hinter 
den obern Zäunen und die Lehrzimmer an der Kirchgass in dem 
Constanzer Amihaus, zwei Häuser unter Ilr. Chorherr Breitingers 
Haus. Er informirt einen Knaben des Junker Amtmann Grebels, 
einen Waser, Hrn. Zunftmeister Wasers Sohn und zween Ollen, 
eines reichen Kaufmanns Söhne. Jeder zahlt ihm jährlich 125 Fl. 
Er hat überdies einen jungen Lochmann, Hr. Oberst Lochmanns 
Neveu wöchentlich 2 — 3 Stunden versprochen. Den andern gibt 
er Vormittags 2 und Nachmittags wider 2 Stunden.' der junge 
Meyer von Knonau miisle also erst später dazu getreten sein, 
vgl. Bodemaun Bondeli s. 53 anm. 

Ferner: 'Er hat eine Bekanntschaft mit 3 oder 4 Frauen ge- 
macht, von welchen er viel Rühmens machet. Ich kenne sie per- 
sönlich nicht; aber ich weifs doch dass es wackere Frauen sind.' 

Und noch aus demselben jähre: 'Hr. Wieland war vielmal 
bei uns, und einige Male spazierte er ebendaselbst (an der Lim- 
mal und an der Sihl) mit seiner Dame und einer von ihren 
Freundinnen, in deren Haus er seine Lehrzimmer hat.' die erste 
wird die frau gerichlsschreiber Grebel- Lochmann, die andere 
frau amtmaun Grebel sein, also Eulaha-Arete-Diotima- Aspasia 
und Selima. — 

Wielands bis 1840 erschienene briefe verzeichnet sehr voll- 
ständig Heinrich Döring in seiner biographie Wielands (Sanger- 
hausen 1840) s. 434 — 436. ohne das Verzeichnis fortführen zu 
wollen, verweise ich auf das zuletzt erschienene: vier briefe 
Wielands bei KvHoltei Dreihundert briefe aus zwei Jahrhunderten 
(Hannover 1872) 4, 142 — 149; ein brief Wielauds an seinen 
söhn Ludwig ed. LHirzel Grenzboten 1870, n s. 260; Zuschrift 
a n Wieland über sein helvetisches bürgerrecht LHirzel in Schnorrs 
Archiv 3, 140; briefe Wielands an Lavater LHirzel ebenda 4, 
300 — 322; aus dem briefwechsel zwischen Wieland und Gleim, 
Pröhle ebenda 5, 191 — 232; drei briefe an Georg Jacobi 
Martin QF 2, nr 9. 15. 16 (vgl. das Verzeichnis anm. 18 s. 26); 
endlich zwei briefe an Zellweger und einer an Breitinger bei 
frau Zehnder s. 627. 628. 632. 

Nach s. 629 arbeitet er am 9 februar 1758 'seit einigen 



VVIELAM) UND MEYER VON KNONAU 359 

monaleu' am Cyrus, wozu die Anz. i, 43 herbeigezogene brief- 
stelle stimmt (das 'unleseriiche' wort bei frau Zehnder s. 629 
z. 11 ist ohne zweifei 'kalokagalbie')- das manuscript der ersten 
zwei gesäiige erbietet er sich zu überscliicken. 

Der brief an ßreitinger ist aus Bern 7 und 10 juH 1759 
und ergänzt die ersten Berner briefe an Bodmer und Zimmer- 
mann, hr Tscharner s. 634 ist wol der von Bellevue und dem- 
nach seine frau (Anz. i, 49) eine tochler des ratsherrn von 
Bonstetten. 

III 

Das erwähnte Zürcher Neujahrsblatt enthält noch manches 
hübsche, so s. 5 den brief einer mutter an ihren söhn zu Strafs- 
burg aus der zeit vor 1547 (unterzeichnet Von mir Meijerin, 
din trüioes mueterli) , vor allem aber eine ausgeführte Charak- 
teristik des fabeldichters und maiers Ludwig Meyer von Knonau 
s. 18 — 32 mit auszügen aus den briefen desselben an Bodmer. 

Einen dieser briefe, auf welchen schon Mörikofer Schweiz, 
litt. s. 282 anspielt, hat prof. Meyer von Knonau die gute ge- 
habt mir ganz abzuschreiben und einige erläuterungen hinzu- 
zufügen, er ist bedeutsam für die Iheorie der fabel und, wie 
Mörikofer bemerkt, von Bodmer für die kritische vorrede zu 
Meyers von Knonau fabeln benutzt, er lautet: 

Wohlgeachter, Hochedler 

Hochgeehrter Herr Chorherr (wie ich Quartierhaubtmann).' 
Ich bin schon offt in Sorgen gestanden, dass E. HochEdeln 
so schleunige Beantwortungen Ihnen einlebe Hinterniss an so 
nötigen Geschafften verursachen möchten: ich erkenne die un- 
verdiente Ilöfflichkeit; indessen werden Sie mir nicht besser aus 
dieser Unruh helffen können, als wenn ich könfftighin mit Händen 
greiffen kann , dass Sie hierinuen ganz ungezwungen handeln ; 
ich habe einen wahren Abscheu ab allem, so dem Überlast ähn- 
lich scheint. 

Die Gedanken des La Motte über den Krebs und die Fabeln 
überhaubt dünken mich weit hergehollt; wan ein Krebs gleich 

' eine neckerei, wegen des titeis. ein anderes mal fängt ein brief an: 
'Wohlgeachter, Hochedler, Hochgeneigter Herr Professor. Es scheint, Sie 
haben nun aufs Neue einen Geschniak an Titeln bekommen; hier sind Rc- 
pressailles.' 



360 WIELAND UND MKVEH VON KNONAU 

andern Thieren nur lür eine Zeit lang gerade fortgeht und nicht 
krum , wie ieh dessen heglauhl hin , so hat doch Esopus schon 
einen Fehler gemacht, weil er auf etwas gründet, dass (meinem 
IJegrilT nach) falsch ist, und auf diesen falsch gesezten Grund he- 
ruhet seine ganze Fabel ; helle also La Motte eher sagen können, 
man miisle zuvor den ersten Schein und Aussehen der Fabel 
untersuchen, nicht aber, man solle sich darmit begnügen: über- 
diefs wann wirklich ein Krebs krum ginge, so halt er dieses 
wider mit allen Thieren gemein und ist der Eiufahl, er sye für 
dieses oder jennes, nicht sonderlich precios. 

Den La Motte habe ich auch schon gesehen , aber nicht 
mit behöriger Aufmerksamkeit durchgangen, weil mir ab der 
französischen Poesie überhaubt, ich weifs nicht warum, ekelt. 
Die Franzosen würden vieleicht antworten, weil ich von Geburth 
ein Schweizer und den Kühen näher, als denen beaux Esprits 
wäre; doch soll ich mich, wofern Sie mir ihn anvertrauwen 
wollen, noch ein Mahl zwingen. Vieleicht vertrauwen mir die 
Kühe wegen guter Nachbarschafft auch mehrers von ihrem Be- 
tragen, als diesen feinen Geistern. Das übrige überlasse ich 
ihnen gerne. 

Ich wollte Ihnen gerne mit etwas, das zu den Fabeln und 
deren Methode dienlich wäre, aufwarten; alleine müssen Sie 
solches nicht bey mir suchen. Denn so bald es auf Systematische 
Händel loofs gehet, so bin ich presthafft. Meine Sachen sind wie 
ein Callender, unstet, Nebel, grime Kälte, Sturmwind, aber 
wenig Regen, folglich unfruchtbar. Doch muss ich dieses hin- 
zusezen. 

1. Verachte ich darum eine pur historische Fabel, weil sie 
keine Fabel ist, sondern eine wahrhaflle und ganz mögliche Er- 
zählung, da man nur an statt der Menschen sich der Thiere be- 
dient, welches ja keine grofse Kunst erfordert, oder um mich 
noch näher auszudrüken, da man alle Actionen, die ein Mensch 
begehet, in Wesen, V^orten, Gebärden etc. etc., nur in Thierische 
verwandelt, welches der Fabel alle Anmuth benimmt, da hingegen, 
wan ich die gleiche anerbohrne Dinge der Thiere dem 
Menschen vormahle, so kommen sie ihm viel seltsamer für, 
weil auch in der Thal der Thiere Bewegungen, Thaten etc. etc. 
sonderlich wegen ihrer unzählichen Verschiedenheit, Arten und 
Abendrungen lächerlicher und anmuthiger sind, als der Menschen 



1 



WIELAND UND MEYER VON KNONAU 361 

ihre. Wann ich der Thiere ihre Actionen aufs Tapet hringe, so 
erweken sie mir eine Lust, weil sie mir seltsam sind; wan aber 
nur I (s. 2) der Menschen ihre zum Vorschein kommen, so ge- 
bähreu sie einen Ekel, weil ich solches tägUch gewohnt bin. 
Ich muss also die Anmuth aus den Actionen der Thiere herhollen. 
Dieses dunkt mich der Grund zu seyn, welcher zum Voraus in 
den Fabeln beobachtet werden solle und welcher sie entweders 
angenehm oder ekelhaflt machet. Ich überlasse meinem HH. die 
geschikte Aufsfiihrung dieser einfältigen Gedanken. 

2. Dunkt mich, müse man sehr behutsam handeln, um im 
geringsten nichts anstofsiges wider die Natur der Thiere beyzu- 
bringen; deun eine Fabel muss (wie ich es einsehe, welches 
aber eben darum noch bey weitem keine Regul ist) nur in An- 
sehung der Reden und der den Thieren beygelegten Vernunfft 
fabelhafft, im übrigen aber durchaus ihrer Natur angemessen 
und geziemend seyn. 

3. Achte ich , müssen die Gleichnissen , die darin auf die 
Menschen ziehlen, auch ihre perfecte Richtigkeit haben. 

4. Solle man die Natur der Thiere (nemlich ein Thier gegen 
dem andern) ungestört lassen und solle ebenfahls keins dem 
andern etwas zumuthen, so seine Natur entgegen ist, e. g., dass 
ein Vogel einem Stier zumuthete, er sollte mit ihm fliegen, etc. etc. 

5. Die Thiere soll man (wie nur mich dünkt) nicht so weit 
führen, dass sie in menschliche Wissenschafften sich 
einmischen. 

6. Was mich noch zulässig zu seyn bedünkt, ist dieses, dass 
man zahme, aber nicht wilde mit den Menschen einführen konte; 
doch achte ich, es seye noch weit besser, etwas aus dem vege- 
tabilischen Reiche dem Menschen zuzugeben als aus dem 
animalischen; jene sind gar nicht unangenehm, diese aber ein 
wenig affectirt. Mit wilden Thieren aber sind sie für mich an- 
stüfsig und hässlich, wann ich, wie Stoop, alles was keinen Athem 
hat, zu Menschen, Ronigen und Fürsten mache: das sind canail- 
leuse Fabeln.' 

* auf die Neuen fabein (1738 u. 2 teil 1740) des 1747 in Hirscli- 

bergr, seiner Vaterstadt, verstorbenen Daniel Stoppe bezog sich Job. Ludw. 

Meyer von Knonau auch in der 'Vorrede des Verfassers', die erst 1754 der 

'zweyten mit einem Aniiang von Gedichten und Fabeln vermehrten Auflage' 

Z. F. D. A. neue folge VIII. 24 



362 WIELAND UNI) MEYEH VON KNONAU 

Das falsche in tiner Fabel kan man am besten mit Exempeln 
(larlhuu. E. g. ich wollte eine Fabel machen (von einem Trägen 
und Arbeitsanieu) und würde mir auswählen das Murmcllhier 
und die Aineifsen; jenes ligt ein halbes Jahr inn und die Ameifsen 
sind stets ämsig. Diefses hat einen etwelchen ersten Schein und 
ist doch alles grundfalsch. Die Natur will, dass das Murmelthier 
innhege; folglich kan ich ihm keine Trägheit zuschreiben, zu- 
mahlen es für den ganzen Winter einsamelt, was es nötig hat. 
Die Ameifsen sind ämsig und geschäfltig. Doch ligen sie, wie 
das Murmelthier, über den ganzen Winter auch stille. 1000 
liefsen mir noch überdiefs die Fabel gelten , so ich das Murmel- 
thier mit den müfsigeu Appenzellem vergliche und die Ameifse 
mit den Müedlingen in unserm Zürichgebieth; j (s. 3) jene 
sammeln ihr Heuw ein und legen sich gleichsam über Winter 
schlaffen, wie das Murmelthier. Diese sind, wie die Ameifsen, in 
steter Bewegung; aber den Winter liber haben die Ameifsen 
Ruhe und die ZUrichbietler müssen auch diese zeit noch mit 
arbeiten zubringen ; etc. etc. 

Noch eins, damit ich E. Hochedeln in der Gedult recht- 
schaffen übe. Ich glaube mit Ihnen , das die Thiere nicht so 
denken künnen, wie die Menschen; doch müssen wir ihnen 
diese Krafft so lange gellen lassen , biss wir geschiktere .Aufs- 
drüke finden können, sie hierinn von uns zu unterscheiden. Es 
ist ja noch nicht so lang, dass die frechen Franzosen solches von 
uns Schweizern gesa^^t ; da sie von Herrn von Muralt * geurtheilet, 
qu'il etoit le premier Suisse qui pensoit: sind nun sie in diesem 
Irrthum gestekt, so künnen wir es auch seyn in Ansehung der 
Thiere. Ich bin noch einer weil stärkern Seele zugethan, weil 
ich glaube, dass sie noch einen Sinn über uns aus haben. 

hinter der 'Gritisclien Vorrede' (Bodmers) beigegeben wurde: 'Jene Deut- 
schen werden dieses so eingeschränkte Werken der Unfruchtbarkeit unserer 
rollen Gegenden zuschreiben; wann es aber auf Harnische und Fingerhüte, 
auf Degen und Rratspifse, auf Wanduhren und Bratenwender (wie in Herrn 
Daniel Stoppen von Hirschberg Fabeln nachzusehen ist) ankommen sollte, so 
werden sie noch wol so viel von uns Schweizern glauben, dass wir gleich 
ihnen mit dergleichen Zeug und Haufsrath-Stüken versehen seyen, aber dass 
es unsern groben Naturen bis daiiin nocl» verdekt geblieben sey, aus solchem 
rostigen Zeuge feine Lehren zu ziehen.' 
* vgl. Neujahrsblatt, s. 24 note. 



WIENAND UND MEYER VON KNONAÜ 363 

Man 1 lissl in einer Histori von Grönland, tlass daselbst ein 
steter Nebel seye und dass die Schiller über 10 biss 14 Meil- 
wegs in der offnen See vom Land weg kleine Vögel in der 
Menge sehen im Nebel hin und her fliegen, da doch von solchen 
ein jedes paar sein eigen Löchlein in den Wänden der Sand- 
felscn , so am Gestad sind, widerzufinden wisse: der Mensch 
hingegen, so ein wenig im Nebel verirret, kennt auch sein eigen 
Land, ja offt sein Dorff nicht mehr. Wie sehr sind wir hierin 
verkürzt! 

Einst fing ich 14 junge noch unbeflügelte wilde Enten, fast 
ein Stund weit von hier; ich liefs sie in einem NB. Sak heim- 
tragen , hielt sie bey 3 Monaten. Allen liefs ich die Flügel 
nachwerts schrotten , damit sie nicht fort kämen ; eine darvon 
wurde an einem Fufs lahm, und dieser liefs ich aus Mitleiden 
die Flügel wachsen , dass sie entlich mit Nolh fiber den Haag 
fliegen konte ; halb fliegend und halb kriechend entran sie. Wo 
ging sie hin? Morndess fanden wir sie bey den übergeblibnen 
in ihrem alten Heimat, wo sie geschossen und an kennbaren 
Zeichen erkannt wurde. Wer zeigte nun dieser den Weg, so 
sie im Unstern Sak gemacht? Die Natur: ja, und noch etwas 
uns unbekantes. 

Wie kennt ein alter Hund, der die Fatiques aufsweicht, 
einen alten Haasen vor einem Jungen, ohne den eint ald andern 
zusehen ? Den ersten wird er nicht jagen , weil er ihm allzu- 
weit laufft; diesen aber jagt er, weil er noch nicht gewohnt ist, 
so weit zulauffen. Solches hat man aus sichrer Erfahrung, und 
was noch mehr ist, ein Rech laufft am Morgen von A -^^ B; 
um den Mittag komt ein Hund von ungeferd bey C auf seine 
Spur, es seye nun auf Moofs, Matten, dürren Feldern oder 
anderswo ; er hat das Rech nie gesehen und jagt es doch von C 
gegen B, und wofern der Hund nicht gar ein Nar ist, niemal 
von C gegen A, weil er so bald weifs, dass es von C gegen A 
die Rückfeerte ist. Wer zeigt ihm diefs? Der Geruch: aber wie 
lehrt ihn der Geruch in der Lufft die Feerte fürwerts von der 
Feerte hinterwärts unlerscheiden? 

I (s. 4) Wie hette ich die Fuchs Geschieht von Wülfflingen 

' das folgende augenscheinlich später und mit anderer tinte ge- 
schrieben. 

24* 



364 WIELAND UND MEYER VON KNONAU 

EHocliEdeln als eine Fabel zeigen dörlTen. Nein! diels seye 
fehrn. Des Lafontaine seine vön der NaclilEuk' und den Mäusen 
ist auch eine walirhaffte Geschieht; hat er es als eine Fabel 
heschriben, so hat er gelebll. 

Das alte Zauberspiel konte ich Ihnen nicht erklären; es 
wäre dann, dass ich die Canzel Methode zur Hand nehme, wo 
sich alles erklären lässl. Man sagt, es gebe dergleichen Jäger, 
welche das Gewild bahnen können und in einen solchen Schreken 
bringen, dass es in einen Schweifs komme. Es kann seyn; ich 
weifs es nicht. 

Sie erlauben, dass ich fehrners die Ehre habe, mit ganz 
besonderer Hochachtung zu verharren 
Euwer Hochedlen 

meines hochverehrtesten Herrn Proffessoren 
schuldig gehorsamster Diener 
L. Meyer von Knonauw. 
Adresse: Dem wohlgeachten, Hochedlen und Gestrengen Herren 
Herren Johann Jacob Bodmer 
des grofsen Raths eines Hochloblichen 
Cantons Zürich und Professoren Hist. Pat. 
in 

Zürich, 

Den grundsatz, dass man die natur der liere ungestört 
lassen müsse, führt derselbe noch in einem andern undatierten, 
aber ohne zvveifel vor dem erscheinen der ersten ausgäbe der 
fabeln (1744) geschriebenen briefe an Bodmer aus, woraus hr 
prof. Meyer von Knonau folgendes mitteilt: 

Auch das will ich mir noch ausgebetten haben, dass Sie 
fürs könfftige mir mit dem Schvveffelhölzli schreiben, wan es 
etwas läserlicher als mit der Feder herauskommen sollte. 

Sie sagen: 'Die Seele der Fabel bestehe in der Lehre — 
Die Handlung der Fabel müsse eine lebhaffte und deuthche Re- 
presentation der Lehre seyn — Sie müsse so beschaffen seyn, 
dass man die Lehre aothwendig darunter einsehen müsse.' 

Dieses alles ist gut und gründlich; doch lassen Sie es sich 
auch noch belieben, den 4ten Saz hinzuzuthun, dass nemlich 
eine Fabel eine wahrhaffte und keine lügenhalfte Fabel seyn 
müsse. Einem unwissenden kann ich wohl vorgeben, ein Hirsch 



WIELAND UND MEYER VON KNONAU 365 

habe eineu Wolfl" zerrissen; so bald ich aber sage, eine Kuh 
(welches Tliier ihm besser bekannt seyn solle) habe es gethan, 
so lachet er darüber und spottet meines Einfahls, wie der Ver- 
stendige, so den Hirschen kennt. Ein Rebhuhn schwam auf einem 
See. Ein Schnepf safs auf einem Raum. Eine Ente machte 
ihr Nest auf einer Tanne. Ein Storch brütete auf der Erden. 
Alles dieses choquiert einen Ignoranten nicht; aber für einen 
Verständi;;Ln ist es eben so viel, als sagte ich: Eine Kuh kalberte 
auf einem Kirchthurm; Ein Elephant schloff in ein Fuchsloch; 
Ein Fisch ging eine Treppe hinunter; Ein Eicher sog einer 
Gauss die Milch aus. Wie wollte ich nun dergleichen Lügen 
verantworten können, und wiewohl es noch dergleichen giebt, 
die nicht so gar handgrifflich sind, so sind sie doch in ihrer Art 
eben so hässlich, als die groben, wofern sie nur der Natur der 
Thiere zuwiderlauffeu. Die Künste und Wissenschaften sollen 
sich ja so vollkommen zeigen, als es immer möglich ist, und so 
bald ich einen Fehler kenne, so soll ich ihn verhüten, er mag 
dann vom Pöbel erkaut oder nicht erkant werden; ein -Stümper 
ist mit Vorsaz ein gedoppelter Stümper; wan es aber einer 
nicht besser machen kann, so ist er schon um etwas entschuldigt. 
Freilich gibt es Leuthe, welche glauben, die Essenz einer Fabel 
seye lügen; ich aber vermeine, sie müse aufser dem Nammen, 
so sie trägt, so rein von Lügen seyn, als es eine Predig seyn 
sollte. Im übrigen machte ich bisshin noch keine Fabel in der 
Intention, den Menschen zii unterrichten, wol aber zu ergözen. 

Gessner hatt vielleicht des PHnius erschrökliche Lügen auch 
eingesehen; er ist aber desto sträfflicher, dass, wann er sie ge- 
kannt, er sie dennoch seinem Ruch einverleibt hatt. 

Ich verursache Ihnen wider viele Müh in Übersendung der 

corrigirten Fabeln Ich gestehe gar gerne, dass ich noch 

mehrers hette verbessern können, wan ich nicht zu hinlässig ge- 
wesen were; es ist aber diefs eine widrige Arbeit für mich und 
bewundre ich noch selbsten meine bisshar unerkannte Gedult. 

Auf jenen grundsatz der Wahrhaftigkeit spielt Lessing 5, 436 
Maltz. an. mit recht bemerkt er dass fabulose eigenschaften 
der tiere, wenn sie allgemein gekannt sind, von dem fabel- 
dichter gebraucht werden dürfen ; dass es daher kein besonderer 
rühm für den fabulisten sei, wenn bei ihm der schwan nicht 
singe und der pelican nicht sein blut für seine jungen ver- 



366 WIELAND UND MEYER VON KNONAU 

gielse, wie es Bodmcr au Meyer von Knonau gerühmt hatte, 
aber die crassen beispiele falscher imd willkürlicher Verwendung 
der tiere, welche Meyer vou Knonau seihst anführt, hätte auch 
Lessing niishilligt. denn sie verstol'sen gegen 'allgemein be- 
kannte bestandteile der Charaktere', welche er für den eigent- 
lichen grund der Verwendung der tiere in der fabel hält, und 
das princip der Wahrhaftigkeit muss deshalb allerdings in die 
theorie der fabel aufgenommen werden. 

8. 4. 76. SCHERER. 



ZU SCHILLERS FIESKO. 

Herr RBoxberger hat in Schuorrs Archiv 4,252 — 259 über 
den einfluss der dramatischen spräche Lessings auf diejenige 
Schillers gehandelt, drei stellen werden aao. aus dem Fiesko 
beigebracht, welche an ähnliche in der Emilia Galotti erinnern, 
eine vergleichuug dieser beiden drameu ergibt aber bedeutendere 
resultate, wenn wir die gesichtspunkte der vergleichuug erweitern, 
es finden sich Übereinstimmungen in Situationen, motiven und 
Charakteren, die nicht auf einzelheiten beschränkt bleiben, son- 
dern bis zur congruenz von ganzen partieen gehen, und sind 
diese beobachtungeu richtig, so dürfen auch au sich bedeutungs- 
losere ähnlichkeiten der spräche auf reminiscenz zurückgeführt 
werden. 

Ein teil dessen, was ich im folgenden herbeiziehe, findet 
sich nicht in der ursprünglichen gestalt des Fiesko, sondern erst 
in der Mannheimer bühnenbearbeitung; ich bezeichne die erslere 
mit A, die letztere mit B. schou in der ursprünglichen gestalt 
des Stückes ist die geschichte der Emilia den hauplzügen nach 
enthalten, der prinz tut der einzigen tochter eines bürgers gewalt 
an, das mädchen ist die braut eines anderen, der vater des 
mädchens, schon früher ein feind des fürsten, lässt sich vom 
schmerze und der wut über den frevel so weit hinreifsen, auf 
sein kind den stahl zu zücken, in der Emilia um es würklich 
zu töten, im Fiesko um sich rechtzeitig durch einen anderen 
entschluss zurückhalten zu lassen, die Emilia entstand wie be- 



s zu SCHILLERS FIESKO 367 

kaunt aus deni plaue, die geschichle der Virginia zu draniatisiereu, 
und in der scene der katastrophe wird auch auf die römische 
Virginia angespielt, dasselbe geschieht im Fiesko zweimal: A i 
10 und dann An 17, wo Verrina vor dem bilde des Romano 
sich in seiner ähnlichkeit mit Virginius so ergriffen fühlt dass 
er nach dem gemalten Appius Claudius haut. 

Die ähnlichkeit geht aber weiter, bis in details hinein, 
welche zum teil erst in der zweiten fassuug hervortreten, hier 
stimmt auch das mit Emilia dass Bertha von Gianettino Doria 
nicht wiirklich geschändet, sondern nur entführt wird, der prinz 
bei Lessing sucht sich Emilia in der kirche zu nähern, Gianettino 
hat Bertha zuerst in der Lorenzokirche gesehen (A i 5). auch 
im Fiesko wird darauf hingewiesen dass die Vermählung Berthas 
mit Bourgognino ganz nahe bevorstehe (B i 5). in der Emilia 
ist der ursprüngliche plan, die bevorstehende Vermählung hinaus- 
zuschieben, um zeit zu gewinnen; ähnlich hcifst es im Fiesko: 

Gianettino: wird nicht der Bräutigam seine Rechte 

mit Frechheit behaupten? Und wie viel kann zwischen heute 

und morgen geschehen Wir müssen Zeit gewinnen 

(B I 5). 

In beiden stücken sinnt nun der vertraute einen plan aus, 
und die entsprechenden plane sehen sich wider sehr ähnlich. 
Appiani und Emilia fahren mit wenig begleitung aus der stadt 
hinaus; Bertha besucht ein kloster in der nähe der stadl und 
hat ebenfalls 'nur wenig Begleitung' (B i 5). in beiden fällen 
werden sie dann vor der stadt überfallen, Emilia nach einem 
lustschlosse, Bertha nach einem landhause des prinzen gebracht. 

Die beiden Vertreter des Virginius, der Lessingsche und der 
Schillersche gleichen sich aber nicht nur darin, dass sie väter 
einer Virginia sind, sondern auch ihr charakter trifft in den 
meisten punkten zusammen, beide sind von der gleichen ab- 
neigung gegen ihre fürsten beseelt, in beiden ist der hervor- 
stechende zug eine republikanisch-strenge gesinnung, die bis 
zum unbeugsamen trotze erstarrt ist. was von Odoardo gesagt 
wird, kann man ebenso gut auf Verrina anwenden: ein aller 
Degen stolz und rauh, sonst bieder und gut (EG i A). 

Alle zwei haben sie noch ihre ersten thränen zu weinen: 

Odoardo: Weinen könnt ich nie — und will es nun nicht 
erst lernen (EG v 2). 



368 ZU SCHILLERS FIESKO 

Verrinn: Ilüre Fiesko — ich bia ein Kriegsmann, ver- 
stehe mich wenig auf nasse Wangen — Fiesko — das sind 
meine ersten Thriinen (FA v 16j. 

In demselben Verhältnis wie Odoardo und Appiani stehen 
auch im Fiesko Schwiegervater und Schwiegersohn: in ihren 
politischen gesinnungen sind sie völlig verwachsen. 

Beim vertrauten Lomellino schimmert zuweilen Marinelli 
durch, und mit sicherheil können wir wider sagen dass die 
grälin Orsina verschiedene ziige für die gräfin Julia hnperiali 
hergegeben hat. Julia wird im personeuverzeichnis l'olgender- 
mafsen eingeführt: 'Dame von 25 Jahren. Grofs und voll. Stolze 
Kokette. Schönheit verdorben durch Bizarrerie. Blendend und 
nicht gefallend. Im Gesicht ein böser moquanter Character.' 

Von der Orsina wird im verlaufe des gespräches des prinzen 
mit dem maier ein portrait entworfen mit folgenden zügen: 
'0 ich kenne sie, jene stolze höhnische Miene, die auch das 
Gesicht einer Grazie entstellen würde. Ich läugne nicht, dass 
ein schöner Mund, der sich ein wenig spöttisch verzieht, nicht 
selten um so viel schöner ist. Aber wohl gemerkt, ein wenig: 
die Verziehung muss nicht bis zur Grimmasse gehen, wie bei 
dieser Gräfin. Und Augen müssen über den wollüstigen Spötter 
die Aufsicht führen — Augen wie sie die gute Gräfin nun grade 
gar nicht hat. , . . Alles was die Kunst aus den grofsen her- 
vorragenden, stieren, starren Medusenaugen der Gräfin Gutes 
machen kann, das haben Sie, Conti, redüch daraus gemacht' 
(EG I 4). 

Der ähnhche Charakter der beiden frauen spricht sich auch 
öfter in ähnlichen Worten aus: 

Marinelli: Nicht aus Verachtung. 

Orsina (stolz): Verachtung? Wer denkt daran? — Ver- 
achtung 1 mich verachtet man auch! (EG iv 3). 

Fiesko: Hier ist eine Beleidigung. 

Julia: Pah! Doch wohl das nicht — Beleidigung? wer ist 
hier, der mich beleidigen kann? (FA i 4). 

Ferner in folgenden stellen : 

Orsina: Ha! welch eine himmlische Phantasie! Wenn wir 
einmal alle — wir, das ganze Heer der Verlassenen, wir alle, 
in Bacchantinnen, in Furien verwandelt, wenn wir alle ihn unter 
uns hätten, ihn unter uns zerrissen, zerfleischten, sein Eii^- 



zu SCHILLERS FIESKO 369 

geweide durchwühlteu, — um das Herz zu finden, das der Ver- 
räther einer jeden versprach und keiner gab! (EG iv 7j. 

Julia: Alhnächliger deinen ganzen Himmel lür einen armen 
verächtlichen Dolch 1 dass ich ihn anfalle, dass ich wollüstig 
zerre au seinen zuckenden Nerven, dass mein rachehrennender 
Gaumen in seinem Natternhlut schwelge, dass ich sie aufsuche 
meine verloreneu Thränen — meine verlachten Empfindungen — 
meine weggeworfenen Zärtlichkeilen , dass ich alle Denkmale 
meiner Beschänmng mit zernichtender Spitze aus seinem treu- 
losen Herzen tilge (FB iv 1 0). 

Seihst der so originell erscheinende mohr hat dem bauditen 
Angelo in der EmiUa einiges zu verdanken, dass beide auf- 
treten mit einem meuchelmorde beauftragt, dass ihr gewerbe sich 
gleicht, dass sie es darin zu einer Virtuosität gebracht haben, in 
welche sie eine besondere ehre setzen, will ich nicht weiter 
betonen, wol aber die spitzbubenehrlicbkeit, die bei beiden sehr 
drastisch und mit ähnlichen worten hervortritt: 

Angelo (zu Pirro): Hallunke! Was denkst du von uns? — 
Dass wir fähig sind, jemanden seinen Verdienst vorzuenthalten? 
Das mag unter den sogenannten ehrlichen Leuten Mode sein; 
unter uns nicht (EG n 3). 

Mohr: Wir lassen uns nichts schenken, Herr! Unser eins 
hat auch Ehre im Leib. 

Fiesko: Die Ehre der Gurgelschneider? 

Mohr: Ist wohl feuerfester als Eurer ehrlichen Leute. 

Auch der geschickte kunstgriff Lessings, dass er ein ge- 
mälde verwendete, um uns den besten teil der exposition zu 
seiner Emilia zu geben, muss sehr fest in dem dichter des Fiesko 
gehaftet haben, als er an eine stelle kam, wo er eine starke 
Steigerung brauchte, an den schluss des zweiten aufzugs, griff 
er zu demselben mittel : durch ein gemälde wird Fiesko veran- 
lasst den letzten schritt zu tun und der Verschwörung des Verrina 
offen beizutreten. 

Hiernach wende ich mich der spräche zu, wozu das bis- 
herige schon einige beitrage lieferte, bei der vergleichung der 
beiden entfiihrungen habe ich eine stelle übergangen, welche 
ich jetzt folgen lassen will. 

Bertha (stürzt herein, aulser Athem und zitternd) : Bin ich 



370 ZU SCHILLERS FIESKO 

da? Bin ich nicht mehr in seinen Händen? Träum' ich vieMeicht 
nur? Oder ist alles nur Traum gewesen? Nein! nein! ewige 
Vorsicht hahc Dank! — Ich hin ja gerettet — das ist meines 
Vaters Saal (FB n 9). 

Danjit vergleiche man EG ii 6: 

Emilia (stürzt in einer ängstlichen Verwirrung herein): 
Wohl mir! Wohl mir! — Nun hin ich in Sicherheit. Oder ist 
er mir gar gefolgt? (Indem sie den Schleier zurückwirft und 
ihre Mutter crhlickt) Ist er, meine Mutter? ist er — Nein, dem 
Himmel sey Dank! 

Eine andere stelle in derselben scene lässt sich ehenfalls 
mit einer in der bühnenbearbeitung des Fiesko vergleichen : 

Emilia: Und da ich mich umwandte, da ich ihn erblickte — 

Claudia: Wen, meine Tochter? 

Emilia: Rathen Sie, meine Mutter, rathen Sie. — Ich 
glaubte in die Erde zu sinken — Ihn seihst. 

Ebenso erzählt Bertha: Die Thür geht auf — er steht vor 
mir, er selbst! (FB n 10). 

Hier ist das 'er selbst' allerdings nicht so bedeutungsvoll 
wie in der Emilia. es kann nur heifsen: Es war der Prinz 
Doria, oder: Es war der Prinz, Dein Feind, während Lessing 
uns an der stelle mit dem einen worte die neigung Ennlias zu 
dem prinzen aufdeckt, ich glaube, dass es eine treffliche bestäti- 
gung für alles gesagte ist, wenn das eine 'selbst' hier so durchaus 
zweckvoll, das andere ganz ohne besonderen zweck, aber an 
einer entsprechenden stelle steht. 

Bertha ist wie Emilia die einzige tochter, und dieser um- 
stand wird bei Schiller ebenso wie bei Lessing besonders betont: 

Orsina (zu Odoardo): Wenn es gar Ihre einzige Tochter, 
Ihr einziges Kind wäre! (EG iv 7). 

Verrina: Meinem einzigen Kinde? 

Bertha: Nein! — Sie müssen noch eine Tochter haben 
(FAi 10). 

Schhefslich will ich noch einige stellen nebeneinander setzen, 
welche durch eine eigentümliche wendung, oder durch den 
Wortlaut übereinstimmen. 

Calcagno: So gewiss möge Calcagno den Weg zum Himmel 



zu SCIHLLERS FIESRO 371 

aiisliiulij,' machen, als dieses sein Schwert die Strafse zu Dorias 
Leben. 

Sacco: Wenn dies mein blankes Eisen Beilhas 

Gel'ängniss nicht aulschhelst, so schlielse sich das Olli" des Er- 
hürers meinem letzten Gebet zu (FA i 12). 

Prinz: Wenn ich Ihnen jemals das vergebe — so werde 
mir meiner Sünden keine vergeben. 

Marin eil i: Schwur denn gegen Schwur: Wenn 

ich von dieser Liebe das geringste gewusst, das geringste ver- 
muthet habe; so möge weder Engel noch Heiliger von mir wissen 
(EG I 7). 

Verrina: Höre Bertha, was sagte Virginius zu seiner 
verstümmelten Tochter? 

Bertha: Ich weifs nicht was er sagte. 

Verrina: Wichts sagte er — nach einem Schlachtmesser 
griff er (FA i 11). 

An gel o: Da kam ja der alte Galotti so ganz allein in die 
Stadt gesprengt. Was will der? 

Pirro: Nichts will er, ein bloTser Spazierritt (EG ii 3). 

Mohr: Herrl — das ist wider die Abrede (FA n 9). 

Odoardo: Ha Frau, das ist wider die Abrede (EG iv 7). 

Verrina (zu sich selbst): Alter Geck (FA i 10). 

Odoardo (zu sich selbst): Ich alter Geck (EG v 5). 

Aufser Lessing hat ohne zweilel Shakspeare auf den Fiesko 
im einzelnen gewürkt. es sei gestattet auch dieses Verhältnis 
durch einige beispiele zu beleuchten. 

Wir vergleichen Fiesko A m 1 mit Hamlet i 5. (Furcht- 
bare Wildniss. Verrina und Bourgognino kommen durch die 
Nacht). 

Bourgognino (steht still) : Aber wohin führst du mich 
Vater? Rede. Ich folge nicht weiter. 

Hamlet ^ : 

Ein entlegener Theil der Terrasse. Der Geist und Hamlet 
treten auf (die scene spielt bekanntlich auch in der nacht). 

Hamlet: Wohin führst du mich? Rede, ich gehe nicht 
weiter. 

* ich eitlere Shakspeare nach der Eschenburgschen Übersetzung, von 
der mir allerdings nur die zweite ausgäbe von 1798 — 1805 zu geböte steht. 



372 ZU SCHILLERS FIESKO 

Wir vergleichen noch weiter. 

Geist: Ich könnte eine Erzählung anheben, deren kleinstes 
Wort deine Seele zermahiien, dein junges Blut starr niacheu, 
deine beiden Augen gleich Sternen aus ihren Kreisen hinaus- 
stürzen sollte. Deine krausen und dichten Locken würden sich 
trennen , und jedes einzelne Haar sich, gleich den Stacheln des 
ergrinnnten Igels, emporslräuhen. Aber dies Geheininiss der 
Ewigkeit gehört nicht für Ohren von Fleisch und Blut. 

Daneben halte man folgende worte aus der entsprechenden 
scene des Fiesko: 

Bourgognino: Vater, wenn das, was du hier vornehmen 
wirst, dem Orte gleich sieht, Vater, so werden meine Ilaar- 

spitzcn aufwärts springen Verrina: Folge mir dahin, 

wo die Verwesung Leichname morsch frisst — dort will ich zu 
dir durch Verzerrungen sprechen, und mit Zähncklappern wirst 

du hören Jüngling! ich fürchte — Jüngling, dein 

Blut ist rosenroth hätte schwarzes klumpigtes Blut 

der leidenden Natur den W^eg zum Herzen gesperrt usw. 

Auch die art der anknüpfung von rede und gegenrede findet 
sich in dieser scene nachgeahmt: 

Verrina: mit Zähneklapperu wirst du hören. 

Bourg. : Hören? Was? 

Geist: Und bist verbunden zur Rache wenn du hören wirst. 

Hamlet: Und was? 

Wie Hamlet mit 'Sein oder Nichtsein' eine reflexion über 
sein vorhaben anhebt, so stellt auch Fiesko mit den Worten 'Sein 
und Nichtsein' gehorchen und herschen gegenüber (FA m 2). 

Der fluch, welchen Verrina über seine tochter ausspricht, 
scheint ebenfalls einer stelle im Hamlet nachgebildet zu sein. 

Königin: Dann gebe mir die Erde keine Nahrung, 
Kein Licht der Himmel, dann versage mir 
Der Tag die Freude und die Nacht den Schlaf, 
Verzweiflung werde mein Vertraun und Hoffen, 
Einsiedlerglück im Kerker sei mein Loos 
Und Ungemach und widriges Geschick 
Stör' und vernichte meine Wünsche. 

Verrina: Verflucht sei die Luft, die dich fächelt! Keine 
Speise, kein Trank soll dich laben ! Kein Schlaf dich erquicken, 
keines Menschen Stimme dich in deinem Elend erfreun. Drunten 



zu SCHILLERS FIESKO 373 

im tiefsten Gewölbe meines Palastes sollst du heulen usw. (FA 
I 12 und B n 12). 

Ans Julius Caesar lässt sich ebenfalls ein beleg beibringen, 
zu Brutus, welcher eben mit deu verschworenen verhandelt hat, 
tritt Porcia bei aubruch des tages: 

Brutus: Es ist dir gewiss nicht gesund, dich bei deiner 
schwachen Gesundheit in die rauhe kalte Morgenluft zu wagen 
(JC II 2). 

Ganz übereinstimmend kommt zu Fiesko, welcher bei auf- 
gehender sonne einen mouolog über sein vorhaben gehalten hat, 
Leonore, 

Fiesko: Schöne Gräfin, Sie verrathen Ihre Schönheit an 
den feindlichen Morgenhauch i. 

Die beispiele liefsen sich, wenn man den ganzen Shakspeare 
darauf durchsähe, gewis noch bedeutend vermehren. 

* im original lauten Shakspeares worte noch ähnlicher: 
It is not for your liealth Ihus to conimit 
Your weak condition to the raw cold moiiiing. 

Strafsburg. JOHANNES FRANCR. 



DIE BRIEFBUCHER SUSOS. 

Als ich im jähre 1867 Die briefe Heinrich Susos nach einer 
Münchner handschrift des 15 Jahrhunderts herausgab, durfte ich 
wol mit recht annehmen, es sei manchen freunden unserer alten 
litteratur ein dienst damit geleistet, denn unter den 26 stücken 
jener handschrift waren 14 briefe, welche in keinem der alten 
drucke von Susos werken sich fanden, und die übrigen hatte 
Diepenbrock, der allein in neuerer zeit sie mit Susos übrigen 
werken herausgegeben, blofs nach den beiden alten drucken 
geben können und der modernen spräche anzupassen gesucht, 
wol war ich in meiner einleitung zu den briefen etwas zu weit 
gegangen, wenn ich, nachdem mancherlei nachforschungen ver- 
geblich geblieben waren, 'mit ziemlicher gewisheil' sagen zu 
können glaubte, jene 14 briefe seien auch sonst nirgends ge- 
druckt worden. Sudermann hatte, wie ich zwei jähre später in 
Franz Pfeiffers nachlass zu Wien fand, 13 derselben in seiner 



374 DIE BRIEFßÜCHER SUSOS 

Sammlung: Güldene SendlbricfT vieler Allen GoUseeligen Kirchen 
Lehrer usw. im jähre 1G22 drucken lassen, aber immerhin — 
diese Sammlung Sudermanns war fiir die gcgenwarl so gut wie 
verschullen , und auch Denifle, welcher den umstand, dass ich 
Sudermann nicht kannte, ein stolpern am beginne meiner Unter- 
suchung nennt, wird, wie ich mir zu vernuiten erlaube, sie erst 
aus PfeiHers nachlass kennen gelernt haben. 

Franz Pfeifler hatte aber auch, was wichtiger ist, auf der 
Stuttgarter bibliotiiek eine handschrift gefunden, welche nicht 
nur jene 14 briefe enthalt, welche bei Diepenbrock fehlen, sondern 
welche auch die übrigen briefe in einer viel ursprünglicheren 
gestalt widergibt , als sie im drucke und in der Münchner hand- 
schrift sich finden, die grofse differenz zwischen den drei brief- 
sammlungen , wie sie durch die Stuttgarter handschrift, durch 
den druck von 1482 und durch die Münchner handschrift re- 
präsentiert sind, hat eine erneute Untersuchung nötig gemacht; 
denn die frage über das Verhältnis dieser Sammlungen zu einander 
scheint mh- durch Denifles aufstellungen in dieser zs. 19, 346 ff 
nichts weniger als gelöst, ich beginne mit einer Untersuchung 
des briefbuchs der Stuttgarter handschrift. 

1. Das briefbuch der Stuttgarter handschrift 
Cod. theol. nr 67. 

Die genannte handschrift gehört vielleicht noch dem ende 
des 14 Jahrhunderts an. es ist eine papierhaudschrift in 4" und 
umfasst aufser 26 briefeu noch die predigt Susos über die stelle 
aus dem Hohen liede Lectuhts noster ßoridus. erst nach dieser 
predigt zeigt die handschrift mit den Worten Explicit über den 
schluss des buches an, das mit den werten Prologus libri epi- 
stolarum begonnen hat. 

Kurze zeit, nachdem ich aus Pfeiffers nachlass künde von 
der Stuttgarter handschrift erhalten hatte, fand ich in Zürich und 
Strafsburg handschriften desselben briefbuchs. die handschrift 
der Stadtbibliothek zu Zürich, 4^ papier, Signatur C^^^, minde- 
stens ebenso alt als die Stuttgarter, enthält 22 briefe, zeigt aber 
am Schlüsse durch 2V2 leere Seiten zwischen dem letzten briefe 
und einem neuen stücke eines andern Verfassers, dass der 
Schreiber das briefbuch als nicht vollständig abgeschrieben be- 



DIE BUIEFBÜCHER SÜSOS 375 

trachtet. diese handschrift dicut nicht hlofs, den text von 
IV2 blättern, die in der Stuttgarter hs. ausgerissen sind, zu er- 
gänzen, sondern auch denselben an vielen orten richliger zu 
stellen, die vvidcrgabe des briefes oder auch prediglauszugs Mm 
kint du solt dich flissen usw., der m dem Stuttgarter codex mit 
dem briefe Regnum mundi verschmolzen ist, als eines von diesem 
briefe unabhängigen Stücks zeigt sich beim vergleiche sofort als 
das richtige. 

Die Strafsburger handschrift gehörte der dortigen stadt- 
bibliolhek an und ist mit dieser zu gründe gegangen, sie trug 
die Signatur F 128. ich habe mir wenigstens die reihenfolge 
ihrer briefe notiert, sie hielt in den 23 briefen, die sie be- 
fasste, die Ordnung der Stuttgarter hs. ein, hatte aber als vor- 
letzten noch den bricf Exivi a patre, der in jener fehlt. 

Als Suso nach 1362 zu den vier Schriften, welche der druck 
von 1482 bringt, das vorwort schrieb, da bemerkte er über die 
vierte derselben: Daz vierd buchli, daz da heisset das brießüchli, 
daz sin geischlichiu tochter och ze samen brachte — — nss dem 
hat er genomen enteil der briefen und hat es gekurzet, als man 
es hiena vindet (Strafsburger hs. ß 139). 

Ich bemerkte in meiner ausgäbe des Münchner briefbuchs 
zu dieser stelle: 'schade dass jene Sammlung der Elisabeth 
Stagel, denn diese ist unter der geistlichen tochter verstanden, 
verloren ist. wie manche stellen, die auf personen und zeitver- 
hältnisse sich beziehen , sind uns wahrscheinlich damit verloren 
gegangen' (s. 13j. dagegen hat nun Denifle nachzuweisen ver- 
sucht, die Stuttgarter hs. ur 67 besitze 'alle merkmale von Seuses 
ursprünglichem briefbuch' und er versichert uns: 'wir haben in 
Zukunft nicht mehr den verlust desselben zu beklagen, es ist 
wenigstens in einem exemplare vorhanden' * (aao. 365). 

Aber die beweise, die er bringt, sind nicht stichhaltig. 

* Denifle sagt in einer aumerkung , die er seinen oben angeführten 
Worten beigibt: 'auch Pfeiffer war dieser ansieht, indem er die absciirift 
der genannten hs. betitelte : Seuses briefbüchlein in der ursprünglichen 
gestalt.' ja, 'in der ursprünglichen gestalt' im vergleich mit den veränder- 
ten briefen des drucks, aber nicht, insoferne damit die ursprüngliche Samm- 
lung der Stagel gemeint sein soll, die frage, ob wir in der Stuttgarter hs. 
diese letztere oder ein von Suso redigiertes älteres brielbuch vor uns haben, 
existierte für Pfeiffer noch gar nicht. 



376 DIE WUEFBCCHER SUSOS 

denn daraus dass das ursprüngliche briefbuch der Stagel gewisse 
uacbträgHche historische zusiitze und erläuteruugen Susos nicht 
haben konnte, folgt doch nicht dass nur das ursprüngHche 
briefbuch jene zusatze niclit haben konnte, und daraus dass die 
briefe des vierten teils der Sammlung von Suso als eine auslese 
aus den 'gemeinen' briefen bezeichnet werden , folgt doch nicht 
dass n u r die briefe der Sammlung der Stagel den Charakter der 
ursprünglichen briefgestalt gehabt haben können, und wenn 
den briefen des drucks gegenüber das brielbuch der Stuttgarter 
hs. als 'ungekürzt und länger' erscheint, so folgt doch nicht 
dass letzteres darum das ursprüngliche, ungekürzte briefbuch der 
Stagel sein müsse. 

Mancherlei umstände lassen es schon von vornherein als 
ganz unwahrscheinlich erscheinen dass das ursprüngliche brief- 
buch, welches die Stagel gesammelt hatte, noch vorhanden sei. 
Suso sagt in der eiuleituug zum 5 briefe des drucks: Darnach 
lang do er aufs allen seinen ^riefen dicz klein ding czesamen ge- 
macht vnd das ander alles durch kürczung vnderwegen liefs, vnd 
do er auch disen prieff her für nam, do gedacht er also, diser 
brief ist nicht dann ein jnbelierende rede, vnd so die dürren 
seien vnd die hertten herczen das werdent lesen, so 
wirt es vngeschmach, vnd also verwarf f er de7i selben 
prief auch, do es morgen ward — do kam in einer geyst- 
lichen gesicht für in naifswa meniger Jüngling der engelischen 
gesellschafft vnd strafften in, das er den selben prief het vertilget 
vnd hingeworffen vnd mainten er mufst in wider schreyben; das 
tet er vnd vieng an vnd schrib also: Exultet iam angelica 
turba usw. 

Aus diesen Worten, die man noch mit den oben angeführten 
der einleitung vergleichen mag , folgt zunächst dass Suso die 
briefsammlung der Stagel vor sich hatte, als er daran gieng ein 
kürzeres brietouch herzustellen. 

Aus den werten vnd so die dürren seien vnd die hertten 
herczen das werdent lesen, so wirt es vngeschmach, vnd also ver- 
warff er denselben prief auch usw. folgt ferner dass die brief- 
sammlung der Stagel noch nicht veröffentlicht war, weil es ja 
sonst zwecklos gewesen wäre, wenn Suso den brief Exultet ver- 
tilgt hätte. 

Es folgt endlich aus den wortcn : vnd also verwar/f er den- 



DIE BRIEFBÜCIIEU SUSOS 377 

selben prief auch, dass Siiso nicht blofs den hviei Exultet, son- 
dern eine melirzahl von briefen verwarf oder wie es nachher 
heifst vertilgte, von denen er nicht wünschte dass sie veröffent- 
lichf werden sollten, wer wollte es nach diesen sätzen auch 
nur für einigermafsen wahrscheinlich erklären dass die ursprüng- 
liche Sammlung der Stagel noch vorhanden sei? 

Ich habe ferner in meiner ersten kurzen entgegnung 
(Anzeiger i, 261 11) hervorgehoben dass es wenig glaublich sei 
dass Suso die fragmente von briefen an die Stagel, welche in 
seiner lebensbeschreibung vorkommen (Diepenbrock s. 76. 77. 79. 
85. 90. 123. 155), fingiert habe; vielmehr sei wahrscheinlich 
dass sie von ihm aus den briefen, die er in bänden halte, 
genommen seien, dafür spreche teils die art, wie sie ein- 
geführt werden : er schrieb ihr mit demselben boten zurück also 
usw., da schrieb er ihr in dem jüngsten briefe also usw., teils 
die ungesuchten persönlichen notizen in denselben: du zeigtest 
mir nun kürzlich etwas überschwenkender sinne, die du selber 
ausgelesen hattest aus der süfsen lehre des heiligen meisters Eckard, 
und, wie billig ist, hoch und werth hieltest usw. enthielte nun 
die Stuttgarter hs. nr 67 das ungekürzte briefbuch, so müste 
doch wol einiges von diesen fragmenten darin zu finden sein, 
aber keines derselben komme in der handschrift vor. 

Auch das habe ich als eine instanz gegen Denifle bereits 
hervorgehoben dass nach den oben citierten stellen und nach 
der äufserung Susos über das briefbuch der Stagel Susos briefe 
an diese wol zahlreich gewesen seien und den hauptstock der 
Sammlung gebildet hätten, von den briefen der Stuttgarter hs. 
aber seien höchstens 4 oder 5 der art dass sie als an die 
Stagel gerichtet betrachtet werden könnten, bei den andern sei 
dies geradezu unmöglich. 

Diesen äufseren gründen, welche es als ganz unwahrschein- 
lich erscheinen lassen dass wir in der Stuttgarter hs. das ur- 
sprüngliche briefbuch der Stagel vor uns haben, treten nun aber 
auch noch gründe zur seile, welche dem briefbuch der Stuttgarter 
hs. selbst entnommen sind, das briefbuch trägt die deutlichen 
spuren der redaction und der kürzung durch Susos band. 

Wir nehmen gleich die worte der einleilung: Prologus libri 
epistolaruni etc. Wanne eines ieglichen menschen sinn nüt mag 
zu allen ziten in ab gescheidener blofsheit gespannen, vnd auch 
Z. F. D. A. neue folge VlIJ. 25 



378 DIE HniKFniiCIIKI« SUSOS 

scliedeiiclie kurlzewile verre sol fliehen, har vinh zu einer onder 
libe dines yemntes so muhiii disev brieff yöllich lesen (Zur. lis. 
.so muht du dis (jöllicli • bjief lesen). 

Vergleichen wir damit die worte der einleilung zu dem 
briefljuch des drucks: 

Ei7i vorrede des vicrden bnchlins. Waiin eines geysllichen 
menschen sin (der druck hat fälscldicli: seyn) nicht mag zii allen 
czeiten in ab gescheidener blo/shei/t spannen vnd doch schedlich 
kürczweil verr sol fliehen, darnmb zn einer vnder leibe deines ge- 
mntcs so magstn dise prif lesen. 

Wir seilen, diese einleitenden salze zu den l)eid(>u hriel- 
Inicliern stimmen bis auf zwei unwesentliche ausnahmen wort 
für wort überein. 

Die Stuttgarter handschrift fährt fort: 

Die sante ein diener der ewigen ivifsheit hin vnd har sinen 
guten fründen vnd meinet dass er sij ein niinne b (hier ist das blatt 
der hs. abgerissen). Denifle ergänzt das folgende nach Suderuiaun, 
'nur dass ich', sagt er, 'statt ein liebe gotes, wie Sud. hat, ein 
minne brief gotes schrieb, wie es ursprünglicli geheifsen haben 
muss. in der tat ist in C (Stuttg. hs.) das b als der 1 bucb- 
stabe von brief noch erkennbar.' aber nuiss denn, weil das wort 
btief mit b anlangt, Suso sich zu einem minnebriefl gemacht 
haben? ich ergänze nach der Zürcher handschrift: dz er ein minne 
botte gottes si ze dir vnd ze einem ieklichen hertzen mit namen usw. 

Das briefbuch des drucks aber hat nach den oben ange- 
führten Worten: Hie vahet an das vierd buchlin. dise lere ist 
aufsgelesen aufs den gemeinen briefen, die der' diener der ewigen 
weifsheit seiner geistelichen tochter vnd andern seinen geistlichen 
kitiden sandt. 

In dieser zweiten parallele der einleitungsworte zu den beiden 
briefbüchern ist zwar eine differenz der briefbücher, vor denen 
sie stehen, angedeutet, aber auch hier lehnen sich die worte des 
drucks den ersten worten des zuletzt angeführten salzes der 
Stuttgarter hs. an. da kein zweifei sein kann, dass die werte 
zu dem briefbuch des drucks von Suso herrühren, so liegt es 
bei der gleichheit und gleichartigkeit derselben mit den eiulei- 

• vgl. zum Verständnis dieses prädicats Siisos Vorwort zu seinen 
schrifleii Diepenbr. x: dass 7/ia?i ein recht e.rcmji/ar fihtile, nach der 
weise, ai.s sie ihm dex ersten V07i goll eingeleuchtet si?id. 



DIE BRIEFBÜCHER SUSOS 379 

liiiigswortcn der Sluttgarter hs. nahe, diese letzteren j^leichfalls 
für Worte Susos zu nelimen. sind sie aber das, dann leiten sie 
ein von S u s o redigiertes briefbuch ein. kannte ja doch auch 
die Stagel Siisos bedenklichkeiten gegen die veröflVntlichuug seiner 
mitteilungen (Diepeubr. s. 1 und 89). wie sollte sie daran ge- 
dacht babeo, ohne seine erlaubuis eine Sammlung, die sie von 
seinen briefeu gemacht hatte, zu verüfTentlichen? die absieht 
der Veröffentlichung aber liegt in den einieitungsworteu der 
Stuttgarter hs. deullich vor. so macbt es auch dieser umstand 
wahrscheinlich dass die einleitenden worle zu dem briefljuch der 
Stuttgarter hs. nicht worte der Stagel, sondern worte Susos seien. 

Sehen wir uns, wie eben die einleitungsworte, so nun den 
Schlussbrief in beiden Sammlungen an. in beiden bildet der 
brief Poiie me ut signaculum den letzten der briefe. 

Da heifst es in dem briefliuch des drucks: 

Etil bewärter gottes freund sol alzeit etwz guter bilde oder 
spriich haben in der seh mund ze kauioen, davon dein hercz ent- 
zündet loerd zu got. 

Statt dessen aber findet sich in der Stuttgarter hs. : 

}fine lieben liynt , ich sende uch hie bryefe (noch bezeich- 
nender in der Zürcher hs. die briefe) das ir alle zit habet ettewz 
in den munt (Zürcher hs., die Stuttgarter hs. hat myne) der sele zu 
legen, do von uwer hertz vnd müt ernuwert vnd enzündet werden. 

Damit stellt sich uns der brief in der Stuttgarter hs. ur- 
sprünglich als ein begleitschreiben zu einer von Suso zusammen- 
gestellten anzabl von briefen heraus, die er seinen geistlichen 
tochlern sandte, die in) briefbuch des drucks zusammengestellten 
briefe aber repräsentieren diese Sammlung nicht, denn in diesem 
sind die worte ich sende uch hie die briefe gestrichen, bedenken 
wir dass der genannte" brief in der Stuttgarter wie auch in der 
oben angeführten Strafsburger hs. der letzte der briefe ist, und 
dass derselbe zunächst an die Stagel gerichtet war, wie aus einem 
Zusatz Susos im briefbuch des drucks hervorgeht, und sodann 
auch dass das briefbuch des drucks, wie wir sehen werden, 
jünger ist als die Sammlung der Stuttgarter hs.: so liegt es nahe, 
in dieser Stuttgarter Sammlung jene von Suso zusammengestellten 
briefe zu sehen, welche er mit dem erwähnten begleitenden briefe 
zunächst der Stagel und dann seinen übrigen geistlichen löchteru 
gesendet bat. 

25* 



380 [MI<: HIUEIHLCHER SÜSOS 

l>(»cl) (his sind nicht dio einzigen der Stullgarter lis. seihst 
enlnoninieneu gründe dass wir in dit.'ser nicht das ursprüng- 
liche, ungekürzte hriefhuch der Stagcl, sondern ein von Susos 
hand redigiertes gekürztes hriefhuch vor uns hahen. sie würden 
für sich nicht entscliei(hMid sein, denn wenn es auch nicht ge- 
rade wahrscheinlich ist dass Suso die einleitungsworte zu dem 
hriefhuch des drucks der Stagel nachgeschriehen oder nachge- 
hildel hätte, so wäre es doch immerhin mOglich. und es könnte 
ja am ende der hricf Pone nie usw. auch eine anzahl anderer 
hriefe als die unserer Stull garler Sammlung hegleitet hahen. 

Aher die Stuttgarter lis. hietel uns noch weitere und ent- 
scheidende gründe dar. Denifle hezeichnel als merkmal, woran 
das ursprüngliche, ungekürzte hriefhuch von dem durch Suso 
g(;kürzten unterschieden werden könne, dass jenes als die Samm- 
lung der ursprünglichen hriefe gewisse zusätze, die wir im brief- 
huche des drucks finden, nicht enthalten haben könne, zusätze, 
welche nur im gekürzten briefbüchlein einen sinn hätten, er 
meint damit jene einleitenden oder beigefügten historischen no- 
tizen Susos über die personen, an welche die betreffenden briefe 
ursprünglich gerichtet waren. 

Aber es ist falsch, wenn Denifle sagt, diese zusätze fehlten 
'fort und fort' in der Stuttgarter hs. der 4 brief des gekürz- 
ten briefbuchs im drucke ist die Verschmelzung von drei ur- 
sprünglich selbständigen, aher dem inhalte nach verwandten brie- 
fen. davon abgesehen, dass schon der inhalt dieser briefcompo- 
sition bei näherer betrachtung auf drei ihrem seelenzustande nach 
verschiedene adressatinnen schliefsen lässt, so sind in der Stutt- 
garter hs. die dreierlei stücke auch durch trennungszeichen und 
durch die initialen als drei selbständige briefe unzweifelhaft be- 
zeichnet, nach art der briefe Susos besitzt auch jeder derselben 
ein eigenes motto: Qnomodo potest coecus coeaim ducere? Viri- 
liter agite, Nemo potest duobus dominis servire. die Zürcher 
hs. hat zudem den ersten gar nicht, und beweist damit dass 
sie den zweiten für sich bringt, dass dieser ein selbständiger 
mit dem ersten nicht zusammenhängender brief war. kann somit 
kein zweifei sein dass der brief Viriliter agite in der Stuttgarter 
und Zürcher hs. als ein selbständiger brief gelten wolle, so ist 
die historische notiz, welche Suso eben in der Stuttgarter (sowie 
Zürcher) hs. dem briefe vorausschickt und welche hier ausführ- 



DIE BIUEFBÜCUER SUSOS 381 

liclier ist, als im drucke, ein iinvvidersprecliliches merkmal ilass 
dieser briel' einer Sammlung augehörl, welche von Suso selbst 
redigiert wurde, in der betrelTeuden einleilung sagt nämlich 
Suso, er habe eines tages ein in weltliche minne verstricktes ge- 
müt zur minne der ewigen Weisheit gezogen, und dieses sei des- 
halb vom leuf'el angolocliten wurden, in derselben nacht aber, 
da solches seiner geistlichen tochter widerfuhr, habe er eine 
darauf bezügliche vision gehabt und am morgen habe er ihr 
dann den folgenden brief geschrieben : Virüiter agi'te usw. da 
nun derartige redactionsbemerkuugen um mit Denifle zu reden 
'das ungekürzte briefbüchlein nicht enthalten haben darf, so 
kann folgerichtig auch das briefbuch der Stuttgarter Sammlung 
dieses ungekürzte briefbuch nicht sein. 

Dass die Stuttgarter hs. das ursprüngliche, ungekürzte brief- 
buch repräsentiere, das schliefst Denifle auch aus dem umstand 
dass das briefbuch derselben 'dem briefbüchlein in Seuses letzter 
Sammlung gegenüber als ungekürzt und länger erscheint', ich 
habe schon oben auf die logik dieses Schlusses aufmerksam ge- 
macht, weil es die belrelfenden briefe jenem briefbuch des drucks 
gegenüber ausführlicher bringt, muss es daium das ungekürzte 
briefbuch sein? weil es sie in ursprünglicherer gestalt bringt, 
muss es darum das ursprüngliche briefbuch sein? ist nicht 
noch ein drittes mOglich, dass nämlich Suso aus dem ungekürzten, 
ursprünglichen brielbuch auch ein briefbuch gemacht haben 
könnte, das weniger kurz war, und die ausgewählten briefe in 
einer ursprünglicheren gestalt brachte als das brielbuch des drucks? 

Ich habe schon in meiner vorläutigen entgegnung bemerkt 
dass auch die briefe der Stuttgarter handschi'ift die merkmale 
der kürzung an sich trügen. 

Vorerst fällt die armut an beziehungen auf, welche die spe- 
ciellen Verhältnisse der personen betreffen, an welche die briefe 
gerichtet sind, oder auch andere mehr äufserliche umstände, von 
denen der Verfasser oder die emplänger der briefe eben berührt 
sind, man könnte einwenden dass darauf einzugehen vielleicht 
nicht die art von Susos briefen gewesen sei. aber das wäre un- 
richtig: die brieffragmente in der lebensbeschreibung zeigen dass 
es Susos briefen an bezugnahme auf mehr äufserliche umstände 
nicht fehlte, in einem jener fraginente erwähnt er der Eckhar- 
tischeu Studien der Stagel, in einem andern ihrer kraukheit, und 



382 DIE nniRFRilClIER SUSOS 

dass er nun niemand habe, der iinn bcliiKlitli sei, seine hüchlein 
/ii vollbringen wie sie lat. icli will darauf kein bi.'sondcres ge- 
wiclit leyen. aber es liegt doch näher, zu sagen: die arnuit an 
solchen persönlichen nolizen in der Stultgarter Sammlung sei 
aus dem umstände zu erklären dass die briefe durch die hinaus- 
gabe des brielbuclis aus privalbriefen zu öirenllichen wurden, 
als dass die briefe ursprünglich keine derartigen bemerkungen 
und bezugnalnncn gehabt hätten. 

Auch verdient die weise, wie die briefe in den abschriften 
äufserlich abschliefsen, einige beachtung. es wird ja freilich oft 
der fall gewesen sein dass ein abschreibe!' ein amen wegliefs, wo 
seine vorläge ein solches hatte, vielleicht auch dass er ein etc. 
setzte,, wo in der vorläge ein Schlusszeichen stand, wenn aber 
die Stuttgarter und Zürcher hs., die beide in der textgestalt wie 
in der reihenfolge der briefe von einander ganz unabhängig sind, 
in bezug auf die Schlusszeichen bis auf wenige ausnahmen gleich- 
artigkeit zeigen , wenn von den 8 briefeu der Stuttgarter hs., 
bei welchen ein amen den schluss andeutet, 4 in der Zürcher 
hs. gleichfalls ein amen, 3 wenigstens ein Schlusszeichen haben, 
und wenn bei 7 andern briefen, wo die Stuttgarter hs. ohne irgend 
ein schlusszeicheu oder mit einem etc. abbricht, auch die Zür- 
cher hs. ohne jegliches Schlusszeichen endet oder ein etc. hat: 
so wird dieses zusammentreffen kaum ein zufälliges sein, es wird 
vielmehr das mangeln der Schlusszeichen in beiden handschriften 
andeuten dass wir wenigstens einige der briefe nicht ganz voll- 
ständig vor uns haben. 

Diese äufseren merkmale, welche andeuten, dass einige 
briefe der Stuttgarter hs. gekürzt seien, erhalten eine zweifel- 
lose bestätiguug, wenn wir beispielsweise den brief Snrge aquilo 
auf seine innere structur hin ansehen, um daraus zu ermessen, 
(flj mit den letzten Sätzen des briefes, wie ihn die Stuttgarter 
und auch die Zürcher hs. bringt, der ursprüngliche brief geendet 
haben könne, da redet Suso von der wahren reue und hebt 
in der zweiten hallte des briefes die wesentlichen momente der 
reue: herzeleid, vertrauen auf die gnade, ernstlichen vorsatz der 
besserung — treffend und ausführlich der reihe nach hervor, 
dann klage, dass jetzt so viele anfangen, aber nicht beharren, 
grund: der vorsatz zur besserung war nicht ernstlich, preis des 
ernstlichen Vorsatzes: waffen got was toürket ebenlich so getan 



DIE BRIEFßÜCHER SUSOS 383 

inbrünstiger ernst, in werdent ellu ding mnglich vnd ist nichtes 
mulich noch vnmuglich! und nun unmiUolljar anschliefsend der 
letzte salz des brielVs: ein hhergi'dde dis alles ist dz es nit kome 
von [vn] gezwungenheit : es sol kortien von einer kintlichen hertzek- 
lichm minnen, als ein tugenthaftich kint, dem ist leit dz es sinen 
getruwen vatter ie erznrnde. dieser salz stimmt nicht zu dem 
vorhergehenden, der seiner natur nach einen solchen zusatz 
uunülig macht, und ebensowenig zu dem zweiten voihergehen- 
den salze, dass für das demonstralivuni in dis alles hier kein 
rechter auschluss sei, scheint der Schreiber der Münchner hs. 
cgm. 819 gefühlt zu haben, er setzt dafür: ein nbergulte eigen- 
schaft loarer rew ist usw. vielleicht hat auch der brief im original 
selbst diese form gehabt, aber der Zusammenhang in unserem 
briefbuch wird dadurch nicht besser, der satz erscheint in beiderlei 
form wie das abgerissene glied einer kette, und kann so wie er 
ist, kein abschluss des briefes gewesen sein, in der tat lassen 
auch die Stuttgarter wie die Zürcher hs. den brief ohne jeg- 
liches Schlusszeichen abbrechen. 

In der lebensbeschreibung Susos ist in der Münchner hs. 
cgm. 362 f. 94, auf die ich noch zurückkommen werde, von dem 
nimoeu brief b"chlin dz hie ze hinderst och stet die rede, das 
ze Milderst bezieht sich auf das vierteilige Sammelwerk Susos, 
aus dem die lebensbeschreibung abgeschrieben ist. die erwäh- 
nung des u e u en briefbüchleins setzt voraus dass ein altes existierte, 
uud ferner dass dieses alle bekannt war. das begleitschreiben 
Pone me in der Stuttgarter haiidschrift begleitete briefe, welche 
zum gemeingut bestimmt waren, das neue briefbüchlcin kann 
mit diesen briefen nicht gemeint sein; denn in diesem sind die 
Worte: ich sende euch hier die briefe, wie oben schon hervorge- 
hoben wurde, gestrichen, da nun Suso, wie wir sahen, die ur- 
sprüngliche Sammlung der Slagel mit rücksicht auf ein zu ver- 
anstaltendes briefbuch durchmusterte uud alle briefe derselben 
verwarf, die ihm zur Veröffentlichung nicht geeignet erschienen, 
so bleibt nichts anderes übrig, als in der Stuttgarter hs. das alte 
briefbuch zu erkennen, so führt uns auch diese letzte erwä- 
gung darauf dass wir in der Stuttgarter hs. nicht das ursprüng- 
liche briefbuch, sondern eine von Suso redigierte auslese aus 
jenem vor uns haben. 

Man darf mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen dass das 



384 DIE «niEFBÜCIIER SUSOS 

von der Sluttyarter hs. repräsentierte brielhuch die briefe alle 
enthalten habe, welche die handschrift bringt, denn von den 
2ü briel'en dei' Stuttgarter hs. kommen 13 auch in den beiden 
andern hss. und bei Sudermann vor, und für die zugehörigkeil 
der übrigen /um briefbuch spricht dass sie sich teils in den 
beiden andern hss., wenn auch nicht bei Sudermann, teils in 
einer der hss. und bei Sudermann, teils wenigstens in einer 
dieser Sammlungen auch finden. 

Dass der brief Exivi a patre, der in der Stuttgarter hs. 
fehlt, dem briefbuch angehört habe, dafür spricht dass er nicht 
nur in dem von mir herausgegebenen briefbuch der Münchner hs. 
cgm. 819, sondern auch in der Straisburger hs. und bei Suder- 
mann steht, dieser brief gleicht allerdings mehr einer predigt, 
wie Denille richtig bemerkt hat. allein wir sehen ja auch bei 
dem briefe Regwim mundi usw. dass Suso predigtstücke zu briefen 
verwendet hat. so könnte also Suso immerhin dieser Sammlung 
eine seiner predigten im texte wenig oder gar nicht verändert 
stückweise beigefügt haben, wie er andererseits dem neuen brief- 
buch die Sprüche und den morgengrufs beigefügt hat. und 
ebenso könnte gar wol auch die predigt Lectulus noster floridus, 
welche sich in der Stuttgarter hs. unmittelbar au den letzten 
brief auschliefst, von Suso in sein briefbuch aufgenommen worden 
sein, wofür eiuigermafsen zu sprechen scheint dass das Explicit 
Über, durch welches der Schreiber das briefbuch als abgeschlos- 
sen bezeichnen will, erst nach dieser predigt steht. 

2. Das briefbuch der Strafs burger handschrift B 139. 

Suso hat, wie schon bemerkt ist, gegen das ende seines 
lebens vier seiner Schriften zusammengestellt, um sie in dieser 
Vereinigung zu veröffentlichen, die erste derselhen bilden die 
von der Stagel gemachten und von Suso überarbeiteten und er- 
gänzten aufzeichnuugen aus seinem leben, welche wir der kürze 
wegen die Vita nennen wollen ; die zweite ist das Buch der Weis- 
heit, die dritte das Buch der Wahrheit, die vierte das Briefbuch. 

Dieses Sammelwerk ist im laufe der zeit vielfach abgeschrieben 
worden, wobei die abschreiher auch einzelne teile wegliefsen. so 
enthält cgm. 362 aus dieser Sammlung nur die Vita, cgm. 819 
lässt einzelne capitel der Vita und das Buch der weisheit, cod. 



DIE BIUEFBLICIIER SUSOS 385 

theol. et pliil. 281 der Sluttgarler bihlioüiek gleichlalls das 
letztere buch weg. dagegen rcpräseatiereii die Slrafsburger 
hs. B 139 (teils verglichen, teils abgeschrieben in Pfeillers nach- 
lass, Wiener hofbibliothek 6\}[t\)\. 2778. 2779), die Einsiedler 
hs. C 710 und der druck von 1482 das Sammelwerk, wie es den 
an sehe in hat, vollständig. 

Da der Einsiedler codex, welchen Morel, der frühere biblio- 
thekar von Einsiedeln, dem 15 Jahrhundert zuschreibt, in bezug 
auf die im briefbuch milgeleilteu stücke der älteren dem 14 Jahr- 
hundert entslannuten Stral'sburger hs. gleichartig ist, so können 
wir ihn hier aufser betracht lassen , und ziehen für die Unter- 
suchung über das briefbuch der Strafsburger hs. zunächst nur 
die hs. der Vita cgm. 362 und das briefbuch des drucks von 
1482 bei. 

In der Vita ist cap. 49 erzählt, wie die Stagel Suso be- 
stimmt habe, eine besondere weise, den namen Jesus zu verehren, 
gut zu heifsen, und da wird nun, wie schon erwähnt ist, cgm. 362 
auf die eingehendere darstellung dieses hergangs mit dem" Zu- 
sätze verwiesen : wie m dem neuen brießüchlein , das hie zu 
hinterst auch steht, eigentlich ist geschrieben. 

Mag man nun die Voraussetzung für dieses auch das alte 
briefbüchlein , oder die beiden übrigen Schriften der Sammlung, 
die bücher der Weisheit und der Wahrheit, sein lassen, immer- 
hin ist hier von einem neuen briefbüchlein die rede, das schon 
bekannt ist und hier nur von neuem in dem Sammelwerke 
herausgegeben wird. 

Eine zweite stelle über das neue briefbüchlein findet sich 
in cap. 6 der Vita, wo die Strafsburger hs. von einem morgen- 
gebete spricht, das Suso an etliche neue brießüchlein geschrieben 
habe, wir setzen diesen zusatz, welcher in den übrigen hand- 
schriften und im drucke von 1482 anders lautet, einstweilen als 
echt voraus und beachten hier nur dass die worte etliche neue 
brießüchlein zweierlei sinn haben können, indem sie entweder 
verschiedenartige neue briefsammlungen Susos oder verschiedene 
exemplare einer und derselben neuen briefsammlung bezeichnen. 
dass Suso verschiedenartige weitere briefsammlungen nach der 
ersten von ihm gemachten herausgegeben habe, ist nicht wol 
wahrscheinlich; denn es findet sich von solchen nicht nur keine 
spur, sondern es ist auch kein grund zu ersehen, warum Suso 



386 DIE BIUEFBiJCIlER SUSOS 

mehn-rc nach einamler entstandene saujnilungcn clatliiicli als 
yieicliarlig bezeichnet haben sollte dass er sie als neue dem 
alten brieHjuch gegenüber stellte, wenn sie doch unter sich ver- 
schieden waren, dazu kommt dann noch als enlscheidendt-r 
gruud, dass in der zuerst angeführten stelle cap. 49 von dem 
neuen briefbüchlein in einer weise die rede ist, dass neben ihm 
nicht wol ein anderes neues existiert haben kann. Suso will 
also in der stelle cap. G sagen dass, als er das neue brielbuch 
hinausgegehen, er etlichen exemplaren desselben, die er schreiben 
liefs, jenes morgengebet beigeschrieben habe. 

Nach den beiden stellen der Vita enthielt also das neue 
briefbuch eine ausführlichere erzählung über eine besondere Ver- 
ehrung des namens Jesus, und etlichen exemplaren war auch 
jener morgensegen beigefügt, welcher nach cap. 6 mit den Worten 
begann : Anitna mea desideravit. 

Beide stücke, die erzählung wie das gebet, linden sich in 
der Strafsburger hs. nicht, es repräsentiert also diese das neue 
briefbuch nicht vollständig und, da letzteres mit der erzählung in 
betreff des namens Jesus in das briefbuch der vierteiligen Samm- 
lung aufgenommen war, auch das briefbuch der Sammlung nicht 
vollständig, dagegen werden wir nicht zweifeln dürfen dass die 
1 1 briefe der Strafsburger hs., mit denen die des drucks im 
wesentlichen übereinstimmen, den» neuen briefbüchlein angehört 
haben, denn ein briefbuch kann doch nur dann ein neues 
heifsen , wenn es entweder neue briefe oder die alten in neuer 
gestalt bringt, da nun aufser den briefen der Stuttgarter hs. 
keine weiteren bekannt sind, so werden wir von ihnen diejenigen 
als dem neuen brielbuch angehörig anzusehen haben, welche 
eine wesentliche änderung erfahren haben, dahin gehören: 

1. der brief Reynnm mundi usw. die Strafsburger hs., die 
wir mit D, und der druck, den wir mit C bezeichnen, geben diesen 
brief nach seiner ersten gröfseren liälfte in kürzerer fassung, 
nach seiner zweiten hälfte gar nicht; dafür ist dem briefe ein 
stück aus dem briefe Surrexi usw. beigefügt. 

2. Habitabit usw. dieser brief erscheint in D und C als 
auszug aus dem entsprechenden briefe der Stuttgarter hs. mit 
Zusätzen aus den briefen Sonet vox tna, Gnstate, Revertere, Andi. 

3. Nigra usw. wird von D und C in gekürzter gestalt 
widergegebeu. 



DiK BIUEFBÜCIIER SUSOS 387 

4. die tirt'i briele des alten luiellniclis: Qnomodo polest 
cecus usw., Viriliter agite, Nemo potest usw. sind in D und C 
zu einem einzigen briele verbunden und bielür im texlc teil- 
weise veräudeil. an einzelnen stellen ist der text gekürzt, den 
yereinten briefen ist eine einleitung vorausgeschickt. 

5. Exultet usw. ist in D und C mit einer einleituug einge- 
führt, welche in dem alten brielbuch fehlt, aufserdem haben D 
und C einige unbedeutende kürzungen. 

6. Absohn usw. in ü und C nur unbedeutend gekürzt, 
dagegen findet sich hier eine selbständige grOCsere partie in der 
mitte des briel's, welche in dem alten briefbuch fehlt, auch ist 
der schluss verschieden. 

7. Christus [actus est usw. ist bei D und C hie und da 
gekürzt und einige auf die adressatin bezügliche merkmale sind 
getilgt. 

8. Anmmciate usw. D und C geben den brief etwas kürzer, 
dass der schluss in der Stuttgarter hs. fehlt, scheint zufällig. 

9. In Omnibus requiem quaesivi erscheint in D und C 
nicht als kürzung, sondern als eine Umarbeitung des ursprüng- 
lichen briefcs mit einzelnen neuen gedanken. 

10. Estote perfecti ist bei D und C an einer stelle gekürzt 
und mit einem stücke aus dem briefe des alten briefbuchs Nos 
autem revelata facie usw. verbunden. 

11. Pone me usw. D und C geben diesen brief mit einigen 
kürzungen und einem anderen Schlüsse. 

Von den übrigen briefen des briefbuchs der Stuttgarter hs. 
oder, wie wir auch sagen können, des alten briefbuchs, hat meines 
Wissens nur noch einer eine wesentliche änderung erfahren, 
wir werden auf diesen brief in dem nächsten abschnitt besonders 
zu sprechen kommen, und müssen ihn hier aufser betracht 
lassen, aber so viel isf sicher, wenn nicht ganz neue briefe 
den iiihall des neuen briefbUchleins , das Suso herausgegeben 
hat, gebildet haben — und das ist nicht wahrscheinlich — , dann 
kann es nur aus den briefen zusammengesetzt gewesen sein, 
welche eben kurz besprochen worden sind. 

Auch von einer andern seite aus wird uns dies nahe ge- 
legt. D und C wollen uns doch das Sammelwerk widergeben. 
mOjren sie nun auch weniger bringen als dieses hatte: etwas 



388 DIE DKIEFBICIIEH SUSOS 

diesem ganz fremdes haben sie schwerlich aufgenommen, enthielt 
aber der Vita zufolge das saminehveik auch das neue brieriiuch, 
so werden, wo nicht alle, so doch mehrere hriefe von D und C 
diesem briefbuch angehört haben, dass es alle in D und C ent- 
haltenen gewesen seien, wird teils aus der kleinen zahl derselben 
wahrscheinlich, teils aus dem umstände dass sie alle durch die 
Überschriften, welche sie tragen, als teile eines zusammengeiiürigen 
ganzen erscheinen, welches in dem einleitenden vorwort als 
solches angekündigt wird, denn aus der art der 11 oben be- 
zeichneten briefe ist ersichtlich dass es dem Verfasser nicht um 
die ungeänderte widergabe des ursprünglichen lextes, sondern 
um die lehre zu tun war. darum fügt er verwandte stücke ver- 
schiedener briefe zu einem einzigen briefe oder capitel zusammen ; 
darum lässt er älteres weg, um dem zwecke entsprechenderes an 
die stelle zu setzen; darum streicht er einzelnes ganz, und 
diesem charakter der briefe entsprechen nun auch vorwort und 
Überschriften, denn das von D und C gebrachte vorwort be- 
zeichnet die briefe, vor welchen es steht, zunächst nicht als eine 
summe von brieten, sondern als lehre, die aus den gemeinen 
briefen ausgelesen sei, und die aufschriften über den einzelnen 
briefen sehen sich an wie aufschriften von lehrcapiteln. so will 
der 1 brief von dem beginn eines anfahenden (geistlichen) 
menschen handeln, insofern er sich nämlich äufserlich von der 
weit scheidet, der 2 brief von der innerlichen verläugnung des 
alten wesens usw. und dass der letzte brief in D und C ein 
zusammengehöriges ganzes abschliefsen soll, wird aus Überschrift 
und Inhalt desselben zugleich klar; denn in dem briefe wird von 
der besten übung, die man haben möge, geredet, von der kröne 
aller übung, auf welche alles andere als auf sein ende gerichtet 
sei, von dem gebete zu Jesus, so wird aus allem wahrscheinlich 
dass die in der Strafsburger hs. enthaltenen briefe ursprünglich 
das neue briefbuch gebildet haben und mit den Überschriften, 
die sie tragen, und mit dem einleitenden vorwort, das ihnen 
voransteht, schon ehe sie bestandteil der vierteiligen Samm- 
lung wurden, von Suso hinausgegeben worden sind, dafür dass 
auch das vorwort zu dem neuen briefbuch nicht erst für die 
aufnähme in die Sammlung geschrieben worden , sondern dem 
neuen briefbuch gleich anfangs vorgesetzt gewesen sei, mag 
nebenbei noch sprechen dass auch das alte briefbuch von Suso 



DIE BRIEFBÜCHER SÜSOS 389 

mit eiüer ganz gleichartigen einleitung, wie wir sahen, hinaus- 
gegeben worden ist. 

Was wir iiher vorwort und Überschriften zu dem hriefbuch 
der Slrafsl)urger hs. bemerkten, wird nicht minder von den ein- 
leitungen zu dem 4. 5 und 6 briefe gelten, welche die voraus- 
srlzungen andeuten, unter welchen diese briefe geschrieben 
sind.i denn die erzählung von der Verehrung des namens Jesus, 

* auch die einleitung zum 5 briefe (Exullet elc), in welcher die 
Worte vorkommen; davna lange, do er iiss allen sinen hrieff'en diz klein 
ding ze samen machote und daz ander alles dur kürzung (text: küzrung) 
underwegeyi Hess, — verwarf er denselbeji brief och. do mornent ward 
— do kom in einer geischlichen gesilit für in neiswi menger jungling 
der engelschliclien geselschaft und strafte in, daz er de?iselben brief 
hüte verdilgcl und meinden, er müesli in wider scriben und daz tet er, 
wird schon im neuen briefbüchlein gestanden sein, wenn nun aber das 
neue briefbüchlein ein schon bekanntes altes notwendig voraussetzt, und 
in diesem der brief Exullet bereits steht, so kann sich obige notiz nur auf 
einen Vorgang bei der redaction des alten briefbuchs, d. i. des briefbuchs der 
Stuttgarter hs. beziehen, mit obigen werten diz klein ding kann also nicht 
das neue briefbuch in Sonderheit, sondern nur das briefbuch überhaupt ge- 
meint sein, das Suso, obwol es in einer längeren und kürzeren gestalt vor- 
handen war, als eines und dasselbe betrachtet, ganz ähnlich setzt Suso 
im Vorwort zu dem Sammelwerke einen und denselben subjectsbegrifT für 
zwei verschiedenartige briefbücher, für die ursprüngliche Sammlung der 
Slagel und für das briefbuch des vierteiligen werkes, wenn er sagt: Daz 
vierd buchli, daz da heisset daz briefbuchli, daz sin geischlichü tochter 
och ze somen brachte, uss allen den briefen die er ir vnd andren sinen 
geischlichen kinden hat gesendet tmd sie ein buch dariis hate gemachet, 
vss dem hat er genomen enteil dero briefen , vnd hat es gekurzet als 
man es hiena vindet. dass Suso auch das briefbuch nach seiner ersten 
umfassenderen geslalt, wie es in der Stuttgarter hs. sich findet, ein klein 
ding nennen konnte, dafür zeugt er selbst, wenn er die das Stuttgarter 
briefbuch um das dreifache an umfang übertreffende Vita oder wenn er das 
doppelt so grofse Buch der ewigen Weisheit als büchlin bezeichnet, vgl. 
Strafsburger hs. (aao. 151): In disem exemplar stand geschriben vier gutü 
buchlitn — daz dz buchli (die Vita) mit goles urlob wurdi geofnet — 
daz ander buchli (das Buch der ewigen Weisheit) ist ein gemeinü ler etc. 
und bei dem briefbuch handelte es sich noch dazu um eine Verhältnisbe- 
stimmung zu der jedesfalls sehr umfassenden Sammlung, welche die Stagel 
zusammengebracht hatte, wie freigebig man überhaupt im mittelalter mit 
dem deminutivum war, dafür zeugt zb. noch der druck von 1482, wo das 
ganze Susobuch ein büchlein genannt wird: das ist der prologus, das ist 
die vorrede des buchlijis, das do heisset der Seusse. und damit vergleiche 
man nun, was Penifle (s. 348) über die benützung einer stelle Murers aus- 



3<)(l DIE nHlEFlUCIlKR SUSOS 

wfilche <l(;m h'tzton Itri«^!' in der ersten ;msgal)e unzweifelhaft 
beigefügt war, zeigt dass Snso derartige erläuterungen und 
nolizen danrials schon fiir zweekdieidich erachtet hal. dass die 
l>czeichnelen einleilungen von aiifang an dem neuen hiielhuch 
angehört hal)en, wird auch dadurch bestätigt dass D und C eine 
notiz nicht haben, welche in dem briefbuch der im nächsten 
abschnill zu besprechenden Münchner hs. sich findet und ohne 
zweifei von Suso herrührt, denn wären die angeführten er- 
läulerungen dem neuen briefbuch erst beigefügt worden, als Suso 
dieses in sein vierteiliges Sammelwerk aufnahm, so müsten jene 
liandscbriften auch zugleich diese notiz der Münchner bs. haben, 
dass sie in D und C fehlt, ist ein beweis dass das neue brief- 
buch eine zwiefache redaction erfuhr, die eine, als es überhaupt 
entstand, die andere, als es bestandteil der vierteiligen Sammlung 
wurde. 

Der druck von 1482, das ist C, bringt zwischen dem vor- 
letzten und letzten briefe noch ein capitel, welches in der Slrafs- 
burger hs. sich nicht findet, es sind sprücbe, welche vom leiden 
bandeln , sowie von dem unterschied zeitlicher und gottlicher 
minne. Suso hatte sie in lateinischer spräche verfasst und 
bildern beigefügt, welche er in seiner capelle hatte anbringen 
lassen, die sprUche waren dann von der Stagel ins deutsche 
üb(!rsetzt worden und in dieser Übersetzung finden sie sich mit 
der einleitung Susos im briefbuch des drucks, es lässt sich aus 
den vorhandenen uotizen nicht bestimmen, ob diese sprücbe 
ursprünglich einen bestandteil des neuen briefbüchleins gebildet 
haben, wir constatieren daher nur dass sie in der Strafsburger 
bs. fehlen, somit bliebe als resultat dass das briefbuch der 
Strafsburger hs. die briefe des neuen briefbuchs enthält, wie 
diese in der ersten ausgäbe von Suso hinausgegeben worden 
sind, dass es aber von dieser ausgäbe die geschichte von der be- 
sonderen verehrnng des n; mens Jesus, welche das neue briefbuch 
ursprünglich hatte, sowie das morgengebet, welches verschiedenen 

ruft: 'wer wird doch Seiises originalmanuscript — — zu den trartetlein 
und büclilein zälilen?' oder wenn er s. 359 als arguuient groltend niaclit: 
'G = die Stuttgarter lis. ist ferner kein 'kurzes büclilein', oder, wie Seuse 
das gekürzte briefbüchleiu in der oben cilierten einleitung zum 5 brief 
nennt, ein 'klein ding', G ist ein 'buch' in 4° von G2 blättern zu je 2 
spalten' — sehr weit geschrieben, füge ich noch hinzu. 



DIE RHIEFRÜCHER SUSOS 319 

cxemplaren der ersten ausgäbe von Suso beigeschrieben war, nicht 
mit aufgenommen hat. 

3. Das b r i e f b u c h der M ü n c li n e r h a n d s c h r i f t cgm. 819. 

Es ist dies die handschrift, nach welcher ich 18G7 die briefe 
Susos herausgegeben habe, es ist eine papierhandschrift in octav, 
aus dem 15 Jahrhundert stammend, und enthalt die Vita, das 
Buch der Wahrheit und das briefbuch. Susos vierteiliges Sammel- 
werk liegt ihr zu gründe, denn das dritte und letzte ihrer stücke 
ist mit den Worten eingeleitet: Hie nach vacht ane daz vierd 
büchelein usw. 

Das briefbuch dieser Münchner hs. haben wir hier zu unter- 
suchen, es enthält die 11 briefe des neuen briefbuchs im 
wesentlichen in der gestalt, welche sie in D und C haben, und 
aulserdeni noch 14 weitere briefe, welche dem alten briefbuch 
angehören und von denen nur einer, der brief Mihi anteni adhae- 
rere deo usw., eine bedeutende änderung erfahren hat. 

Ich wüste, als ich diese briefe herausgab, von der auffmdung 
des alten briefbuchs in der erwähnten Stuttgarter hs. durch 
Pfeiffer nichts, aber Stil und Inhalt jener 14 im drucke von 
1482 nicht befindlichen briefe konnten mir keinen zweifei lassen 
dass sie von Suso geschrieben seien, und ich hatte mir nur zu 
erklären, wie es komme dass der druck von 1482 sie nicht ent- 
halte, wir werden auf die hypothese, die ich aufstellte, noch 
zu sprechen kommen, ob sie richtig oder unrichtig sei, ist für 
die hauptfrage, um die es sich handelt, von geringer bedeutung. 
diese hauptfrage aber ist : haben wir in dem briefbuch der 
Münchner hs. ein briefbuch, welches Suso selbst so wie es ist 
zusammengestellt hat, oder ist dasselbe das werk eines unge- 
schickten compilators? Denifles spruch lautet dahin: das brief- 
büchlein der Münchner hs. 'bietet uns in der tat weder ein bild 
des ursprünghchen noch des gekürzten briefbuchs, es ist ein 
conglomerat aus beiden und dient lediglich dazu, Verwirrung in 
das ganze zu bringen'. 

Denifle leitet seine besprechung dieser frage mit dem hin- 
weis auf die zahlreichen corruptelen der Münchner hs. ein, und 
diese sind würklich da, und 'Preger selbst gesteht sie oft genug 
ein', sagt Denifle, als ob ich eine Ursache hätte sie zu verheim- 
lichen, 'wiewol er nicht den vierten teil derselben verzeichnet'. 



392 DIE ßRlEFBÜCIlER SUSOS 

als ol> (Mne ausgäbe eine Sammlung sämmtlicher fehler enthalten 
müste, welche die ihr zu gründe liegenden handschriflen haben ! 
aber wozu das hier, wo es sich nicht um die frage nach der 
besseren und schlechteren abschrift, sondern um den hersteller 
der Sammlung handelt? mit den meisten dieser corruptelen steht 
es so schlimm nicht dass wir nicht hier ebenso, wie dort bei 
der gleichfalls an fehlem reichen Stuttgarter hs., den ursprüng- 
lichen sinn erkennen könnten, die frage ist nur: sind diese ent- 
stellungen so wesentlicher art dass von ihnen aus ein schluss ge- 
zogen werden kann für den Ursprung der Sammlung selbst? 
Denifle bezeichnet in der tat eine solche 'corruptele'. 'am meisten 
verdorben', so versichert er, 'ist der text im 15 brief. der erste 
dritteil desselben ist etwas mehr als die hälfte des briefes Michi 
antem adliaerere deo honum est, der sich vollständig in C hl. 58 — 60 
(bezeichn. der Stuttgarter hs. 67 durch Denide) findet, die zwei 
andern dritteile aber sind der schluss von Seuses predigt Lectulns 
noster floridns.' da eine Untersuchung dieses briefes uns gleich 
mitten hinein in die hauptfrage über den Ursprung unserer Samm- 
lung führt, so wird es sich rechtfertigen, wenn wir Denifle hier 
etwas länger festhalten, 'ich würde nun nichts davon sagen', 
fährt Denifle, um* sein urteil zu begründen, fort, 'dass sich hier 
ein stück predigt finde; Seuse hätte ja ganz gut gedanken der- 
selben hier verwenden können', — und in der tat, Denifle hat 
grund hievon nichts zu sagen, da Suso sich, wie Denifle selbst 
später nachweist, solche Verwendung von predigtstücken auch 
sonst noch erlaubt hat — , 'aber an diesem orte fehlt jeder 
Zusammenhang , ohne dass es Preger bemerkt hätte , abgesehen 
davon dass der satz: ist in denn ein leiden usw. ganz ver- 
dorben ist'. 

Also 'an diesem orte fehlt jeder Zusammenhang'! sehen wir 
zu. der brief hat zum motto die worte des 73 (72) Psalms ^ : 
Mihi autem adhaerere deo bonum est. der Sänger des Psalms 
steht vor einem der rätselhaften Widersprüche dieses weltlebens. 
er sieht dass es den frommen hier oft so schlimm, den bösen 
so gut geht und will fast irre werden an den führungen gottes. 
aber der blick auf das ende der gottlosen macht ihn wider ruhig, 
und so dunkel ihm auch vieles bleibt, so vertraut er doch, und 

• in meiner ausgäbe ist aus verschen Ps. IIS, 8 gescliiieben. 



DIE RRIEFBÜCHER SUSOS 393 

so viel er auch leiden niiiss, so schliigl ihm das anhaften an gotl 
doch zum heile aus : mihi antem adhaerere deo botium est. sehen 
wir zuerst, wie zu diesem im sinne des Psalms verstandeneu 
motto des briefs das prediglstück stimmt, welches dem hriele 
angehängt ist. Suso redet in der hier benutzten predigt von 
inueren anfechtungen, von zweifeln namentlich an gottes erbar- 
men und im zusammenhange damit von der frage, warum gott 
oft die seinen mit solchen zweifeln heimsuche, er mahnt in 
dem für den brief verwendeten Schlussabschnitt der predigt 
zu vertrauensvollem ausharren, indem er auf das heil hinweist, 
das den ausharrenden aus solchen anfechtungen erwachsen könne, 
nimmt mau das motto nicht als einen satz, der eine Wahrheit im 
allgemeinen * sondern , wie neben dem context auch schon das 
mitem gebietet, der sie im gegensatz zu einem besonderen falle 
ausspricht, so sieht man, wie treftlich das beigefügte predigtstück 
zu dem motto stimmt, das Suso seinem briefe vorgesetzt hat, 
und schon von hieraus dürfte sich zweifei erheben, ob ein frem- 
der compilator jener zeit es gewesen sein möchte, der unter den 
zahlreichen stellen in Susos Schriften, welche vom leiden handeln, 
eine so zutreffende herauszufinden bestrebt und achtsam genug 
gewesen wäre. 

Nehmen wir nun den brief selbst, dass Suso leidende im 
äuge habe, an die er den brief richtet, ergibt sich unzweideutig 
aus dem letzten teile desselben , welchen er mit einem darum 
an das vorhergehende anschliefst, und welcher eine mahnung zu 
willigem leiden enthält, min nserweltiu kint, lident, lident und 
wissent, das ein kranker lip und ein vestes gemüete mügent 
alliu ding in gotte überwinden, man müsse, so führt er gleich- 
nisweise aus, auch in natürhcheu dingen durch ausharren in 
geduld die freude erkaufen, er weist auf den getrosten mut des 
leidenden Paulus hin, welcher gesprochen habe: hinfort lasse 
mich jedermann schalfeu das meine, denn ich trage die fünf 
zeichen Jesu Christi an meinem leibe, so schliefst der brief, 
und von diesen schlussgedanken aus will nun der erste teil des 
briefes, dem das predigtslück angeschlossen ist, verstanden sein, 
nach einer nachdrucksvollen einführung des erwähnten mottos 
aus der psalmstelle hebt Suso hervor dass es das beste sei gott 
anhaften und 'alles kummers und unruhe vergessen'. Suso will 
also, wie auch das im sinne des contextes verstandene motto 
Z. F. D. A. neue folge VIII. 26 



394 DIE BHIEFBiJCHER SUSOS 

schoD andeiilet, nicht sovvol solclie trüslcn, die da IdoCs leiden, 
als solche, di(! dabei in sorge und unruhe sind, er hebt hervor, 
welchen segen das haften an golt habe, dass es eins mit ihm 
mache, dass die seele dadurch erleuchtet, beseligt, geheiliget werde 
(abelegen aller unglkheü). von diesen letzten drei stücken gibt 
Snso eigentlich nur den ersten beiden eine weitere ausführuug, 
indem er gleichnisweise die wonnezeit des anbrechenden souuners, 
die Verklärung und freude der natur im lichte der sonne beiziehl; 
wie dagegen das ausharren bei gott im leiden der seele alle Un- 
gleichheit (oder unledigkeit, wie die Münchner hs. hat) benelnne, 
das wird erst anschaulich gemacht und im einzelnen dargelegt 
durch das predigtstück, welches der zusammenstcller nun an die 
stelle des letzten teiles des briefes setzt, der mehr nur ermun- 
ternde zurufe enthält. 

So besteht denn wol ein innerer Zusammenhang zwischen 
den beiden stücken, so gut er nur immer bei derartigen compi- 
lationen sein kann, und so gut, als er nur immer bei Suso, wo 
er in dieser weise verfährt, sich findet. 

Der Oberflächlichkeit des Urteils hinsichtlich des Zusammen- 
hangs der beiden combinierten stücke entspricht Denifles be- 
merkung über den ersten satz dos augefügten prcdigtstttcks, den 
er als ganz verdorben und sinnlos hinstellt, der zusammensteller 
muste, um die ersten sätze des predigtstückes dem letzten salze 
des briefstückes anzuschliefsen und auch formell einen Zusammen- 
hang herzustellen , diese sätze entsprechend modificieren. der 
letzte satz des briefstücks ist ein ausruf, der ein gut benennt, 
welches der an gott haftende besitzt, der erste satz des anzu- 
hängenden predigtstücks sagt dass gewisse leiden ihrem gründe 
nach verborgen gehalten seien, und mahnt sich dabei zu beruhigen. 

Der zusammensteller, welcher mit seinem anzuschHefsenden 
stücke beruhigungsgründe einführen will, modificiert darum den 
letzten satz des briefstücks so dass er, anstatt zu sagen: die an 
gott haftenden freuen sich, nun sagt: die an gott haftenden freuen 
sich billig, denn es soll nun durch den ersten satz aus der 
predigt etwas benannt werden, was jene freude zu bedrohen 
scheint, eine weitere folge dieser wendung des briefsatzes ist 
dass der gedanke, dass gott gewisse leiden verberge, aus der 
hauptstellung, welche er in der predigt hat, in eine untergeord- 
nete treten muss, um der tendenz des briefes gemäfs den ge- 



DIE BRIEFBÜCIIEU SUSOS 395 

danken in die vorderste stelle rücken zu lassen dass man ver- 

horgene leiden getrost hinnehineu solle, der zusamniensteller 

zieht also den durch einen interrogativen nehensalz und einen 

hauptsatz ausgedrückten gedanken: aber warnmh sin got fürbas 

mit dem Helen twinge, denne mit anderen, das ist verborgen in 

gottez tougen in einen einzigen concessiven nebensatz zusammen, 

um ihn dem folgenden hauptsatz, für den der letzte gedauke aus 

dem modificierten briefstück die hauptstelle fordert, unterzuordnen. 

Die folgende gegenüberstellung mag das zweckentsprechende 

verfahren des zusammenstellers anschaulich machen : 

letzter satz des briefstücks: der zusammensteller cgm. 819: 

min liehiu kint, dem diu mein lieb kindl dem nun 

geware sunne inlinhtende ist, die geioar sunne inlewchtend ist 

toi e mag der so wo l tote f'rewend sich 

eine summerliche wunne die so billich! 

habe n ! 

erste sätze des predigtstücks: 

Aber loarumb sin got fürbas ^■•^^ '"■ * ^'^"" '•'" leiden oder druck 
mit dem liden twinge, denne mit ^«'•^"'•^«« «'' ^'■«^''* hehnlicheit, daz 
anderen, das ist verborgen '^^^^'^d sy von got also 
in gottez tougen wanne ^ fnemen; loann got aller men- 
das süllent sin von gotte ''^''' ^^^^^'* ^"'^ '""'^ ^""^ '^''' 
also nf nemen, wanne got ^>«««'i% ^^^ ufswendig aller 
aller menschen herzen und muot ^^^^ bekennet usw. 
und wise innen und ufsen aller 
bast erkennet usw. 

Wie ferner aus der bisherigeu darleguug ersichtlich ist, 
konnte der zusanunensteller, da er in dem briefe eine besondere 
art des inneren leidens nur leise augedeutet hat, ein specielles 
leiden, von welchem in dem ersten satze des predigtstücks die 
rede ist, da wo es sich um die anknüpfung handelt, nicht als 
bekannt einführen, er muste darum für den bestimmten den un- 
bestimmten arlikel setzen und 'ein leiden' schreiben, der klare 
unzweideutige sinn der stelle ist also: ist ihnen auch die Ursache 
eines leidens verborgen , weil gott ihnen ein geheimnis daraus 
gemacht hat, so sollen sie das also aufnehmen d. i. als ein ihnen 

• in dem sonst nicht aceentuierten text meiner ausgäbe steht m statt 
m. dass die hs. den circumfiex nicht habe, war schon aus der anmerkung 
zu ersehen. 

26* 



396 DIE BRlEFnÜCIIER SUSOS 

von gott verborgeaes vertrauensvoll hinnehmeo , (Iciin fj;ott als 
der beste kenner des menschlichen herzcns vveifs vvol, warum er 
ihnen ein geheimnis daraus macht usw. 

So wenig vermag der einwurf Donifles gegen diesen 15 hrief 
die Vorstellung zu hegriin<len dass ein fremder compilator ein 
ungeschicktes mixtum compositum hier geliefert habe, dass uns 
eine genauere Untersuchung vielmehr auf die Vermutung führen 
muste dass die combination des briefes mit dem prediglstück 
schwerlich auf einen anderen als den vf, des briefes selbst zu- 
rückzuführen sei. 

Und wie nun, wenn nicht hlofs dieser hrief, sondern das 
ganze briefbuch der Münchner hs. seinen Ursprung der band 
Susos verdankte, wenn also Suso seihst der missetäter gewesen 
wäre, welcher, um mit Denifle zu reden, Verwirrung in das ganze 
gebracht hätte? 

Dem zusammensteller der Münchner hs. war es nicht darum 
zu tun, das vierteilige Sammelwerk Susos vollständig zu geben; 
das Buch der Weisheit lässt er ganz weg, und statt der 57 capitel 
der Vita gibt er nur 43, und auch diese mehrfach gekürzt, wie 
er denn auch dem gekürzten vorwort Susos zu der Vita die 
Worte beifügt : doch han ich das pest dorauz gelesen in knrczen 
Worten, wäre es da nicht auffallend, wenn dieser Schreiber, bei 
dem briefhuch angelangt, nun mit einem male ein gegenteiliges 
verfahren eingehalten, und wenn er, wo er nach Denifles Voraus- 
setzung doch nur das gekürzte oder wie wir sagen wollen das 
neue briefbuch in der Sammlung vorfand, sich nicht mit der 
vollständigen abscbrift desselben begnügt, sondern aus dem alten 
briefbuch 13 weitere briefe abgeschrieben, und damit noch nicht 
zufrieden, sogar einen neuen hrief wie den besprochenen 15 durch 
combination mit jenem predigtstück erst hergestellt hätte? 

Wie kommt es, so muss man ferner fragen, dass dieser 
fremde compilator, der sich doch, um das alte mit dem neuen 
briefhuch zu verbinden, die briefe beider näher ansehen muste, 
jene stellen, welche Suso für das neue briefbuch bereits ver- 
wendet hatte, in den briefen, die er jetzt hinzu nahm, noch 
einmal mit abschrieb? und warum hat er, wenn es ihm um 
alle briefe Susos zu tun war, nicht gleich das ganze alte brief- 
buch abgeschrieben, bei welchem auch ein sonst ungeschickter 
compilator, der unser Münchner schreiber doch jedesfalls nicht 



DIE BRIEFBÜCIIER SUSOS 397 

war, sehr bald erkeuucn küiiiile dass es die briele Susos in einer 
urspriingliclieien gestalt enthielt? 

Anders beantworten sich diese tragen, wenn wir uns Suso 
selbst als den denken, der l'iir seine vierteilige Sammlung aus 
dem alten und neuen briefbuch ein einziges machen wollte. 

Suso hat, wie er im Vorwort zu seinem Sammelwerke sagt, 
weil nnkönnende Schreiber das Buch der Weisheit nnd etliche 
mehr semer bücher imgänzlich abgeschrieben und nach ihrem sinn 
daziigelegt und davongenommen haben, sie selbst zusammengelegt 
nnd iDolgerichtet, dass man ein recht exemplar fände, nach der 
weise, als sie ihm des ersten von gott eingeleuchtet sind, da die 
Vita noch nicht veröffentlicht war, als Suso dies Vorwort schrieb, 
so blieben nur das Buch der Wahrheit und das neue briefbuch 
übrig, welche durch das etliche mehr seiner bücher bezeichnet 
wären, und welche er in dem Sammelwerke mit jenen beiden 
zusammengelegt und wolgerichtet hätte, ich überlasse es dem 
leser, zu entscheiden ob der ausdruck etliche mehr seiner bücher 
nicht zu umfassend gewählt war, wenn er nur noch zwei solche 
im äuge hatte, weit besser deckt jedesfalls die gewählte unbe- 
stimmte Zahlbezeichnung die sache, wenn wir uns unter diesen 
büchern noch ein drittes von ihm bereits veröffentlichtes, näm- 
lich das alte briefbuch, hinzudenken, die ausdrücke, er habe 
diese bücher zusammengelegt nnd wolgerichtet, würden dann 
auch erst recht zutreffend erscheinen, wenn sie sich auf die Zu- 
sammenlegung und redigierung der beiden briefbücher zu einem 
einzigen briefbuche mitbezögen, nehmen wir nun vorläufig ein- 
mal an, Suso habe auch das alte briefbuch in sein Sammelwerk 
mit aufnehmen und jedem der beiden briefbücher seine ihm ur- 
sprünglich eignende gestalt widergeben oder bewahren wollen, 
dann hätte er jedes derselben freilich in seinem ganzen umfang 
geben müssen, aber damit würde er 12 ganze briete so gut 
wie doppelt gebracht haben, er wählte daher den für seinen 
zweck allein richtigen weg dass er das neue briefbuch in voll- 
ständiger weise gab, und von dem allen nur diejenigen briete 
einfügte, welche in das neue briefbuch nicht aufgenommen waren, 
weil er das neue briefbuch in integrer weise bringen wollte, 
so rückte er es ein ohne die stellen wegzulassen , welche er 
früher aus den von ihm nicht aufgenonnnenen briefen des 
alten briefbuclis ausgewählt hatte, er konnte sich dazu um so 



398 DIE BHlEFBiJCIIER SUSOS 

weuiger bestimmt fühlen, als die angelügten stellen mit den ge- 
kürzten brieten, welchen sie heigegeben sind, ein /usanimenge- 
höriges Ichrcapitel bilden, und er konnte sich auch nicht ver- 
anlasst fühlen , die aus dem allen in das neue nicht aufgenom- 
menen briefe um jene im neuen briefhuch visrwendeten stellen 
zu kürzen, weil er auch dem alten hriefbuch, so weit er es 
aufnahm, dem für die Sammlung ausgesprochenen zwecke 
gemäfs, den ursprünglichen Charakter erhalten wollte. Susos 
grofses Sammelwerk wurde durch letzteren umstand allerdings 
um etwa 2 — 3 folioseiten umfassender; aber war dies nicht, um 
einen bei Denifle mehrmals widerkehreuden ausdruck hier anzu- 
wenden, leicht zu verschmerzen? 

Auch die reihenfolge der briefe in der Münchner hs. lässt 
vielmehr den ursprünglichen Verfasser der briefe als den fremden 
compilator vermuten, wenn Suso aus beiden briefbüchern eines 
machen wollte, so muste er woi den Schlussbrief des neuen 
briefbuchs, die geschichte von der besonderen weise der Ver- 
ehrung des namens Jesus und den morgengrufs an letzter stelle 
belassen; denn in diesen stücken will Suso alles, was er in den 
briefen gesagt hat, zusammenfassen; er bezeichnet das gebet zu 
Jesus in dem letzten briefe als die kröne aller übung, als das 
ende worauf alles andere gerichtet sei. widerum gieng es nicht 
wol an, den ersten brief des neuen briefbüchleins nicht als ersten 
stehen zu lassen, denn er hat den anfang des geistlichen lebens 
zum thema; er hat zum anlass die eiokleidung einer nonne und 
Suso überschreibt ihn: voti eines anvahenden menschen ledigem 
vonker von der weit zu gott. so musten die 14 briefe aus dem 
alten briefbuch irgendwo zwischen dem ersten und letzten des 
neuen briefbuchs eingeschoben werden, wir finden sie zwischen 
dem dritten und vierten brief, und der grund für diese Anord- 
nung lässt sich vielleicht erkennen, für den 4. 5 und 6 brief 
hat Suso geschichtliche notizen oder einleitungen für nötig be- 
funden, womit schon angedeutet ist dass sie mehr besondere 
fälle behandeln; auch der 8 brief hat keine so allgemeine be- 
deutung wie die ersten briefe: er gibt regeln für eine kloster- 
vorsteherin. die 14 aus dem allen briefbuch herübergenommeneu 
briefe tragen diesen specielleren charakter nicht, sie gleichen 
vielmehr hinsichtlich ihrer Verwendbarkeit mehr den drei ersten 
briefen, welche allgemeinere seelenzustände berücksichtigen, nach- 



DIE BHlElBilCflEK SÜSOS 399 

(leiu ik'r ziisaiimienslt'ller den passendslcn ort lur ihre einscliie- 
bung geruiulen, liel's er sie in der Ordnung aufeinander folgen, 
welche sie sehr wahrscheinlich im alten hriefbuch ursprünglich 
gehabt haben, denn lässt man im briefbuch der Stuttgarter hs. 
jene briefe aufser betracht, welche von Suso in das neue brief- 
buch aufgenommen worden sind, so ist dort für die 14 briefe 
fast ganz dieselbe reihenfolge, indem nur der 5 und 6 sowie 
der 15 und 17 brief der Münchner hs. umgestellt sind, dh. der 
je zweite dieser pare dort au erster stelle steht, den 16 brief der 
Münchner hs. aber hat die Stuttgarter überhaupt nicht; dagegen 
folgt er in der Stial'sburger hs. F 128 ebenso wie in der Münchner 
auf den 15 brief der letzteren: Mihi autem adhaerere usw. 

So ist also auch die überlegte art der einreihung dieser 
briefe ein weiteres anzeichen dass wir in dem zusammensteller 
des briel'buchs der Münchner hs. nicht einen fremden compilator, 
sondern Suso selbst zu suchen haben. 

Diese Vermutung aber, zu welcher uns die bisher gemachten 
bemerkungen anlass gaben, wird nahezu zur gewisheit, wenn wir 
nun den lext der briefe in der Münchner hs. mit dem texte 
derselben in den übrigen handschrii'ten vergleichen. 

Es lässt sich ja wol die band des autors, welche einen 
schon veröffentlichten text für eine neue ausgäbe bessert, von 
der band des fremden, selbst wenn diese geschickt ist, noch 
unterscheiden, der fremde wird nur in seltenen fällen seines 
autors meister sein wollen, er wird etwa kürzen, verwandtes 
beifügen, ihm anstöfsiges zu mildern suchen, er wird für ein 
unleserliches wort ein sinnvolles setzen ; aber er wird nicht jene 
fürsorge für den text zeigen, welche den autor charakterisiert, 
der sein werk noch einmal hinausgeben will, jene ins einzelne 
gehende bemühung, den gedanken noch deutlicher, den ausdruck 
noch bestimmter, das bild noch correcter zu gestalten, es ist 
wahr, Suso wollte, als er zum letzten male die band an seine 
Schriften legte, um sie von neuem hinauszugeben, diese nur in 
ihrer ursprünglichen gestalt wider herstellen; aber dieser vorsatz 
konnte doch für einen Schriftsteller wie Suso unmöglich bedeuten 
wollen dass er jede Unebenheit des stils, welche ihm etwa bei 
den ersten ausgaben mit untergelaufen war, sclavisch wider ab- 
schrieb, oder dass er, wenn er ein treffenderes wort fand, dieses 
nicht an die stelle des ursprüngUchen setzte, oder auch wenn 



400 DIE IJUIEFBÜCIIEU SUSOS 

ilirn beim schrei))cn die emplindung von neuem erregt ^vll^(le, 
(lass er diesiBr empliudimg uiciit liie und da durch einen stärkeren 
ausdruck oder kleinen zusatz uachgal). derartige änderungen aher 
(luden sicli im brielhuch der Münchner hs. in ziemUchcr zahl, 
vergleicht uian dieselben mit dem unter sich gleichartigen texte 
der übrigen handschriften, so zeigt sich dass dieser ihnen zur 
Voraussetzung dient, und diese änderuugen erstrecken sich so- 
wol auf die briefe, welche dem neuen, wie auf jene, welche dem 
alten briefbuch entnommen sind, ich teile aus beiden einige 
beispiele mit. für die briefe, welche dem neuen briefbuch an- 
gehören, ist die Strafsburger hs. wie oben mit D, der druck mit 
C, die Münchner hs, dagegen mit A bezeichnet. 

a. aus den hriefen des neuen briefbüchleins. 

DC. 1 brief : die sich glichend den wilden ingeschlossen Heren, 
so man den diu tor beschliufset, so gngent (C: giengen) siu dur 
die zun us. 

A: die sich gleichiend den ingescMosnen tieren in den ti er- 
garten, so man die tür und das tor beslewfset, so g inend sie 
und t ringend durch die sewn au/s. 

Mag nun gugen oder ginen (giengen in C ist verdorben für 
ginen) das ursprüngliche sein, der zusatz und t ringend ver- 
vollständigt in treffender weise das bild. 

DC. 2 brief: do entwürt im sin inrkeit und sprach. 

A: do antwurt im sein bescheidenheit und sprach. 

Das bestimmtere tritt an die steile des unbestimmteren. 

DC. 2 brief: und daz daz minneJclich guot min friund ist, 
des ich ein guot zuoversicht han. 

A: und daz das mynniclich gut mein freund ist, und daz 
ich dez ein gancz Zuversicht han. 

Die unklare beziehung von des wird durch das eingescho- 
bene und daz ich klar. 

DC. 3 brief: volget froed in dem schönen himelrich (schluss 
des briefs). 

A: volget ewige f'rewde in dem schon himelreich, quod 
nobis concedat ille qui passus est pro nobis. 

Zusätze, die aus Susos natur sich erklären. 

DC. 4 brief: des selben nahtes na der meti waz im vor in 
einer gesiht, wie ein groefsiu schar michels gefügeis kemi. 



DIE BniKbBilCHER SUSOS 401 

A: dez seihen nacktes nach der metten an seinem gebet 
waz im vor in einem (jesicht, wie ein vast grofse schar wünder- 
lichs gefügeis körne. 

Ergänzt die umstände der erscheinimg diircli eine weitere 
bestinimung, und setzt zu dem worte gefügel ein trelleuderes 
beiwort. 

DC. 4 brief: lass von gründe den menscJmi, du merkst 
mich wol, und la alles daz gewerbe. 

A; lass von gründe den menschen und alles daz gewerbe. 

Eine persöniicbe beziebung, die in der friiberen ausgäbe 
aus versehen nicht getilgt worden war, ist nun in A mit recht 
gestrichen. 

DC. 5 brief: so daz liplich zuo dem geischlichen und daz 
wolgenatiurt zu dem ewigen geratet, daz denne ein grofse funk 
diner gnadenrichen minne darus wirt. 

A: so daz wol begäbet leiblich zu dem geistlichen und 
daz wol genaturt zu dem ewigen geratet, daz denn ein grofser 
funck deiner gnadenreicher mynne dar ufs wirt. 

Eine notwendige Verbesserung, da nur mit einem solchen 
beiworte die erste hälfte des nebensatzes zur begriindung des 
hauptsatzes dienen kann. 

DC. 5 brief: du zoegest daz sur und behaltest daz süez. 

A: du zeigst daz bitter und biergst daz süfse. 

Den gegensatz schärfer bezeichnend. 

DC. 5 brief: min sele einredet durnah, owe min herz rüeret 
sich in minem libe. 

A: mein sele am et darnach, o we mein hercz. 

Stärker und treffender. 

DC: so es mir in minen muot kunt, ach so wird ich als 
reht froelich gestalt, daz man es an mir br Hefen moehte, 
der es nemi war; alles daz in mir ist, daz zerfliufset von 
rehten froeden. 

A : so es mir in meinen mut kumpt, ach so loird ich als recht 
frölich gestalt ; alles, daz in mir ist, zerflewfset von rechten frewden. 

A beseitigt den unnützen zusatz. 

DC: daz du mich sunderlich lieb hetist! ach owe, und 
daz du truter herr ein sunderliches minnekliches 
lieb sehen uf mich hetist, luoget elliu herzen, wert daz nit 
ein himelrich? 



402 DIE BIUEFJJi'CflEU SUSOS 

A: (laz du mich sunderlkh lieb hellest! ach lugend alle 
herczen usw. 

A beseitigt die (aiitologie. 

DC. 8 brief: hierinne halte dich also, daz du sines willen 
luogest ane Inst suochen din selbsheit. 

A : /( ierinne halle dich also : du s ölt in seih s Verworfen- 
heit seines willen lugen, ane lust suchen dein selbhait. 

Hebt den gedanken nach l'orm und inhalt stärker hervor. 

DC. 9 brief: diss scrib ich iu darumbe, sid ir got verr in 
daz eilend gevolget seind, daz ir in nahe und verr kunint vinden, 
wan er in allen dingen hat wonen. 

A : diss schreib ich euch darumh , sider ir got ferre in daz 
eilend habt gevolgt, daz ir nahen und verr kündet vinden den, 
der da in allen dingen hat sein wonen. 

A gewinnt durch die Veränderung in der conslructiou, dass 
der hauptbegrifl' nun auch äufserlich mehr hervortritt. 

DC. schluss des 11 und letzten briefs: der sie och von 
uns allen iemer eweklich gelopt, und dez wünschen mit mir elliu 
got minnendin menschen von grundlosem herzen und sprechen 
froelich: amen. amen. 

A: und der sei/ ewiklich gelobt, amen. 

Der schluss in A ist gekürzt, weil das, wozu er aulTorderl, 
in dem lobreichen niorgengebet, das nur etlichen exemplaren des 
neuen briefbiichleins hinzugefügt war, nunmehr iu voUkommnerer 
weise enthalten ist. 

b. aus den brieten des alten briefbiichleins. 

Ich bezeichne hier die Stuttgarter hs. mit G, die Zürcher 
mit H, Sudermann mit J. 

GHJ. brief Sonet vox tua etc. : myn kint ich bitte die ewige 
wifsheit, das sie in dyme hertzen zu huse vahe (J komme, eine 
iuideiiing Sudermanns, um das nicht mehr verständliche vahe 
verständlich zu machen) vnd alles das kreftklich dar vs stofse, 
das ye dar ynne gestület. 

A: mein kind, ich bite die ewig weifsheit, daz sie in dein 
hercze ziech, und alles daz geriiste dar auz stofs, daz ie 
darinn gesass. 

Der dem hauptgedanken dienende gedanke in der ersten 
hälfte des nebensatzes wird durch das bild ze hnse vahe d. i. 



DIE BIIIEFBÜCIIER SUSOS 403 

heimisch werde zu sehr gehoben, und der haiiplgedanke in der 
zweiten häUte zu wenig scharf markiert, denn es sitzt doch auch 
in dem herzen so manches, was nicht daraus gestolsen werden 
soll. A beseitigt das bild in der ersten hälfte, und setzt dal'ür 
ein bezeichnendes bild in die zweite hälfte. gerüste hat hier 
den wegwerfenden sinn wie anderwärts bei Suso gerümhel. 

GHJ. brief Gustate etc.: vnd in dem starckeri gewilde des 
tieffen meres eins vngöttlichen lebens so manig f'reissen hertzen 
vnd libes ane siht. 

A: und in dem starcken geivild dez tieffen mers diser 
weit so manig unfrey hercz leibs und sei ansieht. 

Diser weit ist biblischer, umfassender, zu dem bilde passender. 

GHJ. brief Gustate : gemynter herre, du bist aUeine das gut, 
in dem man stete fröide, gantzen friden vnd liep ane leit findet. 

A: gemynnter herre, du bist allein daz gut, in dem stete 
fremd, ganczer frid ist, und in dem lieb und leid wen- 
dend. 

Der letzte gedanke in GHJ ist gewis in dem sinne richtig, 
als die liebe zu gott nicht wie die liebe zur weit die wurzel des 
leides in sich trägt, aber so hingestellt widerspricht er schein- 
bar dem bei Suso so oft widerkehrenden gedanken dass liebe 
nie ohne leid gefunden werde, welcher abschreiber hätte eine 
modification gefunden wie diese: 'in gott wenden lieb und leid'! 
dh. beide finden in gott ihr ziel, die erstere um von da be- 
friedigt zu sich selbst gleichsam heimzukehren, das letztere um 
sich da zu wandeln und in freude zu verkehren. 

GHJ, Quam dilecta tabei-nacula etc. : ehte dis gaistlich hingen 
dicke in iuch beschiht, bitze das ir noch naher ns gedringent ns 
iuwerme natiurlichem wesen, vnd waz iuch nu jerlich ist, also saut 
Bernhalt strichet, das loiirt iuch demie tegelich vnd stilndelich. 

A: aber wenn dicz geistlich innbleiben in euch 
dick geschieht, machet [es] euch neher ze ufstreiben ewer 
krankheit , und ioaz euch nun selczen ist, als sant Bernhart 
spricht, daz wirt euch darnach teglich und stündlich. 

Nach dem zusammenhange ist von den göttlichen gnaden- 
einflüssen die rede, ihr zeitweiliges ausbleiben soll daran nicht 
irre machen, unvermittelt fährt GHJ fort: wenn sie nur oft in 
euch geschehen, so bringen sie euch näher dazu, euere krank- 
heit auszutreiben, das congruiert nicht wol, denn der vorher- 



404 DIE RIUEFIU CllEIl SUSOS 

gehende salz sc[ieiiit (laiaul' zu riiliicii dass das seltnere vor- 
konunen nicht so .viel zu bedeuten habe, diese mOglichkeit einer 
zu geringen Wertschätzung wird dinch die Wendung, welche die 
redigierende band in A dem lolgenden satze durch das aber gibt, 
beseitigt, auch sind die ausdrücke krankheit und selczen eine 
Verbesserung, der erstere ist bezeichnender, der letztere als 
gegensalz im deutschen geläufiger und bequemer. 

GlIJ. Kevertere: vnd begrnop denne den alten menschen in 
syme herlzen, recht also er nie loürde. 

A: und zog auz do den alten menschen in seinem her czen, 
recht alz er nie enwürd. 

Den alten menschen begraben ist wol biblische ausdrucks- 
weise; aber 'begraben in seinem herzen' ist kein ganz passendes 
bild. der in A dafür gesetzte ausdruck dagegen ist IrelTeud ge- 
wählt im anschluss an die bibelstellen Col. 3, 9 — 10: Ziehet aus 
den alten menschen usw. und Eph. 4, 22 — 24: Leget ab den 
alten menschen — erneuert euch aber im geist eueres gemüts 
und ziehet den neuen menschen an. 

GHJ, Auditeetc. : siner sijnne Mieten, lützel zites vnd loorten 
yeman geben. 

A: seiner sinn hüten, vil zeites und ivorlen niemand 
geben. 

Durch die Übertragung der Verneinung von dem sachlichen 
object auf das object der person und durch die Verstärkung der 
Verneinung erhält der satz die nach dem Zusammenhang zu er- 
wartende grüfsere ausschliefslichkeit. 

GHJ. In exitu Israel: wie weren sie so billich zu weinen, 
den die gewonheit zno einer bilUchen, vnd die billichen zuo einer 
erberkeit worden ist. 

A: loie weren sie billich ze loeinen, den ein gewonheit zu 
einer zimlicheit und solch zimlicheit zu einer erberkeit wor- 
den ist. 

Für die auf brauch und sitte sich beziehende Steigerung 
ist billiche nicht ganz die entsprechende mittelstufe. A hat 
darum das entsprechendere zimlicheit gesetzt, womit zugleich die 
wideraufnahme des kurz vorhergehenden billich vermieden ist. 

Wären diese und ähnliche Varianten der Münchner hs., 
welche sich als würkliche Verbesserungen herausstellen , nicht 
dieser selbst eigentümlich, und würden die ihnen gegenüber ge- 



DIE BRIEFBÜCHER SUSOS 405 

stellten handsclirifteu, welche von einander keineswegs unmittel- 
bar abhängig sind, nicht mit einander die gleiche von der Münchncir 
hs. variierende lesart bringen — , wir würden minderes gewicht 
auf das resultat unserer vergleichung legen, so aber sind uns 
diese Varianten ein beweis dass hier der ursprüngliche text mit 
bedacht verändert worden ist, und zwar in einer weise verändert 
wie es nur vom autor selbst geschehen konnte. 

Diesen beweisen für die Zusammenstellung des Münchner 
briefbuchs durch Susos band tritt nun aber noch als ein um- 
stand von besonderem gewichte eine stelle im briefbuch zur 
Seite, in welcher Suso selbst als der redactor desselben sich 
einführt, sie findet sich nur im Münchner briefbuch, und be- 
stätigt damit unzweifelhaft dass dieses auf grund der beiden brief- 
bücher durch Suso selbst hergestellt worden ist. 

Ich erinnere daran dass Suso einzelnen seiner briefe kurze 
historische notizen vorausschickte oder folgen liefs. ich habe 
auch oben schon darauf hingewiesen dass der 4 brief des neuen 
briefbuchs nach der Strafsburger hs. und dem drucke eine com- 
position aus drei ursprünglich verschiedenen briefen ist. weder 
in der einen noch in der andern der beiden ebenangeführten 
quellen ist der dritte brief von dem zweiten durch eine re- 
dactionelle bemerkung geschieden, und doch hat dieser dritte 
brief einen anderen seelenzustand zur Voraussetzung als der 
zweite, wenn nun allein in der Münchner hs. eine solche den 
zweiten vom dritten brief abgrenzende bemerkung Susos sich 
findet, so ist dies, da an eine zufällige auslassung in den älteren 
handschriften nicht zu denken ist, ein beweis dass in der Münchner 
hs. eine nochmalige redaction der beiden bereits veröffentlichten 
briefbücher durch Susos eigene band vorliegt, diese neue be- 
merkung Susos, durch welche der abschluss des zweiten briefes 
nachträglich bemerklich gemacht werden soll, lautet: diss alles 
schreib der diener dem angefochtenen menschen, dass er loürde 
von den bösen menschen gewarnet, die den menschen gern ver- 
weisten, ob sy den folg an im funden. 

Stellt sich uns so, wenn wir alle umstände zusammen- 
nehmen, das briefbuch der Münchner hs. als eine von Suso selbst 
hergestellte Zusammenlegung des alten und neuen briefbuchs 
heraus, so darf, was wir oben nur als hypothese zur erläuterung 
beizogen, hier als ein durch die übrigen bemerkungen gebotener 



406 DIE BRIEFRt CHER SUSOS 

schluss ausgesprochen werden dass Suso diese Zusammenlegung 
der beiden briefbücher zu einem einzigen werde vorgenommen 
haben, um dieses als vierten teil seinem Sammelwerke anzufiigen. 
Dass die aufschrifl des neuen brit Ibuehs Iricht auch die 14 
aus dem alten brielbuch herübergenommenen briefe mit unter 
ihre ankündigung nehmen konnte, ohne einer änderung zu be- 
dürfen, begreift sich leicht bei einem blick auf dieselbe, und 
ebenso hatte Suso nicht nötig, die worte aus der einleitung zum 
5 lirief des neuen briefbuchs: dies kleine ding zu ändern, denn 
mit dieser bezeichniing wäre auch eine noch umfassendere brief- 
sammlung, als es die des alten briefbuchs oder die der vier- 
teiligen Sammlung war, gedeckt gewesen, (s. o. die aumerkung 
s. 389). 

4. Die verschiedeuartigkeit der h andschriften. 

Ich habe schon oben auf eine verschiedenartigkeit der auf 
das Sammelwerk zurückgehenden handschriften hingewiesen, welche 
auf der gröfseren oder geringeren Vollständigkeit in der abschrift 
beruht, gründe hiefür gab es so mancherlei und zwar so nahe 
liegende dass wir darauf nicht weiter einzugeben brauchen. 

Nicht so einfach liegt die frage, wenn, wie wir erkannt 
haben, das briefbuch der Münchner hs. nicht das werk eines 
fremden compilators sondern Susos selbst ist, und neben ihm 
andere hss. bestehen, welche bei völliger Unabhängigkeit von 
einander dieselben briefe nicht haben, wie erklärt sich dies, 
wenn doch jede dieser hss. das Sammelwerk Susos in erster band 
zur vorläge hatte? 

Im zusammenhange damit steht eine andere frage, welche 
die verschiedeuartigkeit der Vita in den einzelnen hss. betrifft, 
wir finden nämlich, wenn wir die hss. der Vita vergleichen, 
dass dieselbe eine zweimalige redaction von Suso selbst erfahren 
hat und dass unter denjenigen hss., welche bisher besprochen 
worden sind, nur eine die Vita in derjenigen redaction besitzt, 
welche oiffenbar die der letzten band und die für die Sammlung 
bestimmte war. 

Dazu kommt dass cgm. 819, welcher das für die vierteilige 
Sammlung bestimmte brieflich widergibt, die Vita, soweit er die- 
selbe enthält, nicht nach jener letzten redaction Susos sondern 
nach der früheren gibt, wie ist dies möglich, wenn Susos original- 



DIE BRIEFBÜCÜER SUSOS 407 

exemplar des Sammelwerks überall nur die vier Schriften in ihrer 
letzten redaction gehabt haben kann? 

Ich will nun zuerst nachweisen dass die Vita eine mehr- 
malige redaction durch Suso selbst erfahren hat. 

In ihrem 6 capitel ist von dem oben schon besprochenen 
morgengebete nach cgm. 362 gesagt: daz er do schraih an dem 
nachgendeu hriefbüchlem. 

Dagegen nun liest die Strafsburger hs. (D), mit welcher 
cgm. 819, sowie cgm. 531, welcher einige capitel der Vita ent- 
hält, iibereinstinmien, an etlich ninwe brießuechlm. der druck 
sowie die Stuttg. hs. 281 schreihcn an etliche mynne büchlach. 
cgm. 4374 an etliche brieffbiichlach. 

Eine hinvveisung auf ein der Vita nachfolgendes briefbuch 
hat also nur cgm. 362. dass seine lesart die spätere sein müsse, 
liegt auf der band, von den übrigen aber wird die von D, 
welche etliche neue briefbüchlein schreibt, die ursprüngliche sein, 
da sich wol erklären lässt, wie die lesart niinne büchlach aus 
neue brießüchlach entstehen, nicht aber wie das umgekehrte 
der fall sein konnte, denn minne für ninwe zu lesen lag 
nahe, um so mehr, wenn Suso würklich ein minnebüchlein 
verfasst hatte. ^ dann aber muste das wort brief als eine in den 
äugen des abschreibers unberechtigte einschiebung fallen, ebenso 
erklärt sich die auslassung des wortes neuen in cgm. 4374 
leichter als umgekehrt der zusatz. 

Eine zweite nur cgm. 362 eigentümliche hinweisung auf 
das nachfolgende briefbuch und damit auf die Vita als bestandteil 
eines Sammelwerks findet sich in der gleichfalls schon besproch- 
nen stelle cap. 49: loie in dem neuen briefbüchlein, das hie zu 
hinterst auch steht, eigentlich ist geschrieben.^ bei den andern 
angeführten hss., sofern sie das bezeichnete capitel haben, fehlt 
dieser zusatz. ferner ist der Münchner hs. 362 eigentümlich 



' er hat in der tat ein solches verfasst. es findet sich in der oben 
erwähnten Zürcher hs., welche das alte hriefbuch enthüll, ich gedenke es 
gelegentlich mitznteilen , da es, wie Susos deutsche Schriften überhaupt, 
auch in sprachlicher hinsieht von werte ist. 

■-' Denifle bemerkt hiezu : 'es folgt jedoch in dieser hs. kein brief- 
büchlein.' was diese bemcrkung soll, ist eigentlich nicht recht verständlich, 
es folgt nicht, wie auch die beiden andern Schriften nicht folgen, der ab- 
schreiber hat eben nur die Vita aus dem Sammelwerke abschreiben wollen. 



408 DIE BRIEFBÜCIIER SUSOS 

«lass cap. 24 der Vita von zwei olVenbaningen, die nach den 
iibiigen hss. einer von Susos geistlichen tochtern zu teil ge- 
worden sind, die zweite ganz fehlt, und bei der ersten der Zu- 
satz: die hiefs Anna und war' ancli seine geistliche tochter. 

Nur cgm. 362 bringt ferner zu cap. 40 der Vita, in wel- 
chem von einem der schwersten leiden Susos, das ihm aus der 
Verleumdung eines weibes erwuchs, die rede ist, den zusatz von 
Susos band : auch der prälat über teutsches land entschuldigte ihn 
und sprach: er und der meister des ordens hätten da strenglich 
visitirt , wie man soll, und hätten da loider ihn nichts gefunden, 
denn dass ein böses weih etc. etc. 

Es ist unmüglich bei der beschaffenheit von cgm, 362, der 
zu den ältesten (ende des 14 jhs.) und besten für die Vita ge- 
hört, und bei der beschaffenheit dieser zusätze und weglassungen 
selbst, an eine Zufälligkeit hinsichtlich dieser Verschiedenheiten 
zu denken. 

Weisen diese beispiele auf eine mehrmalige redaction der 
Vita durch Suso hin , so bringen hiefür die Vita selbst und das 
Vorwort Susos zu seinem Sammelwerk auch die äufsere bestätigung. 
nach cap. 1 der Vita hat die Stagel mit ihrer selbst hand die 
erzählungen Susos über sein leben aufgeschrieben, und etwa viel 
guter lehre ist nach ihrem tode in ihrer person von ihm dazu 
gelegt loorden. 

Im Vorwort aber heifst es (Diepenbr. xi): Es ist auch zu 
wissen, dass die quaternen des ersten sinnreichen buches heimlich 
beschlossen lagen viele jähre wid des dieners todes warteten, weil 
er sich in rechter Wahrheit ungern damit bei seinem leben einem 
menschen öffnen wollte. 

Lange bevor also Suso den entschluss fasste, sein vierteiliges 
Sammelwerk herauszugeben, lagen zwei oder lag mindestens ein 
manuscript Susos von der Vita vor, ein ms., das erst nach seinem 
tode bekannt werden sollte. 

Als nun aber Suso um 1362 sich anschickte, mehrere seiner 
Schriften in ihrer echten ursprünglichen gestalt zusammenzustellen 
und hinauszugeben, da beschloss er mit diesen auch zugleich die 
Vita zu veröffentlichen, er gibt die gründe, welche ihn zur 
änderung seiner ersten absieht bewogen, an. um aber sicherer 
zu sein sich und andern gegenüber, sendete er einen teil der 
Vita zuerst an seinen provincialprior Bartholomäus von Bolsenheim. 



DIE BRlEFßÜCIIER SUSOS 409 

darum eikeckte er 7nü einer göttlichen kraft, nnd sonderte aus 
diesem hnch die allerhöchsten sinne — — und gab sie selbst 
des ersten zu überlesen einem hohen meister, der — — toar über 
teutsches land im predigerorden ein gewalliger imilat und hiefs 
meister Bartholomäus, dieser billigte das ihm zugesendete, dar- 
nach, da die gemeine lehre zu diesem gesetzt loard — und 
er ihm das gemeine auch wollte gezeigt haben, da zuckte der gütige 
gott diesen edlen meister von hinnen. Bartliolomäus starb , wie 
anderwärts sicher bezeugt ist, 1362. 

Suso hat also, wie wir aus dem mitgeteilten ersehen können, 
nicht das schon lauge zeit vollendete manuscript der Vita selbst 
an Bartholomäus geschickt, sondern er hat erst einen teil, dann 
das übrige für den zweck der Zusendung und dann der ver- 
öffentlich ujig abgeschrieben. 

Dieses ms. letzter band war das für die Sammlung bestimmte, 
erst in diesem also konnte Suso auf ein nachgehendes briefbuch 
verweisen; und el>enso wird sich erst aus dem umstände dass 
Suso bei seinen lebzeiten , also früher als es ursprünglich be- 
schlossen war, die Vita veröffentlichte, erklären, warum er nicht 
den namen jener Anna nennen wollte, die eine andere ist als die 
sonst in der Vita genannte, wie aus einem vergleiche der be- 
treffenden stellen hervorgeht, sie mochte etwa noch unter den 
lebenden sein, und Suso aus rücksicht für sie die öffentliche 
aufmerksamkeit nicht auf sie lenken wollen, auch der zusatz 
in der Verleumdungsgeschichte erklärt sich jetzt als ein nachtrag, 
den ihm die Untersuchung, welche, wie wahrscheinlich ist, erst 
nach dem abschluss jener ersten redaction der Vita stattfand, 
nun möglich machte. 

Erweist sich uns so die Vita in cgm. 362 als die redaction 
letzter band, die Vita aber, welche den übrigen hss. zu gründe 
liegt, als Susos exemplar aus früherer zeit, da er noch nicht 
daran dachte, diese mit den übrigen Schriften erscheinen zu 
lassen: so haben wir hier eine parallele zu jener frage in 
betreff des briefbuchs: wir haben von Suso eine redaction der 
Vita letzter band, welche für das Sammelwerk bestimmt war und 
von einzelnen abschreibern benützt, von andern aber nicht be- 
nützt worden ist, wie wir von Suso eine redaction des briefbuchs 
letzter band haben, bei welcher der gleiche fall vorkommt. 

Wie kommt es, wenn die durch die letzte band redigierten 
Z. F. D. A. neue folge Vlll. 27 



410 DIE BRIEFBÜCHER SUSOS 

Schriften zu einem bände vereinigt waren, dass nicht alle ab- 
schriften aus diesem originalexemplar stammen? ich hatte, um 
das fehlen der 14 briefe im drucke zu erklären, angenommen 
dass Fabri das original nicht mehr vollständig habe finden kön- 
nen, denn ich gieng von der Voraussetzung aus, die Hans Othmar 
zu haben scheint und die auch Diepenbrock teilt, dass Fabri, 
welcher die Susoschriften ordnete, in seinem kloster zu Ulm 
diese Schriften zusammengestellt und dass es das original gewesen, 
welches er in dem von Hans Othmar bezeichneten zustand ge- 
funden habe, nun stellt Denifle eine reihe von auslassungen und 
fehlem im drucke mit der Stuttgarter hs. 281, welche dieselben 
fehler hat und etwas älter als der druck ist, zusammen und 
fragt: 'soll dies nun zufall sein?' 'ja meinetwegen', fährt er fort, 
'wenn es sich blofs um einige stellen handeln würde.' er bringt 
nun aber mehr als 60 stellen, und 'konnte dieselben um mehr 
als das doppelte vermehren', i damit will er beweisen dass dem 
drucke überhaupt nicht Susos original könne zu gründe gelegen 
haben, sondern nur eine spätere, schlechte abschrift. der beweis 
wäre genügend, wenn es nicht von dem Susobuch hiefse: es 
sei ohne Ordnung hin und her zerstreut gewesen, in diesem 
falle aber führen Denifles citate vorläufig nicht weiter als zu der 
folgerung dass Fabri einen grofsen teil des Susobuchs wie nament- 
lich den schluss der Vita und das Buch der Wahrheit aus jener 
schlechten abschrift ergänzt habe, und das wird ja auch durch 
meine aufstellungen keineswegs ausgeschlossen, allein selbst 
wenn Denifles beweis sich über das ganze des drucks erstreckte, 
so würde er doch im vorliegenden falle ohne wert sein, denn 
die frage bliebe noch immer: wie kommt es dass der druck 
und die Strafsburger hs. das briefbuch nicht nach der letzten 
redaction Susos bringen? denn mit der behauptung dass das 
briefbuch der vierteiligen Sammlung eben kein anderes gewesen 
sei als das briefbuch des drucks, ist diese frage nun nicht 
mehr zu verdrängen, wenn anders die beobachtungen richtig 

* die stellen des drucks und der gleichartigen Stuttgarter hs. sind 
dem gleichartigen vollständigen und besseren text der Strafsburger und 
Einsiedler hs. gegenübergestellt, 'da sie (die beiden letztgenannten hss. 
nämlich) an den fraglichen stellen nicht wesentlich variieren, so gebe ich 
ihren text mit quanütätsbezeichnung' setzt Denifle seltsam begründend 
hinzu. 



DIE BRIEFBICHER SUSOS 411 

sind, zu welchen die Untersuchung des Münchner briefbuchs 
und seine vergleichung mit den andern briefbiichern und dieser 
unter einander geführt hat. und ebenso verhält es sich mit der 
Vita. 

Der lösung dieser frage wenigstens näher zu kommen dürfte 
nun aber doch die andere frage nach dem verbleib und den 
etwaigen Schicksalen von Susos originalmanuscript eiuigermafsen 
dienen, und ich will zum Schlüsse noch zeigen dass wir nicht 
Ursache haben, unsere aufmerksamkeit durch Deuifles einwen- 
dungen gegen diesen teil meiner Untersuchung davon ablenken 
zu lassen, die erste frage, welche ich stellte, war die nach dem 
orte, wo Suso die letzte redaction seiner Schriften vornahm, ich 
führte die stellen an, aus welchen hervorgeht dass dieser ort das 
dominikanerkloster zu Ulm gewesen sei. im zusammenhange 
damit stand die frage nach der zeit, aus der erwähnung des 
todes des Bartholomäus von Bolsenheim, dessen todesjahr bekannt 
ist, ergibt sich, dass Suso sich drei jähre vor seinem tode mit 
der letzten redaction seiner Schriften beschäftigt habe, diese 
beiden tatsachen sind so sicher bezeugt dass sie nicht zu be- 
streiten sind, ich machte auf grund derselben geltend dass Susos 
Originalexemplar des Sammelwerks sich im kloster zu Ulm be- 
funden habe, als er starb, dass es wenigstens dahin gehört habe 
nach den gesetzen des ordens, und dass es, selbst wenn es an 
auswärtige zur Vervielfältigung überlassen worden sei, dahin habe 
wider zurückgeliefert werden müssen, was wendet nun Denifle 
hiegegen ein ? die stelle, Avelche ich aus den acten der general- 
capitel ^ (v. j. 1257) hiefür geltend machte, rede 'nicht von jenen 
bücheru, welche ein bruder selbst verfasst hat, sondern nur von 
solchen, die er von der provinz, oder von irgend einem convenle 
oder irgend wo anders her erhalten hat.' aber wer gibt denn 
Denifle das recht, jene stelle: si quae autem aliunde habuit, sint 

' die stelle lautet nach der Frankfurter lis. (1-lsaec. sign. 1514), welche 
hier den text besser hat als Martene: Staluimus quod, mortuo fratre, de 
provincia libri quos de eoru7n provisione habuit seu pecunia ad provin- 
ciam pertmeant^ et tarn de libris quam de pecunia per diffinitores pro- 
vincialis capituli et priorem provincialem ordinetur. si autem libros vel 
pecuniam habuit a conventu , ipso moriuo et libri et pecunia ad con- 
ventum, unde ipse habuit, pertinebunt. si quae autem aliunde habuit, 
sint conventus illius, cui erat fraler morliius assignalus. 

27* 



412 DIE BIUEI BÜCHER SüSOS 

conventus illius, cni erat frater morluns assignatus so zu deuten, 
als seien durch dieselbe die von einem bruder seli)st verfasslen 
bücher ausgeschlossen? weder in den Sätzen vor- und nachher, 
noch in dem salze selbst hegt ein grund für diese seltsame 
auslegung. haheo heifst bekanntlich zunächst ich habe und nicht 
ich erhalte, die heiden ersten Sätze der auordnung verfügen 
über die bücher oder das geld, das ein verstorbener bruder von 
der provinz oder von einem convente inne gehabt hat, der dritte 
oben angeführte und mit einem autem den ersten beiden ent- 
gegengestellte satz si quae autem aliunde habuit will also alle die 
fälle in sich begreifen, welche in den beiden ersten Sätzen nicht 
genannt sind, und darunter gehört selbstverständlich auch der 
besitz, welchen ein bruder durch die eigene band sich verschafft 
hat. warum letzteres nicht auch durch das aliunde hahuit mit 
gemeint sein könne oder dürfe, muss für jeden, der habeo nicht 
sofort mit 'ich erhalte' übersetzt, ein rätsei bleiben. Denifle 
fordert dann, ich solle beweisen 'dass Suso sein manuscript in 
den letzten jähren seines lebens nicht irgend einem auswärtigen 
kloster zur Vervielfältigung geschenkt oder gegeben, oder dass 
er nicht anderweitig darüber verfügt habe, sondern dass es bei 
Susos tod in Ulm vorgefunden wurde.' ja wer tut mir den gefallen 
und verschafft mir eine stelle, in welcher Suso erklärt dass er 
sein manuscript nicht verschenkt habe, ich kann würklich nicht 
damit dienen, aber warum soll es denn das wahrscheinlichere 
sein dass Suso sein manuscript 'irgend einem auswärtigen kloster 
zur Vervielfältigung geschenkt habe"? ich denke, so lange ihm 
daran lag, dass sein werk verbreitet oder vielfach abgeschrieben 
werde, konnte er es nicht verschenken wollen, weil er damit 
andern ein verfügungsrecht über dasselbe eingeräumt hätte, das 
zur Unterdrückung desselben hätte führen köonen, oder weil 
ganz dasselbe hätte eintreten können , was Suso für den fall 
fürchtete dass die Vita erst nach seinem tode bekannt würde. 
denn es möchte tcohl also ergangen sein, sagt er im vorwort, dass 
es nach seinem tode den lauen und gnadlosen wäre ivorden (d. i. 
in die bände solcher gekommen wäre), die keine arbeit darum 
gehabt hätten (d. i. denen nichts daran gelegen gewesen wäre), 
dass es fürbass gott zu lob begierigen menschen gemeinsamet loürde. 
weil also Suso selbst sein verfügungsrecht zu gunsten der Ver- 
breitung ausüben wollte, darum liefs er sein manuscript nicht ver- 



DIE BRIEFBÜCHER SUSOS 413 

schlössen liegen, bis man es nach seinem tode fände und dann viel- 
leicht ganz unterdrückte — und gleichwol soll er dieses sein recht 
nun in anderer weise aus der hand gegeben und sein manuscript 
irgend einem auswärtigen kloster zur Vervielfältigung geschenkt 
haben, 'geschenkt oder gegeben' fährt mein wunderHcher gegner 
fort, wenn dieses nachhinkende 'gegeben' nicht eine nichts- 
sagende tautologie sein soll, dann kann es im unterschiede von 
dem vorausgegangenen worte doch nur so viel heifsen wollen 
als: geliehen, in diesem falle aber blieb ja Suso der eigen- 
tümer des manuscripts, und fiel dasselbe bei seinem tode dem 
kloster zu Ulm als eigentum zu. Denifle scheint selbst ein gefühl 
von der nichtigkeit seiner einwürfe gehabt zu haben, denn nach- 
sichtsvoll erlässt er mir wider, was er zuvor begehrt hat, indem 
er fortfährt: 'aber geben wir. zu, Seuses original sei würklich 
dem convente zu Ulm zugefallen, was ja auch möghch ist, war 
es nach 112 jähren noch dort?' antwort: ich weifs es nicht, 
aber die möglichkeit, dass es, wenn auch in defectem zustande, 
noch dort war, kann ja nicht bestritten werden. 

Ich lasse hier die bisher erörterte frage liegen, und wende 
mich zu jener schon oben erwähnten notiz, welche uns der 
drucker Hans Othmar über Felix Fabris arbeit an dem drucke 
von Susos Schriften gegeben hat. Hans Othmar von Augsburg 
druckte im jähre 1512, zehn jähre nach Fabris tode, die Schriften 
Susos von neuem, am Schlüsse des prologus sagt er: nun hat 
dises blick gar vü begriffen von dem gantz-en leben des andechtigen 
vatters Amandi vnd so das on ordnnng hyn vnnd her zerströwet 
gewesen ist, So hat der wirdig lessmaister, bruder Felix Fahri suo 
Vlm das mit vleifs zusammen gelesen vnd in Ordnung gesetzt in 
lateinischer sprach. 

Ich habe in meiner einleitung zu Susos briefen nachge- 
wiesen dass dem drucke von 1512 nur der druck von 14S2 zu 
gründe liege, und dass die notiz über Fabris arbeit sich nur auf 
den früheren druck beziehen könne, hören wir nun zunächst 
Denilles kritik zu dieser bemerkung Othmars: 'der schluss ist 
offenbar unrichtig' — worin das offenbar liegen soll, finde ich 
nicht; Denifle bleibt bei der blofsen behauptung stehen — , 'auch 
Preger hegt zweifei an der richtigkeit desselben' — ich hege 
gegen diese angäbe noch einigen zweifei: so sagte ich, und gab 
einen grund dafür an. aber weiter gieng ich nicht, und nun 



414 DIE BRlEFBtCHER SUSOS 

hin ich geneigt, auch diesen schluss noch für der weitereu beach- 
tuug wert zu halten, seit ich aus Murrs Verzeichnis der hand- 
schriften Nürnhergischer hihliotheken ersehen habe dass es eine 
lateinische bearbeitung der Vita aus dem 15 Jahrhundert gegeben 
bat — ; 'ich hege aber auch zweifei an der richtigkeit des vor- 
hergehenden, wenigstens gilt die notiz nicht von Seuses original, 
da Fabri, wie wir so eben bewiesen, dasselbe nicht vor sich ge- 
habt hat' — also könnte die notiz doch wenigstens von den 
handschriften gelten, welche Fabri benutzen wollte — : 'soll sie 
irgend einen sinn haben, dann kann dieser kein andrer seia, als 
dass in dem exemplare, das Fabri seiner ausgäbe zu gründe ge- 
legt, das eine oder andere bücblein, wie auch in A (Stuttg. hs. 
281) nicht geschrieben stand, und er es erst zusammen lesen 
niuste, wie dies sicher von dem Büchlein von den 9 felsen gilt.' 
welche deutung! sagt man denn von einer handschrift, welche 
statt vier Schriften nur zwei oder drei abgeschrieben enthält, 
diese sei ohne Ordnung hin und her zerstreut gewesen, wie 
Othmar das von Susos Schriften sagt? welcher Schreiber, wenn 
er auch noch so ungeschickt ist, würde sich in diesem falle so 
ausdrücken 1 nein, die stelle will, mag sie sich nun auf Susos 
Originalhandschrift oder auf eine oder mehrere abschriften der- 
selben beziehen, nichts anderes sagen als was ich sie in meiner 
einleitung habe sagen lassen: 'nicht aus verschiedenen klösteru 
hat Fabri die Schriften Susos zusammengesucht, sondern in der 
dominikanerbibliothek zu Ulm lag, was er suchte, zerstreut und 
durcheinander, denn w ie wollte man , wenn das erstere der 
fall gewesen wäre, in unserer stelle den zusatz on Ordnung er- 
klären?' wenn ich aus dieser Unordnung, in welcher die Suso- 
manuscripte zu Ulm sich befanden, den schluss zog dass jene 
14 briefe, welche in der Münchner hs. unmittelbar aufeinander 
folgen, durch die fahrlässigkeit der monche verloren gegangen 
seien, so lag dieser schluss doch so ferne nicht, und 'die tragische 
geschichte', von der Denifle spöttelnd redet, ist, denke ich, oft 
genug vorgekommen, und tausende von handschriften sind aus 
rand und band geraten, nachdem zuvor ihre herren das gleiche 
tragische Schicksal gehabt, wenn sich nun gleich die Verwahr- 
losung der dominikanerbibliothek in Ulm, wie sie uns die be- 
merkung Hans Othmars aufdeckt, nicht hiuweg lächeln lässt, so 
lässt sich doch daraus jene folgerung nicht mehr ziehen, welche 



DIE BRIEFBCCHER SUSOS 415 

ich früher daraus zog, da wir jetzt gesehen haben dass das brief- 
buch wie die Vita des drucks wenigstens nicht auf ein original 
zurückgehen, das diese Schriften nach ihrer letzten redaction ent- 
hielt, wol aber dürfte die angäbe Hans Othniars eine erklärung 
erlauben, welche vielleicht zur beantwortung der nun gestellten 
frage mit dienen könnte und nebenbei auch tröstlicher weise ge- 
stattet den Ulraer mönchen die last, welche ich ihnen aufgelegt, 
etwas leichter zu machen, es könnte ja sein dass der schlimme 
zustand der Susomanuscripte in Ulm nicht daher rührte dass die 
anfangs verbundenen Schriften wider in stücke zerfallen sind, 
sondern dass sie von anfang an nicht verbunden gewesen waren ; 
es könnte ja sein, meine ich, dass Suso behufs der rascheren 
Verbreitung und damit zugleich und an mehreren orten an seinem 
Sammelwerke geschrieben werden könne, die vier Schriften un- 
verbunden liefs und dass sie nach seinem nicht sehr lange nach 
der letzten redaction erfolgten tode in dieser Vereinzelung blieben, 
in seiner hinterlassenschaft fanden sich wol auch die ältere re- 
cension der Vita und die manuscripte des alten sowie des 
neuen briefbuchs, überhaupt die Schriften, deren er sich für die 
letzte redaction bediente, und so mögen auch diese von den 
Ulmer mönchen mit hinausgeliehen oder von den abschreibern 
in Ulm für das Sammelwerk benützt worden sein, denn dass 
man es trotz dem wünsche Susos bei den abschriften des Sammel- 
werks nicht immer allzu genau nahm, das zeigt der unterschied 
des briefbuchs der Slrafsburger handschrift von dem des drucks, 
sowie die kürzung, welche die Vita in cgm. 819 erfahren hat. 
München im September 1876. DR PREGER. 



416 ZWEI FRAGMENTE AUS DER WELTCIIRONIK 



ZWEI FRAGMENTE AUS DER WELTCHRONIK 
DES RUDOLF VON EMS. 

Nachfolgend gebe ich den text zweier bli. aus der Salzburger 
k. k. Studienbibliothek (siehe unten); dieselben bezeichne ich mit i 
und II, die Seiten Je mit a und b, und die spalte7i mit 1, 2, 3 
(zb. I a l). der text entspricht den folgenden hss. der Wiener 
k. k. hofbibliothek und dem Schützeschen drucke: A = hs. nr 2 7 68 
{ früher Theol, xxvi ol. 708 fol.) perg., 14 jh. vgl. Mafsmann 
Kaiserchronik 3, 180, 38. Vilmar Die zwei recensionen s. 57, 34. 
Iloffmann nr ccliv. — B = hs. nr 2782 (früher Hist. prof. 
71. ol. Ambr. 320 gr. fol.) perg., vom jähre 1439. vgl. Mafs- 
mann 3, 177, 29. Vilm. s. 58, 39. Hoff'mann nr xliv, 2. — 
C = hs. nr 3060 (früher Theol. ccxxii ol. 717 fol.) pap., 1426. 
vgl. Mafsmann 3, 176, 27. Vilm. s. 59, 41. Hoffmann nr xxvii. 

— D = hs. nr 12470. 1 (Suppl. 108) pap., geschrieben 1462. 

— E ^ hs. nr 13704. 1 (Suppl. 1429) pap., xv Jh. — F=hs. 
nr 2690. 1 (Rec. 2097J i)erg., xiv jh. vgl. Iloffmann nr xxx. 
Vilm. s. 41, 10. — S = Salzburger fragmente. — Seh = 
Schütze, Die historischen bücher des alten testamentes, Hamburg 
1779. 

I a 1 = A 6/. 162 Seite b spalte 2. B bl. 194' 2. C 
232^ D 157" 1. E 124 (153^ 2. — i a 2 = i 163^ 2. 
B 195" 1. C 233^ D 157'^ 1. ^ 124 (153)*^ 1. — i a 3 
= A 163" 1. B 195'' 1. C234". D 157" 2. £124 (153)" 
2. — I b 1 = i 163" 2. ß 195" 2. C 235". Z> 158= 2. 
£ 125 (154)^ 1. — I b 2 = i 164" 1. B 196" 2. C 235". 
D 158" 1. E 125 (154)" 1. — i b 3 == A 164" 2. ß 196" 

1. C 236". D 159" 1. £ 125 (154)" 2. 

ir a 1 = .1 181" 1. B 209" 2. D 175" 1. 5cÄ 78. — 
II a 2 = i 181" 1. B 210" 1. D 175" 1. Seh SO. — ii a 3 
= i 181" 2. 5 210" 1. D 175" 2. 5c/i 82. — ii b 1 
= A 181" 1. B 210" 2. Z> 176" 2. Z' 97" 1. 5cÄ 84. 

— II b 2 = i 182" 1. B 211" 2. D 176" 1. F 97" 2. 
^-c/j, 85. — n b 3 = A 182" 1. ß 211" 1. D 177" 1. F 97" 

2. 5c/i 87. 

i)(e abkürzungen habe ich im abdrucke aufgelöst. 



DES RUDOLF VON EMS 417 

I a 1 
In seia gepot al sunder wer 

ietloch macht er mit seim her 
Vnd mit der paider chinn schar 
ir helff do nicht czerstorngar 
5 Nu hart alz ich beweist pin 
ditz gesiecht von Beniamin 
Daz haust auch in Jerusalem da Judas 
D daz geskechtin nu wouent was 
Es mischt sich czu einander da 
10 daz geslfccht von Jebuseo waz noh da 
Die vil stark haidenschaft 

die mochten si doch mit ir craft 
Von den nicht vertreiben 

auch Hezzen si se(r) gern beleiben 
15 Vnder in mit geselschaft 

da von daz si in czinshaft 
Wurden daz got an si zürnt ser seit 

(Wan) : : : alz : : : verp : : : : seiner czeit 
Daz si pei in nicht sollen hau 
20 chainen haideo weder : eib noch man 

7 in zwei Zeilen geschrieben, weil eine grofse naht an dieser stelle 
ist; in steht schon auf der zweiten zeile 8 D irrtümlich heraus- 

gerückt, dann vom Schreiber bemerkt und verbessert 10 das erste e 

in geslfecht ist übergeschrieben, da steht über noh, als wäre es eine 
correclur 14 yriöglich dass es se oder seu heifst IS hier war 

das blatt am rande des deckeis wol timgebogen, es ist die ganze stelle 
stark verwischt 20 vor : eib fehlt ein Stückchen pergament 

2 Doch ABC mocht BDE möcht C seinem ABCDE 

3 chunn ADE chunne B chündscbar C 4 hilff E helKTar 
C da Z> nit D zersturn A zerstörn D zerczorn E 
dar E. hierauf folgt in A die rote Überschrift: Hie hört nu wie 
die Israhel von erst in irm | gehaizzen laut die gotez e. zer- 
brachen 1 Vnd wie si got dar vmb straft vnd si dar [ vmb in grozz 
sönd lie geuallen vnd si | Den haiden do macht vnder tan in 
irm aigen land. in G folgt: vnd auch betwungen da pey von 

I der palm stat in engad cham Jobas geslacht da. Moyses | weipp 
de chomen da cze helff Judas mit iren scharen Jobal | der selb 
waz gevaren vnd des heis in der wuchst phlag. | vnd lies vater 



418 ZWEI FRAGMENTE AUS DER WELTCHROiMK 

vnd mueter gar vnd belaib pey der Isra | heiischen schar vncz 
daz von seiner art geparen ein gross | geschlücht wardl de ser 
wüchsen vnd wanten da mit dem | geschlächt Renyamyn Jericho. 
in D folgt: Als vns dy bistori sait | Vnd dy geschrillt mit war- 
hait. darauf rot Wie das Israhelisch volk j über gottes pot zeprach 
vnd ) wie sy got darüb stralVt vnd | sy in der haiden handt gab 

5 fehlt C; N rot in ABD bort DE höret B hört A 
beweiset AE peweiset B pebeist D 6 Daz ABCE Das D 
geslacht DE geschlächt C von fehlt C Reniamyn D Benyamyn 
BC wemamyn E 7 hauset A haizt E Jerusalem ABE irlm D 

do AD Judaz E Gegem Jerusalem zoch Da Judas C 

8 gesiecht AB geslacht DE geschlächt C inn AE ynn B, 
fehlt DC nu fehlt C, es steht dafür aws wanet C waz 
C 9 sa AB Vnd mischten sich czw einander [da fehlt] C 
10 Daz AES Jebuseus daz gesiecht waz noch da B Jebuseus 
was auch noch da C Auch was Jebuseus geslacht noch da D 

gesiecht A geslacht E Jebuseus AE waz auch noch 
da A waz noch d& E 11 Dy DE De C. wie hier, verhält es 
sich meist 12 möchten C sy DE dy geschlächt C do 
D irr AB kraft D chraft AC (so meist) 13 dann 
ABD dannen E nit D treiben B 14 Vnd C Hessen 
BD ser] sew B se ACE sye D geren BE, fehlt C 
do beleiben C 15 geselleschaft B 16 in ab (dieses ge- 
strichen) D in waren C zinhaft B czinschaft C 17 W^urden. 
daz A Das got ser an se czürnt seyt C Wurden das an 
sy zürnt seit D ser zürnt seyt E zürnt ser seit A 
18 Wan Moises het in verpoten e. zeit A Wann got het in 
verpoten seit B Wan moyses verpot in pey seiner zeit (v'pot, 
sein' wie S) D Wann moysez het in verpoten zeyt E Nu für 
auch in der selbem czeit Effraym . . . . C 19 fehlt C pey 
DE nit D 20 fehlt C Rainen B web' weib D 

I a2 

cum 

do si zu im warn chomen 
An ein ander stat von in 

für er do sa vnd sinach im hin 
Daz si horten was er wolt 
5 in chunden vnd sa^en solt 



DES RUDOLF VON EMS 419 

Do verweist im sazestund 

got durch des engeis mund 
All die gult?et die er ie 

mit gutt;et an in begie 
10 Vnd waz in guts ie geschach 

der engel also czu in sprach 
Als die warhait sagt mir 

war vmb vnd durch waz habt ir 
Frewntschaft vnd sicherhait 
15 mit disen lantlewten aufgelait 
Nudurch was habt ir verlan 

ir solt si verderbt vnd ertott han 
Ir seiter sind in solcher phlicht 

daz Ir (die habt czerp)rochen nicht 
20 Ir habt nicht gehart die lermein 

davon wirt ew noch (chummer sch)ein 

cum steht in der mitte des hl. 7-ot in einiger enlfernimg von den 
verszeilen. es stand wol auf der gegenüberstehenden seile des vorigen 
bl.: Judi-, so dass wir die aufschrift Judicum (sc. über) haben 

1 Vnd do D zu im SJ) zu dem engel ABGE waren 
BC 2 ain D im C in hin B 3 Für A Für B da . 
vnd C sa . vnd J) se mit im C hin fehlt C 4 waz E 

6 verweizzt A verbeist C verwesst D in ABCD zu- 
czustund E sazestündt C 7 durich C dez E engelz A 
mündt C 8 gütat A gutat B guttat D guttat E 9 gütat 
A nsio. wie 8 10 swaz A was BC gütez A gutes C guttes 
D gutez E von Im geschach C 11 Der engel zu dem volkch 
sprach C alzo E 12 Alz AE worhayt E 13 durich 
C was BCD 15 disen lantlewten BCES disem lantvolk A 
disen haiden D 16. 17 Die ir ertött vnd verderbt solt han | 
nu durch waz habt ir lan A Die (Dy E) ir ertott vnd verderbt 
solt han | Nu durch was (waz E) habt ir Verlan BE De ir ver- 
dirbt solt habem | nu durich was habt irs verlan C. D wie S, 
nur 17 sy und ertött 18 elter A alter BE alt C älter D 
sind in fehlt ABCE, dafür gancz (gantz A) vnd in ABCE sol- 
cher A solicher BC solher E pflicht ADE 19 Das D 
nit D mit C darauf Vnd pett nu an die abgot ( Vnd weit 
niht halten mein gepot nur in A 20 nit D gehört A 



420 ZWEI FRAGMENTE AUS DER WELTCIIROMK 

gehört BE gehört D lere B Vn<l hört niclit da 1er mein C 
21 wiert C noch euch ß noch fehlt C euch C Daz 
wirt an ew noch wol schein Ä 

1 a 3 
nach des teufeis 1er 
Der si in sein gepot nam 

Wan si paten czwai aht got an 
Daz ain waz Baal vnd astarot 
5 als got verhengt vnd es gepot 
Daz si sich verworchten da mit 

si namen auch nach der haiden sit 
Weip von den haidennischen diet 

daz selb si auch von gots hulden schiet 
10 Die selben misstat was nu lait 
got in seiner gothait 
Doch wolt er sie vmb die geschieht 

völlikleich verderben nicht 
Es macht si aber czinshaft 
15 vnd vntertan der haydenschaft 
Die do gewaltikleich 

dienten einem kunig reich 
Der het grozze craft an im 

der chunig h : : : : saurasa : : : : 
20 Vnd trüg mit kraft do schan 
zw : : : lant k : : : : 

19 nach h ein loch, nach sa fehlt ein slück pergamenl 21 x,um 
gröfsei'e?i teile abgeschnitteyi 

1 dez tewfelz .4 2 gewann C Der sein pot nam B 
3 Wen D petten AE abgot ADE apgot B Da patn 
se czwai abgot an vnd wider sein huld ser C 4 Das CD 
ain] was C was DC (C hat was was statt ain was) waz] 
fehlt B waal BE astaroth CDE 5 alz E verhieng A 
es fehlt D ez E gepat C 6 Das i> Da C verbarichten 
mit C 7 auch der hayden sit C 8 der ABCDE haidnischen 
BD haydnischeu E 9 Das CD selb ABES, fehlt CD auch 
fehlt BC von] dauon C gotes B gotz CE gottes D huld 
D Schieden C 12 Doch C daz E 13 Völlikleich BDE 



DES RUDOLF VON EMS 421 

uit D Verderibem voUikleichen nicht C 14 Er ABCDE 
auer AE 16 Do dy E Do de C gewaltichleicheii C 

17 Dvenlen E chiinig A kvnichk C kunigreich B 

18 grozzew A grossew B grozz C grosse D au] pey C 

19 Er hiez C kunig BDE hiez ABDE Kusaurasataim AB 
Chusaurasataim E kusaurasatim D Chusramnasatam C 20 trug 
BCE trüg D schon ABCDE 21 Zwair AE Zwaier B Czwaier 
C Zwayr D lannt £ landes C chron ^IßCZ) krön E 

I b 1 
an der haidenscbaft er derstrait 
Alsolhen frid daz für war 

daz her belaib do vierzik iar 
In frid vberall in Israhel 
5 darnach starb der helt Ottoniel 
Do er mit menschleichen siten 
vierzig iar sig het erstriten 
Der Israhelischen chinuschaft 
alz im half die gots craft 
10 Was im haidnische(rj was die weil 
Simeon vnd Judas Richter (in) 
Israhel was vnd Ottoniel 
Alhie wil ich vnder sagen 

was kunig pei den selben tagen. 
15 in disen ziln vnd in d(en) iarn 

do die czwai geslsecht Richter warn 
Judas vnd Simeo(u) 

alz ich ew e gesagt han 
: : er die g : : : : : : sten mit craft 
20 : : : ward : : : : haydenschaft 

Alz ich die k : : nik : : : : (warhait) 

10 — 12 rot 19 vor ; : er fehlt ein slUckchen pergament, nach g : : 
ist ein loch in demselben 20 vor : : w fehlt ein Stückchen pergament, 
nach d : : ist dasselbe zerspnifigen und zerrissen 21 zur gröfseren 

hälfte abgeschnitten 

1 In C derstrait BS erstrait AD strait C dostrayt E 
2 Alsolhen .4 Alsoleichen B All solichen C das er D für 
A 3 Das D h'r C da C Daz belaib daz her do vier- 



422 ZWEI FRAGMENTE AUS DER WELTCIIRONIK 

czig Jar E 4 Mit ^ vberal A Israhell D f3 — 9 fehlen 
D 6 Der BC er fehlt BC het mit C menschleichem E 
maudleichen C 7 sig] frid ABE het frid A het fehlt E 
erstritten B Vierczzigiich Jarc Jar gancz vnd gar da selbs er- 
slriten C 8 Dem Israhelischem C chimnschaft A chunnschaft 
BE chuntschaft C 9 Als BC in A dez half A halff CE 

dew C gotez AC gotes B gotz E 10 — 12 Incidencia. 
hie hört nu. waz haidenischer | chnnig die Weil waz vnd waz 
si wunder | vnd landez habent gestift. die weil Judas | vnd 
Simeon vnd Ottouiel richter warn A rot Was nu haydnischer 
kunig was | Vnd was si landes habent gestil't | Die weil Simeon 
vnd Judas rieh | ter waren vnd Ottoniel B rot Was liaidnisch 
kunig dy | weil ist gewesen D rot Waz nu haidnischer kuug 
waz vnd | waz sy wunder vnd laut haben gestift | Dy weil Simeon 
Judas vnd Ottoniel richter | waren E rot 10 — 21 fehlt in 
C, es folgt gleich der do der herezog Odaniel herczog was Ir ] 
In israhel. da sagt dye ffabel alsus das sachus Dyonisius | war 
pey der czeit in Actyta des landes ein tayl in Juda rait | er an 
mit grozzem her vnd twang ez vil mit seiner wer | Erculus der 
weygant des landt was fenix genant, das im was usw. (siehe 
unten i b 2) 13 Hye D(E rot) wil will E ich ew D 

14 Waz ABE chünig A den tagen D 15 czilen B 
zilln D in disen iarn D iaren B 16 Da Z> gesiecht 
AB geslacht DE richtar E waren B 17 Symeon 
BE 18 Als Z> ee BD gesaget E gesait B 19 ff Wer 
do dy gewaltigsten mit krafft | Warn in der haidenschaft (21 fehlt) 
D Mit namen vnd mit vvarhait | Die di gewaltigen in der 
haidenschaft | Als ich die kronik mit warhait | (Von in han hörn 
gesait) B Paid mit namen vnd mit craft | Dye dy gewaltigsten 
in der haydenschaft | Warn alz ich dy Cronik mit worhayt | (Von 
in han hörn gesayt) E 19 ff fehlt in A, es folgt nach 18 Ze 
Achen trug die weil die chron icie auch dann in BDE 

I b 2 
Das im was dienstes vndertan 

auch was alz ich gelesen han 
Pei den zeiten Archas 

des selben vater Jupiter was 
5 Der twang die mer mit seiner craft 



DES RUDOLF VON EMS 423 

daz si im wurden cziushaft 
Archas stifTt Arcliadia daz laut 

daz nach im ward also genant 
Alz ich es gelesen han 
10 hie mit sull wir die maer nu lan 
Wie nu (Ahuet) Richter in Israhel was 
Do nu der hell ottoniel 

was Richter gewesenn in Israhel 
Vnd do der gestarbnach den iarn 
15 alz si von im gefreiet warn 
Do taten si aber wider got 

vil vbel vnd wider sein gepot 
Si petten an die abtgot 

dar vinb sterkt gols gepot 
20 Auf si Moabes kunig Eglan 

(vnd) Amalech (v)nd Amon 

11 rot 

I Daz AB, fehlt D Im D waz AE dienstez AE 
2 waz E als BCD 3 disen ABCE 4 Dez A Der E 
selben] fehlt C waz E 5 zwang D haut B 6 Das D 

im zinshaft wurden erkant B 7 stift auch AE archadya E 
das D Vnd stitTt auch Achadyam Das landt C 8 Das 
D im also wart ß alzo £ 9 Ah BD ez ABE 9—21 
lauten in C: nu sull | wir dye mär hie Ion vnd suUen mit den 
Israhel hebem an | do got de Israhelisch dyet von der grozzen 
not schiedt de sy mit | maniger arbayt Jar het an geleit der 
kvnikch chonfaura | satan das se angstleichem dienten Im vnd 
das se darnach | In vierczikch Jareu von got gefreyet waren vnd 
do Odoniel | was nu not tod (16, 17) do tetn se aber wider gotes 
gepot (18) vnd paten | an aber de abgot (19) Dar umb sterkcht 
gots gepot (20) auff sy Moa|bes kvnikch eglon (21) amalech vnd 
arnoD j 1 svill A wir auch B red ABE nach 1 in A : 
Vnd von Israhel aber sagen ( wie ez den gie nu in den tagen 

II Ayot B Ahyot DE waz E wart B ward D A hat: 
Ditz ist nu vo Ahyot wie der | nu richter in Israhel waz alles 
rot 13 Waz B gewesen BE 14 Vnd der AB starb D 

Jaren B 15 Als D Daz ABE gefreit D gefreyt B 
waren B worn C 16 teten A täten D aue E 17 vnd 



424 ZWEI FRAGMEME AUS DER WELTCHIlOMK 

fehlt E 18 petenl B \)nUn\ A Aplgot B abgot AD abgött E 
19 stcrkct A gotz E golez A goles B gottes Z> 20 
diimig i diuuig Z) Eglon ABC'DE 

1 1> 3 

das er gesenftcn mocht 
Di manigualligen arbait 

die daz Israbeliscb cbinn lait 
Den er cze richter was erchorn 
5 IUI hiez der helt hochgeporn 
Mit baimleicben Sachen 

ein spicziges swert machen 
Einer hend lank so wol snaid 

daz es chain waffen nich verniaid 
10 Nu gurt vmb sich der degen wert 

cze swerthalb daz selb swert 
Verporgen vnder sein gewant 

auch nani zu im der weigand 
Was er da haben wolt 
15 vnd das er Eglon priugen soll 
Erhub sich hin da er in vand 

vnd sprach zu im czehaut 
Her kunig ich soll künden dir 

gots (wort) ob du (wild) hörn von (mir) 
20 So sol ich dir es machen chunt 

auf st : : : : der (kunig sac) : : : : : 

6 — 8 si?id durch die große früher erwähnte naht beeinträchtigt 
15 in S steht p'ngen gatiz so wie in C 18 oberhalb kunig ist 
ein kleines loch im pergament, so dass n nur zum teile zu sehen ist 
19 mir fast ganz verschivunden 21 nach st : : fehlt das pergament, 

das übrige zur hälfte abgeschnitten 

1 Daz BE nioclit .4 macht C 2 manikualtig AC mauig- 
ualtig B aribail B 3 das CD, fehlt A Israhelischen C 

chunn BDE chünn A chiind C 4 Dem E zu AB 
Richtar C waz ABC erkoren B ercharen C 5 Im 5 De C 

helt] Degen C geporen B geparn C 6 heimlichen D 
handleichen C 7 Ain D spiczigs BDE spiczziges C 
swert im E molmachen C 8 Ainer D hant B handt C 



DES RUDOLF VON EMS 425 

nach lang] daz (das D Das C) ABCDE 9 Das CD es] ez 
E er B, fehlt C niht .1 nicht BE nit Z), /e/j?^ C 10 N rof 
iMS" Das C giirt ^ gürt Z> gürlt E darauf in C: Do 

vmb sich deden D 11 swertt halb i swerczhalb E 

weslerhalb B An de gerechten seytten das sweft C An 
sein seilten do das swert D 12 Vnd verparigen C 13 — 14 
Do nam der edel weygant zw | Im das er da wolt C 14 Waz 
ABE Ao A 15 daz ABE er] es C 16 Vnd C Er fehlt 
C hüb D do ADE 17 Vnd fehlt C Er (7 zehannt E 
Do er zu im cham er sprach zuband A Do er in vant 
er sprach zu haut B 18 Herr E, fehlt C kvnikch C chünig 
A schol C chünden A chunden CD chunnden E 19 Gotez 
A Gotes B Gottes CD Gocz E wart C ob duz (dw ez C 
du es D du ez E) hörn (hörn CD) wild von mir ACDE 
wild du ez boren von mir B 20 So /"eM^ AB Sol iß 
ez iJ5£ 21 aufl" CE stund jB/) stunt E stünt .4 sprang (r 
übergeschrieben) C chunik A kvnikch C darauf vnd gie sa 
. . E so C stunt AE stund BD stundt C 

IIa 1 

Das du ir trugd grozzer haz 
Sampson der elleuthaft man 

der red so ser czurn began 
Daz er vyl vnsit phlag 
5 er sprach für hewt disen tag 
Sol philistein geschaiden sein 

ymmer von der frewntschaft mein 
Seit mir ist vbel hier geschehen 

so sullen si sich von mir versehen 
10 Vbels peiden czeiten mein 

ich wil in veintschaft schuldig sein 
Wan das an mir begunnen ist 

ditz was in der zeit vnd frist 
So man sneiden sol daz chorn 
15 Sampson der uol geporn 
Dre hundert viuchs do geuie 

do er nu ditz begie 
Der ellenthaft weigant 
Z. F. D. A. neue folge VIII. 28 



426 ZWEI FRAGMENTE AUS DER WELTCHROMK 

iede wchs or an den zagfl pant 
20 Ein sdiaulj der vast pran 

1 möf^lic/i dass es grozzen heißen soll, es könnte das zeichen, das 
in S über e sieht, vielleicht so gemeint sein; e steht, soll vielleicht ö sein? 

1 Daz Sek ir c . yl tn'igd A trugst D drugcst Seh 
grossen (zz A) ABDSch lias Seh; darauf A: Vml» die sach daz 
dir Avaz lait ] daz si die redsal liet gesait 2 Samson A 
clenlhafTte Seh 3 Der red fehlt Seh do AB sere Seh 
zürn A zürnen D Izornen Seh 4 vnde vnsiedc Seh pflag 
AD plag Seh 5 vor luide 5c/* liewi von discm A desen 
dag Seh 6 Sal Seh Pliilislm A Pliilistcim B philisten Seh 

sin Seh 7 Ymer D, fehlt Seh friintscliafVte Seh 
myn Seh 8 Sint Seh gesclieen Seh 9 So fehlt D Sy 
sullen sich D si'illen A sollen Seh vor Seh fiir D 10 Vbels 
A by Seh Izyden Seh myn Seh 11 veintscliaft fehlt 
ASch vnsclnildig sin Seh 12 Wen des D Dez an mir A 
Wan iz Seh begonnen Seh 13 Difs Seh \Yaz ^ß in 
der zit vnd fehlt Seh vnd in der B anderselben Seh 
14 snydcn sal Seh körn Seh clioren B 15 Sampson der 

degen Seh wol ABDSeh 16 Drew i4ßZ) Druhundert ScÄ 
fuchs BD fuchs i fussclie Seh do] er S'cA 17 Vnde als er 
ieglichen lie 5c/i 18 elenlhaffle 5cä wygant 5c/< 19 Yeden 
D Jegleichm A Jgleichen B Den Seh fnchs ABD fusscheo Seh 

er an dem] an B an die Seh czagl ß 20 Einen (Ainen 

D) ABD Eyne Seh schaub der] fackel die do Seh vasst D 

faste Seh 

II a 2 

Judica 1 
Immer mer stet sein 

ich rieh an in anden mein 
Daz mir dicz also geschehen ist 
in disen Zeiten vnd in der frist 
5 Slug er ir vil mer dan vil 

er pracht si in churczem czil 
In solhe verebt grozz daz sie 

Von im geruten nie 
Wan mit vorchtleicher not 
10 alz die vorcht sein gepot 
Ze gen muslen si vorcht han 



DES RUDOLF VON EMS 427 

ein laut was genant Etham 
Dar ein zoch er sich zeliant 

vnd niuet daranz leut vnd (lant) 
15 Mit seiner menschleichen craft 

muet er so vil der l)aidenschaft 
Daz si mit vorcht entwichen im 

nu hesamten die haide philistim 
Älit grozzer craft vnd furn sa 
20 in daz lant Terra Juda 

* in der mitte de.'; öl. mit schwarzen bitchstaben so gesclirieben, als 
sei es für de?i ynater der roten iiherscliriflen bestimmt 

1 Gen Im ymer stät D Vmmerme stede ScIi staet B 
sin Seh 2 rechen Seh den anden (andern Seh) BDSch myn 
Seh 3 Vnd daz mir geschehen AB Vnde daz mir do geschehen 
Seh also fehlt ABDSch 4 tzyden Seh in] vnde Seh 

deser Seh 5 Slueg D Herslug Seh vil fehlt BDSch me 
danne Seh 6 brachte Seh . 7 Inne Seh solcher A solich B 
solch D soliche Seh vorcht AB foichte Seh grozz fehlt BD 
8 Vor ime getruweten nye Seh gerueten D gerüten A 9 Wen 
D Want Seh foichtlicher Seh 10 Als in die BDSeh vorcht] 
craft A foichte Seh sein fehlt BSeh do Seh 11 Zu fi Do 
gern Seh sie musten Seh foichte Seh 12 Eyne stat Seh 

Ethan ABD Echan Seh 13 in Seh sich fehlt Seh 
zu hant BSeh 14 Vnde Seh mut B miiat A wüste Seh 
daraus BD darufs Seh ire lüde Seh laut A vnde Seh 
15 sinre Seh menschlichen D mcnlichen Seh 16 Mut B 
Müat A Muhete Seh 17 Das D foichten Seh intwichen 
Seh 18 hesameten Seh sampten B haide fehlt DSch 

Philistin B 19 vnde Seh fiirn A fiirn D füren Seh 20 
das lant Judea D daz lant zu Juda Seh 21 (man sieht in 

S noeh reste eines d mid h nieht weit von einander) Vnd (-e 
Seh) herbergten (-burgeten Seh) nahen (-he Seh) da (fehlt Seh) 
pey (by Seh) ABDSch 

II a 3 
wie wir in disen dingen leben 
Daz wir also icht verderben 

daz hilf ich gern werben 
Sprach Sampson daz ew icht 
5 laidcs nu durch mich geschieht 

28* 



428 ZWEI FRAGMENTE AUS DER VVELTCIIROMK 

Welt ir mir newr swern daz ir 

nicht schadet andern lehen mir 
Also daz ir nicht tot mich 

noch verderbt so wilich 
10 Antwurten mich in euer hant 

sor antwnrt mich <lan czehanl 
Den haiden an den stunden 

an zwain starken sailn gepunden 
Die stark vnd nevv sein 
15 von starken pandeu henfein 
Vnd waz dan got well daz geschech 

so man mich ew in geben seh 
Ditz wil ich tun daz ir an lait 

von in beleibt vnd an arbait 
20 Dez rates ward ir hertz fro 

10 Antwurten iind ewer sind gekürzt: . . w\en und ewr steht in S 

11 auch hier ivider antwt in S 

2 So daz wir icht Sek 3 helffe Seh gerne Seh 

geren B 4 vnde (